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  • NICHTS WIE HIN (34)

    Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:

  • NICHTS WIE HIN (35)

    Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:

  • CIRCUS MAXIMUS

    Wer hätte das gedacht? Im Sommer 2021 machte das „Neuland“-Festival seinem Namen noch alle Ehre, denn als Kulturevent waren zeitgenössische Artistik und Akrobatik für viele Oldenburger:innen noch ungewohnt. Das hat sich in der Folge deutlich geändert. Nach der zweiten Auflage im Folgejahr und dem „Winter-Varieté“ folgt nun der „Sommer-Circus“. Ist Oldenburg etwa zur heimlichen Hauptstadt moderner Circuskunst geworden? Eigentlich ist alles beim Altem: Körperbeherrschung und -bewegung gehören zu den ältesten menschlichen Ausdrucksformen, Clowns gab es als Hofnarren bereits im Mittelalter und auch der Circus existiert seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Demnach könnten circensische Formate wie das Winter Varieté und der Sommer-Circus eigentlich sehr traditionell oder sogar antiquiert wirken - doch das Gegenteil ist der Fall. Ob unter dem Hallendach oder freiem Himmel: Die Performances der Artist:innen, Jongleur:innen oder Clowns sind nicht nur spektakulär, sie wirken auch aktuell und zeitgemäß. Wer bei einer der genannten Veranstaltungen Gast war, hat schnell die Erfahrung gemacht, dass die präsentierten Künste zwar tief in der Vergangenheit wurzeln - dass ihre aktuellen Interpretationen aber die Sprache der Gegenwart sprechen. NEULAND PRÄSENTIERT: SOMMER-CIRCUS MIT DEM COMMON GROUND KOLLEKTIV 8. JULI, 20. 30 UHR (TICKETS) 9. JULI, 15 UHR (TICKETS) OLDENBURGER SCHLOSS INNENHOF SCHLOSSPLATZ 1 26122 OLDENBURG Weltklasse in Oldenburg Nach zwei Veranstaltungen unter dem Namen „Neuland“ im charakteristischen Circuszelt und dem „Winter Varieté“ in der Kulturetage steht nun das vierte circensische Ereignis unter Regie des Vereins Kultur-Perspektiven auf dem Programm. Was setzt sich fort, was wird verändert, was ist gänzlich neu? Diese Fragen hat uns Lisa Rinne beantwortet. Sie kennt sich aus, denn die 35-jährige ist selbst eine „Weltklasse-Artistin“ (Circuszeitung) und war in Oldenburg schon mehrfach mit von der Partie, Lisa, vor zwei Jahren fand mit „Neuland“ zum ersten Mal ein zeitgemäßes Artistik-Spektakel in Oldenburg statt - und schlug voll ein. Im letzten Jahr folgte dann das „Winter Varieté“, jetzt der „Sommer-Circus“. Wird Oldenburg heimlich zu einer Circushauptstadt? Mit dem Verein Kultur-Perspektiven e.V. versuchen wir, zeitgemäßen Formen des Circus den ihnen gebührenden Platz in der Oldenburgischen Kulturlandschaft einzuräumen. Wir sind sehr froh, dass wir inzwischen im jährlichen Rhythmus sowohl eine Veranstaltungsreihe im Sommer, als auch im Winter organisieren können. Aus dieser Anzahl von Terminen den Anspruch einer „Circushauptstadt“ abzuleiten, wäre allerdings vermessen, da die Kunstform Circus gegenüber anderen Kulturangeboten immer noch unterrepräsentiert ist. Drinnen wie draußen spektakulär: Die Performances des Common Ground Kollektivs (Bilder: Nicole Oestreich) Wie erklärt ihr euch den Erfolg? Was ist an diesen eigentlich sehr traditionellen Formaten heutzutage attraktiv für das Publikum? Grundsätzlich ist der Zugang zu Circus sehr niederschwellig. Er hat meist keine Sprachbarrieren, hat hohes Unterhaltungspotential und die Kunstform Circus verfügt in besonderem Maß über die Möglichkeit, Sinn über das körperliche Mitempfinden mit dem Publikum zu teilen. Das Verständnis entwickelt sich nicht primär auf der intellektuellen Ebene, sondern gleichsam über das „Bauchgefühl“. Darüber hinaus bemühen wir uns in Oldenburg sehr hochkarätige und international erfolgreiche Künstler*innen zu zeigen, die ein breites Publikum ansprechen. Das positive Feedback zeigt, dass die Zuschauer*innen diese Bemühungen zu schätzen wissen. Wie unterscheiden sich die einzelnen Formate voneinander? Die hauptsächliche Verbindung zwischen den beiden Veranstaltungsreihen (Sommer und Winter) ist das Organisationsteam und der Ehrgeiz, dem Publikum ein hochwertiges artistisches Programm zu bieten. Der „Neuland – Sommer Circus“ legt dabei den Fokus auf zeitgemäße, abendfüllende, konzeptionelle Circus-Stücke, die bewusst das vor allem in Deutschland immer noch beinahe unumgängliche Klischee: „Menschen, Tiere, Sensationen!“ nicht bedienen, sondern Artistik in ihrem vollen Potenzial als eigenständige Kunstform in seiner ganzen Vielfalt einem breitenPublikum präsentieren. Freiluftbühnen eignen sich neben Theatern oder multifunktionalen Kulturstätten gerade im Sommer als attraktive Spielstätten mit grundsätzlich sehr niederschwelligem Zugang für alle möglichen Zuschauer*innen. Im Gegensatz dazu stehen im Wintervarieté Nummernformate im Mittelpunkt, die man landläufig eher mit dem klassischen Circus-Stereotyp assoziiert. In unserem Programm wollen wir zeigen, dass sich auch das Varieté nicht in tradierten Rollenbildern, altbackenem Humor und überholten Ästhetiken erschöpft, sondern durch frische Ansätze, aktuelle Sensibilität und künstlerische Virtuosität eine gewissermaßen zeitlose Form der anspruchsvollen Unterhaltung für Alt und Jung behaupten kann. Beim Sommercircus tritt das Common Ground Kollektiv auf, von dem du selbst auch ein Teil bist. Warum sollte man das ansehen? Der Sommer-Circus mit atemberaubender, internationaler Akrobatik wird im wunderschönen Ambiente des Schlossinnenhofes in Oldenburg stattfinden. Diese zeitgenössische Circus-Show wurde extra für den Sommer-Circus in Oldenburg mit dem internationalen Cast von Common Ground entwickelt, um dem Schlossinnenhof Circusluft einzuhauchen. Es ist ein Stück, dem viel Optimismus zugrunde liegt: es berührt, verzaubert, regt an und überrascht, mit großen Bildern und intimen Momenten. Akrobatik vermischt sich mit Live–Musik. Wir öffnen eine Schatzkiste, die bis an den Rand gefüllt ist mit circensischen Preziosen mit Chinesischem Mast, Vertikal-Seil, Schwungtrapez, Partnerakrobatik und vielem mehr. In Gruppenszenen, Duos und Solo-Momenten entstehen humorvolle und bewegende Situationen, mit denen die 5 Akrobat*inen und 2 Musiker*innen das Publikum fesseln. Ist der Sommercircus einmalig? Oder dürfen wir uns auf/über eine neue Sommer-Tradition freuen? Das ist die dritte Sommer-Veranstaltung in Folge, die Kultur-Perspektiven organisieren kann. Damit haben wir aus einer „kölschen“ Perspektive ja bereits eine Tradition etabliert. Allerdings waren und sind auch in Zukunft alle Veranstaltungen nur mit der Unterstutrzung durch die Stadt, durch Kulturstiftungen und alle weiteren Geldgeber möglich. Nur diese großzügigen finanziellen Zuwendungen garantieren die gleichbleibend hohe Qualität der Veranstaltungen. Geschichte trifft Gegenwart Auch 250 Jahre nach seinem Entstehen weckt der Begriff Circus ganz unterschiedlich Assoziation und Reaktionen. Die einen spüren eine besondere Magie, der sie sich nicht entziehen können oder wollen. Den anderen ist das Phänomen Wanderzirkus eher fremd oder es entspricht nicht ihren Vorlieben der Freizeitgestaltung. Unserer Rat an beide Gruppen ist derselbe: Lass euch auf den Sommer-Circus ein! Er hat genügend klassische Elemente, dass alle eingefleischten Circusfans voll auf ihre Kosten kommen. Anderseits hat er viele moderne Akzente und Elemente, so dass man ihn eigentlich kaum als Circus im engeren Sinne bezeichnen kann. Anders ausgedrückt: er vermischt die Geschichte mit der Gegenwart - und vereint das Beste von beidem. Das macht Oldenburg zwar nicht zur heimlichen Circus-Hauptstadt - das macht die Veranstaltung selbst aber tatsächlich zu einem Circus maximus.

  • IT'S SHOWTIME!

    Oldenburg hat keine Kunsthochschule. Diesen Umstand kann man beklagen, kurzfristig verändern kann man ihn jedoch nicht. Es gibt aber einen Trost, denn an der Carl von Ossietzky Universität kann man Kunst studieren! Jetzt stellen die Studierenden der Fachschaft ihre Arbeiten vor. Die Uni Oldenburg hat etwa 185 Voll- und Teilzeit-Studiengänge, in die fast 16.000 Studierende eingeschrieben sind. Den bekanntesten Bereich stellt vermutlich die Lehrer:innenausbildung dar, die den historischen Kern der Hochschule bildet. Auch die Umwelt-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften sowie Informatik und Humanmedizin genießen eine hohe Aufmerksamkeit und prägen dadurch das Profil der Universität. Dass sie auch den Fachbereich Kunst und Medien mit knapp 350 Studierenden in den vier Fächern „Gender Studies“, „Kunst“, „Kunst und Medien“ sowie “Kunst- und Medienwissenschaften“ anbietet, ist öffentlich dagegen weniger präsent. Das hat natürlich Gründe, denn er ist nicht so nah an der Tages- und Gesellschaftspolitik wie die anderen genannten Beispiele. Dennoch ist dieses Angebot für Oldenburg von hoher Bedeutung. Oft sind es nämlich Kunststudierende, die sich am Standort besonders engagieren, ihm kreative Impulse geben oder sich am öffentlichen Diskurs beteiligen. „SHOWTIME 10“ DER FACHSCHAFT KUNST UND MEDIEN AUSSTELLUNG - PERFORMANCES - SCREENINGS - SYMPOSIUM - PARTY ERÖFFNUNG 5. JULI, 18 UHR PRINZENPARK AMMERLÄNDER HEERSTRAßE 69 26129 OLDENBURG Mittel, Methoden, Materialien Umso spannender ist es, wenn sich die Fachschaft nach außen präsentiert und die Studierenden ihre praktischen Arbeiten der letzten beiden Semester der Öffentlichkeit vorstellen. Was bewegt die jungen Menschen in diesem Fachbereich? Mit welchen Fragestellungen beschäftigen sie sich? Wie sehen ihre Antworten aus? Welche Mittel, Methoden und Materialien wählen sie? All diese Fragen beantwortet am besten „Showtime“. Bei diesem Format handelt es sich um eine Jahresausstellung des gesamten Instituts, bei der alle Kunststudierenden mitwirken können. Die Themenschwerpunkte sind dabei ganz unterschiedlich. In den Praxiskursen können die Studierenden nämlich unterschiedlichste künstlerische Techniken erlernen oder auch in verschiedenen Werkstätten arbeiten. Welcher Weg letztlich zum Ziel führt - und wo das Ziel überhaupt liegt - entscheiden die Studierenden sehr frei. Eine sorgsam kuratierte Ausstellung, bei der jedes Detail zu allen anderen passt, darf man bei „Showtime“ deshalb nicht erwarten. Bereits der Titel signalisiert, dass es um die Präsentation geht, nicht um ausstellungsdidaktische Finessen. Aber das muss kein Nachteil sein. Die große Abwechslung der Werke sorgt einerseits für ein sehr kurzweiliges Rezeptionserlebnis, andererseits erzeugt sie einen guten Eindruck davon, wie unterschiedlich sich die Studierenden dem Thema Kunst annähern. Das ist ein Erkenntnisgewinn für sich. Einzigartige Kunstwerke Und da wären wir schon wieder bei einem entscheidenden Wesensmerkmal der Kunst: Sie erzeugt in uns ganz verschiedene Impulse und Gedanken, Regungen und Assoziationen. Aus individuellen Fragestellungen und Antworten, aus den unterschiedlichen Kombinationen von Mitteln, Methoden und Materialien haben die Studierenden einzigartige Kunstwerke kreiert, mit denen man sich als Betrachter:in hervorragend auseinandersetzen kann. Oder sollte? Wer interessiert ist an den praktischen Arbeiten junger Künstler:innen aus Oldenburg und wer spüren möchte, welche inhaltlichen und künstlerischen Strömungen es aktuell beim Kunstnachwuchs gibt, sollte zwischen dem 5. und 7. Juli unbedingt im Prinzenpark auf dem Campusgelände Haarentor vorbeischauen. Der Fachbereich Kunst und Medien mag zwar nicht der größte und bekannteste der Carl von Ossietzky Universität sein. Er kann und will auch keine Kunsthochschule ersetzen. Spannende Einblicke in die aktuelle Kunstszene bietet er aber allemal - und das sollte man sich ansehen. It's Showtime!

  • 24/7 KÜNSTLER

    Das Horst-Janssen-Museum zeigt aktuell seinen Namensgeber als begeisterten Fotografen, der sich auch in den Momenten abseits seines eigentlichen Schaffens stetig an der Kamera künstlerisch betätigte. I THINK THE POWER OF PHOTOGRAPHY DID HIT MR. JANSSEN - FOTOGRAFIEN VON HORST JANSSEN NEU GESEHEN VON OLIVER GODOW - BIS 24. SEPTEMBER - EINTRITT KOSTENLOS - HORST-JANSSEN-MUSEUM AM STADTMUSEUM 4-8 26121 OLDENBURG Spätestens seit dem Smartphone sind wir alle zu fotografischen Chronisten unseres Alltags geworden, weil die Kamera immer in der nächsten Sekunde griffbereit ist. Doch das heißt natürlich nicht, dass die Menschen nicht auch schon davor viel fotografierten. So hat sich auch der Künstler Horst Janssen , der vor allem für sein Schaffen als Zeichner, Radierer und Literat bekannt war, Zeit seines Lebens künstlerisch in der Fotografie ausgelebt. Doch schon lange war dieser Teil seines Gesamtwerkes nicht mehr für eine breite Masse zugänglich - die letzte Ausstellung diesbezüglich ist rund 20 Jahre her. Das ändert sich nun! Im Zuge des Forschungsstipendiums, das einmal jährlich vom Horst-Janssen-Museum selbst sowie seinem Förderverein ausgelobt und diesmal an den Fotokünstler Oliver Godow vergeben wurde, setzte man sich nun - passenderweise - ganz neu mit diesem Bereich auseinander, was zur aktuellen Ausstellung im Horst-Janssen-Museum führte. Hier konnte man sich auf einen fotografischen Fundus von rund 3.000 Fotos berufen, von denen ein Großteil bisher noch unbesehen in Archiven in Hamburg und Oldenburg schlummerte. Gemeinsam mit Co-Kuratorin Dr. Sabine Siebel nahm man das vorliegende Material unter die Lupe und stellte schnell fest, dass der Umgang Janssens mit dem Medium auch heute noch absolut am Zahn der Zeit liegt. Den Moment einfangen So griff Janssen beispielsweise gerne zur Polaroid Kamera, die auch heute wieder ein absolutes Revival feiert und sich gerade bei jüngeren Menschen extremer Beliebtheit erfreut. Zwar machen sowohl Smartphone als auch das Polaroid beide ein spontanes Bilderlebnis möglich, doch in schnelllebigen Zeiten, in denen sich auf dem Smartphone im Handumdrehen eine schier unendliche Auswahl an Bildern erstellen lässt, ist die Reduktion auf den einzelnen, unwiederbringlichen Moment, der die Polaroidkamera auszeichnet, eine willkommene Abwechslung und Entschleunigung. Auffallend ist ebenfalls, wie stark einige der Fotografien in ihrer reinen Bildästhetik heutigem Stilempfinden entsprechen. Wo wir heute "Filter" auf eine digitale Datei anwenden und so ein bestimmter und vor allem völlig variabler Look entsteht, war es damals jedoch der Film selbst, der die Farbgebung des Endergebnisses bestimmte. Trotzdem bekommt man bei einigen der Hängungen innerhalb der Ausstellung im Kontext der heutigen Zeit unweigerlich den Eindruck, es könnte sich auch auf die analoge Spiegelung eines bestens kuratierten und gepflegten Instagram-Feeds handeln. Das schafft auch für junge Besucherinnen und Besucher direkte Bezugspunkte ohne dabei möglicherweise älteres Publikum abzuschrecken. Schneller als sein Strich Doch warum eigentlich Fotografie? Was mag Horst Janssen daran gereizt haben, sich zusätzlich zu seinem eigentlichen Schaffen auch noch in diesem Gefilde auszuleben? Oliver Godow denkt, über die intensive Beschäftigung mit seinem umfangreichen Archiv, eine Antwort auf diese Frage gefunden zu haben. Denn eine Zeichnung, die braucht Zeit, der Moment lässt sich nie ohne weiteres "sofort" einfangen. Deshalb sagt Godow: „Mit der Kamera konnte Janssen unmittelbar seine Bildempfindung festhalten, die deckungsgleich mit seinem Blick, seiner Intention und seinem Seelenzustand war. Die Kamera war schnell wie sein Auge und dabei schneller als sein Strich“ Doch nicht nur Janssens Werke sind hier zu sehen, Forschungsstipendiat Godow hat sich ebenfalls auf fotografische Art und Weise mit dem Künstler Horst Janssen auseinandergesetzt und die Ergebnisse ausgestellt. Denn über die Phase der Auseinandersetzung mit ihm konnte er eine recht prägende Gemeinsamkeit zu ihm feststellen. All seine Fotografien und Polas zeugten von einem rastlos Suchenden, von einem Workaholic, aber auch einem Egomaniac. Auch er selbst lebe mit der Kamera, 24/7. Und so hat Godow mit sachkundiger Expertise, aber auch mit subjektivem Blick eine Ausstellung kuratiert, die den Betrachter das fotografische Werk Janssens neu entdecken lässt, ein Werk, das Godow mit folgenden Worten beschreibt: „Komplett RETRO und trotzdem NOW.“ Weitere Infos zur Ausstellung gibt es unter folgender Adresse: www.horst-janssen-museum.de

  • NICHTS WIE HIN (33)

    Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:

  • SO EIN THEATER!

    Jugendtheater? Das ist doch nur für Jugendliche! Sätze wie diese hört man immer wieder, wenn junge Menschen auf der Bühne stehen. Die häufige Wiederholung macht die Aussage aber nicht richtiger, denn sie greift viel zu kurz. Am besten macht man sich selbst ein Bild, denn dafür gibt es jetzt die ideale Gelegenheit: Die Jugendtheatertage 2023! Ein Theaterbesuch ist immer etwas Besonderes: Selbst bei routinierten Abonnent:innen macht sich eine nervöse Spannung breit, sobald die Füße das Foyer betreten. Das hat einerseits mit dem speziellen Ambiente zu tun, das klar signalisiert: Hier lässt man den Alltag hinter sich. Andererseits liegt es aber auch an dem Ereignis selbst: Was man zu sehen bekommt und wie es einem gefällt? Das weiß man erst, wenn der Vorhang sich hebt. Dieses Gefühl einer positiven Ungewissheit gilt genau so auch für das Jugendtheater - und dort sogar noch mehr. Denn zu den erwähnten Fragen nach dem „Was“ und dem „Wie“ kommen weitere hinzu: Wer steht auf der Bühne? Was machen sie anders? Und wird es funktionieren? Die Antworten darauf sind dreierlei: spannend - lehrreich - unterhaltsam. JUGENDTHEATERTAGE 2023: FESTIVAL FÜR JUNGES THEATER 24. JUNI - 2. JULI 2023 MONTAG-FREITAG 18 UND 20.30 UHR SAMSTAG-SONNTAG 17.30 UND 20 UHR EXHALLE AM PFERDEMARKT JOHANNISSTRAßE 6, 26121 OLDENBURG INTERNATIONALES JUGENDPROJEKTEHAUS WEIßE ROSE 1, 26123 OLDENBURG PROGRAMM ZUM DOWNLOAD Zwischen Glitzer und Gewitter Dieser Dreiklang tritt nirgendwo deutlicher zutage als bei den Oldenburger Jugendtheatertagen. Neun Tage lang zeigen Theatergruppen aus der ganzen Stadt mit Beteiligten im Alter zwischen 13 und 26 Jahren ihre aktuellen Inszenierungen. Die Website verspricht „Bühnendurst, Rampenlicht, Kostümschlachten, Nervenflatter, Premierenglitzer, Applausgewitter, Sommernächte, Workshopkater, Theaterleben“ und liegt damit erfahrungsgemäß goldrichtig. Diese Aufzählung widmet sich in erster Linie den beteiligten Jugendlichen und übernimmt ihre Perspektive. Für das Publikum würde man eventuell andere Begriffe wählen, aber sie wären genauso positiv besetzt. Denn was die Jugendlichen auf der Bühne fühlen, übertragen sie direkt an die Zuschauer:innen im Saal. Deshalb gehört Jugendtheater zu den authentischen, unverfälschtesten Kulturerlebnissen der Gegenwart - das spürt man auch, wenn man „nur“ ein:e Beobachter:in ist. Enorm vielfältig: Das Programm der Jugendtheatertage deckt inhaltlich und performativ eine große Bandbreite ab. Aber was genau ist eigentlich das Faszinierende daran? Und hat es eine Bedeutung für Menschen jenseits der 26? Pünktlich zur Festival-Halbzeit haben wir uns darüber mit Hanna Puka unterhalten. Sie leitet die Theatervermittlung am Oldenburgischen Staatstheater und ist in dieser Funktion auch verantwortlich für die Jugendclubs, Gemeinsam mit zehn weiteren Theatermacher:innen organisiert Hanna auch die Jugendtheatertage. Halbzeit für die Jugendtheatertage: Vier Tage liegen hinter uns, vier liegen noch vor uns. Wie war es bisher, Hanna? Wir sind am Samstag mit einer tollen Eröffnungsfeier super in das Festival gestartet. Begleitet würde das von der Modern Jazz Band Kartoffelkoffer, die beim Stück „Kein Auge zu“ sogar Teil der Inszenierung ist. Im Anschluss gab es mit „Julia und Romeo“ und „Ich verschlafe meine Sonntage“ gleich zwei wunderbare Stücke zu ganz aktuellen Themen. Alle Beteiligten hatten spürbare Lust, ihre Werke vorzustellen und der Funke ist auch direkt auf das Publikum übergesprungen. Dieser positive Eindruck ist danach geblieben. Fast alle Vorstellungen waren bisher ausverkauft. Unter den Gästen war von echten Fans, die jede Aufführung mitnehmen, bis zu Gelegenheitsbesucher:innen alles dabei. Am wichtigsten waren aber vielleicht die Reaktionen auf die Stücke - und die waren hervorragend! Was kann man sich unter Jugendtheater eigentlich vorstellen? Was macht es besonders? Nehmen wir nochmal das Beispiel Julia und Romeo. Dabei handelt es sich um eine Kooperation zwischen einem Jugendclub des Staatstheaters und der Helene-Lange-Schule, Viele der beteiligten Jugendliche standen zum allerersten Mal überhaupt auf der Bühne und hatten sprachlich noch gar kein ausgeprägtes Bewusstsein für diese Situation. Deswegen gab es einen beinahe privaten Duktus. Dadurch ist eine ganz neue Energie entstanden und man hatte das Gefühl, man wäre ganz nah dran an den Jugendlichen. Die Gruppe hat wirklich eine tolle Fassung von Julia und Romeo geschrieben und die Reihenfolge im Titel dabei auch bewusst umgedreht. Sie haben das Thema in ihren Alltag reingeholt und ihre eigenen Probleme eingebracht. Das sollte man unbedingt mal gesehen haben, Gelegenheiten dazu gibt es noch am Sonntag, 2. Juli, und 17.30 Uhr, am Montag, 3. Juli, und 11 Uhr und am Mittwoch, 5. Juli, um 18 Uhr. Ein Projekt von Hanna selbst: „Die Troer:innen“ sind ebenfalls im Rahmen der Jugendtheatertage zu sehen. (Video: Oldenburgisches Staatstheater) Auch das Stück des zweiten Jugendclubs, „Ich verschlafe meine Sonntage“, geht in diese Richtung. Es wurde von der Gruppe selber geschrieben und es wirft den Blick der Generation Z auf ihr Verhältnis zum Smartphone. Man denkt ja immer, die Jüngeren wären voll darin versunken, aber sie waren tatsächlich sehr (selbst-)kritisch. Zu Beginn des Stücks geben sie ihre Smartphones ab und spielen mit der digitalen Abstinenz. Das ist dann beinahe schon ein Detox-Abend. Auch dieses Stück wird man am Sonntag, Dienstag und Mittwoch noch sehen können. Es ist also nicht so, dass die Jugendlichen ein vorgefertigtes Stück bekommen, sondern die Stoffe werden auch von ihnen erarbeitet und geschrieben? Genau. Innerhalb der Gruppe werden viele Texte reingegeben und dann zusammengebracht zu einem Ganzen und weiter bearbeitet. Im zweiten Beispiel wurde sogar die Leitung von unserer FSJ'lerin Lotta Müser übernommen, die kaum älter ist als die jungen Schauspieler:innen. Das gesamte Stück ist also gewissermaßen aus der Hand einer Generation. Und die Texte sind wirklich sehr gelungen, wie man an diesem Beispiel gut erkennen kann: „Ich habe Weltschmerz seit der Minute, in der ich angefangen habe zu bemerken, auf was für einer Welt ich lebe. Warum hat Rainer Ü50 das Recht dazu, mehr über die Welt zu bestimmen als meine Generation, die gerade wirklich etwas verändern will? Ja ok, ich weiß: weil es immer nur um Geld geht und Rainer sowieso bald seine Rente hat und ihm das alles am Arsch vorbei geht. Früher wollte ich immer Kinder und eine große Zukunft mit viel reisen, heute fällt es mir schwer, über die Zukunft überhaupt nachzudenken. Gibt es eine Zukunft? Rainer, wie dünn soll das Eis noch werden?“ Man merkt schon; Nach Highlights braucht man nicht zu fragen, eigentlich ist jedes Stück eines. Man kann die auch nicht vergleichen. Das fände ich total falsch. Jede Gruppe hat eine bestimmte Perspektive, die sie reinbringt, und eine bestimmte Zusammensetzung an Leuten, Die sind manchmal jünger, manchmal etwas älter und dadurch ergeben sich auch verschiedene Möglichkeiten. Am Ende stehen ganz unterschiedliche Ergebnisse und Schattierungen. Vielleicht gibt es aber rote Fäden. Was ist denn das Besondere am Jugendtheater, inwiefern unterscheidet es sich vom „erwachsenen“ Theater? Zunächst sind da natürlich die Themen, die auf der Bühne verhandelt werden und häufig in Zusammenhang mit dem Alter stehen. Da geht es oft um Identitätssuche und um die Frage „Wer bin ich?“ oder um Konstellationen wie „Ich und die Gesellschaft“ oder „Ich und die Welt“. Thema sind aber häufig auch politische und gesellschaftliche Entwicklungen wie etwa der Klimawandel oder psychische Probleme. Klaas Schramm hat mit seiner Gruppe zum Beispiel Suizid und Depressionen auseinandergesetzt. Das sind alles Themen, die in unserer Gesellschaft sehr präsent sind und die unsere Jugend sehr betreffen - die aber auch für Ältere eine Rolle speilen. Eine Besonderheit ist aber natürlich auch die Tatsache, dass es für die jungen Schauspieler:innen nicht ihr Job ist. Sie geben in ihre Rolle wirklich alles rein. Es gibt nur ein bis vier Vorstellungen eines Stücks und nicht etwa dreißig. Es ist eine sehr komprimierte Form des Theaters und sie wollen gern alles von sich zeigen. Das ist wirklich toll. Wenn jetzt trotzdem ein Erwachsener sagen würde „Jugendtheater, das geht mich nichts an, das verstehe ich gar nicht“, was würdest du dem sagen? Ich würde jedem empfehlen, einfach mal zu kommen - auch wenn man keine Kinder hat, die im Jugendalter sind, oder sich von den Themen weit entfernt fühlt. Bei einem Besuch bekommt man ein gutes Gefühl dafür, was gerade wichtig ist für die Jugendlichen und wo es für sie hingehen kann. Das ist auch gesellschaftlich hoch interessant, denn man schaut damit mal über seinen Tellerrand und hört, was jüngere Menschen hier in der Stadt denken. Die Jugendlichen, die hier auftreten, sind wirklich sehr engagiert, sie haben etwas zu erzählen - und das lohnt sich zu hören und zu sehen, Und die Jugendlichen selbst? Was haben sie vom Theaterspielen? Erkennst du da Entwicklungen? Ja, auf ganz vielfältige Weise. Jeder einzelne nimmt etwas anderes mit und es zeigt sich anders. Ganz viele entdecken sich plötzlich neu - nicht unbedingt bei der Premiere, sondern im gesamten Probenprozess. Die Aufführung vor anderen gibt zwar nochmal einen besonderen Kick, aber die Faszination ist für viele, dass sie entdecken können, wie viele verschiedene Seiten sie in sich tragen. Sie können auch mal ihr Innenleben zeigen, das ja auch gelitten hat während der Pandemie, weil sie vieles nicht ausleben und Erfahrungen nicht machen konnten. Für manche ist das Jugendtheater übrigens auch ein Sprungbrett zu einer Schauspielkarriere, In den letzten zwei Jahren sind aus den Gruppen des Staatstheaters vier Jugendliche an die Schauspielschule gegangen. Das ist eine sehr hohe Quote, denn pro Jahrgang gibt es immer fünf Clubs mit zehn bis achtzehn Mitgliedern, insgesamt also etwa 70 bis 75 Jugendliche. Ebenfalls sehenswert: „Der Tag, an dem RD fast gerettet wurde“ vom Jugendtheater Rollentausch. Mehr dazu findet ihr hier! Bestimmt haben hast du mit deinen Antworten bei einigen das Interesse am Jugendtheater geweckt. Wenn sich jemand nur ein einziges Stück anschauen wollte, welches würdest du empfehlen? Ein einziges?? Das geht ganz und gar nicht. (lacht) Da muss man schon mehr anschauen, sonst gibt es kein vollständiges Bild. Noch gibt es Gelegenheiten, ich kann das nur empfehlen! Auf die Probe gestellt Nach dem Interview mit Hanna haben wir ihre Aussagen natürlich überprüft und uns das Stück „Kein Auge zu“ der Theatergruppe imTransit in der restlos ausverkauften Exerzierhalle angesehen. Die mitreißende Kombination aus Schauspiel, Tanz und Musik bestätigte all die Dinge, die Hanna nannte: Thematisch beschäftigte es sich mit jenen Dingen, die junge Menschen in ihren Träumen beschäftigen oder ganz vom Schlafen abhalten. Von ungünstig arrangierten Stühlen und Spiegeln bis zu Selbstzweifel und Weltschmerz reichte die Bandbreite der Gedanken, die dafür sorgten, dass auch während der Vorstellung „kein Auge zu“ blieb. Die Blicke in die Köpfe der jungen Protagonist:innen waren für die jüngeren Gäste im Publikum starke Anknüpfungspunkte, für die älteren boten sie spannende Einblicke. Hier und da stellte man sogar fest, dass sich die Lebensrealitäten zwischen Jung und Alt manchmal weniger unterscheiden als man denkt. Ebenso überzeugend waren aber die performativen Leistungen aller Beteiligten. Die Band Kartoffelkoffer sorgte für weit mehr als eine musikalische Begleitung, die jungen Schauspieler:innen tanzten und agierten überraschend professionell - und im Ergebnis entstand ein bewegender Abend, der den eingangs erwähnten Dreiklang mühelos erfüllte, denn er war spannend - lehrreich - unterhaltsam. Einmal mehr wurde also klar, warum ein Theaterbesuch immer etwas Besonderes ist und warum das Gefühl einer positiven Ungewissheit beim Jugendtheater noch ausgeprägter ist als sonst. Und eine weitere Erkenntnis kristallisierte sich heraus: Jugendtheater? Das ist doch nicht nur für Jugendliche!

  • NICHTS WIE HIN (32)

    Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:

  • KEIN AUSSERGEWÖHNLICHES EREIGNIS

    Festivals haben es nicht leicht in Oldenburg: Bisher konnte sich noch keines dauerhaft etablieren. Umso bemerkenswerter ist es, wenn sich ein neues Format auf Anhieb durchsetzt - so wie "Ein außergewöhnliches Ereignis". In den Jahren 2021 und 2022 wurde das "Festival für elektronische Tanzmusik" zu einem wahren Magneten, zuletzt reisten etwa 2.000 Besucher:innen aus dem gesamten Nordwesten an. Und dieses Mal? Erinnert sich noch jemand an die Corona-Pandemie? An FFP2 und 3G+? Der globale Ausnahmezustand scheint inzwischen weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt worden zu sein (was vermutlich an einem inneren Schutzmechanismus liegt). Tatsächlich aber ist es kaum mehr als ein Jahr her, dass all die Vorsichtsmaßnahmen, Regeln und Beschränkungen aufgehoben wurden. Für etwas anderes galt das jedoch auch. Während der Pandemie wurden für die Kulturszene viele neue Förderformate geschaffen, die Nachteile durch die Pandemie zumindest teilweise ausgleichen sollten. Was aus der Not geboren war, erwies sich letztlich als Glücksfall. Kulturförderung war endlich so, wie die Kulturschaffenden sie sich wünschen: positiv, flexibel, großzügig, mutig, unterstützend, Doch mit dem Ende der Pandemie liefen auch viele Hilfsprogramme aus. Es entstand eine Lücke. Veränderte Umstände Was das mit dem EAE zu tun hat? Mehr als man zunächst denkt. Den Veranstalter:innen vom Freizeitlärm e.V. war es nämlich gelungen, das erfolgreiche Festival mitten in der Pandemie zu realisieren. Im September 2021 standen die härtesten Lockdowns noch bevor, am alten Klärwerk in Oldenburg wurde aber erstmals ausgelassen gefeiert. Nicht zuletzt mithilfe einer Förderung durch Neustart Kultur, dem „Rettungsprogramm für den Kultur- und Medienbereich“. Das war für genau solche Fälle gedacht: für Formate, die in Lücken springen und die den Menschen das geben, was ihnen so gefehlt hat: gemeinsame Glücksmomente. Doch schon im zweiten Jahr standen diese Mittel nicht mehr zur Verfügung. Dafür hätte der Verein zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre existiert haben müssen, was aber nicht der Fall war. Die Stadt Oldenburg sprang ein und übernahm zumindest eine finanzielle Grundausstattung. Dennoch musste das Festival ausverkauft werden, um auf die schwarze Null zu kommen. Aufwandsentschädigungen für die vielen Beteiligten waren ebenfalls nicht möglich, alles wurde rein ehrenamtlich realisiert. Immerhin konnte auf diese Weise am ersten Septemberwochenende 2022 das zweite EAE gefeiert werden. Das hatte zwar nicht mehr den Bonus, als eine Art Lichtblick in pandemischer Finsternis stattzufinden. Dafür aber war es eine rundum gelungene und erfolgreiche Veranstaltung mit herausragendem Line-up, prächtiger Stimmung und - anders als bei der Premiere - sogar perfektem Wetter. Kunst kontra Kommerz? Keine Frage: Das EAE war angekommen - in der Stadt, in der Szene. Dass im Spätsommer 2023 das dritte Festival stattfinden würde, stand deshalb völlig außer Zweifel. Zumindest eine Zeit lang. Doch als es daran ging, die dritte Auflage zu planen, stieß das Freizeitlärm-Team auf immer mehr Hindernisse. Dass kein Geld mehr von Neustart Kultur kommen würde, war schon lange klar. Dass die Stadt nicht dauerhaft große Summen in das Festival stecken kann ebenso. „Deswegen war eine Neuaufstellung nötig“, erklärt Gesine Geppert stellvertretend für das Kollektiv. „Wir mussten uns die Frage stellen, ob wir Großsponsoren wollen, die überall ihre Marke präsentieren, und wie teuer Tickets eigentlich sein dürfen.“ Dem Ansatz eines Kommerzfestivals oder Luxusvergnügens wurde allerdings schnell eine Absage erteilt: „Für uns war klar, dass wir niemanden ausschließen wollten“, erklärt Gesine die politischen Motive des Vereins. Die Ticketpreise anzuheben und damit für mehr Einnahmen zu sorgen, gleichzeitig aber auch sozial auszulesen, war für die Mitglieder kein gangbarer Weg. Genauso wenig kam infrage, das Ereignis stärker zu kommerzialisieren und Sponsoren einzubinden, deren Werte nicht unbedingt deckungsgleich mit jenen des Festivals sind. „Für uns stand deshalb eine Verkleinerung im Raum. Ein Übergangsfestival, bis wir uns für die Zukunft aufgestellt haben.“ Zwischen Entspannung und Enthusiasmus: Im letzten Jahr war Ein außergewöhnliches Ereignis eine rundherum wunderbare Veranstaltung. (Video: Kulturschnack) Die Rückkehr der Leerstelle Doch daraus wurde nichts. Nach dem Versiegen der Fördermittel und der bewussten Entscheidung gegen den Einstieg zahlungskräftiger Geldgeber folgte ein weiterer Rückschlag: Nachteilige Veränderungen in der Niedersächsischen Versammlungsstättenverordnung (NVStättVO) und in der Niedersächsischen Bauordnung (NBauO) machten es dem Team aus ehrenamtlichen Enthusiasten unmöglich, eine kleinere Variante des EAE auf die Beine zu stellen. „Die neuen Anforderungen hätten es nötig gemacht, einen ganz neuen Bauantrag zu stellen - mit Schallschutzgutachten, Parkplatzkonzept, Entwässerungsplan", berichtet Gesine. Obwohl vieles bereits aus den Vorjahren vorlag und damals bereits hohe Kosten verursacht hatte, hätten die Nachweise neu erbracht werden müssen, weil die Ausnahmen nicht auf das EAE zutrafen. „Dafür hätten wir Beträge im hohen vierstelligen Bereich gezahlt. Das ist für eine kleine Veranstaltung nicht zu rechtfertigen und nicht zu finanzieren.“ Zumal das Erstellen der Gutachten nicht zwangsläufig bedeutet, dass das Festival auch stattfindet. Im Zweifel bleibt man auf den Kosten sitzen. „Ohne diesen enormen Genehmigungsaufwand hätte das Festival stattgefunden“, vermutet Gesine. „Nur eben etwas kleiner.“ Auf gut Glück zu planen, sei aber niemandem zuzumuten. Dafür seien die Verfahren zu aufwändig, die Kosten zu hoch, das Frustpotenzial zu groß. „Es tut dem gesamten Team unglaublich Leid, dass wir das Erlebnis in diesem Jahr nicht ermöglichen können,“ gibt Gesine einen Einblick in die Gefühlswelten der Veranstalter:innen. Die empfundene Leerstelle, die einst Anlass für das Festival war, sei nun wieder da. „Uns blutet das Herz! Aber das bedeutet nicht, dass es das Festival nie wieder geben wird“, betont sie weiter. „Wir haben jetzt die Chance, mit noch mehr Energie an die Planungen für das nächste Jahr zu gehen.“ Sowieso sei die Stimmung im Verein nicht unbedingt schlecht. Es gebe zwar eine Enttäuschung, aber auch schon wieder viele neue Ideen: „Wir widmen uns jetzt erstmal kleineren Projekten wie dem frei.zeit.gang, der am 14./15. und 21./22. Juli im Rahmen der Kultursommers stattfinden wird.“ Latente Unsicherheit Wäre das alles vermeidbar gewesen? Möglicherweise. Gesine behauptet nicht, dass sie oder ihre Mitstreiter:innen die jeweilige - sich ständig verändernde - Rechtslage richtig interpretiert hätten. Oft ergänzt sie Sätze mit Einschränkungen wie „So habe ich das verstanden.“ Das zeigt ein Dilemma auf: Rechtsnormen erklären sich nicht von selbst. Zur Zeit ist es so, dass Kulturakteure bei ihren Planungen vor allem auf eines stoßen: Unsicherheit. „Es wäre gut gewesen, wenn es schon sehr früh ein Treffen mit Fachleuten gegeben hätte, auf dem uns übersetzt wird, was die Veränderungen für uns bedeuten“, erklärt Gesine. Die Kommunikation mit dem Bauamt sei zwar gut gewesen und die Haltung dort durchaus konstruktiv, „Die wollen auch keine Verhinderer sein“, ist sich Gesine sicher. Das volle Ausmaß der rechtlichen Anforderungen habe die Freizeitlärm-Gruppe aber trotzdem kaum erfassen können. Gesine hat deswegen einen Vorschlag: „Es bräuchte eigentlich Dolmetscher:innen, dieLaien dabei helfen, die rechtlichen Rahmenbedingungen richtig zu verstehen.“ Ansonsten brauche es mindestens einen Halbtagsjob, um alle baurechtlichen Fragen klären zu können; mit einem Ehrenamt ist das indes kaum vereinbar. Solange es solche Dolmetscher:innen noch nicht gibt, lautet ihr Rat deshalb: So früh wie möglich in den persönlichen Austausch mit den Expertinnen vom Fachdienst Bauordnung gehen. Zurück in die Zukunft In dieser Geschichte gibt es eine bittere Ironie: Während die Stimmung im Freizeitlärm-Lager im März immer schlechter wurde und die Absage innerlich bereits beschlossen war, besserte das zuständige Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Bau und Digitales nach und versetzte die Kommunen in die Lage, wieder flexibler sein zu können. Dem EAE nutzte das zu diesem Zeitpunkt nichts mehr, andere Veranstaltungen konnten bzw. können davon aber noch profitieren. Unabhängig davon zeigt dieses Beispiel, in welch unsicheren Gefilden sich Teile der Kulturszene nach wie vor befinden. Selbst große Erfolge sind kein Garant für einen Fortbestand eines Formats. Zwar könnte man argumentieren, dass die Corona-Förderprogramme Sonderfälle waren und Veranstaltungen nun eben auf eigenen Füßen stehen müssten. Dann sollten aber nicht zeitgleich weitere Verschärfungen hinzukommen, wie nun durch die Veränderungen in der Versammlungsstättenverordnung und der Bauordnung. So musste das EAE trotz immenser Nachfrage im Vorjahr und trotz des hohen Engagements der Beteiligten in diesem Jahr die Notbremse ziehen und gezwungenermaßen eine Pause einlegen. Wie die Situation im kommenden Winter aussieht, wenn der Verein die Planungen für das Jahr 2024 aufnehmen müsste? Das kann derzeit niemand sagen. Zu hoffen ist jedoch, dass der Freizeitlärm e.V. zusammen mit seinen Partner:innen, Sponsor:innen und der Stadt Oldenburg eine langfristige Lösung findet. Dann heißt es dieses Jahr hoffentlich nur einmal und nie wieder: Kein außergewöhnliches Ereignis.

  • IN DIGITALOG TRETEN

    Wir dürfen euch heute ein völlig neues Format beim Kulturschnack vorstellen! Warum wir uns als eine Seite, die sich für gewöhnlich ausschließlich der kulturellen Landschaft Oldenburgs widmet, nun dem Thema der Digitalität zuwenden, das erklären wir euch hier in diesem Beitrag und natürlich auch in der ersten Pilotfolge. Mit dem Kulturschnack wollten wir vor etwas mehr als einem Jahr eine Plattform für die Szene unserer Stadt schaffen. Digitale Inhalte, die für Lust auf das analoge Erlebnis Kultur sorgen - das war und ist unser Anspruch. Doch Bereiche wie der der künstlichen Intelligenz, stellen uns gesamtgesellschaftlich, aber natürlich auch im Bereich der Kultur vor völlig neue Fragen, die auch Ängste und Sorgen mit sich bringen können. Deshalb möchten wir euch mit unserer neuen Podcastreihe „Digitalog“ die Entwicklungen der Digitalität, in denen sich auch der Kulturschnack selbst täglich bewegt, auf greifbare Art und Weise näherbringen. Dabei wollen wir ganz bewusst auf wissenschaftlichen Jargon und jegliche Form der Schwarzweiß-Malerei verzichten, sondern stattdessen konstruktiv Aktuelles genau unter die Lupe nehmen und mit euch tief in die Abgründe der Ambivalenzen eintauchen. Dabei war sofort klar: für dieses Projekt benötigen wir fachkundige Verstärkung, die wir durch einen wunderbaren Zufall (mehr dazu in der ersten Folge!) auch gefunden haben! Denn wir freuen uns riesig, dass wir Prof. Dr. Martin Butler von der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg für dieses Unterfangen mit an Bord holen konnten. Durch seine Forschung im Bereich der Populärkultur beschäftigt er sich immer wieder mit den Sorgen und Versprechungen, die mit dem Thema einhergehen. „Gerade die Herausforderung, unterschiedliche Perspektiven auf das Thema Digitalisierung miteinander in den Dialog zu bringen, reizt mich sehr. Daher habe ich nicht zweimal überlegt, bei diesem Format mitzumachen“, so Martin selbst. Wir wünschen euch nun viel Spaß mir der ersten Pilotfolge und freuen uns auf viele kommende, spannende Themen und Gespräche ... äh, Digitaloge meinen wir natürlich. ;) Ihr findet die erste Folge in unserem regulären Kulturschnack Podcast-Feed hier auf Kulturschnack oder auf den großen Streamingdiensten wie Spotify, Apple und Google Podcasts.

  • WE CAN BE SHEROES #2

    Geschichte basiert auf Fakten. Das gibt ihr den Anschein von Objektivität. Doch über Jahrtausende wurde sie geprägt - und geschrieben - von Männern. Unsere Welt ist bis in die Gegenwart männlich genormt, geformt, geframed. Das queer-feministische Theaterspektakel „Sheroes“ bricht mit dieser Einseitigkeit und wirft einen weiblichen Blick auf die Vergangenheit - mit einer spielerischen Freude an Experimenten und Provokationen. Unser Leben bewegt sich in geregelten Bahnen. Das ist nicht vollkommen ungesund, Struktur bietet Orientierung und schützt uns vor Überforderung. Keep calm and carry on. Es gibt aber auch Nachteile an diesen Leitplanken: Sie limitieren uns. Wir folgen Pfaden, die wir selbst - oder andere vor uns - ausgetrampelt haben. Sie geben uns zwar das gute Gefühl von Sicherheit und Vernunft. Sie verhindern aber Experimente, Abenteuer und Entdeckungen. Zudem bleiben etliche Fragen offen: Wer hat diese Leitplanken eigentlich gesetzt? Sind sie richtig, dort wo sie stehen? Führen sie zum richtigen Ziel? Und was befindet sich eigentlich jenseits von ihnen? Freiheiten statt Gewohnheiten Kunst und Kultur haben es schon immer als ihre Aufgabe verstanden, unsere gesellschaftlichen Konstrukte und Strukturen kritisch zu beleuchten. Manches davon wird als Provokation empfunden. Aber ist es das überhaupt, wenn lediglich die aktuellen Gegebenheiten in Frage gestellt werden? Das haben schließlich auch Kopernikus und Galilei getan - und sie hatten Recht. Was, wenn unsere Gesellschaft gar kein unveränderlicher Klotz ist? Was, wenn wir sie als form- und veränderbar begreifen? Das nähme uns einige Gewohnheiten. Vor allem aber würde es uns Freiheiten und Möglichkeiten eröffnen. Insbesondere jenen, die vom bisherigen System nicht profitiert haben. SHEROES #2 - MOBILES QUEER-FEMINISTISCHES THEATERSPEKTAKEL UMSONST & DRAUSSEN SAMSTAG, 3. JUNI, 16 UHR VORPLATZ DER EXERZIERHALLE SONNTAG, 4. JUNI, 16 UHR OLDENBURGER HAFEN DIENSTAG, 6. JUNI 2022, 13 UHR JADE HOCHSCHULE Eine Minderheit namens Männer Das mobile quere-feministische Theaterspektakel „Sheroes“ der Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters schreibt jetzt zum zweiten Mal unsere Geschichte um - und stellt damit wieder unsere Gesellschaft infrage, die sich in ihrem Verlauf entwickelt hat. Dabei geht es zum einen um die Frage, welche Folgen es hat, dass vor allem weiße Männer unsere Welt gestaltet haben - und dass vor allem weiße Männer darüber berichtet haben. Die Fehler, Gefahren und Ungerechtigkeiten, die bis heute daraus resultieren, sind uns vielfach noch nicht ausreichend bewusst. Für viele männliche Besucher dürften Aha-Momente vorprogrammiert sein. „Sheroes“ blickt aber auch in die andere Richtung. Das Team möchte gemeinsam mit den Besucher:innen in spannende Frauen-Biografien eintauchen, Wissen spielerisch erweitern und unbekannte Sheroes entdecken. Dabei rückt eine konstruktive, gestalterische Ebene in den Mittelpunkt, die alte Gewiss- und Gewohnheiten hinterfragt und vielleicht sogar ersetzt. Wie sich das anfühlt? Bemühen wir einfach mal einen Vergleich: Stellt euch vor, ihr seid kurzsichtig, ohne es zu wissen. Die Unschärfe gehört zu eurem Alltag und ihr habt kein Problem damit. Erst als ihr eines Tages beim Optiker seid und einen Test macht, merkt ihr, dass ihr zuvor längst nicht alles gesehen habt... Hört sich interessant an, aber queer-feministisch klingt dir zu kämpferisch? Keine Sorge: die „Sheroes“ kommen in Frieden. Das gesamte Programm wird spielerisch angelegt sein - und zwar ganz bewusst, wie Gesine Geppert uns in einem kurzen Gespräch verrät. Gesine, ihr wollt mit "Sheroes" die Geschichte umschreiben. Was stimmt mit der aktuellen Version der Vergangenheit nicht? Die aktuelle Version ist natürlich nicht völlig falsch! Sie beleuchtet aber - wie es Geschichte immer tut - nur eine Perspektiv auf unsere Vergangenheit. Und das ist leider bislang eine fast ausschließlich eurozentristische, weiße und männliche Perspektive. Auf diese Weise will unsere diverser werdende Gesellschaft natürlich nicht mehr auf die eigene Vergangenheit schauen. Wo finden sich weibliche, diverse, migrantische oder klassistische Perspektiven? Danach haben wir gesucht und haben spannende Frauenbiografien und Ereignisse gefunden, die der Anfang sind, um Leerstellen zu füllen. Was erwartet uns konkret bei den drei Vorstellungen? Was werden wir sehen? Und: Hören wir bei euch die Wahrheit über die Welt? Na, die eine Wahrheit gibt es in der Betrachtung auf die Vergangenheit eh nie. Aber wir bieten vielleicht ein paar neue Blickwinkel und Perspektiven. Uns war es wichtig, nicht den Zeigefinger auszupacken und anstrengend-belehrend die eine neue Wahrheit zu proklamieren. Deshalb erwartet unsere Besucher:innen eine Art kleiner Jahrmarkt, mit verschiedenen Stationen, in denen spielerisch Dinge vermittelt werden, an denen sich alle, die Lust haben beteiligen können, ohne Ablaufplan oder Zwang. Alle Besucher:innen bewegen sich frei herum – können Filmbeiträge ansehen, Mitarbeiter:in in unserem Sheroesbüro werden, ein Getränk oder Bücher von unserer Partner:innen-Buchhandlung Isensee am Kiosk kaufen, sexistische Dinge in unserer Müllsammelstation abgeben, Musik lauschen, sich die Zukunft vorhersagen lassen und und und… Ich drücke es mal zurückhaltend aus: Das klingt nach sehr viel! Ja, es gibt pro Vorstellungstermin drei Stunden lang viel zu erleben. Und damit jede:r auch physisch etwas mitnehmen kann, kann man sich an all den Stationen Coins erspielen, die man am Kiosk gegen die Biografie einer „unbekannten“ Frau eintauschen kann. Von einem "queer-feministischen Spektakel" fühlen sich aber vielleicht nicht alle angesprochen. Warum sollten auch - oder vor allem - diejenigen kommen, die zunächst denken: 'Das ist nix für mich'? Weil es für jede:n etwas zu Erleben und mitzunehmen gibt. Wir sind uns bewusst, dass dieses Thema manchmal ungemütlich oder anstrengend ist. Das ist es für uns auch manchmal gewesen und genau deshalb haben wir dieses Projekt entwickelt. Weil es Spaß machen kann und soll, mal die Perspektive zu wechseln und auf ein- und dieselben Ereignisse von einem neuen Standpunkt zu blicken. Wir möchten gemeinsam mit und von unseren Besucher:innen lernen und die Diversität unserer Gesellschaft feiern. Und genau dazu sind alle gemeinsam eingeladen und willkommen! Die Normalität: fragil statt stabil „Sheroes“ ist eine spannende Demonstration all dessen, wozu moderne, experimentelle Theaterformate in der Lage sind. Die weiblichen Heldinnen hinterfragen fast alles, was unsere Gesellschaft aktuell als „Normalität“ definiert hat, und sie lassen uns dabei spüren, wie fragil diese Einordnung ist. Dabei liefert „Sheroes“ - im Gegensatz zur männlichen Geschichtsschreibung - keine vorgefertigten Interpretationsmuster. Im Gegenteil, die Heldinnen laden dazu ein, vermeintliches Feststehendes neu zu denken und die uns bekannte Welt neu zu vermessen. Unser Tipp: Überwindet die Leitplanken und verlasst die geregelten Bahnen. Wagt Abenteuer, Experimente und Entdeckungen. Riskiert Freiheiten statt Gewohnheiten. Schaut euch die „Sheroes“ an. Vielleicht spürt ihr, dass nicht alles so fest steht, wir wir immer glauben. Und in eurem Kopf singt dazu David Bowie: „We can be Sheroes. For more than one day.“

  • ES LEBE DER SPORT

    Die Jungs vom Kulturschnack lümmeln sich nur in bequemen Theatersesseln oder lustwandeln durch Ausstellungskorridore und parlieren schöngeistig über die Kultur? Ja - und nein! In seltenen Momenten machen wir auch etwas ganz anderes. Zum Beispiel: Sonntagmittags verschwitzt durch Stadtwälder laufen. So war es auch am 4. Juni. Das Eversten Holz ist ein großes Paradoxon: Zentraler kann ein Stadtwald gar nicht liegen - und ruhiger könnte er gar nicht sein. Fünf Gehminuten vom Zentrum entfernt kann man hier spazieren, flanieren, sinnieren, kontemplieren. Es sei denn: Es ist Brunnenlauf! Am ersten Sonntag im Juni verwandelt sich der Wald mitsamt der anliegenden Hauptstraße in einen quirligen Trubel aus zweitausend Sportler:innen und Sportlern sowie deren Angehörigen und Anhänger:innen. In diesem Jahr mittendrin: Oldenburgs jüngster Sportclub, die Eintracht Kulturschnack! Tabuthema Topform Beim Firmenlauf waren 6,4 Kilometer zu bewältigen - eine Strecke, die deutlich länger ist, als alle Museums-Flure Oldenburgs zusammengenommen. Zwar wurden Teile des Kulturschnacks vor etlichen Jahren schon mal dabei beobachtet, die berühmten „40 auf 10“ zu knacken. Aktuell verfügen aber alle Vereinsmitglieder bestenfalls über den Status von Gelegenheitssportlern, die froh sind, wenn irgendwo das Ziel auftaucht. Und obwohl wir die Sonne sonst anbeten, erschienen uns die 20 Grad am Sonntag fast schon wie eine erbarmungslose Hitze. Symptomatisch für die hohe Professionalität der Kulturschnack-Laufsporttruppe: Dass man für eine Teamwertung drei Teilnehmer:innen braucht und nicht nur zwei, haben wir erst nach dem Ende der Veranstaltung bemerkt. Zwar konnten wir im familiären Umfeld einen talentierten Neuzugang anwerben - doch da Kevin mit Morbus Urlaub ausfiel, blieb es bei einem Duo, das damit leider aus der Teamwertung fiel. Besser als gedacht Zwischen den ungleich größeren Teams von Cewe, Lufthansa Industry und energy & meteo reihten wir uns also ein und stürzten uns nach dem Startschuss in das wilde Getümmel. Dass wir an der Spitze nichts verloren hatten, war schnell klar - ans Ende durchgereicht wurden wir aber auch nicht. Wer ständig in der großen Oldenburger Kulturszene unterwegs ist und im Sommer sogar die Tour de Schnack bewältigt, baut offensichtlich doch eine gewisse Grundkondition auf. Am Ende erreichten beide Vertreter:innen der Eintracht Kulturschnack das Ziel - jeweils sogar im vorderen Fünftel des Feldes! Sind wir doch viel besser als gedacht? Oder der Rest der Welt langsamer als erwartet? Egal, denn: Wir brauchen unsere Kondition nicht für Podestplätze, wir brauchen sie für Ausstellungen, Konzerte, Theaterstücke. Dort lümmeln und lustwandeln wir zwar nur und parlieren schöngeistig über Kultur - das aber problemlos über Stunden hinweg. Es lebe der Sport!

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