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- PLAKAT-KUNST: BITTE UM AUSHANG!
So steht es auf manchen der Plakate, die jetzt im Oldenburger Schloss ausgestellt sind. Gefaltet, mit Briefmarke versehen, manchmal mit Tesafilm geklebt. Museen und Galerien schickten sich in den 1950er und 60er Jahren (und zum Teil bis heute) gegenseitig ihre Ausstellungsplakate zu – zur Werbung, zum Aushängen. Dass daraus einmal Sammlungsobjekte werden würden? Daran dachte damals niemand. Das Plakat zur Ausstellung wurde eigens in Auftrag gegeben und ist nun selbst Teil der Geschichte. (Bild: Sven Adelaide) Doch genau das ist passiert. Was einst gefaltet durch die Post ging, hängt jetzt gerahmt an der Wand. Das Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg hat über die Jahre rund 3.000 solcher Plakate gesammelt. Jetzt, nach zwei Jahren Forschungsarbeit, zeigt es eine Auswahl davon – gemeinsam mit bekannten Werken der Künstler, die diese Plakate einst gestalteten. Dabei wäre die Sammlung fast im Verborgenen geblieben. Jahrzehntelang schlummerten die Plakate im Museumsarchiv. Erst als das Prinzenpalais zwischen 2018 und 2020 saniert und das Archiv neu aufgestellt wurde, fiel auf: Das hier ist etwas ganz Besonderes. Was jahrzehntelang herumlag, entpuppte sich als Schatz. Aus Werbung wurde kulturelles Erbe. Authentisch bis zum Tesastreifen Das Spannende: Die Plakate wurden für die Ausstellung „Plakat - Kunst" nicht restauriert. Knicke, Falten, Tesafilm-Reste – alles bleibt sichtbar. „Wir haben uns entschieden, die Plakate genau so zu zeigen, mit all ihren Gebrauchsspuren", erklärt Kuratorin Runa König im Ausstellungsrundgang. Denn genau dafür waren sie gedacht: zum Gebrauchen. Man sieht an den Plakaten, dass sie gereist sind, in Museumsfluren hingen, wieder abgenommen und weggelegt wurden. Diese Authentizität macht die Ausstellung besonders. Hier wird nichts glorifiziert – hier wird Geschichte sichtbar gemacht. PLAKAT - KUNST AUS DEM LANDESMUSEUM OLDENBURG 31 JANUAR 2026 - 21 JUNI 2026 LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR OLDENBURG SCHLOSSPLATZ 1 26122 OLDENBURG EINTRITT: 9€ / 6€ ERMÄSSIGT Jedes Plakat eine Nummer Gefaltet, verschickt, ausgehängt und jetzt digitalisiert: Rupprecht Geiger, Ausstellungsplakat, 1966 (Bild: Sven Adelaide) Runa König und ihre Assistenz Marina Krause haben in den vergangenen zwei Jahren jeden einzelnen dieser Ausstellungshinweise sortiert, inventarisiert und digitalisiert. Was das bedeutet, wird greifbar, wenn man sich die Arbeit vorstellt: 10 bis 15 Plakate täglich, über viele Monate. Jedes einzelne angefasst, ausgemessen, fotografiert, beschriftet, recherchiert, eingeordnet. Nun hat jedes Plakat eine eigene Inventarnummer, ist Teil der Sammlung Online (Suchbegriff: Ausstellungsplakat ), gehört offiziell zum Bestand. Aus Werbematerial wurde also Kunst- und Kulturgeschichte. Das Besondere: Viele dieser Plakate stammen von Künstlern, die heute längst einen großen Namen haben. Oskar Kokoschka, Emil Schumacher, Günter Fruhtrunk, Rupprecht Geiger – sie alle entwarfen Plakate für ihre eigenen Ausstellungen. Und das Landesmuseum besitzt obendrein nicht nur Plakate dieser bekannten Künstler, sondern auch einige ihrer Werke. Darunter Druckgrafiken, Gemälde und Skulpturen. Kunst unter Freunden Horst Janssen zum Beispiel, den viele aus dem gleichnamigen Museum in Oldenburg kennen, gestaltete nicht nur Plakate für seine eigenen Ausstellungen. Er entwarf sie auch für Freunde, wie den Galeristen Brockstedt in Hamburg. Zwischen Aufbruch und Zerstörung: HAP Grieshabers Plakat für die 1900-Jahre-Feier in Köln, 1950 (Bild: Kulturschnack) Sie waren Nachbarn, eng befreundet. Janssen entwarf sogar Plakate für Klingenausstellungen und Jubiläen der Galerie. Ein Beispiel dafür, wie informell der Kunstbetrieb damals funktionierte: über Freundschaften, Netzwerke und gegenseitige Unterstützung. Eine der eindrücklichsten Geschichten erzählt ein Plakat von HAP Grieshaber für die 1900-Jahre-Stadtfeier in Köln aus dem Jahr 1950. Köln war zu dieser Zeit „noch nicht wirklich aufgebaut", wie Runa König sagt. Aber man entschied sich trotzdem für eine Stadtfeier – als Signal, dass es weitergeht. Grieshabers Plakat jubelt nicht. Es zeigt Ruinen, etwas Düsteres, fast Endzeitliches. Kein „Hurra!", sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Ja, wir feiern, aber seht euch um: hier liegt noch alles in Trümmern. Genau diese Zerissenheit macht das Plakat so eindrucksvoll. Der Aktionskünstler und der Priester Dann ist da Arnulf Rainer. Ein österreichischer Künstler, der beim Malen mit Drogen und Alkohol experimentierte und unter diesem Einfluss auch seine Plakate entwarf. Klingt wild? War es auch. „TRRRRR" – der Titel ist Programm. Arnulf Rainers Plakat für die Berliner Künstlergalerie Großgörschen, 1967 (Bild: Sven Adelaide) Eines dieser Plakate machte er für die Galerie Großgörschen in Berlin . Eine Künstlergalerie, die in den 60er Jahren in einem Schöneberger Hinterhof von Künstlern gegründet wurde. DIY durch und durch. Ein anderes Plakat entwarf Rainer für eine Galerie in Wien. Und jetzt wird's interessant: Die Galerie nächst St. Stephan wurde von einem Priester, Monsignore Otto Mauer, gegründet. Ein katholischer Geistlicher, der einen radikalen Aktionskünstler förderte, der unter Drogeneinfluss malte. Wie passt das zusammen? Solche unerwarteten Allianzen gab es in der Kunstwelt öfter, als man denkt. Spiritualität und Neuanfang Auch Künstlergruppen tauchen auf den Plakaten immer wieder auf. Eine davon: ZEN 49. Der Name klingt rätselhaft und ist es auch ein bisschen. Die Gruppe gründete sich 1949 zunächst als „Gruppe der Gegenstandslosen". Ein Jahr später benannten sie sich um: ZEN 49. Warum eigentlich ZEN? Tatsächlich kommt der Name aus dem Zen-Buddhismus. Nach dem Krieg suchten viele Künstler nach etwas Neuem – auch spirituell. Rupprecht Geiger, Fritz Winter, Ernst Wilhelm Nay gehörten dazu. Sie hatten keinen gemeinsamen Stil, aber einen gemeinsamen Wunsch: Neuanfang. Und irgendwie schien Buddha dabei zu helfen. Künstler im Dialog mit sich selbst Runa König hat sich gegen einen designhistorischen Ansatz entschieden – also gegen die Frage, wie sich Schriftarten oder Farbgebung über die Jahrzehnte verändert haben. Stattdessen bringt sie die Künstler mit sich selbst in den Dialog: Neben dem Plakat hängt das Kunstwerk. Fruhtrunk neben Fruhtrunk. Geiger neben Geiger. Aldi-Tüte, Ausstellungsplakat, Druckgrafik – Günter Fruhtrunk gestaltete auf allen Ebenen. Ausstellungsansicht. (Bild: Kulturschnack) Das führt zu spannenden Entdeckungen. Man sieht, wie ein Künstler sich selbst inszeniert, wie er seine Kunst fürs Plakat verdichtet. Günter Uecker zum Beispiel – international bekannt für seine Nagelbilder – zeigt sich hier von einer grafischen Seite. Dennoch bleibt er dem Dreidimensionalen treu: Er presst die Form einzelner Nägel in das Blatt Papier. Doch warum eigentlich Nägel? Die Antwort liegt in Ueckers Kindheit auf der Ostseeinsel Wustrow. Als 1945 die Rote Armee kam, nagelte der 14-Jährige von innen Holzplatten vor alle Fenster und Türen, um seine Mutter und Schwestern zu schützen. „Man entkommt ihnen nicht, den Fängen seiner eigenen Geschichte", sagte er später. Seit 1957 machte Uecker den Nagel zu seinem Markenzeichen. Er nagelte Leinwände, Möbel, ganze Räume. Die Nägel wurden zu Licht und Schatten, zu Strukturen, die sich je nach Standpunkt verändern. 1961 wurde er Mitglied der Künstlergruppe ZERO – der Nagel war seine Antwort auf die Frage, wie Kunst nach 1945 aussehen könnte. BEGLEITPROGRAMM: Linoldruck-Workshop für Kinder/Jugendliche 10–15 Jahre 6. März 2026 Experimentelles Drucken für Kinder 7–12 Jahre 31. März 2026 Die Plakate hängen, aber hängen sie auch zusammen? Die Ausstellung, die den Abschluss einer langen Forschung markiert, ist eine beachtliche Arbeit und die Digitalisierung der Sammlung ein riesiger Schritt für die Wissenschaft. Die Geschichten hinter den Plakaten sind faszinierend. Dennoch bleibe ich, Kathleen, als Besucherin mit einem Fragezeichen zurück. Möglicherweise fehlt mir eine klarere Antwort auf die Frage: Was sagt uns diese Sammlung über die Kunstwelt nach 1945? Über Netzwerke, über Sichtbarkeit, über die Vermarktung von Kunst? Über den Neuanfang in den Trümmern? Die Ausstellung scheint diese Geschichten nebeneinander zu stellen, ohne sie zusammenzuführen. Sie präsentiert, sie zeigt, sie stellt aus. Aber ob sie deutet? Das bleibt vielleicht bewusst offen – als Einladung, sich selbst Gedanken zu machen. Hingehen? Unbedingt! Allein die Begegnungen – Janssen und sein Galeristen-Freund, der Priester und der Aktionskünstler, die Stadtfeier in Ruinen – sind es wert durch den Bibliotheksflügel des Schlosses zu schlendern. Wer sich für Kunstgeschichte, Grafikdesign oder die oft übersehene Seite des Kunstbetriebs interessiert, findet hier viel zu entdecken. Die Online-Sammlung ist ein Schatz, in dem man stundenlang stöbern kann. Wenn es also damals hieß „Bitte um Aushang!", würden wir heute sagen: Bitte um Besuch!
- PODCAST: WORLD PRESS PHOTO OLDENBURG
Was als private Entdeckung im Außenbereich des Raffles Hotels in Singapur für Claus Spitzer-Ewersmann begann, wurde in den vergangenen mehr als zehn Jahren zu einem Leuchtturm der Oldenburger Kulturlandschaft, der als wahrer Publikumsmagnet immer und immer wieder abertausende Menschen begeistert, fasziniert und ja, auch schockiert hinterlässt. Warum gerade darin jedoch ein Wert für unsere Gesellschaft liegt, erfahrt ihr in dieser neuen Podcastepisode zur World Press Photo, einer Wanderausstellung, die jährlich einen Halt im Oldenburger Schloss einlegt. Bereits seit 1955 zeichnet der internationale World Press Photo Award die bedeutendsten Pressefotografien aus, um unabhängigen Fotojournalismus zu fördern. Die prämierten Arbeiten holen dabei Ereignisse zurück in unser Bewusstsein, die entweder aufgrund der täglich auf uns einprasselnden Flut aus Nachrichten längst wieder verschwunden waren oder machen die Geschichten sichtbar, die viele von uns womöglich noch nicht einmal wahrgenommen haben. Gemeinsam mit Claus Spitzer-Ewersmann sprechen wir darüber, warum gerade jetzt ein Raum so wichtig ist, in dem Fotografie als authentisches Abbild unserer Wirklichkeit erfahrbar bleibt - etwas, auf das wir uns verlassen können. Denn wir befinden uns in einer Zeit, in der Fotografie zwar allgegenwärtig zu sein scheint, ihre Glaubwürdigkeit jedoch im Zuge von generativer Bildbearbeitung und künstlicher Intelligenz zunehmend in Frage gestellt wird. Doch diese Folge dreht sich nicht nur um die Kraft und Bedeutung der Pressefotografie. Sie zeigt auch, wie wertvoll es sein kann, an seinen Ideen festzuhalten, sie weiter zu verfolgen und so aus einem einzelnen Impuls etwas entstehen zu lassen, das Menschen bewegt, Diskussionen anstößt und unser aller Blick auf die Welt verändern kann. Diesem "Dranbleiben" unseres Gastes haben wir es im Falle der World Press Photo Ausstellung zu verdanken, dass sich der Oldenburger Halt der Ausstellung heute unter den erfolgreichsten Stationen der weltweiten Tour wiederfindet und in einem Atemzug mit internationalen Metropolen wie New York, Barcelona oder Helsinki genannt wird. Warum das Rahmenprogramm, den eigentlichen Zauber der World Press Photo ausmacht, lest ihr in diesem Artikel Zudem erfahren wir, welche Rolle die nötige Portion Leidenschaft und Herzblut dabei spielen kann, wenn es darum geht, ein scheinbar standardisiertes Format, das überall auf der Welt zu sehen ist, zu einer einzigartigen Erfahrung werden zu lassen, die in dieser Form nirgendwo sonst zu erleben ist. Denn die vollständige Oldenburger World Press Photo Erfahrung beginnt und endet nicht mit bloßen Bildern an einer Wand. Erst das liebevoll kuratierte Rahmenprogramm, die Begegnungen und tiefgreifenden Einblicke machen das Erlebnis komplett. Mehrfach hat man dabei ein feines Gespür für die großen Namen von Morgen bewiesen, die schon an frühen Punkten ihrer Karriere innerhalb des Rahmenprogramms präsent waren und bereits kurze Zeit später selbst Teil der World Press Photo wurden. Nicht nur kann man hier also wahre Schätze der Fotografie entdecken, bevor es der Rest der Welt tut, sondern wird zugleich Teil eines ganzheitlichen Erlebnisses, das nicht nur informiert, sondern ebenso berührt und einordnet. Nun wünschen wir aber wie immer: viel Spaß beim Hören! Alle Informationen zur World Press Photo Ausstellung hier in Oldenburg findet ihr unter: www.worldpressphotoausstellung-oldenburg.de
- ALLES UTOPIE: FILME IN FUTUR
Ach herrje, jetzt kommt der Kulturschnack mit Grammatik um die Ecke! Aber keine Sorge: Wir holen keinen Deutschunterricht nach, wir kümmern uns nur um die Zukunft - weil sich Filme um die Zukunft kümmern. Genauer gesagt: Die Reihe „Alles Utopie? - Films for Future" im Casablanca Kino. Was das ist und worum es geht? Das erzählen die beiden Köpfe hinter dem Projekt: Doris Janßen und Pia Schäfer. Die Zukunft beginnt jetzt: In der Filmreihe „Alles Utopie? Films for Future“ gibt's kein Science Fiction, sondern Dokumentarfilme. (Bild: Canva/Kulturschnack) Warum geht man ins Kino? Na klar: Wegen der Unterhaltung! Einfach mal zwei Stunden den Kopf abschalten und sich von Transformers, Avengers oder Minions frontal bespaßen lassen. Klar, hin und wieder wird's richtig schön kitschig, mit Pathos und Bombast. Und manchmal werden große Weisheiten in bestechend einfache Sätze verpackt. Aber: im Mittelpunkt steht ganz klar das Entertainment. Oder gibt es auch andere Gründe? Kann man tatsächlich auch ins Kino gehen, um etwas anderes zu sehen als Superstars und Special Effects? Zum Beispiel: Filme erleben, die einen Unterschied ausmachen, die uns bewegen und vielleicht sogar verändern? Aber ja doch! Und solche Filme findet man in Oldenburg unter anderem montagabends im Casablanca . CASABLANCA KINO & ÖKUMENISCHES ZENTRUM OLDENBURG ALLES UTOPIE? - FILMS FOR FUTURE 23. FEBRUAR, 18:30 UHR: MISSION TO MARSH 23. MÄRZ, 18:15 UHR: TROTZ ALLEDEM 27. APRIL, 18 UHR: PLASTIC FANTASTIC 22. JUNI, 18 UHR: WER WIR WAREN FLYER CASABLANCA KINO JOHANNISSTRAßE 17 26121 OLDENBURG Die Zukunft beginnt jetzt Manchmal fügen sich die Dinge. So war es zumindest, als im Jahr 2018 im Ökumenischen Zentrum die Planungen für eine Filmreihe mit Zukunftsthemen begannen, Denn gleichzeitig entwickelten sich die Fridays for Future -Demonstrationen zu einer weltumspannenden Bewegung. Plötzlich schien es normal zu sein, sich Gedanken über die planetare Zukunft zu machen, seine Bedürfnisse und Befürchtungen zu artikulieren und sich dafür einzusetzen. „Unsere Filmreihe greift diese Bewegung auf“, bestätigt Doris Janßen vom Casablanca Kino, die zusammen mit Pia Schäfer vom ÖZO das Konzept entwickelte. „Daher auch der Untertitel Films for Future“. Die Reihe weite das Thema aber noch aus, es gehe ganz allgemein um lebenswichtige Fragen: „Wie sieht die Welt aus, in der wir in Zukunft leben werden? Wie soll sie aussehen? Und wie können wir Einfluss darauf nehmen, wie sie aussehen wird?“ Utopie? Oder Dystopie? Für die Suche nach Antworten ist das Kino genau der richtige Ort. Im Vergleich zu großen Demos sind Filme zwar weniger massenwirksam. Im Kleinen bewirken sie jedoch viel - weil sie uns informieren, sensibilisieren und emotionalisieren. Diese Möglichkeiten des Films kennt man im Casablanca Kino natürlich längst. Als Programmkino mit inhaltlichen Schwerpunktsetzungen hat es sich bundesweit einen Namen gemacht. Eine Reihe zu unserer gemeinsamen Zukunft in all ihren Facetten gab es jedoch zuvor nicht. In Kooperation mit dem ÖZO konnte man diese Lücke seit 2019 schließen und monatlich einen Film zu Themen zeigen, die uns alle auf unterschiedliche Weise betreffen. „Die Filme beschäftigen sich zum Beispiel mit der Klimapolitik und Klimagerechtigkeit“, zählt Pia auf, „mit der Verkehrspolitik, mit nachhaltiger Landwirtschaft und fairer Mode, mit sozialer Gerechtigkeit, mit Stadtplanung, Wohnen, Gentrifizierung und vielem mehr.“ „Alles Utopie?“ fragt der der Titel der Veranstaltung - nicht ohne Grund. Zwar st ein wesentlicher Antrieb des menschlichen Handelns, die Dinge zum Besseren zu verändern. Demnach sollte die Zukunft eine ideale Weiterentwicklung der Gegenwart sein, also eine Utopie. Schaut man sich jedoch die Ergebnisse unseres Tuns an - vor allem in der Summe - kommen berechtigte Zweifel daran auf, dass sich unsere Hoffnungen einlösen. Je genauer man hinschaut, desto dystopischer die Eindrücke. Reality beats Fiction Und dennoch - bzw. gerade deswegen - sollte man genau das tun: Hinschauen! Denn nur, wenn wir wissen, womit wir es zu tun haben, können wir auch die passenden Reaktionen finden. Und dieses Hinschauen - das übernehmen für uns immer wieder mutige Filmemacher:innen mit spannenden Dokumentationen. „ Im 'normalen' Kinoprogramm gehen diese Filme häufig unter“, weiß Doris. „Im Rahmen einer solchen kuratierten Reihe bekommen sie die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.“ Die „Dokus“ haben sich zurecht aus dem Schattendasein des reinen Bildungsformats gelöst. Sie sind heute oft spannender als die Fiktion vom Reißbrett - nicht nur, weil sie eben echt sind, sondern auch, weil sie attraktiv, kreativ und unterhaltsam aufbereitet sind. Das zeigt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass bei der Berlinale mit Sur l'Adamant von Nicolas Philibert und Dahomey von Mati Diop in den Jahren 2023 und 2024 jeweils eine Dokumentation den Goldenen Bären für den besten Film abräumten. Ein Dank geht an dieser Stelle an alle Produzent:innen und Regisseuri:innen, die dahin gehen, wo es weh tut - und uns zeigen, wie die Welt wirklich tickt. Ein schönes Beispiel für eine überaus gelungene Dokumentation ist übrigesn auch „Pink Power“ - mit Oldenburger Beteiligung. Mehr darüber lest ihr in unserem Artikel . „Die Filme geben Denkanstöße und zeigen Handlungsspielräume, die wir nutzen müssen, um die Gesellschaft zukunftsfähig zu machen“, erläutert Doris weiter. Das rege zum Nachdenken und Handeln an, denn: „Viele Missstände oder Probleme, die in den Filmen thematisiert werden, haben wir noch gar nicht bzw. nur vage registriert - oder nehmen sie als gegeben hin.“ Wichtig ist es aber natürlich auch, den Filmen Sichtbarkeit zu verleihen. Und genau diese Funktion übernimmt „Alles Utopie?“. Zwar überlegt man als Kino immer wieder, wie man umsatzschwache Tageszeiten besser auslasten kann - und der Montagabend gilt sicher nicht als klassischer Kinomoment. Dennoch würde man vermuten, dass ein weiteres Screening made in Hollywood einfacher ist und mehr bringt. Dass stattdessen Dokumentarfilme laufen, die sich unserer Zukunft widmen - das ist ein Zeichen von Haltung. Nah ran ans Thema Und das ist noch nicht alles. Zum Format gehören nicht nur die Filme, sondern auch das Gespräch mit lokalen Expert:innen. Das heißt: Das Geschehen bleibt nicht fern und abstrakt, es kommt uns ganz nah - und berührt uns dadurch. So wird z.B. bei der Vorführung von „Mission to Marsh“ mit Holger Konrad ein Fachmann von der Moorinitiative Ammerland vor Ort sein und beim Screening von „Pla stic Fantastic“ Melanie Walther vom Institut für Chemie und Biologie des Meeres. Di eser roter Faden entpuppt sich als starker Handlungsstrang. „Gemeinsam sprechen wir über das Filmthema und – das ist uns besonders wichtig – darüber, was wir selber tun können“, erklärt Pia den Ansatz. Es werde thematisiert, welche Initiativen es in Oldenburg gebe und wo Engagement möglich und vielleicht auch nötig sei. „Wir finden es außerordentlich wichtig, dass die Erkenntnisse aus dem Film, die Gedanken und Fragen die die Filme aufwerfen, im Kinosaal angesprochen werden können - und dass wir damit zum Handeln anregen können.“ Eine kluge Entscheidung war dabei die frühe Startzeit zwischen 18 Uhr und 18.30 Uhr. Nicht nur ermöglicht sie für manche, nach der Arbeit was zu essen und direkt weiterzuziehen. Sie sorgt auch dafür, dass genug Zeit und Muße für das Gespräch nach dem Film bleibt. Und geben wir's ruhig zu: Montagabends um kurz nach sechs haben wir sowieso nicht Besseres vor. Die Zukunft? Leider gesichert! Aber wie fühlt sich das alles nun an? Nun: Immer wieder sind in dieser Reihe Filme von einem Verleih namens MIndjazz dabei - und dieser Name beschreibt eigentlich ganz gut die Erfahrung. Die Sinne kommen in Bewegung und reagieren ziemlich frei auf das Gesehene. Die Gedanken kommen ins Rollen, mal in erstaunter Fassungslosigkeit, mal in ernster Betroffenheit, mal in euphorischer Faszination. Diese Gefühle sind in unseren Alltagen - zumindest in dieser Intensität - relativ rar. Hier steteh sie in Kontext zu Erfahrungen, Erkenntnissen, Horizonterweiterungen. Ein echter Gewinn! Angst, dass der Reihe irgendwann die Themen ausgehen könnten, hat Doris Janßen nicht: „Es sieht ja leider nicht so aus, als müsse man sich um unsere Zukunft keine Sorgen machen“, stellt sie fest. Menschen und Filme, die sich mit gesellschaftlichen Gegenwartsbetrachtungen und Zukunftsfragen auseinandersetzen, werde es auch weiterhin geben - und damit auch starke Angebote für den montäglichen Feierabend. Letztendlich geht es gar nicht darum, ob man sich Filme anschaut, weil man sich unterhalten lassen oder weil man sich tiefere Gedanken über etwas machen möchte. Im Idealfall geht nämlich beides wunderbar zusammen - wie die „Films for Future“ zeigen. Sie beschäftigen uns mit jenem Ort, an dem wir alle den Rest unseres Lebens verbringen - der Zukunft. Wir sollten Lust drauf haben, sie zu gestalten. Wenn man dafür so attraktiven Input bekommt wie hier, dann gibt es keine Ausreden mehr. Nichts wie hin da und abtauchen in den Mindjazz! Zumal eines gewiss ist: Mit Grammatik hat das alles nichts zu tun.
- DER RAHMEN MACHT DAS BILD
Das Geheimnis des Erfolges der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg liegt zu einem großen Teil sicherlich bei den höchst eindrucksvollen, oft dramatischen Bildern. Aber nicht nur! Denn die Oldenburger Version der Schau schneidet deutlich stärker ab als andere Standorte. Auf der Suche nach einer Antwort auf das Warum, kommt man unweigerlich zum Rahmenprogramm. Denn das ist in Oldenburg deutlich umfangreicher, tiefgründiger und abwechslungsreicher als anderswo. Der Kopf dahinter: Claus Spitzer-Ewersmann. Imposanter Rahmen: Der Schlosssaal bietet ein stimmungsvolles Ambiente für bildgewaltige Vorträge und Erzählungen. (Bild: Kulturschnack) Nein, so ganz heraus mit der Sprache will er nicht. Claus Spitzer-Ewersmann ist niemand, der mit seinen Erfolgen prahlen würde. Deshalb stellt er keine quantitativen Vergleiche mit anderen Standorten der World Press Photo Ausstellung an, obwohl sie deutlich zu seinen Gunsten ausfallen würden. Und doch kann man sie spüren: Diese diebische Freude, dass die Fotoschau in Oldenburg besser läuft als fast überall sonst. Hamburg ? Dortmund ? Berlin ? Lässt die Huntestadt mit ihren durchschnittlich mehr als 15.000 Besucher:innen locker hinter sich, obwohl diese Städte deutlich größer sind. Wie kann das sein, fragt man sich. Schließlich hängen überall dieselben Bilder, kuratiert und auf die Reise geschickt von der World Press Photo Foundation in Amsterdam. Ist das Oldenburger Publikum etwa überdurchschnittlich stark an Fotografie oder der medialen Berichterstattung interessiert? Ist das Schloss als Location so absolut einzigartig? Oder gibt es vielleicht einen weiteren Grund? Eine Eigenschaft, die sich deutlich von allen anderen Standorten unterscheidet? Und die Antwort lautet: Ja, allerdings! Das Rahmenprogramm . Was in Oldenburg neben der eigentlichen Schau geboten wird, sucht in der Tat seinesgleichen. Und darüber hat Claus schließlich doch mit uns gesprochen. WORLD PRESS PHOTO 25 21. FEBRUAR - 15. MÄRZ 2026 DIENSTAG, MITTWOCH, SAMSTAG, SONNTAG 10-18 UHR DONNERSTAG, FREITAG 10-20 UHR OLDENBURGER SCHLOSS SCHLOSSPLATZ 26122 OLDENBURG PROGRAMMHEFT Mehr als Bilder an der Wand Die World Press Photo Ausstellung ist weltweit ein festes Format. Sie werden in vielen globalen Metropolen gezeigt, parallel zu Oldenburg etwa in New York City . Doch wo auch immer man sie sich ansieht, die Bilder sind überall gleich: ikonische Aufnahmen aus Kriegsgebieten, intime Porträts, politische Umbrüche, Naturkatastrophen. Und doch gilt Oldenburg seit Jahren als Sonderfall. Nicht nur die Besucherzahlen liegen deutlich über denen anderer deutscher Standorte, auch die mediale Resonanz ist außergewöhnlich hoch, das Publikum auffallend vielfältig. Der Unterschied liegt nicht an den Bildern – sondern an dem, was drum herum passiert. Für Claus Spitzer-Ewersmann, Organisator der Ausstellung in Oldenburg und Geschäftsführer der Kommunikations-Agentur Mediavanti , ist das Rahmenprogramm kein Beiwerk, sondern Kern des Konzepts. „Ich sehe das Rahmenprogramm im Grunde als Weiterentwicklung der Ausstellung“, sagt er. Denn die eigentliche Schau komme „fertig geliefert“. Der eigene Gestaltungsspielraum beginne erst dort, wo Gespräche entstehen, Diskussionen angestoßen und Perspektiven erweitert werden. Das Rahmenprogramm ermöglicht, Akzente zu setzen. „Wir können bestimmte Dinge betonen, wir können andere Dinge auch ein bisschen runterfahren“, erklärt Claus. Vor allem aber könne man vermitteln, „dass Pressefotografie so viel mehr ist als das, was da nur an der Wand hängt“. Fotografie werde hier als Prozess verstanden: als Recherche, als Haltung, als ethische Entscheidung – und als Erzählung. Diese Erzählung deckt die gesamte Vielfalt der Fotografie ab - und das gilt auch für die Gäste. Das Line-up reicht bewusst von jungen Talenten bis hin zu international renommierten Fotograf:innen. „Angefangen von Studierenden, die das gerade erst lernen, bis hin zu wirklichen Stars“, beschreibt Spitzer-Ewersmann die Bandbreite. Das Ziel: Menschen an die Ausstellung heranzuführen, „die da vielleicht sonst gar nicht hingehen würden“. Kleines Heft, großes Programm: Klickt durch die Galerie und entdeckt die vielen Veranstaltungen rund um die World Press Photo Ausstellung. (Bilder: Mediavanti) Pflicht, Kür und Experiment Über die Jahre hat sich eine feste Struktur etabliert. „Wir haben so etwas wie ein Pflichtprogramm“, berichtet Claus. Dazu gehören die Sonntagsmatinéen in einem Café, Filmvorführungen im Cine k und - regelmäßig ausgebuchte Workshops in Kooperation mit der VHS . Daneben gibt es die Kür: neue Formate, Diskussionen, Experimente. Fotoslams etwa waren lange ein Publikumserfolg. „Aber man merkt irgendwann, es hat sich auch mal ausgereizt“, sagt er – und dann wird ein Format eben wieder beendet. Drei Wochen Ausstellungsdauer bieten theoretisch Platz für nahezu tägliche Veranstaltungen. „Das ist ganz schön viel“, räumt Spitzer-Ewersmann ein. Trotzdem sei die Dichte gewollt. Man wolle „eine Vielfalt zeigen – an Veranstaltungsformaten und an Veranstaltenden selber“. Volles Haus: Die „Lie Detectors“ schlugen im Jahr 2025 voll ein - und kehren 2026 zurück ins Rahmenprogramm. (Bild: Andreas Burmann) Das Rahmenprogramm biete zudem die ideale Gelegenheit für Hintergrundinformationen, Einordnungen und Kontexte - bei Pressebildern ein wichtiger Zusatzaspekt, der in der Auisstellung selbst etwas zu kurz kommt. Es geht dabei zum Beispiel um Begegnungen und Gespräche der Fotograf:innen mit den Menschen, die für das Bild eine Rolle gespielt haben, vielleicht sogar auf ihnen zu sehen sind. Nicht selten geht es dabei um ganz große, sogar globale Themen - runtergebrochen auf ein Dorf, eine Familie oder ein Individum. Bei Veranstaltungen des Rahmenprogramms geht es oft aber auch um ethisch-moralische Fragen („Was dürfen Pressebilder zeigen?“), um gesellschaftspolitische und soziale Auseinandersetzungen. Anhand der Bilder als visuelle Reizpunkte lassen sich lebhafte und ekrenntnisreiche Debatten führen. Dabei entstehen nicht selten Abende voller Aha-Momente, die in manchen Fällen jahrelang nachhallen.. Zufall - oder eben nicht Einzigartige Momente in Oldenburg Immer wieder kommt es bei der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg zu Augenblicken, die in besonderer Erinnerung bleiben. Das betrifft nicht nur die Begegnungen mit den Fotos, sondern auch - und noch intensiver - die Erlebnisse mit den Gästen des Rahmenprogramms. In ihrem Element: Esther Horvath ist die Fotografin des Alfred-Wegener-Instituts, das regelmäßig Arktis- und Antarktis-Expeditionen durchführt. (Bild: Christian F. Ahlers) Man hätte es sich nicht schöner ausdenken können: Als die Bremer Fotografin Esther Horvath im Jahr 2020 bei der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg zu Gast war, ging es in erster Linie um einen Vortrag zur MOSAIC-Polar-Expedition mit dem Alfred-Wegener-Institut. „Als wir sie angefragt haben, kannte sie noch niemand“, erinnert sich Claus. Das änderte sich aber an genau jenem Tag, als sie in Oldenburg war - denn hier erfuhr Esther davon, dass sie mit dem World Press Photo Award in der Kategorie „Umwelt/Einzelbild“ ausgezeichnet wurde. „Das war so ein großer, bewegender Moment, da kamen mir die Tränen“, blickt Claus zurück. Mit Jonas Kakó und Rafael Heygster gibt es übrigens zwei weitere Fotografen, die als junge Talente erstmals in Oldenburg zu Gast waren, nur um später ebenfalls mit dem World Press Photo Award zurückzukehren. In tragischer Weise einzigartig war eine andere Veranstaltung des Rahmenprogramms. Am 24. Februar 2022 sollte Deutschlands bekannteste Kriegs- und Katastrophenfotografin Ursula Meissner im Rahmen der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg einen Vortrag halten. Vorab hielt sich das Interesse noch in Grenzen, berichtet Claus. Doch dann kam es an diesem Tag zum Angriff Russlands auf die Ukraine - und das Thema war urplötzlich ganz oben auf der Tagesordnung. „Die Veranstaltung hätten wir am Ende zweimal ausverkaufen können“, weiß der langjährige Journalist und ergänzt: „Wir hatten den Termin ein halbes Jahr vorher besprochen und vereinbart - und dann ist sie genau am Tag des Angriffs da. Das kann man kaum glauben.“ Ist das alles Zufall? Ja - und nein. Denn die Chance auf diese Zufälle muss man sich erarbeiten. Nur wenn man die richtigen Gäste einlädt, kann ihnen im Rahmen der World Press Photo Ausstellung auch etwas Besonderes passieren - so wie es in Oldenburg beinahe schon üblich ist. Lohnenswert: Führungen gehören nicht zum Rahmenprogramm, sorgen aber für einen ähnlichen Effekt - mehr Hintergründe, mehr Verständnis. (Bild: Kulturschnack) Nachwuchs trifft Erfahrung Besonders bemerkenswert: Wie leicht sich geeignete Gäste finden lassen. Gerade der Nachwuchs sei hochmotiviert. „Die sind unglaublich dankbar dafür, dass sich jemand für ihre Arbeit interessiert“, sagt Spitzer-Ewersmann. Vor 50 Menschen zu sprechen sei etwas völlig anderes, als „vor zwei Profs an der Uni, die das professionell bewerten“. Absagen sind selten. „In elf Jahren hatten wir für die Sonntagsmatinéen nicht einmal jemanden, der gesagt hat: Das interessiert mich nicht“, erzählt er. Im Gegenteil: Empfehlungen kursieren, Fotograf:innen melden sich aktiv. Auch etablierte Profis nutzen den öffentlichen Auftritt gern – vor allem, um Projekte zu zeigen, die bisher kaum sichtbar waren. Ein Beispiel ist Rolf Nobel, 75 Jahre alt, langjähriger Stern-Fotograf und Mitbegründer des Studiengangs Dokumentarfotografie in Hannover. In Oldenburg präsentierte er erstmals ein Lebensprojekt. „Über dreißig Jahre hat er an ›Arbeiter des Meeres‹ gearbeitet“, sagt Spitzer-Ewersmann. „Und er sagt: Ja, da komme ich gerne und zeige das den Leuten.“ Doch gute Bilder allein reichen nicht. „Es nützt ja nichts, wenn nur die Geschichte gut ist und man sie nicht rüberbringen kann“, betont Spitzer-Ewersmann. Bei den Ehrengästen helfe die Erfahrung aus Amsterdam, wo alle Preisträger:innen ihre Arbeiten präsentieren müssen. „Da merkt man schnell, wer erzählen kann.“ Bei jüngeren Gästen reicht oft ein Telefonat. „Erzähl mal, was machst du da?“ Wenn dabei nichts überspringe, werde es schwierig. Denn selbst starke Bilder bräuchten Kontext. „Der ganze Background muss verbal kommen.“ Kenntnisreicher Erzähler: Claus Spitzer Ewersmann kennt sich aus - mit Fotografie und Fotograf:innen, aber auch mit den Kniffen, die aus einer Veranstaltung ein Erfolgsformat machen. (Bilder: Kulturschnack) Die Veranstaltungsorte wechseln – Schloss, Palais, Extrablatt –, das Prinzip bleibt gleich. „Wir suchen immer die Nähe zur Ausstellung“, sagt Claus. Wer wegen eines Vortrags kommt, soll auch die Bilder sehen - und umgekehrt. Das gilt auch für die Vernissage. Sie ist zwar formal eine Einladung für Förderer und Sponsoren, doch Exklusivität ist ausdrücklich nicht das Ziel. „Wir wollten nie eine elitäre Veranstaltung“, sagt er. Deshalb gibt es am nächsten Tag eine öffentliche Wiederholung: samstags um 11 Uhr, freier Eintritt. „Da kann wirklich jeder kommen.“ Es lohnt sich: der intensive Blick hinter die Kulissen des Siegerbildes, die Beschreibung seiner Entstehung, Anekdoten und Einordnung aus dem Munde der Fotografin oder des Fotografen und das gemeinsame gebannte Zuhören bilden in ihrer Gesamtheit eine höchst intensive Erfahrung. Magic Moments: Die Preisträgerin Lee-Ann Olwage beantwortete am Eröffnungstag gern die vielen Fragen der Besucher:innen. (Bild: Andreas Burmann) Wenn Bilder allein nicht reichen Nach zehn überaus erfolgreichen World Press Photo Ausstellungen in Oldenburg stellt sich die Frage: Ist das Thema Fotografie irgendwann erschöpft? Claus hatte diese Sorge selbst. „Nach unserer ersten Ausstellung habe ich mich das tatsächlich gefragt“, sagt er. Heute ist er überzeugt vom Gegenteil. „Dieses Medium, gerade der Presseaspekt, gibt so viel her.“ Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel. „Die Menschen, gerade die Jugendlichen, waren noch nie so fotoaffin wie heute“, sagt er. Smartphones hätten das Interesse an Bildern eher verstärkt als verdrängt. Besonders deutlich wird der Anspruch des Rahmenprogramms dort, wo Bilder bewusst nicht isoliert gezeigt werden. Etwa bei den Arbeiten von Aliona Kardash und Rafael Heygster , zwei deutschen World-Press-Photo-Preisträgern. Große Vielfalt: Das Rahmenprogramm der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg bietet verschiedene Formate und geht an unterschiedliche Orte. (Bilder: Andreas Burmann, Mediavanti) Rafael Heygster fotografierte den AfD-Wahlkampf hinter den Kulissen, Kardash dokumentierte den Bruch innerhalb ihrer eigenen Familie in Russland während des Ukraine-Kriegs. Statt einer klassischen Präsentation entschied man sich für eine Diskussion. „Da geht es am Ende gar nicht mehr so sehr um die Bilder“, sagt Spitzer-Ewersmann. „Es geht um Moral, Ethik, Privatheit und Politik.“ Genau diese Fragen würden aktuell weltweit innerhalb der Pressefotografie diskutiert. Was überwiegt im Rahmenprogramm – Bildung oder Unterhaltung? „50:50“, sagt Claus ohne lange zu überlegen. Die Matinéen seien bewusst zugänglich, „Sonntagmorgen in der Innenstadt, ideal um davor oder danach noch einen Kaffee zu trinken“. Andere Veranstaltungen seien sperrig, unbequem, aber notwendig – etwa die Debatte um die Urheberschaft des ikonischen Vietnam-Fotos von Nick Út. „So etwas ist für eine World Press Photo Ausstellung wahnsinnig wichtig.“ Herzblut als entscheidender Faktor Dass Oldenburg im Vergleich so erfolgreich ist, erklärt Claus nüchtern. „Die Bilder sind überall die gleichen.“ Es müsse also ein Extra geben. Dieses Extra sei das Rahmenprogramm – und eine intensive Medienarbeit. „Wir sprechen Zielgruppen sehr gezielt an“, sagt er: Schulen, Fotoclubs, politische Initiativen. Hinzu komme ein inhaltlicher Zugang. „Wir kommen eher vom Inhalt her, nicht davon, einfach schöne Bilder aufzuhängen.“ Dieser Ansatz habe sich auch andernorts bewährt, etwa in der 32.000-Einwohner-Stadt Balingen, in der Mediavanti mit demselben Konzept 8.000 Besucher erreichte. „Da merkt man, das hängt schon mit dem Konzept zusammen.“ Am Ende läuft alles auf eine persönliche Haltung hinaus. „Du brauchst Leidenschaft“, sagt Claus. „Und ein bisschen Sendungsbewusstsein.“ Wer einfach nur Bilder aufhänge, erreiche nur einen Bruchteil der möglichen Zielgruppe. „Dann lohnt sich der Aufwand eigentlich nicht.“ Oldenburg zeigt, dass World Press Photo mehr sein kann als eine Sammlung preisgekrönter Fotografien. Es ist ein Ort für Debatten, für Einordnung, für Zweifel – und für das Erzählen von Geschichten, die weit über den Moment der Aufnahme hinausreichen. Oder, wie Claus es formuliert: „Einfach nur Bilder aufzuhängen, das reicht wirklich nicht.“ Intensive Talks: Jonas Kakó kam als junger Student erstmals nach Oldenburg. Er kehrte zurück als Gewinner des World Press Photo Awards. (Bild: Kulturschnack) Mehr als eine Begleiterscheinung Den Wahrheitsgehalt dieser abschließenden Aussage muss Claus nicht mehr belegen. Seit zehn Jahren laufen die Oldenburger:innen der World Press Photo Ausstellung „die Bude ein“. An gutbesuchten Sonntagen drängen sich wahre Massen durch die Gänge. Eines scheint in jenen drei Wochen klar zu sein, Diese Ausstellung muss man gesehen haben. Das Rahmenprogramm verzeichnet selbstverständlich geringere Besucher:innenzahlen. Schon die Kapazitäten der Räumlichkeiten und zeitlichen Einschränkungen machen eine Rekordjagd unmöglich. Dennoch trägt es maßgeblich zum enormen Erfolg der WPP bei. Denn zum einen erzeugt es ein Grundrauschen, dass die ganze Stadt drei Wochen lang beeinflusst. Zum anderen steigert es die Bedeutung des Ausstellungsbesuchs noch, weil spürbar wird, welche Relevanz das Pressebild für unsere Wahrnehmung der Welt hat. Es bleibt zwar so, dass man die Ausstellung deshalb keinesfalls verpassen sollte. Doch dazu gesellt sich die Erkenntnis: Der Rahmen macht das Bild.
- PODCAST: FLAUSEN+ / FLUKKS+
Flausen im Kopf. Viele verbinden damit vermutlich etwas Negatives und dass diejenigen, die von ihnen "befallen" sind, bereits den nächsten Quatsch und Schabernack aushecken. Doch dass sich dahinter ebenso gut die Tür zur vollen Ausschöpfung unserer Kreativität sowie ein seit 15 Jahren bestehendes Bundesnetzwerk für die freien und darstellenden Künste verbergen kann, das erfahrt ihr in dieser neuen Episode unseres Podcasts. Denn was als einzelne Idee begann, wurde zu einer Institution, die sich durch ihre zahlreichen Angebote, sei es in der Form von Fachtagen, den sogenannten Labs oder AGs zu einem der wichtigsten Sprachrohre für die freie Theaterszene Deutschlands entwickelte. Einem Zusammenschluss, der Theater aus fast allen Bundesländern miteinander in Verbindung bringt, ihre Entwicklung und Auseinandersetzung mit der Gesellschaft fördert sowie die entsprechende Sichtbarkeit für ihre immense Bedeutung schafft. Doch abseits der strukturellen Ebene, liegt der Ursprung und Kerngedanke von flausen+ vor allem darin, den künstlerischen Schaffensprozess so frei wie möglich zu gestalten. Denn leider ist es oftmals bittere Realität, dass unter dem stetigen Kosten- und Produktionsdruck unter dem die kleinen, freier Häuser stehen, letztlich auch die Kreativität und somit der Motor für innovative Konzepte und Neuerungen leidet. flausen+ setzt genau dort an und ermöglicht es durch die hauseigenen Stipendienprogramme, mal für zwei, mal für vier Akteure, Räume entstehen zu lassen, in denen gezielt und intensiv künstlerischen Forschungsfragen nachgegangen werden kann. In dieser Episode erfahrt ihr, warum genau in dieser Freiheit und den dadurch geschaffenen Möglichkeiten der eigentliche Schlüssel zu einer nachhaltigen und in die Zukunft gedachten Produktion liegt, die auf effiziente Art und Weise neue Materialien im Theaterkontext entstehen lässt. Außerdem freuen wir uns, euch mit exklusiven Informationen versorgen zu dürfen: denn mit dem 15-jährigen Bestehen von flausen+ geht ebenso ein Generationswechsel einher, der flausen+ zum einen in organisatorischer Hinsicht in neue Strukturen überführt, doch darüber hinaus auch mit einem Namenswechsel einhergeht. Aus flausen+ wird flux+. Wer sich diese Folge jedoch zu Gemüte führt, wird schnell merken: es mag nicht mehr flausen+ draufstehen, doch die Flausen im Kopf werden bleiben - und das ist genau richtig so. Wir wünschen euch viel Spaß beim Hören! Mehr Informationen findet ihr unter: www.flausen.plus
- STAATSAKT #12: NEXT TO NORMAL
Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Bewegendes Musical: „Next to Normal“ widerlegt eindrucksvoll das Klischee, dass es diesem Genre an Tiefe fehlen könnte. (Bilder: Stephan Walzl, Kulturschnack) Was macht eigentlich ein Musical aus? Beschwingte Stimmung, ein paar Tanzeinlagen und möglichst viele Songs zum Mitsingen? Dieses Klischee hält sich, greift aber zu kurz. Denn auch wenn viele Stoffe tatsächlich für den breiten Massengeschmack aufbereitet sind und inhaltlich eher seicht daherkommen, gibt es auch andere Beispiele: Musicals mit Haltung, Tiefgang und Botschaft. Zu ihnen gehört „ Next to Normal “, das derzeit am Oldenburgischen Staatstheater zu sehen ist. Das Stück aus der Feder von Brian Yorkey und Tom Kitt war in seinem Ursprungsland USA extrem erfolgreich und erhielt u.a. drei Tony-Awards (bei elf Nominierungen) und den Pulitzer-Preis für das beste Drama . Warum? Das wird schon beim Blick auf die Handlung deutlich. Es geht nämlich um eine Familie, in der die Mutter unter einer bipolaren Störung leidet. Statt leichtfüßigen Tanzeinlagen und munterem Geträller gibt es deswegen große Emotionen - wie uns die deutsch-niederländische Hauptdarstellerin Femke Soetenga im KULTURSCHNACK STAATSAKT NR. 12 erzählt. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER NEXT TO NORMAL DO 19.02. 19:30 UHR KARTEN SA 21.02. 19.30 UHR KARTEN FR 13.03. 19.30 UHR KARTEN DI 24.03. 19.30 UHR KARTEN SO 29.03. 15 UHR KARTEN DO 30.04. 19.30 UHR KARTEN DO 07.05. 19.30 UHR KARTEN MI 20.05. 19.30 UHR KARTEN SO 31.05. 18 UHR KARTEN SA 20.06. 19.30 UHR KARTEN KLEINES HAUS THEATERWALL 19 26122 OLDENBURG Z W Ö L F T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein üppig verglastes Treppenhaus eines Theaters an einem kalten Wintertag. Durch die großen Fenster sind unten auf der Straße noch Reste von Schnee und Eis zu sehen, das Tauwetter und der bedeckte Himmel tauchen die Szeniere jedoch in ein fahles Grau. Zwei Kulturredakteure haben ein Interviewsetting mit zwei Sesseln und mehreren Kameras aufgebaut. Trotz eines unerwarteten Umweges ist der Gast pünktlich vor Ort - und bring beste Laune mit. Entspannte Stimmung: Obwohl Femke direkt nach unserem Gespräch in die Maske für den abendlichen Auftritt musste, nahm sie sich gern die Zeit für ein Gespräch. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Ich fange mit der schwersten Frage an: Worum geht es bei „Next to Normal“? FEMKE O ha, worum geht’s? ( lacht ) Das große Thema ist mentale Gesundheit. Das klingt jetzt erstmal ein bisschen groß für ein Musical, aber es ist natürlich ein sehr heutiges Thema. Wir sehen die Familie Goodman, in der die Mutter Diana – die ich spiele – mit einer bipolaren Störung zu kämpfen hat. Diese wurde durch ein dramatisches Erlebnis ausgelöst. Seitdem ist es sehr schwierig für die Familie. Wir erleben sie dabei, wie die unterschiedlichen Charaktere mit der Situation umgehen: Die Mutter geht anders damit um als der Vater, dann haben wir noch eine Tochter, einen Sohn, den Freund der Tochter und einen Arzt - insgesamt nur sechs Personen. Aber alles dreht sich um die Frage: Wie geht eine Familie damit um, wenn eine Person nicht „ganz normal“ ist – so, wie es im Titel „Next to Normal“ angedeutet wird. Natürlich lässt sich darüber streiten, was Normalität überhaupt ist, und genau damit setzt sich das Musical auseinander. Ich denke, jede Person kann sich in dem Stück irgendwo wiedererkennen – in einer Rolle oder in einer bestimmten Situation. THORSTEN Bipolare Störungen sind ja schon extreme Erkrankungen. Bereitest du dich als Schauspielerin besonders auf so eine Rolle vor? Steigst du ganz tief ein? FEMKE Ich steige immer ganz tief ein. ( lacht) Du meinst sicher auch, ob ich mir Situationen ansehe oder mich mit Menschen auseinandersetze, die an einer bipolaren Störung leiden. Ja, das habe ich tatsächlich gemacht. Wir haben aber auch sehr viel Hilfe von unserer Regisseurin Konstanze Kappenstein bekommen, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat und das sehr gut vermitteln konnte. Trotzdem ist es als Schauspielerin natürlich so: Man muss selbst keine bipolare Störung haben, um eine bipolare Störung spielen zu können. THORSTEN Zum Glück! Aber wie ist das auf der Bühne? Stellt diese Rolle für dich besondere Herausforderungen dar, weil du nicht nur auf einer Ebene spielst, sondern auch diese starken Schwankungen abbildest? FEMKE Absolut! Es ist ein Geschenk, so eine Rolle spielen zu dürfen, weil sie sehr viele Tiefen hat. Man sieht mich wenig lachen. Privat bin ich eigentlich eine recht heitere Person, aber auf der Bühne ist es viel dramatischer – und vor allem sehr vielschichtig. Das ist für eine Schauspielerin immer etwas Besonderes, wenn man so etwas spielen darf. Kein Musical wie alle anderen: „Next to Normal“ ist enorm abwechslungsreich und überzeugt durch eine große Tiefe. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Fließt bei so einem Charakter auch etwas von dir selbst mit ein? Sehen wir in Diana auch ein Stück Femke? FEMKE Ja, wir sehen sehr viel von mir. Ich muss wie gesagt selbst keine bipolare Störung haben, um sie spielen zu können, aber ich kann sie in alltägliche Situationen übersetzen, die ich kenne. Die sind natürlich nicht so extrem, aber auch ich kenne Höhen und Tiefen, aus denen ich schöpfen kann. Eine Rolle zu spielen, die zum Nachdenken anregt und berührt, ist immer etwas ganz Tolles. RÄTSELHAFTE KRANKHEIT WAS IST EINE BIPOLARE STÖRUNG? Viele Serienfans denken beim Begriff „Bipolare Störung“ zu allererst an die US-Schauspielerin Clare Danes. Warum? Weil sie im Mega-Erfolg „Homeland“ die CIA-Agentin Carrie Mathison spielte, die - ebenso wie Diana Goodman - unter dieser Krankheit litt. Einige Auswirkungen haben die Zuschauer:innen auf diese Weise kennen gelernt. Unklar blieben hingegen die Hintergründe. Zwischen den Extremen: Wer unter einer bipolaren Störungen leidet, erlebt sehr gegensätzliche Episoden. (Bild: Taylor Gregory/Unsplash) Die bipolare Störung, früher manisch-depressiv genannt, ist eine schwere, oft chronische psychische Erkrankung, die durch wechselnde Episoden von extremer Hochstimmung (Manie/Hypomanie) und tiefer Depression gekennzeichnet ist. Betroffene erleben Phasen von Antriebslosigkeit und Euphorie, die unabhängig von der Lebenssituation auftreten. Die Behandlung umfasst meist eine Kombination aus Medikamenten, wie Stimmungsstabilisatoren, und Psychotherapie. Die Erkrankung verläuft in Episoden, wobei depressive Phasen häufig überwiegen: Die genauen Ursachen sind nicht vollständig geklärt, es wird jedoch von einem Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung (erbliche Komponente) und Umweltfaktoren ausgegangen. Auch Hirnstoffwechselstörungen (Neurotransmitter) spielen eine Rolle. Etwa 1-3 Prozent der Bevölkerung sind betroffen, die Ersterkrankungen treten oft zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr auf. Zwischen den Episoden können Phasen der Stabilität liegen. Ohne Behandlung besteht jedoch ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko. THORSTEN Gibt es auch den umgekehrten Weg? Also dass so eine intensive Rolle auf dich als Privatperson abfärbt? FEMKE Ja, schon. Vielleicht nicht so, dass ich denke: „Jetzt habe ich wie Diana reagiert.“ Aber während der Probenzeit ging es uns allen so, dass wir emotional sehr gefordert waren. Wir sind nur sechs Personen und bestreiten einen fast dreistündigen Abend. Ich bin an sehr vielen Szenen beteiligt. Am Ende einer Probenwoche war ich emotional richtig erschöpft – mehr als bei jeder anderen Rolle bisher. Man beschäftigt sich mit Themen, die normalerweise nicht an der Oberfläche liegen, steigt tief ein und fragt sich: Wie fühlt sich das an, wie transportiere ich das? Das führt auch zu körperlicher Müdigkeit. Auch wenn wir eine sehr schöne, entspannte Probenatmosphäre hatten und zwischendurch viel gelacht haben – es macht etwas mit einem. Außerordentlich vielseitig: Genau wie das Stück „Next to Normal“ zeigt auch Femke Soetenga während unseres Gesprächs vieles Facette ihrer Persönlichkeit - aber vor allem heitere. (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN Bipolare Störungen bedeuten extreme Schwankungen. Erleben wir im Stück eine emotionale Achterbahnfahrt? FEMKE Wir sehen tatsächlich eher die Tiefen. Dianas Diagnose liegt zum Zeitpunkt der Handlung schon 16 Jahren zurück und seitdem gab es Therapien und Medikamente. Davon sind die manischen Höhen - die Heiterkeit, die Euphorie - unterdrückt. Wir erleben eher Momente von Gefühllosigkeit und Tiefe – bis zu dem Punkt, an dem Diana entscheidet, die Medikamente eigenständig abzusetzen. Dann sehen wir noch einmal eine manische Phase. THORSTEN Bringt uns das Stück diese Krankheit näher? Haben wir am Ende ein besseres Verständnis für sie? FEMKE Ja, das glaube ich sehr. Die Rückmeldungen, die ich bisher bekommen habe, zeigen das auch. Es geht nicht darum, dem Publikum etwas aufzuzwingen, sondern es mitzunehmen in die Geschichte. Dadurch entsteht Mitgefühl – und vielleicht auch Verständnis. Eine Zuschauerin hat mir nach einer Vorstellung gesagt, sie sei betroffen und sie sie fühle sich verstanden. Gleichzeitig übt das Musical auch Kritik am medizinischen System: Psychische Erkrankungen lassen sich nicht nach Schema F behandeln. Jeder Mensch braucht einen individuellen Umgang, und genau daran mangelt es oft. Das macht das Thema sehr aktuell – und auch frustrierend. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 188 Gründe. Viel drin: Das Spielzeitheft 25/26 des Oldenburgischen Staatstheaters. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 31 Premieren, dazu 19 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Würdest du sagen, es ist eine Aufgabe des Theaters, solche schwierigen, tabuisierten oder häufig übersehenen Themen auf die Bühne zu bringen? FEMKE Ja, unbedingt. Und trotzdem ist es wichtig zu sagen: Niemand soll sich vom Thema abschrecken lassen! Es ist kein durchgehend schweres Musical. Es berührt, aber es hat auch witzige Momente. Die Musik ist großartig, die Texte sind toll. Das Stück wurde vor etwas mehr als zehn Jahren in den USA uraufgeführt und hat unter anderem den Tony-Award und den Pulitzer-Preis gewonnen. Es ist nicht mit erhobenem Zeigefinger gemacht. Theater darf sich trauen, solche Themen anzusprechen – besonders, wenn sie in einem so schönen Rahmen erzählt werden. THORSTEN Wenn du eine große Stärke der Inszenierung am Oldenburgischen Staatstheater nennen müsstest, welche wäre das? Achterbahnfahrt: In „Next to Normal“ werden sämtliche Gemütszustände thematisiert. (Bild: Stephan Walzl) FEMKE Es gibt so viele Stärken im Stück, da will ich mich gar nicht auf eine Sache beschränken! (lacht ) Deshalb antworte ich: Das Team. Wir arbeiten unglaublich gut zusammen, die Stimmung ist toll, alle ziehen in die gleiche Richtung. Ich betone das, weil das in dieser Form nicht selbstverständlich ist. Regie, Bühnenbild, Licht, Ton – alle wollen, dass wir das Stück genauso spielen können, wie wir es vorbereitet haben. Diese Gemeinsamkeit spürt man, und sie fließt in die Aufführung ein. THORSTEN Interessant ist ja auch der Titel des Stücks. Normalität klingt zunächst einmal unspektakulär, viele Menschen verbinden sie mit Alltäglichkeit und Monotonie. Warum ist dieses Ringen der Familie um Normalität so spannend? FEMKE Weil Normalität für jede Person etwas anderes bedeutet – in der Familie genauso wie in der Gesellschaft. Diana sucht letztlich keine Heilung, sondern einen Umgang mit ihrer Erkrankung. Der Kampf gegen Erwartungen und Systeme macht müde. Irgendwann gibt sie das Streben nach „normal“ auf, sie will das gar nicht mehr sein. Die Tochter sagt schließlich auch: Vielleicht reicht es aus, fast normal zu sein. Daher auch „Next to normal“. THORSTEN Ist dieses „fast normal“ vielleicht sogar erstrebenswerter als ständig nach Extremen oder Perfektion zu jagen? FEMKE Ja. Wir sind ständig auf der Suche nach dem Nächsten, dem Größeren. Ich darf nicht zu viel zu Hause rumgammeln. Einerseits ist es doch total toll, mal zwei Tage lang zu prokrastininieren, aber gleichzeitig fühlt man sich schuldig, wenn man es macht. FOMO spielt eine große Rolle - kurz für „Fear of Missing Out“, also die Angst etwas zu verpassen. Dabei ist das kleine Glück – zu Hause, mit Familie oder Partner – oft genauso wertvoll, wenn nicht wertvoller. Bestens aufgelegt: Femke sprach gern und voller Enthusiasmus über „Next to Normal“. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Nun ist „Next to Normal“ ja ein Musical. Da stellt sich die Frage: Inwiefern hilft die Musik der Geschichte? FEMKE Die Musik unterstreicht sehr gut die Gefühle, die vermittelt werden sollen. Sie gibt mir als Sängerin die Möglichkeit, Verzweiflung laut oder ganz leise auszudrücken, Hoffnung anders klingen zu lassen. Das hilft enorm, Emotionen zu transportieren. THORSTEN Ob berechtigt oder nicht: Manche erwarten von Musicals ja eine eher heitere Stimmung. Das ist hier sicher nicht durchgehend so. Aber was überwiegt denn am Ende: Hoffnung oder Frustration? FEMKE Um für das Stück zu werben, sollte ich jetzt sagen: die Hoffnung! ( lacht ) Diese Momente gibt es auch! Vor allem ist es aber ein Ringen. Die Familie startet immer wieder Versuche, eine gewisse Normalität in ihr Leben zu bringen, doch alle nutzen sich dabei ab und reiben sich auf. Verzweiflung gehört dazu, aber auch Hoffnung. Vor allem geht es darum, gesehen und verstanden zu werden – so wie man ist. Das gilt für jede Figur. THORSTEN Du hast gesagt, Musik berührt anders als Sprache. Macht das auch heute noch etwas mit dir? Bewegt sie dich? FEMKE Absolut. Vor allem in den sechs Wochen, in denen wir das Stück erarbeiten, spüre ich die Emotionalität der Musik sehr. Sie ist auch der Grund, warum ich Musical mache. Sie ist im Vergleich zum Schauspiel ein zusätzliches Medium, das Emotionen verstärkt und verändert. Ja, sie berührt mich sehr. Starkes Bühnenbild: Das Publikum kann Dianas Gefühle hautnah miterleben. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Viele verbinden Musicals mit Leichtigkeit, mit beschwingter Unterhaltung ohne größere Tiefen. „Next to Normal“ beweist, dass es auch anders geht. Was denkst du: Werden Musicals allgemein ernst genug genommen? FEMKE Wenn man sie selbst ernst nimmt, merkt das auch das Publikum und dann nimmt es mir auch ab, was ich auf der Bühne transportieren möchte. Es gibt immer mal wieder Diskussionen, inwiefern Musicals eine ernstzunehmende Kunstform sind. Aber ich stelle mir dieses Frage gar nicht, weil ich weiß, wie viel Arbeit und Herzblut darin steckt und wie viele Menschen wir damit auch erreichen. Für mich ist es die beste Kunstform. THORSTEN Wer zuvor gezweifelt und dass nun gehört hat, dürfte jetzt endlich überzeugt sein! Laatste vraag: Je spreekt ook Nederlands. Dat is zo'n mooie taal. Kun je Oldenburg een klein complimentje geven? FEMKE Naturlijk! Ik vind Oldenburg is een erg moie stad. Ik moet zeggen ik find het een beetje verwarrend, ontwikkelte hoe het binnenstad in elkaar zit, ik ben al een paar keer verdwaald. Maar de mensen zaan echt aardig en heel openhartig. Ik voel me hier tohuis - ich fühl mich hier Zuhause! THORSTEN Leuk! Dank je wel! FEMKE Dank je wel voor het gesprek! ( lacht ) ( Übersetzung ) Talk nach dem Talk: Femke und Thorsten hatten nach dem Drehschluss noch einiges zu besprechen - nicht nur, aber auch über ihr Faible für die Niederlande. (Bild: Kulturschnack) Ein fast normales Musical Was macht ein Musical aus? Die Antwort auf diese vermeintlich leichte Frage fällt nach dem Gespräch mit Femke Soetenga deutlich differenzierter aus als zuvor. Denn eines ist deutlich geworden: Musicals lassen sich nicht so leicht in eine Schublade packen. Natürlich gibt es nach wie vor die seichten Vertreter des Genres, die alle Klischees erfüllen, die man mit ihm verbindet. Es gibt aber eben auch Stück wie „Next to Normal“. Bei ihnen zeigt sich: Musicals sind nicht nur in der Lage. auch komplexe oder „schwierige“ Themen aufzugreifen. Durch die Musik haben sie darüber hinaus sogar zusätzliche Möglichkeiten, emotionale Akzente zu setzen. Kein Wunder also, dass Femke für Musicals brennt. Die erfolgreiche Sängerin und Schauspielerin, die mit Formaten wie „ Sister Act “ in ganze Deutschland unterwegs ist, sieht in ihnen die perfekte Kombination aus Theater und Musik, die sich gegenseitig bereichern: Die Kompositionen geben den Gefühlen noch mehr Raum, die Handlung verleiht den Songs noch mehr Gewicht. Wer bisher einen Bogen um die großen Musicaltheater gemacht hat, sollte nun unbedingt ins Kleine Haus gehen, um ihr volles Potenzial zu erleben - und zu erfahren, warum es manchmal auch okay ist, nur fast normal zu sein.
- WER WAR EDITH RUSS?
Seit Februar 2025 heißt das Haus an der Katharinenstraße nicht mehr Edith-Russ-Haus für Medienkunst, sondern schlicht: Haus für Medienkunst Oldenburg. Der Name der Stifterin ist – aus gutem Grund – verschwunden. Edith Ruß war NSDAP-Mitglied, Feuilleton-Chefin einer nationalsozialistischen Zeitung und hat ihre Vergangenheit bis zu ihrem Tod 1993 geleugnet. Nun stellt sich das Haus der unbequemen Geschichte seiner Namensgeberin. Mit einer Ausstellung, die zeigen will, was Dokumente allein nicht können: die Komplexität von Erinnerung, Schuld und Verantwortung. Neuer Name, neue Haltung: Das Haus für Medienkunst Oldenburg (Bild: HMK) Eine Stifterin und ihre Lügen Edith Ruß starb 1993 und hinterließ der Stadt Oldenburg fast zwei Millionen D-Mark – unter der Bedingung, dass das damit gebaute Haus ihren Namen trägt. Im Jahr 2000 eröffnete das Edith-Russ-Haus für Medienkunst , und auf der Fassade prangte ihr Name. Eine Biografie wurde in Auftrag gegeben, die Ruß als kultivierte Kunstliebhaberin zeichnete – unbedeutend im Nationalsozialismus, vielleicht Mitläuferin, aber keineswegs schuldig. Das Problem: Vieles davon stimmte nicht. Edith Ruß war seit dem 1. Januar 1941 Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 8.346.788). Von 1943 bis 1945 leitete sie das Feuilleton der „Oldenburgischen Staatszeitung“ – einem offiziellen Blatt der NSDAP. In ihren über 100 Artikeln schrieb sie vom „Heldentod“ an der Front als „Erfüllung eines Menschenlebens“ und verbreitete laut taz-Recherchen hetzerische Propaganda. Nach Kriegsende leugnete Ruß ihre NSDAP-Mitgliedschaft – im Entnazifizierungsverfahren, im Bekanntenkreis, bis zu ihrem Tod 1993. Sie wurde als „unbelastet“ eingestuft. Eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Rolle? Fehlanzeige. An dieser Lüge hielt sie ihr Leben lang fest. Detail aus dem NSDAP-Mitgliedsausweis: Die Mitgliedschaft, die Edith Ruß ihr Leben lang abstritt. (Bild: Bundesarchiv Berlin) Erst 2024, als die taz recherchierte und die NSDAP-Mitgliedskarte im Bundesarchiv auftauchte, kam Bewegung in die Sache. Die Stadt gab ein Gutachten in Auftrag, Künstler:innen und Kooperationspartner:innen zeigten sich vermehrt distanziert gegenüber dem Haus. Im Februar 2025 beschloss der Stadtrat schließlich mehrheitlich: Der Name muss weg. DIE STIFTERIN, DER NATIONALSOZIALISMUS UND DAS HAUS 28. JANUAR 2026 - 1. MÄRZ 2026 HAUS FÜR MEDIENKUNST OLDENBURG KATHARIENSTRASSE 23 26121 OLDENBURG EINTRITT: FREI Die andere Seite von Edith Ruß Das Plakat zur Ausstellung: Ein historisch-künstlerisches Experiment über Erinnerung und Verantwortung. (Bild: HMK) Dabei war Edith Ruß nicht nur NS-Propagandistin, sondern auch Mäzenin. Ab 1982 schenkte sie dem Landesmuseum für Kunst & Kultur Oldenburg neun Kunstwerke. „Sie waren nie in meiner Wohnung“, sagte sie – es ging ihr nicht ums Besitzen, sondern ums Kuratieren. Die Werke sollten vor allem ihre verborgene Liebesbeziehung zu dem Schriftsteller Manfred Hausmann ins kulturelle Gedächtnis einschreiben. Doch 1991 kam es zum Bruch. Ruß war enttäuscht, dass das Landesmuseum ihre Schenkungen nicht ausreichend öffentlich würdigte. Daraus entstand die Idee: ein eigenes Haus mit ihrem Namen daran. Ein Jahr vor ihrem Tod, 1992, legte sie im Testament fest, dass das Haus nach dem Vorbild von Ludwig Mies van der Rohe gebaut werden sollte und dass ihr Name daran stehen müsse. Edith Ruß hatte keine Geschwister, keine Kinder. Ihr Vermächtnis sollte ihr Name sein. Das ist die Schwierigkeit, die diese Ausstellung zeigt: Ruß war Kunstliebhaberin und NS-Propagandistin. Mäzenin und Mitläuferin. „Es geht um Edith Ruß als geschätzte Bürgerin, aber auch um ihre andere Seite und um das mörderische System“, sagte Kulturdezernent Holger Denckmann bei der Eröffnung. „Und dass man die Ambivalenz aushalten muss.“ Wie erinnern wir? Die Ausstellung „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“ läuft bis zum 1. März 2026 und ist alles andere als eine klassische Retrospektive. Sie besteht aus drei Teilen, die zusammen ein historisch-künstlerisches Experiment bilden, wie die Kurator:innen Edit Molnár und Marcel Schwierin es nennen. Im ersten Raum wird es konkret. Hier sind die Zeitungsartikel zu sehen, die Edith Ruß zwischen 1939 und 1945 verfasste – darunter ihre Kurzgeschichte „Die sanfte Gewalt“. Der Titel allein ist entlarvend: „Sanfte Gewalt“ ist ein Widerspruch, ein Oxymoron, das typisch ist für die Verharmlosungsrhetorik des Nationalsozialismus. In einer Vitrine liegt das Original ihres damaligen Ausweises – das Dokument, das beweist, dass sie NSDAP-Mitglied war. Gezeigt werden auch Bronzeskulpturen sowie Arbeiten und Lebensgeschichten mit Bezug zu Edith Ruß. Es ist ein Blick in die Abgründe – nicht spektakulär, sondern nüchtern. Genau das macht es so eindringlich . Der zweite Teil zeigt zeitgenössische Kunst von sieben Künstler:innen, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen: Dani Gal , Rajkamal Kahlon , Susanne Kriemann , Fynn Ribbeck , Roee Rosen , Anja Salomonowitz und Clemens von Wedemeyer . Im Untergeschoss sind mehrere Videoarbeiten zu sehen und genau hier zeigt sich, wie gut diese Ausstellung funktioniert. Es ist nicht nur ein Raum voller Dokumente, sondern lebendiges Film- und Bildmaterial, das das Ganze eindrücklicher und greifbarer macht . Dani Gal hinterfragt in seinem Film: Kann moderne Architektur unpolitisch sein? (Bild: HMK) In einem Raum läuft Dani Gals inszeniertes Interview mit Ludwig Mies van der Rohe im Stil einer Fernsehsendung. Der Architekt wird in seinen späteren Lebensjahren gezeigt, konfrontiert mit seiner Zeit als letzter Direktor des Bauhauses und seiner Weigerung, unter dem Druck der Nazis politisch Stellung zu beziehen. Der Film zeigt die Ereignisse von 1933, als die Gestapo das Bauhaus schloss. Dabei stellt er die Frage: Kann moderne Architektur unpolitisch sein? Die Verbindung zu Edith Ruß: Sie wünschte sich ihr Haus nach dem Vorbild von Mies van der Rohe gebaut. Auch er machte Kompromisse mit dem Regime. An der Wand im Untergeschoss hängt Roee Rosens „Live and Die as Eva Braun – The Oldenburg Wolf Wall“. Das Werk fordert auf: Stell dir vor, du bist Hitlers Geliebte. Wer davor steht, sieht Rotkäppchen, aber der Wolf trägt Rock und High Heels. Dazu Hakenkreuzmonde aus Max und Moritz und Caspar David Friedrich-Bäumen. Kindermärchen und Nazi-Symbole, deutsche Romantik und Gewalt. Es ist etwas verstörend, provokant und genau deshalb wichtig. So funktionierte auch die Ästhetik des Nationalsozialismus: verführerisch, vertraut, tödlich. Rotkäppchen trifft auf Nazi-Symbole. Roee Rosens 'Live and Die as Eva Braun' zeigt, wie NS-Propaganda funktionierte. (Bild: Kulturschnack) Diese Arbeiten berühren Kontexte, die auch Edith Ruß' Lebensentscheidungen prägten: Mitläufertum, Propaganda, Verdrängung, Erinnerungskultur. Es geht nicht darum, Ruß zu verurteilen oder freizusprechen. Es geht darum, Mechanismen sichtbar zu machen. Und wie ginge das besser als mit einem Diskussionsforum? Das ist vermutlich der wichtigste Teil der Ausstellung. Oben in der Ausstellungshalle stehen permanent Sitzgelegenheiten für Veranstaltungen bereit. Mehrere Events pro Woche sind geplant. Dann sprechen Menschen, die für die Namensänderung waren. Aber auch Menschen, die ganz vehement dagegen waren. Teammitglieder des „Kuratorischen Büros“ stehen zu den Öffnungszeiten als Ansprechpersonen bereit. Die Idee: das direkte Gespräch suchen. Denn viele Diskussionen werden heute anonym im Internet geführt, emotional aufgeheizt, ohne echten Austausch. Hier soll es anders laufen. Alle demokratischen Positionen sollen zu Wort kommen. Es ist nicht einfach, aus diesem Thema eine Ausstellung zu machen, vor allem wenn man es viel mit Schriftdokumenten zu tun hat. Man muss sich vorab sicherlich fragen: Ist es eine Ausstellung oder eher ein Buch? In diesem Fall ist die Entscheidung gefallen, eine Ausstellung draus zu machen und zwar so, dass sie Dokumente und Quellen zeigt, aber eben auch Film- und Bildmaterial, das das Ganze lebendig macht. Warum das wichtig ist Man könnte sagen: Warum das Ganze? Edith Ruß ist tot. Das Haus wurde umbenannt. Ist die Sache nicht erledigt? Nein. „Man mag ja vielleicht sagen, das ist alles schon so weit weg“, sagte Holger Denckmann bei der Eröffnung. „Nein, 80 Jahre ist erschreckend nah dran.“ Und er hat recht. Die Mechanismen, die all das ermöglichten – Wegschauen, Mitlaufen, Lügen –, sind nicht verschwunden. Verrgangenheit: Anders als von der Mäzenin gewünscht, prangt ihr Name nicht mehr als Haus für Medienkunst. (bild: Kulturschnack) Die Fragen sind brandaktuell: Wie gehen wir mit Menschen um, die im Nationalsozialismus „mitgemacht“ haben ohne selbst zu töten, aber auch ohne Widerstand zu leisten? Was bedeutet es, wenn jemand sein Leben lang über die eigene Vergangenheit lügt? Die Debatte 2024/2025 war kontrovers. Manche fanden die Umbenennung übertrieben – schließlich war Ruß „nur“ Feuilleton-Chefin, keine KZ-Aufseherin. Andere argumentierten: Gerade die „sanfte Gewalt“ der Propaganda, die das Regime stabilisierte, darf nicht verharmlost werden. Die Ausstellung zeigt: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern viele Grautöne dazwischen. Sie ist, wie Denckmann es nannte, „der Abschluss eines demokratischen Klärungsprozesses.“ Schließlich sagte er noch etwas, das hängen bleibt: „Bei Haltungsfragen gibt es keine Enthaltung.“ Es geht nicht darum, jemandem eine Meinung aufzuzwingen. Es geht darum, dass Wegschauen keine Option ist. Dass der Umgang mit Fehlern wichtig ist. Dass wissenschaftliche Aufarbeitung und öffentliche Diskussion notwendig sind – auch wenn sie unbequem erscheinen. Und, lohnt es sich hinzugehen? Nicht vergessen, aber auch nicht erhöhen: Das abmontierte Namensschild im Innenhof. (Bild: Kulturschnack) Ja. Unbedingt. Diese Ausstellung ist wirklich sehr gut umgesetzt – mit einer Balance zwischen nüchternen Dokumenten und eindrücklichem Film- und Bildmaterial. Sie zeigt, wie nah Geschichte ist: 80 Jahre klingen weit weg, sind es aber nicht. Sie stellt unbequeme Fragen, ohne zu belehren. Sie schafft Raum für Diskussionen, die notwendig sind. Das abgenommene Namenssch ild „Edith Russ“ liegt heute im Innenhof – ni cht auf einem Podest, sondern gleichsam umgekippt. Eine gefallene Persönlichkeit. Diese Geste sagt viel über den Umgang mit schwieriger Geschichte: Nicht vergessen, nicht verdrängen, aber auch nicht erhöhen. Plant in jedem Fall Zeit ein. Das ist keine Ausstellung, die in 20 Minuten „abgehakt“ ist. Es ist eine Einladung, innezuhalten und vielleicht ist das das Wichtigste, was eine Ausstellung tun kann: keine Antworten liefern, sondern Raum schaffen. Raum für Fragen, die wehtun. Raum für Diskussionen, die notwendig sind. Raum für eine Geschichte, die nicht verschwinden will – und auch nicht sollte.
- KOLUMNE: ALLES GANZ NORMAL
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Intensiv und bewegend: Theatererlebnisse - wie hier „Lady Macbeth von Mzensk“ - können von einem Smartphone nicht ersetzt werden. (Bild: Stephan Walzl) Gerade eben, direkt bevor ich diesen Text begonnen habe, hatte ich mein Smartphone in der Hand. Ich war auf Instagram, hab durch meinen Feed gescrollt und war wie immer schnell benebelt von der Flut an Inhalten, die da auf mich einströmte. Tausendundeine Variationen derselben Sache. Habe ich dabei etwas gefühlt? Vielleicht eine diffuse Überforderung. Etwas Abscheu. Aber nichts Tiefes. Das war gestern ganz anders. Da habe ich mir – übrigens rein privat - das Februar-Programm des Staatstheaters geschaut. Nein, ich will jetzt nicht das Klischee bemühen, dass ich durch Papier geblättert hätte. Ich habe das online getan. Und obwohl mich als langjährigem Kolumnisten eigentlich nichts mehr überraschen sollte, habe ich dabei – anders als auf Insta – durchaus etwas gefühlt. Etwas Tiefes. Egal, in welche Spalte schaute, ich war - man muss es so sagen - begeistert. Ich gebe zu: Das hatte ich gar nicht erwartet. Deshalb habe ich mir dieses etwas ungenaue Gefühl mal genauer angeschaut und dabei zwei unterschiedliche Ursachen entdeckt: Einer der Auslöser war die schiere Menge an Veranstaltungen. Man könnte in Oldenburg hauptberuflicher Staatstheaterbesuchender sein und würde dennoch in Stress geraten, weil das Angebot so vielfältig ist. Das pralle Leben Meine Begeisterung betraf aber noch viel mehr die Inhalte der Stücke. Nehmen wir mal „ Next to Normal “, ein Musical über eine Mutter mit bipolarer Störung. Hier geht es um den Umgang mit dem Anderssein, der Sehnsucht nach einer Form von Normalität und letztlich auch um die Kraft und Grenzen der Liebe. Der Stoff hat schon in den USA riesige Erfolge gefeiert, nun dürfen wir ihn vor unserer Haustür erleben. Ein anderes Beispiel wäre „ Bondi Beach “. Die Komödie hat nichts mit dem schrecklichen Attentat in Sydney zu tun, sondern mit dem Älterwerden und der Veränderung. Das sind Themen, mit denen wir täglich konfrontiert sind und die nicht immer gute Gefühle auslösen. Wie schön ist es denn bitte, dass sich jemand diesem Thema annimmt und es auch noch leicht und humorvoll aufbereitet? Analog oder digital? Am besten: Eine Mischung aus beidem. (Screenshot: Kulturschnack / Staatstheater) Aber es geht noch weiter: Sasa Stanisic‘ „ Wolf “ richtet sich zwar an Jugendliche, schlägt mit großen Themen wie Freundschaft, Angst und Mut aber in eine ähnliche Kerbe. Und dass auch in Klassikern wie „ Frankenstein “ die zentralen Motive freigelegt und in die Gegenwart geholt werden? Versteht sich von selbst. Ich finde es wichtig, dass auf der Bühne das menschliche Leben in all seinen schrecklich-schönen Facetten verhandelt wird. Mir fällt es nämlich manchmal schwer, klare Gedanken und Gefühle zu spüren - und ich fürchte, ich bin damit nicht allein. Man kreist in seinen Schleifen, schwimmt in seiner Bubble, trampelt die immergleichen Pfade, aber es fehlt der unausweichliche Moment der Konfrontation mit sich selbst. Dieser Punkt, in dem sich eigene Haltungen und Meinungen plötzlich herauskristallisieren. Aber genau das erlebe ich, wenn einige Meter vor mir eine Bühne steht. Ganz gleich, ob dort eine Punkband auftritt oder Theater gespielt wird: Ich setze mich mit dem auseinander, was dort passiert. Ich fühle das. Und ich nehme etwas davon mit, lasse es nachklingen in meinem Kopf und stelle fest: ich bin davon begeistert! Jenseits des Screens Auf Instagram hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon zweihundert weitere Videos gesehen, hätte geschmunzelt, die Stirn gerunzelt, wäre irritiert und überrascht gewesen, aber auch betroffen und verstört. Aber wäre etwas davon hängen geblieben? Hätte ich irgendwas tiefer gefühlt? I don’t think so. Die Oldenburger Rockband Loose Lips hat es schon perfekt in Worte gefasst: „I live on a six inch led screen/ Everything I see has already been seen / There is nothing new, no discovery / Just wasting away like my battery“. Theater ist das exakte Gegenteil davon: Spürbare Größe, Einzigartigkeit, Neuentdeckungen, tieferer Sinn – das ist alles fester Teil des Erlebnisses. Die Welt im Smartphone ist zu flach? Dann kommt hier der Lifehack schlechthin: Jenseits davon wartet die Tiefe. Man muss sie nur sehen wollen. Aber aller Anfang ist schwer: Ich hatte eben schon wieder das Smartphone in der Hand. Eben kurz die Nachricht checken, fast schon ein Automatismus. Aber dann fiel mein Blick auf den Anfang dieses Textes und ich habe mich gefragt: Wie schön ist es eigentlich, begeistert zu sein? Wie wahnsinnig gut fühlt sich das an? Ich bin zwar auch auf Instagram immer wieder berührt. Aber meine Reaktion ist stets dieselbe: ich will jemandem davon erzählen, mich darüber austauschen, habe aber niemanden neben mir. Und wirkliche Begeisterung? Die spüre ich tatsächlich nur selten beim Blick auf den Screen in meiner Hand. Die spüre ich dann, wenn mir etwas wirklich Wahrhaftiges geboten wird. Das erlebbar ist. Das mich den Moment mit voller Wucht spüren lässt, das aber trotzdem lange nachhallt. All das finde ich im Theater – und manchmal sogar beim bloßen Blick aufs Programm. Alles ganz normal.
- SELTSAME ANWANDLUNGEN
Das Theater Laboratorium ist bekannt und beliebt für seine gekonnte Verbindung von hintergründiger Philosophie und krachender Komik. Nun haben Pavel Möller-Lück und Markus Wulf ein neues Stück inszeniert. Gelingt auch „ Hänsel und Gretel - Familienaufstellung nach Leonard Haslinger “ dieser Spagat? Wird das Stück ein weiterer Dauerbrenner? Darüber - und über noch viel mehr - haben wir mit den beiden gesprochen. Auf den Punkt: Mit viel Liebe zum Detail entstehen im Theater Laboratorium authentische Kulissen, die trotzdem Raum zum träumen lassen. (Bild: Kulturschnack) „Wollen wir nach hinten gehen?“ Als wir Pavel Möller-Lück im Foyer des Theater Laboratoriums treffen, halten wir uns nicht lange mit Smalltalk auf. Wetter prima, Laune bestens, also geht es gleich ans Eingemachte. Was einen guten Grund hat, wie sich bald zeigen sollte. Denn„hinten“ steht die Bühne. Pavel hat eine geradezu diebische Freude daran, uns die Kulisse für das neue Stück „ Hänsel und Gretel - Familienaufstellung nach Leonard Haslinger“ zu zeigen. Diese Freude kommt nicht von ungefähr: Mit der legendären Liebe zum Detail ist wieder mal ein Ort entstanden, der einerseits wirkt, als könnte er tatsächlich irgendwo real existieren, der andererseits aber auch als Plattform für Größeres taugt. Die Vorfreude wächst. THEATER LABORATORIUM HÄNSEL & GRETEL - FAMILIENAUFSTELLUNG NACH LEONARD HASLINGER AKTUELLE SPIELTERMINE: HIER THEATER LABORATORIUM KLEINE STRAßE 8 26121 OLDENBURG Kongeniales Duo Wir kommen zurück ins prächtige Foyer und setzen und an einen der zahlreichen Tische. Auch an einem Dienstagmorgen herrscht eine gewisse Geschäftigkeit dort, die ein angenehmes Grundrauschen bildet. Zu uns stößt nun Markus Wulf . Der Regisseur und Drehbuchautor ist in Oldenburg aufgewachsen, lebt inzwischen aber in Köln und widmet sich dort in erster Linie der Filmproduktion. Pavel und er kennen sich schon lange und hegten insgeheim immer den Plan, eines Tages zusammenzuarbeiten. Bei „Leonard Haslinger“ ist dies nun endlich passiert. Schon farblich bestens aufeinander abgestimmt: Das kongeniale Duo Markus Wulf und Pavel Möller-Lück. (Bild: Kulturschnack) Eine Woche vor der Premiere sind die beiden überraschend entspannt, „aber nur oberflächlich“, wie sie schnell lachend beteuern. Man sehe sie ja nicht während der Proben, da gehe es anders - im Sinne von: lauter - zu. Trotzdem spürt man sofort, dass die Chemie stimmt. Und genau das sollte sich auch während unseres Interviews zeigen. Euer neues Stück trägt einen auffälligen Titel. Das drängt sich die Frage auf: Wer ist denn dieser Leonard Haslinger? Pavel: Leonard Haslinger ist seit über dreißig Jahren Pförtner am Oldenburgischen Staatstheater . Er ist ein sehr zufriedener Mann, der diesen Job außerordentlich gerne macht. Leonard Haslinger ist aber auch jemand, der das Kind in sich pflegt und gewissermaßen ständig wiederentdeckt. Man weiß nicht, ob es aus Langeweile ist, aber ich glaube eher nicht. Er ist einfach jemand, der gerne spielt, der aber auch zufrieden und freundlich seinen Job macht. Das klingt nach einem angenehmen Zeitgenossen. Er hat dann aber offensichtlich seltsame Anwandlungen. Was hat es damit auf sich? Markus: Leonard sitzt eben an seiner Pforte. Aber anders als in jeder anderen Firma werden beim Theater zeitgleich auf der Bühne Geschichten erzählt - die Leonard auf seinem Monitor sehen kann. In unserem Fall läuft gerade als Weihnachtsmärchen „ Hänsel und Gretel “ - und zwar dreimal am Tag. Das heißt, der Pförtner kann dann das Stück auswendig. Er spielt es dann bei sich gewissermaßen mit - und das läuft dann durchaus aus dem Ruder. Da fehlt noch Leben: Die Kulisse des Pförtnerbüros ist wunderbar gelungen - doch vollendet wird sie erst durch Schauspieler und Figuren. (Bild: Kulturschnack) Pavel: Das läuft allerdings aus dem Ruder ( beide lachen verschwörerisch ). Das Schöne ist aber, dass es immer eine Form von Synchronität hat. Wir hören nicht immer das, was auf der Bühne passiert, oft übernimmt auch Haslinger. Und eines ist dabei sicher: Timing ist nicht sein Problem. Nebenbei muss er aber auch noch seinen Job machen und gelegentlich die Schranke öffnen. Dann kommt er fast beiläufig wieder zurück zum Märchen und verwandelt sich auch selber. Dann ist einfach die Pforte nicht besetzt oder nur sehr merkwürdig besetzt. Dann wird alles sehr fremd für einen Augenblick. „Hänsel und Gretel“ als Weihnachtsmärchen: Damit reißt man normalerweise niemanden mehr vom Hocker. Warum ist es ausgerechnet dieses Stück geworden, das Leonard von seiner Pforte aus verfolgt? Pavel: Das Schöne an „Hänsel und Gretel“ ist: Man muss nichts erzählen. Es ist ja vielleicht das bekannteste Märchen von den Gebrüdern Grimm, jeder hat es irgendwie auf dem Zettel. Das eröffnet uns die Möglichkeit, vom Original abzuweichen oder einen netten Perspektivwechsel vorzunehmen. Und dann kann man anfangen, richtig zu jonglieren mit dem Stoff. Bei Stücken des Theater Laboratoriums gibt es ja immer die Erwartung, dass auch Figuren eine Rolle spielen. Ist das bei Leonard Haslinger auch der Fall? Pavel: Ja, sie kommen ins Spiel. Aber es sind aber keine Figuren, wie wir sie gewohnt sind. Haslinger ist schließlich Pförtner und kein Puppenspieler. Dass bedeutet, dass er sich Dinge spontan nachgebildet, etwa aus Butterbrotpapier. Er baut sich seine Welt so zusammen, wie er sie gerade braucht. Das heißt: Wir sehen Figuren - aber nicht jene, die wir hier normalerweise haben, sondern welche, die aus dem Moment entstehen. Leonard spielt damit und das verselbständigt sich irgendwann. Markus: Man könnte auch sagen: Es gibt keine Figuren, aber es gibt Figurenspiel. Das ist Weltliteratur aus Butterbrotpapier! Pavel: Das ist natürlich eine Herausforderung. Es ist dieses Mal nicht so, dass eine Figurenbildnerin etwas erstellt und ich bewege es dann nur. Wir agieren hier sehr viel stärker aus dem Moment heraus - mit Dingen, die uns umgeben. So wie eigentlich Kinder spielen. Das ist die Herausforderung, aber auch das Schöne daran. Gibt es da gar keine Angst, dass es live dann nicht klappt? Oder übt man das einfach hundert Mal? Pavel: Das ist meine größte Angst: Dass die Figur einfach nicht gut aussieht und nicht kann, was ich will! ( beide lachen herzlich ). Nein, man übt es natürlich. Man muss sich schnell in eine Formensprache bringen und bis jetzt ist das eigentlich immer ganz gut gelungen. Wenn ich angefangen bin zu reißen und zu fummeln und das hinzustellen, war die Figur eigentlich immer da. Markus: Ich hätte es dir auch gesagt, wenn es nicht so wäre. ( beide lachen ) Stimmungsvoll: Das Laboratorium weckt schon draußen vor dem Eingang Vorfreude auf das Theatererlebnis. (Bild: Theater Laboratorium) Wie muss man sich die Entstehung eines Stücks wie „Leonard Haslinger“ eigentlich vorstellen? Gibt es von Anfang an immer das Vorhaben oder die Vorstellung, auf eine bestimmte Weise Figuren einzubinden? Oder ergibt sich das erst im Prozess? Markus: I ch glaube, es stimmt beides. Es entsteht auf jeden Fall im Fluss, in der Aktion, im Tun. Man kann sich natürlich hinsetzen und eine Szene schreiben. Wichtig ist aber, es dann auf der Bühne auszuprobieren. Und am Ende ist immer das entscheidend, was auf der Bühne entsteht. Das trifft auch auf die Figuren zu. Allerdings ist deren Entstehung nicht beliebig, eine Figur muss sich aus einer emotionalen Logik heraus ergeben. Es gibt ja auch ein Machtverhältnis: Wer spielt? Und wer wird gespielt? Da kann man nicht einfach sagen: Ach, das ist jetzt egal. Als extremes Beispiel fällt mir „Frankenstein“ hier im Haus ein. Da war die Entscheidung zu sagen: Nur die Kreatur ist ein Schauspieler, alle anderen sind Figuren. Pavel : Es wird auch eine Parallelgeschichte gibt darin, die eine Geschichte des Verlassenseins ist. In diesem Zusammenhang spielt übrigens die Kammerschauspielerin Elfie Hoppe vom Staatstheater eine Rolle. Sie spielt aber natürlich nicht physisch mit, sondern über Aufnahmen, Telefongespräche und so weiter. Es gibt also wieder eine Geschichte in der Geschichte, so dass man wunderbar hin- und herspringen kann zwischen den Gefühlswelten. Das gute Stück: Auf dem Tisch im Foyer liegt ein Skript von „Leonhard Haslinger“ -wahrscheinlich auch in dieser Form ein Genuss. (Bild: Kulturschnack) Was gefällt euch denn am besten an eurer Inszenierung? Gibt es den Lieblingsmoment oder Lieblingselement, worauf man sich immer wieder freut? Oder nimmt man das Stück nur als was Ganzes wahr? Markus: Es gibt Schokolade! (lacht) Pavel: Das Beste ist ja immer, wenn man sich auf jeden Moment freut. Das meine ich ganz ernst. Wenn der Abend beginnt, dann möchte ich mich auf die erste Szene freuen, ich möchte auf den Schnitt zu nächsten freuen und ich möchte mich auf die nächste Szene selbst freuen. Und natürlich gibt es Momente, wo man sagt: Ach, das wollte ich schon lange mal! Es gibt auch einen wirklich großen Moment, in dem Leonard Haslinger sich verwandelt. Ich will dem noch gar nicht so sehr vorgreifen, aber: Das ist ein Moment, auf den wir lange gewartet haben. Markus: Ich merke zum Beispiel, dass ich die Hexe mehr lieb gewonnen habe, als ich gedacht hätte. Wenn man über Hänsel und Gretel nachdenkt, erwartet man ja nicht unbedingt, dass ausgerechnet die Hexe ein Lieblingscharakter wird, Aber so etwas kann passieren: Man wird überrascht vom eigenen Stück. Schlüsselszene: In diesem Bild ist nicht nur Schokolade, sondern auch eine Figur versteckt. Tipp: Es ist nicht die Ente. (Bild: Kulturschnack) Viele eurer Stücke werden zu Klassikern. Das liegt nicht zuletzt an der fein ausbalancierten Mischung aus tragischen und komischen Elementen. Gibt es die bei Leonard Haslinger auch? Pavel: Es gibt immer eine Melancholie. Sie ist ein Motor, um etwas zu entdecken und, wie ich ja immer sage, um zwei Millimeter heiler zu werden an der Welt. Das spielt natürlich eine Rolle. Aber unsere Intention war eigentlich auch, eine Form von Komik zu erzeugen, von der die Menschen sagen: Das ist auf eine mal kuriose, mal ganz direkte Weise amüsant! Wie beim „Fischer und seiner Frau“ oder den „Bremer Stadtmusikanten“ war es uns ein Bedürfnis, das Dramatische und Melancholische zwar zu spielen - aber eine Form zu wählen, die wirklich Spaß macht. So eine Hexe zum Beispiel ist ja auch eine echte Figur. Da steckt ja jemand dahinter. Und die zu entdecken hat, hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Markus: Das Tragische schließt das Komische und sogar das Alberne überhaupt nicht aus. „Die Bremer Stadtmusikanten“ ist so ein Gute-Laune-Stück, aber wenn man überlegt, worum es da eigentlich geht, dann sieht es anders aus. Da geht es um Charaktere, die getötet werden sollen, weil sie nicht mehr genug Leistung bringen. Das ist eigentlich gar nicht so lustig. Ausflug aus dem Alltag: Die Abende im Theater Laboratorium beginnen bereits, bevor der Vorhang sich hebt. Das Foyer läutet das Erlebnis ein. (Bild: Theater Laboratorium) Das Theater Laboratorium hat schon tausende Aufführungen erlebt. Wenn eine Premiere - wie jetzt für Leonard Haslinger - ansteht, gibt es da noch eine gewisse Aufregung? Oder ist das einfach Routine? Pavel: Nee, nee! Das gehört schon zu den beeindruckendsten Erlebnissen, die man haben kann. Ich habe keine Panik, aber das Ausmaß des Respektes vor diesem Job ist an so einem Abend schon gewaltig. Das ist eine Form von Bewährung: Geht das auf, was ich mir gedacht hab? Finde ich den richtigen Faden? Bringe ich das so zusammen, wie ich das eigentlich will? Und wie geht es mir damit, wenn ich das erste Mal ganz knapp daneben bin, wo ich eigentlich nicht hinwollte? Finde ich dann den Faden wieder zurück? Kann ich mich da auf mich selber verlassen? Es gibt ja auch solche Premieren, wo man manchmal gar nicht weiß, wie es weitergeht, weil alles so neu und noch nicht eingespielt ist. Das passiert dann ja erst. Eine Premiere hat deshalb immer eine gewisse eine Entwurfhaftigkeit. Ich habe schon einen Riesenrespekt davor. Dauerbrenner: „Die Bremer Stadtmusikanten“ wurden bereits 1.400 (!) Mal aufgeführt. Abnutzungs-Erscheinungen? Keine. (Bild: Theater Laboratorium) Aber die ganz große Angst, dass ein Stück nicht funktionieren könnte, die gibt es nicht? Pavel: Nein, da spielt dann einfach auch eine über 40-jährige Bühnenerfahrung eine Rolle. Man spürt schon im Vorfeld, ob etwas gut gebaut ist. Wenn man bei den Proben merkt „Ach, die Szene ist super“ und springt dann gleich rüber in die nächste, dann spürt man den Spaß, den auch das Publikum daran haben wird. Das kann man überschauen. Markus: Man kann das ein Stück weit vorbereiten, also die Dinge handwerklich richtig machen. Aber dann bleibt ja trotzdem noch der Rest, der künstlerische Teil, der zwischen Pavel und dem Publikum entsteht. Pavel: Das ist gewissermaßen die dritte Dimension an diesem Abend. Es gibt das, was man sich vorgestellt hat. Es gibt das, was sich daraus dann ergibt. Und schließlich gibt es die Reaktion des Publikums darauf. Die ist ja völlig ungeprobt. (lacht ) Nein, die Vorfreude ist schon groß. Im letzten Jahr haben wir ja nicht inszeniert. Und wenn man dann nach zwei Jahren wieder ein Stück hat, das man zeigen will, dann fühlt man sich wie ein Rennpferd, wo gleich das Gatter hochgeht. Man will raus auf die Bahn und dann los! Feine Töne, große Tiefe Man kann es sich denken: Nach dem Interview ging es für uns alle nicht sofort zurück zur Tagesordnung. Mit Menschen wie Markus und Pavel gibt es immer Themen, Gedanken und Blicke auf die Welt, die besprochen werden wollen. Und so saßen wir noch eine Weile an unserem Tisch im Foyer und philosophierten unter anderem darüber, ob es Kultur nicht „auf Kasse“ geben müsste. Und wir ertappen uns bei dem Gedanken, dass es für die Stücke des Theater Laboratoriums beinahe gerechtfertigt erscheint. „Hänsel und Gretel - Familienaufstellung nach Leonard Haslinger“ provozieren zunächst zwar tatsächlich die beiden Fragen, die wir am Anfang gestellt haben. Wie immer beim Laboratorium bietet das Stück aber sehr viel als eine reine Handlungsebene. Es sind die feinen Töne, die eine besonders große Tiefe erzeugen und die am längsten in unseren Köpfen nachhallen. Und wer weiß? Vielleicht verändern sie sogar etwas in uns. Deshalb bleiben Besuche in dieser kleinen Kultstätte des Theaters ein Erlebnis - und das gilt auch für Leonard Haslinger und seine seltsamen Anwandlungen. Ob der Pfortenphilosoph mit seinen Sidekicks Hänsel und Gretel zum nächsten Dauerbrenner wird? Das entscheidet ihr!
- GEGEN DAS GEWISSEN
Der Wehrdienst ist aktuell eine freiwillige Angelegenheit. Zwischen 1956 und 2011 war das allerdings anders: Damals galt in Deutschland die Wehrpflicht. Junge Männer mussten - häufig entgegen ihrer Überzeugungen - den Dienst an der Waffe leisten. Was das mit Kultur zu tun hat? In ihrem Buch „Gegen mein Gewissen“ hat die Hamburger Comic-Künstlerin Hannah Brinkmann die inneren Konflikte und ihre Folgen thematisiert. Ihre beeindruckende Graphic Novel stellt sie nun an einem besonderen Ort vor. Noch selbstbewusst: Hermann Brinkmann erlebte das Ende der Grundausbildung nicht mehr. In ihrer Graphic Novel zeichnet Hannah Brinkmann sein Schicksal nach. (Bild: Hannah Brinkmann) Nein, ein Comicheft ist es nicht gerade. 232 Seiten ist „Gegen mein Gewissen“ stark und kommt im Hardcover daher. Schon allein dadurch signalisiert es, dass man es hier nicht etwa mit einer Variante von Donald Duck oder Asterix zu tun hat, sondern mit einer Graphic Novel. Einem Werk also, das einerseits zeichnerisch eigene Akzente setzt, andererseits aber auch durch sein Thema und seine Erzählung überzeugen will. Der Hamburger Künstlerin Hannah Brinkmann gelingt beides. Die vielfach ausgezeichnete Autorin wählt relevante Themen aus, recherchiert die Hintergründe sorgfältig und erzählt ihre Geschichten ebenso informativ und interessant, fesselnd und faszinierend. Ihr Debüt „ Gegen mein Gewissen “ arbeitet die tragische Geschichte ihre Onkels auf, der im südoldenburgischen Lindern lebte und dessen Kampf gegen die Wehrpflicht auch in Oldenburg spielte. Für die Lesung am 22. September reist Hannah nun erstmals an diesen Ort der Handlung. LESUNG UND GESPRÄCH HANNAH BRINKMANN: GEGEN MEIN GEWISSEN SONNTAG, 22. SEPTEMBER, 17 UHR JOCHEN-KLEPPER-HAUS BREMER STRAßE 28 26135 OLDENBURG EINTRITT FREI! Theorie und Praxis Es ist wahrlich kein einfacher Stoff, den Hannah sich für ihr Debüt ausgewählt hat, denn er behandelt ein Kapitel deutscher Geschichte, das bisher nur unzureichend behandelt wurde. Im Zentrum steht die allgemeine Wehrpflicht, die nur elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eingeführt wurde . Zwar lautete Artikel 4, Absatz 2 des Grundgesetzes : „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“ Es gab also eine theoretische Möglichkeit, den Wehrdienst zu verweigern. Doch diese Verweigerung war mit hohen Hürden verbunden - die sich für manche als unüberwindbar herausstellten. Nicht für alle: Der Dienst an der Waffe war für manche Menschen nicht mit dem Gewissen vereinbar. Ihnen wurde zu wenig Gehör geschenkt. (Bild: Bundeswehr) Lange Zeit - bis weit in die 1970er Jahre hinein - galt die Kriegsdienstverweigerung als „systemzersetzend“. Unter großem Druck und vielen Demütigungen musste die Verweigerer ihre Gewissensnot beweisen - und zwar vor „Gutachtern“, die häufig eine NS-Vergangenheit hatten und denen die Bundeswehr wichtiger war als das Wohl der Rekruten. Einer dieser jungen Männer war Hermann Brinkmann, der als überzeugter Pazifist 1973 eingezogen wurde. Vergeblich wehrte er sich gegen seinen Einberufungsbefehl - und nahm sich schließlich während der Grundausbildung das Leben. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen und sorgte für eine Neubewertung der Verweigerung. Für tausende Betroffene gab diese Entwicklung jedoch zu spät. Dramatik und Verzweiflung Hannah Brinkmann gelingt mit „Gegen mein Gewissen“ Erstaunliches. Sie vermttelt ein authentisches Bild der Bundesrepublik jener Zeit - zwischen dem ultimativen Trauma des Weltkriegs und einer Rükkehr zu einer geordneten Normalität. Wie sich herausstellen sollte, wählten die staatlichen Organe auf der Suche nach dem richtigen Weg allzu oft die repressive Variante. Anhand ihres Onkels - den sie selbst nie kennenlernen konnte - zeigt Hannah die Zwänge, Nöte und Dilemmata von Menschen, die mit diesem neuen System wenig anfangen konnten und sich von ihm eingeschränkt und missachtet fühlten. Erfolgreiche Autorin Hannah Brinkmann im Kurzportrait Wie gelingt es ausgerechnet einer jungen Frau, die Situation wehrpflichtiger Männer in den Sechziger und Siebziger Jahren einzufangen, obwohl sie erst zwei Jahrzehnte später geboren wurde? Indem sie drei entscheidende Kompetenzen einsetzt: Ihr Recherche-, Erzähl- und Zeichentalent. Erfolgreich: Hannah Brinkmann gehört zu den besten deutschen Graphic Novelists bzw. Journalists. Nun liest sie in Oldenburg. (Bild: Lennard Schwarz) Hannah Brinkmann wurde 1990 in Hamburg geboren. Sie studierte Grafische Erzählung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, an der Shenkar School of Engineering and Design in Tel Aviv und der EESI in Angouleme und absolvierte als Stipendiatin des DAAD am Royal College of Arts in London einen Master of Research in Fine Arts & Humanities. 2017 war sie Teil des Sitka Fellows Programm in Alaska, wo sie die Recherche für ihre erste Graphic Novel Gegen mein Gewissen begann. Ein Jahr später konnte sie diese Recherche im Rahmen eines dreimonatigen Stipendiums des Library Innovation Labs an der Harvard Law School beenden. Noch vor Veröffentlichung wurde ihr Comic-Debüt auf der Shortlist des Comicbuchpreises der Berthold-Leibinger-Stiftung ausgezeichnet. Hannah Brinkmann zeichnete unter anderem für das Strapazin, Taz, Tagesspiegel und war mit einer Comicreportage in Alphabet of Arrival , einer Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung, zu sehen. Im Herbst 2024 erscheint ihr neues Buch Zeit heilt keine Wunden , eine Graphic-Novel über den Shoah-Überlebenden Ernst Grube, dessen bewegten Lebensweg sie zusammen mit dem Zeitzeugen recherchiert und aufarbeitet. Zeit heilt keine Wunden ist eins der Finalist*innen Werke des Berthold-Leibinger-Preises 2024. Hannah Brinkmann ist 2024 eine der Comic-Stipendiatinnen des Deutschen Literaturfonds. Sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch führt uns Hannah nah heran an die damalige Zeit, vorherrschende Denkweisen und Gesetzmäßigkeiten - die zum Teil nahtlos an die Mentalität des Nationalsozialismus anknüpften. Die junge Künstlerin beleuchtet sehr genau, was die neue gesellschaftliche Konstruktion für Menschen bedeuten konnte, für die persönliche Freiheit mehr zählte als ein funktionierendes System. In einer ausführlichen Besprechung des Buchs ist Rudi Friedrich vom Connection e.V. - einem Verein, der sich weltweit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure einsetzt - voll des Lobes: „Die feine Verbindung der Zeichnungen mit dem Text kreiert eine neue Erzählebene, die Geschichte, Dramatik und Verzweiflung von Hermann Brinkmann sehr anschaulich macht. Hier wird Geschichte erlebbar und durch den persönlichen Bezug geradezu erfahrbar.“ Geschichte trifft Gegenwart Diese Verbindung bekam zuletzt einen besonderen Stellenwert, denn In den letzten Monaten ist das Thema Wehrpflicht plötzlich wieder auf die politische Tagesordnung gerückt. Mit Blick auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine - nur 1.300 Kilometer östlich von Oldenburg - kam wieder Bewegung in die entsprechende Debatte. Unter anderen zeigten sich Verteidigungsminister Boris Pistorius und die Wehrbeauftragte Dr. Eva Högl aufgeschlossen gegenüber einer Rückkehr zur Wehrpflicht. Die Lesung in Oldenburg kommt also genau zum richtigen Zeitpunkt. „Ich wollte mit dem Buch auch junge Leute erreichen“, betont Hannah. Sie stünden aktuell zwar nicht mehr vor der Entscheidung, ob sie Wehrdienst oder Zivildienst ableisten wollen, aber: „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wehrpflicht nur ausgesetzt ist und mit jedem Konflikt und Krieg auch immer wieder die Debatte über die Wehrpflicht ins Parlament zurückkehrt.“ Krieg üben: Das könnte in Zukunft wieder zur Lebensrealität junger Menschen gehören. (Bild: Bundeswehr) Es sei wichtig, dass sich Jugendliche mit diesem Thema auseinandersetzten, um sich eine fundierte Meinung zu bilden, findet die 34-Jährige. Sie sorge sich, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden könnte und auf Jugendliche treffe, die sich nicht ausreichend damit beschäftigt hätten. „Ich denke, 'Gegen mein Gewissen' kann helfen, eine Auseinandersetzung mit dem Thema zu beginnen und daraufhin mehr Informationen und Aufklärung zu suchen“, ordnet Hannah ein. „Gleichzeitig glaube ich, dass das Buch ein Bild vom Pazifismus zeichnet, das wir nicht vergessen dürfen. Das Buch lädt auch dazu ein, sich darüber Gedanken zu machen, was Pazifismus für den Einzelnen bedeutet.“ Tatort Oldenburg Dass Hannah mit ihrem Buch nach Oldenburg - genauer gesagt: ins Jochen-Klepper-Haus - kommt, ist dabei alles andere als ein Zufall. Denn ein Teil der Geschichte von Hermann Brinkmann spielte an der Bremer Straße. Dort, wo einst die Dragonerkaserne stand, befand sich zu seienr Zeit das Kreiswehrersatzamt. Allein der Name sprach Bände: der Mensch wurde hier zum „Wehrersatz“, also bereits durch den Titel seiner Persönlichkeit beraubt. In diesem Amt fanden die Musterungen statt, die nach der Einberufung die Wehrtauglichkeit feststellen sollten. Ehemaliges Kreiswehrersatzamt: Das Bundeswehr-Dienstleistungszentrum. (Links, Bild: Bundeswehr/Marcus Rott) / Veranstaltungsort: Das Jochen-Klepper-Haus (Rechts, Bild: Wikipedia) „Es ist für mich das erste Mal in Oldenburg. Und auch meine erste Lesung in der Gegend, in der die Geschichte von Hermann spielt“, berichtet Hannah. Das mache die Lesung am 22. September doppelt besonders für sie. „Das Jochen-Klepper-Haus ist so nahe an dem Ort ist, wo nicht nur mein Onkel Hermann, sondern sehr viele junge Männer in den 70er Jahren teils schikanierende Gewissensprüfungen durchlaufen mussten.“ Es sei ein schönes Zeichen, an diesem Ort nun Hermann Brinkmanns Geschichte teilen zu können. „Vielleicht werden ja auch Betroffene von damals, die wie Hermann verweigern mussten und Teil des Prüfungsverfahrens waren, zu der Lesung finden und ihre Schicksale teilen. Das wäre eine große Bereicherung“, hofft die junge Autorin. Aber auch - und gerade - für jüngere Jahrgänge sind Hannahs Buch und ihre Lesung von größter Relevanz. Denn entweder kehrt die Wehrpflicht eines Tages zurück und man wäre dann gut darauf vorbereitet. Oder es bleibt dauerhaft bei der Freiwilligkeit. Doch selbst dann wäre die Erinnerung an Hermann Brinkamnn wertvoll - weil man erst dadurch ermessen kann, in welch glücklicher Lage man sich selbst befiundet. Und etwas Glück weiß man doch immer zu schätzen.
- SIGHTS TO SEE
In der Kunstszene etwas Einzigartiges zu kreieren, das niemand sonst macht: Das ist im Laufe der Zeit beinahe unmöglich geworden. Dem Fotokünstler Thomas Kellner ist es dennoch gelungen: Er setzt bekannte Bauwerke durch eine spezielle Art der Fotografie völlig neu in Szene - und dabei sogar in Bewegung. Seine spektakulären „Sights“ sind nun im Schloss zu sehen. Alles anders: Selbst tausendfach gesehene Bauwerke wie das Kolosseum in Rom bekommen durch Thomas Kellners Arbeit eine völlig neue Wirkung. (Bild: Thomas Kellner) Akropolis, Eiffelturm, Freiheitsstatue: Die bedeutenden Sehenswürdigkeiten dieser Welt kennen wir alle von unzähligen austauschbaren Hochglanzfotografien der Tourismusgesellschaften und Travel-Influencer. Gelegentlich beschleicht einen das seltsame Gefühl, man wäre von den ikonischen Bauwerken schon gelangweilt oder genervt, bevor man sie jemals in echt gesehen hat. Thomas Kellner löst diesen Widerspruch auf. Das vermeintlich Bekannte wirkt bei ihm aufregend neu. Kein Wunder, schließlich setzt er ein Verfahren ein, das von den üblichen Verdächtigen ganz andere Bilder kreiert als die gewohnten. Dabei legt der gebürtige Bonner Wert darauf, dass er nicht etwa Fotograf ist, sondern ein Künstler, der mit Fotos arbeitet. Und vielleicht ist dieser feine Unterschied das Geheimnis seines Erfolgs. LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR THOMAS KELLNER: SIGHTS 28. SEPTEMBER 2024 BIS 12. JANUAR 2025 DIENSTAG BIS SONNTAG 10-18 UHR OLDENBURGER SCHLOSS SCHLOSSPLATZ 26122 OLDENBURG Der lange Weg nach Oldenburg Dr, Anna Heinze ist stolz. Vier Jahre habe es gedauert, bis die Ausstellung von Thomas Kellner realisiert werden konnte, erzählt die Museumsleiterin beim Pressetermin am Vortrag der Ausstellungseröffnung. „Damals haben wir die Sammlung Schupmann gezeigt. Es war nur ein Bild von Thomas Kellner dabei. Aber seitdem hatten wir ihn im Blick.“ Der Künstler lächelt bescheiden. Ihm ist anzumerken: Er weiß um seine Alleinstellung in der Kunstszene - er möchte aber nicht viel Aufhebens darum machen. Der Künstler und sein Werkzeug: Thomas Kellner nutzt analoge Fotografie, um seine Fotomotive segmentiert abzulichten. (Bild: Kulturschnack) Vielleicht liegt es daran, dass er auch die Schattenseite des Künstlerdaseins kennt. Nach dem Studium in Siegen habe er sich ein fünf Jahres-Ultimatum für den Karrierestart gestellt, erzählt er - und diesen Zeitraum auch gebraucht. Erste Erfolge wie die Verleihung des Kodak Nachwuchs-Förderpreises 1996 wechselten sich ab mit einigen Enttäuschungen. Eine der größten sollte ausgerechnet auf die Veröffentlichung des Fotobuchs „ Monumente “ im Sommer 2001 folgen. Im Vorwort schrieb Prof. Dr. Gerhard Glüher „ Thomas Kellner zerstört symbolisch seine Objekte“ - kurz darauf taten es Flugzeuge in New York tatsächlich. Monumente waren zunächst nicht mehr gefragt. Einen Ausweg fand Kellner ausgerechnet auf der anderen Seite des Atlantiks. Mit seinen letzten Finanzreserven organisierte er dort eine Art Road Show in eigener Sache - und stieß dabei auf großes Interesse von Galerien und Museen. „Als ich ankam, musste ich zunächst immer ein Buch verkaufen, bevor ich mir einen Burger leisten konnte“, blickt er zurück. „Danach fragte meine neue Galeristin aus Chicago, wie hoch der Scheck sein soll, den sie mir ausstellt.“ Die tanzenden Gebäude Für Begeisterung hatte jene Methode gesorgt, die Thomas Kellner schon seit 1997 immer weiter verfeinerte und perfektionierte. Dazu inspiriert hatte ihn der kubistische Maler Robert Delaunay , der einst den Eiffelturm in eine zersplitterte Struktur zerlegte. Und so begann Thomas auch ebendort: In Paris, mit dem Eiffelturm. „Dort hab ich mich hingesetzt und gefragt: Was kann ich jetzt machen?“, weiß er noch heute. Und heraus kam dabei einiges, wie sich zeigen sollte. Viel Vorarbeit: Bevor Thomas Kellner mit seinen Fotografien beginnt, segmentiert er seine Objekte und plant sein Vorgehen. (Bild: Kulturschnack) Die Kunstwerke von Thomas Kellner bestehen aus hunderten Einzelaufnahmen. Die plant er präzise voraus und hält in seinem Skizzenbuch den genauen Ablauf fest. Dann fotografiert er seine Motive in der Regel von unten links nach oben rechts, ein Film nach dem anderen. Die Kamera steht dabei auf einem Stativ und bewegt sich nicht von der Stelle. Stück für Stück wird nur der Fokus verschoben. Dadurch erscheinen die Gebäude im Ergebnis dynamischer und lebendiger als bei einer frontalen Gesamtaufnahme - oder in der Realität. Manchmal scheinen sie regelrecht zu kippen, zu wackeln oder sogar zu tanzen. Die Entstehung eines Bildes dauert meist mehrere Stunden, bis zu sechzig Filme mit 24 oder 36 Fotos werden dabei verwendet. Doch was passiert eigentlich, wenn jemand durchs Bild huscht? „Ich arbeite mit sehr langen Belichtungszeiten, da sieht man das gar nicht“, verrät Kellner. Außerdem habe es durchaus Vorteile, dass man nicht alles vorhersehen könne: „Fehler und Zufälle sind meine besten Freunde“, schmunzelt der Künstler - denn oft sind sie es, die entscheiden Impulse für die künstlerische Umsetzung geben. Klar zu erkennen: Das Brandenburger Tor ist nah am Original. Andere Bauwerke wirkt deutlich fremder. (Bild: Kulturschnack) Die Fotos lässt er schließlich auf großformatigen Kontaktbögen belichten, so dass seine Bilder wirken wie ein Kaleidoskop, das all die touristischen Attraktionen vollkommen neu inszeniert - obgleich doch jedes einzelne Foto vergleichsweise profan entstand. Aber so ist es ja auch in anderen Genres der Kunst: Ein Pinselstrich allein ist ebenfalls noch kein Gemälde. Steine im Schwebezustand Profan ist aber eben nur die Entstehung der einzelnen Fotos, nicht der Prozess drumherum. Thomas Kellner hält sich nicht sklavisch an sein Verfahren, sondern weicht auch von ihm ab, sucht und findet neue Ansätze. So wirken die Gebäude auf seinen Bildern mal relativ natürlich, mal vollkommen verändert. Gemeinsam haben alle Werke aber, dass sie das Gesehene neu erfinden. „Dekonstruktivistisch trifft es wohl am besten“, wählt Kellner selbst eine Beschreibung für seine Arbeit. Der Begriff bedeutet: Etwas wird auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Und dadurch entstehen in diesem Fall neue Anblicke und Assoziationen auf das eigentlich Altbekannte. Monumental: Thomas Kellner kann viele Geschichten erzählen - unter anderem über die Entstehung der raumfüllenden Aufnahme des Grand Canyon. (Bild: Kulturschnack) Der Künstler bleibt trotz allem bescheiden. Ihm scheint bewusst zu sein, dass zwar sein Name auf den Plakaten prangt - dass im Grunde aber seine Methode der Star ist. Die Besucher:innen betrachten die Bilder von ganz weit weg und von ganz nah dran - fasziniert von der Wirkung dessen, was sie schon zu kennen glaubten. Denn obwohl Kellner nur die Realität abbildet und sie nicht etwa verfremdet, schaffen seine Dekonstruktionen neue Sehrerlebnisse. Man muss ihm beinah dankbar sein dafür. Denn so atemberaubend viele Bauwerke in der Realität auch sind, ihre Abbildungen stehen heutzutage eher für gepflegte Langeweile. Sie noch einmal neu entdecken zu dürfen, ist eine ebenso überraschende wie imposante Erfahrung. Und das betrifft nicht nur Sehenswürdigkeiten aus den Metropolen dieser Erde. In der Ausstellung sind auch Kapellenschulen aus dem Siegerland zu finden - und sogar ein Bauwerk aus Oldenburg . Aufgeräumt: Mit zurückhaltenden Farben und einer gelungenen Hängung gibt die Ausstellung den Bildern den nötigen Raum. (Bild: Kulturschnack) Selbst eine Sehenswürdigkeit Es ist erstaunlich. Als Thomas Kellner ab 1997 seine Methode der experimentellen Fotografie zu entwickeln begann, betrat er tatsächlich Neuland. Zwar gab es in der Malerei sein Vorbild Delaunay. Doch seine Art des Fotografierens war vollkommen neu. Doch damit nicht genug. Nicht nur das Verfahren war eine Innovation, dasselbe galt auch für dessen Ergebnisse. Akropolis, Eiffelturm und Freiheitsstatue kannte auch zur Jahrtausendwende schon jeder; und manch eine:r hatte sich auch damals schon sattgesehen. Das änderte sich mit Kellners Werken. Er bietet allen - Einheimischen wie Tourist:innen - die Chance, die großen Attraktionen neu zu entdecken. Nun haben wir diese Gelegenheit auch in Oldenburg. Da kann es nur heißen: Hingehen und ansehen. Schließlich ist die Ausstellung auch selbst: eine Sehenswürdigkeit.
- STAATSAKT #2: WALD
Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Alles auf grün: Der WALD erobert sich sein Gebiet zurück - und wo bleiben dabei die Menschen? (Bild: Stephan Walzl) Majestätische Bäume, ein Mosaik aus Millionen Pflanzen, eine friedvolle und wohltuende Ruhe: Mit Wald verbinden wir Menschen viel Positives. Das ist schon evolutionsbiologisch verankert, weil er uns früher Schutz und Nahrung geboten hat. Das gilt aber auch gegenwärtig, denn er bietet uns ersehnte Rückzugsräume in ansonsten ziemlich hektischen Zeiten. Nicht umsonst ist Waldbaden ein globaler Trend. Aber was wäre eigentlich, wenn der Wald sich nicht länger auf seine Rolle reduzieren ließe? Wenn er sich den Raum zurückerobert, den er an die Menschheit verloren hat - und selbige plötzlich in der Defensive wäre ? Und wäre das eigentlich eine gute Sache - oder eine schlechte? Darüber haben wir uns in der zweiten Folge des KULTURSCHNACK STAATSAKT mit Nora Hecker unterhalten. Sie ist die Dramaturgin des Schauspiels „WALD“, das in Oldenburg unter der Regie von Milena Paulovics als eine Uraufführung zu sehen ist. Warum ihr erst ins Theater und dann in den Wald gehen solltet? Das erfahrt ihr hier! OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER WALD URAUFFÜHRUNG MI 2. OKTOBER 20 Uhr , MI 9. OKTOBER 20 UHR , SO 13. OKTOBER 18.30 UHR , SA 19. OKTOBER 20 UHR , DO 31. OKTOBER 18.30 UHR , SO 3. NOVEMBER 18.30 UHR , FR 22. NOVEMBER 20 UHR , DI 26. NOVEMBER 20 UHR , FR 29. NOVEMBER 20 UHR , MI 5. FEBRUAR 20 UHR , SO 23. FEBRUAR 18.30 UHR , SA 15. MÄRZ 20 UHR , MI 2. APRIL, 20 UHR , SA 5. APRIL 20 UHR KARTEN KLEINES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG Z W E I T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein Theaterfoyer im 1. Obergeschoss zur Mittagszeit, in leicht trübes Herbstlicht getaucht. Durch die Glasfassade im Hintergrund sind mehrere große Bäume zu erkennen. Zwei Kultur-Redakteure warten auf ihre Gesprächspartnerin, verschiedene Kameras sind auf Stative montiert. Im Hintergrund das Thema: Dramaturgin Nora Hecker hat uns viel Spannendes zur Uraufführung von „WALD“ erzählt. (Bild: Kulturschnack) NORA ( die Treppe emporkommend ) Ich hab mich eben kurz an der Ampel kurz verquatscht. Bin ich schon zu spät? THORSTEN Nee, du bist superpünktlich! KEVIN So lieben wir das! (Nora geht mit Thorsten ans Geländer oberhalb der Treppe und wird mikrofoniert. An den Kameras werden die Aufnahmen gestartet. Das Gespräch beginnt) THORSTEN Euer neues Stück trägt den schönen Titel „ WALD “. Das verrät aber noch nicht viel über den Inhalt. Kannst du uns verraten, worum es geht? NORA Das Stück spielt in einer fiktiven, aber nahen Zukunft, nicht allzu fern von unserem Heute. Der Wald ist das zentrale Motiv und sozusagen auch Antrieb und Motor der Handlung. In dem Stück erobert sich der Wald die Städte Europas zurück. Er überwuchert mit all seinen Lebensformen - also mit Bäumen, Pilzen oder Kleinstlebewesen wie Käfern, die auch im Stück auftreten - die Städte Europas. Noch ist Zeit: Die Menschheit glänzt nicht unbedingt darin, Probleme zu erledigen, bevor sie akut sind - und oft nicht einmal dann. (Bild: Stephan Walzl) Alles beginnt mit einer Buche, die auf einem Balkon wächst - über Nacht, plötzlich. Und zwar kein kleiner Baum, sondern ein ausgewachsener, sehr großer Baum. Und zu Recht ist der Balkonbesitzer natürlich irritiert davon und weiß zunächst nicht, wie er damit umgehen soll. Er versucht sich Hilfe zu holen beim städtischen Gartenbauamt , aber kommt da nicht so richtig weiter. Es geht erst um die Fällung des Baums, schließlich bleibt er aber auf dem Balkon. Und das ist aber nur der Anfang der ganzen Geschichte. Es bleibt eben nicht bei dem einen Baum, sondern die kompletten Städte werden überwuchert. THORSTEN Die Natur erobert sich sich ihren Raum also zurück und der Mensch muss reagieren und zurückweichen. Da fragt man sich: Ist das eigentlich eine Utopie oder eine Dystopie? Theaterfrau: Nora Hecker spricht mit Kenntnis und Leidenschaft über ihre Arbeit. (Bild: Kulturschnack) NORA Ich würde mich ungern festlegen auf eins von beidem, weil das eine Entscheidung ist, die auch die Figuren im Stück fällen müssen. Also: Passen Sie sich an? Gehen Sie mit der Natur und versuchen, wieder eins zu werden mit ihr? Gelingt es ihnen, den gedanklichen Gegensatz Natur und Mensch zu überwinden und sich wieder als Teil der Natur zu verstehen? Oder vergehen die Menschen, verschwinden sie? Denn ohne zu viel zu verraten: Flucht ist nicht mehr so richtig möglich im Stück. THORSTEN Gibt es da eine Botschaft, die ihr vermitteln wollt? Oder ist das offen angelegt, so dass sich die Menschen im Publikum sich selber Gedanken zu dieser Fragestellung machen können? NORA Der Text verzichtet auf Moral oder den moralischen Zeigefinger, was erst mal sehr schön ist. Es ist nicht implizit eine Botschaft eingeschrieben, die man zwingend vermitteln soll, sondern man stößt eher Gedanken über die Verbindung bzw. das Verhältnis von Natur und Mensch. Mit Blick auf die Klimakrise ist das eine Frage, die total aktuell ist. Wie verhalten wir uns, wenn es so nicht weitergehen kann? Das Stück beschreibt natürlich ein Extrem, in dem die Menschen gezwungen sind zu handeln. Und dann stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Das ist ein Anstoß für Nachdenken. THORSTEN In dem Stück begegnen unter anderem Cesar, Plinius und Bambi. Wie können die uns denn bei der Fragestellung helfen? NORA Das ist die Frage, ob sie helfen oder nicht. ( lacht ) Plinius und Caesar treten immer wieder als eine Paarung auf. Plinius der Ältere hat in der Antike eine große Enzyklopädie, also sehr umfassendes Werk über die Natur veröffentlicht. Er hat dabei einen bestimmten Begriff von Natur vermittelt - nämlich dass alles, was der Mensch mithilfe oder in der Natur macht, schon Natur ist oder dazugehört. Es ist natürlich total absurd und surreal, dass diese beiden Figuren auftreten und permanent nach Straßen suchen, die sie mal gebaut haben. Die guten römischen alten Straßen, die vermeintlich für die Ewigkeit gebaut wurden, die jetzt aber auch nicht mehr zu finden sind. Das birgt eine ganz große Komik. Es war ein cleverer Griff der Autorin, Figuren zu nehmen, die aus der Geschichte stammen, und sie ins Heute oder in eine Zukunft zu versetzen und zu schauen: Wie greift denn diese Klammer über diesen langen Zeitraum? Haben wir Menschen uns in unserer Sicht auf die Welt, auf die Natur oder auf die Zivilisation verändert oder eben auch nicht? Und Bambi ist sozusagen als Begleitung des Waldes da. Wir kennen Bambi aus verschiedenen anderen Kontexten und das ist eben eine Figur, die symbolisch für den Wald steht. Es ist eine verspielte Figur, die auch immer mal wieder kommentiert. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 164 Gründe. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 4 Uraufführungen und 32 Premieren, dazu 7 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regeläßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Die meisten Menschen wissen ziemlich genau, was Schauspieler:innen auf der Bühne machen. Bei Regisseur:innen hat man auch so eine Ahnung. Du bist aber Dramaturgin. Was genau ist denn deine Aufgabe? NORA Genau, die meisten wissen das nicht, schließlich sind wir diejenigen, die hinter der Bühne bleiben. Es gibt verschiedene Aspekte der Dramaturgie. Einmal ist das die klassische Produktionsdramaturgie, Das heißt, wir sind einer Produktion - wie etwa „WALD“ - zugeordnet, die wir durch Gespräche mit der Regie und durch die Entwicklung der Konzeption begleiten. Das beinhaltet auch die Auswahl eines Stücks und die Erstellung einer Textfassung. Wir begleiten zum Teil auch die Proben mit und sind da sozusagen das dritte Auge und versuchen, den professionellen Blick auf das Stück und auf die Inszenierung zu behalten und das zu vermitteln. Dabei treten wir auch in die Perspektive der Zuschauer:innen und achten darauf, dass der dramaturgische Bogen stimmt, dass die Geschichte so erzählt werden kann, wie sie gemeint ist. Wir suchen auch Regisseure aus, wir machen Einführungen, wir schreiben Texte in allen möglichen Veröffentlichungen, machen Programmhefte, moderieren Matinees. Ich hoffe, ich habe jetzt nichts vergessen, aber es ist eben ein sehr vielfältiger Bereich. ( schmunzelt ) Opulent: Neben der Handlung machen auch Bühnenbild und Kostüme „WALD“ zu einem Erlebnis. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Hattest du jemals das Gefühl, du würdest gerne auch mal selbst auf der Bühne stehen, damit die Dinge genau so laufen, wie du sie dir vorgestellt hast? NORA Nein! ( lacht ) Also: Regieführen ja, aber nicht das Schauspielen. Erstens glaube ich, dass mir dazu das Talent fehlt. Und zweitens bezweifle ich, dass die Dinge so laufen würden, wie ich es mir vorstelle, wenn ich selber da stehen würde. THORSTEN Hast du eigentlich eine Lieblingsszene in „WALD“? Einen Moment, wo du jedes Mal sagst: Das ist toll, das berührt mich? NORA Ja, den habe ich tatsächlich. Es ist das Ende. Das möchte ich natürlich nicht verraten, aber etwas kann ich sagen: Eine Figur fällt eine Entscheidung. Wie will sie weiterleben? Wie ist ihre Antwort auf diese Katastrophe und diese Überforderung, wenn der Wald plötzlich alles überwuchert? Wie geht diese Figur damit um? Und das ist für mich eine ganz schöne und auch sehr poetische Entscheidung. Und das werden diejenigen, die sich das Stück anschauen, dann sehen. Zu viel des Guten oder noch lange nicht genug? Diese Frage müssen die Charaktere in „WALD“ selbst beantworten. Das Publikum kann es ihnen aber gleichtun. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Apropos: Gesehen hat es bisher ja noch niemand. „WALD“ ist eine Uraufführung. Was fühlst du dabei? Ist das ein Druck, wenn man den Stoff als allererster auf die Bühne bringt? Oder überwiegt die Vorfreude, dass man ganz unvoreingenommen an die Sache rangehen darf? NORA Ich denke, es ist beides. Die Autorin Miriam Lesch ist am 28. September selbst zur Premiere gekommen und natürlich wünscht man sich, dass ihr gefällt, was sie auf der Bühne zu sehen bekommt. Natürlich ist man im Austausch mit ihr während des Proben-Prozesses, aber sie hat vorab keine Probe gesehen. Das ist natürlich aufregend. Auch für die Regisseurin Milena Paulovics, die dann erst sieht, ob alles funktioniert, was wir uns gedacht haben. Es ist schon immer etwas Besonderes, eine Uraufführung zu machen. Gute Stimmung: Dramaturgin Nora sprach spürbar gern über „WALD“ - nicht zuletzt, weil sie sich dort auch gerne selbst aufhält. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN In einem einzigen Satz: Warum sollen sich die Leute Wald angucken? NORA Oha! Ein einziger Satz. Wir sollten alle öfter in den Wald gehen, denn wir brauchen den Wald, während er uns nicht braucht, und wenn dieses Stück Gedanken dazu anstößt und eine Fantasie anregt, wie man weiter umgehen kann mit dem Wald und der Natur, dann ist es eine Empfehlung, da reinzugehen. Das war jetzt ein langer Satz, aber immerhin war es einer ( lacht ), Alle: ab. Eine neue Perspektive Bäume, Pflanzen, Ruhe: Wir alle kennen den Wald und wissen, was wir an ihm haben. Vielleicht ist es gerade diese Alltäglichkeit und die theoretisch gute Erreichbarkeit, die dafür sorgt, dass wir uns nur selten größere Gedanken zum Wald machen. Und das, obwohl er evolutionsbiologisch und gegenwärtig so wichtig für uns ist und so positive Emotionen weckt. Umso wichtiger, dass das Oldenburgische Staatstheater nun den Stoff von Miriam Lesch umsetzt und uns die Aufgabe abnimmt, eigene Gedankenspiele ersinnen zu müssen. Unter der Regie von Milena Paulovics - und natürlich dank des dramaturgischen Inputs von Nora - ist ein Stück entstanden, das uns betrifft und berührt und das uns mit mehr in den Abend entlässt als hundert unterhaltsame Minuten. Also: Nutzt die Gelegenheit und beschäftigt euch mit diesem Szenario, bevor die Natur sich tatsächlich irgendwann ihren Lebensraum zurückholt. Aber dann kennt ihr zumindest schon die Antwort auf die Frage: Utopie oder Dystopie?











