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ALLES PRIMA?

Manche Theaterstoffe kommentieren ein Thema derart pointiert, dass sie stärker wirken als jede ausführliche Analyse. Zu ihnen gehört „Prima Facie“ von Suzie Miller. Die schonungslose Abrechnung mit einem fehlerhaften Rechtssystem ist nun im Staatstheater zu sehen. Wir haben mit Regisseurin Franziska Stuhr über das Stück gesprochen. Dabei erfahren wir, warum es derzeit auf vielen Spielplänen steht, weshalb gerade Monologe Dialog brauchen und wieso „Frauenthemen“ auch Männer betreffen.


Schauspielerin Rebecca Seidel als Tessa Ensler in Prima facie am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg
Die Welt steht Kopf: Für die erfolgreiche Strafverteidigerin Tessa Ensler ändert sich plötzlich alles. (Bild: Lukasz Lawicki)

Es ist paradox: Eigentlich gelten Paragraphen und Gesetzestexte als hochgradig langweilig. So etwas freiwillig lesen? Niemals! Dennoch erzielen Justizthriller im Buchhandel oder an den Theater- und Kinokassen immer wieder starke Ergebnisse. Einen gewissen Reiz scheint das Rechtssystem also doch zu haben. Oder ist es eher der kreative Umgang mit ihm?


Tatsächlich spiegelt der Gerichtssaal das menschliche Leben einschließlich seiner Fehlbarkeiten: Er produziert Ungerechtigkeiten, obwohl das genaue Gegenteil beabsichtigt ist - und manche von ihnen sind systemisch. Genau davon handelt Prima Facie: Inspiriert von der #MeToo-Bewegung hat die australische Autorin Suzie Miller die Frage gestellt, wie die Justiz mit den Opfern sexueller Übergriffe umgeht. Wer John Grisham oder Michael Connelly liebt, sei also gewarnt: Hier geht es nicht um gewiefte Advokaten, hier wird das System selbst angeklagt. Aber: Das ist spannender und mitreißender als jedes Kanzleidrama.


 

PRIMA FACIE

VON SUZIE MILLER


FR 08.03., MI 13.03.*, SA 16.03.,

SA 23.03., DI 26.03.*, MI 03.04.,

SA 13.04., MI 24.04., DO 25.04.*,

SA 28.04., FR 10.05., FR 17.05.


BEGINN: 20 UHR


OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER

KLEINES HAUS

26122 OLDENBURG



* DIE VORSTELLUNGEN AM 13.03., 26.03. UND 25.04. FINDEN IM GROßEN HAUS STATT UND BEGINNEN UM 19.30 UHR


 

Die große Entzauberung

Suzie Miller weiß, wovon sie spricht. Etliche Jahre hat sie als Strafverteidigerin gearbeitet, kennt das System also aus dem Inneren und den praktischen Umgang mit ihm. Bei ihrem Werk handelt es sich aber nicht um den berühmten Blick zurück im Zorn. Ihre Protagonistin durchlebt - vermutlich ebenso wie Miller selbst - eine Entzauberung der Justiz als neutrale Instanz und dabei eine ganz persönliche Desillusionierung.


Diesen Prozess mit „Prima Facie“ zu überschreiben, war ein kluger Schachzug. Diese Begrifflichkeit aus dem Rechtswesen bedeutet nämlich „dem ersten Anschein nach“ oder „bis zum Beweis des Gegenteils“. Ob dieser erste Eindruck richtig ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle, solange er nicht widerlegt wird.


Genau dieses Prinzip trifft auch auf die Justiz selbst zu: Der Gang zum Gericht ist „anscheinend“ der Weg zur Gerechtigkeit. Schließlich wird dort Recht gesprochen, objektiv und neutral. Aber: Wer genauer hinschaut, wird manche Regelung finden, die eben jenen Weg zur Gerechtigkeit nicht etwa eröffnet, sondern regelrecht versperrt.



Lücken im System


Genau hingeschaut hat damals Suzie Miller, nun übernimmt ihre Protagonistin diesen Part. Tessa Ensler (gespielt von Rebecca Seidel) ist erfolgreiche Strafverteidigerin in London. Eine Spezialität der Anfang-Dreißigjährigen: Die Verteidigung vermeintlicher Sexualstraftäter. Sie vertraut in das ehrwürdige britische Rechtssystem und ist stolz darauf, für ihre Mandanten in der Regel Freisprüche zu erreichen. Alles prima also?


Nein. Eines Tages wird Tessa nämlich selbst zum Opfer eines sexuellen Übergriffs, ausgerechnet durch einen Kollegen. Sie entscheidet sich für eine Anklage und findet sich plötzlich auf der anderen Seite des Gerichtssaals wieder. Sie weiß: Obwohl sie sich bestens mit den Paragraphen auskennt, stehen ihre Chancen auf eine Verurteilung des Vergewaltigers schlecht. In Großbritannien enden nur 1,3% solcher Fälle mit einer Verurteilung. Dennoch ist sie bereit, all die Untersuchungen, Befragungen, Unterstellungen zu erdulden. Schließlich geht es um ihr Recht.


Tessa muss ihren Blick aufs System neu justieren - und nimmt das Publikum dabei mit. Das passiert in Form eines atmosphärischen, emotionalen, mitreißenden Monologs. Man hört die Beteiligten durch Tessas Stimme, man verfolgt den Prozess mit ihren Augen, man fühlt die Erniedrigung mit ihrem Herzen. Dadurch wird erstmals nicht auf das Opfer geschaut, sondern ihre eigenen Eindrücke in den Mittelpunkt gerückt. Dieser Perspektivwechsel war überfällig, denn die nötige Empathie kommt in solchen Prozessen in der Regel zu kurz. Ganz nach dem Motto: Irgendeinen Grund wird der Täter für seine Tat schon gehabt haben.



Das Stück der Stunde


„Prima Facie“ ist ohne Zweifel das Stück der Stunde. Es ist so brandaktuell, hochrelevant und bestechend gut, dass es in Deutschland derzeit in einem Dutzend Theatern gespielt wird. In Oldenburg haben wir das große Glück, eine eigene Inszenierung sehen zu können. Übernommen hat sie Franziska Stuhr, die hier u.a. durch „Scherbenpark“, „Die Mitte der Welt“ oder „Über meine Leiche“ noch bestens bekannt ist. Wir haben uns kurz vor der Premiere frühmorgens mit ihr in der Theaterkantine getroffen - denn der Rest ihres Tages bestand aus: Proben, Proben, Proben.



 


Franziska, das Stück „Prima Facie“ ist schon einige Jahre alt. Es wirkt aber, als sei es gestern geschrieben worden. Wie ist es ausgerechnet jetzt auf den Spielplan des Staatstheaters gerückt?


Es hat ja in Australien und England viele Preise gewonnen. Im letzten Jahr lief es erfolgreich am Broadway in New York und hat dort ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen. Anfang des Jahres ist es außerdem als Roman erschienen. Viele Theater haben das Potenzial in dem Stoff gesehen und so war es auch beim Staatstheater. Von dort aus kam man auf mich zu und hat gefragt, ob ich mir vorstellen könne, die Regie zu übernehmen. Ich konnte!


Franziska Stuhr auf dem Platz vor der Exerzierhalle in Oldenburg
Momente der Ruhe: Bei der Entwicklung anspruchsvoller Inhalte wie „Prima Facie“ braucht es für Franziska Stuhr auch mal eine Pause. (Bild Heide Prange)

Wie war es, als du das Stück gelesen hast? Erinnerst du dich an deine Gedanken dazu?


Es ist ja ein recht harter Stoff, es geht um sexualisierte Gewalt. Da muss man erstmal abklopfen: Will ich mich da überhaupt reinbegeben, über viele Wochen hinweg? Dann habe ich geschaut, ob der Stoff textlich für mich in Ordnung geht. Hier haben wir ja ein Thema, wo man sehr genau darauf achten sollte, wie es erzählt wird. Es gibt viele Stücke über Falschanschuldigungen, die in der Realität aber praktisch kaum vorkommen - so etwas möchte ich nicht unterstützten. „Prima Facie“ ist aber eine andere Geschichte, die sehr gut erzählt ist und viele Teilaspekte berücksichtigt. Das ist sehr vielschichtig, beinahe ein Mosaik. Schnell war klar: Das ist unterstützenswert, das möchte ich sehr, sehr gerne. Auch in dieser Stadt.


Wie liest denn eine Regisseurin? Hast du dabei sofort Vorstellungen, wie der Stoff auf der Bühne aussehen könnte? Oder entsteht so etwas erst viel später?


Ich habe dabei auf jeden Fall eine szenische Fantasie. Das ist für mich auch eine Qualität eines Textes, wenn ich beim Lesen direkt Bilder, Stimmungen, Gefühle im Kopf habe. Es kann auch sein, dass ich direkt anfange, mir einen Bühnenraum vorzustellen oder ein Setting, in dem das spielt. Und manchmal sind da auch schon einzelne szenische Momente. Für mich ist es aber ganz wichtig, die Stücke zusammen zu entwickeln. Ich habe meine Anfangsfantasie, aber dann schauen wir, wie wir sie zusammen weiter entwickeln können. Ich will nicht festgelegt sein. Wenn ich von vornherein schon jedes Bild im Kopf hätte, dann würde ich eben Filme machen. Theater ist eher eine Mischung: Was kommt mir, was entsteht und was fügen wir gemeinsam hinzu?


„Prima Facie“ ist ja ohne Zweifel das Theaterstück dieser Saison. Macht ihr damit das richtige Angebot zur richtigen Zeit?


Es gibt tatsächlich ein großes Interesse an dem Thema. Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass „Prima Facie“ eine weibliche Antwort auf den Ferdinand von Schirach-Kanon ist („Terror“ und „Gott“ waren am Staatstheater zu sehen, Anm. d. Red.), der sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Es gibt auf jeden Fall eine gewisse Tradition und ein großes Interesse an solchen Justizstücken. Suzie Miller war ja selber Strafverteidigerin, sie kennt das System sehr gut. Es scheint eine Sehnsucht gegeben zu haben, da auch eine weibliche Stimme zu hören. Gerade bei so einem Thema ist ja besonders wichtig: Wer erzählt das eigentlich, wer hat das geschrieben?



Rebecca Seidel als Tessa Ensler in Prima facie im Oldenburgischen Staatstheater
Erfolgreich und selbstbewusst: Tessas Status schützt sie jedoch nicht davor, selbst ein Opfer zu werden. (Bild: Lukasz Lawicki)


Das Thema ist ja die eine Seite, die Umsetzung die andere. Was macht denn für dich die Stärke des Stücks aus? Was ist für dich das herausragende Merkmal?


Im Stück ist eine Figur zu sehen, die man anfänglich als wahnsinnig stark wahrnimmt, als sehr souverän und sehr eigenständig. Der dann aber ein Verbrechen widerfährt und die sich daraufhin entschließen muss, den Täter anzuklagen. Obwohl sie weiß, wie gering ihre Chance statistisch ist, den Prozess zu gewinnen. Obwohl sie weiß, was das an Befragungen durch die Polizei und an medizinischen Untersuchungen bedeutet. Diese ganzen Aspekte bekommen wir von einer einzigen Frau geschildert: Jede Person, die spricht, hören wir durch sie. Dadurch bekommen wir eine vollkommen weibliche Perspektive auf den Täter, auf die Familie, auf die Kolleg:innen, auf das System. Das ist für mich eine enorme Qualität, weil sonst oft über betroffene Frauen gesprochen wird, ohne dass sie selbst zu Wort kommen. Und wenn selbst diese Person, die das System komplett kennt, die darin virtuos ist, die alle Regeln kennt, die wahnsinnig wortgewandt ist - wenn sie dies nicht schafft, wer soll dann so einen Prozess gewinnen?


Was ist denn der Kern dieses Stücks? Geht es um das Schicksal der Protagonistin? Oder geht es genauso sehr um das System und die Verzweiflung, die man angesichts dessen haben könnte?


Letzteres spielt durchaus eine wichtige Rolle. Das Schöne ist aber, dass ich das eben nicht trocken auf Papier durchlesen muss, sondern dass wir am Theater den Vorteil haben, dass wir Dinge über Emotionen und vor allem über Geschichten erzählen können. An einer Stelle sagt die Figur der Tessa übrigens: Eine gute Verteidigerin erzählt lediglich die beste Geschichte ihres Mandanten. Wir erfahren also auch etwas darüber, was Verteidigung und Interessenvertretung mit Theater zu tun haben. Letztlich erzählen wir eine Geschichte, in der es wieder um verschiedene Geschichten geht. Das ist sehr theaterimmanent. Aber auch die Erzählung selbst ist einfach spannend: Wenn jemand in einen Prozess geht und eigentlich von vornherein sagt, „Ich weiß, wie schlecht meine Chancen stehen“, dann will ich einfach fragen: Warum macht sie das? Was passiert da? Was ist der Antrieb? Und auch: Wie reagieren die anderen?


„Diskursgewitter“ zu Prima Facie Gewalt vor Gericht Zu einem Thema wie diesem kann es gar nicht genug Kontext geben. Neben einer Einführung vor dem Stück und Büchertischen mit Literatur zum Thema von der Buchhandlung Isensee hat die Sparte 7 des Staatstheaters ein Diskursgewitter zu „Prima Facie“ organisiert. Zu Gast wird Prof. Dr. Ulrike Lembke sein.

Sie ist freie Rechtswissenschaftlerin und Richterin des Verfassungsgerichtshofes des Landes Berlin. Zu ihren Schwerpunkten gehören Antidiskriminierungsrecht und rechtliche Geschlechterstudien, insbesondere auch Gewalt im Geschlechterverhältnis. Beim Diskursgewitter stellt sie die Rahmenbedingungen für ein juristisches Vorgehen gegen sexualisierte Gewalt vor, um anschließend mit dem Produktionsteam von ‚Prima Facie‘ ins Gespräch zu kommen. Dabei wird es um sexualisierte Gewalt und die Hindernisse ihrer Bekämpfung gehen, aber auch darum, wie sie im Theater und vor Gericht eine Bühne bekommt, ohne dass Bilder sexualisierter Gewalt reproduziert werden.


Muss man die Befürchtung haben, dass manche Momente schwer auszuhalten sind? Oder ist da immer noch so ein bisschen Distanz?


Was auf jeden Fall eine gewisse Distanz schafft, ist die Tatsache, dass wir nichts 1:1 darstellen, weil wir eben nur eine Person auf der Bühne haben. In der Sprache ist es aber schon eine sehr explizite Schilderung. Es geht ja sehr konkret darum zu verstehen, was da stattgefunden hat. Wir haben uns gefragt: Wie viel braucht man, um es zu verstehen - und was ist zu viel? Manchmal reicht es schon, wenn die Schauspielerin im entscheidenden Moment nicht liegt, sondern sitzt und erzählt - weil die Sprache allein so stark wirkt. Es gibt jedenfalls keine konkrete Darstellung. weil es nicht darum geht, irgendeine Form von Voyeurismus zu bedienen. Letztlich geht es ja um eine Gewaltschilderung, auf keinen Fall um etwas Lustvolles - und das ist natürlich hart.


Du hast es ja gerade erwähnt: Auf der Bühne handelt und spricht nur eine Person. Wie ist das eigentlich für dich als Regisseurin? Hast du dann weniger Möglichkeiten? Oder eröffnen sich ganz neue?


Es ist auf jeden Fall anders als mit einem großen Ensemble. Aber für mich macht das ganz viel auf. Gerade mit Rebecca habe ich immer das Gefühl, alle Möglichkeiten zu haben, weil ich ganz genau weiß, dass ich mit ihr gemeinsam alles ausprobieren kann. Natürlich bedeutet das, dass es im Stück keine fünf Leute geben wird, die im Nebellicht über ein Feld wandern, aber das war hier auch nicht gefragt. Ich würde sagen, was ich irgendwo an Möglichkeiten verliere, wird durch die Freiheit der Zusammenarbeit mehr als ausgeglichen.


Franziska Stuhr und Rebecca Seidel gehören auch zu den Initiator:innen der wunderbaren „Sheroes“ der Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters
Dream Team: Franziska (links) und Rebecca (rechts) gehören auch zu den Initiator:innen der wunderbaren „Sheroes“ der Sparte 7 des Staatstheaters. (Bild: Stephan Walzl)

Ich finde diese reduzierte Arbeitsweise sehr spannend. Wenn ich etwas wirklich reduziere auf Spiel, Sprache, Licht und ein festes Bühnenbild - was kann dann schon alles entstehen? Ohne eine riesige Effekt-Show? Das ist immer wieder eine tolle Erfahrung, eben weil sie so nah dran ist am ursprünglichen Theater. Was braucht es denn wirklich? Eine gute Geschichte. Eine Person, die sie spielt. Und eine Bühne, die etwas Widerstand gibt.


Entspricht das Ergebnis am Ende dann eigentlich deinen Erwartungen? Oder wirst du manchmal selbst überrascht?


Eine Stärke des Theaters ist ja, dass man viel ausprobiert und dass wir die Freiheit haben, auch mal zwanzig Entwürfe zu machen, bis man schließlich merkt: Der ist es! Proben kommt von probieren und das sollte man wirklich ernst nehmen und nicht einfach mit dem Erstbesten vorliebnehmen. Stattdessen sollte man immer wieder rangehen und immer wieder sagen: 'Na komm, da geht noch was! Das können wir noch anders probieren'. Das finde ich ganz toll. Und insofern lasse ich mich auch gern überraschen.



Rebecca Seidel als Tessa Ensler in Prima Facie am Oldenburgischen Staatstheater
Zum Schreien: Tessas Schicksal ist leider kein Einzelfall. (Bild: Lukasz Lawicki)

Es dürfte kein Zufall sein, dass ihr eure Premiere am Weltfrauentag feiert. Was würdest du denn einem Mann sagen, der sagt, „Prima Facie“ sei ein Stück für Frauen?


Dem würde ich sagen, dass es genauso ein Stück für ihn ist - vielleicht sogar ganz besonders für ihn. Es kommt ja immer wieder vor, dass Gewalt gegen Frauen als Frauenthema verhandelt wird. Aber die Frage ist ja: Von wem kommt die Gewalt? Die hat ja einen Ursprung. Es geht nicht darum zu sagen: Alle Männer, die im Theater sitzen, sind potenzielle Täter. Dass ich als Mann nicht davon betroffen sein kann, heißt allerdings nicht, dass ich mich nicht damit befassen musst. Ich kann ja auch nicht sagen: Ich muss mich nicht mit Rassismus beschäftigen, denn ich bin ja weiß. Gerade dann muss ich doch mich weiterbilden und überlegen: Wie kann ich ein:e gute:r Verbündete:r sein? Wie kann ich helfen? Wie kann ich mich dazu positionieren? Und auch: Wie will ich meine Kinder erziehen? Wie will ich meine Söhne erziehen? Man könnte sich alle Frauenhäuser sparen, wenn es weniger Täter gäbe. Deswegen ist es ein ganz großes Missverständnis, wenn man sagt: Geschichten, die von Frauen handeln, sind Frauengeschichten. Sie betreffen uns alle.



 


Keine Frauensache

Auf den ersten Blick ist es tatsächlich überraschend, welch große Faszination Justizdramen auf das Publikum ausüben. Stücke wie „Prima Facie“ zeigen jedoch eindrucksvoll, warum diese Stoffe so gut funktionieren: Nämlich weil sie selbst eine Bühne des Lebens sind - und weil sie dessen Geschichten auf neutralem Boden zuspitzen.


Nach Schirachs „Terror“ und „Gott“ bringt das Oldenburgische Staatstheater mit „Prima facie“ einen Stoff auf die Bühne, der thematisch einen wichtigen Akzent setzt, aber ebenso ein starkes Stück Theater ist. Franziska Stuhr und Rebecca Seidel - die bereits zusammen studierten - beweisen, dass häufige Zusammenarbeit nicht etwa zu Abnutzungen, sondern zu Höhepunkten führt.


Der erste Anschein täuscht in diesem Fall nicht: Der positive Eindruck wird im Laufe der Aufführung nicht etwa widerlegt, sondern immer weiter verstärkt. Unser Rat: Schaut euch das an - und das gilt ganz explizit nicht nur für Frauen, sondern auch für alle anderen, ganz speziell die Männer. Sie können hier eine Erfahrung machen, die ihnen normalerweise verwehrt bleibt: die Welt mit den Augen einer Frau zu betrachten. Und deshalb ist mit Blick auf das Stück selbst tatsächlich: alles prima!

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