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SEHNSUCHT UND ENTTÄUSCHUNG

  • vor 6 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Im Hier und Jetzt strömen so viele Informationen auf uns ein, dass wir manchmal kaum noch einen klaren Gedanken fassen können. Nun beleuchtet eine Veranstaltungs-Reihe und Ausstellung das jüdische Leben in der DDR. Warum sollen wir uns Zeit für diesen Rückblick nehmen? Auf ein Land, das es nicht mehr gibt? In eine Kultur, die den meisten unbekannt ist? Gerade deswegen: Weil es dabei etwas zu entdecken und zu erfahren gibt. Über unsere Geschichte. Über unser Zusammenleben. Über uns.


Starkes Bild: Der Ausstellungsteil der Veranstaltungsreihe im Kulturzentrum PFL wurde von Bundesstiftung Aufarbeitung entwickelt. (Bild: Pressefoto Ausstellung Aufarbeitung / picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Starkes Bild: Der Ausstellungsteil der Veranstaltungsreihe im Kulturzentrum PFL wurde von Bundesstiftung Aufarbeitung entwickelt. (Bild: Pressefoto Ausstellung Aufarbeitung / picture alliance / dpa / Arno Burgi)


Paula von Sydow hat viel zu tun. Die Leiterin des Kulturbüros der Stadt Oldenburg wäre theoretisch ausreichend damit beschäftigt, all die organisatorischen Angelegenheiten rund um die Kulturförderung und -entwicklung im Blick zu behalten. Und dennoch hat die 63-Jährige einst bei der Übernahme der Leitung eines erbeten: Weiterhin Raum für wissenschaftliche Arbeit zu haben und eigene Ausstellungskonzepte umsetzen zu können. Jenen Raum muss sie sich im Arbeitsalltag zwar selbst erkämpfen. Doch immer wieder gelingt ihr dieser schwierige Spagat zwischen Alltag und Ausnahme.


Auf Initiative von Prof. Dr. Claire Schaub-Moore, erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, setzt sie ihr kuratorisches Schaffen nun fort. Mit „Jüdisches Leben in der DDR“ bereichert die Oldenburger Veranstaltungs- und Ausstellungslandschaft gleich um eine Vielzahl an Attraktionen. Warum man sich diese Reihe nicht entgehen lassen sollte, auch wenn man nicht zu den etwas mehr als 200.00 Jüdinnen und Juden in Deutschland zählt und vielleicht niemals in der DDR war? Das erklären wir hier!



JÜDISCHES LEBEN IN DER DDR


VERANSTALTUNGSREIHE DES LEO-TREPP-HAUSES UND DES KULTURBÜROS DER STADT OLDENBURG



VOM 2 JUNI BIS 28. JUNI 2026



KULTURZENTRUM PFL

FORUM ST. PETER

CINE K

MUSIKSCHULE OLDENBURG

CVO-UNIVERSITÄT

WILHELM13




DDR: Ein Staat als Reallabor


Nicht ganz 41 Jahre. So lange - oder: so kurz - existierte die Deutsche Demokratische Republik. Am 3. Oktober 1990 verschmolz sie mit der Bundesrepublik und wird seither in der Rückschau entweder belächelt oder verklärt. Man kann aber auch ganz anders - nämlich objektiver - auf diesen ganz besonderen Staat schauen, der immer auch eine Art Experiment war.


Zwar mussten Millionen Menschen in einem Unrechtssystem leben. Aus wissenschaftlicher Sicht bieten die Besonderheiten der DDR aber auch Vorteile. Mit Blick auf die Bevölkerung des weitgehend abgeschotteten Staats kann man nämlich durchaus von einem Reallabor sprechen, das spezielle Erkenntnisse liefert. Und das betraf auch das jüdische Leben in der DDR. Wie es sich nach der Shoa ab 1949 in der frisch gegründeten Republik entwickelte, auf welche Formen der Unterstützung und der Widerstände es dabei stieß- das ist aufgrund der einzigartigen Umstände hoch interessant.



Lebendige Geschichte: Im Kulturzentrum PFL von 1841 präsentiert die Historikerin Paula von Sydow die Ausstellung „Aufarbeitung - Die DDR in der Erinnerungskultur“. (Bild: Kulturschnack)
Lebendige Geschichte: Im Kulturzentrum PFL von 1841 präsentiert die Historikerin Paula von Sydow die Ausstellung „Aufarbeitung - Die DDR in der Erinnerungskultur“. (Bild: Kulturschnack)


Jüdisches Leben: Weitgehend unerforscht


Trotz allem war dieser Bereich der deutschen Geschichte bisher weitgehend unerforscht, wie Claire Schaub-Moore herausfand. Sie tauscht sich regelmäßig auch mit Jüdinnen und Juden aus östlichen Landesteilen aus. „Dabei ist sie auf das Thema gestoßen und hat mit vielen Menschen darüber gesprochen“, erzählt Paula. „Sie hat dabei gemerkt: Auch sie wissen oft nicht so recht etwas über jüdisches Leben in der DDR. Selbst ehemalige DDR-Bürger:innen waren damit häufig gar nicht vertraut.“


Lange hat das Thema Claire Schaub-Moore im Kopf „herumgespukt“, wie es Paula beschreibt. Schließlich kam sie auf die Leiterin des Kulturbüros zu - wohl wissend um ihr Interesse am Thema und ihre Kompetenzen bei der Aufarbeitung. Sie stieß auf offene Türen: „Die Geschichte der jüdischen Menschen in der DDR ist erst einmal spannend für alle, die sich mit Historie auseinandersetzen.“, findet Paula. Tatsächlich sei das Leben von Jüdinnen und Juden zur Zeit in der DDR noch gar nicht umfassend erforscht worden. Erst seit ungefähr fünf bis zehn Jahren hätten sich einige Wissenschaftler:innen aus den neuen Bundesländern damit beschäftigt.


„Die Erkenntnisse daraus sind außerordentlich spannend, weil sie einen Bezug zu heute haben. Mit welchem Blick man auf jüdisches Leben schaut, das hat sich in der BRD und in der DDR nach 1945 ganz unterschiedlich entwickelt. Das ist letztlich auch eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte.“



Faszinosum DDR: Die Ausstellung vermittelt Eindrücke und Hintergründe rund um die Deutsche Demokratische Republik. (Bilder: Stiftung Aufarbeitung)



Neuland für die Spezialistin


Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema betrat die erfahrene Historikerin durchaus Neuland. „Ich musste feststellen: Meine Güte, der Nationalsozialismus und die Neuordnung nach 1945 sind eigentlich Spezialthemen von mir – und ich habe die DDR bisher komplett ausgeblendet“, erzählt sie mit einem selbstironischen Lächeln. „Ich hatte überhaupt keine Ahnung davon. Deswegen ist es für mich natürlich eine ganz besondere Herausforderung und zugleich eine Freude, die Unterschiede zu sehen, die es gibt. Ich lerne dabei ganz erheblich.“


Für eine Spezialistin wie Paula von Sydow eröffnet sich also ein Themenfeld, das Raum für neue Entdeckungen und Erkenntnisse bot. Wie die Jüdinnen und Juden in der DDR lebten, welche Möglichkeiten des Neuaufbaus sie vorfanden und auf welche Hindernisse sie stießen - das wurde in vielerlei Hinsicht erstmals betrachtet und dokumentiert. Für die Wissenschaft ein Eldorado - doch was ist mit dem Oldenburger Publikum? Warum sollte es ich mit dieser Materie auseinandersetzen, wenn es keine engeren Berührungspunkte mit der DDR hatte und eben nicht zu den etwas mehr als 200.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland zählt?



Bunt: Das jüdische Leben in der DDR offenbart viele Facetten. (Grafik: Stadt Oldenburg)
Bunt: Das jüdische Leben in der DDR offenbart viele Facetten. (Grafik: Stadt Oldenburg)

Im Fokus, wenn es brenzlig wird


„Das Thema lohnt sich in jedem Fall, weil die Unterschiede des jüdischen Lebens in der BRD und der DDR tatsächlich sehr gravierend sind“, stellt Paula fest. Zu sehen, worin diese Unterschiede lagen und wie unterschiedlich staatliche Stellen, aber auch die Bürgerinnen und Bürger, mit der Neubildung jüdischer Gemeinden umgegangen sind, sei auch für die Gegenwart von besonderer Bedeutung. „Jüdische Menschen geraten immer wieder – unabhängig davon, in welcher gesellschaftlichen Konstellation wir uns befinden – in den Fokus, wenn es brenzlig wird. Das ist in der DDR so gewesen, das ist in der BRD so gewesen.“ Für die Beteiligten am Projekt hätten die jeweiligen Blicke auf DDR und BRD wie ein Brennglas gewirkt.


„Die Frage, die dahintersteht, lautet: Unter welchen Bedingungen kann jüdisches Leben in unterschiedlichen Gesellschaften überhaupt funktionieren, und warum ist es so schwierig? Warum leisten sich Gesellschaften immer wieder, jüdisches Leben auszugrenzen, anzugehen oder sogar gewalttätig gegen jüdische Menschen zu werden?“

Die Komplexität dieser Frage begegnet die Veranstaltungsreihe „Jüdisches Leben in der DDR“ mit einer entsprechend großen Bandbreite an Partner:innen und Formaten. Ein Kernstück bildet die Ausstellung auf den Fluren des Kulturzentrums PFL „Sie ist ein guter Einstieg ins Thema und leicht zugänglich“, betont Paula. Viele andere Veranstaltungen seien eher wissenschaftlich gepägt, aber nicht weniger interessant. „Es sind Rabbiner aus den neuen Bundesländern da, die erzählen, wie sie sich diesem Thema angenommen haben. Wir haben auch Kinofilme und Projekte, die ausschließlich für Schülerinnen und Schüler gedacht sind. Die sind für mich ein besonderes Highlight, denn ich bin gespannt darauf, wie junge Menschen mit diesem Thema umgehen.“ Das Spektrum ist also sehr vielfältig - und reicht bis zur locker-leichten Abschlussveranstaltung am 28. Juni im Wilhlem 13. „Dort gibt es Musik, ein Resümee der Veranstaltungsreihe und einen Ausblick darauf, was wir mit den gewonnenen Erkenntnissen machen werden.“



Läuft im Programm der Veranstaltungsreihe: Der Film „Die Bilder des Zeugen Schattmann“. (Video: OneGate Media)

Die DDR: Der Umweg zu uns


Seien wir realistisch: Nicht alle werden sich sofort angesprochen fühlen, wenn sie von einer Veranstaltungsreihe zum jüdischen Leben in der DDR hören. Macht man aber erstmal den entscheidenden ersten Schritt und taucht ein wenig ins Thema ein, dürfte sich das ändern. Es ist spannend zu hinterfragen, warum Menschen jüdischen Glaubens an so vielen unterschiedlichen Orten auf Vorbehalte stoßen - und inwieweit dieses Prinzip auch im „Reallabor DDR“ galt. Hat der Arbeiter- und Bauernstaat etwas besser gemacht als andere? War er offener, toleranter? Können wir daraus etwas lernen? Oder galt das Gegenteil: Gab es womöglich sogar größere Nachteile, stärkere Ausgrenzung? Und es gibt sogar eine dritte Option: Vielleicht war das jüdische Leben auch in der Versuchsanordnung eines vermeintlichen sozialistischen Musterstaats genau dasselbe wir in der kapitalistischen Demokratie von nebenan.


Gut gelaunt: Wissenschaftlicher Anspruch und Lockerheit schließen sich nicht aus, wie Paula von Sydow zeigt. (Bild: Kulturschnack)
Gut gelaunt: Wissenschaftlicher Anspruch und Lockerheit schließen sich nicht aus, wie Paula von Sydow zeigt. (Bild: Kulturschnack)

Auf Initiative von Prof. Dr. Claire Schaub-Moore und mit Unterstützung des Leo-Trepp-Lehrhauses hat Paula von Sydow genau das untersucht. Es ist bemerkenswert, dass die Leiterin des städtischen Kulturbüros in ihrem prall gefüllten Kalender genügend Lücken für diese Aufgabe fand. Aber vielleicht ist dies auch der beste Beweis dafür, wie fesselnd das Thema sein kann, wenn man sich darauf einlässt. Die Auseinandersetzung lohnt sich, auch wenn man selbst nicht Geschichte studiert hat, nie in der DDR war oder selbst katholisch, buddhistisch oder atheistisch ist. Denn was damals passierte, erzählt uns - gewissermaßen über einen Umweg - viel über unsere Gesellschaft und über uns selbst. Seien wir also dankbar, dass die offenbar nimmermüde Paula von Sydow damals darauf gepocht hat, auch als Leiterin des Kulturbüros weiterhin Ausstellungsprojekte realsisieren zu können. Oldenburg profitiert davon - wie die Veranstaltungsreihe „Jüdisches Leben in der DDR“ eindrucksvoll beweist:.





 
 
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