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- NICHTS WIE HIN (18)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- ALLES PRIMA?
Manche Theaterstoffe kommentieren ein Thema derart pointiert, dass sie stärker wirken als jede ausführliche Analyse. Zu ihnen gehört „Prima Facie“ von Suzie Miller. Die schonungslose Abrechnung mit einem fehlerhaften Rechtssystem ist nun im Staatstheater zu sehen. Wir haben mit Regisseurin Franziska Stuhr über das Stück gesprochen. Dabei erfahren wir, warum es derzeit auf vielen Spielplänen steht, weshalb gerade Monologe Dialog brauchen und wieso „Frauenthemen“ auch Männer betreffen. Es ist paradox: Eigentlich gelten Paragraphen und Gesetzestexte als hochgradig langweilig. So etwas freiwillig lesen? Niemals! Dennoch erzielen Justizthriller im Buchhandel oder an den Theater- und Kinokassen immer wieder starke Ergebnisse. Einen gewissen Reiz scheint das Rechtssystem also doch zu haben. Oder ist es eher der kreative Umgang mit ihm? Tatsächlich spiegelt der Gerichtssaal das menschliche Leben einschließlich seiner Fehlbarkeiten: Er produziert Ungerechtigkeiten, obwohl das genaue Gegenteil beabsichtigt ist - und manche von ihnen sind systemisch. Genau davon handelt Prima Facie: Inspiriert von der #MeToo-Bewegung hat die australische Autorin Suzie Miller die Frage gestellt, wie die Justiz mit den Opfern sexueller Übergriffe umgeht. Wer John Grisham oder Michael Connelly liebt, sei also gewarnt: Hier geht es nicht um gewiefte Advokaten, hier wird das System selbst angeklagt. Aber: Das ist spannender und mitreißender als jedes Kanzleidrama. PRIMA FACIE VON SUZIE MILLER FR 08.03., MI 13.03.*, SA 16.03., SA 23.03., DI 26.03.*, MI 03.04., SA 13.04., MI 24.04., DO 25.04.*, SA 28.04., FR 10.05., FR 17.05. BEGINN: 20 UHR TICKETS OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER KLEINES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG * DIE VORSTELLUNGEN AM 13.03., 26.03. UND 25.04. FINDEN IM GROßEN HAUS STATT UND BEGINNEN UM 19.30 UHR Die große Entzauberung Suzie Miller weiß, wovon sie spricht. Etliche Jahre hat sie als Strafverteidigerin gearbeitet, kennt das System also aus dem Inneren und den praktischen Umgang mit ihm. Bei ihrem Werk handelt es sich aber nicht um den berühmten Blick zurück im Zorn. Ihre Protagonistin durchlebt - vermutlich ebenso wie Miller selbst - eine Entzauberung der Justiz als neutrale Instanz und dabei eine ganz persönliche Desillusionierung. Diesen Prozess mit „Prima Facie“ zu überschreiben, war ein kluger Schachzug. Diese Begrifflichkeit aus dem Rechtswesen bedeutet nämlich „dem ersten Anschein nach“ oder „bis zum Beweis des Gegenteils“. Ob dieser erste Eindruck richtig ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle, solange er nicht widerlegt wird. Genau dieses Prinzip trifft auch auf die Justiz selbst zu: Der Gang zum Gericht ist „anscheinend“ der Weg zur Gerechtigkeit. Schließlich wird dort Recht gesprochen, objektiv und neutral. Aber: Wer genauer hinschaut, wird manche Regelung finden, die eben jenen Weg zur Gerechtigkeit nicht etwa eröffnet, sondern regelrecht versperrt. Lücken im System Genau hingeschaut hat damals Suzie Miller, nun übernimmt ihre Protagonistin diesen Part. Tessa Ensler (gespielt von Rebecca Seidel) ist erfolgreiche Strafverteidigerin in London. Eine Spezialität der Anfang-Dreißigjährigen: Die Verteidigung vermeintlicher Sexualstraftäter. Sie vertraut in das ehrwürdige britische Rechtssystem und ist stolz darauf, für ihre Mandanten in der Regel Freisprüche zu erreichen. Alles prima also? Nein. Eines Tages wird Tessa nämlich selbst zum Opfer eines sexuellen Übergriffs, ausgerechnet durch einen Kollegen. Sie entscheidet sich für eine Anklage und findet sich plötzlich auf der anderen Seite des Gerichtssaals wieder. Sie weiß: Obwohl sie sich bestens mit den Paragraphen auskennt, stehen ihre Chancen auf eine Verurteilung des Vergewaltigers schlecht. In Großbritannien enden nur 1,3% solcher Fälle mit einer Verurteilung. Dennoch ist sie bereit, all die Untersuchungen, Befragungen, Unterstellungen zu erdulden. Schließlich geht es um ihr Recht. Tessa muss ihren Blick aufs System neu justieren - und nimmt das Publikum dabei mit. Das passiert in Form eines atmosphärischen, emotionalen, mitreißenden Monologs. Man hört die Beteiligten durch Tessas Stimme, man verfolgt den Prozess mit ihren Augen, man fühlt die Erniedrigung mit ihrem Herzen. Dadurch wird erstmals nicht auf das Opfer geschaut, sondern ihre eigenen Eindrücke in den Mittelpunkt gerückt. Dieser Perspektivwechsel war überfällig, denn die nötige Empathie kommt in solchen Prozessen in der Regel zu kurz. Ganz nach dem Motto: Irgendeinen Grund wird der Täter für seine Tat schon gehabt haben. Das Stück der Stunde „Prima Facie“ ist ohne Zweifel das Stück der Stunde. Es ist so brandaktuell, hochrelevant und bestechend gut, dass es in Deutschland derzeit in einem Dutzend Theatern gespielt wird. In Oldenburg haben wir das große Glück, eine eigene Inszenierung sehen zu können. Übernommen hat sie Franziska Stuhr, die hier u.a. durch „Scherbenpark“, „Die Mitte der Welt“ oder „Über meine Leiche“ noch bestens bekannt ist. Wir haben uns kurz vor der Premiere frühmorgens mit ihr in der Theaterkantine getroffen - denn der Rest ihres Tages bestand aus: Proben, Proben, Proben. Franziska, das Stück „Prima Facie“ ist schon einige Jahre alt. Es wirkt aber, als sei es gestern geschrieben worden. Wie ist es ausgerechnet jetzt auf den Spielplan des Staatstheaters gerückt? Es hat ja in Australien und England viele Preise gewonnen. Im letzten Jahr lief es erfolgreich am Broadway in New York und hat dort ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen. Anfang des Jahres ist es außerdem als Roman erschienen. Viele Theater haben das Potenzial in dem Stoff gesehen und so war es auch beim Staatstheater. Von dort aus kam man auf mich zu und hat gefragt, ob ich mir vorstellen könne, die Regie zu übernehmen. Ich konnte! Wie war es, als du das Stück gelesen hast? Erinnerst du dich an deine Gedanken dazu? Es ist ja ein recht harter Stoff, es geht um sexualisierte Gewalt. Da muss man erstmal abklopfen: Will ich mich da überhaupt reinbegeben, über viele Wochen hinweg? Dann habe ich geschaut, ob der Stoff textlich für mich in Ordnung geht. Hier haben wir ja ein Thema, wo man sehr genau darauf achten sollte, wie es erzählt wird. Es gibt viele Stücke über Falschanschuldigungen, die in der Realität aber praktisch kaum vorkommen - so etwas möchte ich nicht unterstützten. „Prima Facie“ ist aber eine andere Geschichte, die sehr gut erzählt ist und viele Teilaspekte berücksichtigt. Das ist sehr vielschichtig, beinahe ein Mosaik. Schnell war klar: Das ist unterstützenswert, das möchte ich sehr, sehr gerne. Auch in dieser Stadt. Wie liest denn eine Regisseurin? Hast du dabei sofort Vorstellungen, wie der Stoff auf der Bühne aussehen könnte? Oder entsteht so etwas erst viel später? Ich habe dabei auf jeden Fall eine szenische Fantasie. Das ist für mich auch eine Qualität eines Textes, wenn ich beim Lesen direkt Bilder, Stimmungen, Gefühle im Kopf habe. Es kann auch sein, dass ich direkt anfange, mir einen Bühnenraum vorzustellen oder ein Setting, in dem das spielt. Und manchmal sind da auch schon einzelne szenische Momente. Für mich ist es aber ganz wichtig, die Stücke zusammen zu entwickeln. Ich habe meine Anfangsfantasie, aber dann schauen wir, wie wir sie zusammen weiter entwickeln können. Ich will nicht festgelegt sein. Wenn ich von vornherein schon jedes Bild im Kopf hätte, dann würde ich eben Filme machen. Theater ist eher eine Mischung: Was kommt mir, was entsteht und was fügen wir gemeinsam hinzu? „Prima Facie“ ist ja ohne Zweifel das Theaterstück dieser Saison. Macht ihr damit das richtige Angebot zur richtigen Zeit? Es gibt tatsächlich ein großes Interesse an dem Thema. Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass „Prima Facie“ eine weibliche Antwort auf den Ferdinand von Schirach-Kanon ist („Terror“ und „Gott“ waren am Staatstheater zu sehen, Anm. d. Red.), der sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Es gibt auf jeden Fall eine gewisse Tradition und ein großes Interesse an solchen Justizstücken. Suzie Miller war ja selber Strafverteidigerin, sie kennt das System sehr gut. Es scheint eine Sehnsucht gegeben zu haben, da auch eine weibliche Stimme zu hören. Gerade bei so einem Thema ist ja besonders wichtig: Wer erzählt das eigentlich, wer hat das geschrieben? Das Thema ist ja die eine Seite, die Umsetzung die andere. Was macht denn für dich die Stärke des Stücks aus? Was ist für dich das herausragende Merkmal? Im Stück ist eine Figur zu sehen, die man anfänglich als wahnsinnig stark wahrnimmt, als sehr souverän und sehr eigenständig. Der dann aber ein Verbrechen widerfährt und die sich daraufhin entschließen muss, den Täter anzuklagen. Obwohl sie weiß, wie gering ihre Chance statistisch ist, den Prozess zu gewinnen. Obwohl sie weiß, was das an Befragungen durch die Polizei und an medizinischen Untersuchungen bedeutet. Diese ganzen Aspekte bekommen wir von einer einzigen Frau geschildert: Jede Person, die spricht, hören wir durch sie. Dadurch bekommen wir eine vollkommen weibliche Perspektive auf den Täter, auf die Familie, auf die Kolleg:innen, auf das System. Das ist für mich eine enorme Qualität, weil sonst oft über betroffene Frauen gesprochen wird, ohne dass sie selbst zu Wort kommen. Und wenn selbst diese Person, die das System komplett kennt, die darin virtuos ist, die alle Regeln kennt, die wahnsinnig wortgewandt ist - wenn sie dies nicht schafft, wer soll dann so einen Prozess gewinnen? Was ist denn der Kern dieses Stücks? Geht es um das Schicksal der Protagonistin? Oder geht es genauso sehr um das System und die Verzweiflung, die man angesichts dessen haben könnte? Letzteres spielt durchaus eine wichtige Rolle. Das Schöne ist aber, dass ich das eben nicht trocken auf Papier durchlesen muss, sondern dass wir am Theater den Vorteil haben, dass wir Dinge über Emotionen und vor allem über Geschichten erzählen können. An einer Stelle sagt die Figur der Tessa übrigens: Eine gute Verteidigerin erzählt lediglich die beste Geschichte ihres Mandanten. Wir erfahren also auch etwas darüber, was Verteidigung und Interessenvertretung mit Theater zu tun haben. Letztlich erzählen wir eine Geschichte, in der es wieder um verschiedene Geschichten geht. Das ist sehr theaterimmanent. Aber auch die Erzählung selbst ist einfach spannend: Wenn jemand in einen Prozess geht und eigentlich von vornherein sagt, „Ich weiß, wie schlecht meine Chancen stehen“, dann will ich einfach fragen: Warum macht sie das? Was passiert da? Was ist der Antrieb? Und auch: Wie reagieren die anderen? Muss man die Befürchtung haben, dass manche Momente schwer auszuhalten sind? Oder ist da immer noch so ein bisschen Distanz? Was auf jeden Fall eine gewisse Distanz schafft, ist die Tatsache, dass wir nichts 1:1 darstellen, weil wir eben nur eine Person auf der Bühne haben. In der Sprache ist es aber schon eine sehr explizite Schilderung. Es geht ja sehr konkret darum zu verstehen, was da stattgefunden hat. Wir haben uns gefragt: Wie viel braucht man, um es zu verstehen - und was ist zu viel? Manchmal reicht es schon, wenn die Schauspielerin im entscheidenden Moment nicht liegt, sondern sitzt und erzählt - weil die Sprache allein so stark wirkt. Es gibt jedenfalls keine konkrete Darstellung. weil es nicht darum geht, irgendeine Form von Voyeurismus zu bedienen. Letztlich geht es ja um eine Gewaltschilderung, auf keinen Fall um etwas Lustvolles - und das ist natürlich hart. Du hast es ja gerade erwähnt: Auf der Bühne handelt und spricht nur eine Person. Wie ist das eigentlich für dich als Regisseurin? Hast du dann weniger Möglichkeiten? Oder eröffnen sich ganz neue? Es ist auf jeden Fall anders als mit einem großen Ensemble. Aber für mich macht das ganz viel auf. Gerade mit Rebecca habe ich immer das Gefühl, alle Möglichkeiten zu haben, weil ich ganz genau weiß, dass ich mit ihr gemeinsam alles ausprobieren kann. Natürlich bedeutet das, dass es im Stück keine fünf Leute geben wird, die im Nebellicht über ein Feld wandern, aber das war hier auch nicht gefragt. Ich würde sagen, was ich irgendwo an Möglichkeiten verliere, wird durch die Freiheit der Zusammenarbeit mehr als ausgeglichen. Ich finde diese reduzierte Arbeitsweise sehr spannend. Wenn ich etwas wirklich reduziere auf Spiel, Sprache, Licht und ein festes Bühnenbild - was kann dann schon alles entstehen? Ohne eine riesige Effekt-Show? Das ist immer wieder eine tolle Erfahrung, eben weil sie so nah dran ist am ursprünglichen Theater. Was braucht es denn wirklich? Eine gute Geschichte. Eine Person, die sie spielt. Und eine Bühne, die etwas Widerstand gibt. Entspricht das Ergebnis am Ende dann eigentlich deinen Erwartungen? Oder wirst du manchmal selbst überrascht? Eine Stärke des Theaters ist ja, dass man viel ausprobiert und dass wir die Freiheit haben, auch mal zwanzig Entwürfe zu machen, bis man schließlich merkt: Der ist es! Proben kommt von probieren und das sollte man wirklich ernst nehmen und nicht einfach mit dem Erstbesten vorliebnehmen. Stattdessen sollte man immer wieder rangehen und immer wieder sagen: 'Na komm, da geht noch was! Das können wir noch anders probieren'. Das finde ich ganz toll. Und insofern lasse ich mich auch gern überraschen. Es dürfte kein Zufall sein, dass ihr eure Premiere am Weltfrauentag feiert. Was würdest du denn einem Mann sagen, der sagt, „Prima Facie“ sei ein Stück für Frauen? Dem würde ich sagen, dass es genauso ein Stück für ihn ist - vielleicht sogar ganz besonders für ihn. Es kommt ja immer wieder vor, dass Gewalt gegen Frauen als Frauenthema verhandelt wird. Aber die Frage ist ja: Von wem kommt die Gewalt? Die hat ja einen Ursprung. Es geht nicht darum zu sagen: Alle Männer, die im Theater sitzen, sind potenzielle Täter. Dass ich als Mann nicht davon betroffen sein kann, heißt allerdings nicht, dass ich mich nicht damit befassen musst. Ich kann ja auch nicht sagen: Ich muss mich nicht mit Rassismus beschäftigen, denn ich bin ja weiß. Gerade dann muss ich doch mich weiterbilden und überlegen: Wie kann ich ein:e gute:r Verbündete:r sein? Wie kann ich helfen? Wie kann ich mich dazu positionieren? Und auch: Wie will ich meine Kinder erziehen? Wie will ich meine Söhne erziehen? Man könnte sich alle Frauenhäuser sparen, wenn es weniger Täter gäbe. Deswegen ist es ein ganz großes Missverständnis, wenn man sagt: Geschichten, die von Frauen handeln, sind Frauengeschichten. Sie betreffen uns alle. Keine Frauensache Auf den ersten Blick ist es tatsächlich überraschend, welch große Faszination Justizdramen auf das Publikum ausüben. Stücke wie „Prima Facie“ zeigen jedoch eindrucksvoll, warum diese Stoffe so gut funktionieren: Nämlich weil sie selbst eine Bühne des Lebens sind - und weil sie dessen Geschichten auf neutralem Boden zuspitzen. Nach Schirachs „Terror“ und „Gott“ bringt das Oldenburgische Staatstheater mit „Prima facie“ einen Stoff auf die Bühne, der thematisch einen wichtigen Akzent setzt, aber ebenso ein starkes Stück Theater ist. Franziska Stuhr und Rebecca Seidel - die bereits zusammen studierten - beweisen, dass häufige Zusammenarbeit nicht etwa zu Abnutzungen, sondern zu Höhepunkten führt. Der erste Anschein täuscht in diesem Fall nicht: Der positive Eindruck wird im Laufe der Aufführung nicht etwa widerlegt, sondern immer weiter verstärkt. Unser Rat: Schaut euch das an - und das gilt ganz explizit nicht nur für Frauen, sondern auch für alle anderen, ganz speziell die Männer. Sie können hier eine Erfahrung machen, die ihnen normalerweise verwehrt bleibt: die Welt mit den Augen einer Frau zu betrachten. Und deshalb ist mit Blick auf das Stück selbst tatsächlich: alles prima!
- VIVA LA REVOLUCIÓN
Es ist kein Geheimnis: In Ausstellungen geht es nicht immer nur um Kunst. Das zeigt insbesondere der Dauerbrenner World Press Photo-Exhibition. Das zeigt nun aber auch „Protest.bewegt.Uni“ im Gebäude des Staatlichen Baumanagements. Die Ausstellung verrät uns nicht nur etwas über die 50-jährige Geschichte der Universität - sondern auch über Oldenburg und über uns. Die Carl von Ossietzky Universität feiert in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen. Das ist ziemlich jung, etwa im Vergleich zur Rijksuniversiteit in unserer Partnerstadt Groningen, die im Jahr 1614 ihre Pforten öffnete. Doch erstens reichen ihre Wurzeln - in Form des Lehrerseminars - zurück bis ins Jahr 1793, was schon etwas stattlicher klingt als 1973. Und zweitens ist es dennoch beachtlich, welchen Weg sie im letzten halben Jahrhundert gegangen ist. Dieser Weg war nämlich nicht der einfachste. Anders als manche altehrwürdige Lehranstalt, die seinerzeit einfach auf Befehl des jeweiligen Regenten eingerichtet wurde, gab es Forderungen zu artikulieren, Widerstände zu überwinden und Protest zu organisieren. Das fing bereits mit der Gründung selbst an und hörte bei der Namensgebung längst noch nicht auf. Alles über dieses spannende halbe Jahrhundert erfahrt ihr nun in einer Ausstellung. PROTEST BEWEGT UNI 50 JAHRE PROTESTKULTUREN AN DER UNI OLDENBURG 10. MÄRZ BIS 5. MAI 2024 MI, FR 10 BIS 17 UHR DO 12 BIS 20 UHR SA, SO 11 BIS 18 UHR AULA IM EHEM. LEHRERSEMINAR (HEUTE: STAATLICHES BAUMANAGEMENT) PETERSTRAßE 42 26121 OLDENBURG Zusammen in die Zukunft Wenn es ein Gefühl gibt, das sich beim Gang durch die Ausstellung wiederholt, dann ist es: ungläubiges Staunen. Im Kontext zur Geschichte des Hochschulwesens sind 50 Jahre bestenfalls ein Wimpernschlag. Was in dieser kurzen Phase aber an Protest in Oldenburg geschah, ist bemerkenswert. Die Ausstellung erzählt eine Geschichte des Zusammenhalts, der Selbstermächtigung und der Zukunftsorientierung. All diese Dinge waren nötig, um der jeweiligen Bewegung die nötige Wucht zu verleihen - ebenso wie das Instrumentarium, das vom sachlichen Dialog über bissige Kommentare bis zu wütenden Demonstrationen reichte. Aber wie kommt man überhaupt darauf, sich im Jubiläumsjahr ausgerechnet dem Protest zu widmen? „Wir haben uns überlegt: Was kann man Spannendes machen? Einfach die Uni Geschichte runterzurattern, war uns zu langweilig“, erzählt Jennifer Kynast, die in Oldenburg „Museum und Ausstellung“ studiert und einer der zehn Köpfe hinter der Ausstellung ist - mit tatkräftiger Unterstützung vom Stadtmuseum Oldenburg und der Universitätsbibliothek. „Dabei ist uns aufgefallen, dass die Uni besonders protestfreudig ist - und dass sie von diesen Protesten in ihrer Entwicklung stark beeinflusst wurde.“ Die Angst vor der Kaderschmiede Das begann sogar schon vor ihrer Gründung. In Hannover sah man Mitte des 20. Jahrhunderts keine große Notwendigkeit, den Nordwesten Niedersachens hochschulisch zu versorgen. Städte wie Oldenburg und Osnabrück mussten dafür kämpfen, den jungen Menschen neue Bildungschancen vor Ort zu eröffnen. Gleichzeitig befürchtete man, dass die neuen Reform-Universitäten zu „Kaderschmieden“ der extremen Linken werden würden. Es dürfte kein Zufall sein, dass im Jahr 1972 zunächst die Bereitschaftspolizei Oldenburg an der Bloherfelder Straße eingerichtet wurde - und dass der Weg zum Campus Haarentor von dort in fünf Minuten zu bewältigen ist, Das Alte Lehrerseminar in der Peterstraße war 1793 die Keimzelle der Universität. Die Ausstellung findet in der historischen Aula statt. Wegen des Denkmalschutzes musste beim Aufbau vorsichtig agiert werden. (Bilder: Kulturschnack) Trotz aller Widerstände gelang am 5. Dezember 1973 die formelle Gründung und im Jahr darauf die Aufnahme des Studienbetriebs. Ein Happy End war das aber noch lange nicht, denn Proteste sollten die junge Universität noch eine Weile beschäftigen: „Es ging zunächst viel um die Universität selbst, etwa weil keine Mensa gebaut wurde“, erklärt Luise Rathke, die ebenfalls ihren Master im Studiengang „Museum und Ausstellung“ macht und für das Projekt die Öffentlichkeitsarbeit übernimmt. Später habe sich die Protestkultur in Friedens- und Anti-Atomkraft-Demos fortgesetzt. Forschungslücke Protestkultur „Mir war gar nicht bewusst, dass Oldenburg so proteststark ist“, gibt Luise zu. Die Bremerin habe die Nachbarstadt immer als ruhig und beschaulich wahrgenommen. Erst durch die Arbeit an der Ausstellung sei ihr diese andere Seite der Huntestadt aufgefallen. Eine Erfahrung, die auch viele Besucher:innen machen dürften. Jennifer freut sich ebenfalls, dass die Ausstellung einige Wissenslücken schließen kann: „Die Bedeutung von Protesten für die Uni-Geschichte war bislang kaum erforscht. Wir haben jetzt verschiedene Perspektiven darauf bekommen, weil die Zeitzeug:innen noch greifbar waren.“ Wie war das damals, was habt ihr gemacht und wer war mit beteiligt? Diese Fragen habe man nun noch stellen können - und zwar an alle Beteiligte. Ob dafür oder dagegen, bei „Protest.bewegt.Uni“ kommen erfreulicherweise alle zu Wort. Generationsüberstreitender Kampf Einem größeren Kreis bekannt sein dürfte dagegen der Streit um die Namensgebung der Universität. Unvergessen ist die ungenehmigte Anbringung des Carl von Ossietzky-Schriftzugs an der Universitäts-Fassade, von der einige ikonische Fotos existieren. Der lange Weg zum Namen spielt natürlich auch in der Ausstellung eine Rolle: „Es gab sehr viele Argumente von verschiedenen Seiten“, berichtet Jennifer von den Gesprächen mit Zeitzeug:innen. Dadurch sei nachvollziehbar geworden, warum man sich so stark dafür eingesetzt habe. Letztlich sollte der Prozess achtzehn Jahre andauern und erst 1991 gelöst werden - er lief also auch über Studierenden-Generationen hinweg. „Die Bewegung hätte erlahmen oder plötzlich ein anderer Name hätte ins Spiel gebracht werden können“, gibt Luise zu bedenken. Es sei bemerkenswert, dass trotzdem an den Zielen festgehalten wurde. „Das hatte viel mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu tun“, weiß Jennifer. Das sei in jener Zeit sehr wichtig gewesen - und das gelte auch heute noch. „Generell herrschte damals die Überzeugung, dass man was tun muss, um was zu bewegen. Und das hat sich dann immer wieder zugespitzt“, erklärt Luise. In der Regel: Zum Vorteil der Universität. Passend dazu kann man in der Ausstellung selbst aktiv werden. Der Fokus liegt zwar auf dem starken Bildmaterial, informativen Texten und den Audio-Mitschnitten der Zeitzeug:innen-Gespräche. Man kann aber auch selbst Buttons kreieren oder am Plakatworkshop teilnehmen - damit man für den nächsten Protest bestens vorbereitet ist. Konstruktiv statt destruktiv Wobei man den Begriff durchaus in verschiedenen Schattierungen verstehen kann - und sollte. „Es stellt sich immer die Frage: was ist Protest, was kann Protest sein?“, betont Jennifer. Das sei auch den Zeitzeug:innen wichtig gewesen. „Proteste richten sich nicht nur gegen etwas, sie setzen ich auch für etwas ein: für die eigene Uni, für die eigenen Rechte.“ In Oldenburg seien die Proteste definitiv etwas gewesen, was die Hochschule weitergebracht habe. „Das wollten wir auch im Titel ausdrücken“, ergänzt Luise. „Damit zeigen wir, dass Protest eben sehr positiv sein und etwas bewirken kann.“. Die Ausstellung könne durchaus dazu beitragen, die Wahrnehmung von Protesten zu verändern, findet Jennifer. „Wenn man Leute darüber sprechen hört, warum sie protestieren und wie sie versuchen, ihr Anliegen rüberzubringen, dann ist das alles andere als destruktiv.“ Bei den Zeitzeug:innen habe oft der Wunsch eine Rolle gespielt, sich miteinander zu unterhalten. „Es ging darum zu sagen: Das stört uns, das wollen wir gerne, lasst uns drüber reden, vielleicht können wir was ändern.“ Macht kaputt, was euch kaputt macht? Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wessen Geschichte wird hier erzäht? Vordergründig ist es jene der Universität und ihrer Studierenden. Doch ein Blick auf die Bilder reicht aus, um zu erahnen, dass es um mehr geht. Wir tauchen ein in eine andere Zeit, in ein anderes Deutschland. Nämlich jenes der Bonner Republik, die sich in einem Spannungsfeld befand zwischen Erzkonservativen in Machtpositionen und dem Widerstand gegen diese Krusten, der sich in der RAF manifestierte. Parallel dazu verliefen große gesellschaftliche Veränderungen: Die sexuelle Revolution, die Anfänge der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die Entkriminalisierung von Homosexualität. Deutschland befand sich an einer Schnittstelle - zwischen der an Stillstand grenzenden Stabilität und dem Wunsch nach Freiheit. Dass diese Konstellation ein Nährboden für Protest war? Ist alles andere als ein Wunder. Ein Satz der Band Ton Steine Scherben wurde dabei zum Slogan, in dem sich schon 1970 der Spirit des Widerstands manifestiere: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Genau so muss sich die Situation für viele Protestierende angefühlt haben: Als etwas, das schwer auszuhalten ist. Und das betraf eben auch Themen wie das Fehlen einer Hochschule im Nordwesten - und nach ihrer Gründung der angemessener Name. Heute gibt es andere Themen, auserzählt ist die Geschichte deswegen aber keineswegs. „Das Thema Protest ist ja total aktuell“, ordnet Luise ein. „Gerade durch die Demos gegen Rechts, die jetzt in ganz Deutschland präsent sind, fühlen sich viele Menschen davon angesprochen, weil sie ganz verschiedene Generationen zusammengebracht haben.“ So dürfte die Protestkultur auf dem Campus und jenseits davon noch viele weitere Kapitel erhalten. Nicht zuletzt deshalb ist es ein Gewinn, dass junge Menschen auf eine fünfzigjährige Geschichte zurückblicken, die - wie Jennifer und Luise - selbst erst 24 Jahre alt sind. Gerade weil sie keine biographischen Bezüge zur Materie besaß, war die Gruppe junger Studierender eine Idealbesetzung für die Aufgabe. Die damit verbundene Neutralität ist genau die richtige Voraussetzung für ein emotionales Thema wie Protest. Protest.bewegt.uns „Protest.bewegt.Uni“ ist eine Zeitreise in die jüngste Vergangenheit. Das ist vor allem deshalb spannend, weil sie weit weniger thematisiert wird als frühere Epochen. Dabei sind viele wichtige Weichenstellungen - vor allem, was die Aufgeklärtheit unserer Gesellschaft angeht - erst dreißig, vierzig oder eben fünfzig Jahre her. Das Team um Jennifer und Luise hat einen Bereich freigelegt, der eine hohe gesellschaftliche Bedeutung besitzt, aber dennoch weitgehend unerforscht ist: A sweet spot of science. Es ist gerade die Überschaubarkeit der zeitlichen Dimension, die „Protest.bewegt.Uni“ zu einem starken Erlebnis macht. Dass Oldenburg, Niedersachsen, Deutschland vor rund einem halben Jahrhundert noch so viel anders waren als heute, dass man damals - und danach - noch um viel Grundsätzliches kämpfen musste und dass es für viele Forderungen nicht mal Ansätze eines Verständnisses gab: das unterscheidet sich doch sehr von heute. Deshalb eignet sich die Ausstellung auch für Menschen, die in ihrem Leben noch nie einen Campus betreten haben. Zudem zeigt sich hier sehr deutlich, dass Protest sich keineswegs immer gegen etwas richten muss. Er kann konstruktiv statt destruktiv sein. Vielleicht ist das etwas, dass man als stärkstes Learning aus der Ausstellung mitnehmen kann: Dass es sinnvoll ist, sich für etwas einzusetzen, das man erreichen oder bewahren möchte - weil es allen zugute kommt. Begreift man Protest in dieser Form, dann kann man nur sagen: Viva la revolución!
- WAS IST LIEBE?
Habt ihr euch schon mal gefragt, wie die Beziehung eines Paares aus einer Comic Serie wohl "abseits der Kamera" aussehen würde? Und könnt ihr euch noch an Olivia Öl, die Partnerin von Popeye dem Seemann (ja, der mit dem Spinat) erinnern? Im theater wrede+ könnt ihr nun erleben, wie Olivia ihre ungesunde Beziehung in Einzelteile zerlegt - und dabei bei sich selbst beginnt. LIEBE - EINE ARGUMENTATIVE ÜBUNG THEATER WREDE+ KLÄVEMANNSTR. 16 26122 OLDENBURG VORSTELLUNGSTERMINE FR. 08. MÄRZ 2024 - 20:00 UHR SA. 09. MÄRZ 2024 - 20:00 UHR FR. 05. APRIL 2024 - 20:00 UHR SA. 06. APRIL 2024 - 20:00 UHR TICKETS GIBT ES: Das, was der Begriff Liebe bedeutet - auch wenn man das vielleicht nicht denken mag - ist alles andere als in Stein gemeißelt. Er ist genau das, was wir als Gesellschaft um ihn herum definieren und über die vergangenen Jahrzehnte und auch Jahrhunderte durchlief die Liebe einem steten Wandel durch die Epochen. Von den einst rigiden Strukturen traditioneller Heteronormativität hat sich die Definition von Liebe zu einem weitreichenden Panorama entwickelt, das die gesamte Bandbreite menschlicher Sexualität und gemeinsamer Beziehungen abdeckt. Diese Transformation spiegelt nicht nur eine wachsende Toleranz wider, sondern reflektiert auch die nuancierte und komplexe Dynamik unserer ständig im Wandel begriffenen Gesellschaft. Doch auch, wenn dies alles ganz wunderbar progressiv klingen mag, ist der Idealzustand einer völlig gleichberechtigten Stellung der Geschlechter und der diversen Modelle eines gemeinsamen Lebens bei weitem noch nicht erreicht. Benachteiligungen und Diskriminierungen finden auch heute noch vor aller Augen statt. So auch bei der Gleichstellung von Mann und Frau. Zwar konnten gerade in den vergangenen Jahrzehnten viele wichtige Schritte getan und Rechte erstritten und erkämpft werden, doch bleibt auch im Jahr 2024, kurz vor dem internationalen Frauentag am 08. März, festzuhalten, dass Frauen beispielsweise noch immer im Schnitt vier mal so viel unbezahlte Arbeit verrichten wie Männer. Die Probleme sind also vielleicht präsenter als früher und vielleicht auf einem guten Wege in einigen Bereichen, doch bei weitem noch nicht gelöst. HINTER DEM COMIC So geht es laut Marga Koop, der Leiterin des theater wrede+, die das Stück "LIEBE / Eine argumentative Übung" nach Oldenburg holte, in der neuen Inszenierung auch vor allem um die Frage wie es gelingen kann, in einer Beziehung weiterhin Feministin zu bleiben. Denn Olivia, die zentrale Figur des Stückes, ist eine kluge, erfolgreiche Autorin – Popeye hingegen erfolgloser Filmemacher. Ein absoluter Gegensatz zu der damaligen, popkulturellen Erzählung des Comics, in dem der starke Popeye mit einer kräftigen Portion Spinat in den Armen die schwache, hilfsbedürftige Olivia rettet. Nicht so in diesem Stück und dem Blick, der uns abseits der damaligen Comics gewährt wird und eine völlig neue Perspektive einnimmt. Nach außen steht Olivia hier für Feminismus, doch zu Hause bei ihrem narzisstischen Mann vergisst sie ihre Reden über Emanzipation und will ihn glücklich machen. In diesem Konflikt zwischen alten Beziehungsmustern und weiblicher Selbstbestimmtheit wird Olivia zur kritischen Beobachterin ihres eigenen Liebeslebens. Wie viel ist sie bereit, für ihre Partnerschaft aufzugeben? Wie gleichberechtigt sind unsere Partnerschaften? Wie politisch ist unser Privates? Wie selten sonst schafft es das Stück hierbei weibliche Lust und Sexualität in den Fokus zu rücken und lässt einen gerade durch die großartige Idee, altbekannte Comicfiguren neu- beziehungsweise weiterzudenken, aufhorchen. EIN THEMA FÜR ALLE Doch entgegen der Erwartung, dass es bierernst auf der Bühne zugeht und sich der Zeigefinger viel auf andere richtet, ist es das große Kunststück der Textvorlage von Sivan Ben Yishai, dass diese Auseinandersetzung mit der eigenen Beziehungswelt auf sehr humorvolle sowie poetische Art und Weise von statten geht und dabei auf jegliche Opferdarstellungen verzichtet wird, erzählt das Team des Theaters. Stattdessen erwische man sich immer wieder dabei, wie man sich ohne großes Zögern quasi automatisch selbst im Gespielten erkennt und als Zuschauerin oder Zuschauer ganz von allein die eigenen Muster und Denkweisen im Miteinander einer Partnerschaft hinterfragt. Denn die menschliche Beziehung, das Empfinden von Liebe, ist etwas, das wir alle universell miteinander teilen und genau dieses Gefühl steht hier als verbindendes Element im Mittelpunkt zwischen Bühne und Publikum. Ein gemeinsames Nachdenken. Eine argumentative Übung halt. Ebenso besonders an eben dieser Übung ist, dass der ursprüngliche Text keine festgelegten, genau definierten Rollen besitzt. Stattdessen arbeitet er mit einer losen Abfolge von Spiegelstrichen, die nie genau klarmachen, wer was sagt und einen großen Raum zur Interpretation schaffen hinsichtlich der letztlichen Umsetzung auf der Bühne. Ist Olivia also überhaupt selbst auf der Bühne anwesend? Sind es ihre Gedanken, die einen Schlagabtausch miteinander führen? Hier gelingt es dem theater wrede+ mit der gewählten Form zweier nicht näher definierter Frauen, gespielt von Marga Koop selbst und Brit Bartuschka, eine passende Antwort zu finden, die innerhalb der Kulisse durch Videoprojektionen ergänzt werden und so eine Dynamik zu schaffen, die die Leute an die Hand nimmt auf dieser angeregten Fahrt durch die Höhen und Tiefen eines wahrlichen Bewusstseinsstroms einer Frau, die mit ihren eigenen Erwartungshaltungen aber auch denen der Gesellschaft an sich selbst in Klausur geht. Ein Bewusstseinsstrom, der nicht nur gut unterhält, sondern auch nachhaltig beschäftigt.
- KOLUMNE: DIE ZUKUNFT IST DIGITAL
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Spielzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Bewundernswert naiv Es wirkt, als wäre es Ewigkeiten her. Fast so, als wäre die Erinnerung daran ein Echo aus einer anderen Zeit. Doch der Kalender spricht eine klare Sprache: Gerade einmal vier Jahre sind vergangen. Was ich damit meine? Etwas, das man am liebsten vergessen würde: Am 22. März 2020 trat der allererste Corona-Lockdown in Kraft. Wie geht es Ihnen, wenn Sie daran denken? Ich gebe zu, ich tue das nur selten. Und wenn, dann haben meine Gedanken eindeutig einen negativen Vibe. Deshalb: lieber gar nicht erst damit anfangen. Immerhin aber bot diese Zeit auch einige Erkenntnisse – und es wäre ja ein Jammer, wenn wir nichts aus dieser Phase lernen würden. Dazu gehören für mich viele soziale und emotionale Themen, aber auch ein technisches, nämlich der Umgang der Kultur mit der Digitalität. Ich fand es bewundernswert, wie optimistisch damals viele Institutionen ihr Heil im Internet suchten. Es schien so, als wollte die Spielfreude irgendwo raus – wenn nicht auf der Bühne dann eben im Netz. Aus heutiger Sicht wirkt dieser ungestüme Spielreflex verständlich, aber ein wenig naiv. Letztlich war das simple Übertragen analoger Formate in ein digitales Medium keine Alternative, sondern bestenfalls eine Notlösung. Das Streaming ersetzte die Theatererfahrung nicht im Ansatz. Es fehlte an allem, was den ursprünglichen Reiz ausmachte. Und die meisten Häuser stellten resigniert fest: Was sie boten, konnte Netflix besser. Grenzenlose Möglichkeiten Trotzdem hatte dieses erzwungene Experiment seinen Wert. Die Erkenntnis „So nicht!“ war zwar ernüchternd, man konnte aber mit ihr arbeiten. Wie Theater im Digitalzeitalter tatsächlich aussehen kann, sollte sich dann zwei Jahre später herausstellen: Mit der Spielzeit 22/23 ging im Oldenburgischen Staatstheater der „Technical Ballroom“ an den Start. Obwohl als „Theater für die Digital Natives“ deklariert, bot er für Menschen jeden Alters eine spannende Erfahrung. Das traditionelle, analoge Theater wurde nahtlos mit digitalen Elementen und zeitgeistigen Inhalten kombiniert. Das Ergebnis: Nicht immer perfekt, aber intensiv, beeindruckend, mitreißend. Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis der nächste Schritt erfolgt und Digitalität in kulturellen Zusammenhängen so sehr mitgedacht wird, dass man von einer neuen Normalität sprechen kann. Das ist noch nicht der Fall. Aber: Wenn man sich den Trend zu immersiven Ausstellungen wie „Inside van Gogh“ ansieht, die ihre Besucher:innen in Kunstwerke und -welten eintauchen lassen, dann bekommt man ein Vorahnung. Solche Elemente sind nämlich ebenso in Theatern und Konzertsälen vorstellbar. Wenn man jetzt noch das Megathema KI dazu denkt, dann scheinen die Möglichkeiten grenzenlos zu sein. Kurze Atempause: Überfordert Sie das? Mich auch. Und ich gebe sogar zu: Die mediale Omnipräsenz der künstlichen Intelligenz nervt schon jetzt, noch bevor sie unser Leben tatsächlich bestimmt. Doch eines ist klar: Eine Verweigerungshaltung nützt nichts. Deshalb sollte man konstruktiv – und vielleicht sogar: positiv? – mit dem umgehen, was da kommt. Und genau das tun wir auch beim Kulturschnack. Im letzten Jahr haben wir eine Podcast-Reihe mit dem Namen „Digitalog“ gestartet. Dort besprechen wir mit Prof. Dr. Matin Butler von der Carl von Ossietzky Universität die Frage, wie sehr – und wie genau – Digitalität unser Leben beeinflusst. Und diesen Podcast holen wir nun als Live-Erlebnis auf eine Bühne. Analog meets digital Ab dem 7. März werden wir einmal pro Quartal jeweils um 19 Uhr im Oldenburger Computer-Museum über Themen der Digitalität sprechen: anschaulich, verständlich – und hoffentlich auch unterhaltsam. Bei der Premiere werden wir mit unserem Gast Carolin Becklas über „Game Studies“ und „Gamification“ sprechen und u.a. die Frage diskutieren, ob spielerische Ansätze Schwellen abbauen können oder eher zu einer Infantilisierung führen. Was das mit Kultur zu tun hat? So einiges. Denn sie bildet unser Leben ab, hinterfragt es, gibt ihm Impulse und nimmt welche auf. Und ob man will oder nicht: Unser Leben wird immer digitaler. Schreibe ich auf einem Notebook. Während ich Musik streame. Und mein Smartphone aufleuchtet. Aber trösten wir uns: Digitalität ist keine Bedrohung, der wir ausgeliefert sind – sie ist eine Veränderung, mit der wir umgehen können und die viele positive Effekte hat. Und wie bei jeder Veränderung hilft es, wenn man sie verstehen kann – anders als im März 2020, als niemand wusste, was wann wo warum geschah. Nicht zuletzt dank des Technical Ballrooms wissen wir: Kultur und Digitalität, das funktioniert! Alle anderen Lebensbereiche schauen wir uns nun im „Digitalog“ an. Denn auch wenn wir den analogen Charme von Theater- und Konzertsälen mit all ihren typischen Geräuschen, Gerüchen und Gedanken lieben, wissen wir doch eines: Die Zukunft ist digital. Machen wir das Beste draus!
- NICHTS WIE HIN (15)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei - und in Ausnahmefällen sogar vier - Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei - und manchmal sogar vier - Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- NICHTS WIE HIN (16)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- DIE WELT BRENNT
Diesen Eindruck kann man leicht gewinnen, wenn man einen Blick in aktuelle Nachrichten wagt. Krieg, Leid und Unzufriedenheit scheinen zunehmend zu wachsen. Gesellschaften werden fragiler, bisherige Gewissheiten wirken aus der Distanz bloß noch wie große Fragezeichen. Wie kann man diese Fragilität, wie kann man das gefühlte Chaos, das uns umgibt, künstlerisch verarbeiten? Eoghan Ryan hat sich mit dieser Frage in seiner aktuellen Ausstellung "Against The Day" im Edith-Russ-Haus beschäftigt. EOGHAN RYAN - AGAINST THE DAY BIS 24. MÄRZ 2024 DI. - FR. / 14:00 - 18:00 SA., SO. & FEIERTAGE / 11:00 - 18:00 EDITH-RUSS-HAUS KATHARINENSTRAßE 23 26121 OLDENBURG EINTRITT: 2,50€ / 1,50€ ERMÄßIGT Der klassische, intellektuelle Kunstbetrieb, geprägt von etablierten alteingesessenen Strukturen, bildet einen scheinbar stabilen Rahmen für die Kreation und Präsentation von Kunstwerken. Alles hat seine klaren Gesetze und Regeln. Galerien, Museen und traditionelle Kunstinstitutionen fungieren als Hüter dieser künstlerischen Ordnung dabei im wahrsten Sinne. Denn wer ein Museum betritt, den erwarten zumeist aufgeräumte, klar strukturierte Räume, wenig Ablenkung, aller Fokus und Schutz gilt den geschaffenen und vielgeschätzten Werken der Künstlerinnen und Künstler. Oft ist hierbei vom sogenannten "White Cube" die Rede, also dem Raum als Metapher für die weiße Leinwand. Doch dieses Selbstverständnis steht in starkem Kontrast zu den künstlerischen Momenten der Revolte, die in dem Werk eines Künstlers wie Eoghan Ryan Einzug halten, der mit "Against The Day" gerade seine aktuelle Ausstellung im Edith-Russ-Haus für Medienkunst zeigt. Wenn Chaos auf der Welt herrscht, wenn dieses Gefühl seinen Ausdruck letztlich auch im künstlerischen Schaffen wiederfindet, muss dann nicht auch der Schauplatz dieser Werke ein Ort der Unruhe, der Unsicherheit sein oder zumindest werden? Wände voller Chaos So ist es eigentlich nur die logische Schlussfolgerung des Ganzen, dass Eoghan Ryan genau dies versucht an die Besucherinnen und Besucher zu vermitteln, wenn man beim Herabschreiten in das Untergeschoss des Gebäudes langsam und Stück für Stück in eine Flut aus Nachrichtenfetzen, reißerischen Schlagzeilen und Bildern hineingleitet, die die Wände zieren und einen förmlich erschlagen. Eine riesige Collage, in der sich popkulturelle Referenzen und Textelemente an Fotos von hilfesuchenden Menschen auf Rettungsbooten und Politikerinnen und Politikern nahtlos aneinander reihen. Diese vergrößerten Ausschnitte sind aus einem stetig wachsenden Archiv aus Tausenden von Bildern ausgewählt, die Ryan seit fünfzehn Jahren alle zwei Wochen von seinem Vater erhält. Ryans Vater klebt diese Ausschnitte oft auf Papier auf und collagiert sie gemäß einer internen Hierarchie und Relevanz, die er in Gesprächen mit seinem Sohn festlegt. Ein diffuses Gefühl des Unwohlseins macht sich unweigerlich breit. Eine Überforderung, wie man sie vielleicht ansonsten nur vom sogenannten "Doomscrolling" kennt. Man wischt und swiped durch zahllose Nachrichten-Apps, die einen letztlich in Anbetracht der abgebildeten Weltlage verzweifelt hinterlassen. Diese bewusste Einführung von Unordnung in der künstlerischen Ausdrucksform schafft einen Dialog zwischen dem festen Gefüge der Kunstinstitutionen und der kreativen Ungebundenheit, die nach neuen Wegen der Selbstdarstellung und Gesellschaftskritik sucht. Aufstand als Ausstellung Doch noch bevor einen dieses Erlebnis erwartet, betritt man die große Eingangshalle des Edith-Russ-Hauses und steht einem kreisrunden, deckenhohen Turm aus schwarzem Vorhang gegenüber, die Eoghan Ryans neue Videoinstallation Circle A beherbergt und im Rahmen seines Stipendiums der Stiftung Niedersachsen am Edith-Russ-Haus entstand. Auf den ersten Blick ist jedoch nicht ersichtlich, ob der Turm überhaupt einen Zugang bietet. Neugierig schleicht man an seinen Rändern entlang und entdeckt schließlich doch einen Eingang. Zu sehen ist dort die Unterhaltung zwischen fünf Fremden innerhalb einer Kunstbuchhandlung. Ihre Gespräche drehen sich allesamt um den Begriff der "Anarchie", seine abstrakten Aspekte und die Frage, wie dieses Wort sowohl in der realen als auch in der imaginären Welt funktioniert. Was bedeutet der Begriff am Ende in seiner Konsequenz? Die Installation lädt dazu ein, in einem Gedankenexperiment genau darüber nachzudenken und wie man beginnen könnte, ein System aufzulösen. Es entsteht ein Bild, das Eoghan Ryan als Künstler präsentiert, der seinen Weg der Rebellion in der Kunst gefunden hat und dabei seine Umwelt so zeigt, wie er sie zu sehen scheint. In Flammen, mindestens metaphorisch.
- NEULAND UND HEIMAT
Der designierte Generalintendant Georg Heckel hat das künftige Leitungsteam des Oldenburgischen Staatstheaters vorgestellt. Das geht das Publikum eigentlich nichts an? Denkste! Denn mit den neuen Köpfen kommen auch neue Ideen, Ansätze und Überzeugungen - die letztlich in das einfließen, was wir auf der Bühne sehen werden. Donnerstagnachmittag, 17 Uhr: Trotz des leichten Nieselregens herrscht entspannte Stimmung im Großen Foyer des Oldenburgischen Staatstheaters. Menschen stehen zusammen, tauschen sich aus, diskutieren und lachen miteinander. Dass hier Großes passiert? Ist zunächst nicht zu spüren. Und tatsächlich handelt es sich bei diesem Termin um ein entspanntes Pressegespräch ohne viele Programmpunkte. Seine Bedeutung erhält das Ereignis eher durch seine langfristige Wirkung. Denn auf den Stühlen am gewohnten Ort vor den Fenstern zum Theaterwall nehmen acht Personen Platz, die ab der Theaterspielzeit 24/25 - also: ab September - einen hohen kulturellen Einfluss auf Oldenburg haben werden. Denn sie werden gemeinsam mit Georg Heckel den Weg bestimmen, den das Oldenburgische Staatstheater nehmen wird. Und lauscht man ihren Aussagen an diesem späten Nachmittag, kann man sich eine gewisse Vorfreude nicht verkneifen, denn das Wichtigste bringen alle mit: Lust auf die neue Aufgabe. Die Mischung macht's Dabei scheint die neue Führungsriege eine gute Mischung zu haben. So werden einige Positionen gar nicht neu besetzt, Hendrik Vestmann bleibt Generalmusikdirektor, Hanna Puka leitet weiterhin die Theatervermittlung, Antoine Jully das Ballett, Matthias Grön das Junge Staatstheater, Gesine Geppert die Sparte 7 und beim Niederdeutschen Schauspiel bleibt Nora Hecker an der Spitze. Und doch gab es auch den üblichen theatralischen Reigen, den ein Wechsel der Intendanz immer auslöst: Die einen folgen dem scheidenden Intendanten zu seinem neuen Ziel, in diesem Falle Karlsruhe. Die anderen kommen mit dem neuen Theaterleiter aus seiner bisherigen Wirkungsstätte, also aus Detmold. Einige Mitglieder der neuen Führungsriege hatten bisher mit keiner der beiden Städte Berührungspunkte - und für manche bedeutet die Position nach Oldenburg eine Rückkehr. Wir stellen die drei Gruppen vor. 1. Die Mitreisenden Zusammen mit Georg Heckel kommt etwa die Musiktheaterdramaturgin Anna Neudert nach Oldenburg. Die gebürtige Augsburgerin ging nach ihrem Studium in Frankfurt am Main zunächst als Dramaturgie-Assistentin nach Detmold, bevor sie dort die gleiche Position innehatte, die sie nun in Oldenburg übernimmt. „Ich bin leidenschaftlicher Musiktheaterfan“, erklärt sie, denn Musik verbinde alle Menschen. Man kann ihren Tatendrang beinahe spüren, als sie betont: „Ich freue mich auf eine größere Stadt - und auf ein sehr schönes Haus.“ Der künftige Leitende Schauspieldramaturg und Schauspieldirektor heißt Reinar Ortmann. Er war in seiner bisherigen Karriere fest im Westen der Republik verortet. Der gebürtige Gießener arbeitete in verschiedenen Positionen in Köln/Bonn, Neuss, Aachen und zuletzt als Chefdramaturg in Detmold. Der Weg in den Norden bedeutet für ihn „echtes Neuland“, wie er bekennt - doch man spürt, dass er neugierig ist auf diese Aufgabe. 2. Die Neueinsteiger Andere kommen von „außen“ nach Oldenburg, ohne tiefere Bindung zu den beiden Intendanten. Zu ihnen gehört Oliver Ringelhahn, dessen Herkunft schon nach den ersten Silben klar ist: Österreich. Er durchlief zunächst eine erfolgreiche Karriere als Sänger, seine Stationen klingen wie ein Allstar-Lineup der deutschsprachigen Opernszene: Linz, München, Dresden, Wien, Salzburg. Nach einem Studium des Kulturmanagement war er zuletzt jedoch Chefdisponent an der Oper Graz und wird in Oldenburg nun Künstlerischer Betriebsdirektor und Stellvertreter von Georg Heckel. Neuer Orchesterdirektor wird Stefan Schmidt. Der studierte Bratschist profilierte sich parallel zu seiner künstlerischen Karriere in der Orchester-Organisation sowie als Geschäftsführer freier Ensembles. „Diese Tätigkeiten kommen mir jetzt bei der Weiterentwicklung des Staatsorchesters sehr entgegen“, erklärt er. Seine allerletzten Bedenken hinsichtlich des Wechsels an ein Staatstheater seien verflogen, als er in Oldenburg auf ein tolles Team stieß. Für diese Position empfohlen wurde Schmidt übrigens von seinem Vorgänger Oliver Kersken, der zur neuen Spielzeit - natürlich - nach Karlsruhe wechselt. 3. Die Rückkehrerinnen Und dann gibt es da noch jene, die zwar eine neue Tätigkeit übernehmen, für die Oldenburg aber auch ein Stück Heimat bedeutet. Allen voran die neue Hausregisseurin Ebru Tartıcı Borchers. Sie studierte in Ankara und Salzburg Schauspiel bzw. Regie und kennt das Staatstheater durch Gast-Inszenierungen in drei Spielzeiten bereits bestens. Für „Amsterdam“ wurde sie für den Deutschen Theaterpreis 2023 nominiert. „Ich bin ein Fan des Staatstheaters“, bekennt sie bei ihrer Vorstellung und ergänzt: „Ich habe deshalb auch noch Träume für dieses Haus.“ Sie wolle mit vielen Menschen ins Gespräch kommen, um zu erfahren, was sie sich von „ihrem“ Staatstheater wünschen. Borchers wechselt nun fest ins Haus und übernimmt zudem eine unterstützende Rolle in der Schauspielleitung. Eine Rückkehr der besonderen Art vollzieht Milena Paulovics, die an diesem Abend - mit leichter Verspätung - aus Potsdam anreist, wo sie derzeit inszeniert. Bereits vor ihrem Regiestudium in Berlin war sie am Staatstheater als Regieassistentin und Abendspielleiterin beschäftigt. Nach drei Jahren zog sie damals zwar weiter, doch in ihr stieg ein Gefühl auf: „Mit dieser Stadt bin ich noch nicht fertig.“ Und so schloss sich ein Kreis, als Georg Heckel sie nun in sein Team holte, um als Leitende Regisseurin im Zusammenspiel mit Reinar Ortmann die Doppelspitze im Schauspiel zu bilden. „Für mich ist Oldenburg eine Stadt voller Erinnerungen. Sie ist Mitschuld daran, dass ich mein Herz ans Theater verloren habe.“ Und nicht zuletzt sei sie auch: ein Stück Heimat. Weniger eine Rückkehr als vielmehr eine Fortsetzung unter veränderten Vorzeichen werden die kommen Spielzeiten für Vanessa Clavey, der persönlichen Referentin des Generalintendanten. Die gebürtige Hannoveranerin wechselte nach ihrem Studium der Musik und Anglistik im Sommer 2023 als Dramaturgieassistentin für Oper und Konzert ans Oldenburgische Staatstheater und wird zur kommenden Spielzeit ihre neue Funktion übernehmen. „Ich freue mich, dass ich jemanden an meiner Seite habe, die das Haus schon gut kennt“, bekennt Georg Heckel. Auf ein Neues Die letzten zehn Theaterjahre werden die meisten Oldenburger:innen - trotz der Corona-Delle - in guter Erinnerung behalten. Viele hätten es mit dem scheidenden Generalintendanten Christian Firmbach durchaus noch länger ausgehalten. Trotzdem darf sich Oldenburg glücklich schätzen: Mit dem neuen Team kommen neue Gedanken und Gewichtungen nach Oldenburg - und allen Beteiligten konnte man trotz des Oldenburger Februarwetters die Vorfreude auf die neue Aufgabe anmerken. Auch wenn sie noch nichts zur neuen Spielzeit verraten dürfen - das kommt am 11. Mai - deutete sich bei einigen schon an, dass sie lieber heute als morgen losgalloppieren würden. Und dieses Engagement geht das Publikum sehr wohl etwas an, denn es wird eine wichtige Zutat sein für die kommenden Spielzeiten - zwischen Neuland und Heimat.
- NICHTS WIE HIN (13)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- NICHTS WIE HIN (12)
Irgendwas ist ja immer. Terminkollisionen und Wetterkapriolen, Wohlergehen und Weltgeschehen. Deswegen verpasst man immer wieder wunderbare Kulturveranstaltungen, die man eigentlich gern gesehen hätte, wenn nicht... nun ja, siehe oben. Am Schlimmsten ist aber vielleicht sogar was anderes: Der fehlende Überblick. Es ist einfach zu viel los! Deshalb gibt's von uns jetzt pro Woche drei Tipps: alle ganz unterschiedlich, aber alle absolut lohnenswert! Eines ist ja mal klar: Am Willen liegt's nicht! Die meisten von uns würden gerne sieben Tage die Woche irgendwas aus der Kultur mitnehmen. Konzert, Theater, Lesung, Kino, Ausstellung, Performance - die Möglichkeiten sind endlos. Und alles und auf ihre Weise interessant, aufregend, mitreißend, provokativ, inspirierend. Und trotzdem bleiben häufig Stühle leer, aber Couches gefüllt. Weil es halt doch nicht so einfach ist, erstmal mitzubekommen, was alles los ist es zu behalten und in den eigenen Kalender einzubauen dann tatsächlich in der Stimmung sein hinzugehen jemanden zu finden, die/der mit dabei ist und dann keinerlei Alltags-Hindernisse zu haben, wie Wetter, Wohlsein, Weltgeschehen. Einfach ausprobieren Deshalb gibt's von uns jede Woche drei Schlaglichter auf Veranstaltungen und Ereignisse, die in der kommenden Woche stattfinden und von denen wir denken: Da könnte man durchaus hingehen! Wie schauen dabei auf eine gute Mischung aus drinnen und draußen, gratis und teuer, traditionell und experimentell. Wir sagen nicht: Da ist für jeden was dabei. Wir sagen: Alles ist für jeden was! Wir sind nämlich überzeugt, dass unsere Tipps sich für alle erschließen lassen, die Lust haben, was zu entdecken. Wenn der Schlagerfan plötzlich zu Freestyle Hip-Hop abgeht, der pensionierte Bungalowbewohner in die Welt des Graffiti eintaucht oder die notorische Schulschwänzerin in der Kunstgalerie die Zeit vergisst, dann ist das genau der Effekt, den wir uns wünschen. Aber genug schwadroniert, hier sind die Tipps für diese Woche:
- ÜBER FRIEDEN STRICKEN
Bei diesem Titel mag man vielleicht, völlig zu Recht, zuerst an "irgendwas mit Kleidung" denken, obwohl es eigentlich um ein Buch geht. Ein wichtiges Buch, das berührende, erheiternde und klare Worte zu den großen Fragen unseres Lebens bereithält und das diesen Donnerstag seine Premiere feiert! Warum ihr an dieser teilnehmen solltet, lest ihr hier! WIR STRICKEN GESCHICHTEN - BUCHPREMIERE - DO., 15. FEBRUAR 2024 - 17:30 UHR KULTURZENTRUM PFLPETERSTRAßE 3 26121 OLDENBURG Denn dahinter verbirgt sich das Ergebnis des Schreib- und Erzählprojektes "Wir stricken Geschichten", bei dem über 120 Personen, ganz unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Einrichtungen zwischen Sommer und Winter 2023 kreativ ihre Gedanken zur alles prägenden Frage "Wo finde ich Frieden?" in Wort und Bild ausdrückten. Ein besonderer und vor allem intimer Raum für einen solchen Schreib- und Erzählprozess war durch die beiden gestrickten und gehäkelten Zelte gegeben, die 2020 im Rahmen des Farbenfroh Kulturfestivals Kreyenbrück entstanden waren. Dieser kollaborative Schaffensprozess ließ nun letzten Endes ein Buch entstehen, veröffentlicht im Geest-Verlag, das diesen Donnerstag im Kulturzentrum PFL seine Premiere feiert und an der auch ihr selbstverständlich teilnehmen könnt! Denn welches Thema könnte uns ALLE, im Anbetracht der aktuellen Lage unserer Welt und den Geschehnissen der letzten Jahre, mehr angehen als die Frage nach Frieden? Vor Ort werden einzelne Teilnehmende des Projekts erstmals Auszüge aus ihren Texten präsentieren und dabei von musikalischen Darbietungen von Schülerinnen und Schülern der Musikschule der Stadt Oldenburg begleitet. Manchmal sind es hierbei gerade die vermeintlich einfacheren Formulierungen eines Kindes, die eine ungemeine Tragweite entfalten ... "Ich mag alle Farben, weil alle Farben etwas Besonderes sind, genau wie jeder Mensch." - Hanin Alkhalag, 11 Jahre Ein Zeichen in Zeiten der Unsicherheit Wir alle bekommen täglich mit, wie sich globale Spannungen immer weiter zuspitzen. Vermutlich hätte vor einigen Jahren kaum einer von uns damit gerechnet, dass das Thema des Krieges so präsent für uns alle sein würde. Wir hatten es uns in dem Gedanken allzu gemütlich gemacht, dass Krieg in unserer westlichen Demokratie eine Sache der Vergangenheit sei. Doch Menschen auf der ganzen Welt sind mit den Auswirkungen von Kriegen konfrontiert, sei es durch direkte Betroffenheit oder indirekte Einflüsse auf ihre Lebensqualität. In eben genau dieser düsteren Realität bieten kreative Initiativen wie "Wir stricken Geschichten" einen Raum, der Hoffnung gibt, in dem individuelle Stimmen zu Wort kommen können und für Frieden und Verständigung eintreten. Ein solches Projekt trägt nicht nur dazu bei, die persönlichen Perspektiven auf Frieden zu reflektieren, sondern setzt auch ein wichtiges Signal für die Notwendigkeit einer gemeinsamen Anstrengung zur Bewältigung solcher immensen Herausforderungen. Der Austausch von Gedanken und Geschichten über die Suche nach Frieden schafft eine Plattform, auf der Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenkommen und ihre gemeinsamen Werte betonen können. Schaut also gerne bei der Premiere des Buches vorbei und setzt mit allen Anwesenden ein kleines, aber wichtiges Zeichen: Dass jedes Individuum und jede Gemeinschaft einen Beitrag zu einer friedvolleren Welt leisten kann – ein Beitrag, der im Kollektiv zu einem bedeutenden Wandel führen kann.











