KOLUMNE: ALLES GANZ NORMAL
- Thorsten Lange
- vor 2 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.

Gerade eben, direkt bevor ich diesen Text begonnen habe, hatte ich mein Smartphone in der Hand. Ich war auf Instagram, hab durch meinen Feed gescrollt und war wie immer schnell benebelt von der Flut an Inhalten, die da auf mich einströmte. Tausendundeine Variationen derselben Sache. Habe ich dabei etwas gefühlt? Vielleicht eine diffuse Überforderung. Etwas Abscheu. Aber nichts Tiefes.
Das war gestern ganz anders. Da habe ich mir – übrigens rein privat - das Februar-Programm des Staatstheaters geschaut. Nein, ich will jetzt nicht das Klischee bemühen, dass ich durch Papier geblättert hätte. Ich habe das online getan. Und obwohl mich als langjährigem Kolumnisten eigentlich nichts mehr überraschen sollte, habe ich dabei – anders als auf Insta – durchaus etwas gefühlt. Etwas Tiefes. Egal, in welche Spalte schaute, ich war - man muss es so sagen - begeistert. Ich gebe zu: Das hatte ich gar nicht erwartet. Deshalb habe ich mir dieses etwas ungenaue Gefühl mal genauer angeschaut und dabei zwei unterschiedliche Ursachen entdeckt: Einer der Auslöser war die schiere Menge an Veranstaltungen.
Man könnte in Oldenburg hauptberuflicher Staatstheaterbesuchender sein und würde dennoch in Stress geraten, weil das Angebot so vielfältig ist.
Das pralle Leben
Meine Begeisterung betraf aber noch viel mehr die Inhalte der Stücke. Nehmen wir mal „Next to Normal“, ein Musical über eine Mutter mit bipolarer Störung. Hier geht es um den Umgang mit dem Anderssein, der Sehnsucht nach einer Form von Normalität und letztlich auch um die Kraft und Grenzen der Liebe. Der Stoff hat schon in den USA riesige Erfolge gefeiert, nun dürfen wir ihn vor unserer Haustür erleben. Ein anderes Beispiel wäre „Bondi Beach“. Die Komödie hat nichts mit dem schrecklichen Attentat in Sydney zu tun, sondern mit dem Älterwerden und der Veränderung. Das sind Themen, mit denen wir täglich konfrontiert sind und die nicht immer gute Gefühle auslösen. Wie schön ist es denn bitte, dass sich jemand diesem Thema annimmt und es auch noch leicht und humorvoll aufbereitet?

Aber es geht noch weiter: Sasa Stanisic‘ „Wolf“ richtet sich zwar an Jugendliche, schlägt mit großen Themen wie Freundschaft, Angst und Mut aber in eine ähnliche Kerbe. Und dass auch in Klassikern wie „Frankenstein“ die zentralen Motive freigelegt und in die Gegenwart geholt werden? Versteht sich von selbst.
Ich finde es wichtig, dass auf der Bühne das menschliche Leben in all seinen schrecklich-schönen Facetten verhandelt wird. Mir fällt es nämlich manchmal schwer, klare Gedanken und Gefühle zu spüren - und ich fürchte, ich bin damit nicht allein. Man kreist in seinen Schleifen, schwimmt in seiner Bubble, trampelt die immergleichen Pfade, aber es fehlt der unausweichliche Moment der Konfrontation mit sich selbst. Dieser Punkt, in dem sich eigene Haltungen und Meinungen plötzlich herauskristallisieren. Aber genau das erlebe ich, wenn einige Meter vor mir eine Bühne steht. Ganz gleich, ob dort eine Punkband auftritt oder Theater gespielt wird: Ich setze mich mit dem auseinander, was dort passiert. Ich fühle das. Und ich nehme etwas davon mit, lasse es nachklingen in meinem Kopf und stelle fest: ich bin davon begeistert!
Jenseits des Screens
Auf Instagram hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon zweihundert weitere Videos gesehen, hätte geschmunzelt, die Stirn gerunzelt, wäre irritiert und überrascht gewesen, aber auch betroffen und verstört. Aber wäre etwas davon hängen geblieben? Hätte ich irgendwas tiefer gefühlt? I don’t think so. Die Oldenburger Rockband Loose Lips hat es schon perfekt in Worte gefasst: „I live on a six inch led screen/ Everything I see has already been seen / There is nothing new, no discovery / Just wasting away like my battery“. Theater ist das exakte Gegenteil davon: Spürbare Größe, Einzigartigkeit, Neuentdeckungen, tieferer Sinn – das ist alles fester Teil des Erlebnisses.
Die Welt im Smartphone ist zu flach? Dann kommt hier der Lifehack schlechthin: Jenseits davon wartet die Tiefe. Man muss sie nur sehen wollen.
Aber aller Anfang ist schwer: Ich hatte eben schon wieder das Smartphone in der Hand. Eben kurz die Nachricht checken, fast schon ein Automatismus. Aber dann fiel mein Blick auf den Anfang dieses Textes und ich habe mich gefragt: Wie schön ist es eigentlich, begeistert zu sein? Wie wahnsinnig gut fühlt sich das an? Ich bin zwar auch auf Instagram immer wieder berührt. Aber meine Reaktion ist stets dieselbe: ich will jemandem davon erzählen, mich darüber austauschen, habe aber niemanden neben mir. Und wirkliche Begeisterung? Die spüre ich tatsächlich nur selten beim Blick auf den Screen in meiner Hand. Die spüre ich dann, wenn mir etwas wirklich Wahrhaftiges geboten wird. Das erlebbar ist. Das mich den Moment mit voller Wucht spüren lässt, das aber trotzdem lange nachhallt. All das finde ich im Theater – und manchmal sogar beim bloßen Blick aufs Programm. Alles ganz normal.


