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KUNST AUF DEM GANG

  • vor 22 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 13 Minuten

Stell dir vor: Du gehst zur VHS, um an einem Sprachkurs teilzunehmen. Läufst die Treppe hoch, zweite Etage, und plötzlich stehst du vor einem großformatigen Kunstwerk. Eine Fotografie einer Pflanze in voller Blüte, festgehalten in einem Moment zwischen Vergänglichkeit und Schönheit. Kein Museumssaal, kein Eintrittspreis, keine Schwellenangst. Nur du, das Bild und die Frage: Wann habe ich eigentlich das letzte Mal bewusst Kunst angeschaut? Genau das passiert gerade in der VHS Oldenburg. Und nicht nur dort.


Bilder aus der Ausstellung IMAGE to IMAGE von Michael Soltau an einer Wand der VHS Oldenburg
Feuerlöscher und Fotografie: Kunst im VHS-Alltag. Michael Soltaus Ausstellung „IMAGE to IMAGE" zeigt, dass ein Flur mehr sein kann als ein Durchgangsraum. (Bild: Kulturschnack)

Kunst zwischen Kursanmeldung und Kaffeeautomat


Seit Jahren nutzt die Volkshochschule Oldenburg ihre Flure, Treppenhäuser und Foyers als Ausstellungsfläche. Genauer gesagt: seit 2010, als die VHS in ihr neues Gebäude an der Karlstraße eingezogen ist. Die Idee hatte Melanie Wichering, Bildungsmanagerin für Kunst & Kultur. Sie hat Kunstgeschichte studiert, an Museen gearbeitet und dann eine Vision mitgebracht: Bildung und Kunst zusammenbringen. Klingt banal? Ist es gar nicht. Kunst wird Teil des Lernprozesses.


Aktuell läuft dort richtig viel: Auf der zweiten Etage zeigt Michael Soltau unter dem Titel „IMAGE to IMAGE" seine Arbeiten – Fotografie und Video, die sich mit Abbildung und Wahrnehmung beschäftigen. Eine Etage höher hängen Bilder aus der Gruppenausstellung „Kiek mal an!" mit dem Bremer Fotografen Thomas W. Salzmann und Teilnehmenden seiner Fotokurse. Im Foyer läuft eine Vitrinenausstellung über die Kunst des Webens. Ab Mitte Juni zeigt der CEWE Photo Award preisgekrönte Fotografien aus aller Welt. Das Beste: Du musst nicht gezielt zur Vernissage kommen. Du kannst einfach vorbeischauen.


Ein Flur der VHS Oldenburg, der durch ausgestellte Arbeiten zeigt, was in den jeweiligen Fotokursen entsteht.
„Kiek mal an!" – und das tut man auch. Thomas W. Salzmann zeigt zusammen mit seinen Kursteilnehmenden, was in VHS-Fotokursen entsteht. (Bild: Kulturschnack)

Soltaus Arbeiten zum Beispiel – Scanogramme, die an klassische Stillleben erinnern, Videos, die sich dem „minimal bewegten Bild" annähern – sind nicht auf den ersten Blick zu erfassen. „Meine Bilder stehen oft dem unverzüglichen Erfassen des Sichtbaren entgegen", schreibt er selbst. Genau das macht sie interessant für einen öffentlich zugänglichen Ort: Du kommst wieder. Beim nächsten Mal siehst du vielleicht mehr. Beim dritten Mal verstehst du, was dich daran fasziniert.



MICHAEL SOLTAU - IMAGE TO IMAGE


5. Februar 2026 - 18. Juni 2026


VOLKSHOCHSCHULE OLDENBURG

26123 OLDENBURG


MO-FR 8:30-21:00 UHR, SA 11:00-17:00 UHR


EINTRITT: FREI



Kunst für alle oder Kunst für niemanden?


Die Idee klingt erst mal großartig: Kunst raus aus dem Museum, rein in den Alltag. Keine Eintrittspreise, keine Öffnungszeiten, keine Hemmschwelle. Wer zur VHS geht, begegnet Kunst automatisch. Demokratischer geht's nicht. Aber funktioniert das auch wirklich? Denn wer durch einen Flur hetzt, um pünktlich zum Englischkurs zu kommen, nimmt er oder sie dann überhaupt wahr, was an der Wand hängt? Oder wird Kunst im Alltag zur Tapete? Sichtbar, aber nicht gesehen?


Die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Manche laufen achtlos vorbei. Andere bleiben stehen. Und wieder andere merken erst beim dritten Besuch, dass da überhaupt etwas hängt. Aber genau das ist vielleicht der Punkt: Kunst im Alltag hat Zeit. Sie drängt sich nicht auf. Sie ist einfach da.


Das unterscheidet Kunst in Fluren und Wartezimmern von Museumskunst. Im Museum gehst du hin, um Kunst zu sehen. Du hast eine Erwartung, eine Haltung, vielleicht sogar einen Plan („Heute schaue ich mir die Impressionisten an"). An Alltagsorten ist Kunst eine Nebensache – im besten Sinne. Du kommst aus einem anderen Grund und nimmst sie trotzdem wahr. Oder gerade deshalb.


Und die Künstler:innen?

Der Flyer zur Ausstellung IMAGE to IMAGE von Michael Soltau
Zwischen Kursanmeldung und Kunstkauf: Der Flyer zur Ausstellung. Wer ein Werk erwerben möchte, findet hier die Kontaktdaten. (Bild: Kulturschnack)

Für Künstlerinnen und Künstler sind solche Orte mehr als nur Ausstellungsräume. Sie sind Verkaufsflächen. Wer sich für ein Werk interessiert, kann über einen Flyer Kontakt aufnehmen und es direkt erwerben. Das ist vor allem für lokale Kunstschaffende eine echte Chance: Sie erreichen Menschen, die nie oder nur selten in eine Galerie gehen würden. Menschen, die hier vielleicht zum ersten Mal darüber nachdenken, ein Kunstwerk zu kaufen.


Das ist nicht zu unterschätzen. Denn mal ehrlich: Wer kauft Kunst? Oft sind es Menschen, die ohnehin kunstaffin sind. Menschen, die Galerien besuchen, Kunstzeitschriften lesen, sich auskennen. Die VHS erreicht eine andere Zielgruppe: Menschen, die einen Sprachkurs besuchen, einen Computerkurs, einen Tanzkurs. Menschen, die vielleicht noch nie darüber nachgedacht haben, dass man Kunst so unkompliziert kaufen kann. Und das funktioniert: Manche Künstler:innen haben bis zu 20 Arbeiten aus einer VHS-Ausstellung verkauft.


Gleichzeitig profitieren die Kunstschaffenden von der Sichtbarkeit. Wer in der VHS ausstellt, wird gesehen. Nicht von Kunstkritikern oder erfahrenen Sammlern, sondern von euch und uns. Das kann mehr wert sein als eine Rezension in einer Fachzeitschrift.


Die VHS macht das übrigens nicht allein. In Kooperation mit dem BBK Oldenburg und dem Freundeskreis Bildende Kunst schreibt sie jährlich Ausstellungen für Bildende Künstler:innen aus dem Oldenburger Raum und Bremen aus. Das heißt: Hier hängt nicht irgendwas, sondern kuratierte Kunst von Menschen, die ihr Handwerk verstehen.



Nicht nur die VHS: Kunst zwischen Gerichtsakten und Steuerberatern


Die VHS ist übrigens nicht allein mit dieser Idee. Auch andere Orte in Oldenburg haben entdeckt, dass Kunst im Alltag mehr ist als Dekoration. Zum Beispiel das Sozialgericht am Schloßwall. Ja, richtig gelesen: das Gericht. Der Ort, wo normalerweise über Rentenansprüche, Arbeitslosengeld und Krankenversicherungsstreitigkeiten verhandelt wird. Dort hängt richtig spannende Kunst.


Schwarz auf Weiß: Ingelberga Scheffels japanische Kalligraphie im Sozialgericht Oldenburg, 2021. Kunst zwischen Wartebänken und Gerichtssälen. (Bild: AG Kunst der Oldenburgischen Landschaft)
Schwarz auf Weiß: Ingelberga Scheffels japanische Kalligraphie im Sozialgericht Oldenburg, 2021. Kunst zwischen Wartebänken und Gerichtssälen. (Bild: AG Kunst der Oldenburgischen Landschaft)

Wer das Elisabeth-Anna-Palais betritt, steht erst mal am Empfangsfenster. Anmeldung. Zweck des Besuchs? Für einen Moment ist völlig unklar, ob du hier wegen eines Termins bist oder wegen der Ausstellung. Genau das macht den Reiz aus. Denn das Sozialgericht öffnet seine Türen nicht nur für Klagende und Beklagte, sondern für alle. Auch für Menschen, die vielleicht noch nie ein Gericht von innen gesehen haben. All das läuft unter dem Motto „Kunst trifft Recht“ durch die AG Kunst der Oldenburgischen Landschaft. Im Foyer, zwischen Wartebänken und Aktenordnern, hängen Gemälde, Skulpturen und Fotografien. Lars Unger war da, Katrin Schöß, Eckhard Dörr.

Wir haben vor einem Jahr schon mal darüber geschrieben – damals über Kerstin Kramers Ausstellung „Sozialbericht“. Auch hier war klar: Das wird ein besonderer Raum. Zwischen Gesetz und Freiheit, zwischen Regelwerk und kreativer Ungewissheit. Ein Ort, an dem man nicht nur auf seinen Termin wartet, sondern vielleicht auch mal innehält und denkt: Moment, was ist das da eigentlich?


Noch einen Schritt weiter geht die Treuhand Oldenburg. Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft am Langenweg. Seit fast 30 Jahren – genauer: seit 1996 – betreibt sie ein „Kunstfoyer“. Klingt erst mal nach Empfangsbereich mit ein paar netten Bildern. Ist aber viel mehr. Die Kunst hängt nicht nur im Wartebereich, sondern auch in Büros, in den Fluren, einfach überall. Mitarbeitende und Kunden begegnen ihr täglich. Nicht im Rahmen eines Events, sondern als Normalität. Das Konzept klingt einfach, ist aber konsequent: Junge Künstler:innen aus der Region Weser-Ems bekommen eine Plattform. Die Treuhand sagt damit: Kreativität und Offenheit gehören zu uns – nicht als Marketing, sondern als Haltung.


Ach ja, und dann gibt's da noch das Baudezernat und weitere Flure in der Stadtverwaltung, wo Kunst hängt. Haltet eure Augen beim nächsten Behördenbesuch unbedingt offen!

 

Kurzer Blick nach München


Oldenburg ist übrigens nicht allein mit dieser Idee. Viele Unternehmen haben entdeckt, dass Kunst im (Arbeits-)Alltag mehr ist als Dekoration. Munich Re zum Beispiel, ein Rückversicherungskonzern in München, besitzt über 3.000 Kunstwerke. Wer dort durch Flure geht, läuft mitunter durch eine Lichtinstallation. Wer ins Meeting muss, sieht auf dem Weg James Turrell oder Jenny Holzer. Mitarbeitende können sich sogar Kunst fürs eigene Büro aussuchen – sie gehört hier ganz selbstverständlich dazu, nicht als Luxus, sondern als Normalität.


Kunst im Arbeitsalltag: Felice Varini, „circles, mirrors, staircases“
Kunst im Arbeitsalltag: Felice Varini, „circles, mirrors, staircases“, 2002. Bei Munich Re keine Ausnahme, sondern Normalität. (Bild: Bruchhaus / Lachenmann)

 

Was macht das mit uns?


Bleibt die Frage: Was passiert eigentlich, wenn uns im Alltag Kunst begegnet? Es gibt Studien, die belegen, dass kreative Handwerkspraktiken – wie das Weben, das gerade im VHS-Foyer ausgestellt wird – das Wohlbefinden fördern und Stress reduzieren können. Aber was ist mit dem bloßen Betrachten von Kunst? Macht es einen Unterschied, ob du auf dem Weg zur Rentenberatung an einem Gemälde vorbeiläufst oder ob du bewusst ins Museum gehst?


Wir glauben: ja. Denn Kunst im Alltag hat eine andere Qualität als Kunst im Museum. Sie ist leiser, unauffälliger, aber vielleicht gerade deshalb nachhaltiger. Sie begleitet uns, ohne dass wir es merken. Sie verändert den Raum, in dem wir uns bewegen. Sie macht den Flur schöner, das Treppenhaus interessanter, die Pause angenehmer.


Bilder der Ausstellung "Kiek mal an!" in den Fluren der VHS Oldenburg
Auf dem Weg zum Englischkurs: „Kiek mal an!" im VHS-Flur. Kunst im Vorbeigehen. Oder doch kurz innehalten? (Bild: Kulturschnack)

Manchmal auch ganz konkret: Die Deutschkurse der VHS nutzen die Ausstellungen, um das Sprechen zu üben. Über Kunst reden, ohne Hemmungen. Neue Wörter lernen. Meinungen austauschen. Kunst wird zum Sprachlernmittel – genial!


Und manchmal – nur manchmal – bleibst du stehen. Schaust genauer hin. Fragst dich: Was ist das eigentlich? Wer hat das gemacht? Warum hängt das hier? Genau in diesem Moment nehmen wir Kunst bewusst(er) wahr. Das ist übrigens wissenschaftlich bestätigt: Der Kunstwissenschaftler Emmanuel Mir hat untersucht, wie Kunst in Unternehmen wirkt. Sein Ergebnis: Kunstwerke schaffen eine „atmosphärische Information“. Sie vermitteln Werte und Haltungen, ohne dass darüber gesprochen werden muss. Sie machen Räume nicht nur schöner, sondern auch bedeutungsvoller.

 

Demokratischer Zugang


Kunst im Alltag ist im Grunde eine demokratische Idee. Sie sagt: Kunst gehört nicht nur ins Museum. Kunst gehört überall hin, wo Menschen sind. In Flure, in Wartezimmer, in Büros, in Treppenhäuser. Oldenburg macht das seit Jahren richtig gut. Ob Sprachkurs, Gerichtstermin oder Jahresabschluss – diese Orte geben Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform und Menschen, die sonst selten mit Kunst in Berührung kommen, die Chance, etwas Neues zu entdecken. Gleichzeitig werden Orte, die eigentlich nur funktional sein müssten, Orte, die auch schön sind.


Das ist nicht selbstverständlich. Viele öffentliche Gebäude sind eher steril, funktional, schmucklos. Die VHS, das Sozialgericht, die Treuhand und viele andere Orte in Oldenburg zeigen, dass es anders geht. Dass Kunst kein Luxus ist, sondern dazu gehört – ebenso wie der Gang zur Kursanmeldung oder der Weg zum Rentenbescheid. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Kunst im Alltag ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Sie gehört hierher, weil sie das Leben schöner macht.


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