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- MUT ZUR NISCHE
Als Thema für eine Ausstellung werden häufig Themen ausgewählt, die große Bilder und Erzählungen zulassen. Das Institut für Kunst und visuelle Kultur der Carl von Ossietzky Universität hat jetzt einen anderen Schwerpunkt gesetzt. Die Studierenden haben sich mit einem besonderen Ort beschäftigt, der grandios unterschätzt ist: die Nische. Mit der Nische ist es so eine Sache. Sie gilt bestenfalls als B-Lage des Alltags bzw. als Ort, an dem nur Minderwertiges oder Unbedeutendes passiert. Doch damit könnte man falscher gar nicht liegen. Richtig ist zwar, dass die Aufmerksamkeit dort zunächst geringer ist. Doch bietet die Nische genau deshalb den richtigen Nährboden für Wagnisse und Experimente - die dann das Gewohnte und Etablierte überstrahlen. Es lohnt sich also, die Nische einmal genauer anzusehen. Was bietet sie? Was wächst dort? Und was braucht es, um aus der Nische herauszuwachsen? Oder ist ihre Stärke gerade, dass es gar keine Regeln gibt, man die Nische also nicht absichtlich kreieren kann? Die Studierenden des Instituts für Kunst und visuelle Kultur haben sich ähnliche Fragen gestellt - und ihre Antworten in Form von Kunstwerken gegeben, die nun in der Ausstellung „Mind the Gap“ zu sehen sind. INSTITUT FÜR KUNST UND VISUELLE KULTUR MIND THE GAP KÜNSTLERISCHES SUCHEN IM DAZWISCHEN 19. OKTOBER BIS 9. NOVEMBER DONNERSTAGS: 18 BIS 21 UHR SAMSTAGS: 14 BIS 17 UHR LANDESMUSEUM NATUR UND MENSCH DAMM 46 26135 OLDENBURG Aus dem Nichts Insgesamt 26 Studierende aus den Lehrgebieten Skulptur und Fotografie haben sich an diesem Projekt beteiligt und sich mit dem Wesen und den Eigenarten der Nische auseinandergesetzt. Dabei drängt sich eine Frage geradezu auf: Wie kann das gehen? Schließlich definieren sich Lücken und Nischen in erster Linie durch die Abwesenheit von etwas anderem. Sie entstehen quasi aus einem Nichts, bieten aber dennoch etwas ganz Entscheidendes: Raum. Und zwar einen Schutzraum ohne Erwartungen und Verpflichtungen, weil er eben nicht im Rampenlicht und unter Beobachtung steht. Einen Ort also, an dem vieles wachsen und gedeihen kann, was anderswo keine Gelegenheit dazu hätte. Doch wie stellt man so etwas dar? Maximal unterschiedlich: Die ausgestellten Werke entstammen zwar allesamt den Bereichen Skulptur und Fotografie, ähneln einander aber kaum. (Bilder: Landesmuseum Natur und Mensch) Der Weg zur Nische Die Studierenden haben sechsundzwanzig sehr individuelle, durchweg intelligente Antworten auf diese Frage gegeben und dabei zweierlei gezeigt: Dass es durchaus möglich ist, Nischen und Lücken eine künstlerische Gestalt zu geben - und das die Ergebnisse für die Betrachter genauso aufregend sein können wie gegenständliche Darstellungen. „Wir denken, unsere Arbeiten präsentieren verschiedene Ansätze auf unterschiedlichste Weise“, erklärt die Gruppe. „Jede/r von uns hat sich auf seinem Weg der „Nische“ angenähert. Damit bietet allein das Wort Identifikationsmöglichkeit für alle und macht den gesamten Prozess besonders.“ Bespiele gefällig? Aber gerne: Kai Birkenfeld hat einen schmalen Teil der Wand und Bodenfläche eines Raumes im Gebäude bis auf den Grund freigelegt und den Untergrund sichtbar gemacht. Aileen Castelli hat sich auf die Suche nach kleinen, hochspezialisierten Fachgeschäften und Nischenläden begeben, und zeigt deren Inhaber:innen und Interieurs in dokumentarischen Fotografien. Anneke Fortuin beschäftigte sich mit der Küste. Sie setzt diese mit ihrer persönlichen Geschichte in Verbindung. Durch eine besondere Form der Narration, die sie mit einer Soundkollage kombiniert, hat die Arbeit eine filmische Anmutung. Timo Merten hat einen Erdhügel zentral in einem Raum platziert, sodass die Erde von allen Seiten betrachtet und beobachtet werden kann. Was verbirgt sich im Inneren und könnte es vielleicht in Erscheinung treten? Um Privatheit und Öffentlichkeit geht es in der Arbeit von Mariele Dierks. Ausgehend von der Idee des toten Winkels, quasi einer Lücke im Überwachungssystem, werden in ihrer Installation aus Überwachungskameras und Monitoren Ausstellungsbesuchende zu Akteur:innen. Das Versteckte im Vordergrund „In unseren Kursen haben wir uns alle individuell an unser Thema rangetastet“, gewähren die Studierenden Einblick in die Entstehung, „Dafür haben wir zum Beispiel die Möglichkeit bekommen verschiedenste neue Materialien und Verfahren auszuprobieren und Gruppenübungen gemacht, bei denen wir die Nischen in unser Umgebung erkundet haben.“ An erster Stelle habe jedoch immer der Austausch über Fortschritte, Erkenntnisse und Eindrücke gestanden - sowohl untereinander als auch mit den Dozentinnen. „Anders als in der klassischen Bildhauerei wurde die Skulptur in diesen Arbeiten vom Raum aus gedacht und die Nische, der Hohl-, Um- und Zwischenraum in den Blick genommen“, erklärt Anna Holzhauer, Dozentin für Skulptur an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Das Unsichtbare, Versteckte und Prozesshafte sei in den Vordergrund gerückt. Ähnliches hat Franziska von den Driesch, Dozentin für Fotografie, beobachtet: „Auch die fotografischen Arbeiten nähern sich dem Begriff der Nische, der Lücke, des Zwischenraums von sehr unterschiedlichen Seiten“, berichtet sie. Die klassische dokumentarische Fotografie spiele dabei ebenso eine Rolle wie experimentelle analoge und digitale Techniken. „Die Fotografie wird hierbei nicht als ein reines Abbildungsmedium verstanden, sondern als vielschichtige Erzählform zwischen den Ebenen von Zeit und Wirklichkeit.“ /// Die Nische ist zunächst mal eine Vertiefung in der Wand. Vielleicht klein, sicher aber auf genau eine Anwendung zugeschnitten, auf einen Gegenstand angepasst. Oder aber sie verlangt besondere Anpassung, um besetzt oder benutzt zu werden. Sie ist zugleich randständig, abseitig, den Blicken entzogen, und doch auf hervorgehobene Weise präsentiert. Die Nische ist ein Ort für das Erhabene und das Profane, in ihr verfängt sich gleichsam der Blick und der Staub. Die Nische ist ein geschützter Raum. Sie bewahrt vor rauem Wind und harter Konkurrenz. Sie beschränkt das Wirkungsfeld, aber sichert doch die Existenz. Die Nische ist nicht nur ein Ort. Nicht nur dessen besondere Bedingungen. Sie beschreibt die spezifischen Eigenschaften eines jeden Lebewesens selbst. Ist die Nische ein Beziehungsgefüge? /// Franziska von den Driesch /// Die Kunst übernimmt Das Landesmuseum Natur und Mensch ist möglicherweise nicht der Ort, an dem man Nischenkultur - oder eine Untersuchung derselben - am ehesten erwarten würde. Dennoch ergibt die Kooperation zwischen der Carl von Ossietzky Universität und dem Museum Sinn: „Die Verbindung von Kunst mit unseren Themen hat hier im Haus einen festen Platz", erläutert Dr. Ursula Warnke, Direktorin des Landesmuseums. Sie nehme eine wichtige Funktion in der Kommunikation und Vermittlung ein. "Es ist spannend zu sehen, was mit unseren leerstehenden Räumen passiert, wenn die Kunst sie übernimmt.“ Richtig gelesen: Die Ausstellung findet nicht etwa im Haupthaus des Landesmuseums statt, sondern stadtauswärts einige Meter weiter, im etwas weniger schmucken Gebäude am Damm 46. Dort könnt ihr eintauchen in eine Ausstellung, die ihr in dieser Form sicher noch nicht sehen habt. Die Werke der Studierenden sind nicht nur häufig ästhetisch und inhaltlich gelungen, sie machen auch Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich hier in Oldenburg aus den Kunst-Studiengängen eine aktive Szene entwickelt, die in Oldenburg möglichst vieler solcher Spuren hinterlässt. Aufregung ohne Nervosität Die Ausstellungseröffnung am 18. Oktober sei für die Gruppe zwar aufregend gewesen, jedoch nicht im Sinne von Nervosität: „Nach den langen Aufbautagen, in denen wir immer wieder unsere eigenen Fortschritte klarer sehen konnten, war es einfach total spannend zu sehen, wie viel wir am Ende geschafft haben, wie viel Arbeit hinter uns liegt und was für eine Reaktion wir hervorrufen können.“ Bei uns sind es nur positive. Und weil uns diese Ausstellung so gut gefällt, muss hier auch Zeit und Raum sein, die sechsundzwanzig Künstler:innen namentlich zu nennen. Das sind: Hanna Agena, Julia Barwig, Annika Baumann, Alina Berendt, Kai Birkenfeld, Benjamin Bogena, John Bornscheuer, Emelie Buhs, Aileen Castelli, Carina Dirks, Mariele Dirks, Talea Fehner, Svea Fieberg, Anneke Fortuin, Clara Halfar, Jochen Hühnebeck, Paula Knappe, Hanna Köhring, Timo Merten, Annina Opitz, Julia Saporoschez, Marielouise Schild, Keno Erwin Smit, Judith Springer, Merle Störmann, Klara Weever, Achtung, Nische! Bei "Mind the Gap" kommt viel zusammen: Das Thema ist ebenso spannend wie wichtig, weil die Nische einerseits den idealen Nährboden für alternative, innovative und experimentelle Formate bietet und weil sie andererseits Entwicklungen eine Chance gibt, die es woanders schwer hätten. Dass es ausgerechnet Studierende der Universität sind, die sich dem Thema gewidmet haben, macht „Mind the Gap“ sogar noch besser, als wenn etablierte Künstler:innen die Aufgabe übernommen hätten. Sie bieten schließlich - analog zum Thema der Ausstellung - noch keine elaborierte Perfektion, sondern stehen eher für den Sturm und Drang der Kunst. Diese Besetzung ist goldrichtig. Was euch das angeht? So einiges, Schließlich lieben wir alle die kleinen Nischen in unseren Alltagen, denn auch uns geben sie einen wichtigen Freiraum zur Entfaltung. GDie Ausstellungen erinnert uns an en Reiz des Unvollkommenen, Unerwartetne oder Ungewöhnlichen. Lasst feiern uns das feiern und noch viel öfter sagen: Mut zur Nische! Denn da ist einiges los.
- NICHTS WIE HIN (49)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- ALLEIN MIT DER WELT
Manchmal reicht ein einfacher Satz, scheinbar ohne tiefere Bedeutung, um unsere innere Gedankenmaschine richtig auf Trab zu bringen. Einen solchen Satz hat die Video-Künstlerin Stefanie Rübensaal als Titel für ihr neues Stück gewählt, das nun im Technical Ballroom Premiere feiert: „Life on Earth is long“. Ja, tatsächlich? Fragt sich nur für wen. Vor etwa einem Jahr geschah etwas Bahnbrechendes in Oldenburg: Als erste deutsche Bühne vereinte der Technical Ballroom konsequent digitale und analoge Elemente und eröffnete den Nutzer:innen dadurch völlig neue Möglichkeiten. Das Team um Jonas Hennecke und Kevin Barz brannte in der ersten Spielzeit ein wahres Feuerwerk an spektakulären Formaten ab: „Offline“, „Die neuen vier Jahreszeiten“, „14 Tage Krieg“, „Und das Wort war Gott“ oder „Die Tagesshow“. Wie sich die Interaktion mit der Technik für eine Schauspielerin anfühlt, haben wir damals übrigens Anna Seeberger gefragt. In dieser Spielzeit geht es etwas ruhiger zu als in der ersten. Neben den Wiederaufnahmen der jungen Klassiker „Offline“ und „14 Tage Krieg“ stehen lediglich drei Premieren an. Bevor im November „Woyzeck“ und im Januar „Saal 600“ an der Reihe sind, startet nun im Oktober „Life on Earth is long“. Der Titel des Stücks gibt bereits den dezenten Hinweis, dass dieses Stück mit dem Leben auf Erden zu tun haben wird. Doch worum geht es genau? Und welche Rolle spielen dabei die technischen Möglichkeiten? Das haben wir uns für euch angeschaut. TECHNICAL BALLROOM LIFE ON EARTH IS LONG PREMIERE: FR, 20. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) WEITERE TERMINE: SA, 21. OKTOBER, 20 UHR* (TICKETS) DO, 26. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) FR, 27. OKTOBER, 20 UHR (TICKETS) SA, 28. OKTOBER, 20 UHR* (TICKETS) * IM ANSCHLUSS SILENT DISCO MIT HOUSE, TECHHOUSE UND TECHNO EXHALLE PFERDEMARKT 8A 26121 OLDENBURG Der Ritt über die Bühne Und plötzlich ist man allein. Während kurz vor der Vorstellung von „Life on Earth is long" noch erwartungsvoller Trubel herrscht und allseits Vorfreude auf das experimentelle Stück zu spüren ist, markiert der Beginn schließlich einen drastischen Wechsel der Szenerie. Im plötzlichen Dunkel sehen wir uns konfrontiert mit einem minimalistischen Bühnenbild, eindringlichen Bildern, hypnotischen Klängen und philosophischen Texten, die uns einladen - oder geradezu zwingen - sich ganz auf das zu konzentrieren, was da kommen mag. Und das ist eine Menge! „Es handelt sich um ein Multimedia-Stück“, gibt Regisseurin und Videodesignerin Stefanie Rübensaal die grobe Richtung vor - und angesichts der Menge an sinnlichen Eindrücken, die auf das Publikum einströmen, kann man ihr nur zustimmen. Bei dem Stück handele es sich nicht etwa um ein klassisches Schauspiel und es sei auch nicht linear angelegt, erläutert sie weiter. „Es gleicht einer Collage aus verschiedenen Elementen - wie Live-Electronica von Sofia Čvoro, Videokunst und Performance.“ Und das sei noch nicht alles: Darüber hinaus gebe es mittels Tablets auch noch eine Interaktion des Publikums. „Es ist ein Ritt über die Bühne“, schmunzelt die Schweizerin. Endliche Weiten Die Idee für das Stück geisterte bereits seit dem letzten Winter in Stefanies Kopf herum, konkrete Gestalt nahm es aber erst an, als sich die Möglichkeit ergab, es im Technical Ballroom zu realisieren. „Die Produktion ist wirklich mit diesem Ort und seinen vielen Möglichkeiten entstanden“, erklärt die freischaffende Künstlerin. „Davon war ich regelrecht geflasht! Das hat viele Ideen angeregt und gefördert.“ Üblicherweise mache sie oft Grafik- und Video-Projektionen im öffentlichen Raum - und das in der Regel mit einfachem Equipment. Nun aber habe sie erstmals Gelegenheit gehabt, eine Projektion auf der riesigen LED-Wall des Technical Ballroom zu realisieren und mit Live-Musik zu verbinden. Die ist dank Sofia Čvoro durchaus zu einer gleichberechtigten Ebene geworden: „Stefanie hat mir beschrieben, wie die Videos aussehen werden“, gewährt sie einen Einblick in den Arbeitsprozess. „Daraufhin habe ich versucht, die Stimmungen akustisch einzufangen.“ Das ist ihr gelungen. Neben sphärischen, oft auch düsteren und manchmal sehr lauten Sounds spielen auch Popsongs eine große Rolle in „Life on Earth is long“. Das Leitthema des Stücks ist letztlich die Endlichkeit, die jedes noch so lange Leben irgendwann begrenzt - und die auch in in den Charts immer wieder Thema ist. Bittere Breakups Einige Male erklingen Tracks, die urspünglich zwar Breakups thematisierten, also die Endlichkeit von Liebesbeziehungen. In diesem Kontext aber gewinnen sie ganz neue Bedeutungsebenen hinzu, denn es geht ja um das Leben auf Erden - und dessen sehr unterschiedliche Länge für die verschiedenen Bewohner:innen. Wenn also bekannte Songs durch die Halle dröhnen und die Lyrics auf den Screens erscheinen, wird plötzlich der Planet zur Protagonistin und richtet sich an ein Gegenüber, das womöglich die Menschheit sein könnte - zum Beispiel in „Survivor“ von Destiny's Child: Now that you're outta my life, I'm so much better You thought that I'd be weak without ya, but I'm stronger You thought that I'd be broke without ya, but I'm richer You thought that I'd be sad without ya, I love harder You thought I wouldn't grow without ya, now I'm wiser You thought that I'd be helpless without ya but I'm smarter I'm a survivor, I'm not gon' give up I'm not gon' stop, I'm gon' work harder I'm a survivor, I'm gonna make it I will survive, keep on survivin' Viel los im Kopf Immer wieder tauchen auch forschende Fragen auf, die - ähnlich wie der Titel - längst nicht so simpel sind, wie es zunächst scheint. „Wer braucht wen“ lautet eine dieser vielfach wiederholten Fragen, „Kann ich sein ohne dich?" eine andere. Ob die Erde sie ausspricht oder der Mensch, ob sie angesprochen wird oder er? Das aufzulösen ist Aufgabe der Besucher:innen selbst. Apropos: Sie sind auch mehrfach aufgefordert, über Tablets den Fortgang des Stücks mitzubestimmen. Nicht alle Entscheidungen verändern den Ablauf der Ereignisse, geben dafür aber Auskunft darüber, wie die Gruppe so „tickt“, in der man sitzt. Es ist ein faszinierender Effekt, dass man sich gedanklich intuitiv auch dazu verhält. Kurzum: es ist einiges Los im Kopf, wenn man sich „Life on Earth is long“ anschaut - und das ist auch beabsichtigt. „Das Stück kann man als Impulsgeberin sehen. Auch wenn es kein klassisches Schauspiel mit einer Erzählung ist, ist es niedrigschwellig zugänglich“ zerstreut Stefanie etwaige Befürchtungen, die Materie könnte zu anspruchsvoll sein. „Das grundsätzliche Thema erschließen wir über die Fragestellung, dazu kann jede:r Gedanken und Gefühle entwickeln.“ Es sei hingegen aber nicht ihr Ziel, dass alle immer jede Ebene durchschauen. Sowieso müsse Kunst nicht immer erklären und dürfe auch assoziativ sein. „Ich würde mich freuen, wenn das Stück zur Selbstreflexion anregt: Wo stehe ich, wo stehen wir und wie ist das Verhältnis?“ Letztlich sei es eine Einladung, die Perspektive zu wechseln und die eigene Rolle zu hinterfragen - eine finale Aussage gebe es aber nicht. Und so werden wir später im Stück auch mit Haddaways Eurodance-Smasher „What is love?“ alleingelassen, erkennen in den Texten aber plötzlich neue Qualitäten. No, I don't know why you're not fair I give you my love, but you don't care So what is right and what is wrong? Gimme a sign What is love? Oh baby, don't hurt me Don't hurt me No more Ungewohnte Erfahrung Kein Zweifel: Life on earth is long hinterlasst niemanden völlig unberührt. Damit ist keineswegs gemeint, dass hier die Tränendrüse gedrückt wird. Nein, das Theaterexperiment kommt ohne große Gefühlsduselei aus. Vielmehr wird das Publikum in hoher Frequenz auf sehr unterschiedliche Weise getriggert. Dazu tragen Stefanies Videos und Performance ebenso bei wie Sofias Live-Sounds. Wer am liebsten zur Niederdeutschen Bühne geht, wird in der Exhalle vielleicht enttäuscht werden. Alle, die sich in eine neue Erfahrung stürzen wollen und den Mut haben, auch mal etwas nicht zu verstehen, sei „Life on Earth is long“ ans Herz gelegt. Um zu tiefliegenden Gedanken und Gefühlen durchzudringen ist man manchmal einfach am besten: allein mit der Welt.
- ENDLICH SALONFÄHIG
Etwas ruhig ist es geworden um die Creative Mass. Was einst als große kulturelle Selbstermächtigung entstand und zeitweise als eine Art Kulturparlament gedacht war, ist mittlerweile auf eine eher unregelmäßige Plattform des Austauschs zusammengeschrumpft. Das ist bedauerlich, aber auch nicht dramatisch. Denn auch in dieser Form hat sie ihre Berechtigung - und lädt nun erstmals zum „Oldenburger Kultursalon“ ein. Über dreihundert Menschen - so viele waren es damals, im Mai 2017, als die kreative Szene und ihre Sympathisant:innen auf die Straße gingen, um die Alte Maschinenhalle am Pferdemarkt in ihrer rohen Form zu erhalten. Es war ein Erweckungsmoment für die Kulturakteur:innen und für Menschen, die sich bis dahin gar nicht dazuzählten. Die Erkenntnis: Wir haben eine Stimme - und wir wollen gemeinsam etwas erreichen. In der Folge wurde - mit Unterstützung der Stadt Oldenburg und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Partizipatives Gestalten (IPG) - ein großer Prozess ins Rollen gebracht, um die Bewegung über den Moment und den Anlass hinaus zu verstetigen. Jedoch erwies sich der Prozess als zu komplex: Im Laufe vieler Treffen und Diskussionen verlor man etliche Mitstreiter:innen. Und wichtiger noch: Man verlor dabei auch Vibe und Drive. Vereinfacht ausgedrückt erstickte die Creative Mass an den eigenen Ansprüchen - auch wenn alle Einzelziele für sich genommen richtig waren. DER OLDENBURGER KULTURSALON: MONEY MAKES THE WORLD GO ROUND FREITAG, 24. NOVEMBER, 19 UHR KULTURETAGE/ STUDIO K BAHNHOFSTRAßE 11 26122 OLDENBURG EINTRITT FREI Szene im Kasten Dass es so kam, ist den Beteiligten kaum anzukreiden. Alle waren beseelt vom Vorhaben, etwas Neues und Wunderbares zu schaffen. Die zermürbende Komplexität des Projekts - von der Selbstfindung über die Finanzierung und Organisation bis zur Raumsuche - nahm jedoch selbst den größten Enthusiast:innen den Wind aus den Segeln. Aber: Das war nicht das Ende. In den letzten beiden Jahren setzte die Creative Mass zwei Akzente: Erstens übernahm sie die Pflege des Oldenburger Portals, das Akteur:innen aus Oldenburgs Kultur und Kreativwirtschaft im Netz auffindbar macht. Zweitens veranstaltete sie unregelmäßige Treffen zum Kennenlernen, Vernetzen und Austauschen, die sogenannten „Szenen“. Bei der Premiere war damals auch der Kulturschnack zu Gast, im Folgenden viele weitere Vertreter:innen aus der Kulturlandschaft. Insgesamt sechs Termine fanden statt. Doch obwohl es ein angenehm niedrigschwelliges Format war, konnte es stets nur ein bis zwei Dutzend Menschen zur Teilnahme motivieren. Das ist keine schlechte Bilanz, aber eben auch nichts, was dem Begriff der "Masse" nahe käme. Deshalb hat sich der Creative Mass-Vorstand um Mathilda Kochan, Katharina Semling und Andreas Büttner etwas Neues ausgedacht: nach der Szene kommt der Salon - und mit ihm ein Ortswechsel von der Musikschule ins Theater k. Zeit für was Neues Das hat viel mit Mathilda selbst zu tun. Seit Jahresanfang leitet sie das Theater k und erkannte das Potenzial der eigenen Räumlichkeiten für die Creative Mass: „Das Foyer des Theater k ist ein kleiner Salon, deshalb war die Namensänderung naheliegend“, erklärt die junge Theaterchefin. Bei dem Wechsel ging es jedoch um weit mehr als nur einen anderen Ort. Die „Szenen“ konnte man als zwanglos-unprogrammatisch beschreiben, sie waren angenehm und entspannt. Jedoch fehlte ihnen das gewisse etwas, um sie zu einer Attraktion für viele zu machen. Das wird beim Oldenburger Kultursalon anders - und das hat mit zwei Veränderungen zu tun. „Wir wollen jeweils ein aktuelles Thema diskutieren“, benennt Mathilda eine der beiden Neuerungen. Bei der Premiere gehe es um die finanzielle Ausstattung der Kulturszene - ein Thema, das mit Blick auf Krisen und Kosten aktuell besondere Bedeutung besitzt. Eingeladen sind Gäste, die sich in diesem Bereich bestens auskennen - wie etwa Christiane Cordes, Leiterin des städtischen Kulturamts, oder Ulf Prange, Landtagsabgeordneter der SPD. „Wir wissen natürlich, dass Geld nicht glücklich macht und da man bekanntermaßen Geld hat und nicht darüber spricht, reden wir nicht über Geld, sondern singen, lachen, talken, quatschen, teilen, netzwerken und musizieren – wie es sich in einem Kultursalon gehört.“ Die zweite Neuerung steht mit der ersten in Zusammenhang, denn sie betrifft die Art und Weise, wie das aktuelle Thema aufbereitet wird: „Der Salon ist quasi eine inszenierte Podiumsdiskussion“, berichtet die ausgebildete Opernsängerin und Regieassistentin. Das heißt, es wird vorbereitete Inhalte und Impulse geben. Einen Grund für diese Veränderung liefert sie gleich mit: „Im Foyer des Theater k steht uns eine Bühne zur Verfügung. Da muss man halt spielen!“ Das tun in diesem Fall Uwe Bergeest, Marina Ruhl, Ralf Selmer und Anne-Sophie Zarour, die auch durch den Abend führt. Aber bedeutet das etwa, dass die Gäste womöglich auch auf die Bühne müssen? Mathilda antwortet mit einem Augenzwinkern: „Vielleicht...?“ Bühne für die Masse Beim Oldenburger Kultursalon vermischen sich also zwei Strömungen: Das Anliegen des Formats bleibt die Diskussion, also der Austausch mit dem Ziel eines Erkenntnisgewinns und einer Veränderung. Durch den Einsatz der Bühne bekommt der Abend aber auch ein spielerisches, unterhaltendes Element und eine dramaturgische Klammer - ein klarer Gewinn gegenüber den „Szenen“. Ob die Neuerung letztlich trägt, bleibt abzuwarten. Für viele dürfte es zunächst schwer zu erkennen sein, um was es geht: Sachliche Diskussion oder Darstellendes Spiel? In der Antwort darauf - eine Mischung aus beidem - liegt aber gleichzeitig das Potenzial des Formats. Schließlich hat es so etwas noch nicht gegeben und könnte durchaus reizvoll sein. Am wichtigsten ist aber, dass die Creative Mass ihre Berufung als Interessenvertretung und Sprachrohr wiederfindet - und im Zuge dessen vielleicht auch Vibe und Drive. Über dreihundert Menschen werden zur Premiere voraussichtlich nicht kommen. Aber wenn dauerhaft ein Zehntel davon den Weg ins Theater k findet, dann wäre das auch ein Erfolg - und die Masse somit: endlich salonfähig.
- NICHTS WIE HIN (47)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- IM KLANGWELTRAUM
Mit den letzten warmen Sonnenstrahlen geht nicht nur der Sommer zu Ende, sondern auch die Festival-Saison. Vorbei ist die Zeit des gemeinschaftlichen Live-Erebnisses und der kunterbunten Intimität der Masse. Oder etwa doch nicht? Nein, denn in Oldenburg geht die Festivalsaison jetzt in die Verlängerung. Im Cadillac findet das Helicon Fest statt. Was das ist? Beantworten wir hier. Es gibt Festivals, die müssen sich nicht mehr erklären. Ob Wacken, Deichbrand, Hurricane oder Watt en Schlick: Im Großen und Ganzen ist klar, was einen erwartet. Neuere und kleinere Musikfestivals müssen sich dagegen erstmal einen Namen machen. Und manchmal müssen sie auch beschreiben, worum es überhaupt geht. Das trifft auch auf das Helicon Fest zu, das am 13. und 14. Oktober erstmals im Cadillac stattfindet. Es widmet sich nämlich zwei Stilrichtungen, die nicht unbedingt täglich an der Spitze der Charts stehen oder die Titelseiten von Musikmagazinen bestimmen: Ambient, Electronica und Post Rock. Warum man sich diese „Schattengewächse“ der Musikszene unbedingt mal genauer ansehen sollte und warum das Helicon Fest die perfekte Gelegenheit ist? Lest ihr hier! HELICON FEST AMBIENT ELECTRONICA & POST ROCK MIT BILLION ONE, BRUECKEN, CMDR RIKR, COPING MECHANISM, GLASGOW COMA SCALE, HEIMLICH MANOVER, MONDAN, SHAMOTTE FREITAG, 13. OKTOBER UND SAMSTAG, 14. OKTOBER JEWEILS AB 19.30 UHR JUGENDZENTRUM CADILLAC HUNTESTRAßE 4A 26135 OLDENBURG Unerwartete Entdeckungen Wer sich einem Musikgenre annähert, das einem noch völlig unbekannt ist, steht erst einmal vor vielen Fragen. Bei Ambient, Electronica und Post Rock dürfte viele Menschen vor allem eine besonders naheliegende beschäftigen: Wie klingt das eigentlich? Genau das haben wir jemanden gefragt, der sich damit auskennen sollte. Bernd Frikke ist nicht nur Teil des Organisationsteams des Helicon Festes - er spielt auch in den beiden beteiligten Bands Bruecken und Heimlich Manover. Guter Eindruck: Bruecken waren 2021 beim Cadillac Trunk TV zu Gast. Ihr Auftritt ist ein guter Anhaltspunkt für den typischen Post Rock Sound. „Als Post-Rock wird häufig instrumentale Rockmusik bezeichnet, die vor allem mit den Dynamiken zwischen laut und leise spielt und deren Stücke auch gern mal etwas länger sein können“, grenzt der Experte die Materie ein. Mit „etwas länger“ sind druchaus Zeiträume zwischen fünf und zehn Minuten gemeint und manchmal sogar darüber hinaus. Dass sich das manchmal bei weitem nicht so lang anfühlt, liegt an den starken Kontrasten und Dynamiken innerhalb der Songs: sie sind wesentliche komplexer als durchschnittliche Popsongs und erlauben es den Zuhörer:innen, in einen wahren Klangweltraum einzutauchen. Das heißt: Die Konzert-Erfahrung ist eine ganz andere. Statt um Tanzen, Mitsingen oder Stagediving geht es um eine eher introspektive Erfahrung - die aber ähnlich mitreißend sein kann wie ein Chorus aus tausend Kehlen. Musik für Flughäfen „Die Genres ‚Ambient’ und ‚Electronica’ bewegen sich in einem ähnlichen Spannungsfeld“, fährt Bernd fort. Sie seien aber - wie der Name des zweiten schon sagt - eher elektronischen Ursprungs. Als ein Urvater gilt Brian Eno, der Ende der Siebziger vier Arbeiten unter dem Titel „Ambient 1-4“ veröffentliche. Einen Hinweis darauf, was man sich vorstellen kann, gibt das erste Album, das mit „Music for Airports“ untertitelt ist: Die Sounds sind ruhig, introvertiert, fließend - beinahe wie ein Reisender an einem Flughafen. Stücke aus dem „Electronica“-Bereich können dagegen durchaus klassische Songstrukturen und einen durchgehenden Rhythmus bzw. Beat aufweisen und sogar tanzbar sein. Häufig sind sie aber auch experimenteller Natur und kreieren Stimmungen und Klanglandschaften. Bernd sieht die große Bandbreite der acht Bands an den zwei Abenden als einen großen Vorteil: „Auch Prog-Rock, (Post-)Metal oder Jazz-Fans dürften der ein oder anderen Band was abgewinnen können“, vermutet der erfahrene Musiker, der früher u.a. in der Band von Enno Bunger spielte. „Es gibt auf jeden Fall viel Spannendes zu entdecken!“ Fast eine Familie Das Line-Up für die beiden Abende im Cadillac ist musikalisch abwechslungsreich - und das nicht nur Vergleich zueinander, sondern auch innerhalb der einzelnen Songs. Abseits der epischen manchmal dramatischen Soundscapes wird aber eine warme, herzliche Atmosphäre herrschen. „Das HELICON Fest ist im Grunde eine Art Familientreffen der Post-Szene im Nordwesten“, erklärt Bernd. „Untereinander kennen sich die meisten Bandmitglieder schon viele Jahre, haben zusammen Konzerte oder in gemeinsamen in Projekten gespielt.“ Einzige Ausnahme seien GLASGOW COMA SCALE aus Frankfurt. „Die sind schon lange sehr umtriebig und wurden als Headliner für den zweiten Abend eingeladen.“ Aber warum eigentlich der Name HELICON? Anders als bei Deichbrand oder Watt en Schlick er nicht gerade nahe - das gleichnamige Gebirge liegt nämlich in Griechenland, nördlich des Golfs von Korinth. Was also hat es damit auf sich? „Der Name ist einem, bzw. zwei Songtiteln der schottischen Post-Rock Band MOGWAI aus den Jahren 1997 entliehen“, klärt Bernd auf. „MOGWAI gehören mit zu den Vorreitern dieses Genres und sind bis heute eine der erfolgreichsten Bands.“ Zudem zeigen die vier Glasgower, dass man sich auch mit Post Rock in die Charts spielen kann. Ihr letztes Album „As the love continues“ von 2021 erreicht in Deutschland Platz 3 und im United Kingdom sogar Platz 1 der Albumcharts. Fest statt Festival Es ist und bleibt richtig, dass mit den letzten armen Sonnenstrahlen nicht nur der Sommer, sondern auch die Festival-Saison zu Ende gegangen ist. „Ein Feeling wie beim Hurricane wird bei uns natürlich nicht aufkommen“, ist sich auch Bernd bewusst. Eine Stärke, die traditionell den Festivals zugeschrieben wird, kann das Helicon Fest aber sehr wohl ausspielen: Auch dort lassen sich auf einfache Weise neue Bands entdecken, die man sonst wahrscheinlich nie gehört hätte. „Musikalisch kommt bei uns jeder auf seine Kosten - so viel steht fest“, ist Bernd überzeugt. Und tatsächlich spricht viel dafür, solange man ein offenes Mindest mitbringt und sich voll auf die mal sphärischen, mal dynamischen Sounds einlässt. Denn dann geht es geradewegs dorthin, wo man sonst nie ist: In den Klangweltraum.
- MOIN, WELT!
Die KIBUM? Kennt in Oldenburg jede:r und auch jenseits der Stadtgrenzen ist die Kinderbuchmesse keine Unbekannte. Und doch gibt es Facetten von ihr, die bisher noch nicht ausreichend gewürdigt wurden. Am offensichtlichsten vielleicht: Die Partnerländer. Dieser inhaltliche Kniff ist simpel, aber genial - denn so treffen die jungen Leser:innen auf Land, Leute, Literatur. Und nicht nur sie. Sagen wir einfach, wie es ist: Als Erwachsener beschäftigt man sich kaum mit Literatur für Kinder und Jugendliche - bzw. nur dann, wenn ein Exemplar dieser Gattung zum eigenen Haushalt zählt. Und selbst dann ist man dabei eher fremd- als eigenmotiviert. Das ist einigermaßen verständlich, schließlich verändern sich die Lesegewohnheiten und -bedürfnisse im Laufe des Lebens recht deutlich. Und doch lohnt sich der Blick auf Formate, die eigentlich für jüngere Leser:innen gedacht sind. Der ideale Ort dafür ist die KIBUM. Auch dort finden Erwachsene vielleicht nicht plötzlich Zugänge zu Bilderbüchern für Dreijährige. Aber da ist ja noch mehr als das bedruckte Papier. Erstens ist es ein großer Spaß, Kinder dabei zu beobachten, wie sie sich in der kleinen Bücherwelt austoben. Und zweitens - jetzt wird's relevant - gibt es ein Rahmenprogramm, das auch für Menschen etwas zu bieten hat, die sich an die Schulzeit kaum noch erinnern können. Man muss nur lernen, mit Kinderaugen zu sehen. KIBUM OLDENBURGER KINDER- UND JUGENDBUCHMESSE - AUSSTELLUNGEN - 11. BIS 26. NOVEMBER MO- FR: 19-18 UHR SA-SO: 10-18 Uhr BBK GALERIE/ARTOTHEK PETERSTRAßE 1 26121 OLDENBURG Weltreise vor Ort Eine Besonderheit der KIBUM ist der alljährliche Schwerpunkt. Immer wieder werden dabei inhaltliche Akzente gesetzt, seit 2006 spielen aber auch geographische Bezüge eine wichtige Rolle. Damals ging es um den Orient, also die nordafrikanischen und vorderasiatischen Länder zwischen Marokko und Afghanistan. Eine gewisse Aufregung gab es damals zwar um die Schirmherrin Suzanne Mubarak, die sich zwar der Entwicklung der Grundschulen und der Alphabetisierung der Jugend in Ägypten widmete, aber Ehefrau des autokratischen Staatspräsidenten war. Dennoch war dieses Experiment erfolgreich, so dass bereits im Folgejahr mit Frankreich zum ersten Mal ein einzelnes Land im Mittelpunkt stand. Begegnungen: Die ausgewählten Partnerländer der letzten Jahre standen häufig im Kontext zu gleichnamigen Veranstaltungsreihe des Kulturbüros. Die jeweiligen Plakate beeindrucken auch visuell. (Bilder: KIBUM) Seither gab es immer wieder Länderschwerpunkte - und sie haben sich stets als große Bereicherung erwiesen - vor allem natürlich für die vielen Kinder und Jugendlichen, die vor Ort in Oldenburg Entdeckungsreisen in die Ferne unternehmen konnten. Zwar ersetzt nichts die persönliche Begegnung mit einem Land, verglichen mit mancher Pauschalreise ins All-Inclusive-Resort ist die literarische Expedition aber häufig die bessere Alternative - denn sie bietet authentische Eindrücke. Dieses Prinzip gilt aber nicht nur für die Bücher selbst, sondern auch für das Rahmenprogramm, insbesondere die Ausstellungen. Sie sind nicht nur für Kinder spannende Entdeckungsräume, sondern wirken auch auf Erwachsene. Zwar haben viele Volljährige gewisse Hemmungen, in Veranstaltungen zu gehen, die „frei ab 6" sind. Doch hat diese Angabe auch noch niemanden davon abgehalten, sich „Star Wars“ anzugucken. Wir haben uns über diese literarischen Grenzüberschreitungen mit der Schweizer Autorin Lika Nüssli unterhalten. Das vielfach preisgekrönte Multitalent ist an der diesjährigen KIBUM gleich mehrfach beteiligt: Einige ihrer Werke sind in der Ausstellung „Schweizer Augen-Blicke“ zu sehen, gemeinsam mit Schüler:innen der Grundschule Bürgeresch entwickelte sie das Panoramawerk „Bildschöne Schweiz“, am ersten KIBUM-Wochenende gab sie einige Workshops und zudem hat sie auch das diesjährige Plakat gestaltet. Wie nimmt sie - gewissermaßen von der Gegenseite - das Konzept der KIBUM war? Das lest ihr hier! Lika, schön dass du hier bist. Es soll ja immer wieder Verwechslungen mit dem Oldenburg in Holstein geben... Das war kein Problem, ich war im September schon mal in Oldenburg für einen Workshop. Es war eine tolle Erfahrung, weil ich dabei mit einer großartigen Lehrerin und ihrer Klasse zusammenarbeiten konnte. Du stellst auf der KIBUM ja nicht nur deine Werke aus, sondern gibst auch Workshops. Was bedeutet es dir, mit Kindern zu arbeiten? Kunst und Gestalten bilden auf verschiedenen Ebenen eine ungeheure Ressource, die uns Menschen zur Verfügung steht. Jedes Kind sollte auf möglichst viele Weisen daran geführt werden. Du selbst lässt dich künstlerisch nicht festlegen, beschäftigst dich u.a. mit Malerei, Skulptur, Performance. Gibt es einen roten Faden? Ja, den gibt es: All meine Projekte beruhen auf dem Boden der Narration. Ich versuche, auf verschiedene visuelle Arten Geschichten zu erzählen, weil mich alle Medien interessieren. Es spielt auch immer eine Rolle, zu welchem Inhalt ich welche Mittel wähle. In Oldenburg bist du nicht zuletzt auch deshalb zu Gast, weil die Kinderbuchmesse den Ansatz eines Partnerlandes verfolgt. Hast du Sympathie dafür? Ja, ich finde es einen berechtigten Nenner, um ein Schwerpunkt festzulegen. Ausserdem zeigt sich dabei immer wieder, wie breit gefächert ein Kulturkreis ist und welch große Zahl an Entdeckungen er bereithält. Deine Beteiligung macht dich zu einer Art Botschafterin deines Landes. Wie fühlst du dich mit dieser Rolle? Die Verantwortung war mir von Anfang an bewusst. Ich versuche, möglichst keine Stereotypen zu zementieren und lieber ein visionäres Bild der Schweiz zu vermitteln. Genau das habe ich auch in meinem Workshop getan, den ich im Vorfeld in Oldenburg gegeben habe. Mein aktuelles Buch „Starkes Ding“, das ich mit dabei habe, zeigt außerdem ein dunkles Kapitel in der Schweizer Geschichte auf, in der es um das Unrecht der sogenannten „Verdingkinder“ geht (siehe Kasten). Was für ein Bild der Schweiz vermittelst du? Ich stelle Traditionen grundsätzlich in Frage und versuche dahinter zu leuchten. Deshalb dürfte manches durchaus überraschend sein. Diese Traditionen sind aber ja nur ein kleiner Teil dessen, was ein Land ausmacht. Mir ist es wichtig, ein differenziertes Bild von Natur, Gesellschaft, Kultur, Aktualität und Politik zu zeigen. Leistet Kunst letztlich auch einen Beitrag zur Völkerverständigung? Ja, daran glaube ich fest. Kunst weicht Grenzen auf, weil wir uns dabei in unserem ureigenen kreativen Menschsein verstehen - und nicht etwa, weil wir die gleiche Sprache sprechen oder derselben Klasse angehören. Deine Werke sind in einer Ausstellung zu sehen, die ab 5 Jahren empfohlen wird. Warum sollte man sich das auch als Erwachsener ansehen? Weil ich meine Zeichnungen niemals nur an eine Altersstufe adressiere. Kunst macht keinen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. Meine Illustrationen leben von der Suche nach neuen Bildsprachen und Experimenten. Raum für Entdeckungen Wir wollen die vielzitierte Kirche im Dorf lassen: Die Ausstellung in den Räumlichkeiten der BBK Galerie und der Artothek ist kein opulentes Spektakel, das uns visuell förmlich umwirft. Die ausgestellten Werke sind tendenziell eher kleinformatig und drängen sich den Betrachter:innen nicht auf. Beinah möchte man sagen: typisch schweizerisch. Doch in dieser Zurückhaltung liegt auch ein Reiz. Sie bietet Raum für Entdeckungen und lädt im wahrsten Sinne des Wortes zu Annäherungen ein, denn um alle Details zu erfassen, muss man nah ran an die Kunst. Es lohnt sich, auf die kleine Entdeckungsreise in der Peterstraße zu gehen, denn auf diese Weise begegnet man tatsächlich Land, Leuten, Literatur - und bekommt man das zu sehen, was Lika versprach: ein differenziertes Bild von Natur, Gesellschaft, Kultur, Aktualität und Politik. In diesem Sinne: Moin, Schweiz!
- SCHNÄPPCHEN-KULTUR
Black Friday ist eine Feiertag des hemmungslosen Konsums. Das unterstützen wir - aber mit einem Twist! Statt euch tonnenweise nutzlose Zeug zuschicken und Jeff Bezos' Konto weiter anschwellen zu lassen, gebt euer Geld lieber woanders aus. Und zwar: In der Oldenburger Kultur. Gelegenheit gibt's reichlich - und vieles ist sogar kostenlos. Ein klares Statement gegen den Kommerz! Manchmal hat man das Gefühl, erschlagen zu werden. Selbst wenn man mit dem Rummel um den Black Friday nichts am Hut hat, kann man ihm kaum entkommen. Alle, die etwas zu verkaufen haben, konstruieren um ihn herum marktschreierische Kampagnen, um sich selbst mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Resultat bei vielen: ein Gefühl der Überforderung. Die Kultur hat mit derlei Effekthascherei nichts am Hut. Sie will keine Ware zigtausendfach verkaufen, sie lädt vielmehr ein, genau das Gegenteil zu tun: Innezuhalten, sich konzentriert und bewusst mit etwas auseinanderzusetzen und danach mit einem immateriellen Mehrwert wieder nach Hause zu gehen. Und doch kommt es auch in der Oldenburger Kultur zu einer Art Black Friday - inklusive des leichten Gefühls einer Überforderung - denn ihr könnt heute über zwanzig Veranstaltungen mitnehmen. Here we go!
- HEY, LUDWIG!
Mit seinem klassizistischen Säulenportikus scheint das Kulturzentrum PFL in erster Linie für die Vergangenheit zu stehen. Und tatsächlich wurde es bereits in den Jahren 1838 bis 1841 erbaut. Trotzdem passiert hinter der Fassade durchaus Zukunftsweisendes: Der Rat stellt dort die Weichen für die Stadt, die Bibliothek bietet ständig neue Inspirationen, der Kulturschnack hat dort seine Redaktion - und jetzt gibt es auch noch ein Café! Als das heutige Kulturzentrum PFL vor nahezu zweihundert Jahren feierlich eröffnet wurde, deutete nichts darauf hin, dass hier eines Tages Genuss im Mittelpunkt stehen könnte. Stattdessen ging es um Leben und Tod: Erbaut wurde das Haus nämlich nicht etwa als ein Ort der Künste, sondern als ein Krankenhaus. Und genau das blieb es auch für 143 Jahre. Bis 1984 war es Außenstelle des Klinikums Oldenburg. Nach dessen endgültigem Umzug nach Kreyenbrück wurde die Entscheidung getroffen, das ehrwürdige Haus in der Peterstraße der Kultur und der Politik zu widmen. Von Beginn an war klar, dass damit idealerweise auch eine gastronomische Grundversorgung einhergehen sollte. Schließlich geht nicht nur die Liebe, sondern auch die Leidenschaft für Kunst und Kommunalpolitik durch den Magen. So gab es direkt neben dem Großen Saal im Erdgeschoss zwar immer wieder Restaurants und Cafés, zuletzt standen die Räumlichkeiten allerdings leer. Bis jetzt. LUDWIG NO. 3 DAS CAFÉ IM PFL ÖFFNUNGSZEITEN: DIENSTAG, MITTWOCH, DONNERSTAG 10 - 18 UHR PETERSTRAßE 3 26121 OLDENBURG Diagnose: Lücke in der Fülle Zugegeben: Mit Cafés ist Oldenburg nicht unbedingt dramatisch unterversorgt. Doch auch wenn es viele nette, schöne, coole Angebote gibt, existieren immer noch Lücken, die bisher niemand schließen konnte. Eine von ihnen befand sich im PFL. Dort - wo tägliche mehrere Konzerte, Lesungen, Tagungen, Besprechungen und Workshops stattfinden - gab es zuletzt keine Inhouse-Bewirtung. Zum Vergleich: Das Core mag sich auch kaum jemand ohne den Marktplatz im Erdgeschoss vorstellen. Es war als höchste Zeit, daran etwas zu ändern. Das taten Ina Fricke und Mirko Schinski. Sie blickten auf die Vakanz im PFL mit einer „jahrhundertelangen" gastronomischen Erfahrung (die tatsächlich 2001 im Loft begann) - und mit einem mutigen Blick auf Chancen und Möglichkeiten. Ihnen war klar, dass sich das PFL kulinarisch weit unter Wert verkaufte. Zwar hat die Mikro-Lage einige Nachteile. So ist das Café von der Peterstraße aus nicht zu sehen und auch im Haus selbst muss man die Augen offen halten - der Denkmalschutz verhindert großflächige Hinweise. Zudem waren die Räumlichkeiten samt Ausstattung in die Jahre gekommen und verströmten bestenfalls eine gewisse Zweckmäßigkeit. Aufenthaltsqualität? Unterdurchschnittlich. Dem gegenüber standen aber auch Vorteile. Zum einen verlangt ein Haus wie dieses, in das tagtäglich Hunderte Menschen ein- und ausgehen, eigentlich nach einem passenden gastronomischen Angebot. Zum anderen hat der Gedanke, diesen historischen Ort mit dem richtigen Gespür für Details zu revitalisieren und ihm neuen Glanz zu verleihen, einen großen Reiz, betont Ina: „Für uns hatte die Örtlichkeit einfach unfassbar viel Potenzial, der Raum an sich und die Idee, etwas Neues zu starten. Mitten in der Stadt, mitten im Kulturleben.“ Sie selbst komme vom Staatstheater, kümmere sich dort um Theatercafé und Exhalle, organisiere Partys wie den Tanz im Glashaus. „Daher die Vorstellung, jupp, lass mal was Neues probieren!“ Heilmittel: Herzblut Ina und Mirko sprühen vor Elan und Ideen. Zwar gab es vor der Eröffnung noch mehr zu tun als erhofft und befürchtet. Die betagte Technik sorgte für manche Verzögerung. Doch der Traum von einem Café im PFL, das dem Haus gerecht wird, trieb sie immer weiter an. Ihre Leidenschaft merkt man den Räumlichkeiten sofort an: Mit viel Feingefühl haben Ina und Mirko diesen Ort gestaltet; die profane Zweckmäßigkeit ist einer besonderen Atmosphäre mit hohem Wohlfühlfaktor gewichen. „Wir bieten eine nette Café-Atmosphäre“, beschreibt Ina ihr Projekt. „Es gibt leckere kleine Snacks, guten Kaffee und nette Mitarbeiter:innen, die richtig Lust haben - genau wie wir!“ Kein Zweifel: Das Ludwig No. 3 hat andere Ansätze und Ansprüche als frühere Nutzungsvarianten. Hier geht es nicht darum, das Nötigste für das Dringlichste bereitzustellen - hier geht es um eine Herzensangelegenheit zweier Menschen, denen Gastfreundschaft etwas bedeutet. Und das muss in Zukunft auch nicht auf drei Tage beschränkt sein: „Die Öffnungszeiten sind noch ein Probelauf“, erklärt Ina. Man wolle erstmal sehen, wie es läuft und ob die Oldenburger:innen das neue Angebot annehmen. „Wenn sich alles gut anfühlt für uns und wir das orgatechnisch hinbekommen, klar, dann kann man auch über eine Erweiterung nachdenken.“ Therapie: Wärme und Wohnlichkeit Zwar bleibt die Lage des Cafés eine eher schattige Angelegenheit. Gegen die Versäumnisse von Architekten kann man eben nicht andekorieren. Doch hat die Nische nun einen ganz eigenen Charme, der jene Wärme und Wohnlichkeit ausstrahlt, die man an dieser Stelle lange schmerzlich vermisst hat. Dazu war freilich mehr nötig, als einfach nur ein paar Getränke und Gerichte anzubieten. Dafür brauchte es Kenntnisse, Erfahrungen und Vorstellungskraft. Ina und Mirko brachten sie mit - und haben damit schon vieles erreicht. „Wir sind regelrecht begeistert“, freut sich Paula von Sydow, als Leiterin des städtischen Kulturbüros auch verantwortlich für die Verwaltung des PFL. „Das Ludwig No. 3 bietet etwas, das wir uns hier immer gewünscht haben: echte Cafékultur! Mit seinem zeitgemäßen Look und den vielen Leckereien ist es ein großer Gewinn für das PFL. Außerdem öffnet es das Haus stärker nach außen - auch darüber freuen wir uns!“ Dazu wird in Zukunft übrigens auch eine Außenterrasse beitragen. Die wird zwar erst noch gestaltet, deutet ihr Potenzial aber bereits an. „Ab dem nächsten Sommer heißt es draußen dann: Palette, Liegestuhl und Quietscheente“, macht Ina schon mal neugierig. Wir sind mit euch gespannt - und hoffen auf eine kleine urbane Oase für den Kulturcampus an der Peterstraße. Prognose: Neue Qualitäten Es war bisher nichts wirklich falsch mit dem PFL. Und genau das war vielleicht das Problem. Es gab keine dramatischen Notstände, die zum Handeln gezwungen hätten. Stattdessen ging es irgendwie - aber nicht gut. Zum Glück jedoch wurde der Beschluss gefasst, den Betrieb des Cafés neu auszuschreiben. Quasi aus dem Nichts heraus haben Ina und Mirko in kürzester Zeit eine echte Attraktion gezaubert. Nun liegt es an der Kundschaft, dass daraus auch ein Erfolg wird. Und wer weiß? Vielleicht gelingt dem Ludwig No. 3 am Ende sogar mehr als man gedacht hat. Schließlich verwandelt es die schlichte Sachlichkeit des PFL-Anbaus - die von manchen als kühl wahrgenommen wird - in eine angenehme Atmosphäre. Das könnte der Startschuss sein für eine Neuinterpretation des PFL - das weiterhin Vorträge und Workshops bieten wird, aber eben auch neue Aufenthaltsqualität. Daran hat zwar niemand gedacht, als im Jahre 1838 der Bau eines Hospitals für die Aufnahme „aller und jeder Person vom Militair- und Civil-Stande“ begann. Aber auch nach 185 Jahre ist es nicht zu spät bzw. genau der richtige Zeitpunkt, in diese Richtung umzudenken. Wir begrüßen diese Entwicklung jedenfalls sehr, wünschen Ina und Mirko von Herzen viel Erfolg und legen euch wiederum ans Herz, das Café einmal auszutesten. Aber Achtung: Womöglich bleibt ihr länger als geplant.
- HALL OF FAME
Sie ist unter vielen Namen bekannt, aber trotz allem ein Geheimtipp: Die Alte Maschinenhalle bzw. Kulturhalle am Pferdemarkt bzw. bau_werk-Halle bzw. Mohrmann-Halle. Doch egal, wie man sie nennt, eines bleibt immer dasselbe: ihr rustikaler Industrie-Charme, der in jeder Metropole bestehen könnte. Dennoch naht jetzt etwas Unvermeidbares: ein Abschied auf Zeit! Kultur? Nein, daran hat gewiss niemand gedacht, als die Halle am Pferdemarkt im Jahr 1898 fertiggestellt wurde. Errichtet wurde sie nämlich als Maschinenschlosserei für das Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn, später diente sie als Teppichlager und Papiergroßhandel. Bei all diesen Nutzungen war sie stets nur wenig mehr als eine Gebäudehülle, die Schutz vor der Witterung bot. Extravaganzen irgendwelcher Art? Gab es nicht. Der Standort ist geradezu symbolisch: In der zweiten Reihe, am Rand. Und dennoch versprüht die Halle einen eigentümlichen Charme, dem man sich heute - genau 125 Jahre nach der Inbetriebnahme - nicht entziehen kann. Es ist nicht nur das Alter allein, das dabei eine Rolle spielt. Es sind die angenehme Zurückhaltung, und die reine Zweckmäßigkeit, die einen Atelier-Charakter verströmen, der auf viele Menschen inspirierend wirkt. Das Gebäude selbst steht nicht im Mittelpunkt, es rückt seine Nutzer:innen dorthin. Deswegen ist die Nutzung der Halle für kulturelle Zwecke heute - anders als 1898 - vollkommen verständlich. Doch damit ist es jetzt (vorerst) vorbei. DANKE, HALLE! ABSCHLUSSFEST DER BAU-WERK-SAISON 2023 UND DANKESFEST FÜR DIE HALLE VOR DER SANIERUNG MIT LICHTKUNST, 3D-VIDEO-MAPPING, DJ-SET, GRAFFITI-MÖBELKUNST, LECKERES VON DEN BUDDELJUNGS UND ORTO SAMSTAG, 7. OKTOBER AB 19 UHR ALTE MASCHINENHALLE PFERDEMARKT 8A 26121 OLDENBURG EINTRITT FREI! Schließung auf Zeit Nach dieser Sommer-Saison schließt die Halle für ein Jahr ihre Pforten: Die Bauverwaltung plant eine Sanierung des alten Gemäuers. Sie ist nötig geworden, da es an einigen Stellen durch das Dach regnet. Zudem reduzierte die fehlende Wärmedämmung die Nutzung auf die Monate außerhalb der Heizperiode. Diese Missstände sollen nun behoben werden - was eine mindestens einjährige Schließung zufolge hat. Auf was wir deshalb verzichten müssen? Darüber haben wir uns mit Felix Freitag, Dr. Frank-Egon Pantel, Katharina Semling und Sebastian von Zeberg unterhalten. Die Schließung betrifft vor allem die älteste und treuste Nutzergruppe, nämlich den bau_werk-Verein, der in der Halle bereits seit 2006 eine Heimat hat. „Wir sehen uns als Plattform für baukulturelle Veranstaltungen“, beschreibt Vorstandsmitglied Dr. Frank-Egon Pantel die inhaltliche Ausrichtung. Ziel sei es, die lokale Diskussion über Stadtgestaltung zu befördern oder überhaupt erst möglich zu machen. „Wir haben in den letzten siebzehn Jahren alle möglichen Themen aufgerufen“, berichtet er. „Es gab immer ein Leitthema und dazu Vorträge, Diskussionen und Ausstellungen.“ In diesem Jahr sei es unter dem Titel „Stadtraum am Wendepunkt“ um den öffentlichen Raum gegangen. „Mit vielen Beispielen aus aller Welt, aber auch aus europäischen Nachbarländern und aus Deutschland haben wir das Thema diskutiert und auf Oldenburg bezogen“, berichtet der ehemalige Oldenburger Stadtbaurat, dem anzumerken, dass seine Leidenschaft für das Thema geblieben ist. Wahnsinniges Glück Der bau_werk-Verein hat seinerzeit den Anfang gemacht, was die Nutzung des brachliegeneden Industriebaus angeht, allein blieb er dabei aber nicht. Ihm folgten viele weitere Nutzer:innen aus dem Kultursektor, die nun ebenfalls von der Schließung betroffen sind. „Für die Kultur ist das natürlich ein kleines Drama“, erklärt stellvertretend Katharina Semling. Die Innenarchitektin ist eine umtriebige Akteurin in der Oldenburger Szene. Mit beeindruckendem Engagement - und einem exzellenten Netzwerk - gelang es ihr in den letzten Jahren immer wieder, aus dem Nichts kleine und große Kulturveranstaltungen zu organisieren. Favorisierter Ort? Na klar, die Halle am Pferdemarkt. „Ich bin mit der Halle so extrem verwachsen, dass ich immer sage, sie ist mein zweites Wohnzimmer“, lacht Katharina. „Wenn man sich einfach nur diesen Boden mit alle seinen Mustern und Spuren anguckt, wenn der sprechen könnte, dann würde er von unzähligen Messen, Ausstellungen, Aktionen und Events erzählen, die im Laufe der Zeit hier waren", schwärmt sie. Die große Schar an Nutzer:innen ergibt beinahe schon eine Art Hall of Fame der freien Oldenburger Kulturszene. „Die Halle ist im Laufe der Zeit unfassbar aktiv, bunt und spannend geworden. Es macht mich wahnsinnig glücklich, dass das so gekommen ist.“ So sah es im August aus: LUCA ist ein spektakuläres Projekt - gefördert von MACH|WERK. Perfekt unperfekt Auf die Frage nach den Qualitäten der Halle müssen die Beteiligten nicht lange nach Antworten suchen. „Es liegt an der Unperfektion, an diesem Werkstattcharakter“, ist Frank-Egon überzeugt. Wenn man sich umschaue, dann sei eben nicht alles abschließend architektonisch behandelt, sondern biete stattdessen große Möglichkeiten. Ein Beispiel dafür seien die Symposien für Bildhauerei, bei denen über eine Woche mit großer Inspiration gearbeitet wurde: „Der Raum überträgt wahrscheinlich künstlerische Energie auf die Meißel“, schmunzelt der Bauexperte. Das Unfertige und Robuste sei eben etwas ganz Besonderes. „Die Halle ist - und bleibt hoffentlich - ein Freiraum, der manchen Knuff verträgt. Das ist das Geheimnis.“ Dem kann auch Felix Freitag nur zustimmen. Der junge Videokünstler ist nach einer Zeit in Berlin nach Oldenburg zurückgekehrt und hat die betagte Halle für sich neu entdeckt. „Diesen Charme des Industriellen und Urbanen haben wir auch in Berlin oft gesucht“, erinnert er sich, ausgerechnet in Oldenburg hat er ihn gefunden. „Es geht um städtische Freiräume, die von aktiven Menschen genutzt und gestaltet und immer wieder verändert werden können.“ Dadurch entstehe Abwechslung und Vielfalt - und letztlich Spannung. Felix ist sicher, dass die Alte Maschinenhalle in ihrer jetzigen Form auch in Neukölln oder Kreuzberg funktionieren würde. „Es ist einfach schön zu sehen, dass man so alte Räume wieder zum Leben erweckt, das macht für alle Beteiligten Spaß, für die Akteur:innen genauso wie fürs Publikum.“ Das attraktive Äußere Felix schätzt die Halle aber nicht nur von Innen, sondern auch von außen. Im August konnte er nämlich gemeinsam mit Eastsidelights Media - dank einer MACH|WERK-Förderung - eine Videomapping-Projektion namens “LUCA“ an der Außenmauer des Gebäudes zeigen. Wer diese Veranstaltung damals verpasst hat, sollte unbedingt am 7. Oktober dabei sein, dort wird sie als Teil der Abschlussfeier nämlich nochmals gezeigt. Wer das verpasst, verpasst was! „Am Anfang stand natürlich die Frage: Wo kann man sowas machen?“, erinnert sich Felix zurück. Bei seiner Suche in Oldenburg stand er irgendwann vor der Halle am Pferdemarkt - und erkannte die Qualitäten der rustikalen Oberfläche: „Dieser alte Backstein lässt sich gut bespielen. Das hat einen ganz eigenen Charme, wenn man nur so ein bisschen Farben darüber laufen lässt“, beschreibt er den Effekt. Ideal sei auch der offene Platz davor, der insbesondere im Sommer große Aufenthaltsqualitäten habe. Deshalb wundere es ihn, dass dieser besondere Ort nicht noch stärker frequentiert ist. „Es wäre cool, wenn in dieser Ecke insgesamt noch ein bisschen mehr los wäre.“ Dem würde Sebastian zustimmen. Mit seinem Oh, Pardon-Kollektiv nutzt er die Halle seit vier Jahren und stellt fest: „Viele Leute kennen diese Halle immer noch nicht. Das könnte sich vielleicht in Zukunft mal ändern, dass man sie ein bisschen einfacher auffindbar macht.“ Darüber hinaus erhoffe er - wie alle anderen - dass der Charme der Halle erhalten bleibe. „Für unsere Zwecke, für unsere Art zu arbeiten, war es hier immer ideal.“ Zwischen Hoffen und Bangen Egal, ob drinnen oder draußen: Die Nutzung der Halle wird bis auf weiteres nicht mehr möglich sein. Der Start der Sanierung ist seitens der Nutzerschaft mit Hoffnungen, aber auch mit gewissen Befürchtungen verbunden. Schließlich überzeugt die Halle gerade dadurch, dass sie eben nicht den gängigen Standards und Normen entspricht. Eine energetische Sanierung ist dementsprechend ein Drahtseilakt zwischen Sinnhaftigkeit und Sinnlichkeit. „Wir haben hier nur einfache Ziegelwände, die natürlich nicht den technischen Voraussetzungen von heute entsprechen“, weiß Frank-Egon. Das Material erschwere die Sanierung, aber dennoch überwiege der Optimismus: „Wir wissen von den Architekten, dass sie sehr vorsichtig damit umgehen und dass sie begriffen haben, wie sensibel dieser Ort ist.“ Das ist umso wichtiger, weil Alternativen rar sind. „Mit der Jahn-Halle an der Alexanderstraße hätte es eine gegeben“, weiß Katharina. Doch die Halle sei unnötigerweise abgerissen worden. Auch einige andere charakterstarke bzw. historische Orte seien zuletzt entfernt worden und würden nun spürbar fehlen. Man werde sich eben auf eine Suche begeben müssen. „Es gibt durchaus ein paar interessanten Orte, die vielleicht auch eine Transformation erwarten oder die sich mitten in einer interessanten Situation befinden“, hat Frank-Egon gewisse Hoffnungen. „Wir könnten uns inspirieren lassen von diesen Orten und vielleicht auch dort Themen finden.“ Richtig krachen lassen Bevor nun aber die Tore der Halle für (voraussichtlich) ein Jahr geschlossen werden, steht erstmal eine zünftige Abschlussfeier an. Der Titel „Danke, Halle“ deutet an, dass man dem alten Gemäuer beinahe schon eine eigene Persönlichkeit attestiert. „Ich liebe diese Halle einfach“, lacht Katharina - und diese emotionale Bindung spürt man auch beim Blick auf das Programm. Das Kernstück bietet ab 20 Uhr - wenn es ausreichend dunkel ist - das 3D-Videomapping-Projekt „LUCA“. Katharina ist dem Werk bei seiner ersten Aufführung im Sommer zufällig begegnet, als sie abends an der Halle vorbeifuhr - und war hin und weg. „Ich wurde komplett reingezogen in diese wunderschöne Lichtkunst“, beschreibt sie den Effekt. „Das gesamte Projekt war genau auf die Halle zugeschnitten, sie hat sich immer wieder aufgelöst und verändert.“ Zusätzlich habe es eine Lasershow, passende Musik und sogar Nebelschwaden gegeben, die zusammen ein Gesamtkunstwerk ergeben hätten, dem man sich kaum habe entziehen können. „Ich dachte nur: In welchem Wunderland bist du denn hier jetzt gerade?“ Das sei aber längst nicht alles. Daneben gibt es im Inneren der Halle ein DJ-Set von Eastside Lights Media / Felix Freitag sowie eine Ausstellung der Graffiti-Künstler von Oh, Pardon um Sebastian von Zeberg, Jannik Eilers und Jan Rosenthal. Sie haben sie in der Halle mit der Spühdose Möbel gestaltet und dabei aus biederen Einrichtungs-Gegenständen wirkungsstarke Kunstwerke gemacht. „Es wäre natürlich schön, wenn möglichst viele Menschen sich noch anschauen, was wir in den letzten vier Jahren - oder auch jetzt am Wochenende - gearbeitet haben“, hofft Sebastian auf große Resonanz. Und er ergänzt: „Man kann fast alle Möbelstücke auch kaufen; sprecht uns einfach an!“ Das passende Catering gibt es auch: Die lokalen Lieblinge von der Orto Bakery und den Buddeljungs sorgen dafür, dass am 7. Oktober tatsächlich alle Sinne bestens bedient werden. „Es ist umsonst, drinnen und draußen, es ist für Speis und Trank gesorgt“ bringt Katharina gute Argumente, den Samstagabend vor und in der Alten Maschinenhalle zu verbringen. „Wir stellen aber auch ein paar Spendendosen auf. Wir wären nämlich dankbar, wenn wir am Ende plus minus Null rauskommen. Selber verdienen tun wir nix dran.“ Danke, Halle! Tatsächlich spricht alles dafür, sich dem Dank an diese besondere Halle anzuschließen. Zum einen, weil sie tatsächlich ein einzigartiger Ort ist, der Oldenburg auf vielfältige Weise bereichert - und den wir im kommenden Jahr sicher oft vermissen werden. Zum anderen aber auch, weil das Programm es mehr als verdient hat, gesehen und genossen zu werden. Draußen darf man das 3D-Mapping einfach nicht verpassen - und drinnen sind die Weichen für einen besonderen Abend gestellt. Kultur? Daran mag früher tatsächlich niemand gedacht haben, wenn es um die Alte Maschinenhalle ging. Heute ist sie jedoch beinahe ein Synonym dafür - weil sie der Ort ist, an dem unkompliziert kreative Konzepte, Formate und Experimente stattfinden können. Das wird auch am 7. Oktober so sein - das letzte Mal für lange Zeit. Deshalb kommt in unsere Oldenburger „Hall of Fame“, nehmt Teil an dieser besonderen Abschiedsfeier - und genießt den rustikalen Industrie-Charme, der in jeder Metropole bestehen könnte.
- LATE NOON OLDENBURG
Jeder kennt sie, viele lieben sie: Die Late Night Talk-Formate aus dem linearen Fernsehen. Früher war es Harald Schmidt, heute sind es Jan Böhmermann oder Klaas Heufer-Umlauf, die mit lockerem Geplauder über Bedeutendes und Belangloses bestens unterhalten. Und bald gibt es so etwas nicht mehr nur in Berlin oder Köln, sondern auch in Oldenburg! Das Syndikat Gefährliche Liebschaften lädt zum Talk! Okay, zugegeben: Ganz nah beieinander liegen die beiden genannten Formate nicht mehr. Böhmermann ging dazu über, sein Magazin Royale in ein gesellschaftspolitisches bzw. -kritisches Format mit aufklärerischem Anspruch zu verwandeln. Getalkt wird jetzt beim Brutzeln. Da ist Klaas mit "Late Night Berlin" wesentlich näher an der Ursprungsidee, nämlich der angenehmen, aber trotzdem erkenntnisreichen Plauderei mit interessanten Gästen. Genau hier setzt auch der SyndiTALK des bundesweit agierenden Syndikats Gefährliche Liebschaften an, den wir in den kommenden Wochen live im theater wrede + erleben dürfen. Mit diesem Format setzt sich fort, was das Haus in der Klävemannstraße schon immer auszeichnete: Die Lust, die Fühler über die Stadtgrenzen hinaus auszustrecken und spannenden Input von außen nach Oldenburg zum holen. Die Mitglieder des Syndikats kommen nämlich nicht von hier, sondern aus Hannover, Hildesheim, Leipzig oder Quakenbrück. SYNDITALK - SHOW STADT TALK DONNERSTAG, 9. NOVEMBER, 20 UHR IM KONTEXT ZU "I AM (NOT) GISELLE" DONNERSTAG, 7. DEZEMBER, 20 UHR IM KONTEXT ZU "LIEBE - EINE ARGUMENTATIVE ÜBUNG" THEATER WREDE + KLÄVEMANNSTRASSE 16 26122 OLDENBURG EINTRITT FREI! Oldenburg Magazin Royale!? Ein Nachteil? Schließlich handelt es sich beim SyndiTALK nicht um irgendein Late Night Konzept, sondern um ein ganz besonderes. „Eigentlich ist schon die Bezeichnung Late Night nicht ganz richtig“, erklärt Silvan Stephan, Regisseur und Dramaturg. Sie gelte vor allem für Zeiträume kurz vor Mitternacht, der SyndiTALK begönne aber schon um 20 Uhr. „Es ist also eher ein Late Noon Talk.“ Besonders ist auch etwas anderes: Das zentrale Thema jeden Abends entwickelt sich aus einem Gastspiel, das zwei Wochen später als Teil der Reihe „Stage Mates“ im theater wrede + zu sehen sein wird. In diesem Fall: „I am (not) Gisele“, eine Tanzperformance von Mónica García Vicente, die am 30. November und 1. Dezember jeweils um 20 Uhr zu sehen sein wird (Tickets). Der Gedanke dahinter ist fast genial: Der Talk bekommt durch das Theater seinen Inhalt und seinen Impuls - das Theater bekommt durch den Talk zusätzlichen Kontext. Beides funktioniert für sich, aber zusammen ist es ein „Doppel-Wumms“, wie man heute gern entschlossen sagt. Aber wie kam es zu dieser Idee? “Gastspiele haben es immer etwas schwer“, weiß Felix Worpenberg, der in verschiedenen Theatergruppen aktiv ist, aus eigener Erfahrung. „Es gibt nicht den Vorteil der persönlichen Bekanntheit, die viele Leute ins Theater lockt. Deshalb muss man verstärkt die Inhalte vermitteln.“ Inszenierung und Begegnung Das sei auch eine Stärke des Syndikats, ergänzt Silvan. “Wir interessieren uns für Inszenierungen jeglicher Art. Wir machen aber nur selten klassische Bühnenproduktion, sondern adaptieren unterschiedlichste kulturelle Formate und nutzen das als Chance, um Momente der Inszenierung mit Momenten der Begegnung zu mischen.“ Das kann durchaus auch in Form eines dörflichen „Winterballs“ oder eine Hörspiels mit rheinland-pfälzischen Pendler:innen passieren. Eine Rolle spielt dabei auch etwas, das in den letzten Jahren etwas verloren gegangen ist: Die zufälligen Begegnungen mit fremden Personen. Sie können uns bereichern durch Überraschendes, Unbekanntes, Unerwartetes. Während der Corona-Pandemie fanden diese Momente allerdings kaum noch statt - und auch jetzt fehlt ihnen häufig jene Leichtigkeit, die sie früher auszeichnete. Doch Silvan betont: „Wir glauben weiterhin an die Kraft der Begegnung und der Interaktion.“ Show Stadt Talk Nun also: eine Talkshow. Wer befürchtet, es werde hemmungslos geschwafelt, irrt sich gewaltig. Die Themen der folgenden Theaterstücke mögen universeller Natur sein, große Themen und Fragen streifen - aber der Talk wird eine klare Oldenburger Prägung bekommen, mit Menschen von hier und aus der Region. Daher auch der Untertitel: „Show Stadt Talk“. Dabei ist es kein Nachteil, dass die Mitglieder des Syndikats nicht in Oldenburg zuhause ist, sondern vielleicht sogar ein Vorteil. „Wir sind vorab natürlich viel vor Ort“, berichtet Nadja Sühnel. „Wir tauchen unvoreingenommen in das Thema ein und hören uns um, welche Menschen als Gesprächspartner:innen infrage kommen. Dann begeistern sie - hoffentlich - für die Idee.“ Das klappt tatsächlich gut. Für den kommenden Talk konnte das Syndikat die Choreografin Mónica García Vicente, Eyka Foraita vom FemRef der Carl von Ossietzky Universität und Constanze Schnepf von der Antidiskriminierungsstelle Ibis e.V. gewinnen. Nur keine Angst! Und als wäre das nicht schon überzeugend genug, garniert das Syndikat sein Talk-Format mit einem weiteren Element, das bei den beiden Platzhirschen nicht mehr (so sehr) im Mittelpunkt steht, nämlich die Partizipation des Publikums. Das heißt: Man kann das Gespräch nicht nur verfolgen, man kann sich aktiv daran beteiligen und eigene Eindrücke, Gedanken und Meinungen einbringen. Für manche Menschen ist genau das eine Urangst: vor einer Gruppe sprechen zu müssen, die man nicht kennt. Dennoch gehört genau das zu den Kernelementen des SyndiTALK. Das Publikum darf und soll sich aktiv einbringen. „Wir laden dazu ein“, präzisiert Silvan. Dabei soll die gedachte Grenze zwischen Podium und Plätzen möglichst aufgehoben und alle Anwesenden zu einer großen Gruppe vereint werden, die zusammen diskutiert. „Wir kennen diese Angst natürlich auch“, berichten die Mitglieder des Syndikats. „Deshalb ist uns die Gemeinschaft so wichtig. Beim Talk gehören wir alle zusammen, deswegen muss niemand Angst haben, exponiert zu werden.“ In der Tat gibt es gute Gründe dafür, genau diesen Ansatz zu verfolgen - auch wenn er bei manchen erst einmal Zurückhaltung auslöst. Denn dadurch, dass man die Besucher:innen konsequent mit einbindet, holt man sie auch dichter ans Thema. Es ist für alle(s) eine Bereicherung; Für die Talkgäste, für das Gespräch, aber insbesondere auch für das Publikum. Und eines haben sie den großen Vorbildern voraus: Bei Jan Böhmermann oder Klaas Heufer-Umlauf kann man nicht einfach Fragen an die Gäste stellen, beim SyndiTALK schon. Wie genau der Abend laufen wird, ist vorab übrigens nicht vollkommen klar. „Natürlich gibt es ein Gerüst und eine Vorstellung vom Verlauf“, erklärt Felix und Nadja bringt es auf den Punkt: „Wir bereiten uns darauf vor, unvorbereitet zu sein.“ Ein Impro-Theater sei das Syndikat aber nicht und auch die Partizipation werde dosiert eingesetzt. „Niemand muss Angst haben, plötzlich Karaoke singen zu müssen. Wir bilden für einen Abend eine Community, in der alle Lust haben, sich zu beteiligen.“ SyndiTALK bedeute letztlich: Alle talken mit allen.“ Silvan ergänzt: „Gemeinschaft ist uns wichtig, alle sollen sich wohlfühlen, niemand wird zu irgendwas gezwungen.“ Und Felix nimmt auch die letzten Befürchtungen:„Letztlich ist schon Applaus Beteiligung. Unsere Vorstellung davon beginnt bereits hier.“ Late Noon Oldenburg!? Ergänzt wird die Unterhaltung - wie bei Late Night Formaten üblich - durch Spiel- und Show-Elemente, die Zeit zum Durchatmen bieten, die aber natürlich auch ihrerseits einen Besuch wert sind. Nicht zuletzt die Mischung ist das Schöne an diesem Format: Mal langsam und mal schnell, mal lustig und mal ernst, mal ganz laut und mal ganz leise. Aber immer: bestens unterhaltend. Nicht zuletzt weil man mittendrin ist statt nur dabei (das DSF möge mit für die schamlose Verwendung dieses fantastischen Slogans posthum eine Rechnung schicken). Der SyndiTALK orientiert sich nicht an großen Vorbildern. Warum auch? Das hieße ja, sich zu entscheiden. Warum stattdessen Nichte einfach die Vorteile kombinieren? Wie etwa das Böhmermannsche Gespür für relevante aktuelle Themen und den Anspruch mehr mit ihnen anzufangen als sie einfach nur abzubilden? Oder etwa die Heufer-Umlaufsche Gesprächsatmosphäre die nahbar, zugänglich und verständlich ist und die Gäste - ganz old school - in den Mittelpunkt rückt? Ohne es explizit zu wollen, tut der SyndiTALK genau das. Er sucht den Mittelweg zwischen Inhalt und Unterhaltung - und er findet ihn. Neben den Begegnungen sind es vor allem die damit verbundenen Perspektivwechsel, die den Reiz des Abends ausmachen. „Das sind einerseits die Perspektiven anderer Menschen, das sind andererseits aber auch veränderte Perspektive auf sich selbst“, betont Silvan. Und so wundert es nicht, als Marleen Wolter lachend erzählt, welche beiden Sätze das Syndikat nach seinen Vorstellungen am häufigsten hört. Erstens: „Wir konnten uns vorher ja gar nichts darunter vorstellen!“ Und zweitens: „Wir können nicht genau erklären, was es war - aber es war super!“ Ist das Kultur? Reflektiert man all das, könnte man sich in der Tat die Frage stellen, ob so ein Talkformat Kultur im engeren Sinne ist oder nicht. Argumente gäbe es für beides, aus unserer Sicht spricht aber viel mehr dafür als dagegen. Denn erstens erweitert der Talk die folgenden Theaterstücke um wichtige Kontexte, macht also deren Erlebnis noch wertvoller. Und zweitens ist der Talk selbst ein theatralisches Format, das zwar zu einem Teil situativ variiert, zu einem anderen Teil aber nicht. Selbst wenn es keine theatralische Struktur gäbe und wenn der Talk ohne Show-Elemente auskommen müsste: er würde sich für alle kulturinteressierten Menschen lohnen. Denn die Kultur macht ja niemals halt an ihren eigenen Grenzen, sondern reflektiert - mal kritisch, mal entzückt - unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben. Und das tut auch der Late Noon Talk in Oldenburg!
- KOLUMNE: EIGENTLICH UNVERZEIHLICH
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Spielzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Nein, es gibt keine Ausreden. Ich hätte es besser wissen müssen. Und trotzdem ist es passiert: Ich wurde vom Kulturherbst überrascht. Das ist tatsächlich ein wenig kurios und eigentlich unverzeihlich, schließlich beschäftige ich mich tagtäglich mit Kultur. Wie also konnte das passieren? Zwischen Baggersee und Bühne Das habe ich mich auch gefragt und sogar den Ansatz einer Erklärung gefunden: Es ist die große Wucht, mit der die Szene nach der Sommerpause wieder durchstartete. Während meine Wege im September überraschend oft noch an den Baggersee führten, wurden auf den Bühnen längst wieder Premieren gefeiert und Projekte gestartet. Darunter waren sogar zwei ganz besondere: Wer selbst mal an einer Bühnenproduktion beteiligt sein wollte, hat gleich zwei neue Möglichkeiten. Das Stadtensemble des Staatstheaters und die Bürgerbühne des Theater k liefen im letzten Monat an – und bereichern die Stadt hoffentlich um spannende neue Akzente direkt aus unserem Alltag. Dass nebenbei auch noch Veranstaltungen wie das Einfach Kultur Festival, das Internationale Filmfest, die Kulturfeste in Bloherfelde und Kreyenbrück, der Rave for Art am Prinzenpalais, das Jazz Fest in der Kulturetage oder der Tag der Museen stattfanden? Belegt meine These. Die bange Frage lautet: Bleibt das so? Und damit meine ich nicht meine kulturelle Überrumpelung. Die hat sich inzwischen gelegt und wir arbeiten beim Kulturschnack daran, möglichst viele Entwicklungen und Ereignissen gebührend vorzustellen. Nein, damit meine ich die Vielzahl und die Vielfalt der Oldenburger Kulturangebote. Und die Antwort liefere ich an dieser Stelle gleich mit: Ja, das bleibt so. Mit der endgültigen Rückkehr von draußen nach drinnen rücken Theater, Konzerte, Lesungen, Clubnächte wieder in den Fokus. Und genau dorthin wird sicher auch bald wieder unsere ungeteilte Aufmerksamkeit gehen. An den Baggerseen wird es langsam nämlich ungemütlich. Kompliment an die Szene Auf den Seiten dieser Spielzeitung ist schon deutlich geworden, was und wie viel allein im Staatstheater los ist. Von Oper bis Sparte 7 würde das bereits ausreichen, um ganze Kulturkalender zu füllen. Gleichzeitig sind aber auch die anderen Theater in die Spielzeit gestartet und locken uns mit ersehnten Wiederaufnahmen, aufregenden Gastspielen und auch der einen oder anderen Premiere. Und dann wären ja noch interessante, inspirierende Ausstellungen in den Museen und Galerien (und dank der Kunstschule auch im Core) sowie die Kneipen- und Clubkonzerte, die für ein subkulturelles Grundrauschen sorgen, das vor allem für die Jüngeren absolut unverzichtbar ist. So sehr ich die Sommerzeit liebe und so gern ich mich von ihr ablenken lasse: Jetzt freue ich mich auf all die kleinen und großen Momente in den Sälen, Hallen, Räumen und Kneipen. ass mich der Kulturherbst überrascht hat, darf man zwar als Versäumnis werten, aber auch als Kompliment verstehen. Denn die Wucht, von der ich schrieb, steht letztlich für das große kulturelle Angebot in unserer Stadt und für die Kreativität, Leidenschaft und Energie der Szene. In die werde ich jetzt wieder voll und ganz eintauchen. Weil Live-Kultur draußen wie drinnen einfach wunderbar ist – und weil es sowieso keine Ausreden gibt.











