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  • GEHT'S AUCH OHNE?

    Kultur ist so alt wie die Menschheit. Schon immer haben wir nach Möglichkeiten gesucht, uns künstlerisch auszudrücken. Das gehört untrennbar zu unserem Wesen und unterscheidet uns von allen anderen. Doch nun werden erste Fragen gestellt, ob wir Kultur im herkömmlichen Sinne überhaupt noch brauchen. Schließlich schwinde ja das Publikum. Warum da einerseits was Wahres dran ist, andererseits die Schlussfolgerung aber grundverkehrt ist, erklären wir hier. Es kam aus dem Nichts. Zwar berichten in diesen Monaten beinahe alle großen Leitmedien (wie auch wir) über die schwierige Lage der Kultur und zunehmend bekommen die entsprechenden Artikel eine pessimistische Färbung. Schließlich glaubten wir alle, mit dem Abklingen der Corona-Pandemie das Gröbste hinter uns zu haben. Doch weit gefehlt! Zum einen stellen wir fest, dass die Verwerfungen im Verhalten der Menschen größer sind als angenommen bzw. erhofft. Und zum anderen türmen sich neue Probleme auf. Nun aber wagte eine große deutsche Tageszeitung den nächsten Schritt: In einem Artikel vom 10. Oktober deutete sie das Ende der Kultur, wie wir sie kennen, zumindest an (siehe Kasten). Und das kam dann doch: aus dem Nichts. Ist es wirklich so schlimm? Und falls ja, wie müsste unsere Reaktion darauf aussehen? Wir haben uns unabhängig davon mit Jinke Fanselau, Manuela Girgsdies und Ulli Bohmann von den Kulturgesichtern0441 getroffen, dabei aber auch über die aktuelle Lage gesprochen. Um es vorwegzunehmen: Schwarzmalen mochte niemand von ihnen. Dass die Lage schon wieder ernst ist, würde aber auch keiner abstreiten. Irgendwas ist immer Drehen wir die Zeit mal kurz zurück: Als ab Mitte 2020 die Corona-Hilfen anliefen, zeigte sich in der Praxis schnell, dass viele Menschen davon gar nicht profitieren konnten; tragischerweise vor allem jene, die am stärksten darauf angewiesen waren, nämlich die Solo-Selbständigen der Kulturbranche. Sie mussten sich erst selbst eine Stimme verleihen, um auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Das passierte durch die Kulturgesichter. Still wurde es nach der Phase der Lockdowns aber nicht ohne sie, sondern um sie. Als der enorme Bedarf an Unterstützung zurückging, traten die Kulturgesichter zeitweise etwas weniger offensiv in Erscheinung, blieben hinter den Kulissen aber aktiv im Gespräch mit allen relevanten „Stakeholdern“ des Kulturbetriebs. Was positiv ist, zeigt es doch, dass sich das Veranstaltungsgeschäft im Sommer zu normalisieren schien. Das ultimative Ziel des eigenen Handelns ist schließlich, sich nicht unverzichtbar sondern überflüssig zu machen. War das etwas erreicht? „Nein, leider nicht“, berichtet Ulli mit spürbarem Frust in der Stimme. „Die Anfragen bei uns nehmen wieder zu. Die Akteure sind verunsichert.“ Obwohl die Entwicklung zwischenzeitlich stimmte, blieben Störgefühle niemals ganz aus - und nahmen unterschwellig immer weiter zu. An die Stelle von Corona rückten nahtlos die Kosten. Seit dem Frühjahr 2021 steigt die Inflation und erreichte zuletzt Rekordwerte um zehn Prozent. Und das sei noch nicht das Ende der Fahnenstange, warnen Ökonomen. Manche Menschen wissen aber schon jetzt nicht mehr, wie sie ihre Energierechnungen oder auch die täglichen Einkäufe finanzieren sollen. Und was streicht man dann im persönlichen Haushaltsbudget? Genau, das vermeintlich Verzichtbare, nämlich die Nahrung für den Geist. Bei dem merkt man es nämlich erst später, wenn er verhungert. Konstant relevant So weit soll es aber gar nicht kommen. Deshalb gewinnen fundierte Reaktionen an Bedeutung - und die Kulturgesichter sehen sich als Teil davon. „Wir suchen weiterhin unermüdlich den Dialog mit Politik und Verwaltung“, erklärt Manuela. „Ziel ist es, sich regelmäßig über die aktuelle Situation austauschen.“ Wichtig ist den Kulturgesichtern dabei auch der Kulturbegriff. Neben den öffentlich geförderten Einrichtungen gäbe es auch die Club- und Kneipenkultur, die sich mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sieht, aber ohne Zuschüsse auskommen muss. „Wir sollten auch an die vielen Menschen denken, die in diesem Bereich ihr Geld verdienen.“ Dafür gibt es einen konkreten Anlass. Die Absagen von Konzerten nehmen in allen Bereichen wieder zu, andere laufen eher schlecht als recht. In Zuge dessen steigen auch die Anfragen bei den Kulturgesichtern. Sie übernehmen dabei wieder die Rolle des Netzwerks, des Multiplikators und der Interessenvertretung: Ersteres, um Probleme zu identifizieren, um Kontakte herzustellen und Austausch zu ermöglichen. Letzteres, um die Erkenntnisse aus diesem Prozess gebündelt an Entscheidungsträger:innen weiterzuspielen. Man hoffe dabei auf Verständnis und Entgegenkommen, schließlich stehe viel auf dem Spiel: „Wenn wir die Kultur erhalten wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen in ihren Jobs bleiben können“, warnt Jinke. Sonst knipst beim nächsten Mal vielleicht niemand mehr das Licht an und die Boxen bleiben stumm - falls sie überhaupt jemand aufgestellt hat. Der Blick geht aber auch in die Zukunft. Denn welcher junge Mensch wählt eine Karriere in einem Bereich, über dem das Damoklesschwert des plötzlichen Endes schwebt? „Die Jobs müssen für den Nachwuchs attraktiv sein“, stellt Manuela fest. Deshalb seien strukturelle Veränderungen nötig. Ähnliches gelte auch für öffentlichen Förderformate, die häufig unpassend, umständlich oder in der Szene gänzlich unbekannt seien. Gemeinsam - mit Politik, Verwaltung und einer Szene-Vertretung - könne man alles so entwickeln, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie hin soll. Und darum gehe es ja schließlich allen. (Not so) Hidden Champion Nun kann man natürlich zurecht darauf verweisen, dass die Kultur in den vergangenen Jahren enorme Summen an Unterstützung erhalten hat. Insbesondere über das „Neustart Kultur“-Programm - oder in geringerem Maße z.B. über „Niedersachsen dreht auf“ - flossen etliche Mittel in sinnvolle Projekte, wie wir in den vergangenen Monaten bereits vielfach festgestellt haben. Dem wäre aber hinzuzufügen: Natürlich ist das passiert! Wir sprechen hier nicht von einer Kleckerbranche unterhalb der ökonomischen Wahrnehmungsschwelle, sondern von einem volkswirtschaftlichen Giganten. Die Kulturbranche beschäftigt 1,2 Mio. Menschen, ihre jährliche Bruttowertschöpfung liegt bei über 100 Milliarden Euro. Das ist mehr als die gesamte chemische Industrie oder die deutsche Energieversorgung. „Über die sogenannte Umwegerentabiliät holt die Branche viele Gelder an ihren Standort, weil Kultur-Besucher:innen in der Regel auch Essen gehen und/oder übernachten“, weiß Ulli. Wem also die inhaltliche, kommunikative und emotionale Wirkung der Kultur noch nicht ausreicht, um sie ausreichend wertzuschätzen, kann beruhigt sein: Auch wirtschaftlich ist sie unverzichtbar. Und trotzdem musste die Kultur in den letzten dreißig Monaten vieles aushalten. Das ist ihr gelungen, doch offensichtlich ist das Ganze noch nicht ausgestanden. Und denkt man aktuelle Tendenzen und die Thesen der SZ weiter, wird es nun tatsächlich existenziell. Ging es bei den Lockdowns immer „nur“ um temporäre Beeinträchtigungen, wäre ein anhaltender Verhaltenswandel des Publikums ein weitaus größeres Problem. Eine Frage der Qualität scheint es jedenfalls nicht zu sein: Die Angebote der Oldenburger Kulkturszene sind gleichzeitig publikumsorientiert und inhaltsstark. An ihnen dürfte es nicht liegen, wenn die Resonanz fehlt. Doch woran dann? Es gibt noch viele Fragen und Unsicherheiten, doch eines steht bereits fest: Es wird nicht ausreichen, allein monetär auf die aktuelle Situation zu reagieren. Was nützen üppige Budgets für große Produktionen, die niemand sieht? Die Bindung zwischen Kultur und Publikum gewinnt in diesen Zeiten immer weiter an Bedeutung. Offensichtlich müssen wir die Kultur - und vielleicht sogar das Ausgehen an sich - erst wieder in den Alltagen der Menschen verankern. Und dafür scheint ein Austausch, wie ihn die Kulturgesichter anstreben, tatsächlich ein sinnvolles Vorhaben zu sein. Impulse und Initiativen Die Kulturgesichter möchten aber nicht nur Ansprechpartner:innen sein, sie wollen auch Anstöße geben, um die Branche bzw. die Soloselbstständigen weiter zu professionalisieren. Deshalb bekommen auch Veranstaltungen einen hohe Bedeutung, die Wissen und Know-how transportieren. Wie etwa die Workshop-Tour von Musikland Niedersachsen, bei der Musiker:innen lernen können, ihre Selbstvermarktung auf ein neues Niveau zu heben. Sie gastiert auch hier in Oldenburg, unterstützt von den Kulturgesichtern. (POP)SESSION WORKSHOP-TOUR 2022 BUSINESS BASICS, STORYTELLING UND BRANDBUILDING FÜR MUSIKER:INNEN SAMSTAG, 15. OKTOBER, 10 - 17 UHR (ANMELDUNG) CORE OLDENBURG HEILIGENGEISTSTRAßE 8 26122 OLDENBURG Gemeinsam mit anderen Vereinigungen, mit denen man zum Teil im Oldenburger Portal vereint ist, wollen die Kulturgesichter weiterhin - oder jetzt erst Recht - für alle ansprechbar sein und der Kulturszene eine Stimme verleihen. Und zwar nicht nur, um aktuelle Probleme zu beseitigen, sondern auch, um eine nachhaltige Entwicklungen aufzuzeigen. Ullis Appell: “Lasst uns das zusammen tun. Lasst uns gemeinsam Oldenburg voranbringen!“ Die Frage sei nicht, ob man etwas für die Kultur und ihre Akteure tun müsse, sondern was. Und die Antwort auf diese Frage - die findet man am besten gemeinsam, sind die drei Kulturgesichter überzeugt. Comeback oder Knockout? Wie geht es weiter? Das weiß niemand. Keine einzige Krise der letzten zweieinhalb Jahre war auch nur ansatzweise vorauszusehen; zumindest nicht für Laien. Die Anzahl und Wirkungskraft dieser Ereignisse ist - vor allem in dieser Kombination - einzigartig. Wäre die deutsche Kultur eine Boxerin, würde sie gerade angeschlagen in die Ringseile taumeln. Die Frage ist: Was tun wir? Fächeln wir ihr in der Pause Luft zu, schließen die Cuts, geben ihr Wasser und motivieren sie für die nächste Runde? Oder werfen wir einfach das Handtuch? Diese Fragen muss jeder für sich selbst beantworten, aber letztlich stehen wir auch gesamtgesellschaftlich vor der großen Frage: Wollen wir Kultur? Oder geht's auch ohne? Unsere Antwort ist vollkommen klar. Und wir hoffen: Eure auch!

  • GANZ SCHÖN NOBEL

    Die russische Menschenrechtsorganisation „Memorial“ erhält den diesjährigen Friedensnobelpreis, gemeinsam mit der ukrainischen Organisation Center for Civil Liberties und dem inhaftierten belarussischen Menschenrechtsanwalt Ales Bjaljatzki. Was dieses wichtige Zeichen in den aktuellen Zeiten aber mit Oldenburg und Kultur zu tun hat? Das erzählen wir euch hier! Denn vor 8 Jahren, im Jahr 2014 erhielt Prof. Dr. Irina Scherbakowa von der Stadt Oldenburg für ihr Engagement den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik. Inwiefern das nun mit dem Friedensnobelpreis zusammenhängt? Das lässt sich ganz einfach erklären: Irina Scherbakowa ist eines der Gründungsmitglieder der russischen Organisation „Memorial International“. Schon damals stand für die Jury des Carl-von-Ossietzky Preises einhellig fest, dass sie den Preis für sowohl ihren Einsatz in wissenschaftlicher Hinsicht als auch für ihr zivilgesellschaftliches Engagement verdient! Denn dieses gehe über die Aufarbeitung der Schicksale Betroffener hinaus und beleuchte grundsätzlich die damit einhergehenden und - wie sich nun zeigt - immer noch brandaktuellen Menschenrechtsfragen in der russischen Förderation. Ein wichtiges Zeichen Sich für den Frieden und gegen jede Form von Krieg oder gewalttätigen Regimen einzusetzen verliert also niemals an dringender Notwendigkeit. Das Nobelpreiskomitee unterstreicht dies nun nochmal mit seiner aktuellen Entscheidung im Angesicht des anhaltenden Krieges in der Ukraine und den Menschenrechtsverletzungen in Russland und Belarus. Auch Jürgen Krogmann als Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg findet: „Trotz zunehmender Drangsalierungen und letztendlich dem Verbot der russischen Organisation im Dezember 2021 setzt ‚Memorial‘ seine mutige, wichtige Arbeit unter schwierigsten Bedingungen innerhalb und außerhalb Russlands fort. Ich gratuliere der Organisation und Irina Scherbakowa als Gründungs- und Vorstandmitglied persönlich zu dieser hohen Auszeichnung!“ Eine freie Kultur braucht Frieden Eine solche Verleihung wie der Friedensnobelpreis ist auch für die Kultur deshalb von Bedeutung, weil erst der Frieden und die Demokratie der Kultur ihre freie Entfaltung ermöglichen, mit der sie wiederum durch ihre Inhalte auch zum Erhalt dieser Strukturen beiträgt. Auch an uns hier auf dem Kulturschnack ist der Krieg in der Ukraine in diesem Zuge selbstverständlich nicht vorbeigegangen und wir haben uns schon früh mit dem Engagement der Stadt Oldenburg selbst aber auch dem der Kulturszene beschäftigt, weil von Beginn an aus allen Richtungen fantastische Projekte entwickelt wurden, die echte Hilfe bedeuteten: ZUM ARTIKEL: DIE KULTUR ZEIGT FLAGGE Auch konnten wir mit dem Regieassistenten Lukasz Lawicki aus dem Oldenburgischen Staatstheater sprechen, der nach Ausbruch des Krieges in die Ukraine fuhr, um den Menschen vor Ort eine Stimme zu geben und im Rahmen des Technical Ballrooms nun ein Stück entwickelt hat, das dort unter dem Titel „14 Tage Krieg“ am 05.01.2023 seine Premiere feiern wird: ZUM ARTIKEL: 14 TAGE KRIEG Somit ist jedes Zeichen und der Einsatz für den Frieden innerhalb einer Gesellschaft auch immer ein Zeichen für die Freiheit und den Wert kulturellen Schaffens.

  • EINE TÖDLICHE PREMIERE

    Das Repertoire des Theater Laboratoriums wimmelt nur so von Klassikern, die man gar nicht oft genug sehen kann. Nicht nur weil der Stoff so hervorragend umgesetzt ist, sondern auch, weil Pavel Möller-Lück und Barbara Schmitz-Lenders ihn stets tagesaktuell zu variieren wissen. Nun steht aber die Premiere eines neuen Stücks an. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Es ist kriminell unterhaltsam. Nein, bewerben muss man Premieren des Theater Laboratorium eigentlich nicht. Normalerweise empfiehlt es sich, gleich im September nach Karten zu schauen, wenn man bis zum Jahresende noch Hoffnung haben will. Normalerweise. Aber was ist schon noch normal? Zwar muss sich das Laboratorium weiterhin keine Sorgen machen, dass es nicht genug Aufmerksamkeit bekommen würde. Jedoch sind die Chancen auf Karten für das gewünschte Stück etwas größer geworden. Wenn die postpandemische Lethargie irgendwas Gutes hat - dann das! Allerdings greifen bei Premieren wie dieser doch die alten Mechanismen. Wenn sich bekannte Qualität mit der Besonderheit des Neuen verbindet, dann setzt sich das auch in diesen Zeiten durch. Und so sind die ersten Vorstellungen des neuen Stücks „Ein tödliches Geheimnis“ bereits ausverkauft und für viele weitere gibt es nur noch Restkarten. Aber: Es gibt sie! Und man sollte sich am besten schnell eine sichern. Wenn nach der Premiere erstmal die Mundpropaganda anläuft („Das musst du gesehen haben!“), dann wird es sicher nicht einfacher. EIN TÖDLICHES GEHEIMNIS EINE KRIMIKOMÖDIE DONNERSTAG, 13. OKTOBER, 20 UHR (AUSVERKAUFT) FREITAG, 14. OKTOBER, 20 UHR (AUSVERKAUFT) SAMSTAG, 15. OKTOBER, 18 UHR (AUSVERKAUFT) SONNTAG, 30. OKTOBER, 18 UHR (KARTEN) FREITAG, 4. NOVEMBER, 20 UHR (KARTEN) SAMSTAG, 5. NOVEMBER, 20 UHR (KARTEN) SONNTAG, 6. NOVEMBER, 18 UHR (KARTEN) THEATER LABORATORIUM KLEINE STRAßE 8 26121 OLDENBURG Hardcore für Hartgesottene? Schon der Titel des Stücks deutet an, dass es dieses Mal in eine andere Richtung geht als sonst. Die Vergänglichkeit spielt beim Laboratorium zwar oft eine Rolle, aber in der Regel philosophisch und hintergründig. Man geht mit ihr um, man respektiert ihre Unausweichlichkeit - aber man stellt Fragen dazu und begibt sich auf die Suche nach Antworten. Beim neuen Stück ist das etwas anders. Der Tod begegnet uns hier nicht als das langsam näherrückende Ende des Seins - sondern als plötzlicher Eintritt. “Da werden Intrigen geschmiedet, Spuren verwischt, Morde begangen und Beweise vernichtet“, heißt es von Seiten des Theaters zum Stück. Erleben wir hier etwa ein Hardcore-Laboratorium für Hartgesottene? Nein, keine Sorge: Das Stück ist weder düster noch martialisch. Ganz im Gegenteil: Trotz des namensgebenden Delikts handelt es sich um eine Kriminalkomödie. Und so ahnt man bereits, dass bei diesem Stück womöglich einiges anders ist als sonst, aber ein Wesensmerkmal des Laboratoriums garantiert bleibt: Der wunderbare Wechsel der Emotionen. In einem Moment ist man tief bewegt, im nächsten lacht man schallend. Diese Gefühlswogen sind es, die unsere Besuche im Laboratorium so unvergesslich machen. Knobeln und kombinieren Und was ist das Schönste an einem guten Krimi? Genau, das Knobeln! Wer war es? Warum, mit welchem Motiv? Und vor allem: Wie? Diese Fragen gehören - trotz der eigentlich tragischen Ursachen - zu den schönsten Rätselvergnügen, die wir kennen. Und was das angeht, kommen wir beim tödlichen Geheimnis voll auf unsere Kosten. Das Publikum beobachtet nicht etwa nur einen Kommissar bei seiner Arbeit (und bei seinen mannigfaltigen privaten Konflikten, schöne Grüße an den Tatort). Nein, es wird Teil des Ermittlungsteams und darf lustvoll miträtseln! Dass das Ganze - wie schon erwähnt - nicht nur spannend, sondern auch komisch wird, sorgt für eine betont leichte Note bei dieser Premiere. Man geht sicher nicht zu weit, diesem neuen Stück das Potenzial zu einem weiteren Dauerbrenner zu bescheinigen. Und zwar nicht, obwohl es etwas anders ist als andere Stücke des Theater Laboratoriums - sondern gerade deswegen! Denn ein waschechter Krimi mit einer schönen „Whodunit“-Story hat bisher gefehlt, ohne dass es uns vollends bewusst war. Wir spüren es erst jetzt, wo uns dieser geheime Wunsche bereits erfüllt wurde. Das erfolgreiche Figurentheater war uns also mal wieder einen Schritt voraus - wie fast immer. Wie es das schafft? Bleibt wohl ein Geheimnis. Aber zum Glück: kein tödliches.

  • IMMER SCHÖN NEUGIERIG BLEIBEN

    Die Story ist alt, aber sie wird dadurch nicht schlecht: Im November 1989 spielten mit Nirvana eine der größten Bands der Rockgeschichte in Oldenburg. Genauer gesagt: im Kulturzentrum Kurlandallee, vor einer Handvoll Leuten. Dass die dort waren, ist allerdings kein Zufall: Entweder kannten sie sich hervorragend mit der Sub Pop-/Seattle-Szene aus - oder sie hatten eine gesunde Neugier mitgebracht. Und die sollten wir alle dringend wiederentdecken, um nicht wieder solche Chancen zu verpassen. Zugegeben: 1989 ist schon ein Weilchen her. Es gibt aber auch aktuellere Beispiel dafür, dass man große Bands in kleinen Klubs sehen kann, wenn man rechtzeitig neugierig genug ist. Ob Annenmaykantereit mit dreihundert Leuten im Cadillac oder die Leoniden als Vorband von Captain Planet im Ama: es ergeben sich immer wieder fantastische Gelegenheiten, die Stars der Zukunft in Oldenburg zu erleben - wenn man neugierig bleibt und die Augen/Ohren offen hält. Warum erwähnen wir all diese Selbstverständlichkeiten? Weil es keine (mehr) sind. Dem Kulturpublikum sind offenbar Entdeckergeist und Experimentierfreude abhanden gekommen. Wer noch keinen großen Namen hat, hat es zunehmend schwer, sich im Grundrauschen der unzähligen Veranstaltungen durchzusetzen. Und so kommt es, dass ein Vorbericht zu einer spannenden neuen Konzertreihe - und genau das sollte dieser Beitrag ursprünglich werden - zu einem verunsicherten Bestandsaufnahme verkommt. SECHS ABENDE, ZWÖLF KONZERTE 14. OKTOBER, 20 UHR YUNUS // ANN DOKA (TICKETS) 15. OKTOBER, 20 UHR ANTIHELD // SAINT CHAOS (TICKETS) 20. OKTOBER, 20 UHR ANNA ERHARD // KUOKO (TICKETS) 22. OKTOBER, 20 UHR EAGLE AND THE MEN // DIE KERZEN (TICKETS) 27. OKTOBER, 20 UHR PANO // STANOVSKY (TICKETS) 28. OKTOBER, 20 UHR BLAUFUCHS // PALOMA & THE MATCHES (TICKETS) KULTURETAGE BAHNHOFSTRAßE 11 26122 OLDENBURG Theorie vs. Realität Es geht um das neue Konzertformat „DÖ!“. Die Kulturetage betritt damit ein Stück weit neuen Boden, denn hier stehen nicht die ganz bekannten Künstler:innen im Mittelpunkt, sondern junge, weitgehend unbekannte Acts und Geheimtipps. Das Besondere: Pro Abend spielen zwei Bands gleichberechtigt. Es gibt also keine Vorgruppe, dafür zwei Hauptacts. Für Entdecker:innen ist das ideal: So hat man die doppelte Chance, die nächsten Nirvana zu sehen. Zwei junge Acts zum Preis von einem? Da müssen die Leute der Kulturetage ja die Bude einrennen. Würde man zumindest denken. Aber wer die unten folgende Spotify-Playlist mit den den oben stehenden Konzertterminen vergleicht, wird bemerken: Da fehlt was. Da fehlt sogar einiges, nämlich die ersten vier Bands. Und das bedeutet rein rechnerisch, dass zwei Konzerte der DÖ-Reihe - nämlich die ersten beiden am 6. und 9. Oktober - in den April 2023 verlegt wurden. Warum? Die Antwort ist so einfach wie traurig: Weil aktuell keine ausreichende Nachfrage vorhanden war. „Wir können mit den zurzeit geringen Ticket-Vorverkäufen keine halbwegs wirtschaftliche Umsetzung dieser Konzerte gestalten“, erklärt Pressesprecherin Bettina Stiller. Den Mut verliert sie trotzdem nicht: „Uns fällt jede Absage oder Verlegung von Veranstaltungen alles andere als leicht, aber wir wollen positiv in die Zukunft schauen und diese besonderen Abende aus der Reihe DÖ! in 2023 wieder aufnehmen.“ Starke Marke, schwacher Start Damit ist die Kulturetage in „bester Gesellschaft“: Im Frühjahr wurde das Aquanautik-Festival erst verlegt dann abgesagt, im Sommer konnten das bar:rocco Festival und Einfach Kultur nicht so viele Menschen begeistern wie erhofft und nun verläuft auch der Start von DÖ holprig. Auffällig: Etablierte Events wie der Kultursommer oder das Watt en Schlick Festival in Dangast liefen parallel dazu hervorragend. Auch hier schient es so zu sein, dass die Kleinen am stärksten leiden. Dabei hat die Kulturetage vieles richtig gemacht: Ein innovatives Format geschaffen, das in den Social Media und auf der Website gut und genau erklärt wurde. Der Name DÖ! knallt und irritiert, sorgt also für Aufmerksamkeit. Gleiches gilt für den visuellen Auftritt. Letztlich hat die Kulturetage eine Marke kreiert, die man eigentlich nicht übersehen kann. Und auch die Bandauswahl kann überzeugen. Nicht jeder Act trifft den breiten Geschmack; bzw. noch nicht. Damals in Etzhorn klangen Nirvana auch noch nicht nach „Smells like Teen Spirit“. Es gibt aber eine spannende Mischung mit ganz unterschiedlichen Akzenten, wie ihr oben Nachhören könnt. Warum der Start trotzdem nicht geklappt hat? Unter anderem darüber haben wir uns mit Initiator Mirco Noffke unterhalten. Sekundärtugend Neugier Nun ist es wahrscheinlich zu kurz gegriffen, nur fehlende Neugier verantwortlich zu machen, Da gibt es noch viel mehr: Die Nachwehen der Corona-Pandemie und deren Verwerfungen in den Veranstaltungskalendern zum Beispiel. Die Vorsicht, die in Teilen des Publikums geblieben ist. Oder auch die Kostenfaktoren Inflation und Energie, die große Löcher in den individuellen Budgets verursachen und direkt auf die Kultur durchschlagen. Denn was spart man sich als erstes, wenn kein Geld mehr da ist? Das Essen? Die Kleidung? Nein, das Konzert. Mehr dazu haben wir hier zusammengefasst - auch wenn es damals vorwiegend um Corona ging. Was also tun? Schwer zu sagen. Wenn das Geld fehlt, kann man schwer argumentieren, dass man sich trotzdem ein Konzert ansehen soll. Vielfach ist das Geld aber weiterhin da, nur das Ausgehverahlten ist (noch) verändert. Unser Appell an all jene, die es sich leisten können, ist deshalb: Nutzt die wunderbaren Gelegenheiten, die sich in Oldenburg bieten. Geht hin, schaut euch das an, hört gut zu, erzählt es weiter. Was wir uns auf Dauer nämlich nicht leisten können, ist Lethargie. Wenn wir die Angebote nicht wahrnehmen, wird es sie irgendwann nicht mehr geben. Das ist die Gesetze des Marktes. Und die gelten leider auch für die Kultur. Deshalb: Immer schön neugierig bleiben! Dann sieht man auch die nächsten Nirvana. Live in Oldenburg.

  • VORSICHT, POESIE!

    Kennt ihr den Betriff Metrophobie? Wörtlich übersetzt handelt es sich dabei um eine irrationale Angst vor... Poesie!? Ja, genau. Und was uns zunächst kurios erscheint, ist bei genauerem Hinsehen durchaus symptomatisch für unsere eng getaktete, hoch verdichtete Gegenwart. Denn letztlich steht auch diese Angst für: Druck. Eine gute Therapieformen, um persönliche Ängste wie diese zu überwinden ist die Konfrontation. Also, lasst uns reden! Der ideale Ort dafür ist die Lesebühne Metrophobia des Literaturhauses Oldenburg - und das bereits seit zwölf Jahren. Sie feiert die Wortkunst - und lädt uns dazu ein, sich von der Faszination Sprache mitreißen zu lassen. Dabei geht es weniger um eine Konfrontation in einen herkömmlichen Sinne, sondern eher um eine Begegnung, um ein Annähern und um ein Verstehen. Denn eins ist vollkommen klar: Poesie - oder Slam Poetry - holt nicht alle Menschen an derselben Stelle ab. Jeder hat einer andere Affinität zur Sprache. Bei den einen ist sie stark ausgeprägt, bei den anderen weniger. Deshalb braucht es Orte, die keine Schwellen haben, wo jeder eingeladen und willkommen ist. Der Rest kommt von selbst. LESEBÜHNE METROPHOBIA DIENSTAG, 11. OKTOBER, 19:30 UHR (RESERVIERUNG) ENTRITT: 6,- € / ERM. 5,- €* MUSIK- UND LITERATURHAUS WILHELM13 LEO-TREPP-STRAßE 13 26121 OLDENBURG * FÜR STUDIERENDE GIBT ES DAS ASTA-KULTURTICKET Kleine Welten Denn etwas anderes ist auch vollkommen klar: Dass Sprache letztlich alles begeistern kann, wenn man einen geeigneten Zugang bietet. Und das nicht zuletzt deshalb, weil es nicht nur darum geht, wie etwas gesagt wird, sondern auch was gesagt wird. Poetry Slams zeigen Sprache, wie man sie sonst selten erlebt. Wie sich das anfühlt, haben wir hier schon einmal beschrieben. Sie geben aber immer auch inhaltliche Impulse. Kluge Gedanken und raffinierte Einfälle zu den großen Themen der Welt und zu den kleinen Problemen im Alltag. Auch dieser Input ist wertvoll: Der altgriechischen Herkunft nach bedeutet Poesie „Erschaffung“. Und genau das passiert bei Metrophobia: Mit der Sprache werden kleine (Gedanken-)Welten erschaffen, in denen jeder*r für die Dauer des Slams ein Zuhause hat. Große Wirkung Metrophobia ist ein ideales Format, um einer etwaigen Poesiefurcht entgegenzuwirken, vor allem aber um - erstmals oder tiefer - in die Welt der Wortakrobatik und Silbenrhythmik einzutauchen: Die Lesebühne verklärt sie nämlich nicht zum Fachgebiet weniger Spezialist:innen, sie macht sie zu einer gemeinsamen Sache von Protagonist:innen und Publikum. Der Schlüsselbegriff ist: Nähe. Im überaus charmanten Wilhelm13 kommt man sich schon ganz zwangsläufig nahe, aber bei diesem Format passiert es nicht nur räumlich, sondern auch persönlich. Dafür sorgt auch das „Personal“: Metrophobia-Mitgründerin Annika Blanke wird höchstselbst auf der Bühne stehen und den Blick zurückwerfen auf die Zeit, die zwischen der letzten Veranstaltung im Februar 2020 und dem Neuanfang im Oktober 2022 liegt. Was diese Phase angeht, gilt dasselbe, was oben im Teaser steht: Lasst uns reden! Ein Gast beim Neuanfang ist der Klavier-Kabarettist Matthias Reuter aus Oberhausen. Er war bereits zu Gast im Fernsehen ("Die Anstalt") sowie in verschiedenen Rundfunksendungen unter anderem der Sender Deutschlandfunk, WDR 2 sowie WDR 5. Ebenfalls mit dabei ist die Dortmunderin Eva-Lisa. Seit 2018 stürmt sie über die Slambühnen im deutschsprachigen Raum. 2019 stand sie im Finale der Poetry Slam-Landesmeisterschaften NRW - bei denen sie drei Tage nach Metrophobia übrigens wieder antritt. Wir drücken die Daumen! Metrophobia vs. Metrophobia Wie genial ist es eigentlich, ein Veranstaltungsformat nach einer Angst zu benennen - und mit eben diesem Format schon ein probates Gegenmittel zu liefern? Natürlich gibt es keinen Heilungsanspruch im medizinischen Sinne. Wer tatsächlich unter Metrophobie leidet, wird sie nicht an einem Abend ihm Wilhelm13 überwinden. Zumindest aber taugt die Atmosphäre dazu, den Reiz und die Kraft der Worte besser zu verstehen - und vielleicht sogar eine eigene Begeisterung zu entdecken, also die „Phobia“ in eine „Philia“ zu verwandeln. Dann heißt es in Zukunft sicher nicht mehr: Vorsicht, Poesie!

  • NUR KEINE ANGST!

    Kennst du eigentlich Igor Levit? Den Pianisten-Schrägstrich-Politaktivisten? Ja? Respekt, Du kennst dich aus! Nein? Macht nichts, das war bei uns vor einigen Monaten auch nicht anders. Nur kurz: Der 35-jährige ist ein begnadeter Künstler am Flügel. Ohne Übertreibung kann man sagen: Er ist weltberühmt - auch wenn er selbst das gar nicht gerne hört. Gleichzeitig beteiligt er sich aktiv an gesellschaftlichen Diskussionen und vertritt in den Social Media offensiv, fundiert und pointiert seine Positionen. Was das mit Oldenburg zu tun hat? Einiges. Um es vorwegzunehmen: Nein, eine praktische Doppelhaushälfte in Krusenbusch hat der Tastengott nicht erworben. Auch hat er keine Klaviersonate über die Vorzüge des herbstlichen Schlossgartens komponiert. Auf derlei Ehrerbietungen müssen wir weiterhin warten. Aber wer weiß, vielleicht nicht vergeblich? Denn immerhin gibt es tatsächlich eine direkte Verbindung zwischen Levit und Oldenburg: Im Mai dieses Jahres wurde ihm der Carl von Ossietzky Preis für Zeitgeschichte und Politik verliehen. Und der Namensgeber macht klar: Nicht etwa für seine Fingerfertigkeit an den Tasten, sondern für sein außermusikalisches Engagement. Wie wichtig ihm das ist, erkennt man unter anderem auf seiner Website. Dort beschreibt er sich selbst - in dieser Reihenfolge - als „Citizen. European. Pianist.“ Alles weitere zur Preisvergabe an Levit haben wir bereits zur Bekanntgabe im Frühjahr zusammengefasst. IGOR LEVIT: „NO FEAR“ EIN FILM VON REGINA SCHILLING SONNTAG, 23. OKTOBER, 11:15 UHR DIENSTAG, 25. OKTOBER, 12:30 UHR DIENSTAG, 25. OKTOBER, 18:00 UHR MITTWOCH, 26. OKTOBER, 20:15 UHR CASABLANCA KINO JOHANNISSTRAßE 17 26121 OLDENBURG Bevor am 9. Dezember endlich die feierliche Zeremonie erfolgt, zu der übrigens eigens eine Komposition erstellt wurde und zu der Igor Levit auch persönlich in Oldenburg weilen wird, ergibt sich nun eine attraktive Gelegenheit, den jüngsten Ossietzky-Preisträger besser kennenzulernen. Beziehungsweise: ganz genau kennenzulernen, Denn aktuell läuft eine Dokumentation über ihn in ausgewählten deutschen Kinos. In Oldenburg ist sie im Casablanca zu sehen. Aber Achtung: Insgesamt nur vier Mal. Ganz nah dran Knapp zwei Stunden begleitet die Kamera von Regina Schilling den Musiker und Politaktivisten Levit durch seinen Alltag - falls man das so nennen kann. Schließlich ist fast alles in seinem Leben groß: Die Geschichte der Stücke, die er spielt - die Säle und Hallen, in denen er auftritt - der Rummel, den seine Person umgibt - und auch die Themen, mit denen er sich beschäftigt. Das Besondere: Die Doku kommt ohne größere Interview-Sequenzen aus, sondern übernimmt eher die Rolle einer stillen Beobachterin. Bis zu neun Minuten ohne Schnitt schaut sie ihrem Protagonisten zu - und es wird tatsächlich zu keiner Sekunde langweilig. Ganz im Gegenteil: Man erlebt einen Menschen, der intensiv fühlt, denkt, bisweilen leidet. Man lernt ihn verstehen, ohne dass jemand erklärt. Im Zentrum des Films steht zwar die Musik, aber immer wieder wird auch deutlich, dass Levits Leben aus mindestens zwei Säulen besteht und dass diese für ihn durchaus gleichberechtigt sind. Seine Berühmtheit mag Levit also über die Musik erlangt haben - er nutzte sie aber, um inhaltlich etwas zu bewegen, Denkkrusten aufzubrechen und sich für wichtige Themen einzusetzen. Doppelt bedeutend Den Filmtitel „No Fear“ kann man dementsprechend auch doppelt interpretieren. Er steht einerseits - und im Fall der Dokumentation auch in erster Linie - für den unerschrockenen Umgang mit berühmten Werken der Musikgeschichte. Er steht aber genauso für seine öffentlichen Positionierungen zu sensiblen Themen. Er hält unzählige Anfeindungen aus, um sich für die gute Sache einzusetzen. Das ist aus unserer Sicht mindestens so imponierend wie die musikalischen „Mutproben“. In der Summe ist Levit ein hoch interessanter Mensch und ein würdiger Träger des Ossitzky-Preises. Nutzt die Gelegenheit und lernt ihn besser kennen. Nur keine Angst vor einer zweistündigen Doku über einen Pianisten/Aktivisten! ZEITLOS ZEITGEMÄß Unser Artikel vom 18. Mai

  • NICHTS WIE HIN (43)

    Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:

  • NICHTS WIE HIN (44)

    Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:

  • WAGNER WAGEN

    Ab wann kann man eigentlich in die Oper? Genauer gefragt: Wie alt sollte man sein, um sich seine erste „Götterdämmerung“ von Richard Wagner anzusehen? Wir hatten keine Ahnung und haben es einfach versucht - mit einer sechsjährigen Testperson. Wie es lief? Eigentlich gut. Doch schon nach der ersten Viertelstunde dämmerte es uns: Das Ende erleben wir nicht. Und eines vorwegzuschicken: Uns war völlig bewusst, dass dieser Opernabend ein Experiment sein würde, das misslingen musste. Zumindest dann, wenn man sich als Ziel setzen würde, das große Finale selbst mitzuerleben. Man muss selbst keine Kids zuhause haben, um zu ahnen: Vier Stunden Oper - das ist ein Hauch zu viel. In unserem Fall stellte sich heraus: Es sind drei Stunden und vierzig Minuten zu viel. Konnte in den ersten Minuten noch der Blick vom Stehplatz im 3. Rang direkt in den Orchestergraben begeistern und auch das rotierende Bühnenbild kurzzeitig fesseln, nutzte dieser Effekt leider recht schnell ab. Der Blick wanderte durchs Auditorium, die Augen studierten eine Weile die Deckenmalerei, bevor dann doch wieder die musikalischen Feinheiten der Oper im Mittelpunkt standen. Zumindest für einige Sekunden. Konkurrenz durch Lego Woran es lag, dass die Kondition am Ende nicht „ganz“ reichte? Schwer zu sagen. Vielleicht waren es zu wenig Turm Sahne-Bonbons beim nachmittäglichen Kramermarkts-Umzug? Sie hätten die entscheidenen Kohlenhydrate liefern können. Oder war es ein kurzer Gedanke an den riesigen Lego-Fuhrpark, der zuhause auf die Testperson wartete? Gegen Ninjago hat es eben auch der Ring-Zyklus von Richard Wagner schwer. Am wahrscheinlichsten ist aber das (fehlende) Textverständnis. Das war schon vorab als Sollbruchstelle zu erkennen und erwies sich letztlich als eben jene. Wenn man den Gesang nicht verstehen, die Übertitel nicht lesen und die Eltern nicht fragen kann - dann stehen eben nur einige Personen auf einer Bühne. Das reicht für zwanzig Minuten, aber nicht für einen ganzen Abend. Zumindest dann, wenn die sechsjährige Musikkarriere bisher Lieblingssongs wie diesen oder diesen hervorgebracht hat. Trotzdem „ganz gut“ Natürlich war der Wagner-Abend ein Wagnis - aber es war bewusst gewählt. Die Schätzungen zu unserer wahrscheinlichen Aufenthaltsdauer bewegten sich im Vorfeld zwischen realistischen zehn Minuten und einer optimistischen halben Stunde. Mehr konnten wir uns nicht vorstellen - und damit lagen wir nicht ganz falsch. War der Abend - falls man so ein großes Wort für so eine kurze Zeit verwenden will - deshalb ein Reinfall? Absolut nicht! Dabei zu sein wenn ein Kind das Große Haus entdeckt und wenn es versucht, das Besondere an einer Oper zu erfassen, ist einfach ein bewegend, ganz egal wie es ausgeht. Und das Urteil der Testperson? „Die Musik war schön, aber der Gesang ganz schön laut.“ Auch die Elemente des Bühnenbildes erschlossen sich nicht voll und ganz. Als Gesamtnote gab es trotzdem ein „Ganz gut“ - und das ist nicht anderes als ein großes Kompliment an alle Beteiligten. Keine Frage: Wir kommen wieder. Mal sehen, wie lange.

  • TRUST THE PROCESS

    Einfach mal machen und wird dann schon irgendwie super werden! Eine so losgelöste und positive Einstellung, die ist in jeder Lebenslage Balsam für die Seele. Warum nicht also auch genau nach diesem Prinzip Kulturerlebnisse hier in Oldenburg schaffen und gestalten? Das dachte sich auch das Team rund um Söncke Steinweg, die ab heute, also vom 20. bis zum 30. Oktober in der alten Maschinenhalle am Pferdemarkt "[The] Same But [Different]" veranstalten. Wir haben mal bei ihm nachgefragt, was es damit auf sich hat! 20. - 30. OKTOBER 2022 ALTE MASCHINENHALLE PFERDEMARKT 8A 26121 OLDENBURG Wir treffen uns am Ort des Geschehens, direkt am Pferdemarkt. Wenn man Söncke kennenlernt und trifft, bekommt man unweigerlich eigentlich direkt gute Laune. Ein herzliches "Hallo", ein freundliches Händeschütteln und zack, wirkt er direkt sympathisch. Ebenfalls ohne Umwege bekommt man mit: er ist gerade überall am besten gleichzeitig. Hier muss die Toilette für die bevorstehenden Tage noch angeliefert und platziert werden, dort klingelt der Getränkelieferant nochmal durch um final die Mengen durchzugehen. Dazwischen ein Kulturschnack-Interview? Na klar, kein Problem, passt. Söncke lässt sich zumindest keinerlei Hektik anmerken. Aber wofür nun eigentlich genau das Interview? Als Diggin' in The Treasure Box veranstaltet Söncke in der alten Maschinenhalle die kommenden Tage über mit "[The] Same But [Different] im wahrsten Sinne ein waschechtes Buffet an thematisch abwechslungsreichen Themenkonzepten, die alles erfüllen, was das Kulturherz so begehren könnte: Ein reichhaltiges Kulturbuffet Galerie und Kunstausstellung? Check. Hip-Hop? Auf jeden Fall. Techno? Absolut. Vernetzungstreffen für Kulturschaffende? Yes! Ihr braucht eine neue, fesche Vintage Jacke? Auch da werdet ihr an einem der Tage fündig werden und wenn ihr einfach mal nur so einem DJ Set gemütlich den Nachmittag verbringen möchtet: die Sitzgelegenheiten warten schon auf euch! Normalerweise würde man erwarten, dass man sein Ticket hat, am Abend schaut man sich dann (beispielsweise) ein Hip-Hop Konzert an und geht oder fährt dann nachts wieder nach Hause. Hier wird das Ganze anders, [Different] halt, ablaufen, da viele der Veranstaltungen bereits um 14:00 oder 16:00 Uhr starten und dann um 22:00 enden, also schon mitten am Tag beginnen. Im Gespräch entsteht für uns dadurch viel eher der Eindruck, dass hier auch eine gewisse Gemütlichkeit und Wohlfühlatmosphäre eine Rolle spielt, die man an einem solchen Tag über erleben kann und sich somit auch direkt für eine deutlich größere Gruppe an Menschen, wenn nicht sogar, bis auf einzelne Ausnahmen wie der bereits am ersten Tag ausverkauften Technoveranstaltung der Krachmacherstraße, für die ganze Familie eignet. "Das spannende ist, dass wir dabei die Halle regelmäßig während der Veranstaltungsreihe umgestalten und an das jeweilige Event anpassen werden." Die Ausstellung und Galerie, die die Wände der Maschinenhalle schmücken sind und bleiben dabei eines der verbindenden Elemente über die restlichen Veranstaltungen hinweg. Auf die Frage, ob daher auch der Titel der Reihe herrühre, die Ausstellung also quasi das "Same" innerhalb eines stetigen Wandel an Veranstaltungen, also dem "Different", sei, erklärt er, dass das nur die eine Hälfte beziehungsweise eine der Erklärungen für den Titel ist. 11 Tage DIY Der andere Erklärungsansatz liegt dabei jedoch ebenfalls nicht allzu fern. Natürlich werde hier, was die einzelnen Veranstaltungen selbst angehe und auch grundsätzlich nicht wirklich das Rad komplett neu erfunden, da sei er sich durchaus drüber im Klaren. Doch anders als sonst und das Besondere sei in seinen Augen der große Fokus auf die thematische Freiheit, der Raum für Gestaltung und die Entstehung von Dingen im Prozess selbst. Kunst, Musik, Performance, Tanz, Handwerk, das alles werde hier Hand in Hand gehen und die Freiheit genießen einfach Sachen auszuprobieren, so Söncke. Das bedeutet aber auch: hier packen alle gemeinsam an und werkeln an einer gemeinsamen Vorstellung, die vielleicht sogar bis zum Ende der 11 Tage gar nicht final und abgeschlossen sein wird. Der Zufall wird so quasi zu einem festen Akteur des Geschehens. "Ich war gestern noch in einer alten Scheune und hatte ein paar Dekorationen mit einem Sprinter abgeholt und sah da noch so ein Rohr liegen. Ich hatte noch absolut keine Vorstellung davon, wofür wir das gebrauchen könnten, aber ich habe es einfach mal trotzdem eingepackt. Später schmissen es aus dem Nichts zwei der Künstler, die gerade vor Ort waren, mit Schwung über einen der Träger hier in der Halle. Wäre ich nicht drauf gekommen, aber fand ich gut!", erzählt Söncke hierzu als passende Anekdote. Von der Bläserklasse zum Allround-Talent Für eine solche Gelassenheit und die Bereitschaft zur Spontanität muss man aber auch erstmal gemacht sein und den Zustand des Ungewissen auch aushalten können. Er kenne es einfach nicht anders und das sei einfach so, damit müsse man sich arrangieren und über die Jahre hätte er gelernt, dass es nie so kommt, wie man es eigentlich plant. Und Söncke ist auf jeden Fall schon seit den ganz frühen Jugendtagen dabei sich diese Gelassenheit anzueignen. Denn schon mit 13, 14 Jahren übernimmt er freiwillig organisatorische Aufgaben für die Konzerte und Auftritte seiner Bläserklasse und saugt wie ein Schwamm jegliches Wissen rund um die Kultur auf und wird so zu einer Art Multitalent, das überall mitwirken und mitanpacken kann. Seine Ursprünge lägen in der klassischen Musik, erzählt Steinweg im Gespräch. Doch mit der Zeit führte ihn der Weg durch diverse musikalische Gefilde, die sich nun auch im Programm von [The] Same But [Different] spiegeln. Kleine Hürden, für viel Kultur Wir sind der Meinung: genau solchen Mut, "einfach mal zu machen", den braucht es! Immer wieder und sollte mit "einfach mal hingehen" und auschecken belohnt werden! Wenn ein Ticket erforderlich ist, gibt es an den meisten Tagen sogar ein solidarisches Ticketmodell, bei dem zwischen unterschiedlichen Preisstufen selbst gewählt werden kann. So soll möglichst niemand auf das Kulturerlebnis seiner Wahl verzichten müssen. Finden wir top!

  • PODCAST: FOLGE 14

    Die Zukunft des Oldenburgischen Staatstheaters beginnt! Und zwar ab 29. Oktober beim Technical Ballroom auf der spektakulären Bühne der Exerzierhalle. Dort sucht das Team rund um Jonas Hennicke und Kevin Barz über sieben Monate hinweg, gemeinsam mit dem Publikum, in diversen Inszenierungen das Theater der Digital Natives. Was wir uns darunter vorstellen können? Die beiden haben es uns erzählt! Gamification, Deep Fakes, Virtual Reality, das sind alles Begriffe, die uns immer häufiger begegnen, immer präsenter und vor allem einen immer größer werdenden Einfluss auf unsere Gesellschaft und unser gemeinsames Miteinander haben. Für manche, wie die sogenannten Digital Natives, also meist junge Leute, die bereits mit den modernen technischen Entwicklungen unserer Zeit aufgewachsen sind, gehören all' diese Dinge bereits längst zum selbstverständlichen Alltag. Für die etwas älteren Generationen, die gerne auch mal als Boomer bezeichnet werden, sind diese Entwicklungen weiterhin komplettes Neuland, doch deshalb kein winziges bisschen weniger relevant, spannend sowie erlebenswert! Denn ein Spektakel wird es allemal. Eigentlich muss die Frage also nur lauten: seid ihr ready to play? Wir haben diese Frage ganz klar mit einem dicken, fetten JA! beantwortet nach unserem Gespräch mit Jonas Hennicke, dem leitenden Dramaturg und Regisseur Kevin Barz. Die beiden erzählen uns, wie sie die Chancen und Gefahren der Digitalität in einem einzigartigen High-Tech-Bühnenbild erfahrbar machen, das je nach Projekt Theaterbühne, Dancefloor oder Multimedia-Museum sein kann und auf welche Stücke wir uns konkret freuen dürfen. Seid gespannt und viel Spaß beim Hören! Alle Infos zu den einzelnen Stücken und natürlich die entsprechenden Tickets findet ihr unter: https://staatstheater.de/programm/technical-ballroom

  • ZÜNDFUNKEN IM PULVERTURM

    Er steht da wie ein Gast aus einer anderen Zeit: Der Pulverturm am Schlosswall. Er ist der einzig verbliebene Rest der Oldenburger Stadtmauer aus dem frühen 16. Jahrhundert. Ursprünglich als Geschützturm konturiert, diente er den adligen Herrschern in friedlicheren Zeiten als überdimensionales Eisfach. Und heute? Ist er ein markanter Bezugspunkt an einer verkehrsreichen Straße - und ein Ort für besondere Kunstakzente! Wer hin und wieder in europäischen Großstädten unterwegs ist, entdeckt mit Sicherheit historische Stätten, die auf beinahe geniale Weise nachgenutzt werden. Oft blickt man neidvoll auf die jeweiligen Nachbar:innen, weil ihnen dieser Coup gelungen ist und hierzulande allzu oft nur Verwaltungen o.ä. in alten Gebäuden residieren. Den Pulverturm jedoch kann man in diese Reihe der gelungenen Beispiele integrieren. Der von außen eher unscheinbare Bau sucht nicht unbedingt offensiv die Aufmerksamkeit der Passant:innen. Er steht einfach nur da. Im inneren bietet er allerdings einen sehr besonderen Raum. Er fühlt sich an wie eine Art Schutzkapsel, die uns aus dem Alltag entführt, obwohl eben jener nur wenige Meter weiter pulsiert, dröhnt, lärmt. Und hier, mitten im Zentrum den Geschehens, bietet diese Oase die Auseinandersetzung mit ungewöhnlicher, ambitionierter Kunst. Verantwortlich dafür: das Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, das hier - neben dem Haupthaus an der Peterstraße - einen weiteren Spielort hat. AYÒ AKINWÁNDÈ ALL THE WORLD'S PROTESTS NOCH BIS ZUM 31. OKTOBER 2022 FR 14 - 18 UHR SA 10 - 18 UHR SO 10 - 18 UHR EINTRITT FREI! PULVERTURM SCHLOSSWALL 26122 OLDENBURG Dieses unerwartete Angebot in an einem historischen Ort schlägt immer wieder Zündfunken im Kopf. Es inspiriert uns, bietet Möglichkeiten zur Auseinandersetzung und zur Horizonterweiterung. Dabei spielt es fast keine Rolle, ob - wie sonst gelegentlich - Keramik oder - wie jetzt - Digitalkunst gezeigt wird. Die paar Schritte die Treppe hinauf in den Kuppelbau lohnen sich grundsätzlich immer, schon weil sie diesen wunderbaren Kontrast zu ihrer Umgebung bieten. Aber natürlich auch, um Kunstformen zu erleben, die uns nicht täglich begegnen. Oder ein doch - nur getarnt als Nachrichten. Proteste überall Momentan ist der Kontrast zur Außenwelt im Pulverturm nämlich nicht so groß wie sonst. Die aktuelle Ausstellung „All the world's protests“ des nigerianischen Künstlers und Stipendiaten des ERH Ayo Akinwándé bietet uns in doppelter Hinsicht Zündfunken. Denn wie der Titel andeutet, ist sie inhaltlich hochpolitisch. Gezeigt werden Demonstrationen aus dem Jahr 2019, das als „Jahr der Proteste“ in die Geschichte einging. Auf insgesamt 44 Monitoren und 12 Tonspuren erleben wir sie in Bild und Ton - und begeben und damit in ein audiovisuelles Rauschen, das uns direkt an die jeweiligen Brennpunkte der Geschichte entführt. Die zwangsläufige Dissonanz ist dabei Teil des Werks, denn die Lage vor und während Demonstrationen ist eben: unübersichtlich. Schon rein optisch ist das äußerst beeindruckend: Wie ein Spinnennetz verteilen sich die Monitore über die gesamte Kuppel, wir werden vollständig umgeben von Kundgebungen, Aufmärschen, Machtspielen. Wohin wir auch schauen, kämpfen Menschen für ihre Sache. Man kann nicht anders, als das bewegend zu finden. Vom Funken zum Flächenbrand Aber da ist ja auch noch die inhaltliche Ebene. Was wir sehen, ist nicht inszeniert, niemand führt Regie. Wir sehen die Realität, wir sehen Wunsch und Wille zur Veränderungen und wir sehen auch eine Gegengewalt. Allzu oft sind es ja erste Proteste, die einen entscheidenden Zündfunken schlagen, der schließlich zu einem Flächenbrand wird. Anders ausgedrückt: Große Veränderungen beginnen im Kleinen, mit einer mutigen Position und dem folgenden Protest. Dass all das - dieses wilde Rauschen aus Bildern und Tönen - während der Corona-Lockdowns auch noch mit einem internationalen Ensemble vertont wurde und man diesen Prozess zusätzlich auf zwei größeren Monitoren erleben darf, krönt die Erfahrung noch. Gott sei Dank stehen dafür Kopfhörer zur Verfügung, sonst würde es schwer fallen, sich darauf zu konzentrieren. Früher ein Risiko, heute eine Bereicherung: Zündfunken im Pulverturm (Bilder: Kulturschnack) Kunstwerk Weltgeschehen Es klingt zunächst grotesk, aber: Proteste haben einen eigenen Reiz. Das liegt zum Teil an ihrer existenziellen Natur. Für die Teilnehmer:innen bedeuten sie ein Risiko, manchmal sogar Lebensgefahr. Doch sie gehen trotzdem auf die Straße, weil ihr Anliegen groß genug, der Handlungsdruck hoch genug ist. Wenn man so will, sind Proteste reale Dramen, mit Gut und Böse, Krise und Klimax. Dass all das aber ganz real ist, verursacht bei den Betrachter:innen bisweilen Gänsehaut. Nicht zuletzt deshalb, weil die Geschichte der Proteste niemals auserzählt ist. Es wird sie immer geben - weil es immer Ungerechtigkeit geben wird. Grüße in den Iran. Die Ausstellung von Ayo Akinwándé führt uns eindrucksvoll vor Augen, dass Proteste nicht zwangsläufig eine Frage des Wohnorts oder Wohlstands sind. Sie sind über den ganzen Globus verteilt, nicht nur in Venezuela, Myanmar oder Nigeria, sondern auch in Schweden, Deutschland und Hongkong. Dass der Pulverturm mit seinem Kuppeldach den Eindruck der Globalität noch verstärkt, macht die Erfahrung noch intensiver. Zündfunken im Pulverturm: Das ist normalerweise keine gute Idee. Doch hier wird dieses alte Prinzip vollkommen auf den Kopf gestellt. Denn durch die audiovisuellen Funken entsteht ein Feuer, das unseren Geist plötzlich erhitzt. Was früher also ein Worst Case gewesen wäre, ist heute also ein Bast Case. Und deshalb ist er ein absoluter Gewinn - dieser Gast aus einer anderen Zeit.

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