NEUES STADTMUSEUM: EINS FÜR ALLE
- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen
Lange ist sie her, die Entscheidung ein neues Stadtmuseum für Oldenburg zu bauen. Genauer gesagt: sieben Jahre. Viel wurde seither diskutiert über die äußere Gestaltung, über steigende Kosten, kurz sogar über die Standsicherheit. Das alles darf man aber wohl unter die üblichen Begleitgeräusche eines großen Bauprojekts einordnen. Was nun zählt, ist das Ergebnis. Und das ist im Vergleich zum Vorgänger: ein Quantensprung. Der Kulturschnack gratuliert!

„Ein Stadtmuseum ist meist ein von einer kommunalen Gebietskörperschaft oder ein ehrenamtlich geführtes Museum, das zumeist die Funktion eines Heimatmuseums erfüllt, also Ortsgeschichte zeigt, aber auch Kunstsammlungen oder andere Sammlungen beherbergen kann.“
Dies ist nicht etwa ein Ausschnitt oder ein Zitat aus dem Wikipedia-Artikel zum Schlagwort Stadtmuseum. Nein, es ist der gesamte Eintrag - und das in einer Enzyklopädie, die selbst Fußpilz in epischer Breite behandelt. Sind Stadtmuseen tatsächlich kaum mehr als eine Fußnote der Museumslandschaft? Vollkommen irrelevant in außerörtlichen Kontexten?
Natürlich nicht. Zwar variieren die Ansprüche an Wissenschaftlichkeit und Didaktik, allgemein zeichnen sich die Stadtmuseen aber durch eine ursprüngliche Lebendigkeit aus und bieten neben hoher Zugänglichkeit ein starkes Identifikationspotenzial. Darin liegen auch Chancen, etwa für eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Insofern liegt es im Interesse der Kommunen, der Bevölkerung ein Stadtmuseum zu bieten, das die Menschen einlädt, mitnimmt und inspiriert.

Wow-Faktor und Wir-Gefühl
Es lohnt sich, immer wieder die Frage zu stellen: „Was machen Stadtmuseen eigentlich?“ Denn die Antwort beweist ihre Bedeutung: Sie erklären, woher wir kommen, was uns geprägt hat und was uns ausmacht. Und das nicht nur in Form der großen Schwünge der Geschichtsschreibung, sondern in vielen kleinen, alltäglichen Details. Die Normalität wird hier museumsreif und erzählt uns vielleicht mehr als so manches rares Artefakt. Damit geben die Stadtmuseen auch Antworten auf die ultimative Frage: Wer sind wir eigentlich? Das heißt: Die Aufgabe und die Bedeutung von Stadtmuseen ist nicht zu unterschätzen. Sie leisten wichtige Bestandteile zum städtischen Wir-Gefühl.
Das gelang grundsätzlich auch dem „alten“ Stadtmuseum Oldenburg, jedoch unter erschwerten Bedingungen. Es litt unter ungünstigen räumlichen Bedingungen. Sowohl von den Dimensionen her als auch strukturell war der Altbau für ein zeitgemäßes Stadtmuseum mit Wow-Faktor ungeeignet. Und so fiel im Mai 2019 der Beschluss für einen Neubau. Und da dieser an gleicher Stelle entstehen sollte, bedeutete dies nach der zweijährigen Planungsphase zwangsläufig: Ein lange - nämlich fünfjährige - Schließzeit,
Mehr als ein BauwerkDas digitale Museum
Schon anderthalb Jahre vor der Eröffnung des neuen Stadtmuseums geschah etwas anderes, das weit weniger Außenwirkung erzeugte, das aber ebenfalls ein wichtiger Schritt war. Unabhängig von Baufortschritten wurde im Januar 2025 nämlich die Online-Sammlung des Stadtmuseums eröffnet. Entscheidend ist dabei die Art der Aufbereitung: Es gibt nicht etwa nur offizielle Urkunden und Dokumente oder alte Ton- und Porzellanscherben zu bestaunen. Das Stadtmuseum bietet etwas anderes - nämlich die Geschichte des Alltags. Was im Augenblick des Geschehens belanglos wirkt, bekommt im Rückblick eine andere Bedeutung, denn es beantwortet die Frage: Wie haben die Menschen damals gelebt? Vielmehr ist es sogar so, dass gerade diese Momentaufnahmen viel mehr über frühere Zeiten aussagen als aufwändig inszenierte Aufnahmen.
Wer einmal auf andere Weise in die Geschichte Oldenburgs eintauchen möchte, hat hier die perfekte Gelegenheit.
|
Museum findet Stadt
Man stelle sich vor: Eine Großstadt war mehrere Jahre ohne einen zentralen Bezugspunkt für die städtische Identität! Das muss doch Spuren hinterlassen! Tat es auch - nur nicht jene, die man erwarten würde. Es gab nicht etwa Nachteile für das städtische Wir-Gefühl, es fehlte auch nicht an Antworten auf die Frage, wofür Oldenburg steht. Das Gegenteil war der Fall.
Die klug konzipierte Kampagne „Museum findet Stadt“ machte den Bürger:innen - vielleicht sogar erstmals - bewusst, welche Qualitäten ein Stadtmuseum hat. Sie füllte zwar die Lücke, die der Abriss des Altbaus hinterließ, war gleichzeitig aber viel mehr als ein Lückenfüller.
Die kleinen urbanen Interventionen in Form von Bannern mit QR-Codes im öffentlichen Raum oder Projekträumen zur Stadtteilgeschichte wurden selbst zu einer Attraktion - und die Not zur Tugend. Und so entwickelte das Team des Stadtmuseums eine geradezu paradoxische Kunstform: Nämlich ein museales Programm zu gestalten, ohne über ein Museum zu verfügen. Geht nicht - würde man denken. Geht aber doch - zeigte das Stadtmuseum. Der genialen, knallig orangenen Kampagne gelang das Kuriosum, dass das SMO während der Schließzeit deutlich bekannter wurde als zuvor während er Öffnungszeiten. Chapeau!

Wer nach Gründen für diesen überraschenden Erfolg sucht, wird bei den Menschen fündig: Der entscheidende Faktor war nämlich das hohe Engagement - oder vielleicht besser: der spürbare und mitreißende Enthusiasmus - des SMO-Teams. Wer jemals gedacht hat, dass städtische Museen eher behäbig sein müssten, da sie ja an einen kommunalen Verwaltungsapparat angedegedockt sind, sah sich getäuscht. Unzählige kreative Ideen sprudelten aus dem nicht-existenten Stadtmuseum hervor und materialisierten sich in Form unzähliger kleiner und größerer Projekte im Stadtraum.
Mitmachen als Leitmotiv
Das alles konnte jedoch nicht darüber hinwegstäuschen, dass ein eigenes Haus weiterhin das Nonplusultra für ein städtisches Museum bleibt. Doch genau das steht ab Juni 2026 wieder zur Verfügung - größer, besser und attraktiver als je zuvor. Über 800 Quadratmeter erstreckt sich die Dauerausstellung, 400 Quadratneter stehen für Sonderausstellungen zur Verfügung. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten: Die Inhalte des Museums reichen von der Geschichte bis zur Zukunft und verschaffen einen groben Überblick, sie zoomen aber auch rein in die Stadtgesellschaft und beschäftigen sich mit spannenden Facetten, Entwicklungen und Details.

Ein wichtiger Bestandteil des Museums passt allerdings in keine Vitrine: die Bevölkerung. Das Leitmotiv „Mitmachen“ wird in Zukunft einen roten Faden des Museums bilden und bewirkt zweierlei: Eine Aktivierung des Publikums, das sich dadurch intensiver mit seiner Stadt auseinandersetzt - und ein viel genaueres Bild der Stadt und seiner Menschen. Dazu passt die neue Aufenthaltsqualität, die nicht nur Besucher:innen der Ausstellung anlocken will, sondern auch Passant:innen, die mal unverbindlich reinschauen wollen.
Es ließen sich noch viele weitere Eigenschaften des Museums aufzählen, doch erstens macht dies niemand besser als das Museum selbst und zweitens können keine Worte einen persönlichen Besuch ersetzen. Genau darauf haben viele Oldenburger:innen fünf Jahre lang gewartet - jetzt ist es soweit. Nichts wie hin!
Stadtmuseum Oldenburg: Eins für alle
Und für wen ist es nun, das neue Stadtmuseum? Natürlich hat es einen touristischen Aspekt. Es wird für viele Menschen von außerhalb eine erste Anlaufstelle sein, wenn es darum geht, sich ein Bild von der Stadt zu machen, das über das Offensichtliche hinausgeht. Für diese Form der Außendarstellung ist es ein Quantensprung, dass Oldenburg sich ab sofort zeitgemäß und attraktiv präsentiert. Eine solche Visitenkarte passt zweifellos besser zu einer modernen Großstadt als die altbackene Präsentation des Vorgängers.

Noch viel wichtiger ist aber natürlich der Effekt für alle Einheimischen. Endlich können sie auf attraktive, unterhaltsame und lehrreiche Weise in die Stadtgeschichte und - ganz wichtig! - auch die gegenwärtige Stadtgesellschaft eintauchen. Das SMO macht nämlich nicht den Fehler, ausschließlich zurückzublicken - auch wenn die Retrospektive mit den neuen Möglichlichkeiten weitaus spannender ausfällt als früher. Aber nein, das Museum wird zu einem zentralen Hub für städtische Themen und Strömungen. Es wird ein Ort der Bewusstwerdung, was Oldenburg ist, was es ausmacht, wo es hinwill. Anders ausgedrückt: Es beantwortet die große Frage, wer wir eigentlich sind.
Und das geht keineswegs nur die bildungsbürgerlichen Kultur-Aficionados etwas an, sondern sämtliche fast 180.000 Einwohner:innen. Das sind zwar fast 180.000 höchst unterschiedliche Leben, Gedanken, Interessen, Wünsche, Träume, Ängste - eine ungeheure Vielfalt. Doch wenn es einen Ort gibt, der in der Lage sein könnte, diese Opulenz zu bündeln und abzubilden, dann ist es das neue Stadtmuseum. Denn es ist: eins für alle.



