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  • LUCIA KEIDEL: NATUR UND MENSCH

    Nein, mit den Kolleg:innen vom Damm hat die neue Ausstellung im Landesmuseum Kunst & Kultur nichts zu tun. Doch das Metier von Lucia Keidel ist eben jenes, um das sich auch das andere Landesmuseum kümmert: Natur und Mensch. Die im Januar mit dem Förderpreis der Kulturstiftung der Öffentlichen ausgezeichnete Künstlerin präsentiert filigrane und philosophische Arbeiten - die ihr euch bis zum 10. August 2025 unbedingt ansehen solltet. Feinsinnig und filigran: Die Werke von Lucia Keidel folgen den Formen der Natur, verwandeln sie aber in eigenständige Kunst. (Bild: Lucia Keidel) Es gibt Begegnungen mit der Kunst, an die erinnert man sich lange zurück. So war es auch im Oktober 2024, als die Oldenburger Kunstschule ihr 40-jähriges Jubiläum feierte und anlässlich dessen Arbeiten von Absolvent:innen im Oldenburger Schloss zeigte. In einer Nische der Ausstellungsfläche im Dachgeschoss begegnete man plötzlich einigen säuberlich portionierten Erdhäufchen. Hinter ihnen flackerten Bewegtbilder mit Aufnahmen von Wäldern, aber auch von Fabriken. Diese Kombination war auf eine dezente Weise spektakulär. Auch wenn in der Nähe Exponate von Genregrößen wie Michael Beutler standen, konnte man nicht anders, als eine Beziehung zu diesem Werk aufzubauen - zwischen Irritation, Faszination und Inspiration. Schließlich ist man Mensch - und blickt auf die Natur. Verantwortlich für diesen besonderen Moment war die in Oldenburg aufgewachsene Künstlerin Lucia Keidel . Die 32-Jährige wusste die Kunstschule als Sprungbrett zu nutzen. Sie studierte Kunst an verschiedenen Hochschulen in Amsterdam, Groningen und Maastricht. Immer stärker kristallisierte sich dabei ihr Fokus auf die Natur heraus. Und das in doppeltem Sinne: Als Gegenstand der künstlerischen Betrachtung - aber auch als Werkstoff und Kunstobjekt. Das Ergebnis: Man fühlt sich Lucias Kunstwerken als Mensch sehr nah, taucht in sie ein, begegnet der Natur visuell und emotional. Es entstehen wunderbare Momente der Bewusstwerdung. Und genau dazu haben wir jetzt ausführlich Gelegenheit - denn im Schloss ist Lucia nun mit einer Einzelausstellung zu sehen. LUCIA KEIDEL: WALDARBEITEN. WONDERING MITWELTEN SONDERAUSSTELLUNG ANLÄSSLICH DER VERLEIHUNG DES FÖRDERPREISES DER KULTURSTIFTUNG DER ÖFFENTLICHEN OLDENBURG 19 JUNI BIS 10. AUGUST 2025 DIENSTAG-SONNTAG 10-18 UHR LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR DACHGESCHOSS SCHLOSSPLATZ 26122 OLDENBURG Der Wald im Schloss Innehalten. Das war es, was als erstes passierte, nachdem wir die Ausstellung im Dachgeschoss des Schlosses betraten. Es ist ein gänzlich anderes Gefühl als etwa bei der World Press Photo Exhibition, die ebenfalls an diesem Ort stattfindet. Dort konkurrieren mitunter geradezu aufdringliche Motive um die Blicke der Gäste. Bei den „Waldarbeiten“ von Lucia Keidel verhält es sich anders. Sie sind nicht aufmerksamkeitsheischend. Im Gegenteil, sie wirken nur zurückhaltend auf die Betrachter:innen. Und dennoch entfalten sie sogleich einen eigentümlichen Reiz, den man genauer ergründen möchte - nachdem man zunächst innegehalten hat. Ungewohnte Perspektiven: Man betritt Lucias Ausstellung durch den Hintereingang. An der Wirkungskraft der Kunstwerke ändert das nichts. (Bild: Kulturschnack) Vielleicht hat diese kurze gedankliche Pause auch damit zu tun, dass die Räume im Dachgeschoss verdunkelt und sogar bei 31 Grad Außentemperatur angenehm kühl sind. Das erinnert... beinahe an einem Wald. Zwar gibt es im Schloss keine natürliche Verdunstung. Jedoch rücken uns die ausgestellten Kunstwerke ganz in die Nähe dieser Erfahrung. Dazu gehört übrigens auch die Akustik, denn überall scheint es zu flüstern, zu plätschern, zu rascheln und zu tropfen. Man wird gewissermaßen mit allen Sinnen eingesogen in diese andere Welt. Beim Gang durch die Ausstellung fällt schnell auf, dass sich Lucia Keidels Arbeiten grob in zwei Varianten aufteilen lassen: Zum einen in die gegenständlichen Skulpturen, die fast ausschließlich aus natürlichen Materialien bestehen, und zudem an Formen und Farben von realen Vorbildern erinnern. Ihnen gelingt es, die Natur zwar bis zu einem gewissen Grad nachzuahmen, dabei jedoch eine ganz neue Wirkung zu erzielen. Mensch und Natur: Lucia Keidel hat ihre Thema gefunden. (Bild: Lucia Keidel) Verantwortung für die Mitwelt Die künstlerische Annäherung führt uns größere Kontexte vor Augen, provoziert neue Wahrnehmungen und damit auch Fragen. Dieser Eindruck ist keineswegs ein Zufall, denn Lucias künstlerisches Kernthema ist die Natur, wie sie uns im Gespräch verrät: „In der Natur fühle ich ein ganz starkes Gefühl der Verbundenheit, ein Teil von ihr zu sein. Daher spreche ich auch lieber von 'Mitwelt' statt Umwelt.“ Künstler*innen hätten eine Verantwortung für diese Mitwelt, betont die gebürtige Bremerin. Daher nutze sie selbst von wenigen Ausnahmen abgesehen nur Naturmaterialien, vorwiegend Lehm, Holz, Fruchthülsen, Zapfen und Rinden. „Lehm zum Beispiel ist ein Jahrtausende altes Material, ein unendlich wiederverwertbarer Baustoff, an Nachhaltigkeit also nicht zu überbieten“, schwärmt Lucia. Zudem liebe sie seine Geschmeidigkeit und Formbarkeit. Doch auch die weiteren Elemente bieten ungeahnten Vorteile: „Hülsen, Zapfen und Rinden faszinieren mich wegen ihrer Haptik, ihrer Vielfalt und der Fülle ihres Vorhandenseins. Zudem hat das Sammeln dieser Materialien im Wald etwas sehr Meditatives“, gewährt uns die Künstlerin einen Einblick in ihre Arbeit und ergänzt: „Mosaikartig angeordnet erzeugen die natürlichen Materialien neue Bilder, Formen und Assoziationen und wecken so den Blick für die Einzigartigkeit der Natur, die wir der Zerstörung preisgeben, statt alles daran zu setzen, sie zu erhalten. Wenn meine Werke ein wenig den Blick dafür öffnen, habe ich schon viel erreicht.“ Appetizer: Zum Jubiläum der Oldenburger Kunstschule wurde von Lucia Keidel „Soilastaigia“ gezeigt. In den „Waldarbeiten“ gibt es das Werk noch einmal zu sehen - endlich aber noch viel mehr. (Bild: Kulturschnack) Tatsächlich erzeugen die kleinen Artefakte, die hier in geradezu ergossenen Landschaften zu kunstvollen Mosaiken zusammengesetzt sind, ganz neue Wirkungen. Es ist paradox, aber gerade ihre Entnahme aus der Natur bewirkt, dass man sich ihrer noch stärker bewusst wird. Hier, in der beinahe sakralen Ruhe des Dachgeschosses im Oldenburger Schloss, erkennt man die Schönheit des Alltäglichen, Übersehenen, Unbeachteten. Ein konkretes Ziel verfolgt Lucia Keidel mit ihrer Kunst allerdings nicht, wie sie verrät. Vielmehr möchte sie für die Schönheit, Einzigartigkeit und die Verletzlichkeit der Natur sensibilisieren - was ihr mit der Ausstellung „Waldarbeiten“ zweifellos gelingt. Digitale Natur-Erfahrung Aufmerksame Leser:innen haben nicht vergessen, dass gerade von zwei Varianten die Rede war, in die sich Lucias Kunst einteilen lässt. Neben den mal filigranen, mal raumgreifenden Skulpturen stehen zum Teil großformatige audiovisuelle Installationen, die sich trotz ihrer Dimensionen gut in die Ausstellung integrieren. An dieser Stelle gelingt sogar ein weiteres bemerkenswertes Paradoxon: Obwohl die Sequenzen mittels etlicher Beamer in die Ausstellung eingespielt werden, machen sie die Natur-Erfahrung noch intensiver. Denn sie sind nicht etwa ein Gimmick, der die Kunst einmal durch eine Zeitgeistmaschine dreht. Nein, Lucia versteht es, ihre Botschaften mit diesen Elementen zu akzentuieren und die Ausstellung damit zu bereichern. Bewegend: In der Performance „Step One“ könnte man eine Evolutionsgeschichte erkennen, den Besuch einer fremden Spezies auf der Erde oder eine kritische Betrachtung der Menschheit. (Video: Lucia Keidel) Ob es nun sphärische Eindrücke sind oder aufwändige Filmsequenzen wie „ Step One “: Die Videoformate vertiefen die Eindrücke, die zunächst durch die Skulpturen erweckt wurden. Für Lucia gehören beides sowieso eng zusammen: „Das Verständnis für den Klimawandel ist schwer zu erfahren in einer digitalen Ära, in der viele Umgebungen nicht mehr durch physische Präsenz definiert werden und fast alles online erfasst und über Bildschirme wahrgenommen wird“, ordnet die Künstlerin ein. Dieser Wandel beeinflusse auch die Interaktion mit der Mitwelt. „Ich glaube, dass wir der sensorischen Wahrnehmung und ihrer Bedeutung zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Doch genau sie spielt eine entscheidende Rolle darin, wie wir uns selbst und die Erde wahrnehmen – und schließlich, wie wir uns um sie kümmern.“ Deshalb sucht Lucia nach verschiedenen Wegen, ihr Anliegen zu transportieren. Ihre Videoarbeiten seien daher tatsächlich häufig eher eine Erweiterung des physischen Werkes, die zwar die digitalen Sehgewohnheiten aufgreifen, den Blick jedoch zurück in die Natur lenken. Die Förderpreisträgerin trickst uns also gewissermaßen aus, indem sie unseren intuitiven (oder antrainierten?) Blick auf alles, was flackert, strahlt und sich bewegt, in die analoge Welt zurückführt. Ein kluger Mechanismus - der darüber hinaus aber überaus sehenswert ist. Digital trifft analog: Lucia Keidel gelingt es, diese beiden Welten nicht nur miteinander zu vereinen, sie bereichern sich gegenseitig. (Bild: Kulturschnack) Fragile Ökosysteme, fragile Kunst Apropos Förderpreis: Für Lucia Keidel schloss sich mit der Auszeichnung im Januar 2025 ein Kreis. „Ich verfolge den Preis der Kulturstiftung der Öffentlichen Versicherung schon seit meiner Jugend und ich hatte immer das Ziel mich auch einmal zu bewerben“, erzählt sie. Eine Auszeichnung habe sie nie erwartet, insgeheim aber vielleicht erhofft. Entsprechend groß war die Freude: „Ich war sehr überrascht, auch weil der Anruf so früh Anfang des Jahres kam. Ich habe mich sehr über diese Chance und auch Wertschätzung meiner Arbeit gefreut.“ Was diese Wertschätzung betrifft, bezieht sich die Jury klar auf die Themen, die Lucia in unserem Gespräch als ihre Schwerpunkte genannt hat. In der Begründung heißt es: „Lucia Keidel konzentriert sich auf die intersensorischen Beziehungen ökologischer Materialien sowie auf ihre transformative Kraft in der digitalen und physischen Welt. Sie lenkt somit die Aufmerksamkeit der Betrachter auf die Schönheit und Fragilität unserer Ökosysteme, um die Art und Weise, wie wir mit unserem Planeten umgehen, zu verändern.“ Großformat: Lucias Skulpturen können raumgreifend sein und im Kontrast mit der artifiziellen Umgebung starke Effekte erzielen - wie hier im Dachgeschoss des Oldenburger Schlosses. (Bild: Kulturschnack) Wer in diesen Wochen Lucia Keidels Einzelausstellung „Waldarbeiten“ im Oldenburger Schloss besucht, wird genau diesen Effekt spüren: Dass der persönliche Blick beinahe unweigerlich auf die Schönheit und Fragilität der Ökosysteme fällt und man dadurch auch seine Position dazu überdenkt. Lucia beschreibt den Effekt so: „Die Arbeiten sind aus dem Wald heraus entstanden. Die Haut des Waldes, verletzt, zerbrochen und wieder zusammengesetzt. Dafür nehme ich die Betrachter:innen mit auf eine Reise durch die verschiedenen Räume der Ausstellung, um genau hinzuspüren, was die Erde uns sagt. Denn die Beziehung zur Haut der Erde, zu unserer Mitwelt formen wir mit.“ Für uns Besucher:innen entsteht dadurch eine mehrfach positive Erfahrung, denn alle Ebenen der Ausstellung funktionieren hervorragend: Die Skulpturen sind in ihrer filigranen Ästhetik absolut sehenswert, die Filmsequenzen sind in jedem Einzelfall viel mehr als nur Beiwerk, sondern visuell eindrucksvolle Kunstwerke. Am wichtigsten ist aber vielleicht die Reflektion. Wir wagen jedenfalls die Behauptung, dass niemand von der Ausstellung unberührt bleibt - und das kann in diesem Fall nur gut für uns sein. Es gibt Begegnungen mit der Kunst, an die erinnert man sich lange zurück. Und wenn der kleine Einblick in Lucia Keidels Arbeiten im Oktober 2024 bereits eine war, dann gilt dies für die „Waldarbeiten“ erst Recht. Unser Tipp: Nehmt euch Zeit, schaut euch die Ausstellung in aller Ruhe an, genießt eure persönliche Begegnungen von Natur und Mensch - und wer weiß, vielleicht beginnt auch ihr mit einem Innehalten.

  • KOLUMNE: ERHOLUNG IST TRAINING

    Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Intensive Theatermomente: Um Szenen wie diese aus „Mascha K.“ vollauf genießen zu können, sollten wir unseren Synapsen zwischendurch auch Pausen gönnen.. (Bild: Pedro Rosario Nunes) Es ist Ewigkeiten her, aber ich bin früher mal ein paar Marathons gelaufen. Nicht schnell, nicht erfolgreich, aber immerhin bis ins Ziel. Spannend waren dabei nicht nur die Läufe selbst, sondern auch das Training. Es war das erste Mal, dass ich Sport nach Plan gemacht habe, also mit Sinn und Verstand. Das hat nicht nur überraschend viel Spaß gemacht, sondern erzeugte Lerneffekte, von denen ich auch heute noch profitiere. Zwar liegen die 42,195 Kilometer inzwischen außerhalb meiner Reichweite, aber die Belastungssteuerung lässt sich durchaus auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Sogar auf die Kultur!     Dosierung statt Dauerbelastung   Wie bitte, fragen Sie jetzt. Im Gegensatz zum Ausdauersport kann man Kultur doch unaufhörlich genießen, ohne an konditionelle Grenzen zu stoßen! Und ich würde Ihnen auch zustimmen – hätte ich nicht schon einige andere Erfahrungen gemacht. Tatsächlich stellt sich auch bei mir ein Übersättigungsgefühl erst sehr spät ein. Aber es geht gar nicht um eine mentale Erschöpfung, die weiteren Konsum unmöglich macht. Es geht um die mentale Lockerheit – oder um die Haltung, mit der man der Kultur begegnet. Da gibt es durchaus Abnutzungs-Erscheinungen, weil die kognitiven Aufnahmekapazitäten einfach begrenzt sind.   Lässt die Kulturkondition - meist zum Sommer hin - langsam nach, tut eine Sache besonders gut: Eine kurze Pause, in der unser Kopf einfach mal nicht stimuliert wird, in der sich Rezeptoren und Synapsen erholen können. Eine Lehre aus besagtem Marathontraining lautete nämlich: Erholung gehört zum Training. Manche Läufer:innen bekamen nämlich sofort schlechtes Gewisses, sobald sie einen Tag nicht trainierten. Doch die Dauerbelastung half nicht, sie schadete sogar. Die Pausen waren essenziell, damit das Training einen positiven Effekt haben konnte. Start in die neue Theatersaison: Die Spielzeit beginnt! (Bild: Staatstheater) Und manchmal denke ich: Dieses Prinzip lässt sich 1:1 auf beinahe alle Lebensbereiche übertragen. Ich stelle jedenfalls fest, dass sich zum Sommer hin der Kulturbedarf ändert. Die Saison in den Theatersälen ist gewissermaßen „durchgespielt“, Kopf und Körper wollen hinaus ins Freie. Ob Festival oder Lesung: Leichtigkeit ist Trumpf.     Die impulsive Neugier   In der Sommerpause hat man zudem endlich die Zeit, all die orts- und zeitunabhängige Kultur genauer unter die Lupe zu nehmen. Sprich: Das gute Buch, die coole Platte, den klugen Podcast. Auch was das angeht, hat Oldenburg einiges zu bieten. Im Sommer haben wir aber zusätzlich die Chance, kulturell mal „fremdzugehen“ und dem Rest der Welt etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Vielleicht ja sogar ganz persönlich – etwa, wenn man am Urlaubsort um die Ecke biegt, unversehens in ein Nachbarschaftskonzert stolpert und direkt eintaucht, weil man schlicht die Muße dazu hat.   Einen Nebeneffekt hat all das – und der ist nicht zu unterschätzen. Der Erholungseffekt sorgt dafür, dass wir allmählich wieder eine Lust auf Neues in uns spüren. Sie wächst langsam, wird aber immer stärker, bis sie irgendwann einem regelrechten Hunger gleicht. Ihre Programme für die neue Spielzeit haben uns die Kultureinrichtungen in den letzten Wochen schon vorgestellt, Jetzt bekommen wir endlich die Gelegenheit, sie zu sehen und zu erleben. Ich liebe dieses Gefühl der impulsiven Neugier! Und ich habe Zweifel, dass es sich in dieser Form einstellen würde, wenn wir uns kulturell dauerbeschallen würden. Nein, die Mischung aus Hochbetrieb und Ruhephasen ist genau richtig - auch wenn wir jeder Pause zunächst mit Wehmut entgegensehen.     Entlastende Erkenntnis   Ich denke gerne an das Marathontraining zurück. All die Kilometer um den Woldsee, durchs Eversten Holz oder auf der Laufbahn in Wechloy waren nicht nur für die Leistung, sondern auch für Leben wertvoll. Denn seither weiß ich: Erholung gehört zum Training. Diese Erkenntnis ist mental ungeheuer entlastend – auch in der Kultur. Zwar ist der Sommer keineswegs mehr so ruhig wie er früher einmal war. Kultursommer, Einfach Kultur, Picknickkonzerte und Sommerkino lassen grüßen. Aber dennoch ist das Angebot insgesamt ausgedünnt und erlaubt uns, das neuronale Netzwerk einfach mal etwas ruhiger laufen zu lassen.   Diese Erholung können wir gut gebrauchen. Schließlich gleicht das nun startende Kulturjahr ebenfalls einem Marathon. Man braucht eine gewisse Ausdauer, um all die Höhepunkte der neuen Spielzeit genießen zu können – und dabei profitiert man von den Grundlagen, die man im Sommer gelegt hat. Nach vier Wochen Auszeit im iberischen Outback darf ich persönlich sagen: Ich bin gut erholt, gewissermaßen also top trainiert. Den Kulturmarathon 25/26 traue ich mir zu. Und Sie?

  • RAN ANS MACHWERK

    Wer zum ersten Mal ein Kulturprojekt organisiert, stellt sich unzählige Fragen: Ist meine Idee umsetzbar? Wenn ja, an welchem Ort? Will das jemand sehen? Macht jemand mit? Und gibt es vielleicht Fördergelder? Zumindest letzteres ist seit 2018 geklärt - dank MACH|WERK, Oldenburgs Fonds für innovative Kulturprojekte. Urban Art: Zum Charakter einer Großstadt gehören Kunst- und Kulturprojekte. Der Mach|Werk-Fonds fördert innovative Ideen und Initiativen in diesem Bereich. (Bild: Kulturschnack) Nein, die Genese lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Fest steht jedoch, dass es vor sechs Jahren genügend Menschen in Oldenburg gab, die einen Bedarf gespürt haben und die ein Potenzial gesehen haben. Einen Bedarf an Unterstützung für jungen Künstler:innen und Kulturschaffende - und all jene, die sich noch gar nicht als solche begreifen, aber Lust haben, ein spannendes Projekt umzusetzen. Und ein Potenzial für junge Menschen, für die Kulturszene und deren Zukunftsfähigkeit sowie für die Stadt - denn alle profitieren davon, wenn junge, neuartige, aufregende Kunst in Oldenburg passiert. Im Folgejahr wurde MACH|WERK dann erstmals ausgeschrieben, auch wenn der Fonds diesen Namen damals noch nicht trug. Seither stehen pro Jahr mindestes 40.000,- Euro für innovative Kulturprojekte zur Verfügung. Bei den bisherigen sechs Förderrunden kamen insgesamt 54 Projekte zum Zuge, die mit 380.000,- Euro unterstützt wurden, der Schnitt lag also bei etwa 7.000,- Euro. Die jeweilige Zahl der Anträge und die beantragten Summen lagen nochmals deutlich höher. Kein Zweifel: MACH|WERK ist ein Erfolgsmodell. MACH|WERK 25 OLDENBURGS FONDS FÜR INNOVATIVE KULTURPROJEKTE 8. AUSSCHREIBUNG BEWERBUNGSFRIST: 15. JUNI BIS 31. JULI 2025 EINREICHUNGEN: ONLINE Unbekannt, unverbraucht, ungewohnt Manchmal reichen einige Sätze, um den Spirit einer Idee klar zu um umreißen und für jeden schnell verständlich zu machen. Beim MACH|WERK -Fonds ist das ziemlich gut gelungen - nachzulesen auf den Plakaten, die in den kommenden Wochen in der Stadt hängen werden: „Die Stadt ist dein Terrain, Probieren ist deine Methode, Neugier ist dein Antrieb? Perfekt! Denn MACH|WERK geht in die fünfte Runde. In diesem Jahr stehen 50.000 Euro für Unbekanntes, Unverbrauchtes, Ungewohntes zur Verfügung. Klingt gut für dich? Dann her mit deiner Projektidee!“ So steht es dort und so wir es auch verstanden. Eins ist sofort klar: Hier braucht es nicht zwangsläufig centgenaue Kalkulationen und elaborierte Antragsprosa. Hier geht es um gute Ideen! Der Gedanke muss greifbar sein, er sollte begeistern, mitreißen und spürbar machen, warum Oldenburg genau dieses Projekt braucht. Je plastischer und spannender die Geschichte hinter dem Projekt erzählt ist, desto besser. Am Ende steht aber immer die Idee selbst. Ihrer Einzigartigkeit, Besonderheit, ihre Strahlkraft. Und so kam es in der Vergangenheit schon dazu, dass eilig gemailte Projektskizzen erfolgreich waren, penibelst durchkalkulierte Anträge aber nicht. Wer im letzten Jahr erfolgreich war, lest ihr übrigens hier ! Ahnengalerie: Obwohl der Kulturschnack die ersten vier MACH|WERK-Jahre verpasste, gibt es reichlich Beträge, die mit dem Innovationsfonds zu tun haben. (Screenshots: Kulturschnack) Was ist innovativ? Um es in Anlehnung an Andy Warhol zu sagen: Innovativ ist alles, solange man damit durchkommt. In der Tat war der Innovationsgrad der Anträge in den letzten Jahren sehr unterschiedlich. Von einzigartigen Premieren bis zum x-beliebigen Projekt war alles dabei. Man erhöht seine Chancen aber signifikant, wenn man sich bemüht, neue Ansätze zu finden. Das kann einerseits die Idee selbst betreffen, die idealerweise noch nie zuvor jemand hatte. So etwas ist aber selten. Infrage kommen deshalb auch veränderte Blickwinkel, ungewöhnliche Orte und Settings, neue visuelle Ansätze oder Variationen von Bekanntem wie Konzerten, Theaterstücken, Performances und so weiter. Wichtig ist, dass die Projekte nicht einfach nur "ein weiteres" sind, das sich in den Veranstaltungskalender einreiht, sondern dass es herausragt. ​ LIFEHACK Kleiner Tipp am Rande: Man muss das Rad nicht zwangsläufig neu erfinden. Gut abgeguckt ist halb selbst ausgedacht. Wer also beim Backpacken durch Turkmenistan oder beim Wochenendausflug nach Castrop-Rauxel eine geniale Projektidee sieht, kann sie auch nach Oldenburg importieren und auf unsere Stadt adaptieren. Venture Capital für junge Kultur Einige erfolgreiche und etablierte Akteure bzw. Formate haben ihr erste Anschubfinanzierung einst über MACH|WERK erhalten. Das intime filmische Stadtportrait "Wer ist Oldenburg?" des Vasudeva Vereins wurde u.a. durch die bisher höchste Förderung des Fonds ermöglicht. Das Hidden Art Project konnte seine erste Ausstellung im ehemaligen HEMA nur dank einer Innovations-Förderung umsetzen, ebenso die Open Air Ausstellung "Kunst statt Kommerz" im Jahr darauf. Die außerordentlich beliebte Stadtrundfahrt-Variation " Kulturelli " ist ebenfalls ein MACH|WERK. Beim MEMUR Urban Arts Festival und dem Metropoly Klubfestival hatte der Innovationsfonds ebenfalls die Hände im Spiel. Und das sind nur einige Beispiele für die mittlerweile 54 Projekte. Zeitgeschichte: Hier gibt es einen schönen Beitrag von Oeins zum ersten Format des Hidden Art Projects im Jahr 2020 - powered by MACH|WERK. Aber was ist das nun? Spielgeld für Spaßvögel? Oder Seed Money für Kultur-Startups? Die Antwort ist klar: Letzteres. So ist es zumindest gedacht. Dass manchmal auch ersteres zu letzterem führt, ist dabei berücksichtigt. Sinn und Zweck soll aber sein, dass junge Menschen die Kultur dauerhaft als ihr Aktionsfeld entdecken. Dass sie spüren, dass Support von Seiten der Stadt kommt. Und dass sie ermutigt werden, nach dem ersten Projekt auch ein zweites und drittes zu machen. Fragen? Antworten! Nicht nur, was die Realisierung des eigenen Projekts angeht, wird man - wie oben beschrieben - viele Fragen haben. Auch ein Antrag auf Fördermittel kann die eine oder andere Stirn in Falten werfen. Deshalb gibt es hier Antworten auf WAS WIRD ÜBERHAUPT GEFÖRDERT? Ziel von MACH|WERK ist es, Oldenburg durch junge, neue Kulturprojekte zu bereichern. Welche Sparte, welches Genre, welches Format – das ist bewusst nicht definiert, zumal die Grenzen sowieso verschwimmen (sollen). Unterstützt wurden bisher Filme, Konzerte, Digitalkunst, Theater, Performances, Ausstellungen und mobile Installationen – jeweils mit dem Twist des Neuartigen oder Unbekannten. Wichtig ist aber, dass die Öffentlichkeit am Ergebnis teilhaben kann – und dass es dem Publikum eine emotionale, ästhetische, atmosphärische und/oder inspirierende Erfahrung bietet. WIE MUSS DER PROJEKTANTRAG AUSSEHEN? Das Kulturbüro hat im Jahr 2022 ein digitales Antragsverfahren eingeführt. Anträge sind nur noch dort möglich, d.h. es git weder Formvorschriften noch Gestaltungsmöglichkeiten. Bitte nutzt diesen Link - und denkt dabei an zwei Dinge: Erstens - die Deadline ist am 31. Juli 2025. Und zweitens - nennt beim Titel unbedingt das Stichwort Mach|Werk! WIE UMFANGREICH MUSS DER ANTRAG SEIN? Keine Sorge: Niemand muss einen Roman zu schreiben oder mit ausgefeilter Antragslyrik glänzen. Bring dein Projekt einfach kurz und knackig auf den Punkt. Was ist das Besondere, was ist das Neue, warum fehlt es in Oldenburg? Reiß die Leser:innen einfach mit! Ob das in drei Zeilen passiert oder in dreißig, spielt keine Rolle. GIBT ES EINE ALTERSGRENZE? ODER SONSTIGE AUSSCHLÜSSE? MACH|WERK ist für eine jüngere Zielgruppe zwischen 18 und 40 Jahren gedacht. Das wird auch bei der Auswahl eine Rolle spielen. Aber wir alle wissen: Innovation kennt kein Geburtsdatum. Letztlich entscheidet die Qualität einer Idee. Und wenn sie von jemandem kommt, der vor 1980 geboren ist – dann ist das undramatisch. Außerdem sind Projekte von Einzelakteuren oder kleinen Gruppen lieber gesehen als von großen, professionalisierten Institutionen. Für sie existieren andere Förderkanäle. Und außerdem gilt: Anträge von Frauen sind besonders willkommen. WELCHE KRITERIEN GIBT ES? Der Untertitel des Fonds sagt schon einiges: Innovative Kulturprojekte. Es sollten neue Ideen sein, die in Oldenburg bisher nicht zu sehen waren. Das schließt kreative Variationen von existierenden Formaten oder erweiterte/adaptierte Kopien von Innovationen aus anderen Städten und Ländern mit ein. Wichtig ist, dass Oldenburg um ein attraktives Format/Event/Experiment bereichert wird. Positive Faktoren wären zudem: Mut zum Experiment, Vernetzung verschiedener Akteure, Ansprache unterschiedlicher – auch kulturferner – Zielgruppen oder dezentrale Aktivitäten in den Stadtteilen. BIS WANN MUSS DIE UMSETZUNG ERFOLGEN? Ab dem Zeitpunkt der Entscheidung im Kulturausschuss habt ihr ein Jahr Zeit, um das Projekt zu realisieren. Grob kann man davon ausgehen, dass dieser Zeitraum im Oktober 2025 beginnt und im September 2026 endet. Genaueres wird in den Bescheiden stehen, die ihr im Erfolgsfall vom Kulturbüro bekommt. Und sollte es zeitlich mal so gar nicht passen, darf man auch um einer Verlängerung bitten. WURDE EIN HÖCHSTBETRAG FESTGELEGT? Nicht offiziell. Theoretisch könntest du versuchen, die kompletten 50.000 Euro abzugreifen. Allerdings wäre die Außenwirkung nicht so gut. Es könnte unsolidarisch rüberkommen. Deshalb versuche, mit etwas Augenmaß zu kalkulieren – und lote auch aus, ob von anderen Stellen (z.B. Stiftungen, Sponsoren) zusätzliches Geld kommen könnte. So schaffen wir mehr Vielfalt. Aber: Ihr sollt auch nicht darben. Denkt dran, auch euch selbst eine Aufwandsentschädigung zu zwahlen. Auch dafür ist eine Förderung da. WER ENTSCHEIDET EIGENTLICH? Das hat sich der Kulturausschuss vorbehalten. Dessen Zusammensetzung findest du hier . Die Entscheidung fällt normalerweise im nicht-öffentlichen Teil der ersten Sitzung nach der Deadline, also im September. In den Tagen nach der Sitzung werden alle Antragsteller über das Ergebnis informiert. MEINE FRAGE TAUCHT HIER NICHT AUF. WAS JETZT? Schreib einfach. Und zwar an: kulturbuero@stadt-oldenburg.de RAN ANS MACH|WERK Die Genese des Innovationsfonds mag vielleicht nicht mehr zu rekonstruieren sein, aber darauf kommt es letztlich auch gar nicht an. Wir sind zwar allen dankbar, die auf die eine oder andere Weise zum Erfolg beigetragen haben, vor allem freuen wir uns aber auf alles, was da noch kommt! Die Ausschreibungsphase für die siebte MACH|WERK-Auflage ist jedenfalls gestartet. Bis zum 31. Juli 2025 ist noch Zeit, um geniale neue Ideen oder clevere Variationen von Bekanntem zu kreieren. Das kann allein im stillen Kämmerlein passieren, das kann aber auch gemeinsam mit anderen in einem Netzwerk geschehen. Wichtig ist, dass die Akteure das richtige Mindset behalten. Und das führt uns direkt zurück zum Eingangszitat. Denn es geht schlicht und einfach darum, die eigene Neugier in ein Experimentieren und Ausprobieren zu verwandeln - und das in der Stadt umzusetzen bzw. auszuleben. Insofern wäre eine MACH|WERK-Förderung zwar kein Spielgeld, Oldenburg darf man aber sehr wohl als die ganz persönliche Spielwiese für die Projekte verstehen. Denn jeder weiß: im Spiel sind die Grenzen deutlich weiter gesteckt als bei allen anderen Aktivitäten. Also: Nichts wie ran ans MACH|WERK!

  • ROUTINE UND REVOLUTION

    Die Auftakt-Pressekonferenz für das Internationale Filmfest Oldenburg ist ein liebenswertes Ritual: Der Ablauf ist stets derselbe, viele Teilnehmende kennen sich bereits aus den Vorjahren. Die Atmosphäre ist entspannt und familiär. Und dennoch liegt leichte Aufregung in der Luft. Schließlich gibt es trotz der Routinen jedes Mal viel Neues zu hören und erstmals auch den legendären Trailer zu sehen. Wir haben für euch genau hingehört - und geschaut! Augen auf: Die Pressekonferenz zum Filmfest mag einem gewohnten Muster folgen, für die vorgestellten Filme gilt das allerdings nicht. (Bild: Kulturschnack) Für den Hauptdarsteller ist alles Routine. Eingehüllt vom obligatorischen Zigarettenqualm plaudert Festivalchef Torsten Neumann in der Sonne vor dem Casablanca Kino noch kurz vor Beginn des Pressetermins entspannt mit seinen Gästen. Kein Wunder: Bereits zum 32. Mal hat er zur traditionellen Auftakt-PK geladen, um den Startschuss für die heiße Phase des Internationalen Filmfestes einzuläuten, das etwa einen Monat später - vom 10. bis 14. September 2025 - stattfinden wird. Und doch ist ihm eine gewisse Anspannung anzumerken, ein leichtes Kribbeln unter seiner Haut zu spüren. Warum? Nicht etwa, weil ihn irgendetwas nervös machen würde. Dafür bräuchte es nach drei Filmfest-Dekaden deutlich mehr als nur eine Pressekonferenz. Die Anspannung hat einen anderen Grund: Trotz aller Routinen und gewisser Wiederholungen ist das Oldenburger Festival ein aufregendes, provokantes und selbst für Beteiligte überraschendes Ereignis geblieben. Bis zu einem gewissen Grad ist es gezähmt, in seinem Wesen bleibt es jedoch wild. Dieses Ereignis vorzubereiten - und mitzuerleben - bleibt eine wunderbare Mischung aus Herausforderung und Genuss. Für Torsten - und für uns! 32. INTERNATIONALES FILMFEST OLDENBURG 10. BIS 14. SEPTEMBER 2025 VORAB-EVENTS: 21. AUGUST 2025 „INVASION OF THE BODY SNATCHERS“ POLYESTER KLUB 1. SEPTEMBER 2025 TRAILER SHOW & START DES VVK OPEN AIR KINO KULTURPLATZ 4. SEPTEMBER SECRET SCREENING POLYESTER KLUB Oldenburg liebt sein Filmfest Es ist jedoch leicht zu verzeihen, dass der Ablauf der Pressekonferenz wie in Stein gemeißelt scheint. Denn erstens ist das Casablanca das perfekte Setting für das Event und bietet feinste Kinoatmosphäre. Und zweitens soll nicht der Kanal strahlen, sondern der Inhalt. In diesem Fall also: Das Festival und seine Filme. Und genau so sollte es auch bei der 32. Auflage kommen. Oldenburg trifft auf KI: Für den diesjährigen Trailer bediente sich das Filmfest-Team um Torsten Neumann bei H.G. Wells und H.P Lovecraft. Bevor es soweit war, verkündete Torsten Neumann noch einige Veränderungen bei den Unterstützer:innen und Sponsoren. Was bei diesem Pflichtprogramm auffällt: Sowohl die Zahl auch auch das jeweilige Engagement wachsen - unter anderem auch bei der Stadt Oldenburg, wie Roland Hentschel als Vertreter der Wirtschaftsförderung betonte. Der Rat hatte für dieses Jahr eine Erhöhung der Förderung beschlossen. Aber auch Pasrtner wie das Hiive Hotel engagieren sich noch stärker. Es sind also keinerlei Ermüdungs-Erscheinungen zu erkennen, was den Support für das Internationale Filmfest angeht. Im Gegenteil: Die ganze Stadt scheint ihr Festival zu lieben. Die Begeisterung erstreckt auch übrigens auch auf die Kulturszene. Das Filmfest findet eben nicht nur in den traditionellen Kinos statt, sondern darüber hinaus im Theater k und im Oldenburgischen Staatstheater . Das unterstreicht: Während der fünf Filmfest-Tage ist zwar alles anders als sonst - das Festival ist aber trotzdem kein Monolith, der kommt und wieder geht. Es ist bestens vernetzt und viele Akteure aus der ganzjährig aktiven Szene freuen sich auf diesen kurzen Ausnahmezustand im Frühherbst, selbst wenn das Festival theoretisch Konkurrenz zu eigenen Spielplänen bedeutet. Beinahe ein Stammgast: Mattie Do gab eine kurze Liebeserklärung an Oldenburg ab. (Bild: Kulturschnack) Die Wertschätzung zeigte sich aber auch anhand eines besonderen Gastes. Bei der Pressekonferenz war nämlich die charismatische laotische Filmemacherin Mattie Do dabei. Sie wurde 2021 als erste professionelle Filmemacherin ihres Landes mit einem Tribute geehrt und besucht seitdem regelmäßig das Festival an der Hunte. Da sie in diesem Jahr zwar mit einem Kurzfilm vertreten ist, aber selbst nicht kommen kann, schaute sie kurzerhand nach einem Besuch beim Filmfest in Locarno vorbei. In einem kurzen Talk mit Torsten gab sie eine charmante Liebeserklärung an Oldenburg ab - und zeigte einmal mehr, dass der Reiz des Filmfestes nicht nur nach innen wirkt, sondern viel stärker noch nach außen, in die weite Kinowelt. Der Schwerpunkt Irland Das Programm des Internationalen Filmfestes ist selbst vier Wochen vor Beginn keineswegs ausdefiniert. Vieles befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch im Fluss, entscheidet sich erst auf der Zielgeraden, manchmal erst Stunden vor dem Beginn. Da heißt es: Nerven behalten! Doch vieles ist auch Mitte August bereits spruchreif, so dass Torsten schon einige Highlights verkünden und damit selbst die erfahrenen Pressevertreter:innen neugierig machen kann. Eher zufällig ergab sich dabei ein spannender Schwerpunkt des diesjährigen Festivals: Gleich drei Filme aus Irland sind in diesem Jahr vertreten, so dass der Festivaldirektor von einem „Spotlight Ireland“ sprach und einen irischen Abend ankündigte, zu dem womöglich die irische Botschafterin Maeve Collins anreist. Als Highlight ist „Re-Creation“ vom mehrfach Oscar-prämierten Altmeister Jim Sheridan dabei, an dessen Besuch in Oldenburg derzeit noch gearbeitet wird. Sicher dabei hingegen ist John Connors , der es tatsächlich geschafft hat, an allen drei Filmen beteiligt zu sein: Neben seinem Auftritt in „Re-Creation“ spielt er im Psychiatrie-Liebesdrama „ Crazy Love “ eine Hauptrolle und ist auch im schwarzhumorigen Familienepos „ Horseshoe “ zu sehen. Beim Namen Connors klingelt etwas? Kein Wunder: John war 2022 mit seinem Film „ The Black Guelph “ in Oldenburg zu Gast und räumte den German Independence Award ab. Auch wir haben den Film damals gesehen . Strictly Irish: „ Horseshoe “ ist nur einer von drei irischen Filmen, die beim 32. Internationalen Filmfest Oldenburg laufen werden. (Still: IFFO) INTERVIEW MIT TORSTEN NEUMANN KLEINE PROVOKATIONEN Anlässlich des Jubiläums zum 30. Internationalen Filmfest im Jahr 2023 haben wir Festivalchef Torsten Neumann mit einigen Provokationen konfrontiert. Manche Vorurteile über das Filmfest halten sich schließlich überraschend beharrlich. Wir haben ihm die Chance eröffnet, sie zu entkräften - was ihm mit einer Mischung aus Humor und Nonchalance gelungen ist. Junges, mutiges, wildes Kino Bei den Vorstellungen der weiteren Filme ist ein Schauspiel zu erleben, das sich ebenfalls alljährlich wiederholt, seinen eigentümlichen Reiz aber nie verliert. Und zwar ist der Festivalchef - der in seinem Leben bereits viele tausend Filme gesehen haben dürfte - jedes Mal aufs Neue authentisch begeistert von den Werken, die er für Oldenburg gewinnen durfte. Hier gilt das gleiche Prinzip wie fürs Festival: Von Abnutzungs-Erscheinungen keine Spur. Und so hört man ihn gerne zu, wenn er sich aufrichtig auf die Filme und die Begegnung mit ihren Macher:innen freut - wie zum Beispiel diese: Good Boy (USA 2025, R: Ben Leonberg) Ob der Hauptdarsteller von „ Good Boy “ nach Oldenburg kommen wird, ist noch offen, denn dabei handelt es sich um einen Hund. „Der Film hat beim SXSW Festival in Austin, Texas für mächtig Furore gesorgt“, weiß Torsten. Allerdings nicht, weil der Hund unglaublich possierlich wäre. Vielmehr handele es sich beim Film um klassischen „Haunted House“-Stoff, also um einen Grusel- bzw. Horrorfilm. Der aber sei konsequent aus der Perspektive des Hundes inszeniert. was alles verändere. Torsten ist sich sicher: „ Der Film wird alle berühren, da werden Tränen fließen.“ The Girl in the Snow (Frankreich 2025, R: Louise Hémon) Große Vorfreude herrscht beim Festivaldirektor auch hinsichtlich des französischen Films „ The Girl in the Snow “ von Louise Hémon . Hinter dem schlichten Titel verbirgt sich ein geradezu episches Drama: Eine junge Lehrerin kommt im Jahre 1899 in das abgelegene, schneebedeckte Dorf Soudain in den Alpen. Die aufgeklärte Intellektuelle fremdelt mit ihrer neuen Heimast ebenso wie etliche Einheimische mit ihr. Inmitten einer prachtvollen, aber rauen Natur, die eingefangen wird in stimmungsvolle, oft düstere Bilder, nehmen schließlich geheimnisvolle Geschehnisse ihren Lauf. „Das ist einer der besten Filme, die ich dieses Jahr in Cannes gesehen habe“, legt sich Torsten fest und weckt damit ganz bewusst große Erwartungen. Broken Voices Tschechien 2025, R: Ondřej Provazník Seine Geschichte um die 13-jährige Karolina siedelt „Broken Voices“ in der alten Teschoslowakei der frühen 90er Jahren an: zwischen neugewonnener Freiheit und den bedrückenden Restriktionen. Mit ihrem Talent erregt das junge Mädchen in einem streng geführten, renommierten Mädchenchor die Aufmerksamkeit des Chorleiters und die Eifersucht der anderen Mädchen. Bei seiner Premiere wurde der Filme mit stehenden Ovationen gefeiert, Kateřina Falbrovás wurde für ihre Darstellung der Karolina besonders erwähnt. „Das ist eine heiße Empfehlung für ein ganz besonderes Filmerlebnis“, ist auch Torsten Begeistert von „Broken Voices“. Beeindruckte bei der Premiere: Der tschechische Film „Broken Voices“ gehört auch beim Oldenburger Filmfest zu den „Musst-Sees“. (Still: IFFO) Harakiri, I Miss You Spanien 2025, R: Alejandro Castro Arias Mit Alejandro Castro Arias zeigt ein aufregender neuer Regisseur aus Spanien seinen Debütfilm als Weltpremiere in Oldenburg. Das Setting: Drei Freunde, ein Tag, unzählige Emotionen. Zwischen Frust und Verlangen tastet sich der Film an die ungeschminkte Wahrheit von falsch verstandener Männlichkeit, Intimität und Freundschaft heran. Ein kluger und gnadenloser Blick auf das Verhalten, das uns formt. Alejandro Castro Arias‘ Debüt unterwandert alle Erwartungen an eine klassische Coming-of-Age Story um drei tragische Helden, denen jegliche soziale Kompetenz verloren gegangen ist. „Das ganze passiert aber ohne erhobenen Zeigefinger“, ordnet Torsten ein. Vielmehr habe man Mitleid mit den Figuren. Ihr auch? Das könnt ihr nur im Kino herausfinden. Was tun? Dei der Helden aus „Harakiri, I miss you“ geben sich selbst emotionale Rätsel auf. (Still: IFFO) Gunman (Argentinien 2025, R: Cris Tapia Marchiori) Faszinierend wird auch das Seherlebnis bei „Gunman“ sein, das im argentinischen Original „ Gatillero “ heißt. Der Film des „wahnsinnig spannenden jungen Regisseurs“ Cris Tapia Marchiori wurde nämlich im One Take-Verfahren abgedreht, das heißt, er kommt ohne (sichtbare) Schnitte aus. Dieses Verfahren sorgt für eine unglaublich dichte Atmosphäre, wie das bekannte Beispiel „ 1917 “ von Sam Mendes zeigt, das uns auf diese Weise direkt in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs versetzte. Doch auch das Filmfest selbst hat Erfahrungen in diese Richtung: Im Jahre 2014 gewann der tschechische Beitrag „ Hany “ den German Independece Award, der ebenfalls mit einem Take auskam und uns eine wie ein Sog in eine Prager Nacht. Keep Quiet USA 2025, Vincent Grashaw Hauptdarsteller dieses Films ist ein alter Bekannter: Lou Diamond Phillips , der 2017 in Oldenburg mit einem Tribute geehrt wurde. Mit dem Porträt eines von Schuld und Trauer geplagten Mannes, der versucht, vergangenes Unrecht wiedergutzumachen, liefert der mittlerweile 63-Jährige eine darstellerische Höchstleistung ab. „Mit zunehmendem Alter wird er immer besser. Der wid sicher bald einen Oscar gewinnen“, ist auch Torsten begeistert von der Performance. Nach „Bang Bang“ im letzten Jahr bringt Vincent Grashaw seinen nächsten Film nach Oldenburg – erneut mit einem legendären Schauspieler in der Hauptrolle und einer eindringlichen Geschichte vom Rand der Gesellschaft. Eindringlich: Lou Diamond Philips liefert in „Keep Quiet“ eine seiner besten Schauspiel-Leistungen ab. (Still: IFFO) Mehr als nur Filme Schon rein cineastisch wäre jede Vorfreude auf das 32. Internationale Filmfest Oldenburg vollauf gerechtfertigt. Kein Wunder, dass auch dieses Mal wieder tausende Oldernburer:innen die Kinosäle stürmen werden, um besondere Kinomomente zu erleben: jene, die etwas anders erzählt sind als es das Maibstreamkino tut. Die sich hier und da vielleicht etwas langsamer erschließen, die dafür aber eine emotionale Tiefe erzeugen, die Blockbuster oft vermissen lassen. Gefragter Gesprächspartner: Interviews mit Festivalchef Torsten sind fester Bestandteil der Auftakt-PK . (Bild: Kulturschnack) Neben den Filmen gibt es aber wie immer noch sehr viel mehr zu sehen. Ohne hier auf alle Events und Aktionen einzugehen, kann man dieses „mehr“ am besten mit der unvergleichlichen Atmosphäre beschreiben, die Oldenburg an diesen fünf Tagen im September bietet. Die Stadt ist internationaler, kreativer, urbaner als sonst - oder fühlt sich zumindest so an. Damit man dieses Gefühl aufnehmen und spüren kann, muss man nur eines tun: Eintauchen. Also nutzt die Gelegenheit, studiert ab dem 1. September das Programmheft, schaut euch Trailer an, lasst euch begeistern, wagt Experimente, probiert aus. Und: Traut euch, nach den Filmen Fragen zu stellen und mit den Akteur:innen ins Gespräch zu kommen. Beim Internationalen Filmfest Oldenburg sind nach unseren Erfahrungen ausnahmslos alle Gäste begeistert, wenn sie mit Euch über ihre Filme sprechen dürfen. Ihr bekommt dabei Einblicke, die ihr sonst nie gewinnen könntet. Die Pressekonferenz zum Auftakt ist tatsächlich größtenteils Routine. Doch die Filme sind jedes Mal vollkommen andere als im Jahr zuvor - immer aufregend, manchmal spektakulär, hin und wieder sogar revolutionär. Der Fundus des Independent-Kinos scheint tatsächlich unerschöpflich. Deshalb stellt sich auch beim 32. Mal trotz mancher Gewohnheit keinerlei Langeweile ein. Das Filmfest naht, wir sind wieder mit dabei. Und ihr?

  • WIE ZUCKER UND SALZ

    Kann ein Kiosk zu einem Kulturort werden? Ja, allerdings - und den Beweis dafür gibt es längt. Auf dem Gelände des Landesmuseums Natur & Mensch starteten Madlene Oepping und Cora Issig im Sommer 2022 einen Späti namens Pelle. Mit seiner Mischung aus entspannter Atmosphäre, kleinen Köstlichkeiten und Kultur machte er sich schnell einen Namen. Nun aber schlagen Madlene und Cora ein neues Kapitel auf: Das Bewährte bleibt, doch Neues kommt hinzu. Ein Plädoyer fürs Probieren, ein Hoch auf die Freundschaft. Gute Stimmung: Madlene und Cora waren im Gespräch bestens gelaunt. (Bild: Kulturschnack) Nein, es drängt sich nicht auf. Wer den Hinterhof des Landesmuseum Natur und Mensch am Damm betrifft, hat nicht sofort den Eindruck, dass er für stimmungsvolle Kulturevents prädestiniert wäre. Hier ein Schuppen, dort eine Rückwand, dazwischen parkende Autos: Dieses zweckmäßige Ambiente ist normalerweise nicht das Setup für leichte Sommerabende mit musikalischer, komödiantischer oder literarischer Begleitung. Und doch ist dieser Ort inzwischen genau dafür bekannt. Dass es so kam, hat viel mit den beiden Macherinnen zu tun. Madlene Oepping und Cora Issig sahen, was anderen verborgen blieb: das Potenzial dieses Ortes. Die Vorarbeit hatten zwar andere gemacht, denn zu Corona-Zeiten hatte hier das „Sonnendeck“ des Freizeitlärm e.V. stattgefunden, auch die umBAUbar hatte an diesem Ort temporär ihre Zelte aufgeschlagen. Dauerhaft bespielen wollte ihn aber niemand - bis die beiden Freundinnen kamen. Mit ihrer Gastronomie-Erfahrung (u.a. Saltkrokran ), Idealismus und Mut brachten sie Pelle an den Start. Nach drei erfolgreichen Jahren folgt nun der nächste große Schritt. Welcher das ist? Das verraten die beiden in unserem Interview. PELLE DER SPÄTI 26. JUNI, 20 UHR KONZERT: KOMMANDO FREIBIER 17. JULI, 20 UHR LESUNG: GIANNA LANGE 07.08., 19 UHR READING PARTY: OLDENBOOK 21.08., 20 UHR STAND-UP COMEDY: LOLDENBURG LANDESMUSEUM NATUR + MENSCH HINTERHOF DAMM 46 26135 OLDENBURG Mit Herz und Hand Wir treffen Madlene und Cora am Ort des Geschehens, auf den Palettenmöbeln, die ebenso zum Reiz von Pelle beitragen wie die bunten Wimpel und vielen weiteren Details. Noch ist einiges zu tun bis zum Start, aber Madlene und Cora sind bestens gelaunt. Kein Wunder, schließlich haben sie viel zu erzählen... Beim Stichwort Späti denken viele an einen Kiosk, wo man sich schnell noch das Nötigste holt, um den Abend rund zu machen. Aber was gibt es bei euch? Nur Dosenbier und bunte Tüten? Oder ist da noch mehr? Cora: Wir sind gewissermaßen ein Kulturspäti. Wir bieten tatsächlich Getränke und kleine Snacks für den Feierabend, aber auch ein Kulturprogramm. In den letzten Jahren hatten wir viel Musik und Stand-Up-Comedy, wir sind aber auch schon mit Lesungen angefangen. Darauf wollen wir uns in Zukunft noch mehr fokussieren . Stimmungsvolle Abende: Pelle der Späti bietet das perfekte Setup für Kultur in ungewohntem Kontext. (Bilder: Andreas Behr) Wie seid ihr denn überhaupt auf diese Idee gekommen? Cora: Wir gehen selber gerne auf solche Veranstaltungen, wie wir sie jetzt organisieren. Die haben uns in Oldenburg zuvor ein wenig gefehlt. Wir kommen beide aus der Gastronomie und haben außerdem ein bisschen Erfahrung im Kulturbereich. Wir hatten einfach Lust, das zu kombinieren und selbst etwas auf die Beine zu stellen. Irgendwann gingen die Gedanken in Richtung Kiosk. Aus vielen verschiedenen einzelnen Ansätzen entstand schließlich der Kulturspäti. Auf dem Areal passierte vorher ja nicht viel. Ihr habt daraus einen coolen Ort gemacht. Was war dafür entscheidend? Cora: Pelle ist unser Herzensprojekt. Wir machen das nach unserer Arbeit, am Wochenende oder wir nehmen uns dafür frei. Wir geben hier also sehr viel Zeit und Energie rein, das braucht es einfach. So ein Projekt funktioniert aber natürlich nicht ohne Unterstützung. Die haben wir vor allem vom Landesmuseum Natur und Mensch bekommen, aber auch von JNB Media und vielen anderen Menschen, die immer ein offenes Ohr für unsere Ideen hatten oder darüber berichtet haben. Es macht einfach Spaß, wenn man mit den richtigen Leuten zusammenarbeiten und sich austauschen kann. Jetzt schon Geschichte: Den pechschwarzen Food Truck gab es nur in den ersten beiden Sommern. Doch die stationäre Alternative ist ebenso atmosphärisch. (Bilder: JNB Media) Ihr geht jetzt in euren vierten Sommer. In den letzten Jahren habt ihr viele Fortschritte gemacht, musstet aber auch schon Herausforderungen und Veränderungen bewältigen. Wie seht ihr eure Entwicklung? Cora: Es wird jedes Jahr etwas professioneller, nicht zuletzt weil wir unser Netzwerk vergrößert haben. Immer mehr Leute kennen uns, deswegen kommen auch immer mehr Gäste. Vor allem letztes Jahr hat man das extrem gemerkt. Außerdem wissen wir jetzt, wo wir Hilfe finden, wenn wir sie brauchen oder in welche Richtung wir uns überhaut entwickeln wollen. Am Anfang war es wirklich sehr viel „Do it yourself. Wir machen mal, worauf wir Bock haben.“ Inzwischen steckt viel mehr Plan dahinter und wir wissen genauer, welche Veranstaltungen wir machen wollen und welche nicht. Das muss man auch erstmal lernen. Apropos Veranstaltungen: Ihr habt Erfahrung aus dem Gastro-Bereich mitgebracht, aber wie war es mit dem Organisieren von Events? Kanntet ihr euch da auch schon aus? Madlene: Ein bisschen. Wir haben erstmals bei Werkstattfilm zusammengearbeitet , genauer gesagt beim Gegengerade-Festival fü r Fußballfilme. Anschließend haben wir das „Wall Street Warm-up“ auf die Beine gestellt. Einmal im Monat durften wir eine kleine Feierreihe organisieren. Cora: Ziel war es, ein jüngeres Publikum für Werkstattfilm zu gewinnen und mit so einer Partyreihe hat das ganz gut funktioniert. Zu diesem Zeitpunkt haben wir auch angefangen, DJs anzufragen, ob sie Lust haben, bei uns aufzulegen. Wir hatten da absolut freie Hand. Das war richtig cool. Die Ruhe vor dem Sturm: Kurz vor Saisonbeginn gab es noch einiges zu tun, der besondere Reiz ließ sich aber schon erahnen. (Bild: Kulturschnack) DJs haben bei Pelle auch immer eine große Rolle gespielt.  Ihr  habt eben aber erwähnt, dass ihr vermehrt Lesungen anbieten wollt. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Madlene: Wenn ein Stein ins Rollen gekommen ist, stößt er irgendwann den nächsten an. Man lernt neue Menschen kennen, entwickelt neue Ideen. Im letzten Jahr haben wir mit einer ersten Lesung angefangen und haben sofort gespürt, dass dies ein Schwerpunkt für uns sein könnte. Als wir darüber nachgedacht haben, wer dafür infrage käme, hatten wir sofort tausend Ideen . Ein gutes Zeichen. Kontakte herstellen, ein Programm entwickeln, Künstler:innen betreuen, Gäste bedienen: Das alles kostet nicht nur viel Zeit, sondern auch etwas Geld. Wie finanziert ihr all das denn? Verkauft ihr so viele bunte Tüten? Cora: Die allein reichen leider nicht. ( lacht ) In unserem zweiten Jahr hatten wir eine Förderung von Mach|Werk , Oldenburgs Fonds für innovative Kulturprojekte. Das hat uns wahnsinnig geholfen, weil wir einige grundlegende Anschaffungen davon machen konnten und endlich unsere Künstler:innen bezahlen konnten; das war bei der Premiere noch nicht drin. In diesem Jahr haben wir dann von der Hochschule Emden-Leer ein Gründerinnen-Stipendium bekommen („Exist-Women“). Wir nehmen an Workshops teil, erhalten Unterstützung von Mentorinnen, es gibt aber auch etwas Geld für Anschaffungen. Heißt das etwa, Pelle wird erwachsen? Macht ihr euer Hobby zum Beruf? Cora: In gewisser Weise. Wir gründen eine Event-Agentur, die zucker&salz heißen wird. Wir möchten alles ein bisschen professioneller gestalten und gehen dafür einen Schritt in Richtung Selbständigkeit. Wir wollen uns dabei auf literarische Veranstaltungen für ein jüngeres Publikum konzentrieren, weil das aus unserer Sicht in Oldenburg noch komplett fehlt. Lebhafte Erzählerinnen: Bie Madlene und Cora spürt man in jedem Moment, dass sie für ihre Sache brennen. (Bilder: Kulturschnack) „zucker&salz“ ist ein sehr eingängiger Name. Was steckt dahinter, warum habt ihr ihn gewählt? Cora: Wir finden, dass diese beiden Gegensätze ganz gut zu uns passen. Wer wer ist, kann sich jeder selbst überlegen. Die Leute, die uns kennen, wissen es vielleicht - vielleicht aber auch nicht. ( lacht ) Auf jeden Fall passt der Name sehr gut zu uns beiden. Ihr hättet mit Pelle schon einen zentralen Spielort. Werdet ihr darüber hinaus auch an anderen Orten veranstalten? Madlene: Bisher konnten wir nur im Sommer etwas veranstalten, weil wir hier sehr vom Wetter abhängig sind. Das ist gar nicht schlimm. Aber wir wissen auch, dass es ab Herbst und erst Recht im Winter schwierig wird, draußen was zu machen. Deswegen werden wir verschiedene weitere Orte bespielen, bei denen wir ein Dach über dem Kopf haben. Das läuft nach dem Prinzip: Wir liefern die Idee und organisieren die Veranstaltung, jemand anderes stellt uns den Ort bereit. Wir sind sehr neugierig, was sich ergibt! ZUCKER&SALZ 9. OKTOBER, 20 UHR LESUNG: ANNE SAUER ( MEHR ) 13. NOVEMBER, 20 UHR LESUNG: RIEKE HAVERTZ ( MEHR ) DREIECK RÖWEKAMP 23 26121 OLDENBURG Wenn ihr euch jetzt professionalisiert, bedeutet das auch eine Veränderung fürs Programm oder fürs Setting von Pelle? Wird alles fancy und posh? Cora: Keine Sorge, bei Pelle bleibt es so, wie wir es alle kennen und - glaube ich - auch mögen. Aber die Veranstaltungen hier werden ein bisschen weniger sein, es wird nicht mehr wöchentlich jeden Donnerstag etwas geben. Das ist für uns nicht mehr machbar. Aber was hier stattfindet, wird dann wieder so sein, wie es bisher war. Wer schon mal schauen möchte, kann das auf den Instagram-Kanälen von Pelle der Späti und von unserer Event-Agentur zucker&salz machen. Dort bleibt man immer up to date, zumal wir auch spontane Sachen veröffentlichen. Madlene : Unsere kommenden Projekte sind einfach eine Nummer größer als bisher. Es bedarf eine größere Vorlaufzeit. Zur Orientierung: Für einen Termin im November haben wir im Mai den Vertrag unterschrieben. Wir machen manche Dinge jetzt also ein halbes Jahr im voraus fix. Das unterscheidet sich sehr von unserem bisherigen Ansatz. Aber wie Cora schon sagte: Spontanes bleibt trotzdem erhalten. Auf jeden Fall bleibt es bei den Donnerstagsöffnungen - auch dann, wenn wir kein Kultur-Programm anbeten. Liebe zum Detail: Bei Pelle zähen auch bzw. vor allem die kleinen Dinge, damit am Ende alles stimmt. (Bild: Andreas Behr) Habt ihr bei eurem Publikum eigentlich eine Veränderung festgestellt über die Jahre? Also hat sich das ausgeweitet oder diversifiziert? Madlene:  Da nenne ich einfach mal ein Beispiel: Wir hatten letztes Jahr ein tolles neues Stammgast-Ehepaar. Das waren zwei Renter:innen, die meist schon den ganzen Tag Kulturprogramm hatten und auf ihrem Heimweg noch hier vorbeikamen, Zum Ende der Saison haben sie sich dann richtig verabschiedet und gesagt, sie würden sich freuen, uns wiederzusehen. Und unsere Antwort war natürlich: Wir uns auch! ( lacht ) Cora: Ich habe schon das Gefühl, dass wir vor allem letztes Jahr nochmal andere Leute angesprochen haben. Wir hatten definitiv ein größeres Publikum und eine breitere Zielgruppe. Es kamen nicht nur Leute in unserem Alter, sondern auch ältere Menschen und Familien. Die Kinder haben dann mit Kreide auf dem Hof gemalt, während die Eltern ein Feierabendbierchen trinken konnten. Madlene Wir haben oft gecheckt, wen wir kennen und wen nicht. Und immer, wenn ein neues Gesicht dabei war, dachten wir: Ja, cool! Hinterhof als Hingucker: Von der Zweckmäßigkeit des Areals spürt man Donnerstagabends nichts mehr. Dann passen Gebäude, Bäume und Dekoration perfekt zusammen. (Bild: Andreas Behr) Kommen wir nochmal zu euch: Obwohl ihr Pelle bisher neben dem Job betrieben habt und ihr stark eingebunden seid, wirkt er sehr harmonisch. Seid ihr das perfekte Team? Cora: Jetzt wird's vielleicht etwas kitschig, aber: Ich kann mir außer Madlene niemanden vorstellen, mit dem ich so eng zusammenzuarbeiten könnte und wo man auch mal sagen kann, wenn einem etwas nicht passt oder wenn man eine Idee nicht gut findet, ohne dass es böses Blut gibt. Wenn man so gut befreundet ist, offen und ehrlich über alles sprechen kann und gerne zusammenarbeitet, dann ist es ein echter Glücksfall, wenn man so ein Projekt wie Pelle zusammen machen kann. Madlene: Das ist so schön! (beide lachen) Ist dieser positive Vibe vielleicht auch nötig, um ein Projekt dieser Größenordnung zu stemmen und um auch in Stressmomenen Ruhe zu bewahren? Madlene:   Ja, unbedingt. Nicht zuletzt, weil wir beide etwas anders denken als die jeweils andere. Mir hilft das immer sehr, weil ich oft etwas konfus bin und es dann gut ist, wenn jemand anderes sagt: „Komm, wir machen das step by step und dann passt es.“ Mich beruhigt sowas. Ich erinnere mich auch noch gut an ein Gründertreffen, bei dem viele nach einer Gründerpartnerin oder einem Gründerpartner gesucht haben. Da habe ich nur gedacht: „Gott sei Dank habe ich dieses Problem nicht“, weil ich mir gar nicht vorstellen könnte, mit jemand anderem zusammenzuarbeiten, den man gar nicht so gut kennt. Freundinnen: Madlene und Cora arbeiten gerne zusammen. Als zucker&salz  gehen sie nun den nächsten Schritt. (Bild: Kulturschnack) Cora: Ich glaube, wir ergänzen uns einfach sehr gut - dadurch, dass wir beide so unterschiedliche Talente und Eigenschaften haben, die dann am Ende aber gut zusammenpassen. Das klingt ja fast wie: Wie Zucker und Salz! Cora: So isses! (beide lachen)

  • LITERATUR LIVE

    Wir alle lesen. Wir scrollen durch Newsfeeds und Liveticker, wir scannen Mails und Messages, wir überfliegen Content und Captions. Doch Lesen kann noch viel mehr sein. Ein wahres Erlebnis wird es, wenn Autor:innen ihre Werke live vortragen, mit Anekdoten und Hintergründen anreichern und mit dem Publikum in den Austausch gehen, In Oldenburg gibt es eine Institutionen für solche magischen Momente: Das Literaturhaus. Where the Magic happens: Literatur gewinnt häufig noch an Tiefe, wenn man die Autor:innen bei einer Lesung erlebt. (Bild: Kulturschnack / Canva-KI) Gewohnheiten haben ihre Tücken. Manchmal übersehen wir nämlich das Wichtigste in unserem Leben, weil es schlicht zu normal geworden ist, um es als besonders wahrzunehmen. Ein wenig gilt dieses Prinzip auch für das Literaturhaus Oldenburg . Jahr für Jahr konzipiert Monika Eden mit ihrem kleinen Team ein attraktives Lesungs-Programm, das auch in wesentlich größeren Städten für Furore sorgen würde- das hier in Oldenburg aber als beinahe selbstverständlich begriffen wird. Dabei ist es genau das nicht. Dass wir hier immer wieder eine überaus spannende, stets hochwertige Mischung aus großen Namen und neuen Stars erleben dürfen, ist beileibe kein Automatismus. Dahinter steckt akribische Arbeit, reger Austausch mit Verlagen, Agent:innen und Autor:innen sowie: viele, viele Lesestunden. Für Monika Eden ist nicht entscheidend, wie viele Follower:innen jemand auf Instagram hat, ob ein Buch gerade bei TikTok trendet oder wann sich ein:e Schriftsteller:in öffentlichkeitswirksam zu Themen der Zeitgeschichte äußert. Sie geht nach der literarischen Qualität. Und diese klare Prämisse ist es, die Lesungen des Literaturhauses stets zu einem Erlebnis macht. Starke Mischung, spannende Entdeckungen Das ist im Frühjahr 2025 nicht anders als sonst. Erneut hat das Literaturhaus sowohl anerkannte Größen der Literaturszene, aber auch etwas weniger bekannte Schriftsteller:innen für Oldenburg gewonnen. Alle bringen hochgelobte aktuelle Werke mit - und versprechen spannende, bewegende, unterhaltsame Abende im Wilhelm13 und im Kulturzentrum PFL . Das ist: Literatur live!  Literatur meets Slamformat: Die Lesebühne Metrophobia unterscheidet sich deutlich von den anderen Lesungen, ist den Besuch aber trotzdem - oder gerade deswegen - immer wert. (Bild: Peter von Felbert) MITTWOCH, 20. AUGUST 2025, 19.30 UHR LESEBÜHNE METROPHOBIA WILHELM 13 MODERATION: ANNIKA BLANKE Schon Udo Jürgens wusste, dass nicht in jedem „ehrenwerten Haus“ auch ehrenwerte Menschen leben. Weil wir uns unsere Nachbarn nicht aussuchen können, ist nicht immer alles Gold, was nach dem Flurputzdienst glänzt. Im Zweifelsfall hilft nur eine gute Rechtschutzversicherung. Bei einer neuen Ausgabe der Lesebühne Metrophobia beschäftigt sich Annika Blanke mit ihren Gästen aus Musik und Literatur augenzwinkernd mit Fragen, die um Nachbarschaften und Hausgemeinschaften kreisen: Sagt es womöglich etwas über mich aus, wenn ich meine direkten Nachbarn nicht kenne? Ist der Brauch mit Brot und Salz zum Einzug überhaupt noch zeitgemäß? Gibt es einen Fachbegriff für die Schockstarre, die eintritt, wenn es an der Tür klingelt? Ist ein chirurgischer Eingriff nötig, wenn auf dem Infozettel des Lieferdienstes steht, dass mein Paket "in Frau Müller steckt“? Und können aus flüchtigen Flurbekanntschaften gute Freunde werden? ULI HÖHMANN ist Hessens Landesmeister 2023 im Poetry Slam und dennoch ein Spätberufener. Mit seinen satirischen, zeitkritischen und manchmal auch ziemlich bösen Texten und Geschichten steht er erst seit 2021 regelmäßig auf Slam-Bühnen. Gelernt hat er das Schreiben beim Radio, für das er seit rund 25 Jahren Satiren, Glossen, Sketche und Comedies produziert. Genauso lange ist er Journalist, was er in seinem zweiten Bühnenprogramm »Gab's Tote?« aufarbeitet, mit dem er das Genre Pressekabarett begründet hat. NAGELRITZ alias Dirk Langer bewegt sich mit frivoler Doppeldeutigkeit, frechem Augenzwinkern und maltesererprobter Seemannskehle zwischen Comedy, Kabarett und Chanson. Dass hier kein Mann kommt, der „La Paloma“ spielt, liegt auf der Hand. Nagelritz steht für modernes Seemannsgarn, skurrile Geschichten und sehnsüchtige Seemannsmusik - weitab der bekannten Shantys. Seine Liedtexte leiht er sich bei Joachim Ringelnatz, einem von vielen geschätzten Ausnahmepoeten, und bettet diese auf Akkordeon, Gitarre oder Klavier. Dann sind da noch Hinnerk und Raoul, Nagelritz Kumpels, mit denen sich selbst Alltäglichkeiten zu haarsträubenden Geschichten entwickeln, denn jeder Landgang muss Spuren hinterlassen… ein Abend mit Musik, Komik und Gefühlen rund um die Seefahrt. KARTEN Schmerzhaft: In Janine Adomeits zweitem Roman ist keineswegs alles paradiesisch (Bild: Franziska Nehmer) DIENSTAG, 26. AUGUST 2025, 19.30 UHR JANINE ADOMEIT: „DIE ERSTE HALBE STUNDE IM PARADIES“ WILHELM13 GESPRÄCH: BETTINA SCHÖNE-SEIFERT Ein für Pflegeverantwortung viel zu junges Geschwisterpaar kümmerte sich jahrelang um die chronisch kranke Mutter. Die Familie zerbrach, und nach langem Schweigen müssen sich die nun erwachsenen Geschwister ihrer Vergangenheit und ihren Verletzungen stellen. Anne ist mittlerweile Anfang dreißig und Pharmavertreterin. Kontakt zu Kai hat sie keinen mehr – eigentlich zu niemandem, abgesehen von den Ärzten in ihrem Reisegebiet in Norddeutschland. Sie möchte im Konzern aufsteigen und die bundesweite Marktstrategie für ein hochwirksames, aber umstrittenes Fentanylpflaster leiten. Da meldet sich auf einmal ihr Bruder und bittet sie, ihn aus einer Suchtklinik abzuholen. Indem Kai wieder in ihr Leben tritt, kommen zwischen den Geschwistern Dinge zur Sprache, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch Annes Traum, den Schmerz zu besiegen, in ein völlig neues Licht rücken. NDR Kultur - Das Journal kürte Adomeits Werk im Februar 2025 zum „Buch des Monats“, während Schriftstellerkollege Deniz Utlu jubelt: »Janine Adomeit hat einen fesselnden, tief berührenden Roman geschrieben - über unsere Fähigkeit zur Begegnung und zur Liebe auch dann, wenn wir im Stich gelassen wurden.« Janine Adomeit , geboren 1983 in Köln, studierte in München Literatur- und Sprachwissenschaft. Nach Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie der Teilnahme an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung und der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin erschien 2021 ihr Debütroman Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen , der mit dem Preis Debüt des Jahres des Literaturwerks Rheinland-Pfalz/Saar ausgezeichnet wurde. Janine Adomeit lebt mit ihrer Familie in Flensburg, wo sie auch als Literaturvermittlerin tätig ist und die Lesereihe TRANSIT gegründet hat. LESEPROBE KARTEN Ausgezeichnet: Als Lyriker ist Mirko Bonné der breiten Masse vielleicht nicht bekannt, er gehört jedoch zu den herausragenden Vertretern seiner Zunft. (Bild: Beowulf Sheehan ) DIENSTAG, 9. SEPTEMBER 2025, 19.30 UHR MIRKO BONNÉ: „WEGE DURCH DEN SPIEGEL“ WILHELM13 GESPRÄCH: JOACHIM DICKS Welche Spuren hinterlassen wir in der Zeit? Und welche Spuren hinterlässt die Zeit in unserer Erinnerung? Mirko Bonné spürt in seinem neuen Gedichtband den Momenten nach, die im Leben zählen. Einfühlsam und mit behutsamem Widerstand gegen die Vergänglichkeit sucht er Orte, Augenblicke und Begegnungen auf, die, warum auch immer, bleiben wollen. Er besichtigt Teile seiner Familiengeschichte und misst das Schweigen der Großeltern zur NS-Zeit aus. Bonnés Verse beschwören uralte Pfade und Wege durch die Spiegel, eine Möwe, die nachts bei Mistral kreist, eine vergangene Liebe und den Olympischen Sommer im Kindheitsjahr 1972. Sie führen nach Calw, Rom und in Städte, die sich selbst vergessen haben – und immer wieder nach Frankreich oder ins Blaue. Ein Streifzug durch Landschaften und ein Leben gegen die Vergänglichkeit. Ein berührendes literarisches Plädoyer »gegen alles Enge, Weite, Hohe, Tiefe, / gegen Schwerkraft und – den Uhrzeigersinn.« Anlässlich der Verleihung des Hubert-Fichte-Preises schwärmte Hasmburgs Kultursenator Dr. Carsten Brosda : »Mirko Bonné erschafft mit feinem Gespür für Sprache und Atmosphäre Geschichten, die uns bewegen, nachdenklich stimmen und tief berühren. Mit großer poetischer Präzision und erzählerischer Kraft widmet er sich den zentralen Themen des Lebens – Erinnerung, Verlust, Liebe und das menschliche Streben nach Sinn.« Mirko Bonné , geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg und der Provence. Für seine Übertragungen aus dem Französischen und Englischen, u. a. von Joseph Conrad, John Keats, Grace Paley und Oscar Wilde, erhielt er zuletzt den Hamburger Literaturpreis für Übersetzung 2020. Für sein schriftstellerisches Werk, das neben vielbeachteten und wiederholt für den Deutschen Buchpreis nominierten Romanen auch Lyrik und Essays umfasst, wurde er u.a. mit dem Prix Relay (2008), dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010), dem Rainer Malkowski-Preis (2014) und einer Nominierung für den Alfred-Döblin-Preis (2019) ausgezeichnet. Von der Hansestadt Hamburg erhielt er den Hubert-Fichte-Preis 2024 für sein Gesamtwerk. LESEPROBE KARTEN Kontrollverlust: Strubel erzählt leichtfüßig und humorvoll über schwere Vorwürfe und ausufernde Diskurse. (Bild: Marcus Höhn) MITTWOCH, 17. SEPTEMBER 2025, 19.30 UHR ANTJE RÁVIK STRUBEL: „DER EINFLUSS DER FASANE“ WILHELM13 GESPRÄCH: SABINE KYORA An einem frühen Morgen steht Hella Karl am Briefkasten und liest die Meldung, die sie aus der Bahn werfen wird: Der Star der Berliner Theaterszene und Gravitationszentrum der Kulturwelt hat sich das Leben genommen. Hella Karl, Feuilletonchefin einer großen Zeitung, ist nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen und glaubt, alles im Griff zu haben. Doch sie hat einen folgenreichen Artikel über den gefeierten Mann verfasst – und jetzt wird sie für seinen Tod verantwortlich gemacht. Ist er an sich selbst gescheitert, oder hat Hella Karl ihn in den Tod geschrieben? »Der Einfluss der Fasane« erzählt heiter und packend von einer, die die Kontrolle verliert. Von den Erregungsdynamiken, die sich, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr steuern lassen. Antje Rávik Strubels Buch ist ein leichtfüßiger Roman über schwere Vorwürfe, das Ringen um Worte und über das Unheil von medialen Diskursen. Kritiker Andreas Platthaus zeigt sich in der FAZ entsprechend begeistert: „ Was Verblendung aus Selbstschutz bedeutet, ist selten so treffsicher geschildert worden wie in dieser Persönlichkeits-offenbarungserklärung. Strubel zeigt sich einmal mehr als kluge Analytikerin des Geschlechter-Missverhältnisses. “ Antje Rávik Strubel , geboren 1974 in Potsdam, veröffentlichte u.a. die Romane »Unter Schnee« (2001), »Fremd Gehen. Ein Nachtstück« (2002), »Tupolew 134« (2004) sowie den Episodenroman »In den Wäldern des menschlichen Herzens« (2016). Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, ihr Roman »Kältere Schichten der Luft« (2007) war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und wurde mit dem Rheingau Literatur Preis sowie dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet, der Roman »Sturz der Tage in die Nacht« (2011) stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. 2019 erhielt sie den Preis der Literaturhäuser. Ihr Roman »Blaue Frau« wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet. 2022 erschien der Essayband »Es hört nie auf, dass man etwas sagen muss«; im März 2025 der neue Roman »Der Einfluss der Fasane«. Sie übersetzt aus dem Englischen und Schwedischen u.a. Joan Didion, Monika Fagerholm, Lucia Berlin und Virginia Woolf. Antje Rávik Strubel lebt in Potsdam. LESEPROBE KARTEN Nur vom Feinsten? Was Dimitrij Kapitelman mit „Spezialitäten“ meint, ob die Formulierung schwärmerisch oder ironisch gemeint ist, erfahrt ihr in der Lesung. (Bild: Paula Winkler) MITTWOCH, 1. OKTOBER 2025, 19.30 UHR DIMITRIJ KAPITELMAN: „RUSSISCHE SPEZIALITÄTEN“ WILHELM 13 GESPRÄCH: DR. HANS-CHRISTIAN PETERSEN MODERATION: MICHAEL SOMMER Bittersüß und zutiefst politisch schreibt Dmitrij Kapitelman in seinem neuen Roman über Familie und die (Un-)Möglichkeit der Verständigung in Zeiten alter und neuer Kriege: Eine Familie aus Kiew verkauft russische Spezialitäten in Leipzig. Wodka, Pelmeni, SIM-Karten, Matrosenshirts – und ein irgendwie osteuropäisches Zusammengehörigkeits-Gefühl. Wobei Letzteres seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben ist. Die Mutter steht an der Seite Putins, und ihr Sohn, der keine Sprache mehr als die russische liebt, keinen Menschen mehr als seine Mutter, aber auch keine Stadt mehr als Kiew, verzweifelt. Klug ist es nicht von ihm, mitten im Krieg in die Ukraine zurückzufahren. Aber was soll er tun, wenn es nun einmal keinen anderen Weg gibt, die Mutter von den irren russischen Fernsehlügen zurückzuholen? Kulturredakteur Tobias Becker erkennt im SPIEGEL große Qualitäten: »Kapitelman schreibt mit zärtlichem Blick über die, denen er politisch hart entgegentreten muss. Ein Buch über die Unmöglichkeit der Verständigung, das Verständnis ermöglicht.« Dmitrij Kapitelman , 1986 in Kyjiw geboren, kam im Alter von acht Jahren als »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist. 2016 erschien sein erstes, erfolgreiches Buch "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters", für das er den Klaus-Michael Kühne-Preis gewann. 2021 folgte "Eine Formalie in Kiew", für das er mit dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet wurde. LESEPROBE KARTEN Blick zurück nach vorn: Nora Gomringer blickt auf ihr eigenes Leben - und auf jenes ihrer Mutter - zurück und gewinnt dabei Erkenntnisse von Allgemeingültigkeit. (Bild: Judith Kinitz) SONNTAG, 26. OKTOBER 2025, 11.00 UHR NORA GOMRINGER: „AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD“ WILHELM 13 MODERATION: THOMAS BOYKEN In ihrem neuen Buch vollzieht Nora Gomringer eine autobiografische Familienbetrachtung. Im Fokus steht dabei die verstorbene Mutter: „Sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin und wundere mich, wie wenig sie sich beschwören lässt, wenn ich es will. Sie hat sich — nun himmlisch — endlich emanzipiert. Ich schreibe über meine mannigfaltige Mutter, ihre Weisheit und Komik, ihren Mann, die Sache mit den Meerschweinchen und mich.“ Das Oldenburger Publikum kann die literarische Reflexion nur wenige Wochen nach dem Erscheinen im September live erleben und dabei nachempfinden, warum die Stadt Bamberg der Autorin im Jahr 2024 den E.T.A. Hoffmann-Preis verlieh und in der Begründung feststellte: „ Auf einer Liste der diskursprägendsten, prominentesten und ,wichtigsten' deutschsprachigen Lyriker:innen unserer Gegenwart stünde zweifellos ihr Name.“ Nora Gomringer , geboren 1980 in Neunkirchen/Saar, hat zahlreiche Lyrikbände vorgelegt und schreibt für Rundfunk und Feuilleton. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen sowie Aufenthaltsstipendien in Venedig, New York, Ahrenshoop, Nowosibirsk und Kyoto wurde ihr 2012 der Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik zuerkannt. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2019 war sie Max-Kade-Professorin des Oberlin College and Conservatory in Ohio. 2022 wurde Nora Gomringer mit dem Else Lasker-Schüler-Preis ausgezeichnet. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet. LESEPROBE KARTEN Blick hinter die Kulissen: Kempowski-Preisträger Feridun Zaimoglu und Schauspieldramaturg Reinar Ortmann sprechen über das Schreiben fürs Theater. (Bild: Bas Uterwijk) MITTWOCH, 29. OKTOBER 2025, 19.30 UHR FERIDUN ZAIMOGLU: „SCHREIBEN FÜRS THEATER“ WILHELM 13 GESPRÄCH: REINAR ORTMANN MODERATION: MONIKA EDEN Mit dem Walter Kempowski Preis für biografische Literatur zeichnet das Land Niedersachsen seit 2019 Autorinnen und Autoren aus, denen es mit ihren literarischen Arbeiten gelingt, die Einflüsse und Auswirkungen zeitgeschichtlicher Ereignisse auf die individuelle Biografie darzustellen. 2025 erhält der Schriftsteller Feridun Zaimoglu den Preis. „Er hat“, formuliert die niedersächsische Literaturkommission, „mit seiner kraftvollen Sprache einen neuen Ton in die Gegenwartsliteratur gebracht.“ Feridun Zaimoglu arbeitet zudem seit Jahren fürs Theater. Nach Neuinterpretationen von „ Othello“ , „ Romeo und Julia“ und „ Caesar“  hat er mit seinem Co-Autor Günter Senkel auch Shakespeares „ Hamlet“  neu übersetzt und bearbeitet und dabei ein energiegeladenes Werk mit einer poetisch-archaischen Sprache geschaffen, das im September 2010 im Hamburger Thalia Theater uraufgeführt wurde. Die Literaturkommission stellt fest: „Zaimoglu ist ein Schriftsteller, dessen Verdienste insbesondere für neue Perspektiven in der deutschsprachigen Literatur einzigartig sind und dessen große Bereitschaft, sich am öffentlichen kulturellen und politischen Diskurs zu beteiligen, gerade in der aktuellen Zeit besonders wichtig ist.“ Feridun Zaimoglu, geboren 1964, lebt seit seinem sechsten Lebensmonat in Deutschland. Er studierte Kunst und Medizin in Kiel, wo er seitdem als Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker arbeitet. Für sein Schreiben wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Walter Kempowski Preis 2025. Nach »Leyla«, »Liebesbrand«, »Siebentürmeviertel«, »Evangelio«, »Die Geschichte der Frau« und »Bewältigung« erschien zuletzt sein Roman »Sohn ohne Vater«.  LESEPROBE („SOHN OHNE VATER“) KARTEN Versteckte Gefahren: Peter Stamms Protagonist:innen gehen Wagnisse ein - manchmal ohne es zu ahnen oder gar zu wissen. (Bild: Jule Kuehn) MITTWOCH, 5. NOVEMBER 2025, 19.30 UHR PETER STAMM: „AUF GANZ DÜNNEM EIS“ WILHELM 13 GESPRÄCH: ANDREA SCHWYZER Gewohnt nahbar und subtil erzählt Peter Stamm in seinen neuen Erzählungen aus dem Leben seiner Figuren. Sie suchen nach einem Neuanfang, müssen Kompromisse aushalten, stellen sich den Krisen der Gegenwart: Nach einem Unfall in der Heimat unterrichtet ein Schweizer Skilehrer in einer westdeutschen Skihalle. Eine Schauspielerin verliert sich in ihren Figuren. Und Schnee und Eis bedecken eine verlassene Stadt. Peter Stamm zeigt in »Auf ganz dünnem Eis«, wie kunstvoll und vielschichtig Geschichten auf wenigen Seiten erzählt werden können, wie eine einzelne Erzählung einen länger beschäftigt als ein umfassender Roman. Auch hier zeigt Stamm wieder jene Fertigkeiten, die Elmar Krekeler in „ Die Welt “ beim Erscheinen des letzten Werkes lobte: „ Stamm ist ein begnadeter literarischer Identitätsspieler, Doppeltebödenbauer, brillanter Ausloter menschlicher Möglichkeiten. “ P eter Stamm , geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u.a. in Paris und New York. Er lebt in der Schweiz. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt »Agnes« 1998 erschienen sechs weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt die Romane »Weit über das Land«, »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt«, »Das Archiv der Gefühle« und zuletzt »In einer dunkelblauen Stunde« sowie die Erzählung »Marcia aus Vermont«. Unter dem Titel »Die Vertreibung aus dem Paradies« erschienen 2014 seine Bamberger Poetikvorlesungen sowie 2024 die Züricher Poetikvorlesungen »Eine Fantasie der Zeit«. »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt« wurde mit dem Schweizer Buchpreis 2018 ausgezeichnet. LESEPROBE NOCH NICHT VERFÜGBAR KARTEN Ins Dickicht: Der Urwald in Dorothee Elmingers neuem Roman steht tatsächlich und metaphorisch für die Komplexitäten des Lebens. (Bild: Georg Gatsas) SONNTAG, 23. NOVEMBER 2025, 11 UHR DOROTHEE ELMINGER: „DIE HOLLÄNDERINNEN“ WILHELM 13 MODERATION: SABINE KYORA Dorothee Elmigers neuer, bildgewaltiger Roman – eine mitreißende Erfahrung. Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter Theatermacher, der sie für sein neuestes Vorhaben zu gewinnen versucht – ein in den Tropen angesiedeltes Stück, die Rekonstruktion eines Falls. Wenige Wochen später bricht sie auf, um sich der Theatergruppe auf ihrem Gang ins tiefe Innere des Urwalds anzuschließen. Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen. Andreas Platthaus von der FAZ fasst seine Eindrücke pointiert zusammen: „ Der beste Roman dieses Bücherherbstes “ Dorothee Elmiger , 1985 in der Schweiz geboren, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in New York. Sie studierte Literatur am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig sowie Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Luzern und der Freien Universität Berlin. Ihre Bücher Einladung an die Waghalsigen (2010), Schlafgänger (2014) und Aus der Zuckerfabrik (2020) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, für die Bühne adaptiert und vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt die Autorin 2022 den Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen. LESEPROBE KARTEN Qualitätsware: Beim Literarischen Advent geht es um Bücher, die nicht erst gestern erschienen sind, aber relevant geblieben sind. Darüber weiß auch Gast Felicitas Hoppe einiges. (Bild: Harald Krichel) DIENSTAG, 25. NOVEMBER 2025, 19.30 UHR LITERARISCHER ADVENT MIT FELICITAS HOPPE WILHELM 13 MODERATION: KLAUS MODICK UND BERND EILERT Die Oldenburger Schriftsteller Bernd Eilert und Klaus Modick setzen beim Literarischen Advent gegen die Kurzlebigkeit des Buchmarktes auf die beständige Qualität von Büchern und Werken. Dieses Mal widmen sie sich dem norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun (1859–1952). 1920 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1890 mit dem Roman Hunger , der als Meilenstein modernen Erzählens gilt. Hamsun lässt in dem Buch einen erfolglosen Journalisten und Schriftsteller durch das heutige Oslo treiben, der dabei mehr und mehr in Elend gerät. Obdachlos hungert, friert und fantasiert er durch die Straßen. Über weite Strecken im inneren Monolog gehalten, entwickelt Hamsun dabei Stilmittel, die Jahrzehnte später Marcel Proust, James Joyce oder Virginia Woolf aufgreifen werden. Bei jedem Literarischen Advent spricht ein prominenter Gast aus dem Kulturbereich mit Eilert und Modick über die im Mittelpunkt stehenden Autorinnen und Autoren. In diesem Jahr ist es die Schriftstellerin und Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe , die ein Nachwort zur 2023 erschienenen Neuübersetzung Ulrich Sonnenbergs von Hunger geschrieben hat. Am Ende des lockeren und bewusst nicht streng literaturwissenschaftlich ausgerichteten Gesprächs über Werk, Leben und Wirkung Hamsuns sprechen Klaus Modick, Bernd Eilert und Felicitas Hoppe drei individuelle Literaturtipps aus “ Felicitas Hoppe , geb. 1960 in Hameln, lebt als Schriftstellerin in Berlin. 1996 erschien ihr Debüt »Picknick der Friseure«, 1999 – nach einer Weltreise auf einem Frachtschiff – folgte der Roman »Pigafetta«. Anschließend erschienen »Paradiese, Übersee«, »Verbrecher und Versager«, »Johanna«, »Iwein Löwenritter«, »Sieben Schätze«, »Der beste Platz der Welt«, »Abenteuer – was ist das?« und »Grünes Ei mit Speck«, eine Übersetzung von Texten des amerikanischen Kinderbuchklassikers Dr. Seuss. Es folgten die Romane »Hoppe«, »Prawda. Eine amerikanische Reise«, »Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm« sowie der Essay »Gedankenspiele über die Sehnsucht«. Für ihr Werk wurde Felicitas Hoppe mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem aspekte-Literaturpreis, dem Bremer Literaturpreis, dem Roswitha-Preis der Stadt Bad Gandersheim, dem Rattenfänger-Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, dem Erich Kästner Preis für Literatur, dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds sowie dem Berliner Literaturpreis. Außerdem Poetikdozenturen und Gastprofessuren in Wiesbaden, Mainz, Augsburg, Göttingen, am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, an der Georgetown University, Washington D.C., in Hamburg, Heidelberg und Köln. LESEPROBE (FELICITAS HOPPE - „DIE NIBELUNGEN) LESEPROBE (KNUT HAMSUN - „HUNGER“) KARTEN

  • DER DURCHBRUCH

    Der Oldenburger Künstler Lars Unger zeigt im prächtigen Elisabeth-Anna-Palais, besser bekannt als das Sozialgericht Oldenburg, einen bunten Mix aus ganz frischen Werken sowie einer Auswahl aus den letzten Jahren - allesamt ein Parcours durch Strukturen, Schichtungen und innere Räume, die aus der Welt der Kunst rein in unseren Alltag greifen oder uns in ihre hineinziehen. Kunst, die aus dem Raum der Zweidimensionalität ausbricht. Credit: Lars Unger DURCHBROCHENES LARS UNGER SOZIALGERICHT OLDENBURG ELISABETH-ANNA-PALAIS SCHLOßWALL 16 NOCH BIS 24. SEPTEMBER 2025 EINTRITT FREI Normalerweise, in einer klassischen Ausstellung, ist es doch so: es gibt die betrachtende Person, das Werk selbst und die Luft zwischen beidem. Zwei scheinbar klar getrennte Welten, nur verbunden durch den reinen Blick auf eine künstlerisch gestaltete, zweidimensionale Oberfläche. Doch schließen wir für einen kurzen Moment die Augen und stellen uns vor, es wäre eben nicht so. Stellen wir uns vor, die Welt der Kunst würde sich ihren Weg hinaus aus der Leinwand, hinein in unsere Realität bahnen oder auch andersrum uns einladen in sie einzutreten. Das mögen zwar auf den ersten Blick recht surreale Vorstellungen sein, doch es sind genau die Gedanken mit denen man sich unweigerlich konfrontiert sieht, wenn man die Ausstellung "Durchbrochenes" aus der Reihe "Kunst trifft Recht" der Oldenburgischen Landschaft vom Künstler Lars Unger im Sozialgericht Oldenburg besucht. Keine der hier gezeigten Arbeiten begnügt sich sich mit der bloßen Oberfläche. Ungers Arbeiten ragen buchstäblich aus dem Bildraum heraus, zeigen Eingänge in das Innere des Werkes, ohne dass man sich wirklich erschließen könnte, was sich darin letztlich verbirgt. Die noch eben beschriebene, vermeintlich klare Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit scheint sich vor den eigenen Augen aufzulösen. Die Erklärung hierfür findet sich in Ungers beruflicher Vergangenheit, wie er selbst erklärt. "Das Räumliche kommt noch von meinen Anfängen als Bühnenbildner. Räume entwerfen und entwickeln. Sich Raum nehmen, raumgreifend denken. Übertragen aufs traditionell eher flache Bild an den Wand bedeutet das, dass man das Flache des herkömmlichen Bildes durchbricht." Der Reiz der eigenen Vorstellungskraft Ganz wie im Theater, ist es das Spiel mit unserer Vorstellungskraft, das einen besonders an den Arbeiten fasziniert. Denn wir sehen nur ein Fragment einer Welt, so weit das Bühnenbild eben reicht. Was sich dahinter verbirgt ist stets auch eine Frage unserer eigenen, ganz persönlichen Einschätzung und es liegt ein unheimlicher Reiz darin, näher und immer noch näher an das jeweilige Bild herauszuschreiten, ganz in der Hoffnung doch noch einen Blick in eine Welt erspähen zu können, die man hofft dort vielleicht tatsächlich erblicken zu können. Was gibt es hinter dieser Oberfläche zu entdecken? Credit: Lars Unger Doch wo das Bühnenbild sonst nur Mittel zum Zweck ist und das Setting für das eigentliche Theaterstück bietet, ist es nun das Objekt, die Konstruktion selbst, die im Mittelpunkt steht. Statt der Erfahrung von aktiver Unterhaltung, die wir tendenziell eher passiv konsumieren, sind wir selbst aufgefordert uns mit dem Werk auseinanderzusetzen. Und so wird das, was wir am Ende zu sehen glauben, zu etwas das zu gleichen Teilen dem Werk als auch unserer eigenen Vorstellung entspringt. Die klangliche Nähe des Ausstellungstitels "Durchbrochenes" zum eher unappetitlichen "Erbrochenes" ist wider Erwarten tatsächlich ganz bewusst gewählt und für den Künstler eine willkommene Assoziation. Denn Unger erlebe seine Arbeiten oftmals, in einem Prozess der immer wieder auch neue Gestalt annimmt, als kreative "Auswürfe". Zwar ein unerwartetes Bild, doch eines, welches zum einen im metaphorischen Sinne die Entstehung von Kunst zu einer körperlichen Notwendigkeit werden lässt, zum anderen aber auch für einen intuitiven Prozess steht, der dem eigenen Schaffen keine vorschnellen Grenzen setzt, sondern Dinge gezielt geschehen lässt. Kunst ist frei, sie muss gar nichts Die zweiteilige Reihe "Auf den Barrikaden" sticht innerhalb der Ausstellung besonders heraus, nicht nur aufgrund der Tatsache, dass eine der beiden Arbeiten als Titelbild der Ausstellung dient. Denn wo der Durchbruch in unsere Realität sonst meist eher als eine zaghafte, neutrale Andeutung wahrgenommen wird, fühlen sich diese beiden Arbeiten, ganz ihrem Titel entsprechend, an wie eine eindeutige, rebellische Botschaft und eine Androhung, jeden Moment aus den Fängen der Zweidimensionalität auszubrechen, im Kampf für die Kunst. Wie der Künstler, der auch Teil des deutsch-niederländischen Duos BOSMOS ist, selbst erklärt, begleite ihn die Reihe schon eine lange Zeit. Sie funktioniert dabei auf unterschiedlichen Zeitebenen, involviert mehrere seiner Arbeiten und ist letztlich eine Mischung unterschiedlicher Medienformen. Euch erwarten großformatige Arbeiten, die mit ganz unterschiedlichen Materialien arbeiten. Credit: Lars Unger Denn "Auf den Barrikaden" zeige Menschen, die existierende, ältere Bilder in den Händen halten, als wären sie Protestbanner. Sie entstammen dem Jahr 2018 und seien in der Tat als eine Reaktion auf die zu der damaligen Zeit stattfindenden zahlreichen Demostrationen, von allen möglichen Seiten zu verstehen gewesen. "Ich wollte dem damals eine künstlerische Perspektive entgegenstellen. Eine Haltung „pro Kunst“. Für die Gestaltung. Etwas Produktives, etwas, was den Wunsch versprüht, gestalten zu wollen anstatt sich immer nur über alles mögliche zu empören oder sich gegen alles mögliche zu stellen. Später hatte ich dann Lust, diese Arbeiten fotografisch zu inszenieren. Dazu habe ich mit Freunden und Bekannten aus der Oldenburger Kulturszene zusammengearbeitet." Für Lars Unger steht dabei zwar außer Frage, dass Kunst sich natürlich gesellschaftlich positionieren und Verantwortung übernehmen könne, aber nur, wenn sie möchte. Denn "die Kunst ist frei, sie muss gar nichts. [...] Die Kunst kann sich auch von tagespolitischem Geschehen nicht permanent die Inhalte vorgeben lassen. Das wäre ja furchtbar." Wagt also unbedingt den Schritt "vor Gericht". Denn wie auch die Ausstellung selbst, durchbrecht ihr damit die eigentliche Welt des Gerichts und der Justiz und lasst durch euren Besuch die Räumlichkeiten zur waschechten Galerie und einem besonderen Ort für Kunsterlebnisse werden. Weitere Informationen zur Arbeit von Lars Unger findet ihr auf seiner Homepage: https://larsunger.com/

  • DIE MAGISCHE ZAHL

    Die Zahl 24. Nicht wegzudenken ist sie in der Welt der Animationskunst. Ihr gelingt es, scheinbar wie von Zauberhand, einzelne Zeichnungen in Bewegung zu versetzen und ihnen das Leben einzuhauchen. Das Horst-Janssen-Museum hat dieser Zahl, ihrer Magie und denjenigen, die sie entstehen lassen nun eine eigene Ausstellung mit dem Titel "Bilder pro Sekunde" gewidmet. Tim Romanowsky, Nodon, Filmstill, 2D digitaler Zeichentrick, 2019 © (Tim Romanowsky) VG Bild-Kunst Bonn, 2025 BILDER PRO SEKUNDE HORST-JANSSEN-MUSEUM AM STADTMUSEUM 4-8 26121 OLDENBURG NOCH BIS 12. OKTOBER EINTRITT FREI Wichtig : Da der Fuß- und Radweg vor dem Museum weiterhin vom Lappan aus gesperrt ist, kann der aktuelle Eingang des Museum nur vom Pferdemarkt kommend oder über die Raiffeisenstraße erreicht werden. Wer kennt es noch, das gute alte Daumenkino ? Der Animationsfilm im Do-It-Yourself-Format. Eigentlich so simpel - ein kleiner Stapel Papier, ein paar einfache Zeichnungen reichen bereits aus und doch: wenn man ein solches Heft, vermutlich irgendwann zum ersten Mal in seiner Kindheit in den Händen gehalten hat, ist es nichtsdestotrotz ein absoluter "Wow"-Moment. Man kann kaum glauben, was sich dort vor den eigenen Augen abspielt. Einzelne Striche und Momente, werden zu einem Ganzen, aus dem einzelnen Bild wird ein Film und er erzählt den Betrachtenden eine Geschichte. Und sei es nur die, einer singulären Bewegung. Foto: Horst-Janssen-Museum Während wir oder besser gesagt unsere Augen also stetig ausgetrickst werden und Film und Fernsehen über diesen Umstand hinwegtäuschen möchten, dass wir lediglich eine riesige Aneinanderreihung einzelner Momentaufnahmen dargeboten bekommen, geht das Horst-Janssen-Museum, als Museum für Zeichenkunst, bewusst einen anderen Weg. Es lenkt in "Bilder pro Sekunde" das Licht der Aufmerksamkeit wieder auf den eigentlichen Protagonisten, den heimlichen Star der Show und beweist dabei Mut zum Experiment, was auch Aline Helmcke, Kuratorin der Ausstellung und selbst Animations-(Künstlerin), unterstreicht: "Der experimentelle Zeichenfilm folgt keinen festgelegten Mustern. Es geht um den Prozess, um unerwartete Ideen, die sich aus dem Konzept, dem Kritzeln, Skizzieren und Beobachten, dem Assoziieren und dem Nebeneinanderstellen von Bildern ergeben. Diese Elemente prägen die Wirkung des Films ebenso stark wie das Erzählte selbst." Abseits des Mainstreams In Zeiten von Netflix, Prime und Konsorten ist es eine mehr als willkommene Abwechslung, hier die Möglichkeit geboten zu bekommen, filmische Werke zu erleben, die jegliches Marketingkorsett von sich weisen und ihre eigene künstlerische Individualität behaupten. Hier gibt es keine glattpolierten, am Reißbrett entstandenen und von Algorithmen getriebenen Inhalte. Es geht auch nicht um Einschaltquoten oder Klicks sondern um die pure Freiheit, Dinge auch einfach nur um des Ausprobierens willen auszuprobieren. Gerade weil der heutige Content, den wir tagein tagaus konsumieren, sei es vor dem TV oder dem Smartphone, so sehr von Konformität, Reproduktion und einer höchstmöglichen Wiederkennbarkeit geprägt ist, ist die in "Bilder pro Sekunde" zu sehende Bandbreite an unterschiedlichen Ansätzen, Ausdrucksmöglichkeiten und Herangehensweisen umso erfrischender. Die Animation, die in den reellen Raum hineingreift und ihn einnimmt. Foto: Horst-Janssen-Museum Die ausstellenden internationalen Künstlerinnen und Künstler Robin Rhode , Sasha Svirsky , Alice Saey , Damien Tran , Jörg Mandernach , Juliane Ebner , Tim Romanowsky , Laura Ginès Bataller , Matt Bollinger und Yoriko Mizushiri zeigen ein Spektrum, das sich vom analogen Papier oder auf Folie gezeichnetem Film, über digitalen Zeichentrick, bis hin zu Zeichenperformances, interaktiver Animation und einer kinetischen Raumarbeit erstreckt und die gezeigten Kurzfilme dabei geschickt ergänzt. Denn gerade weil die Wahrnehmung einzelner Arbeiten über die üblichen Grenzen von Leinwand oder Bildschirm hinausgeht, erlebt man diese sowohl bewusster als auch ganzheitlicher. Aline Helmcke betont dabei: „Mit welcher Intention und in welcher Technik gezeichnet wird, schafft im Zusammenspiel mit der jeweiligen thematischen Auseinandersetzung ganz unterschiedliche ästhetische Erlebnisse. Dieses Potenzial unmittelbar erfahrbar zu machen, ist Ziel der Ausstellung. Darüber hinaus werden Skizzenbücher und Originalzeichnungen zu sehen sein, die als Teil der Ideenentwicklung oder während der Filmproduktion entstanden sind.“ Animationskunst für Alle Wer lässt sich schon gerne die Gelegenheit entgehen, nicht nur einen Film zu konsumieren, sondern beispielsweise interaktiv in den Ablauf und auf das Entstehen des Films einwirken zu können. So erwartet einen, in einer Ecke der Ausstellungsfläche ein großes Keyboard, als Teil des Beitrags "Animated Graph For After the Flood" von Laura Ginès Bataller, das Besucherinnen und Besucher dazu einlädt durch das Spielen des selbigen die Vision der Künstlerin auf spielerische Art und Weise nach und nach zum Leben zu erwecken. Ebenso einnehmend und schön zu beobachten ist die große Mobile-Installation "The Mother of The Mothers of Inventions" von Jörg Mandernach, die mit Hilfe von Kartonschnitten und zwei Projektionen einen Schattentanz aufführt, der Bewegtbild, reale Bewegungen und auch die Schattenwürfe der Betrachtenden miteinander verwebt. Credit: Alice Saey, Cages, Filmstill, 2D-Animation, Filmloop, 2021 © Centre Pompidou/Alice Saey Deshalb eignet sich die Welt der Animation wirklich ganz wunderbar dazu, das Horst-Janssen-Museum auch gegebenenfalls mit den eigenen Kindern zu erkunden, weil alle Generationen hier auf eine Sprache treffen, die sie unmittelbar verstehen und mit der sie etwas anfangen können. Jüngere erkennen im Medium der Animation etwas Vertrautes, das ihnen gegebenenfalls aus den heutzutage allgegenwärtigen und unterschiedlichsten Kinderserien bereits bekannt vorkommt. Im Anschluss öffnet es jedoch im besten Fall die Tür zu etwas Neuem, das weit mehr ist als das, was sie aus Film und Fernsehen kennen. Verspielt, auch rätselhaft, doch vor allem etwas ganz persönliches. Vor allem kann das gesamte Horst-Janssen-Museum weiterhin kostenfrei besichtigt werden und ist somit umso mehr eine wunderbare Gelegenheit auch spontan einen Blick ins Haus zu wagen und sich vom Gezeigten begeistern zu lassen. Weitere Informationen zur Ausstellung sowie dem zugehörigen Rahmenprogramm findet ihr auf der Website des Museums unter: www.horst-janssen-museum.de

  • KOLUMNE: DAS LEBEN, EINE TRAGÖDIE?

    Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Den Takt vorgeben: So wie es hier Generalmusikdirektor Hendrik Vestmann tut, klappt es ihm Leben leider nicht immer.. (Bild: Stephan Walzl) Ich fange mit einer Warnung an: Das hier ist kein leichtes Sommerthema. Eigentlich wollte ich über den Schnittpunkt der Spielzeiten am Staatstheater schreiben, Blicke zurückwerfen und nach vorn. Doch nun kehre ich zurück zum 19. November des letzten Jahres. Ich weiß noch genau, was ich an diesem Tag gemacht habe. Ich erinnere mich zwar nicht, welcher Wochentag es war, welche Nachrichten die Welt bewegten oder welches Wetter herrschte. Aber eines ist mir im Bewusstsein geblieben: Ich habe auf dem Kulturschnack einen Text über das „Death Café“ veröffentlicht, das die Sparte 7 des Staatstheaters gemeinsam mit der Stiftung Hospizdienst veranstaltet. Er war offen und positiv, mit einer unschuldigen Faszination für Format und Thema, wie auch der Titel zeigte: „Let’s talk about Death“. Der Tod war nichts, mit dem ich zu jenem Zeitpunkt direkt zu tun hatte, deshalb konnte ich ihm locker begegnen.   Das Ende der Unschuld   Vier Wochen später erhielt mein Papa eine Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sechs schmerzvolle Monate später ist er nun daran verstorben. Sein Tod ist mit Abstand das Schlimmste, was mir in meinem Leben widerfahren ist. Es zerreißt mich förmlich – auch jetzt, in diesem Moment. Die Tränen fließen ungebremst, der Bildschirm verschwimmt. Dabei war ja klar, dass es eines Tages passieren würde. Doch vorbereiten kann man sich nicht, selbst wenn das Unvermeidbare so lange und so klar am Horizont dräut.   Was meine Befindlichkeiten hier verloren haben, fragen Sie sich? Gar nichts, könnte man vielleicht antworten und läge damit nicht mal falsch. Man könnte aber auch genauer hinschauen. Denn was ich im November letzten Jahres niemals erwartet hätte, nun aber am eigenen Leib erfahre: Der Artikel über das Death Café und die damit verbundene Auseinandersetzung mit dem Thema Tod waren sehr wohl eine Form der Vorbereitung. Nicht, dass sie mich nun vor etwas schützen würde. Aber sie nimmt dem Thema ein wenig von seiner bleiernen Schwere, von seiner absoluten Schwärze, weil man schon vorab versucht hat, dem Tod ins Auge zu blicken.   Dies ist nur ein Beispiel für die vielen Wirkungsweisen des Theaters. Es widmet sich jenen Themen, die uns bewusst oder unterbewusst beschäftigen, verunsichern oder an uns nagen, die uns Hoffnung geben oder Wege aufzeigen. Es liefert uns Anlässe zum Kontemplieren, zum Reflektieren, oder zum wilden Drauflosdenken über all die kleinen und großen, unschuldigen oder schmutzigen Fragen des Lebens. Und das Beispiel Death Café zeigt: Das Theater erspürt, was uns bestimmt, berührt, bewegt, bevor wir selbst davon wissen. Es hilft beim Bewusstwerden, beim Gedankenordnen, beim Gefühlesortieren. Die Lehre, die ich im Laufe der Jahre im Theatersaal am häufigsten hatte, war übrigens: Momento Mori – bedenke, dass du stirbst! Oder positiver formuliert: Carpe diem – nutze den Tag! Nicht zuletzt sie hat dafür gesorgt, dass ich mit meinem Vater in den letzten Jahren viele wunderbare Momente erleben durfte. Dafür bin ich gerade sehr dankbar.     Zwischen Trauer und Trost   Meine ursprüngliche Idee von einer Kolumne an der Schnittstelle der Spielzeiten musste ich leider verwerfen. Ich bin gerade nicht in der Lage über etwas anders nachzudenken als das, was in mir passiert. Aber immerhin kann ich feststellen, dass alles, was ich eben beschrieben habe, auch in den letzten Monaten auf den Oldenburger Theaterbühnen zu finden war. Bleiben wir mal beim Staatstheater: Es heißt ja, dass die erste Spielzeit einer neuen Intendanz in erster Linie der Orientierung dient und nur erste Akzente setzt. Nach dem ersten Heckel-Jahr in Oldenburg darf man aber feststellen, dass es einige Glanzlichter bot, die mehr waren als eine erste Standortbestimmung. Das macht Hoffnung, dass wir auch in den kommenden Jahren all jene Wirkungsweisen des Theaters erleben werden, die ich eben beschrieben habe.   Ich hatte am Anfang gewarnt: Dies wird keine Sommerkolumne. Und man muss leider feststellen: Das Leben ist tatsächlich eine Tragödie. Für mich fühlt es sich gerade so an, als befände ich mich in einem Dauerzustand aus Konflikt und Katastrophe und warte vergeblich auf eine Katharsis. Doch ein Trost bleibt: Unser Dasein hält für uns alle auch Momente der Leichtigkeit, der Lockerheit, der Liebe bereit. Sie werden wiederkommen – für mich ebenso wie für alle, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Und wenn die Erinnerung daran mal in Vergessenheit gerät, sollte man vielleicht den Weg ins Theater suchen. Denn wie gesagt: Dort gibt es das pralle Leben, mit all seinen Tiefen, aber auch all seinen Höhen. Und mein persönlicher Weg wird sicher ins Death Café führen – auch wenn’s weh tut.   PS: Danke für alles, Papa! Für mich bleibst du für immer: der Beste!

  • JUGENDTHEATERTAGE: DER SPIELPLATZ

    Was ist eigentlich Jugendtheater? Nur eine Versuchsanordnung für Schauspielnachwuchs? Oder ist es vielleicht viel mehr? Wer erlebt hat, mit wie viel Enthusiasmus, Herzblut und Talent die jungen Schauspieler:innen agieren, weiß sofort: Jugendtheater ist lebensnah, gefühlsstark und mitreißend. Es ordnet sich dem „erwachsenen“ Theater nicht unter, es steht gleichberechtigt daneben. Warum da so ist, könnt ihr vom 23. bis 29. Juni selbst überprüfen - bei den Jugendtheatertagen 2025. Keine Spielerei: Der Jugendclub des Oldenburgischen Staatstheaters widmet sich in „Erzähl mir keine Märchen“ der harten Realität. (Bild: Oldb. Staatstheater) Immer dann, wenn sich die reguläre Theatersaison dem Ende zuneigt, sollte man konterintuitiv handeln: Nicht etwa abschalten, sondern aufhorchen. Die Spielzeit trudelt nämlich nicht etwa aus wie ein belangloser Sommerkick, der längst entschieden ist. Ganz im Gegenteil, es bietet einen weiteren Höhepunkt, auf den nicht wenige besonders gewartet haben und auf den alle Beteiligten sogar richtiggehend hinfiebern: die Jugendtheatertage Oldenburg - das Festival für junges Theater! Realisiert wird es auch in diesem Jahr vom Theaterpädagogischen Netzwerk, dem das Oldenburgische Staatstheater , die Jugendkulturarbeit und das Ev. Bildungshaus Rastede angehören. Gespielt wird vor allem in der Exhalle am Pferdemarkt, aber auch im Theater k der Kulturetage und im Oldenburger Computermuseum. Über allem steht jedoch eine Frage: Ist das nur ein Pflichttermin für Schulklassen in Vorfreude auf die Sommerferien? Oder sollte man auch dann einen Blick riskieren, wenn man im letzten Jahrtausend geboren ist? Die Antwort auf diese Frage ist überraschend eindeutig. JUGENDTHEATERTAGE 2025 FESTIVAL FÜR JUNGES THEATER! 23 BIS 29. JUNI 2025 EXHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26121 OLDENBURG Theater der Generation Netflix Starten wir mit einem kleinen Selbstexperiment: Was denkst du, wenn du den Begriff Jugendtheater hörst? Was erwartest du? Um es vorwegzunehmen: Viele rechnen mit normalen Theaterstücken, bei denen alles etwas einfacher und unausgereifter ist, als wenn Erwachsene auf der Bühne stünden. Das mag hier und da auch so sein. Aber darum geht es nicht. Denn Jugendtheater ist eben nicht die abgeschwächte Version eines großen Vorbildes. Es ist eigenständig - mit eigenen Themen, eigener Sprache und eigenen Stärken. Abriss: In „Die schreiende Wand“ sucht der Jugendclub der Jugendkulturarbeit nach den Grenzen der Menschlichkeit. (Bild: Jugendkulturarbeit) „Natürlich geht das Weltgeschehen nicht an den Jugendlichen vorbei“, berichtet Hanna Puka , die am Staatstheater die Theatervermittlung  leitet. Dementsprechend fände man in den Stücken viele aktuelle Themen wieder. Aber: „Die Gruppen haben ihre Stücke in den meisten Fällen selbst entwickelt, also in ihre Gedanken und ihre Sprache verpackt.“ Dadurch sei das Geschehen auf der Bühne sehr nah dran an den Lebensrealitäten der jungen Schauspieler:innen. Welches Potenzial Stoffe von und für junge Leute haben, war schon mehrfach Thema beim Kulturschnack. Immer wieder haben wir dabei festgestellt, dass diese Formate sich zwar von dem unterscheiden, was erwachsene Ensembles auf die Bühne bringen. Aber: in einem positiven Sinne. Nicht ist besser oder schlechter, es ist einfach anders. Jugendtheater zeichnet sich dabei durch eine hohe Zugänglichkeit aus, die Theater für Zielgruppen attraktiv machte die sonst schwer zu erreichen sind. Denn die jungen Akteure sind Teil der Generation Netflix, sprechen die Sprache und denken die Gedanken der Binge-Watcher. Das bedeutet nicht, dass sie Streamingportale kopieren. Das bedeutet aber, dass sie die Gesetzmäßigkeiten der Gegenwart kennen und in ihre Inszenierungen einfließen lassen können. Und sowieso: wer sich von einer schauspielerischen Wucht mitreißen lassen möchte, der ist hier richtig. Denn der rote Faden ist die Leidenschaft. Sie ist fast immer zu spüren, bei leisem Flüstern ebenso wie bei lautem Gebrüll. Volles Programm: Der Rückblick auf die Spielzeit 23/24 zeigt die Vielfalt und Qualität der Jugendclubs des Oldenburgischen Staatstheaters. Erwähnenswert ist zudem die große Vielfalt der Jugendtheatertage: „Wir werden insgesamt 16 Gruppen mit etwa 250 Beteiligten sehen“, nennt Hanna Zahlen. Die Gruppen stammten zudem aus unterschiedlichen Beichen. So gebe es sowohl Schultheatergruppen als auch Freie Gruppen und die Clubs des Staatstheaters. „Das sind drei unterschiedliche Rahmenbedingungen mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten und Herangehensweisen. Damit bilden wir hier die geamte Bandbreite dessen ab, was in Schule und Freizeit aktuell möglich ist.“ Das große Missverständnis Verbreitet ist zudem der Gedanke, Jugendtheater sei Theater von Jugendlichen für Jugendliche. Davon stimmt aber nur die Hälfte. Richtig ist, dass die Akteure vergleichsweise jung sind. Aber das heißt ja nicht, dass ihre Darbietungen automatisch nur für Gleichaltrige interessant wären. Ganz im Gegenteil: Gerade für Ältere bedeuten sie faszinierende Einblicke in andere Lebensrealitäten. Beziehungswiese: In die eigene Vergangenheit. Denn die meisten Älteren waren früher selbst mal jung. Der Blick zurück auf die großen Fragen, die großen Sorgen, die großen Hoffnungen ist eine Reise zurück in die eigene Gedankenwelt von damals - angedockt an die Kontexte der Gegenwart. Nachschlag: „Aber sag's keinem“ vom Jugendclub des Staatstheaters feierte bereits am 22.3. Premiere, wird im Anschluss an die Jugendtheatertage am 30.06. aber nochmals aufgeführt. (Bild: Stephan Walzl) Kein Wunder, dass es immer wieder Jugendbücher und Jugendfilme gibt, die auch auf Erwachsene eine magische Anziehungskraft ausüben. Oder: Gerade auf sie? Es ist eine Mischung aus Unschuld, Romantik und Philosophie, die uns unwiderstehlich anzieht. Wer fühlt sich etwa bei „ Stand by me “ nicht sofort in eine Zeit zurückversetzt, in der Alltag noch Abenteuer war? Immer wieder ist es besonders faszinierend, wenn nicht ein Superheld, sondern ein junger Mensch einer großen Herausforderung gegenübersteht. Er bewegt sich nicht in ausdefinierten Korridoren aus Wissen, Erfahrung und Verpflichtung. Er ist gezwungenermaßen freier - und so ist auch das Jugendtheater. Es feiert diese Freiheit, die zu gleichen Teilen aus Unwissenheit, Gefühlschaos, Neugier und Abenteuerlust besteht. Sie ermöglicht Geschichten, die Erwachsene nicht glaubwürdig erzählen könnten. Sie dringen zum Kern eines Themas vor, legen ihn gewissermaßen frei, ohne vom Ballast des „Been there, done that“ erdrückt zu werden. ​ JUGENDTHEATERTAGE 2025 LAUTER PREMIEREN Was wir im regulären Theaterbetrieb herbeisehnen - nämlich die Premieren - gibt es bei den Jugendtheatertagen 2025 beinahe täglich. So feiern die Jugendclubs des Staatstheaters ihre Premieren allesamt im Rahmen des Festivals. Eine Übersicht findet ihr hier, das Programmheft könnt ihr hier  runterladen. Neben den Theateraufführungen zeichnet sich das Festival auch durch Workshops für junge Schauspieler:innen aus. Es geht also einerseits darum, die eigenen Fähigkeiten auf der Bühne unter Beweis zu stellen. Andererseits bieten sich auch viele Möglichkeiten, sie weiter zu verbessern.   Ohne Jugendliche keine Erwachsenen Und obwohl alles tief berührend, brüllend komisch oder einfach nur schön anzusehen ist, geht es nicht nur darum. Jugendtheater ist zwar immer auch das Spiel für das Publikum. Es ist aber natürlich auch eine Form der Ausbildung. Und die ist in diesen Zeiten vielleicht wichtiger denn je. Denn die Kultur übernimmt schon seit längerem - und immer mehr - die Aufgabe eines gesellschaftlichen Seismographen. Wie sich unser Zusammenleben entwickelt, welche Schwingungen es erzeugt und welche Störgeräusche es gibt - das ist häufig viel früher auf den Bühnen des Landes zu erleben, als es für uns im Alltag spürbar wird. Das Theater sollte deshalb eine - nennen wir es mal einfach so - realistische Karriereoption sein. Denn jeder Kulturschaffende hat eine Außenwirkung und bereichert andere mit seiner Arbeit. Auch deshalb sollte man sich die Jugendtheatertage nicht entgehen lassen. Wir können dort ein Zeichen geben, wie wichtig uns ist, was die jungen Menschen dort tun. Dreifache Premiere: Die Jugendclubs des Staatstheaters zeigen (vlnr) „Erzähl mir keine Märchen“, „Schleife“ und „Ich hab Puls“. Die ersten Aufführungen sind bereits am 21. und 22. Juni zu sehen. (Bilder: Stephan Walzl) Wie schnell es mit einer Karriere gehen kann, zeigen die aktuellen Beispiele Marie Louise Albertine Becke r und Emma Luisa Falck . Die beiden ehemaligen Mitglieder des Jugendclubs am Oldenburgischen Staatstheater studieren derzeit an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin bzw. der Filmuniversität Konrad Wolf Babelsberg. Marie haben wir einst schon für „ Die neuen vier Jahreszeiten “ im Technical Ballroom gefeiert, nun hat sie gerade Dreharbeiten für die vierte Staffel der ZDF-Erfolgsserie „Ku'damm '77“ abgeschlossen, Emma war kürzlich im Kinofilm „ Die Vorkosterinnen “ von Silvio Soldini zu sehen. „Oldenburg ist tatsächlich überproportional stark an deutschen Schauspielschulen vertreten“, weiß Hanna. „Ich könnte noch einige weitere Beispiele nennen.“ Und wer weiß: Vielleicht hängt dieder Umstand unmittelbar mit den Jugendtheatertagen zusammen. Das haben wir davon Die Jugendtheatertage sind ein Etikettenschwindel, aber vielleicht der angenehmste, den es gibt. Ja, es ist Theater von Jugendlichen. Aber nein, es richtet sich nicht nur an sie. Alle haben etwas davon: Die jungen Schauspieler:innen selbst natürlich, weil das Agieren auf der Bühne niemanden unverändert lässt. Das Publikum, weil es starke Performances von großartigen Talenten erleben darf. Die Standorte, weil hoffentlich viele junge Akteure eine längerfristige Karriere im Schauspiel anstreben und später die Theater bereichern. Und sogar die Wirtschaft, falls jemand unbedingt eine ökonomische Dimension braucht. Denn die Kultur ist eine eigener Wirtschaftszweig mit einer Bruttowertschöpfung im Volumen von über 100 Milliarden Euro. Das ist mehr als in der chemischen Industrie oder der Energieversorgung. Unter Tage: Das Kurlandtheater nimmt das Publikum in „4000 qm Hoffnung“ mit unter die Erdkruste. (Bild: Kurlandtheater) Unser Eindruck: Jugendtheater ist die Essenz des Schauspiels. Es mag hier und da weniger elaboriert sein und vielleicht fehlt die eine oder andere Reflexionsbene. Dafür ist es emotional, eindringlich, authentisch, unverfälscht. Im Grunde ist es so, wie man sich Theater wünscht: Echt, nah und stark. Die Jugendlichen liefern echte Schauspielkunst ab und sie verdienen dafür Resonanz und Applaus. Klar: die wollen nur spielen. Aber das ist so aufregend und spektakulär, dass man dabei unbedingt dabei sein sollte. Auch, wenn man längst erwachsen ist. Beziehungsweise: Gerade dann.

  • PODCAST: JUGENDKULTURARBEIT

    Der Oldenburger Verein Jugendkulturarbeit e.V. schafft nicht nur seit nun bereits 30 Jahren Räume für junge Menschen, in denen sie ihre eigene Selbstwirksamkeit entdecken können, sondern er leistet mit seiner künstlerischen, internationalen und gesellschaftspolitischen Arbeit auch einen Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft als solcher. Wie genau sie das anstellen und wie sie ihren runden Geburtstag zelebrieren werden, das hört ihr in dieser Episode. In einer Gesellschaft, die gerade den Jüngeren einiges abverlangt, von Klimakatastrophen bis hin zu immer näher schreitenden militärischen Konflikten, ist es umso wichtiger, dass junge Menschen Vertrauen erfahren und Werkzeuge an die Hand bekommen, durch die sie spüren, dass sie alles andere als ohnmächtig sind. Und genau hier setzt die Arbeit des Jugendkulturarbeit e.V. an. Sich auf eine Bühne zu trauen, dort mit den Mitteln des Theaters eine Idee zur Realität werden zu lassen, etwas aus einem Impuls heraus entstehen lassen zu können, sich mit Thematiken gemeinsam mit Gleichaltrigen aus völlig unterschiedlichen Hintergründen auseinanderzusetzen, lässt einen begreifen: meine Meinung hat Gewicht, ich bin nicht zu klein für diese Welt und sie wird auf meine Perspektiven und Positionen reagieren müssen. Dabei entstehen immer wieder Stücke und Werke, die klare Zeichen und Haltungen in unsere Stadtgesellschaft senden. Wir wollten wissen, wer hinter diesem Verein steht und diese Angebote jungen Menschen ermöglicht. Wie entstand der Verein? Was treibt sie an? Wie genau gestaltet sich ihre tägliche Arbeit? Und da der Verein in diesem Jahr auch seinen 30. Geburtstag feiert, samt zugehörigem Kultopia-Festival , war dies der perfekte Anlass, zwei der drei geschäftsführenden Personen, Gina Schumm und Jörg Kowollik, bei uns im Studio zu begrüßen und uns genau hierüber mehr erzählen zu lassen. Wir wünschen euch viel Spaß bei der Episode! Weitere Informationen zu den Angeboten des Vereins sowie die genaue Übersicht aller Programmpunkte zum Jubiläum findet ihr unter: www.jugendkulturarbeit.eu

  • FÜR DEMOKRATIE UND MENSCHLICHKEIT

    In einer Welt, die scheinbar zunehmend in Schieflage gerät und immer stärker unter Spannung steht, ist es wichtig und richtig, dass auch die Kultur ihre einende und verbindende Stimme erhebt. Das Duo Ka č ka (gesprochen "Katchka") steht für diese Einstellung exemplarisch. Dies werden sie nun auch bei einem Konzert im Kulturzentrum PFL unter Beweis stellen. Was euch dabei an diesem Abend genau erwarten wird, das lest ihr hier. Schaffen den Balanceakt zwischen Kunst und gesellschaftlichem Engagement mit Bravour. Foto: Kačka KAČKA KONZERT FÜR DEMOKRATIE UND MENSCHLICHKEIT 11. JUNI 2025 19:30 UHR (EINLASS 18:00 UHR) EINTRITT FREI KULTURZENTRUM PFL PETERSTRAßE 3 Heutzutage sind es oftmals die Stimmen des Hasses und der Polarisierung, die nur allzu oft den öffentlichen Diskurs bestimmen. Gerade in solchen Momenten wird die Rolle, die der Kultur zu Teil wird, umso entscheidender. Denn Sie ist mehr als bloße Unterhaltung, sondern dient ebenso als Sprachrohr für den Dialog miteinander, für Empathie und Verständigung. Dort wo Ressentiments erneut an Raum gewinnen, die man längst glaubte hinter sich gelassen zu haben, hat das künstlerische Schaffen die Kraft, Brücken zwischen uns allen zu bauen. Und zwar indem es einen entscheidenden Punkt in den Mittelpunkt rückt: das universelle Menschsein und die Menschlichkeit selbst. Sei es Theater, Literatur oder Musik: Kunst schafft Räume in denen wir - unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Einstellung - gemeinsame Erfahrungen machen und diese miteinander teilen. Und wenn man sich diesen wirklich öffnet, dann erhalten wir auch Zugang zu den Welten anderer Menschen, lernen ihre persönlichen Geschichten und Lebensrealitäten kennen und können diese besser nachvollziehen - so unterschiedlich sie auf den ersten Blick auch scheinen. Im besten Fall werden Veranstaltungen so zu einem Ort, der Menschen auf Augenhöhe miteinander in den Austausch bringt. Und tollerweise steht uns ein solches Konzert im Oldenburger Kulturzentrum PFL bevor. Setzt ein Zeichen der Solidarität und lasst euch diesen Abend im PFL nicht entgehen. Foto: Kačka Ein Duo mit Haltung Das Duo Kačka (gesprochen "Katchka"), bestehend aus Alexander Kalina und Nikolai Karrasch, setzt genau dort an und trifft mit seiner Arbeit exakt die Nische zwischen Kunst und gesellschaftlichem Engagement. Der Name des Duos, das seit Juni 2023 existiert, entstammt dabei der russischen Sprache und bedeutet übersetzt so viel wie "Schaukelei". Kaum etwas könnte den Balanceakt zwischen schwerer Geschichtskost, tragischer Realität und heiterer Leichtigkeit wohl besser repräsentieren, den das Repertoire der beiden bietet. Kalina und Karrasch haben es sich zur Aufgabe gemacht, osteuropäische, jiddische Musik sowie die Musik der Sinti und Roma zu zelebrieren und zugleich diese in den Kontext aktueller politischer Geschehnisse zu setzen. Nicht anders wird es auch bei der bevorstehenden Veranstaltung im Kulturzentrum PFL sein, an der alle Interessierten kostenfrei ab 19:30 teilhaben können, die sich dem Motto "Für Demokratie und Menschlichkeit" verschrieben hat. Bereits ab 18:00 Uhr ist Einlass und als gastronomisches Angebot wird das hauseigene Caf é Ludwig No. 3 seine Türen öffnen. Um 19 Uhr eröffnet dann die Vorband "Futuristics" der Paulus Schule Oldenburg, bevor dann Kačka ihre Stimmen mit der Gitarre verbinden und mit ihren Worten humorvoll, erzählerisch, direkt und scharf durch den musikalischen Abend führen. Zu erleben gibt es dabei ein Programm, dass sich dem zunehmenden Antisemitismus und Fremdenhass mit klaren Positionen und der ausdrucksstarken Musik dieser Völker entgegenstellt. Daher ist dieser Abend im PFL und die Teilnahme an diesem so viel mehr als ein bloßer Termin im Kulturkalender. Er ist sowohl eindeutiges Zeichen als auch kraftvolle Solidaritätsbekundung. Denn wir als Gesellschaft sind nur dann wirklich stark, wenn wir die Vielfalt feiern. Dieses Konzert ist der perfekte Anlass, genau das zu tun.

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