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- NICHTS WIE HIN (41)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- NICHTS WIE HIN (42)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- DAS ENDE DER WELT
Nein, wir werden jetzt nicht dystopisch. Ganz im Gegenteil: Wir freuen uns sehr! Denn mit Tuan Andrew Nguyen ist aktuell ein Shooting Star der internationalen Kunstszene in Oldenburg zu sehen. In Kooperation mit dem Edith Russ Haus für Medienkunst zeigt der Gewinner des Joan Miro Preises 2023 im Pulverturm sein Werk „The Boat People“. Und das führt uns - genau! - ans Ende der Welt. Keine Sorge: Wer beim Namens Tuan Andrew Nguyen gerade nicht sofort anerkennend die Augenbrauen gehoben, sondern eher die Stirn gerunzelt hat, ist damit nicht allein. Zwar ist der in Vietnam geborene, in den USA aufgewachsene, heute in Saigon lebende Künstler in der Szene bereits ein großer Name. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass er jedem geläufig sein muss. Deshalb vertraut uns einfach: Dass wir ihn bzw. seine Arbeit hier in Oldenburg erleben dürfen- das ist alles andere als selbstverständlich. Tuan nutzt ganz unterschiedliche Medien, um seinen künstlerischen - und auch politischen, gesellschaftskritischen - Überzeugungen Ausdruck zu verleihen. In Oldenburg ist von ihm nun ein sehr zugängliches Werk zu sehen, nämlich eine optisch und inhaltlich beeindruckende Videoinstallation. Obwohl das Setting des Filmmaterials fernöstlich-paradiesisch anmutet, hegt der Künstler nicht etwa touristische Motive. Vielmehr begegnen seine Protagonist:innen zahlreichen Symbolen des Untergangs. Geht es am Ende der Welt etwa um das Ende der Welt? Wir haben uns das für euch angeschaut. EDITH RUSS HAUS FÜR MEDIENKUNST TUAN ANDREW NGUYEN - THE BOAT PEOPLE 2. SEPTEMBER - 29. OKTOBER FR 14-18 UHR SA-SO 11-18 UHR PULVERTURM SCHLOSSWALL 26122 OLDENBURG Willkommen in der Surrealiät Der Schritt durch die Tür des Pulverturm hinein ins runde Innere hat stets etwas Surreales an sich. Draußen tobt der Straßenlärm, herrscht hektische Betriebsamkeit. Drinnen? Das Gegenteil davon. Eine wohltuende Ruhe hüllt die Besucher:innen ein und heißt sie willkommen in einer urbanen Oase der Kultur. Das klingt leicht kitschig? Mag sein - aber genau so fühlt es sich an. Probiert es aus! Gestört wir diese Ruhe lediglich von einem Element, nämlich dem großformatigen Screen, der den Raum von dessen Stirnseite aus dominiert. Er schafft einen modernen Kontrast zum historischen Backsteinmauerwerk und zieht die Blicke automatisch auf sich. Und das tut er zu Recht, denn was sich auf dem Schirm abspielt, will unbedingt gesehen werden. Kleiner Raum, große Wirkung Anders als etwa „All the Worlds Protests" von Ayo Akinwándé sind bei Tuans Ausstellung nicht Dutzende Monitore über das Gewölbe des Pulverturms verstreut, die im letzten Herbst ganz bewusst ein Überangebot an Eindrücken erzeugten. Stattdessen fühlt man sich an ein Kino erinnert - gäbe es nicht die alte Bausubstanz im Hintergrund. „Wir gehen jedes Jahr für zwei Monate in den Pulverturm und zeigen dort Videokunst“, berichtet Marcel Schwierin, der gemeinsam mit Edit Molnar das Edith Russ Haus leitet. Ihm sei bewusst, dass hier viel Laufpublikum vorbeikomme, das vielleicht nicht erst drei Zettel lesen wolle, bevor es in die Ausstellung einsteige. „Deshalb suchen wir Arbeiten aus, die sich relativ leicht vermitteln lassen und die man relativ schnell erfassen kann.“ Dabei entstehe häufig ein positiver Nebeneffekt: „Natürlich kommen auch viele Leute wegen des Pulverturms. Die wollen den einfach mal von innen sehen“, ist sich Marcel bewusst. Aber: „Dann werden sie plötzlich mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert, ohne das erwartet zu haben. Sie entdecken sie ohne große Vorbereitung, ohne vorher viel nachgedacht zu haben, sondern einfach als spontane Begegnung. Das ist ein wunderbarer Moment.“ Untergang im Paradies Genau diese Gelegenheit bietet nun „The Boat People“ von Tuan Andrew Nguyen. Das Story-Setup ist im Grunde simpel: Eine Gruppe von fünf Kindern kommt mit einem Boot auf einer tropischen Insel an, die früher als Bataan bekannt war. Wo genau diese liegt, ist nicht ganz klar. Naheliegend wäre das Heimatland des Künstlers, nämlich Vietnam. Tatsächlich lassen sich aber auch Hinweise auf Kambodscha und die Philippinen finden. Nehmen wir deshalb einfach mal an, der Schauplatz sei eine panasiatische Fiktion, von uns aus gesehen (fast) am anderen Ende der Welt. Der genaue Ort spielt letztlich aber sowieso nur eine Nebenrolle, denn Tuan behandelt größere Themen als Geographie. Die Gruppe entdeckt auf der Insel nämlich Reste einer untergegangenen Zivilisation - ganz so wie es einst den Kolonialmächten ging, als sie in Südostasien Relikten der Khmer- und Cham-Kulturen begegneten. Schnell stellt sich heraus, dass die Kinder nicht bloß einen Ausflug machen, sondern sich in einer besonderen Situation befinden und anders auf die Funde reagieren, als man zunächst vermuten würde. Zudem umgibt das einzige Mädchen der Gruppe ein großes Geheimnis. Der Künstler wirft mit der Arbeit nicht zuletzt einen Blick auf die Geschichte seines Heimatlandes. „Die Kolonialmächte haben in Südostasien die Kulturen zerstört, die sie vorgefunden haben“, blickt Marcel zurück. „Deshalb kennen die Menschen oft ihre eigene Geschichte nicht mehr, sondern nur diejenige Version, die von den Kolonialherren erzählt wurde - also die Geschichte der Herrschenden über die Beherrschten.“ Darum gehe es häufig in Tuans Arbeiten. Mit sehr viel künstlerischer Kreativität und Phantasie entwerfe er Szenarios, wie es hätte sein können. „Tuan versucht nicht, die Vergangenheit wissenschaftlich zu rekonstruieren, sondern künstlerisch.“ Das geschehe mit einer außergewöhnlichen Kameraarbeit und außergewöhnlichen Bildern, die eine hohe Zugänglichkeit erzeugen. „Man merkt, dass Tuan nicht weit von Hollywood entfernt gelernt hat. Ihm sind die die klassischen Formen der Narration und die Erzähltraditionen des Kinos sehr vertraut“, ordnet Marcel ein. Tuan schaffe es, Arbeiten zu entwerfen, die zwischen Mainstream-Erzählungen und rein künstlerischen Werken anzusiedeln seien. „Diese sind sehr viel bildhafter als vieles andere, was man in der Medienkunst sieht.“ Wunderbare Zusammenarbeit Nicht nur die Videoinstallation selbst ist beeindruckend, auch die Vorgeschichte zur Ausstellung ist eine Erzählung wert. „Wir kennen Tuans Arbeit von schon eine Weile“, berichtet Marcel. „Auf der diesjährigen 12. Berlin Biennale hat er dann zwei Installationen gezeigt, die Edit und mich - übrigens unabhängig voneinander - total begeistert haben.“ Daraufhin zögerte das Führungsduo nicht lang und fragte beim Künstler an, ob er sich vorstellen könne, eine Auftragsarbeit in Oldenburg zu realisieren. „Diese Arbeit ist beantragt. Wenn alles gutgeht, wird sie 2024 im großen Haus gezeigt “ macht Marcel Hoffnung auf ein großes Nguyen-Projekt. Schmunzelnd ergänzt er: „Jetzt zeigen wir gewissermaßen eine Vorspeise.“ Man spürt dem Kurator seine Freude über den Coup an. Die Kontaktaufnahme mit dem Künstler war ein Wagnis, das sich bezahlt machte. „Uns war klar, dass Tuan als Künstler schon so bedeutend ist, dass es schwer werden würde, ihn nach Oldenburg zu holen.“ Er habe dann aber nicht nur positiv auf die Anfrage reagiert, er sei von Berlin aus auch gleich nach Oldenburg gekommen. „Tuan ist nicht nur ein sehr bedeutender Künstler, er ist auch ein sehr netter, umgänglicher Mensch, der sehr kreativ denkt und sofort neue Möglichkeiten auslotet. Insofern war schon die erste Zusammenarbeit mit ihm ganz wunderbar.“ Der richtige Zeitpunkt Vielleicht ist dies genau die richtige Strategie für eine Stadt wie Oldenburg: Den „Sweet Spot“ einer Künstler:innenkarriere zu erwischen, an dem es bereits einige Erfolge gibt - die aber noch nicht so groß sind, dass sie allein den Kunstmetropolen vorbehalten bleiben. „Ja, das ist so ein bisschen unser Feld“, bestätigt Marcel. Man wolle keine Anfänger präsentieren, weil das Publikum in Oldenburg nach Leuten suche, deren Arbeiten bereits Hand und Fuß hätten. „Wir sprechen dabei von ‘Mid Career Artists'. Das sind Leute, die schon ein Oeuvre haben, aber eben noch nicht ganz da angekommen sind, wo sie irgendwann ankommen werden.“ Genau diesen Eindruck habe man auch bei Tuan gehabt. Entscheidend sei aber letztlich etwas anderes gewesen: „Die Bilder, die er gemacht hat, die Geschichten, die erzählt hat - die haben uns einfach restlos begeistert. Das passiert, ehrlich gesagt, in dieser Intensität nicht so oft!“ Und wie war es, als er nach Oldenburg kam? Welche Eindrücke hat er gewonnen? „Man hat schon gespürt, dass er erstmal gekommen war, um zu checken, was für eine Atmosphäre er hier vorfindet“, gewährt uns Marcel einen Einblick. Die erste Zeit habe er überhaupt nichts gesagt, sondern einfach nur zugehört. Irgendwann aber habe er eine Lust entwickelt, hier was zu machen. „Dann sprudelten Ideen nur so aus ihm heraus - und ich glaube, da hat ihm auch Oldenburg gut gefallen. “ Erst New York, dann Oldenburg Oldenburg kann sich glücklich schätzen. Dank der Initiative von Edit Molnar und Marcel SchwIerin dürfen wir in Oldenburg das Werk eines Künstlers sehen, der in diesem Jahr ansonsten in Stockholm, Glasgow und New York ausgestellt hat. Bei allem Oldenburger Selberbewusstsein: Nguyen spielt normalerweise in einer anderen Liga. Umso bemerkenswerter dieser Erfolg. Es geht aber nicht hur um den großen Namen. Der Besuch der Ausstellung lohnt sich vor allem wegen der Videoinstallation selbst. Der Film ist handwerklich auf hohem Niveau produziert, er entführt uns an einen magische Ort und er stellt große philosophische Fragen. Mehr Inspiration kann man in 45 Minuten kaum bekommen - erst recht nicht gratis im Vorbeigehen. Wobei man offen feststellen sollte: “The Boat People“ ist nur eine Andeutung dessen, was noch kommt, wenn es mit der Ausstellung im Edith-Russ-Haus klappen sollte. Das würde ein Pflichttermin für alle kulturinteressierten Menschen in Oldenburg - und für alle anderen auch. Eben weil Nguyen große Themen künstlerisch anspruchsvoll behandelt - es gleichzeitig aber schafft, sie zugänglich zu gestalten. Und wenn man trotz allem keinen rechten Zugang zur Materie findet? Keine Sorge: Das ist nicht das Ende der Welt.
- DER ALLTAG IST BÜHNENREIF
Theater ist das, was die anderen machen: Die professionellen Regisseur:innen und Schauspieler:innen, die ambitionierten Laien. Oder etwa nicht? Zweifel an dieser These sät jetzt das Theater k. In ihrer ersten Spielzeit öffnet die neue Leiterin Mathilda Kochan die Bühne der Kulturetage für die Beteiligung des Publikums. Dass es dabei nicht nur um schauspielerische Gehversuche geht sondern um sehr viel mehr, verrät Mathilda in unserem Gespräch. Theater ist Drama. Natürlich: Die Monotonie des Alltags mit ihren immergleichen Abläufen und den leichten Variationen des Altbekannten will niemand sehen. Damit wir vom Bühnengeschehen berührt und bewegt werden, braucht es Zuspitzungen und Übertreibungen. Das allerdings hat auch zur Folge, dass Theater zwar Themen aus der Mitte des Lebens behandelt, dabei aber gezwungenermaßen oft wirkt, als betrachte es sie von außen statt von innen. Dieses bewährte Prinzip will niemand ändern. Denn was hätte man davon, wenn man die Geschehnisse zwar realistisch abbildet, aber niemand sie anschauen mag, weil man sie tagtäglich selbst erlebt? Nein, Theater ist und bleibt Drama. Aber: Man kann es durchaus für den Alltag öffnen und das ganz reale Leben direkt auf die Bühne holen. Wie? Ganz einfach: Indem man das Publikum zu Kollaborateur:innen und Kompliz:innen macht - und mit ihm gemeinsam die Stücke entwickelt. Genau das passiert nun im Theater k. THEATER K INFOTREFFEN BÜRGERBÜHNE MITTWOCH, 6. SEPTEMBER, 18 UHR (INFO) DONNERSTAG, 7. SEPTEMBER, 18 UHR (INFO) AUSWAHLWORKSHOP BÜRGERBÜHNE SAMSTAG, 9. SEPTEMBER, 11 UHR (INFO) THEATER K BAHNHOFTSRAßE 11 26122 OLDENBURG Expertinnen des Alltags Auf der Bühne ist alles groß: die Liebe und die Leiden, die Kämpfe und Konflikte, die Komik und die Kuriositäten. Das ist grandios unterhaltsam, als dokumentarische Moment-Aufnahmen unserer Zeit taugen die Stoffe aber nicht. Dabei ist auch der Alltag ein Abenteuer mit unzähligen bühnenreifen Geschichten. Sie sind lediglich unsichtbar, weil sie im Mikrokosmos des Privaten passieren. Und doch sind sie letztlich repräsentativ für die Stadtgesellschaft: weil es Geschichten sind, die das Leben schrieb. Unter der Leitung von Mathilda Kochan macht sich das Theater k nun auf die Suche nach diesen verborgenen Schätzen der Stadt. Die Oldenburgerinnen und Oldenburger sind dazu eingeladen, sie mit ins Theater zu bringen - auch wenn man bisher keine Vorstellung davon hat, wie aus einem persönlichen Erlebnis ein Bühnenstoff werden könnte. Diese Frage wird gemeinsam beantwortet, in einem Kollektiv aus Expert:innen der Bühne - und Expertinnen des Alltags. Das Ergebnis? Eine theatralische Form der Oral History! Wir haben uns mit der jungen Theaterintendantin Mathilda Kochan getroffen. In unserem Gespräch haben wir gefragt, was es mit der Bürgerbühne auf sich hat, wie man sich daran beteiligen kann und ob man die Hauptrolle am Ende selbst spielen muss. Ihre Antworten? Lest ihr hier! Mathilda, die neue Spielzeit hat noch gar nicht richtig begonnen, das gibt es vom Theater k bereist das erste Ausrufezeichen: ihr startet eine Bürgerbühne. Was hat euch zu diesem Schritt motiviert? Der Wechsel in der Leitung bringt für das Theater k die Chance, sich zu „erfrischen“ und neu aufzustellen - und für mich die Möglichkeit, etwas zu gestalten und dabei auch der Verantwortung für die Stadt gerecht zu werden. Schon lange vor meinem Engagement habe ich mich deshalb aufrichtig gefragt: Was braucht diese Stadt, was hat sie noch nicht? Und natürlich auch: Was interessiert mich? Da kam sehr schnell der Gedanke an eine Bürgerbühne, da ich das Format schon von früher kenne. Ich glaube, Oldenburg ist eine gute Stadt dafür, weil man das Theater hier durchauss auch als eine Art „Demokratie-Werkstatt“ wahrnimmt. Und das ist eben auch der Gedanke der Bürgerbühne: dass man eine sehr heterogene Gruppe bildet, mit hoffentlich allen Generationen, in allen Schichten, alle Ansichten, die gemeinsam etwas entwickelt. Welches Ziel habt ihr dabei? Wollt ihr interessierten Laien dabei helfen, sich schauspielerisch zu verbessern? Oder gibt es noch ganz andere Schwerpunkte? Die grundsätzliche Motivation war wie gesagt, etwas anzubieten, was die Stadt noch nicht hat und was ihr vielleicht sogar spürbar fehlt. Dabei darf man die Bürgerbühne aber nicht mit dem klassischen Laientheater gleichsetzen. Vielmehr geht es auch um biografische und dokumentarische Arbeit zu einem Thema, das von uns vorgegeben wird - und damit sprechen wir dann Leute an, die dazu tatsächlich etwas zu sagen haben. In dieser Spielzeit geht es um das Trinken. Also nicht nur um Alkoholismus, sondern um das gesellschaftliche Phänomen insgesamt, also auch um das Heitere daran, um das Feiern mit Sekt oder Champagner, um den abendlichen Rotwein zur Entspannung, um das Bier auf dem Stadtfest. Aber: natürlich auch um die Probleme, um Abhängigkeit, um Rollenverhalten, um Klischees. Wir wollen erforschen, wie das alles in Oldenburg war und ist und wird. Die Bürgerbühne sucht deswegen nicht etwa Menschen, die gerne im Vordergrund stehen und endlich mal Theater spielen wollen, sondern Leute, die zu diesem Thema eine intensive Verbindung haben und die unbedingt etwas loswerden müssen und wollen. Da gibt es auch schon spannende Rückmeldungen. Der Stoff wird also aus der Stadtgesellschaft heraus auf die Bühne gebracht. Werden diese Menschen dann automatisch auch als Schauspieler:innen aktiv sein? Oder ist die Art der Umsetzung offen? Wir suchen gemeinsam nach Wegen, alle diese Erfahrungen und all diese Geschichten, die wir sammeln, auf die Bühne zu bringen. Es geht also darum, eine bühnenwirksame Form zu finden, mit der man sie dann präsentieren kann. Ob das jetzt ein Monolog ist oder ein Dialog, ein Lied oder ein Brief - das hängt von vielen Faktoren ab. Und wenn jemand sagt: Ich bringe diese Geschichte mit, aber ich möchte selbst nicht spielen, dann kann das eben jemand anderes für diese Person übernehmen. Da gibt es enorme Gestaltungsmöglichkeiten. Um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, die Art der Umsetzung ist offen. Das heißt: Ich kann mich zwar schauspielerisch ausprobieren, muss es aber nicht. Doch wie muss ich mir das konkret vorstellen? Was erwartet mich, wenn ich bei der Bürgerbühne mitmachen möchte? Auf jeden Fall: ein Experiment! (lacht) Das nimmt auch so ein bisschen den Druck, denn wir streben keine perfekte Produktion an. Vielmehr wollen wir die Möglichkeiten des Theaters sehr ehrlich erforschen und dabei wird unser Team professionell anleiten und unterstützen. Solche Geschichten zu erzählen und dabei auch - geradezu körperlich - tiefer in sich hineinzugehen und etwas preiszugeben, ist eine Herausforderung. Es braucht Vertrauen und es braucht auch Zeit. Deswegen ist dieses Projekt gestreckt über viele Monate, erst im März haben wir Premiere. Als generelles Setting kann man sich vorstellen, dass ich selbst immer vor Ort bin und dazu zwei, drei wechselnde Kolleg:innen mit unterschiedlichen Schwerpunkten - je nachdem, was gerade gefragt ist. Am wichtigsten sind aber natürlich die Leute, die wir jetzt suchen und hoffentlich finden: unsere Expert:innen des Alltags. Von ihnen hängt eigentlich alles ab. Als Theatermacherin freue ich mich sehr auf ihre Geschichten, denn es werden Stoffe dabei sein, die ich mir selbst gar nicht hätte ausdenken können. Das heißt: Die Bürgerbühne ist partizipativ, weil sie die Bevölkerung zum Mitmachen einlädt. Sie ist demokratisch, weil sie alle Stimmen hört und niemanden ausschließt. Und sie ist biographisch bzw. dokumentarisch, weil sie die gesellschaftliche Realität auf die Bühne holt. Ist dir einer dieser vielen Effekte besonders wichtig? Oder stehen sie alle gleichberechtigt nebeneinander? Ich glaube tatsächlich, dass alles gleichermaßen wichtig ist. Es gibt keinen Aspekt, wo ich sage, das definiere ich als Enderfolg, alles andere ist zweitrangig. Wir möchten, dass die Bürgerbühne zu einem authentischen Erlebnisort wird - für Menschen, die mitmachen, aber auch für Menschen, die vorbeikommen und sich das anschauen. Natürlich möchten wir gerne, dass das Projekt sich über die nächsten Jahre etabliert und dabei eine ganz eigene Identität findet. Es gibt tolle Vorbilder, etwa von den Kolleg:innen in Dresden, die ich mal besucht habe, aber wir möchten nichts kopieren. Die Identität unserer Bühne muss sich erst finden, wir wollen sie miteinander erarbeiten - und da sind alle diese Elemente wichtig, die du gerade genannt hast. Die beteiligten Menschen spielen also - im wahrsten Sinne des Wortes - die zentrale Rolle bei diesem Projekt und gestalten es mit? Ja, unbedingt. Deshalb ist mir Zuverlässigkeit sehr wichtig und dass es nicht nach zwei Wochen heißt: Keine Lust mehr! Das spielt auch deshalb eine Rolle, weil die gemeinsame Haltung die Gruppe definiert und man dadurch das nötige Vertrauen zueinander aufbaut. Es braucht auch sehr spezielle Leute, die es betreuen, weil alles erst im gemeinsamen Prozess entsteht. Ich selbst bin ja eine professionelle Theatermacherin, ich kenne die Prozesse, viele Werkzeuge und viele Lösungen. Wenn einmal alle Stricke reißen oder wenn sich irgendwas völlig anders entwickelt als gedacht, dann weiß ich, was was zu tun ist. Aber wenn man jetzt schon versuchen würde, das alles zu begrenzen und eine feste Struktur zu bilden, dann würde man das Projekt ein bisschen einschränken und limitieren - wie ein Kind in zu kleiner Kleidung. Und deshalb, ja, sind es die beteiligten Menschen, die dem Projekt seine Form geben. Wie würdest du die Rollen beschreiben? Die Zusammenarbeit ist erst mal so auf Augenhöhe angelegt? Oder habt ihr vom Theater schon den Hut auf? Ich habe natürlich irgendwie einen Hut auf, weil das Projekt von Anfang an meine Idee war. Ich definiere mich in dem Fall aber nicht als eine Regisseurin, weil das so viel in sich trägt - als Funktion, als Tradition. Bei der Bürgerbühne werden wir diese Funktion auf das Wesentliche reduzieren. Natürlich muss jemand in der Mitte stehen, gucken und Feedback geben, aber es hat bei diesem Projekt nicht gleich mit irgendwelchen Machtverhältnissen zu tun. Es gibt ja durchaus geniale Leute, die Schauspieler:innen zum Äußersten bringen, damit am Ende das Ergebnis faszinierend ist. In diesem Fall wäre das völlig deplatziert. Als Leitung des Theaters trage ich die Verantwortung, einerseits diese komplette Freiheit zuzulassen und andererseits bei Problemen einzugreifen. Deshalb sehe ich mich am ehesten wie den Coach eines Projektteams. Von der Bürgerbühne profitieren die Bevölkerung und die Stadt gleichermaßen. Stichwort: Oral History. Aber wie sieht es mit dem Theater aus? Denkst du, das Theater k wird dadurch als ein Ort wahrgenommen, der ganz nah dran ist an der Stadt, ihren Menschen und ihren Geschichten? Die Bürgerbühne kann man sich vorstellen wie eine eigene Sparte. Hätte sie ein Motto, dann würde es vielleicht lauten: Zurück zu den Wurzeln - aber mit neuen Trieben! Und die Wurzel der Kulturetage ist die Soziokultur, also eine soziale Form der Kultur, die möglichst alle Menschen anspricht und einbindet. Die Idee der Bürgerbühne greift das auf, sie ist volksnah im besten Sinne. Damit ist sie an der Kulturetage genau richtig angesiedelt, denn sie bringt einen Ansatz zurück, der absolut richtig war: eine soziokulturelle Stätte als freier Ort, an dem man frei denken und agieren kann und an dem die Bevölkerung zu Wort kommt. Das hat ein demokratisches Element; dass da jeder seine Meinung sagen kann, und dann finden wir gemeinsam Wege, das zu präsentieren und zu reflektieren. Das hat mit den Wurzeln der Institution zu tun - und der neue Trieb ist hier vielleicht das neue Selbstverständnis als dritter Ort. Die ersten Termine stehen an. Muss ich dorthin eine konkrete Idee mitbringen? Oder kann ich mir das auch einfach mal anschauen? Für die Infotreffen am 6. und 7. September gilt eindeutig letzteres. Das ist ganz offen für alle, da kann jede und jeder kommen. Wir präsentieren das Projekt in seiner Gesamtheit und beantworten alle Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen könnten. Und für alle, die dabei feststellen „Das ist cool, darauf habe ich Lust“, findet dann am 9. September ein Auswahlworkshop statt. Dann besprechen wir die nächsten Schritte schon sehr speziell und sehr spezifisch. Das heißt, wir führen Interviews, sprechen Termine ab und machen auch schon mal so erste Versuche, so wie eine Art Arbeitsprobe. Wir drücken die Daumen für eine starke Resonanz und sind gespannt auf das Ergebnis! Vielen Dank für das Gespräch!
- SCHEIN UND SEIN
Mit Licht durchfluteten Räumen und Objekten stellt Peyman Rahimi aktuell im Oldenburger Kunstverein die Unterschiedlichkeit und Vielfalt von persönlichen Wahrnehmungen dar. Wie sehr das für uns Scheinbare vom tatsächlichen Sein anderer abweichen kann, haben wir für euch rausgefunden. PEYMAN RAHIMI - SCHEIN 01. SEPTEMBER - 12. NOVEMBER DI - FR: 14:00 - 18:00 UHR SA & SO: 11:00 - 18:00 UHR OLDENBURGER KUNSTVEREIN DAMM 2A 26135 OLDENBURG Der Schein Es ist ein überraschender Moment, eine Sekunde der kompletten Irritation, die einen aktuell beim Betreten des Oldenburger Kunstvereins erwartet. "Bin ich hier richtig?", mag man sich vielleicht im ersten Moment sogar fragen. Doch ja, das ist man. Warum diese Frage im Raum steht? Die offene, weite weiße Fläche, in die man sonst hineinblickt und hineinschreiten kann in die Räumlichkeiten des Vereins, ist einem völlig gegenteiligen Eindruck gewichen. Denn stattdessen blickt man hinein und auf: Gitter. Vor einem erstreckt sich ein rostiger Trakt, ein vorgegebenes System aus Wegen, das einen ganz klar leitet und keine Frage offen lässt. Ein Leichtes, sich hierbei an ein Gefängnis und den Weg hin zu einer Zelle, das völlige Gegenteil von Freiheit, erinnert zu fühlen. Im Verlaufe dieses Wegesystems gibt es immer wieder kurze Momente des Ankommens, einen scheinbar kurzen, gewollten Freigang. Doch auch dann, wohin man blickt, es umgeben einen die Gitter, die einen an diesen Ort führten. Der Blick von einer Seite des Raumes zur anderen führt durch ein Netz aus Metall, das die Wahrnehmung dessen, was man am anderen Ende zu erkennen glaubt, unweigerlich beeinflusst. Das Sein Doch was für manche Besucherinnen und Besucher der Ausstellung vermutlich bedrohlich und angsteinflößend wirkt, das ist für den Künstler Peyman Rahimi, geboren 1977 in Teheran, wie er selbst erzählt, ein eher neutrales Abbild seiner Erinnerungen an eine Kindheit, die inmitten des ersten Golfkrieges stattfand. Beispiele hierfür gibt es mehrere: Sandsäcke, die sonst als Bauelemente für Gräben oder bei Flutkatastrophen genutzt werden und auch in Rahimis Ausstellung "Schein" immer wieder ein präsentes Element sind, begleiten den Künstler bis heute und er nutzt sie für unterschiedlichste Zwecke, sei es auch einfach nur als Sitzgelegenheit. Der Duft von Rosenwasser, der in Teheran für die Gräber (unter anderem) gefallener Kindersoldaten genutzt wurde, verbindet der Künstler in seinen Erinnerungen vor allem mit Besuchen auf Friedhöfen, bei denen er als Kind nicht verstand, wo sie sich eigentlich befanden und er gemeinsam mit anderen Kindern spielen konnte. Eine positive Erinnerung an einem doch grauenhaften Ort. Die Kraft der Wandelbarkeit So zeigt der Oldenburger Kunstverein mit dieser neuen Ausstellung wieder mal worin eine seiner großen Stärken liegt. Das immense Potenzial, das die Räume den Künstlerinnen und Künstlern bieten, zu überraschen und mit bestimmten Erwartungen zu brechen. In gewisser Hinsicht ist somit auch immer die Ausstellungsfläche des Kunstvereins selbst eine Leinwand, die von den Künstlerinnen und Künstlern gestaltet wird. Im Anschluss an die Erfahrung durch die Gittertrakte zu schreiten erwartet einen in der Mitte des Gebäudes als eine Art Zwischenstation ein Ort der Ruhe. Man tritt hinein in ein großes kreisförmiges Gerüst, welches schwere, lange Stoffe trägt, die unterschiedlichste Muster zeigen. Klassisch gemalt wurde hier jedoch nicht. Gemeinsam mit einem befreundeten Mechaniker schaffte es Rahimi, den Rost aus einer Werkstatt auf Stoff zu übertragen und so mit besonderen Mitteln ebenso besondere Werke entstehen zu lassen. An der Decke hüllen grelle, grüne Lampen alles in einen farbigen Schleier, Spiegelelemente, die den Boden bedecken, fügen dem Raum eine weitere Dimension hinzu und die Stoffe an der Wand lassen alles plötzlich völlig gedämmt wirken. Das Durchwandern dieser Ausstellung verändert somit immer und immer wieder alle unserer gewohnten Wahrnehmungsstrukturen schlagartig. Auch die weiteren Werke Rahimis entsprechen diesem Muster. Denn zu sehen sind ebenso eine Auswahl seiner Drucke, die Schichten über Schichten stapeln bis ganze Bilderwelten entstehen. Sie scheinen flüchtige Eindrücke und Wahrnehmungen zurückrufen und festhalten zu wollen, was teilweise fast geisterhafte Assoziationen hervorruft. Je tiefer und länger man auf die Werke blickt, desto mehr lässt sich erkennen und erahnen. Insgesamt eine absolut eindrückliche Erfahrung, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet!
- MISSION: MACHEN
Es ist fünf Jahre her, da entstand in Oldenburg etwas, dessen Auswirkungen man vielleicht erhofft, aber keinesfalls erwartet hat. Damals nämlich ging MACH|WERK an den Start, Oldenburgs Fonds für innovative Kulturprojekte. Er ist eine Starthilfe für junge Kulturakteur:innen, für Ihre Ideen, Versuche und Experimente. Jetzt wurden die Begünstigten der sechsten Förderrunde bekanntgegeben. Wir stellen sie vor. In den vergangenen Jahren sind in Oldenburg Dinge passiert, die in dieser Form für eine Stadt dieser Größe nicht zu erwarten waren. Es gab spektakuläre kreative Zwischennutzungen, sowohl vor als auch mitten in der Pandemie. Es gab abstandsunabhängige kulturelle Fahrradrallyes und individuelle Theaterformate für jeweils eine einzige Person. Es gab innovative Filmprojekte, internationale Austauschformate, gigantische Graffiti-Events und sogar ein mehrtägiges Indoor-Festival. Was das alles miteinander zu tun hat? Erstmal nichts. Über die Jahre verstreut fanden diese Ereignisse statt, ohne dass sich eine Verbindung herstellen ließe. Dennoch gibt es eine: All das wurde nämlich möglich gemacht durch MACH|WERK, dem städtischen Fonds für innovative Kulturprojekte. Er war mal der Impuls, der Steine ins Rollen brachte, mal der entscheidende Anstoß, eine lang durchdachte Idee endlich umzusetzen und mal das fehlende Puzzlestück in der Finanzierung. Unter dem Strich also: ein Möglichmacher. Und Oldenburg profitiert davon. MACH|WERK OLDENBURGS FONDS FÜR INNOVATIVE KULTURPROJEKTE DURCHGÄNGE: 6 BUDGET: AKTUELL 40.000 EURO GEFÖRDERTE PROJEKTE: 46 FÖRDERSUMME: 330.000 EURO WERT: UNBEZAHLBAR Ambition und Euphorie In seiner Septembersitzung hat der Kulturausschuss der Stadt Oldenburg einmal mehr die Entscheidung getroffen, welche der eingereichten MACH|WERKe gefördert werden und welche nicht. Das ist eine Besonderheit: Die Auswahl findet wird nicht von städtischen Mitarbeiter:innen getroffen, sondern von der Politik. Sie maß dem Format so hohe Bedeutung bei, dass sie die Entscheidungen selbst treffen wollte. Zu Recht, wie sich im Laufe der Zeit herausstellen sollte, denn von dem Leitgedanken des Ansatzes ließen sich viele -vorwiegend junge - Akteur:innen begeistern. „Die Stadt ist dein Terrain, Probieren ist deine Methode, Neugier ist dein Antrieb? Perfekt! Denn MACH|WERK geht in die fünfte Runde. In diesem Jahr stehen 40.000 Euro für Unbekanntes, Unverbrauchtes, Ungewohntes zur Verfügung. Klingt gut für dich? Dann her mit deiner Projektidee!“ In diesem Jahr standen 40.000 Euro für die innovativen Kulturprojekte zur Verfügung. Von den insgesamt vierzehn eingereichten Anträgen mit einem Gesamtvolumen von rund 100.000 Euro konnten letztlich sieben ausgewählt werden, die in den kommenden zwölf Monaten die MACH|WERK-Story weiterschreiben werden. Wir stellen sie hier kurz vor. DINA DUKULE FIKTIONALER KURZFILM Die im lettischen Riga geborene Dina hat einen Beruf, der einem nicht gerade jeden Tag begegnet, es sei denn man ist Stammgast im Theater: Sie ist nämlich Bühnenplastikerin am Oldenburgischen Staatstheater. In ihrem MACH|WERK-Antrag spielt das aber nur einen Nebenrolle, denn gemeinsam mit ihrer Kollegin, der Bühnen- und Kostümbildnerin Wiebke Heeren will sie ein Filmprojekt realisieren. Die beiden beschreiben es folgendermaßen: "Die majestätische “Halle 10“ auf dem Fliegerhorst, einst ein Kreativtresor für Bühnenelemente die auf ihre künstlerische Transformation warteten, steht nun vor ihrem unausweichlichen Schicksal: das Ende der kreativen Schöpfung - der drohende Abriss steht unmittelbar bevor. Bei der Erkundung entfalten sich die faszinierenden Ebenen und Facetten der Lagerhalle mehr und mehr. In einer Reihe traumhafter Sequenzen, erwachen all die Geschichten, Charaktere und Bühnenbilder zum Leben, und der verstaubte Glanz vergangener Tage lebt parallel weiter. Es ist, als ob die Zeit ihre Grenzen verwischt und der Raum selbst eine Bühne wird, auf der die Magie des Theaters ewig weiterlebt." Der Film sei eine liebevolle Hommage an die unvergessliche “Halle 10“ und gleichzeitig ein Versuch, die Vergänglichkeit der Dinge zu erfassen, den flüchtigen Augenblick festzuhalten, und Abschied zu nehmen. Mit einfühlsamen Bildern möchte dieser Film die einzigartige Atmosphäre dieses Ortes einfangen und uns dazu inspirieren, den gegenwärtigen Moment zu schätzen, bevor er sich in die Vergangenheit verabschiedet. JARO BIRKIGT ZIRKUSRUND Der selbständige Zirkuspädagoge und Artist ist Trainer bei der Zirkusschule Seifenblase. Er bleibt seinem Metier auch bei MACH|WERK treu, will es aber mit seiner Leidenschaft für das Drechseln verbinden, die er während der Corona-Pandemie für sich entdeckt hat. Seine Idee beschreibt er so: „Ich möchte ein innovatives und kreatives Projekt mit dem Titel "ZirkusRund" initiieren, das die Welten des Zirkus und des Drechselns miteinander verbindet. Dabei steht die Idee im Fokus, eine partizipative Performance zu schaffen, bei der die Teilnehmenden nicht nur Zuschauende, sondern aktive Mitgestalter*innen werden. Das Projekt wird die erstaunliche Kunst des Drechselns auf einer speziellen fahrrad-betriebenen Drechselbank und einer fahrrad-betriebenen Seifenblasenmaschine in den Mittelpunkt stellen und mit Zirkus-Elementen kombinieren, um eine einzigartige Erfahrung zu schaffen." Mit Lichtinstallationen von Janusz Kendel: Das Konzert der Leipziger Band WELTEN in der Oldenburger Kulturhalle am Pferdemarkt im Rahmen des MACH|WERK-Projekts „Lichtung“ JANUSZ KENDEL PARKLATERNE L20 Wenn man so will, ist Janusz ein alter Bekannter. Vor drei Jahren war er - seinerzeit noch als Teil des Permanent Aktiv Kollektivs - schon einmal bei MACH|WERK erfolgreich. Corona-bedingt konnte das Projekt „Lichtung“ allerdings erst im Herbst 2021 realisiert werden. Allen, die damals dabei waren, dürfte es aber in bester Erinnerung sein. Umso schöner, dass Janusz wieder mit einem Projekt am Start ist, das lange in seiner Schublade schlummerte, das er nun aber dank der Unterstützung endlich realisieren kann. Er beschreibt sein kleines Projekt wie folgt: „Entstehen wird eine Lichtinstallation, die im dunklen Dezember den verlassenen Stadtraum aktiviert, belebt und erhellt. Die Wiese bleibt sich selbst überlassen. In den dunklen Stunden ist die Laterne das einsame Überbleibsel. Intensiv wird die öffentliche Parkwiese in den Sommermonaten von den Bürger:innen genutzt. Dynamik, Energie und Leben prägen das Bild. Darüber hinaus soll der Fokus der festlich geschmückten Innenstadt auf die Lebensräume der Bürger:innen in den Stadtteilen gelenkt werden.“ MARIANNA MARTENS PINK POWER Marianna ist ein echter MACH|WERK-Stammgast. Sie war jetzt zum dritten Mal mit einem Antrag erfolgreich. Im Gegensatz zu „Lichtung“ und dem „Metropoly Festival“ steht nun aber keine Veranstaltung im Mittelpunkt, sondern ein ambitioniertes Filmprojekt mit wichtiger Botschaft. „Der Kinodokumentarfilm „PINK POWER“ soll den persönlichen und emotionalen Geschichten, die hinter einer Brustkrebs Diagnose und Erkrankung stehen, Raum geben, aber zugleich eine sportliche Erfolgsgeschichte erzählen. Die Frauen aus dem Paddelteam der Küsten Pinkies werden nahbar und einfühlsam beobachtet, ihr Kampf gegen die Krankheit damals und heute erzählt. Trotzdem ist „PINK POWER“ nicht nur eine für viele Betroffene nachfühlbare Krankheitsgeschichte, sondern auch eine über sportlichen Erfolg und den Zusammenhalt unter Frauen verschiedenen Alters und verschiedenen sozialen Hintergründen. Somit verfolgt der Film auf seine ganz ruhige, nahe und beobachtende Art und Weise einen feministischen Ansatz. Denn Frauen mittleren und älteren Alters finden so gut wie nicht in Filmen statt - noch weniger werden ihre Erfolgsgeschichten erzählt.“ Ziel des Projektes sei es, am Ende der Postproduktionsphase eine fertige Kinodokumentation in Dauer von 55 Minuten hergestellt zu haben, die die Geschichte der „Küsten Pinkies“ auf dem Weg zur Europameisterschaft im Drachenbootsport erzählt. Ein weiteres Ziel des Films ist es, auf den Drachenbootsport allgemein als wissenschaftlich nachgewiesene therapeutische Maßnahme während und nach der Behandlung von Brustkrebspatientinnen aufmerksam zu machen. PIA KARIUS KUNSTKOMPLEX KULTURFESTIVAL Zwar ist Pia hier die Antragstellerin, das Projekt stemmt sie aber nicht allein. An ihrer Seite stehen Lena Karius, Carl Wiraeus und Shanice Albertine Trninic. Alle vier sind zwischen 22 und 25 Jahre alt und zu drei Vierteln Kunststudentinnen. Bereits im letzten Jahr haben sie im in Oldenburg erstmals mit dem Gedanken des Kunstkomplexes experimentiert, nun aber soll der nächste Schritt kommen. In Ihrem Zuschussantrag heißt es: „Der Kunstkomplex beabsichtigt, unter anderem die Stärkung der jungen freien Szene in Oldenburg. Es soll als ein Ort der Vernetzung junger, noch zum Teil unerfahrener und noch nicht professionalisierter, regionaler Künstler*innen dienen, welche sich in diesem Rahmen ausprobieren und in die Öffentlichkeit treten können. Wir sind uns bewusst, dass dieser Schritt Mut braucht, weshalb wir als Organisationsteam dabei unterstützend fungieren. Wir bieten uns als Performer*innen sowie den Künstler*innen eine Schaufläche, welche eigeninitiativ und selbstbestimmt ist. In den letzten Jahren beschäftigte sich der Kunstkomplex intensiv mit der Rolle der Zuschauenden. Wir versuchen eine Alternative zu den gewohnten Guckkasten-Formaten zu finden. Im März 2024 wagen wir eine experimentelle Erfahrung, welche Zuschauende und Performende einbezieht. Durch ein geschicktes Raumkonzept, welches Innen- und Außenraum des Leerstandes mit platzierten Bühnenelementen verbindet, werden auch Passant*innen, die am Ort vorbeigehen, dazu angehalten, mit unserem Festival in Kontakt zu treten.“ Pia, Lena, Carl und Shanice planen, insgesamt 16 künstlerische Produktionen einzuladen, die teilweise ihre Werke ausstellen, zeigen oder live performen werden. Dabei wollen sie neben dem eigenen Netzwerk auch durch Ausschreibungen nach lokalen Künstler*innen suchen. Als weiteres Ziel sehen sie den Austausch unter den Künstler*innen sowie auch zwischen den Künstler*innen und Besucher*innen. Somit sehen sie ihr Kulturfestival auch als sozialen und kulturellen Begegnungsort. STEPHAN LANTOW 40 JAHRE METRO CLUB Den Metro Club muss man eigentlich nicht vorstellen oder erklären. Er ist eine Institution im Oldenburger Nachtleben. Was das mit Kulturförderung zu tun hat? Zunächst nicht viel, aufgrund der jüngeren Vergangenheit aber doch einiges. Der Club geriet in finanzielle Nöte, die Mitarbeiter:innen gründeten einen Verein, um diesen Ort der Sub- und Soziokultur für Oldenburg zu bewahren. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums soll nun ein Festivals stattfinden, das über den normalen Club-Alltag weit hinausgeht und viele weitere Akteure einbindet. Angedacht sind z.B. Workshops, eine Theateraufführung, ein Konzert, eine Kunstausstellung sowie Gesprächs- und Diskussionsveranstaltungen zu verschiedenen Themen. Stephan hofft auf eine große Bandbreite an Interessierten für den Metro Geburtstag: „Allgemein lässt sich sagen, dass die Veranstaltung für alle Kunst- und Kulturinteressierten relevant ist. Aber auch Kreativschaffende könnten von den Workshops und Ausstellungsmöglichkeiten angezogen werden. Sie könnten den Geburtstag als Chance sehen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, ihre Fähigkeiten zu erweitern und ihre Werke einem breiteren Publikum zu präsentieren. Ein besonderer Fokus liegt zudem auf jungen Erwachsenen, da Nachwuchsförderung ein wichtiges Anliegen des Metro Clubs ist. Es sollen auch Menschen, die offen für neue Erfahrungen sind und gerne lernen, angesprochen werden." ULRIKE LISSNER OPEN MIC STANDUP COMEDY Einigen von uns dürfte Ulrike mit ihrem Format LOLdenburg schon begegnet sein. Bereits seit 2019 ist sie in der Comedy-Szene aktiv und hat sich dort längst als Aktivposten ausgezeichnet. Während die großen Stars längst keine Förderung mehr brauchen, weil sie auch große Hallen ausverkaufen, ist es bei den Nachwuchskünstler:innen ganz anders. Sie brauchen Unterstützung, um die ersten Schritte auf ihrem Weg zu gehen - und dafür sind Open Mic Formate ideal. „Wir orientieren uns an Konzepten aus anderen Städten wie Hamburg, Berlin oder Hannover“, erklärt Ulrike im Antrag. „Sechs bis acht Comedians werden einen Zeitslot von sieben bis zehn Minuten haben, um neues Material zu testen. Auftreten darf jede:r der/die möchte - vom absoluten Newcomer bis zum ́Profi ́. Mit unserem OpenMic möchten wir einen sicheren und vertrauensvollen Raum schaffen, in welchem Menschen sich ausprobieren können. Scheitern gehört mit dazu - wenn wir wertschätzend und optimistisch damit umgehen, kann es eine unglaublich treibende Kraft werden.“ Die Ziele der Veranstaltung gehen dabei deutlich über das pflegte Anlachen hinaus: „Wir möchten Abwechslung in das kulturelle Angebot von Oldenburg bringen. Des Weiteren möchten wir einen Raum schaffen, in welchem Menschen sich frei austesten und somit entfalten können. Zusätzlich soll unsere Veranstaltung die Gastronomie an eher schwach frequentierten Tagen unterstützen.“
- NICHTS WIE HIN (40)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- TEXT TRIFFT TÖNE
Im ständigen Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums haben es Lesungen nicht immer leicht. Neben all den spektakulären, lauten Events wirken sie manchmal wie das stille Kämmerlein der Kultur, ein Ort der leisen Töne und der tiefen Gedanken. Die gibt es am 5. September bei der Lesung von Dalibor Markovic zwar auch - dazu aber noch viel mehr! Begleitet wird er nämlich vom Berliner Ambient-Electro-Duo Psycho & Plastic! Keine Frage: Dalibor Markovic hat Mut. Auf der ganzen Welt entert der 47-jährige Frankfurter kleine und große Bühnen, um seine Sprachkunst zu performen. Das darf man durchaus wörtlich nehmen: Wer durch seinen Instagram-Kanal scrollt, sieht ihn in Berlin, London, Helsinki, Luzern und seiner zweiten Heimat Mexiko City. „Es erforderte ein wenig Glück, gepaart mit einer persönlichen Abenteuerlust, die Welt kennenzulernen“, erzählt Dalibor. Die Texte würden vorab übersetzt und während des Auftritts in der Landessprache projiziert. „Das funktioniert erstaunlicherweise sehr gut.“ Seinen Mut zeigt er aber auch an anderer Stelle. Zum Beispiel bei der Veröffentlichung seines ersten Romans, der im Jahre 2021 im Verlag Voland & Quist erschien: Schlicht mit "Pappel" betitelt erzählt er die Geschichte eines Baums, der sich entwurzelt und in einen Menschen verwandelt. Bereits diese kurze Beschreibung ist fantasievoller als mancher Wälzer mit zeitgeistiger Befindlichkeitslyrik. Und da ist noch mehr: Zu seinem Erstlingswerk gibt es einen eigens komponierten Soundtrack des Berliner Duos Psycho & Plastic, der bei manchen Lesungen sogar live performt wird. In diesem Jahr passiert dies genau zwei Mal: In Frankfurt - und in Oldenburg! LITERATURHAUS OLDENBURG LESUNG DALIBOR MARKOVIC MIT PSYCHO & PLASTIC: „POWER TO THE PAPPEL“ DIENSTAG, 5. SEPTEMBER, 19.30 UHR WILHELM 13 LEO-TREPP-STR. 13 26121 OLDENBURG TICKETRESERVIERUNG Die Grenzen sprengen Wer vermutet, Lesungen seien immer dasselbe, liegt damit falsch. Mal sind sie hochintellektuell, wenn etwa philosophische Ansätze diskursiv betrachtet werden. Mal sind sie hochemotional, wenn zum Beispiel persönliche Schicksalsschläge und Leidenswege nachgezeichnet werden. Und mal sind sie hoch unterhaltsam, wenn etwa begnadete Erzähler:innen auf die Kuriositäten des Lebens blicken. Und dann gibt es noch die Fälle, in denen die Grenzen der Anordnung „Tisch + Buch + Vorleser:in“ gesprengt werden und neue Elemente hinzukommen. „Das ist ein überbordend und wild erzählter Roman. Man merkt Dalibor Marković die Lust am Assoziieren und Fabulieren an. Und eine Dosis Geschichte kriegt man mit diesen Geschichten auch noch mit. Das hat mich dermaßen in seinen Bann gezogen, dass ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen kann.“ Jörg Petzold, FluxFM Genau das ist am 5. September um 19.30 Uhr auch im kleinen Oldenburger Literaturtempel Wilhelm13 der Fall. Wenn nämlich Dalibor mit seinen beiden Begleitern Alexandre Decoupigny und Thomas Tichai die Bühne betritt, dann ist sofort klar, dass eben keine übliche Lesung auf dem Programm steht - sondern eine, die mit einer Klangkulisse aufwarten kann. Und schnell wird dabei klar: Das ist mehr als nur Beiwerk. Den Rhythmus spüren Wer nach Gründen für diesen künstlerischen Ansatz sucht, wird in Dalibors Biographie fündig. Seine künstlerischen Anfänge lagen nämlich in der Musik: als Beat Boxer sammelte er Bühnenerfahrung - und entwickelte ein gutes Gespür für Rhythmik, Timing und Klang. „Beat Boxing, so wie ich es verstehe, ist eine rhythmische Sprache für sich“, beschreibt der Sprachkünstler seine Sichtweise. „Sie bedarf keiner Übersetzung. Das hilft mir bei meinen Auslandsauftritten.“ Das Vorurteil, dass es der deutschen Sprache an Melodik fehle teile er nicht. „Ihre größte Kraft liegt aber in der Rhythmik. Sie ist wie ein aufbrausender Ozean, auf dem man als Dichter beschwingt wellenreiten kann.“ Wer im Wilhelm13 dabei sein kann, wird eine neue Art der Lesung erleben: Eine, die intellektuell und emotional zwar viel zu bieten hat, die sich darauf aber nicht beschränkt. Ebenbürtig daneben stehen die Rhythmik der Sprache und der Sound der Musik. Man kann hier tatsächlich von einer immersiven Kollaboration sprechen, wo eben nicht das eine das andere nur begleitet, sondern wo beide Elemente zu einem gemeinsamen Ganzen zusammenfließen. Die Nische verlassen Dalibor kann zwar (noch) nicht auf eine lange Reihe von Veröffentlichungen zurückblicken und auch sein Name wird nicht jedem geläufig sein. Mit ihm hat das Literaturhaus Oldenburg aber einen herausragenden Sprachkünstler eingeladen, der mit der Art seines Vortrags ganz unterschiedliche Zielgruppen mitzureißen weiß. Dass er zusätzlich in der Lage ist, große Geschichten zu erzählen, hat er nun mit „Pappel“ bewiesen. „Als Spoken-Word-Lyriker ist Dalibor Marković schon lange eine feste Größe - mit Pappel, seinem Husarenritt durch die Weltgeschichte, begeistert er jetzt auch auf der langen Strecke. Marković erweist sich als großer Erzähler, der dem vorherrschenden Realismus in der Gegenwartsliteratur das entgegensetzt, auf das wir gewartet haben: Hemmungsloses, verspieltes und herrlich absurdes Fabulieren.“ Björn Jager, Hessisches Literaturforum Dieses Prinzip lässt sich auch auf Psycho & Plastic übertragen. Ihre (bisher drei) Platten mögen nicht die vordersten Plätze der Charts erreichen. Möglicherweise befinden sie sich auch nicht auf der Playlist mit deinen Alltime-Favorites. Ihr Gespür für sphärische, szenische Sounds, die mehr sind als reiner Klang, ist allerdings faszinierend und ermöglicht ganz neue Emotionen und Assoziationen. Wie ein Soundtrack zu einem Buch klingt? Könnt ihr hier nachhören! „Viele Passagen des Buches haben filmischen Charakter, ein Kapitel spielt sogar gänzlich in einem Stummfilmkino“, berichtet Dalibor. Da sei ihm die Idee gekommen, einen Soundtrack für das Buch komponieren zu lassen. „Psycho & Plastic kenne ich seit vielen Jahren. Sie hatten gerade die musikalische Bearbeitung eines Theaterstücks beendet, da kam eins zum anderen und passte fantastisch zusammen.“ Kein Zweifel: Im Format „Power to the Pappel“ treffen sich Text und Ton zu einem kongenialen Gesamtkunstwerk, das sich gegenseitig bereichert. „Der Sound umspielt und bestärkt den Text“, beschreibt der Autor den Effekt. „Die Kompositionen zeigen auf eindrückliche Weise, dass beides symbiotisch ineinanderwirken kann.“ Sich mitreißen lassen Wer sich für Worte und Sprache interessiert (und wer tun das nicht?), erhält vom Literaturhaus Oldenburg am 5. September im Wilhelm13 eine mitreißende Form der Inspiration. Und das in doppelter Hinsicht: Das Kommen würde sich allein wegen des Buches lohnen. „Die Geschichte eines Herumtreibers“ - so der Untertitel zu „Pappel“ - sollte man einfach kennen, so einzigartig und wunderbar grotesk sie ist. Ein große Rolle spielt aber natürlich auch die Art der Vortrags. Sowohl die gekonnte Intonation von Dalibor als auch die Begleitung von Psycho & Plastic setzen die Inhalte in einen neuen Kontext und werten sie weiter auf. „Wer es magisch und wild assoziierend, detailversessen, sprachvirtuos und voll groteskem Humor mag, sollte Konrad Pappel durch sein langes Leben begleiten.“ Bettina Hesse, WDR5 Bücher „Unsere gemeinsamen Auftritte fühlen sich an, als sei man eine Band, die zusammen auf der Bühne spielt. Ein Gefühl, dass ich außerordentlich genieße“, freut sich der Autor auf den Abend in Oldenburg. Anders als manche Lesung sollte „Power to the Pappel“ also keinerlei Schwierigkeiten haben, sich gegen all die anderen - spektakulären und lauten - Veranstaltungen durchzusetzen. Hier gibt es schließlich nicht nur leise Klänge und tiefe Gedanken, hier treffen sich Text und Töne!
- KOLUMNE: ENDE ODER ANFANG?
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Spielzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Die Kunst, das Schöne zu sehen Der September steht vor der Tür und mit ihm eine Vorahnung des Herbstes, zumindest aber ein wachsendes Bewusstsein, dass der Sommer sich dem Ende nähert. Woran ich dabei denken muss? Ausgerechnet an das letzte Frühjahr! Genauer gesagt an den 26 Mai. Und warum das? Weil damals das Oldenburgische Staatstheater sein Programm für die neue Spielzeit vorstellte – und einmal mehr das Kunststück schaffte, noch vor dem Sommer Lust auf die Zeit danach zu wecken. Es ist die letzte Spielzeit unter der Leitung des Generalintendanten Christian Firmbach und so mischt sich ein wenig Wehmut in die Vorfreude. Es ist noch zu früh für Bilanzen, aber schon jetzt darf man feststellen, dass die Stadt einen Aktivposten verlieren wird, der sich umtriebig für sein Haus, aber auch für die Oldenburger Kulturszene einsetzte. Passend zu seiner Persönlichkeit geht der leidenschaftliche Theatermacher nicht mit einem Schlussakkord in Moll, sondern mit einer nahtlosen Fortsetzung seiner erfolgreichen Schaffenszeit an der Hunte. Ganz große Neuerungen sucht macht zwar vergeblich, aber wer würde das kritisieren wollen? Mit dem Technical Ballroom wurde erst in der letzten Spielzeit die erste digital-analoge Bühne Deutschlands installiert und damit ein mutiger Blick in die Zukunft des Theaters geworfen. Mehr kann man kaum verlangen. Deshalb darf man sich nun auf ein ausgewogenes und abwechslungsreiches, aber durchaus auch ambitioniertes Programm freuen. Start in die neue Spielzeit Der September läutet aber natürlich auch auf den anderen Oldenburger Bühnen die neue Spielzeit ein. Besonders gespannt sind viele auf die kommenden Inszenierungen am Theater k der Kulturetage, das nun von Mathilda Kochan geleitet wird, die für neue Ideen, Themen und Methoden steht. In der direkten Nachbarschaft sind dem theater wrede+ und dem theater hof/19 einmal mehr Programme gelungen, die ihr Stammpublikum schätzen wird, die aber auch etliche Neugierige in die Säle locken werden. Zum Theater Laboratorium muss man kaum noch etwas sagen. Seine wunderbare Mischung aus unterhaltenden und berührenden Stoffen zwischen Komik, Melancholie und Philosophie ist und bleibt unvergleichlich. Und nicht zu vergessen: Das theater unikum auf dem Campus Haarentor der Universität. Zwar richtet sich die Bühne auch an die Studierenden, aber eben nicht ausschließlich. Es lohnt sich immer, auch dorthin einen Blick zu werfen. Allein die Zahl der Bühnen deutet eine große Vielfalt an, die Auswahl der Stücke und die jeweiligen Inszenierungen fächern das Angebot noch weiter auf. Oldenburg darf sich glücklich schätzen: Über ein spannendes letztes Jahr mit Christian Firmbach am Oldenburgischen Staatstheater – aber auch über eine lebendige, kreative, vielfältige Theaterlandschaft, die nur wenig Wünsche offenlässt. Ja, es stimmt: Der September steht vor der Tür und mit ihm eine Vorahnung des Herbstes. Ist das nun ein Ende oder ein Anfang? Die Antwortet lautet natürlich: beides. Die Wehmut ob der kürzeren Tage lässt sich wunderbar kompensieren mit der Lust auf die neue Theatersaison. Wenn die Sonne kürzer scheint, nähren wir unsere Herzen eben von innen, mit wunderbaren Impulsen und Inspirationen von den Bühnen unserer Stadt. Danke, liebe Theaterschaffende, für die vielen Gelegenheiten dazu!
- EINFACH DREIFACH
Aus dem Nichts der Corona-Epidemie entstand im Jahre 2020 die „Einfach Kultur“-Konzertreihe und traf auf Anhieb den Nerv des kulturhungrigen Publikums. Dass das kleine Festival damals auf einem umfunktionierten Parkplatz im Bahnhofsviertel stattfand, passte perfekt in diese Zeit der optimistischen Improvisation. Nun geht „Einfach Kultur“ in die vierte Runde - wir werfen einen Blick auf das Alte und das Neue. Es gibt Musikfestivals, die an x-beliebigen Orten stattfinden, auf Auto- oder Motorrad-Rennstrecken zum Beispiel oder auf der grünen Wiese. Und es gibt andere, bei denen die Umgebung durchaus eine Rolle spielt. Dazu gehören u.a. das Watt en Schlick-Fest in Dangast, die Oldenbora in Nethen - oder das „Einfach Kultur“ in Oldenburg. So dachte man zumindest. Doch nun wurde der urbane Hinterhof im Bahnhofsviertel aufgegeben. Das Festival verteilt sich in diesem Jahr auf die Locations GleisPark, UmbauBar und Amadeus - die allesamt vom Kreis der Menschen betrieben werden, die auch für Einfach Kultur verantwortlich sind. Für das spezielle Festivalgefühl ist diese Aufteilung sicher ein Nachteil, es gibt keinen eindeutigen Bezugspunkt mehr. Die Veranstaltung selbst macht sie aber flexibler: Man kann die Größe der Locations auf die Bekanntheit des Acts abstimmen, zudem ist man weniger wetterabhängig. Und außerdem gilt: lieber ein voller Saal als ein leeres Gelände. Noch wichtiger als der Ort ist aber sowieso das Line-Up. Dort setzt man auch in diesem Jahr auf die bekannte und bewährte Nische: Es kommen vorwiegend Künstler:innen „auf dem Sprung“ aus dem Proberaum ins Rampenlicht. EINFACH KULTUR 2023 30. AUGUST BIS 9. SEPTEMBER 2023 (ZUSÄTZLICHE KONZERTE AM 13. UND 16. SEPTEMBER) AMADEUS MOTTENSTRASSE 21 GLEISPARK BUNDESBAHNWEG 1 UMBAUBAR STAU 25-27 TICKETS Ständige Evolution Die meisten Festivals entwickeln sich. Kaum eines startete so, wie es letztlich bekannt wurde - weil die ersten Schritte immer etwas unsicher sind. Will man musikalisch die volle Bandbreite? Oder doch lieber einen klaren Schwerpunkt? Und wenn ja, welcher soll es sein? Auf diese Fragen scheint Einfach Kultur nun eine klarere Antnwort zu geben als bisher. Denn während es zu Beginn noch Ausflüge in musikalische Randbereiche wie Metalcore oder (Emo-)Punk gab, gleicht sich der Sound des Line-ups mehr an. Anders ausgedrückt: Einfach Kultur bekommt eine Identität. Und das ist letztlich eine logische Entwicklung, schließlich definieren sich Festivals eben nicht in erster Linie über den Ort, sondern vor allem über die Musik. Für Einfach Kultur heißt das: Man bietet nicht mehr für alle etwas - für seine primäre Zielgruppe aber genau das Richtige. Diese Konzentration aufs Wesentliche ist für eine wirkungsvolle Markenbildung wesentlich. Schließlich versucht man auch nicht, beim Fonsstock die Amigos unterzubringen. Die richtige Nische Und was ist dieses "Wesentliche"? Was ist der Markenkern von Einfach Kultur? Man könnte sagen: der Soundtrack zum Leben der Mitt- bis Endzwanziger. Die Acts stammen im weiteren Sinne alle aus einem jungen Indie-/Pop-Kontext und changieren in ihrer Ausrichtung. Mal dominiert die leichte Akustikgitarre, mal der dicke Beat, mal die markante Stimme, mal die elektronische Spielerei. Gemeinsam haben aber alle eine hohe Zugänglichkeit, musikalische Extremsituationen werden vermieden. Die Gefahr, in einen Pogo oder Moshpit zu geraten, besteht also nicht. Weniger hoch ist dagegen der allgemeine Bekanntheitsgrad. In ihrer Zielgruppe sorgen manche Acts für einen extrem beschleunigten Puls (z.B. Raum27, Il Civetto oder Blumengarten), gleichzeitig lassen sie andere Bevölkerungsgruppen relativ kalt. Doch erstens gehört das, wie oben beschrieben, zum Wesen einer Identitätsbildung. Und zweitens ist Einfach Kultur eben kein Hurricane. und Oldenburg keine Hansestadt. Hier hat man die Chance, junge Acts zu sehen, bevor sie ganz groß werden - nicht danach. Das kann man beklagen, das kann man aber auch positiv sehen: In dieser Nische liegen nämlich große Chancen für schlaues Booking und gutes Branding. Wenn die Strategie aufgeht und die eine oder andere Band nach einem Auftritt bei „Einfach Kultur“ durch die Decke geht (und bei einigen sieht es danach aus), dann wird sich dieses kleine Festival noch stärker als guter Spot für junge Künstler:innen herumsprechen. Und das wäre was, von dem wir alle was hätten. Vielfalt und Verlust Klar: Es ist schade, dass der markante Ort im Bahnhofsviertel Geschichte ist; er hat das Festivalgefühl stark geprägt. Man wird abwarten müssen, wie sich „Einfach Kultur“ ohne einen eindeutigen optischen Identifikationspunkt anfühlt. Geblieben ist aber der Plan, „up and coming“ Bands zu verpflichten, bevor Oldenburg bei ihnen von der Landkarte verschwindet. Das heißt: Einfach Kultur ermöglicht auch dieses Jahr wieder Entdeckungen in den Grauzonen zwischen klein/unbekannt und groß/berühmt. Unsere Empfehlung lautet deshalb: Hört euch durch die Playlist, lasst euch triggern von den Sounds. Sie sind der Kern des Festivals. An welchem Ort die Acts auftreten? Ist letztlich zweitrangig. Und immerhin: Auch nach den Veränderungen findet „Einfach Kultur“ eben nicht an einem x-beliebigen Ort auf der grünen Wiese statt, sondern in bekannten und beliebten Oldenburger Locations. Das ist: einfach dreifach!
- INCEPTION RELOADED
Christopher Nolans oscarprämiertes Kino-Meisterwerk „Inception“ spielt mit verschiedenen Ebenen des Bewusstseins. Dieses Prinzip hat nun das Künstler:innenkollektiv Unit 404 mit seinem Projekt „Labor 2“ aufgegriffen, das im Atelier des Kunstschul-Stipendiaten Jonas Meyburg zu sehen ist. Wir haben mit ihm und Johanna Spieker über die ungewöhnlichen Methoden der Gruppe gesprochen - und über das ebenso ungewöhnliche Arbeitsergebnis. Es gibt die großen Kunstausstellungen. Über Jahre hinweg werden sie detailliert erdacht, minutiös geplant, akribisch vorbereitet und dadurch selbst zu einer kunstvollen Komposition der Gegenwartskultur. Häufig werben sie mit großen Namen und erzeugen starke Aufmerksamkeit. Das macht sie an ihren jeweiligen Standorten zu gesellschaftlichen Pflichtterminen. Und dann gibt es kleine, klandestine Kunstprojekte wie das „Labor 2“ der Unit 404. Hier ist der Name Programm: Es handelt sich um ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Zu Beginn stand lediglich ein Ort fest, in diesem Fall das „Studio 10“ der Oldenburger Kunstschule in der Langen Straße. Der gesamte Rest? Die Motive, Mittel und Methoden? Ergeben sich im Prozess - und überraschen dabei manchmal selbst die Beteiligten. UNIT 404: „LABOR 2“ 22. AUGUST - 26. AUGUST 2023 19 UHR - 21 UHR STUDIO 10 LANGE STRAßE 10 26122 OLDENBURG Grenzen überwinden Jonas Meyburg ist Stipendiat der Oldenburger Kunstschule. Als solcher beschäftigt er sich noch bis zum Oktober mit dem Sound der City. Jonas ist darüber hinaus aber auch Mitglied des Künstler:innenkollektivs Unit 404. Kennen gelernt hat sich das Quintett an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig. Inzwischen sind die Mitglieder zwar weit verstreut in Deutschland und Europa. Für ihre Projekte kommen sie aber immer wieder zusammen - dieses Mal in Oldenburg. Habt ihr Zeit? Die improvisierte Soundperformance in der Halle 267 aus dem jähr 2021 dauert fast vier Stunden. „An der Hochschule wird viel getrennt gedacht“, erklärt Jonas die Motivation für die Gründung. „Man agiert oft als Einzelkämpfer.“ Mit der Unit 404 wollen die jungen Künstler:innen diese Trennung überwinden und interdisziplinär an ihre Projekte herangehen. „Wir haben Bildhauer dabei, Foto- und Videokünstler, Sounddesigner, Schriftsteller“, ergänzt Johanna Spieker. Sie alle haben unterschiedliche Blickwinkel auf ein Thema - und unterschiedliche Methoden, es künstlerisch zu verarbeiten. Das Gefühl nach einem gelungenen Projekt bringt Jonas auf den Punkt: „Am Ende entsteht etwas Gemeinsames - und das ist viel größer als alles, was man alleine schafft.“ Fehler im System Für das Oldenburger Projekt begab sich die Unit 404 zunächst in eine künstlerische Extremsituation: Innerhalb nur einer Woche sollte aus dem Nichts eines vollkommen leeren Raumes die Idee entstehen und die Umsetzung passieren. Tatsächlich entwickelte sich schnell eine Vision: Die Suche nach dem Inhalt der Ausstellung sollte selbst zum Inhalt der Ausstellung werden. Man würde im Ergebnis also die Entstehung des Ergebnisses sehen. Der Weg ist hier also tatsächlich das Ziel - was allerhand parallele Gedankenwelten eröffnet. Schöne Grüße an Christopher Nolan, dessen Meisterwerk „Inception“ ebenfalls - wenn auch ungleich aufwändiger - mit solchen unterschiedlichen zeitlichen Ebenen spielte. Zu diesem Zwecke filmten sich die Mitglieder des Kollektivs in ihren Gesprächen - nicht nur vor Ort im Atelier 10, sondern auch später am Abend. Dabei entstanden nicht weniger als 36 Stunden Rohmaterial an Audio- und Videodateien. Doch die Frage war nun: was damit anfangen? Die Antwort darauf fanden die jungen Künstler:innen mithilfe der Technik. Beziehungsweise: mithilfe ihrer Fehlfunktionen. Denn die Verwendung einer vermeintlich hilfreichen KI-Audio-Software machte die aufgezeichneten Stimmen schwerer verständlich und ließ sie zum Teil fremdartig klingen. Die entsprechenden Transkription geriet zum kryptischen Kauderwelsch. Man muss genau hinhören und -sehen, um zu erfassen, worum es geht - und scheitert womöglich dennoch. Fast wie in biblischen Babylon, als Gott die Menschen für ihre Hybris mit der babylonischen Sparchverwirrung strafte. „Der Turmbau zu Babel war für unsere Arbeit tatsächlich ein wichtiges Motiv“, verrät Johanna. Spannend wurde es zum Ende hin dennoch. Ob nach der Entstehung auch der Aufbau für die Präsentation klappen würde? Das war bis wenige Stunden vor dem Start am 22. August unklar, schließlich konnte erst am Ende der Kreationswoche überhaupt mit den Arbeiten begonnen werden. „Viel Freizeit gab es da nicht mehr“, lacht Jonas. Das ist eben die Tücke in diesem System: Es gibt - anders als bei den großen Ausstellungen - keine Garantien, alles geschieht im Moment. Doch wir können Entwarnung geben: Pünktlich zum Soft Opening um 19 Uhr war alles fertig, dem Kunstgenuss stand nichts (mehr) im Wege. Das große Rätsel Es ist tatsächlich ein interessantes Experiment, aus den Gesprächsfragmenten und den dadaistischen Transkriptionen ein Gesamtbild zusammenzusetzen, das für uns Sinn ergibt. Dabei schient man sie tatsächlich zu fühlen: die Verwirrung, die geherrscht haben muss, als niemand mehr den anderen verstand, auch wenn man eigentlich wusste, worum es geht. Und dieses Gefühl taugt auch zur Parabel auf eine Gegenwart, in der es allzu oft darauf ankommt, etwas zu sagen - unanbhängig davon, ob es auch verstanden wird, „Es gibt hier aber keine Botschaft in dem Sinne, dass die Besucher:innen bitte das denken sollen, was wir vorschlagen“, nimmt Jonas etwaige Befürchtungen, man könnte an der Interpretation scheitern. „Es geht um Kommunikation, es geht um Informations-gehalt und Austausch. Versteht man die Dinge oder nicht? Und was passiert, wenn man etwas nicht versteht?“ Das Kollektiv rechnet dabei durchaus auch mit Schulterzucken und Kopfschütteln. „Mit so einer Ausstellung bekommt man in einer Galerie für zeitgenössische Kunst sicher andere Reaktionen als in der Innenstadt“, ist sich Johanna bewusst. Am Lefferseck begegne man der gesamten Bandbreite der Bevölkerung und das sei das Spannende an dem Ort. Dass man möglicherweise polarisiert? Nimmt die Unit 404 in Kauf. „Wenn man Kunst macht, dann nimmt man nicht immer alle mit“, weiß Jonas. Wenn man alle mitnähme, sei es wahrscheinlich auch keine Kunst mehr. Immerhin bevorzuge oder benachteilige das „Labor 2“ niemanden, ergänzt der Bildhauer schmunzelnd, denn: „Alle verstehen es gleich schlecht!“ Viele Fragezeichen Nein, detailliert erdacht, minutiös geplant, akribisch vorbereitet ist im „Labor 2“ der Unit 404 überhaupt nichts. „Das, was wir jetzt gemacht haben, hat nicht viel damit zu tun, was wir uns so vorher gedacht haben“, stimmt auch Jonas zu. Wer daraus ableitet, dass die Qualität nicht stimmen könne, liegt allerdings falsch. Das Kollektiv hat aus dem Nichts ein Kunstprojekt erschaffen, das uns zum Nachdenken anregt - über Stimmen und Sprachen, vor allem aber über die Dynamik einer Entwicklung. Das Spiel mit den Ebenen ist nicht immer einfach zu dechiffrieren und es wird sicher viele Fragezeichen hinterlassen. Aber das ist nicht etwas negativ gemeint - denn es kann durchaus wohltuend sein, gemeinsam mit anderen etwas nicht zu verstehen und stattdessen seine Gedanken frei treiben zu lassen. Viele Kinobesucher:innen kennen dieses Gefühl noch von „Inception“. Doch das ist schon dreizehn Jahre her - höchste Zeit also für einen Reload!
- KLAPPE, DIE 30.
Was bei einer Filmproduktion keine gute Nachricht wäre, nämlich der dreißigste Take für eine einzige Szene, ist in der Welt der Filmfeste etwas ganz anderes. Wenn es einem Festival gelingt, über dreißig Jahre nicht nur durchzuhalten, sondern sogar inhaltliche Akzente zu setzen - dann ist das durchaus beachtlich. Man könnte denken: Es ist alles gesagt. Nach dreißig Jahren dürfte kein Gedanke übrig sein, der über das Internationale Filmfest Oldenburg nicht schon mal gedacht oder sogar geäußert wurde. Zumal es sich nicht jedes Jahr vollkommen neu erfindet. Im Gegenteil: Es sind einerseits der Markenkern, auf unangepasste Indie-Filme zu setzten, und andererseits die Wiederkehr beliebter Programmpunkte, die das Festivals ausmachen. Ist das Filmfest also zur Gewohnheit worden? Ja und nein, wie vor allem die alljährliche Pressekonferenz zeigt. Auch deren Ablauf ist zwar bekannt, doch sie bietet immer viele Neuigkeiten: Über Sponsoren, Streaming, Streiks - und natürlich über Filme. 30. INTERNATIONALES FILMFEST OLDENBURG 13. BIS 17. SEPTEMBER 2023 VORAB-TERMINE: 29. AUGUST, 10 UHR: START DES VORVERKAUFS: FESTIVAL OFFICE ONLINE 29. AUGUST, 20 UHR: PRE-SCREENING „FORBIDDEN PLANET“, USA 1956 POLYESTER 30. AUGUST, 18 UHR: TRAILER-SHOW ALTE FLEIWA 5. SEPTEMBER, 20 UHR: PRE-SCREENING „SILENT RUNNING“, USA, 1974 POLYESTER Ruhe vor dem Sturm Wer Festivalchef Torsten Neumann kennt, weiß aus Erfahrung: Mit jedem Tag, den das Festival näherrückt, steigt der Stresspegel ein wenig an - nicht zuletzt deshalb, weil manche Entscheidungen erst kurz vor dem Start fallen. Bei der Pressekonferenz am 15. August, etwas mehr als vier Wochen vor der Eröffnung, ist davon wenig zu spüren. Torsten ist auskunftsfreudig. Um das runde Jubiläum macht er nicht viel Aufhebens. Doch es wirkt, als freue er sich aufrichtig darüber, mit dem Filmfest dieses hohe Alter erreicht zu haben - ohne sich dabei allzu sehr verbiegen zu müssen. Letzteres ist entscheidend. Das Filmfest mag insgesamt ein wenig ruhiger geworden sein, am inhaltlichen Kern wurde im Laufe der Zeit aber wenig verändert. Weiterhin steht das Oldenburger Festival für unangepasste, unabhängige Filme, die etwas ausprobieren. Dass trotzdem Kreditinstitute, Autohäuser und Bäckerein zu den Unterstützer:innen zählen? Zeigt, dass man sich nicht unbedingt dem Mainstream anpassen muss, um erfolgreich zu sein. Oldenburg im Premierenfieber Auch wenn es durchaus Neues rund um das Filmfest zu berichten gab, nahmen zwei Programmpunkte den größten Raum der Pressekonferenz ein. Erstens: die Vorstellung der ersten Programmhöhepunkte. Und zweitens: Die Präsentation des neuen Trailers, der - passend zum Jubiläum - der längste in der Geschichte des Filmfestes ist. Sein oder nicht sein: Die Image-Kampagnen zum Filmfest in Cannes sind sehr beliebt. (Bilder: Filmfest) Ein Blick auf die provisorische Film-Liste lässt manche Augenbrauen zucken: Nicht weniger als acht Mal steht dort das Kürzel „WP“ - für Weltpremiere. Das ist der Goldstandard der Filmfestivals: Eine Weltpremiere ist das Beste weil Exklusivste, was man seinem Publikum bieten kann. Je mehr dabei sind, desto höherrangig ist das Festival einzuschätzen. Torsten ist deshalb auch sehr zufrieden mit der Zwischenbilanz: „Unsere Reputation hat sich sehr gut entwickelt“, stellt er fest. „Etliche Filmemacher:innen haben bewusst Oldenburg für ihre Weltpremiere ausgewählt.“ Natürlich wolle jeder nach Cannes, aber da seien die Chancen nicht so groß, vor allem für unbequeme Filme und Erstlingswerke. Da sei Oldenburg das bessere Pflaster. Lauter Favoriten Wie gewohnt reißt Torsten bei der Pressekonferenz die ausgewählten Filme nur an. Auffällig dieses Mal: Die Zahl seiner Lieblinge und Geheimfavoriten ist fast ebenso groß wie die Zahl der überhaupt genannten Filme. Freuen dürfen wir uns unter anderem auf: UPPERCUT Dabei handelt es sich um ein US-amerikanisches Remake des deutschen Films “Leberhaken“, der vor zwei Jahren das Filmfest eröffnet hat. Das Original war - nicht zuletzt coronabedingt - ein intimes Kammerspiel mit zwei Personen, die Hollywood-Fassung wird dagegen in zwei Varianten laufen: Einmal ganz dicht am Vorbild mit minimaler Besetzung - einmal etwas aufwändiger ausstaffiert, mit zusätzlicher Rahmenhandlung. Für alle, die vor zwei Jahren dabei waren, dürfte es spannend sein, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu beobachten. Torsten geht davon aus, dass neben Regisseur Torsten Rüther auch Hauptdarsteller Ving Rhames nach Oldenburg kommt. Er wird vielen aus „Mission: Impossible“ bekannt sein, wo er an der Seite von Tom Cruise agiert. Der einzige Haken dabei: Der aktuelle Schauspieler-Streik In Hollywood. Große Studios ziehen ihre Blockbuster z.B. vom Internationalen Filmfestival Toronto zurück, weil diese Premieren nur mit den Schauspieler:innen Sinn machen. Oldenburg sei davon aber kaum betroffen, weil die großen Produktionen hier eben nicht liefen, berichtet Torsten. Insofern dürfe man guter Hoffnung sein. PASSENGER C behandelt die wahre Geschichte von Cassian Elwes, dem erfolgreichen Filmproduzenten und Hollywood Agenten, der auf einem Nachtflug von New York nach LA in einen Zwischenfall mit einem aggressiven Passagier gerät. Die Begegnung mit diesem Mann verändert sein Leben, er definiert seinen inneren Kompass neu. Als Produzent hat er einige der großen Independent Filme der vergangenen Jahre ermöglicht, „Dallas Buyers Club“ war einen weltweiter, oscarprämierter Hit, jetzt schafft Cassian Elwes mit seinem Regiedebüt ein spannenden Spagat – einerseits ein emotionales Drama mit intensiven Momenten und tollen Darstellern, anderseits ein aufregender und sehr persönlicher Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik. Als Co-Produzentin beweist Veronica Ferres sehr viel Einfühlungsvermögen für starkes Independentkino. „Es sieht so aus, als käme sie dieses Mal wieder nach Oldenburg“, gewährt Torsten einen Blick hinter die Kulissen - und spielt darauf an, dass es nicht der erste Besuch beim Filmfest wäre. „Von damals schwärmt sie heute noch!“ THE WAIT Nach dem großen Erfolg seines Erstlingsfilms „Before the Fall“ folgte Javier Gutiérrez dem Ruf Hollywoods und drehte den dritten Teil der Horrorsaga „The Ring“, der mit 83 Mio Dollar an den Kinokassen reüssierte. Trotzdem verbuchte man den Film als Desaster, Gutiérrez kehrte enttäuscht von der Gefräßigkeit der Traumfabrik zurück nach Spanien und drehte seine ganz persönliche Abrechnung mit Hollywood. „The Wait“ ist ein Film wie eine Urgewalt, ein hartes Familiendrama, Cinemascope-Bilder zum Niederknien schön und eine Story, die ganz langsam in einem Alptraum landet, aus dem es kein Erwachen gibt. Europa hat eines seiner größten Talente zurück. WHENEVER I'M ALONE WITH YOU Von Guillaume Campanacci und Vedrana Egon kommt eine romantische Komödie, inspiriert von der französischen Nouvelle Vague. Die Hauptdarsteller spielen sich selbst, ergänzt durch Guillaumes gesamte Familie, einschließlich seiner 96-jährigen Großmutter. Im zauberhaften Südfrankreich trifft der suizidale Guillaume auf Vedrana, eine Ballerina aus Sarajevo. Die Mission: Sein Herz neu zu entfachen. Doch seine Ex-Verlobte taucht auf, schwanger mit seinem Kind. Jean-Luc Godard trifft auf Cinéma Vérité und Magischen Realismus - ein kühnes, fesselndes Kinoerlebnis. „Campanacci hat sogar eine Crowd-Fuinding-Kampagne aufgesetzt, damit die ganze Familie zur Premiere kommen kann“, erzählt Torsten und hofft, dass genug Geld zusammenkommt: „Die sind wirklich allesamt ganz fantastisch!“ DAS WUNDERKIND Kein Filmfest ohne Tatort-Premiere, dieses Mal kommt er aus München. Nach einem Häftlingsmord ermitteln Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) hinter Gefängnismauern. Unter Regie und Drehbuch von Thomas Stiller verlegt der Krimi ihr Büro ins Gefängnis. Machtspiele und Korruption erschweren die Aufklärung zwischen verfeindeten Häftlingsgruppen. Musterhäftling Scholz (Carlo Ljubek) gerät ins Visier, und sein begabter Sohn Ferdinand (Phileas Heyblom) in Gefahr. Die neue Tatort-Produktion verspricht eine spannungsgeladene Handlung, in der Gerechtigkeit auf Konflikte trifft und familiäre Bindungen auf die Probe gestellt werden. Und nun das Entscheidende für viele Enthusiasten: „Die beiden Münchener Kommissare werden nach Oldenburg kommen“, verrät Torsten. KING OF ALGIERS Im Debütfilm des französischen Regisseurs Elias Belkeddar spielt Reda Kateb (u.a. bekannt aus dem oscarprämierten „Zero Dark Thirty“) den Gangster Omar, in der Unterwelt ehrfurchtsvoll „die Erdbeere“ genannt. Auf der Flucht in Algier gestrandet, um einer 20-jährigen Haftstrafe in Frankreich zu entkommen, findet er Zuflucht bei seinem Freund Roger (César-Award-Gewinner Benoît Magimel). Die Chemie der beiden Hauptdarsteller auf der Leinwand ist umwerfend. Temperamentvoll, melancholisch und einfach nur herzerwärmend entfachen die beiden eine Liebesgeschichte über Freundschaft und die Schönheit der einfachen Freuden des Lebens. „Ein ganz charmanter Gangster-Film“, findet Torsten. „Und ein echter Geheimtipp!“ ROBOT DREAMS Basierend auf der Graphic Novel der amerikanischen Autorin Sara Varon, erzählt „Robot Dreams“ von Dog and Robot im New York der 80er Jahre. Eine Geschichte über Freundschaft, ihre Bedeutung und ihre Zerbrechlichkeit. Ein Liebesbrief an den Big Apple. Dog lebt in Manhattan und hat es satt, allein zu sein. Eines Tages beschließt er, sich einen Roboter zu bauen, einen Begleiter. Ihre Freundschaft blüht auf, bis sie im Rhythmus des New York der 80er Jahre unzertrennlich werden. Eines Sommerabends muss Dog voller Trauer Robot in Coney Island am Strand zurücklassen. Werden sie sich jemals wiedersehen? Die Filme von Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd waren Pflichttermine für die Robot Dreams-Crew, ihr kleines Meisterwerk des Animationsfilms wird schon jetzt als heißer Oscarkandidat gehandelt. „Ein unwiderstehlicher Animationsfilm“, findet auch Torsten. THE BELGIAN WAVE Beim Filmfest 2017 gehörte „Spit’n’Split“ zu den absoluten Highlights: Zum einen handelt es sich um einen der wildesten Bandfilme aller Zeiten, zum anderen trat die Experimental Tropical Blues Band nach dem Screening im Theater Hof/19 nebenan im Marvins auf - und brachte die Wände zum Beben. Es war einer dieser legendären Momente, die aus dem Nichts aufzutauchen scheinen und die bleibenden Eindrucks hinterlassen. Nun erweist sich Belgiens enfant terrible Jerome Vandewattyne erneut als Meister des Paranoiakinos. „The Belgian Wave“ nimmt sich eines der spektakulärsten Phänomene der jüngeren belgischen Geschichte an – eine Reihe an ungeklärten UFO Sichtungen Ende der 80er Jahre, die das Land in Aufregung versetzte. Ein gefundenes Fressen für den letzten echten Punkrocker des Autorenkinos, der aus dem Stoff eine psychedelische Jagd nach der Wahrheit macht, die ja eigentlich ganz einfach zu finden wäre, wenn man denn nur das Unmögliche einfach akzeptieren würde. So wie Torsten: „Ich hab schon mal ein UFO gesehen, ganz sicher.“ Der nächste Marlon Brando In Sachen Filmen bleibt also alles anders. Was in diesem Fall bedeutet, dass sich die Auswahl zwar an den bekannten Mustern orientiert und die gewohnte Mischung aus Mainstream (z.B. Tatort), gefälligem Indie-Kino (King of Algiers, Passenger C) und cineastischen Wagnissen (The Belgian Wave, The Nothingness Club) bietet - dass die Filme selbst aber jeweils so individuell sind, dass man sie mit nichts vergleichen kann und deshalb neue Entdeckungen bieten. Das gilt allerdings nicht für den Kino-Trailer für das Festival, der sich einmal mehr an einem großen Vorbild orientiert. Torsten Neumann ist zu sehen als Marlon Brando in „Apokalypse Now“ - bzw. „Oldenburg Now“. Der kleine Film zieht Parallelen zwischen dem Reich des wahnsinnigen Colonel Kurtz im kambodschanischen Dschungel und dem Treiben um Festivalchef Neumann in der norddeutschen Tiefebene. Der ist angetan vom Ergebnis: „Was wir da an einem Tag mit Null Budget hingekriegt haben, dafür hätte Coppola Millionen und vier Wochen gebraucht!“ Vielleicht liegt das am Modus operandi des Filmfest-Leiters, den er ebenfalls dem berühmten Kurtz-Monolog entlehnt: „30 Years of Unsound Methods“. Kein Weg zurück Die Pressekonferenz zum Internationalen Filmfest ist für das Publikum eine Art „Point of no Return“. Zum ersten Mal seit dem Schlussvorhang des Vorjahres manifestiert sich das Festival vor Ort - und sofort ist jene Anziehungskraft wieder da, der man sich schwer wieder entziehen kann. Die gute Nachricht; Es gibt keinen Grund, das zu wollen. Das Internationale Filmfest macht uns zum dreißigsten Mal das Angebot, für fünf Tage ganz tief in die Filmwelt einzutauchen. Dafür müssen wir nicht nach Venedig oder Cannes, nicht nach Toronto oder Los Angeles. Dafür müssen wir nur ins Casablanca, Cine k, theater hof/19 oder Staatstheater, denn die Filmwelt kommt zu uns! Diese Gelegenheit sollte man nicht verpassen, denn auch nach dreißig Jahren ist keineswegs alles gedacht oder geäußert worden, was man über das Filmfest denken oder sagen könnte. Es hat zwar einen stabilen Kern, ist ansonsten aber in ständiger Bewegung - dank der innovativen Indie-Szene und dank der ureigenen „unsound methods“.











