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SICHTBARE STÄDTE

Alle reden über KI. Die künstliche Intelligenz ist in aller Munde, denn sie scheint sich auf (fast) alle Lebensbereiche auszuwirken. Besonders früh dran waren Wiebke Heeren und Nicola Bremer. Sie haben sich bereits im Sommer 2022 - lange vor der Veröffentlichung von ChatGPT - mit der Verbindung von Kunst und KI beschäftigt. Die bemerkenswerten Ergebnisse sind nun in einer kleinen Ausstellung zu sehen.


Von einer KI generiertes, von Menschen bearbeitetes Bild einer Stadt
Mensch oder Maschine? Wer hier was beigetragen hat, ist nicht zu erkennen. (Bild: Heeren/Bremer)

Nein, technologisch oder gar futuristisch wirkt zunächst nichts, wenn man den großen, hellen Raum in der Haarenstraße 39 betritt. Er kann seinen funktionalen Ursprung als Geschäftsadresse nicht verhehlen und erzeugt einen eher kühlen Charme. Und dennoch eignet sich dieses umfunktionierte Ladenlokal durchaus als Galerie - weil es sich so sehr zurücknimmt, als wäre es gar nicht da. Nur die Werke wirken.


Und genau das tun sie nun ganz besonders. Denn die Bilder, die Wiebke und Nicola mittels einer KI kreieren ließen und anschließend nachbearbeiteten, sind detailreich und farbintensiv. Beinahe möchte man feststellen, das sie gerade in diesem eigenschaftslosen Raum mit seinem kalten Licht besonders gut zur Geltung kommen. Worum es eigentlich geht und was genau sie zeigen? dazu kommen wir jetzt.

 

WIEBKE HEEREN & NICOLA BREMER


VISIBLE CITIES


17. OKTOBER - 29. OKTOBER

13 - 19 UHR


RAUM AUF ZEIT

HAARENSTRAßE 39

26122 OLDENBURG

 

Menschliche Intelligenz


Das Projekt der beiden Künstlerinnen hat einen innovativen Ansatz. Damit ist aber nicht etwas der Einsatz künstlicher Intelligenz gemeint. Das wäre im Sommer 2022 noch ein Novum gewesen, jetzt ist es keines mehr, Aber KI allein macht eben noch keine interessante Kunst und keine überzeugende Ausstellung. Der entscheidende Input kommt nach wie vor vom Menschen. Und so war es auch hier.


Der Raum auf Zeit mit der Ausstellung „Visible Cities“ in Oldenburg
Dezenter Hinweis: Die „Visible Cities“ sind beinahe invisible, achtet auf dieses Schild. (Bild: Kulturschnack)

Und das in zweierlei Hinsicht, denn es gibt hier ein Zusammenspiel aus einer spannenden Grundidee und einer gelungenen Umsetzung. Ausgangspunkt für das Projekt ist das Buch „Die unsichtbaren Städte“ der italienischen Schriftsteller-Legende Italo Calvino, das vor philosophisch-poetischen Zeilen nur so strotzt. Es gibt dort keine Handlung im klassischen Sinne, sondern 55 Textfragmente, in denen der Handlungsreisende Marco Polo dem Herrscher Kublai Khan in seinem Pekinger Palast jene Städte beschreibt, durch die er auf seine Reise gekommen ist. Er zeichnet dabei zunächst ein sanftes, freundliches Bild der (fiktiven) Orte, das im Verlauf aber zunehmend dystopischer wird, weil es sich der heutigen Welt annähert. Berühmt geworden sind vor allem folgende Sätze:


"Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, das sein wird. Gibt es eine, so ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir tagtäglich wohnen, die wir durch unser Zusammensein bilden. Zwei Arten gibt es, nicht darunter zu leiden: Di erste fällt vielen recht leicht: die Hölle zu akzeptieren und so sehr Teil davon zu werden, dass man sie nicht erkennt. Die zweite ist riskant und verlangt ständige Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft: zu suchen und erkennen zu lernen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Dauer und Raum zu geben"

Im Zusammenspiel mit technischer Assistenz haben Wiebke und Nicola eben jene Städte in ihren Werken zum Leben erweckt. Sie verleihen den Zeilen eine dritte Dimensionen, lassen sie auferstehen aus dem Papier. Damit tun sie letztlich das, was sich viele von uns beim Lesen schon oft gewünscht haben: Die Welt aus den Buchdeckeln zu befreien und sie plastisch vor sich zu sehen.



Ästhetisch überzeugend


Die großformatigen Bilder sind ästhetisch überzeugend, denn sie spielen einerseits gekonnt mit Stimmungen und Schattierungen, andererseits sind sie sehr filigran strukturiert, sodass sie Raum für Entdeckungen bieten. Darüber hinaus provozieren sie aber auch Gedanken - darüber, ob KI Kunst letztlich fast genauso gut beherrscht wie Menschen oder nur so gut, wie der Mensch sie ihr erklärt. Oder darüber, was eine Stadt überhaupt ist, was sie ausmacht und was sie sein soll. Es macht Spaß, seine Gedanken an dieser Stelle einfach mal laufen zu lassen.


Spannende Motive, Farben, Stimmungen: Die Bilder faszinieren - unabhängig von der Art der Entstehung. (Bilder: Heeren/Bremer)

Ermöglicht wurde diese Ausstellung übrigens vor allem durch den MACH|WERK-Fonds für innovative Kulturprojekte. Mit ihrem Antrag waren Wiebke und Nicola im Jahr 2022 erfolgreich und konnten ihre Idee nun endlich umsetzen. Die Zeiten mögen sich in Sachen KI inzwischen deutlich verändert haben - dem Reiz der Bilder hat das zum Glück aber keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Die Omnipräsenz des Themas Künstliche Intelligenz mach die Beschäftigung mit den Bildern eher noch interessanter.



Und Oldenburg?


Einen spannender Nebeneffekt haben die beiden Künstlerinnen in den Mittelpunkt gerückt: Nämlich die konkrete Reflexion der eigenen Stadt. Wie stehe ich zu ihr? Nehme ich sie hin, wie sie ist? Oder will ich sie verändern? Das klingt vielleicht banal und obligatorisch, aber kommt man im Alltag wirklich zu solchen übergeordneten Fragen? Seiten genug - wenn überhaupt. Dabei sollte man sich solche Gedanken grundsätzlich öfter mal machen, denn nur dadurch entstehen Veränderungen - in der Stadt und für sich selbst. Die Ausstellung provoziert dieses Denken, ohne es bemüht darauf anzulegen.


Der Raum auf Zeit in der Haarenstraße 39 in Oldenburg durch ein Fenster gesehen
Sichtbare Stadt: Gebäude, Ausstellungsraum und gespiegelte Fassaden im optischen Zusammenspiel. (Bild: Kulturschnack)

Unser Tipp deshalb: Wenn ihr in der City seid, macht unbedingt den Schlenker in die Haarenstraße zum Raum auf Zeit. Lasst euch auf ganz unterschiedliche Art inspirieren von den Bildern, die Wiebke und Nicola generiert/gestaltet haben. Macht euch Gedanken über KI und Kunst, aber auch über die Stadt und ihre Strukturen. Denn sie werden hier auf eindrucksvolle Weise sichtbar.

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