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LOOSE LIPS: PRETTY DEVASTATING

  • Thorsten Lange
  • vor 23 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Was geht eigentlich in der Oldenburger Musikszene? Kurze Antwort: Viel zu viel, um es hier abzubilden! Deshalb werden wir niemals jede Band, alle Singles und sämtliche Auftritte erwähnen können. Aber: Es gibt ja noch Longplayer. Sie sind nach wie vor etwas Besonderes, jeder Release markiert einen Meilenstein der Bandgeschichte. Das wollen wir feiern - im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK! Hier stellen wir euch Alben made in Oldenburg vor und verraten euch, warum ihr sie unbedingt euren Playlists hinzufügen müsst. Die vierte Folge widmet sich der Post-Grunge-Band Loose Lips.


Cover der Albums „I Hope you heal“ von Catapults aus Oldenburg
Bämm! Das Cover von „Pretty Devastating“ geht keine Umwege. Auf der EP gibt es aber sehr viel mehr zu entdecken als hier. (Bild: Loose Lips)

Sie schienen auf dem Weg zu sein. Richtung: oben. Mit ihrem Album „Melancholia“ und der folgenden EP „Soft Noise“ erzielte das Oldenburger Trio Loose Lips mehr Aufmerksamkeit als man normalerweise für ihre Art Musik erwarten dürfte: Post-Grunge bzw. edgy Alternative Rock mit treibenden Beats und harten Riffs, einer melancholisch-lakonischen Grundstimmung und dem nötigen Mut für das eine oder andere Experiment. Das klingt sperrig? Ja, aber: Band und Platten schienen einen Nerv zu treffen - und lieferten alle Zutaten, um das nächste Ding zu sein, das entgegen einiger Wahrscheinlichkeiten steil geht.

 

Aber warum der Konjunktiv? Die Antwort auf die Frage ist so einfach wie ernüchternd: aus gesundheitlichen Gründen. Loose Lips sind bei weitem nicht die erste Band, bei der die mentale Konstitution eines Band-Mitglieds nicht mehr ausreicht, um neben dem Alltag auch noch ein Bühnenleben zu bewältigen. In so einem Fall geht es allein um die Genesung - und wir wünschen von Herzen gute Besserung! Unglücklich ist diese Entwicklung aber auch aus musikalischer Perspektive - eben weil alles optimal zu laufen schein, bis es im Sommer zu ersten Konzertabsagen und im Herbst zum „Indefinite Hiatus“ kam. Immerhin können sich die Fans nun ein wenig trösten. Denn trotz der zeitlich nicht definierten Pause veröffentlicht die Band noch eine EP mit fünf neuen Tracks - die Hoffnung darauf machen, dass es irgendwann weitergehen könnte.

 

 

Keine Cobain-Kopie: Drummer Jelto Witt, Sänger/Bassist Joel Glanert und Gitarrist Enno Bünger sehen nicht aus wie die Grunge-Bands der 90er. Sie klingen auch nicht genau so - und dennoch erinnern sie an die große Zeit damals. (Bild: Mathis Kirchner)
Keine Cobain-Kopie: Drummer Jelto Witt, Sänger/Bassist Joel Glanert und Gitarrist Enno Bünger sehen nicht aus wie die Grunge-Bands der 90er. Sie klingen auch nicht genau so - und dennoch erinnern sie an die große Zeit damals. (Bild: Mathis Kirchner)

Grüße an die Neunziger


Bevor wir die ersten Klänge der neuen EP hören, fällt erstmal das Cover auf. Das Rosa knallt, als wolle es uns eine Eurodance-Nummer der übelsten Sorte unterjubeln. Wäre da nicht der Titel: „Pretty Devastating“ - auf Deutsch in etwa „ziemlich niederschmetternd“. Mit Blick auf die Auszeit der Band könnte das nicht nur ein Name sein, sondern womöglich auch eine Beschreibung der letzten Jahre. Aber wir wollen uns nicht in Kaffeesatz-Leserei verlieren.


Post-Grunge also. Diese Bezeichnung taucht in Artikeln über Loose Lips immer wieder auf, doch man muss vorsichtig damit sein. Viele denken dabei nämlich an Bands wie Creed oder Nickelback, die schlicht im Anschluss an den Grunge-Hype in den frühen Neunzigern die nächsten erfolgreichen Gitarrenbands waren. Mit ihnen und ihrem Radio-Bombast haben Loose Lips aber wenig gemeinsam. Warum der Begriff trotzdem immer wieder auftaucht? Ganz einfach: Weil er rein inhaltlich Sinn macht. Denn die Stimmung der Songs, die Themen und Melodien und auch die eine oder andere Passage erinnern tatsächlich an Legenden wie Alice in Chains, Mother Love Bone oder Temple of the Dog - allerdings auch an neuere Acts wie Queen of the Stone Age oder Open Hand. Dass zu alledem noch eine ganz eigene Note kommt und alles ne ganze Ecke moderner klingt? Versteht sich von selbst. „Wir nennen unsere Musik meist zwar einfach Alternativ-Rock um es etwas weiter zu fassen“ berichtet Drummer Jelto Witt. „Aber natürlich sind wir alle große Fans vom Grunge der Neunziger und Garage-Rock aus den frühen 2000ern.“


NEUES FORMAT „SOUNDCHECK“

OLDENBURGER BANDS AUFGEPASST

Ihr seid Solo-Musiker:in oder spielt in einer Band aus Oldenburg? Ihr seid so ambitioniert, dass ihr eure Musik schon veröffentlicht habt oder genau das demnächst tun werdet? Und zwar nicht nur als eine Single, sondern in Form einer EP oder eines Albums? Mega, dann seid ihr hier richtig!

In Zukunft wollen wir hier regelmäßig über den Output Oldenburger Musiker:innen berichten. Ihr habt Interesse im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK aufzutauchen? Super, dann lasst es uns - am besten im Vorfeld der Veröffentlichung - wissen. Tickt uns auf Insta an oder schickt uns eine Email, wir kommen auf euch zurück. Super wäre es, wenn ihr schon ein kleines Presskit in petto hättet: Albumcover, Bandfotos, evtl. Link zu einem Video und einigen Soundfiles, die wir für ein Reel nutzen könnten. Es gibt keine Garantien für einen Artikel - aber wir bemühen uns, möglichst alles zu verarbeiten, was uns erreicht. Die Oldenburger Szene ist (noch) bunter und besser als viele denken. Höchste Zeit, dass die Welt davon erfährt! Also: Macht mit beim Kulturschnack SOUNDCHECK!  


Was für diese großen Vorbilder galt, das gilt auch für Loose Lips: Sie biedern sich nicht an, sie spielen ihre Songs nicht, um Schönheitspreise einzuheimsen. Ganz im Gegenteil: Der Sound trifft die Hörer:innen sehr direkt, die wuchtige Bassdrum treibt die Songs vorwärts, die Gitarren klagen voller Melancholie oder fräsen markante Riffs in unsere Gehörgänge. Der Gesang ist in den Strophen häufig zurückhaltend, nähert sich hier und da auch dem Sprechen an. In den Refrains bricht er zwar aus, bleibt aber irgendwo so lakonisch wie ein

desillusionierter Kommentar zur Gegenwart. „Grundsätzlich machen wir uns selten bewusst Gedanken über unseren Sound“, berichtet Jelto. Klar sei aber, dass bei Loose Lips wegen der relativ kleinen Dreier-Besetzung musikalisch immer viel "nach Vorne" gehe.


„Dass die Songs so melancholisch sind, ist dann vermutlich dem Zeitgeist geschuldet, der die Texte beeinflusst.“

Was wir ein Schwäche klingt, ist in Wahrheit eine Stärke: Es ist nicht zuletzt diese Art des Gesangs, der Loose Lips davor beschützt, allzu typische Rock-Muster zu bedienen. Stattdessen bleibt die Oldenburger Band - trotz etwaiger Grunge-Referenzen - wohltuend eigenständig. Vor allem die äußerst prägnanten Gitarren-Riffs sind zu einem Markenzeichen der Band geworden. In dieser Menge und Qualität hört man so etwas nur selten.





Kleine Kunstwerke


Auf „Pretty Devastating“ bieten Loose Lips all das, was sie ausmacht - und gleich im ersten Track „Halloween“ greifen die Teile perfekt ineinander. Alleine das wiederkehrende Riff wäre es wert, den Song immer wieder anzuhören - aber der Rest der Komposition liefert viele weitere Gründe. Unsere Diagnose: Das ist ein Hit - soweit man diesen Begriff in diesen musikalischen Kontexten verwenden kann. Und dabei bleibt es nicht: „Crash“ und „Up and running“ setzen diese guten Eindrücke nahtlos fort, wenn auch jeweils mit anderen Eigenschaften und Stärken. Und nicht nur die Songs überzeugen, auch die Produktion des Hildesheimer Limetree Studios muss man als Teil der Gesamtkunstwerks erwähnen: Hier klingt alles so, wie es soll. Respekt!!





Was außerdem auffällt: Die fünf Songs auf „Pretty Devastating“ sind nicht etwa nur Variationen des Schema F, also im Grunde ähnliche Songs mit wechselnden Hooks. Nein, wir haben es hier mit sehr charakterstarken Tracks zu tun, die jeweils nicht nur eine eigene Geschichte erzählen, sondern auch einen eigene Stimmung transportieren. „Natürlich basieren Rocksongs auf einer gewissen Grundstruktur, die man nutzt - gerade wenn man nur drei Instrumente zur Verfügung hat“, ordnet Jelto ein. Manche Songs müsse Gitarrist Enno zum Ende hin mit einem Solo auf das nächste Energielevel pushen. Aber:


„Wir versuchen schon, auch beim Songwriting immer wieder neue Dinge auszuprobieren.“

Das bedeutet: Die Zutaten sind jeweils dieselben. Aber wie sie variiert und arrangiert werden - das hat schon einen hohen Unterhaltungswert. So biegen die Songs durchaus mal überraschend ab - und nehmen eine Richtung, die man zuvor nicht erahnt hätte. Das kann mal enttäuschend sein, wenn man etwa nach einem Build-up einen hymnenhaften Chrous erwartet und stattdessen ein lauteres Flüstern folgt. Das kann aber auch völlig flashen, wenn nach herkömmlichem Muster eigentlich die nächste Strophe dran wäre, dann aber plötzlich ein übles Gitarrenriff folgt, dass länger im Kopf bleibt als jede catchy Hook.



Auch live überzeugend: Loose Lips bringen kleine Clubs wie das Cadillac ebenso zum Kochen wie das weite Feld des Deichbrand Festivals. (Bilder: Mathis Kirchner)


Immer besser, immer feiner


Ein roter Faden der bisherigen Releases: Loose Lips trauen sich was. Sie bleiben nicht bei erfolgreichen Formeln, sondern wagen sich bei jedem Track ein bisschen vor in unbekanntes Terrain. Das ergibt nicht immer etwas bahnbrechend Neues oder charttaugliche Pop-Nummern, aber in jedem Fall klangliche Akzente, die den Songs sehr gut tun. „Als mutig würde ich uns eher nicht bezeichnen, wir sind ja auch keine großem etablierte Band“, findet Jelto. „Wir machen worauf wir Lust haben und haben nichts zu verlieren. Ich würd eher sagen: Wir sind naiv statt mutig.“ Dieser absolut lobenswerte Ansatz kann aber natürlich auch mal nach hinten losgehen. So stellte die Kopfstimme in „Good to know I told you so“ für uns ein unüberwindbares Hörhindernis dar, an dem wir auch bei mehrfachen Probieren scheiterten. Aber: Das ist Jammern auf hohem Niveau, denn der gesamte Rest dieses akustischen Abschieds auf unbestimmte Zeit überzeugt.


Wenn wir feststellen, dass „Pretty Devastating“ wir eine logische Fortsetzung der exzellenten 2024er-EP „Soft Noise“ wirkt, dann meinen wir das als Kompliment - und es ist auch was Wahres dran: „Wir haben die Eps im Abstand von ziemlich genau einem Jahr geschrieben, es gibt also einen zeitlichen Zusammenhang“, lässt uns Jelto wissen. Die Songs seien am Ende aber so unterschiedlich geworden, dass daraus keinesfalls ein zusammenhängendes Album werden konnte. Dass die beiden Releases aber durchaus auch im Zusammenspiel überzeugen können, garniert Jelto mit einem Seitenhieb auf die Musikindustrie:


„Ein kleiner Tipp vom Profi: Am besten immer beide Eps zusammen und mehrfach hören. Dann wirken die nochmal besser und wir verdienen trotz der lausigen Vergütung vielleicht 10-20 Cent dabei.“

„Soft Noise“ mag im direkten Vergleich wegen der Standout Tracks „Heartbreak Radio“, „Growing Numb“ und „Bullet“ zwar knapp die Nase vorn haben - aber „Pretty Devastating“ bewegt sich auf ähnlichem Niveau. Und für alle, denen die 17 + 18 Minuten verständlicherweise nicht genug sind, gibt es noch eine kleine Zugabe: Ebenfalls im letzten Jahr erschien eine Cover-Version von Lana del Reys „Video Games“ im typischen Loose Lips-Gewand. Genial!





Niedergeschlagen, aber hoffnungsvoll


Am Ende ergibt alles einen Sinn. Die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet der moderne Grunge-Sound von Loose Lips trotz all seiner Ecken und Kanten auf so positive Resonanz stieß, ist plötzlich ganz klar: Weil diese Art der Musik sehr viel Zeitgeist widerspiegelt. Die Härte, die alle von uns im Alltag immer wieder fühlen. Die Frustration und die Zweifel, die damit einhergehen. Die Verletzlichkeit, die letztlich jede:r von uns in sich spürt. Aber auch der Unwille, sich von alledem allzu sehr bewegen zu lassen. The Show must go on, the hustle continues. Bis es eben nicht mehr geht.


Sorry, wir können uns das Wortspiel nicht verkneifen: Für Fans der Band ist es mit Sicherheit „pretty devastating“, dass es mit Loose Lips vorerst nicht weitergeht. Zwar sind diese fünf Tracks ein wunderbares Abschiedsgeschenk. Gleichzeitig machen sie aber großen Appetit auf mehr - so dass man trotz aller Qualitäten zerrissen zurückbleibt. Wir entscheiden uns aber für die positive Seite: Loose Lips sind eine richtig gute Oldenburger Band, die in ihrem Genre auch international keinen Vergleich zu scheuen braucht. Man darf stolz auf die drei Jungs sein, vor allem aber sollte man weiterhin ihre stimmungsvollen und abwechslungsreichen Songs hören. Unser Tipp: Tut genau das - und gebt die Hoffnung auf ein Comeback nicht auf. You never know.





Cover der Albums „I Hope you heal“ von Catapults aus Oldenburg

LOOSE LIPS PRETTY DEVASTATING


5 Songs, 18 Minuten

Post-Grunge / Post-Punk

19. Dezember 2025










 
 
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