KATHLEEN LÖWE: IT'S A MATCH
- Thorsten Lange
- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Wer den Kulturschnack schon eine Weile verfolgt, hat es vermutlich schon bemerkt: Dass unser Team bisher rein männlich war, hat uns nicht so richtig gefallen. Aber: Damit ist Schluss! Zwar bleibt die Redaktion im Kern dieselbe, wir erhalten fortan aber Unterstützung von einer freien Mitarbeiterin. Kathleen Löwe bringt genau das mit, was wir uns wünschen. Wer sie ist? Was sie ausmacht? Erfahrt ihr hier!

Niemand kann etwas dafür. Dass der Kulturschnack bisher nur eine Chromosomen-Kombination aufwies, war nichts anderes als blanker Zufall. Trotzdem war genau deshlab für uns immer klar: Wenn wir irgendwann unser Team erweitern sollten, dann läge unser Fokus auf weiblichen Input. Und den bekommen wir nun auch.
Kathleen Löwe ist für uns so etwas wie die maßgeschneiderte Ideallösung. Denn neben ihrer Expertise (die deutlich größer ist als unsere), ihren Erfahrungen im Kultursektor und ihrem erfrischend offenen Blick auf die Dinge bringt sie auch das richtige Mindset mit. Obwohl sie promovierte Kunsthistorikerin ist, verliert sie sich nicht in theoretischen Traktaten. Nein, im Gegenteil: Sie will Kunst spannend erzählen, sie uns ganz nahe bringen und verständlich machen. Und genau das ist auch der Grund, warum es den Kulturschnack gibt. It's a match!
Begegnung auf den „Grands Boulevards“

Unsere erste Begegnung mit Kathleen liegt schon etwas zurück. Sie fand statt im Oldenburger Schloss, bei der Eröffnung der Ausstellung „Grands Boulevards“. Wir waren damals sehr beeindruckt von der gelungenen Erzählung, die uns historische Plakatkunst im öffentlichen Raum als Wiege der heutigen Werbung näher brachte. Verantwortlich dafür war die damalige Volontärin des Landesmuseums für Kunst und Kultur - Kathleen Löwe. Ohne dass auch nur irgendjemand von uns ahnte, wohin die Reise eines Tages gehen würde, hatte sie bei uns positiven Eindruck hinterlassen.
Was wir ebenfalls noch nicht wussten: Es brauchte einige glückliche Zufälle, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Kathleen wuchs nämlich nicht etwa in Friedrichsfehn oder Bookholzberg auf, sondern in Halle an der Saale. „Die Händelstadt, sehr kultur-lastig“, ordnet sie ein. Dort wurde Kunst für sie schon früh zu etwas Selbstverständlichem: durch Schulbesuche in den Werkstätten der Burg Giebichenstein, durch Lehrer:innen, die ihr Freiraum ließen. Kunst war kein Pflichtfach, sondern ein Angebot. „Man durfte sich darauf einlassen, musste aber nicht“, erinnert sie sich. Gerade diese Offenheit habe sie geprägt.
Der heilsame Schock
Zunächst schien ihr Weg dennoch in eine andere Richtung zu führen. Kathleen zeichnete viel, dachte über ein Studium der Innenarchitektur nach, absolvierte Praktika und arbeitete bei einem Tischlerbetrieb – bewusst, um Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. „Dieser Mix hat mir sehr, sehr gut gefallen“, sagt sie rückblickend. Doch nichts davon führte geradlinig zum Ziel. Stattdessen folgte der nächste Richtungswechsel: eine Ausbildung zur Raumausstatterin, die schließlich mit einem Satz endete, der vieles veränderte. Ihr damaliger Chef meinte: „Ich glaube, du solltest studieren gehen.“ Für Kathleen ein Schock – und zugleich ein Anstoß.

Da die Bewerbungsfristen verpasst waren, ging sie kurzerhand als Au-pair ins englische Oxford. Dort schrieb sie sich als Gaststudentin für Kunstgeschichte ein – und war begeistert. Besonders die englische Herangehensweise öffnete ihr neue Perspektiven: „Das ist nicht nur Theorie“, sagt sie. Statt reiner Stil- und Formanalyse ging es um Materialität, Untersuchungsmethoden, Restaurierung. „Man bekommt ein ganz anderes Sehen beigebracht.“ Diese Erfahrung sollte sie nachhaltig prägen.
Zurück in Deutschland studierte sie Kunstgeschichte in ihrer Heimatstadt Halle, bewusst in einem überschaubaren Umfeld. „In Halle kennt dich jede Professorin und jeder Professor mit Namen – das finde ich irgendwie nett.“ Nach dem Abschluss folgte der nächste ungewöhnliche Schritt: ein halbes Jahr auf See. Direkt nach dem Studium arbeitete Kathleen als Galerieassistentin auf einem AIDA-Kreuzfahrtschiff. „Matrosen für die Kunst sozusagen“, nennt sie das heute. Rund tausend Kunstwerke an Bord, tägliches Umhängen, internationale Teams, Sicherheitsübungen inklusive Feuerlöschen – eine intensive Zeit. „Es war eine ganz andere Welt“, sagt sie, „aber eine tolle Erfahrung.“

Über Umwege zum Ziel
Nach dieser Episode zog es sie zurück an Land, zunächst in ein Berliner Auktionshaus. Doch ihr Ziel verschob sich erneut: weg vom Kunsthandel, hin zum musealen Arbeiten. Der Weg dorthin führte über eine Promotion. Kathleen entschied sich für ein Thema, das Kunst- und Wirtschaftsgeschichte miteinander verbindet: die englische Südseeblase von 1720. „Das war im Grunde die erste große internationale Finanzkrise“, erklärt sie. Künstler standen damals vor einer neuen Herausforderung: Wie stellt man etwas dar, das so abstrakt ist wie eine Finanzblase, aber doch ganz konkrete Folgen hatte? Genau diese Fragen untersuchte sie – und fand damit ihre eigene thematische Nische.
Nach der Promotion führte sie ihr Weg zurück nach Oldenburg, wo sie ein Volontariat am Landesmuseum Kunst & Kultur absolvierte. Eine Station, die Kathleen bis heute schätzt. „Man kann überall reinschauen, überall reinschnuppern“, sagt sie. Vermittlung, Ausstellungen, Texte – nichts sei streng getrennt, alles im Austausch. Dennoch blieb sie dort nicht dauerhaft. Projektstellen enden, Bewerbungen verlaufen im Sande, doch neue Anfragen entstehen. Erst Texte hier, Beratung dort – bis sie merkte: „Ich bin aus Versehen selbstständig geworden.“

Heute arbeitet Kathleen freiberuflich für Museen, Unternehmen und Kulturprojekte. Sie führt durch Ausstellungen, schreibt Texte, berät zur Sichtbarkeit, unterstützt bei Webseiten, Social Media und Kommunikation. Ihre Expertise reicht von Wandtexten über Katalogbeiträge bis zu LinkedIn-Posts. „Eine Dissertation ist keine Caption“, sagt sie lachend. Gerade diese Fähigkeit, zwischen Formaten und Zielgruppen zu wechseln, zeichnet sie aus. Schreiben ist für sie mehr als Werkzeug: „Sprache hat mich schon immer interessiert.“ Die Dissertation sei dabei „eine richtig harte Schule“ gewesen – mit geschärftem Blick für Stil, Rhythmus und Details.
Mission: Kunst für alle
Im Zentrum ihrer Arbeit steht jedoch immer die Frage nach Zugänglichkeit. Kunst dürfe nicht auf ein Podest gestellt werden, findet Kathleen. „Museum und Ausstellung, aber auch andere Kulturformate sind für alle da.“ Deshalb übersetzt sie Inhalte bewusst ins Heute, erzählt Geschichten, zieht Vergleiche. In Führungen werden Evangelisten zu „Podcastern von damals“, Altmeister zu Erzählern mit überraschend aktuellen Themen. Ihr Anspruch: Menschen nicht zu überfordern, sondern mitzunehmen. „Kunst ist ein Kommunikationsöffner“, sagt sie. Ein Raum, um über Gesellschaft, Emotionen und Erfahrungen ins Gespräch zu kommen – mit anderen oder mit sich selbst.

Kunst sei für sie „mehr als ein Beruf“. Sie erinnere daran, „mal ein, zwei Schritte zurückzumachen, sich auf Dinge neu einzulassen und neugierig zu bleiben“. Dass das funktioniert, erlebt sie immer wieder ganz konkret. Ihr schönstes Kompliment bekam sie kürzlich nach einer Führung, als jemand sagte: „Ich hatte gar keine Ahnung, aber es hat Spaß gemacht.“ Für Kathleen ein Schlüsselmoment. Denn genau darum geht es ihr: Offenheit, Neugier – und der Mut, sich ohne Vorkenntnisse auf Kunst einzulassen. Diese Haltung bringt Kathleen nun auch als Freie Mitarbeiterin beim Kulturschnack ein - und löst ganz nebenbei das alte Problem mit unserer Chromosomen-Konstellation.
Erste Ergebnisse lassen nicht mehr lange auf sich warten, sondern sind bereits auf unserer Website abzurufen. Unser Artikel „Wenn Bleistifte fliegen lernen“ zu Christoph Niemanns wunderbarer Ausstellung „Randnotizen“ im Horst-Janssen-Museum stammt aus der Feder von Kathleen. Schaut ihn euch am besten gleich mal an und last euch davon inspirieren. Das lohnt sich doppelt: wegen des Textes, aber auch wegen der Ausstellung. Denn auch für die Kombination Niemann und Janssen gilt: It's a match!


