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KOLUMNE: DIE ZUKUNFT IST DIGITAL

Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Spielzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.




Bewundernswert naiv


 Es wirkt, als wäre es Ewigkeiten her. Fast so, als wäre die Erinnerung daran ein Echo aus einer anderen Zeit. Doch der Kalender spricht eine klare Sprache: Gerade einmal vier Jahre sind vergangen. Was ich damit meine? Etwas, das man am liebsten vergessen würde: Am 22. März 2020 trat der allererste Corona-Lockdown in Kraft.

 

Wie geht es Ihnen, wenn Sie daran denken? Ich gebe zu, ich tue das nur selten. Und wenn, dann haben meine Gedanken eindeutig einen negativen Vibe. Deshalb: lieber gar nicht erst damit anfangen. Immerhin aber bot diese Zeit auch einige Erkenntnisse – und es wäre ja ein Jammer, wenn wir nichts aus dieser Phase lernen würden. Dazu gehören für mich viele soziale und emotionale Themen, aber auch ein technisches, nämlich der Umgang der Kultur mit der Digitalität.


Ich fand es bewundernswert, wie optimistisch damals viele Institutionen ihr Heil im Internet suchten. Es schien so, als wollte die Spielfreude irgendwo raus – wenn nicht auf der Bühne dann eben im Netz.

Aus heutiger Sicht wirkt dieser ungestüme Spielreflex verständlich, aber ein wenig naiv. Letztlich war das simple Übertragen analoger Formate in ein digitales Medium keine Alternative, sondern bestenfalls eine Notlösung. Das Streaming ersetzte die Theatererfahrung nicht im Ansatz. Es fehlte an allem, was den ursprünglichen Reiz ausmachte. Und die meisten Häuser stellten resigniert fest: Was sie boten, konnte Netflix besser.

 


Grenzenlose Möglichkeiten


Trotzdem hatte dieses erzwungene Experiment seinen Wert. Die Erkenntnis „So nicht!“ war zwar ernüchternd, man konnte aber mit ihr arbeiten. Wie Theater im Digitalzeitalter tatsächlich aussehen kann, sollte sich dann zwei Jahre später herausstellen: Mit der Spielzeit 22/23 ging im Oldenburgischen Staatstheater der „Technical Ballroom“ an den Start. Obwohl als „Theater für die Digital Natives“ deklariert, bot er für Menschen jeden Alters eine spannende Erfahrung. Das traditionelle, analoge Theater wurde nahtlos mit digitalen Elementen und zeitgeistigen Inhalten kombiniert. Das Ergebnis: Nicht immer perfekt, aber intensiv, beeindruckend, mitreißend.

 

Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis der nächste Schritt erfolgt und Digitalität in kulturellen Zusammenhängen so sehr mitgedacht wird, dass man von einer neuen Normalität sprechen kann.

Das ist noch nicht der Fall. Aber: Wenn man sich den Trend zu immersiven Ausstellungen wie „Inside van Gogh“ ansieht, die ihre Besucher:innen in Kunstwerke und -welten eintauchen lassen, dann bekommt man ein Vorahnung. Solche Elemente sind nämlich ebenso in Theatern und Konzertsälen vorstellbar. Wenn man jetzt noch das Megathema KI dazu denkt, dann scheinen die Möglichkeiten grenzenlos zu sein.

 

Kurze Atempause: Überfordert Sie das? Mich auch. Und ich gebe sogar zu: Die mediale Omnipräsenz der künstlichen Intelligenz nervt schon jetzt, noch bevor sie unser Leben tatsächlich bestimmt. Doch eines ist klar: Eine Verweigerungshaltung nützt nichts. Deshalb sollte man konstruktiv – und vielleicht sogar: positiv? – mit dem umgehen, was da kommt. Und genau das tun wir auch beim Kulturschnack. Im letzten Jahr haben wir eine Podcast-Reihe mit dem Namen „Digitalog“ gestartet. Dort besprechen wir mit Prof. Dr. Matin Butler von der Carl von Ossietzky Universität die Frage, wie sehr – und wie genau – Digitalität unser Leben beeinflusst. Und diesen Podcast holen wir nun als Live-Erlebnis auf eine Bühne.



Analog meets digital

 

Ab dem 7. März werden wir einmal pro Quartal jeweils um 19 Uhr im Oldenburger Computer-Museum über Themen der Digitalität sprechen: anschaulich, verständlich – und hoffentlich auch unterhaltsam. Bei der Premiere werden wir mit unserem Gast Carolin Becklas über „Game Studies“ und „Gamification“ sprechen und u.a. die Frage diskutieren, ob spielerische Ansätze Schwellen abbauen können oder eher zu einer Infantilisierung führen. Was das mit Kultur zu tun hat? So einiges. Denn sie bildet unser Leben ab, hinterfragt es, gibt ihm Impulse und nimmt welche auf.


Und ob man will oder nicht: Unser Leben wird immer digitaler. Schreibe ich auf einem Notebook. Während ich Musik streame. Und mein Smartphone aufleuchtet.

 

Aber trösten wir uns: Digitalität ist keine Bedrohung, der wir ausgeliefert sind – sie ist eine Veränderung, mit der wir umgehen können und die viele positive Effekte hat. Und wie bei jeder Veränderung hilft es, wenn man sie verstehen kann – anders als im März 2020, als niemand wusste, was wann wo warum geschah. Nicht zuletzt dank des Technical Ballrooms wissen wir: Kultur und Digitalität, das funktioniert! Alle anderen Lebensbereiche schauen wir uns nun im „Digitalog“ an. Denn auch wenn wir den analogen Charme von Theater- und Konzertsälen mit all ihren typischen Geräuschen, Gerüchen und Gedanken lieben, wissen wir doch eines: Die Zukunft ist digital. Machen wir das Beste draus!

 



 

 

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