IMMER SCHÖN NEUGIERIG BLEIBEN

Die Story ist alt, aber sie wird dadurch nicht schlecht: Im November 1989 spielten mit Nirvana eine der größten Bands der Rockgeschichte in Oldenburg. Genauer gesagt: im Kulturzentrum Kurlandallee, vor einer Handvoll Leuten. Dass die dort waren, ist allerdings kein Zufall: Entweder kannten sie sich hervorragend mit der Sub Pop-/Seattle-Szene aus - oder sie hatten eine gesunde Neugier mitgebracht. Und die sollten wir alle dringend wiederentdecken, um nicht wieder solche Chancen zu verpassen.


Nirvana spielen 1989 in Oldenburg
Kannte damals niemand, zwei Jahre später jeder: Kurt Cobain im November 1989 in Oldenburg (Still: YouTube)

Zugegeben: 1989 ist schon ein Weilchen her. Es gibt aber auch aktuellere Beispiel dafür, dass man große Bands in kleinen Klubs sehen kann, wenn man rechtzeitig neugierig genug ist. Ob Annenmaykantereit mit dreihundert Leuten im Cadillac oder die Leoniden als Vorband von Captain Planet im Ama: es ergeben sich immer wieder fantastische Gelegenheiten, die Stars der Zukunft in Oldenburg zu erleben - wenn man neugierig bleibt und die Augen/Ohren offen hält.


Warum erwähnen wir all diese Selbstverständlichkeiten? Weil es keine (mehr) sind. Dem Kulturpublikum sind offenbar Entdeckergeist und Experimentierfreude abhanden gekommen. Wer noch keinen großen Namen hat, hat es zunehmend schwer, sich im Grundrauschen der unzähligen Veranstaltungen durchzusetzen. Und so kommt es, dass ein Vorbericht zu einer spannenden neuen Konzertreihe - und genau das sollte dieser Beitrag ursprünglich werden - zu einem verunsicherten Bestandsaufnahme verkommt.



 

SECHS ABENDE, ZWÖLF KONZERTE



14. OKTOBER, 20 UHR

YUNUS // ANN DOKA (TICKETS)

15. OKTOBER, 20 UHR

ANTIHELD // SAINT CHAOS (TICKETS)

20. OKTOBER, 20 UHR

ANNA ERHARD // KUOKO (TICKETS)

22. OKTOBER, 20 UHR

EAGLE AND THE MEN // DIE KERZEN (TICKETS)

27. OKTOBER, 20 UHR

PANO // STANOVSKY (TICKETS)

28. OKTOBER, 20 UHR

BLAUFUCHS // PALOMA & THE MATCHES (TICKETS)



KULTURETAGE

BAHNHOFSTRAßE 11

26122 OLDENBURG

 

Theorie vs. Realität


Es geht um das neue Konzertformat „DÖ!“. Die Kulturetage betritt damit ein Stück weit neuen Boden, denn hier stehen nicht die ganz bekannten Künstler:innen im Mittelpunkt, sondern junge, weitgehend unbekannte Acts und Geheimtipps. Das Besondere: Pro Abend spielen zwei Bands gleichberechtigt. Es gibt also keine Vorgruppe, dafür zwei Hauptacts. Für Entdecker:innen ist das ideal: So hat man die doppelte Chance, die nächsten Nirvana zu sehen.


Foto von Kid be Kid, die in Oldenburg auftreten sollte
Leidtragende: Das Konzert von Kid be Kid musste verlegt werden (Bild: Theresa Kaindl)

Zwei junge Acts zum Preis von einem? Da müssen die Leute der Kulturetage ja die Bude einrennen. Würde man zumindest denken. Aber wer die unten folgende Spotify-Playlist mit den den oben stehenden Konzertterminen vergleicht, wird bemerken: Da fehlt was. Da fehlt sogar einiges, nämlich die ersten vier Bands. Und das bedeutet rein rechnerisch, dass zwei Konzerte der DÖ-Reihe - nämlich die ersten beiden am 6. und 9. Oktober - in den April 2023 verlegt wurden. Warum? Die Antwort ist so einfach wie traurig: Weil aktuell keine ausreichende Nachfrage vorhanden war.


„Wir können mit den zurzeit geringen Ticket-Vorverkäufen keine halbwegs wirtschaftliche Umsetzung dieser Konzerte gestalten“, erklärt Pressesprecherin Bettina Stiller. Den Mut verliert sie trotzdem nicht: „Uns fällt jede Absage oder Verlegung von Veranstaltungen alles andere als leicht, aber wir wollen positiv in die Zukunft schauen und diese besonderen Abende aus der Reihe DÖ! in 2023 wieder aufnehmen.“



Starke Marke, schwacher Start


Damit ist die Kulturetage in „bester Gesellschaft“: Im Frühjahr wurde das Aquanautik-Festival erst verlegt dann abgesagt, im Sommer konnten das bar:rocco Festival und Einfach Kultur nicht so viele Menschen begeistern wie erhofft und nun verläuft auch der Start von DÖ holprig. Auffällig: Etablierte Events wie der Kultursommer oder das Watt en Schlick Festival in Dangast liefen parallel dazu hervorragend. Auch hier schient es so zu sein, dass die Kleinen am stärksten leiden.


Saint Chaos vor einer Mauer, Konzert am 15.10.
Sind zusammen mit Antiheld am 15.10. dran: Die Alternative Rocker Saint Chaos (Bild: Saint Chaos)

Dabei hat die Kulturetage vieles richtig gemacht: Ein innovatives Format geschaffen, das in den Social Media und auf der Website gut und genau erklärt wurde. Der Name DÖ! knallt und irritiert, sorgt also für Aufmerksamkeit. Gleiches gilt für den visuellen Auftritt. Letztlich hat die Kulturetage eine Marke kreiert, die man eigentlich nicht übersehen kann.


Und auch die Bandauswahl kann überzeugen. Nicht jeder Act trifft den breiten Geschmack; bzw. noch nicht. Damals in Etzhorn klangen Nirvana auch noch nicht nach „Smells like Teen Spirit“. Es gibt aber eine spannende Mischung mit ganz unterschiedlichen Akzenten, wie ihr oben Nachhören könnt. Warum der Start trotzdem nicht geklappt hat? Unter anderem darüber haben wir uns mit Initiator Mirco Noffke unterhalten.

INTERVIEW MIT MIRKO NOFFKE


Konzerte sind so alt wie die Kultur. Es ist schwer, da was Neues zu erfinden. Die Kulturetage hat es nun trotzdem getan. Genauer gesagt: Mirko Noffke. Der langjährige Mitarbeiter in der Veranstaltungsplanung der Kulturetage ist verantwortlich für etwas, das vielen von uns in den letzten Wochen schon in den Social Media begegnet sein durfte: DÖ! Was es mit diesem ungewöhnlichen Namen auf sich hat und was dahintersteckt? Haben wir ihn einfach gefragt. Seine Antworten lest ihr hier.



Die Band Eagle and the Men spielt in Oldenburg
Tanzbare Experimente mit Groove und Pocket Piano? Anna Erhard macht's spannend! (Bild: Sonja Stadelmaier)

DÖ! fällt auf. Nicht nur der Name, sondern auch die grafische Gestaltung. Alles scheint zu sagen: Achtung, hier kommt was Neues! War das die Absicht?

Ja! Die grafische Gestaltung sollte sich deutlich von den anderen grafischen Gestaltungen der Kulturetage unterscheiden und vor allem ins Auge fallen.


War es nötig, etwas Neues zu kreieren? Bzw. Was gab den Anlass dazu?

Anstoß für die Idee gab eine Teilförderung der Initiative Musik (Neustart Kultur), durch diese Teilförderung haben wir die Möglichkeit gesehen, dieses Projekt mit all seinen Risiken umzusetzen.


Dann beschreib mal: Was ist denn neu bzw. anders an DÖ?

Bei Dö! treten zwei Acts gleichberechtigt auf, die aus unterschiedlichen musikalischen Genres kommen und die evtl. im ersten Moment nicht zusammen passen. Das ist für uns eine spannende Kombination und wir erhoffen uns dadurch, die Lust auf „Neues“ bei den Gästen zu wecken.


Die Acts scheinen eher zu den Newcomern zu zählen als zu den alten Hasen. Stimmt das? Ist das Absicht? Und: Wen habt ihr das als Zielgruppe im Blick?

Der überwiegende Teil der Acts sind Newcomer und wir haben mit Absicht den Focus auf Nachwuchs-künstler*innen gelegt. Natürlich sind auch „alte Hasen“ dabei u.a. Woods of Birnam und Antiheld. Als Zielgruppe haben wir eher die Menschen unter 35 Jahren ins Auge gefasst.


Wie lief denn die Bandauswahl? War es schwieriger als das übliche Booking, weil die Herkunft eine Rolle spielt?

Bei der Bandauswahl haben wir Unterstützung von der AStA und dem Studentenwerk erhalten sowie alle jüngeren Kolleg*innen haben durch ihre Wünsche/Vorschläge das Booking unterstützt. Da die Herkunft eine Rolle spielte, hat sich das Booking schwieriger gestaltet als sonst üblich.


Was versprecht ihr euch von diesem Format? Verändert sich dadurch das Konzerterlebnis?

Wie schon erwähnt, erhoffen wir uns, die Lust auf Neues zu wecken. Es gibt so viele tolle Künstler*innen in der Bundesrepublik und denen möchten/wollen wir eine Plattform geben. Durch die Verbindung zweier unterschiedlichen Musikgenres an einem Abend, versuchen wir ein neues Konzerterlebnis zu schaffen und neugierig zu machen.


Die Band Paloma and The Matches spielen in Oldenburg
Wie Psychedelic Surf Pop klingt? Könnt ihr bei Paloma & The Matches hören. (Bild: Jonas Scharf)

Muss man heute vielleicht neue Wege gehen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Muss man auch als Kulturinstitution in Marken (wie DÖ!) denken, um zur Zielgruppe durchzudringen?

Ich persönlich glaube, dass man immer neue Wege gehen sollte und neue Wege ausprobieren muss. Für mich erweitert das den Horizont. Mit der Werbung sind wir einen neuen Weg gegangen. Ob wir mit der „Marke“ DÖ! zur Zielgruppe durchgedrungen sind, wird sich noch zeigen. Dass wir einen neuen Weg gegangen sind, freut mich persönlich sehr.


Es gibt ja nach wie vor noch einige Unsicherheiten. Für die einen ist es noch Corona, für die anderen die Kosten durch die Inflation. Wie nimmst du generell das Verhalten des Publikums wahr? Kommt es wie gewohnt oder muss man mehr darum kämpfen als früher?


Das Verhalten des Publikums ist eher verhalten. Das spiegeln die VVK-Zahlen wider. Hierfür gibt es unzählige Gründe u.a. Corona, die Inflation, die gestiegenen Energiekosten, veränderte kulturelle Aktivitäten und ein verändertes Freizeitverhalten beim Publikum.


Natürlich gibt es auch Shows, die gut laufen wie vor der Pandemie etc. Hier sind es entweder Nachholtermine oder Künstler*innen, die eine hohe Medienpräsenz haben. Das Booking ist durch das veränderte Verhalten des Publikums schwieriger geworden. Abschließend kann ich für mich sagen, man muss mehr um das Publikum kämpfen als früher.


Ist die aktuelle Post-Corona-Lage eher eine Bedrohung? Oder einfach der ideale Moment, um Neues auszuprobieren?

Am Anfang des Jahres habe ich gedacht, es ist der ideale Moment etwas Neues auszuprobieren. Durch die veränderte Lage in Europa und die dadurch bedingten Auswirkungen, bin ich mir nicht mehr so sicher wie am Anfang des Jahres.

Welche Schlagzeile wünscht du dir am Ende?

Die Besucher*innen, die Künstler*innen und alle weiteren Beteiligten waren begeistert, hatten sehr viel Spaß und wünschen sich eine Wiederholung.


Sekundärtugend Neugier


Nun ist es wahrscheinlich zu kurz gegriffen, nur fehlende Neugier verantwortlich zu machen, Da gibt es noch viel mehr: Die Nachwehen der Corona-Pandemie und deren Verwerfungen in den Veranstaltungskalendern zum Beispiel. Die Vorsicht, die in Teilen des Publikums geblieben ist. Oder auch die Kostenfaktoren Inflation und Energie, die große Löcher in den individuellen Budgets verursachen und direkt auf die Kultur durchschlagen. Denn was spart man sich als erstes, wenn kein Geld mehr da ist? Das Essen? Die Kleidung? Nein, das Konzert. Mehr dazu haben wir hier zusammengefasst - auch wenn es damals vorwiegend um Corona ging.


Pop-Künstler Stanovsky spielt in Oldenburg
Schon nicht mehr ganz so geheimer Tipp: Stanovsky (Bild: Max Hartmann)

Was also tun? Schwer zu sagen. Wenn das Geld fehlt, kann man schwer argumentieren, dass man sich trotzdem ein Konzert ansehen soll. Vielfach ist das Geld aber weiterhin da, nur das Ausgehverahlten ist (noch) verändert. Unser Appell an all jene, die es sich leisten können, ist deshalb: Nutzt die wunderbaren Gelegenheiten, die sich in Oldenburg bieten. Geht hin, schaut euch das an, hört gut zu, erzählt es weiter.


Was wir uns auf Dauer nämlich nicht leisten können, ist Lethargie. Wenn wir die Angebote nicht wahrnehmen, wird es sie irgendwann nicht mehr geben. Das ist die Gesetze des Marktes. Und die gelten leider auch für die Kultur. Deshalb: Immer schön neugierig bleiben! Dann sieht man auch die nächsten Nirvana. Live in Oldenburg.