EIN HAUS STELLT SICH SEINER GESCHICHTE
- Kathleen Löwe
- vor 2 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Seit Februar 2025 heißt das Haus an der Katharinenstraße nicht mehr Edith-Russ-Haus für Medienkunst, sondern schlicht: Haus für Medienkunst Oldenburg. Der Name der Stifterin ist – aus gutem Grund – verschwunden. Edith Ruß war NSDAP-Mitglied, Feuilleton-Chefin einer nationalsozialistischen Zeitung und hat ihre Vergangenheit bis zu ihrem Tod 1993 geleugnet. Nun stellt sich das Haus der unbequemen Geschichte seiner Namensgeberin. Mit einer Ausstellung, die zeigen will, was Dokumente allein nicht können: die Komplexität von Erinnerung, Schuld und Verantwortung.

Eine Stifterin und ihre Lügen
Edith Ruß starb 1993 und hinterließ der Stadt Oldenburg fast zwei Millionen D-Mark – unter der Bedingung, dass das damit gebaute Haus ihren Namen trägt. Im Jahr 2000 eröffnete das Edith-Russ-Haus für Medienkunst, und auf der Fassade prangte ihr Name. Eine Biografie wurde in Auftrag gegeben, die Ruß als kultivierte Kunstliebhaberin zeichnete – unbedeutend im Nationalsozialismus, vielleicht Mitläuferin, aber keineswegs schuldig.
Das Problem: Vieles davon stimmte nicht. Edith Ruß war seit dem 1. Januar 1941 Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 8.346.788). Von 1943 bis 1945 leitete sie das Feuilleton der „Oldenburgischen Staatszeitung“ – einem offiziellen Blatt der NSDAP. In ihren über 100 Artikeln schrieb sie vom „Heldentod“ an der Front als „Erfüllung eines Menschenlebens“ und verbreitete laut taz-Recherchen hetzerische Propaganda.
Nach Kriegsende leugnete Ruß ihre NSDAP-Mitgliedschaft – im Entnazifizierungsverfahren, im Bekanntenkreis, bis zu ihrem Tod 1993. Sie wurde als „unbelastet“ eingestuft. Eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Rolle? Fehlanzeige. An dieser Lüge hielt sie ihr Leben lang fest.

Erst 2024, als die taz recherchierte und die NSDAP-Mitgliedskarte im Bundesarchiv auftauchte, kam Bewegung in die Sache. Die Stadt gab ein Gutachten in Auftrag, Künstler:innen und Kooperationspartner:innen zeigten sich vermehrt distanziert gegenüber dem Haus. Im Februar 2025 beschloss der Stadtrat schließlich mehrheitlich: Der Name muss weg.
DIE STIFTERIN, DER NATIONALSOZIALISMUS UND DAS HAUS
28. JANUAR 2026 - 1. MÄRZ 2026
HAUS FÜR MEDIENKUNST OLDENBURG
26121 OLDENBURG
EINTRITT: FREI
Die andere Seite von Edith Ruß

Dabei war Edith Ruß nicht nur NS-Propagandistin, sondern auch Mäzenin. Ab 1982 schenkte sie dem Landesmuseum für Kunst & Kultur Oldenburg neun Kunstwerke. „Sie waren nie in meiner Wohnung“, sagte sie – es ging ihr nicht ums Besitzen, sondern ums Kuratieren. Die Werke sollten vor allem ihre verborgene Liebesbeziehung zu dem Schriftsteller Manfred Hausmann ins kulturelle Gedächtnis einschreiben.
Doch 1991 kam es zum Bruch. Ruß war enttäuscht, dass das Landesmuseum ihre Schenkungen nicht ausreichend öffentlich würdigte. Daraus entstand die Idee: ein eigenes Haus mit ihrem Namen daran. Ein Jahr vor ihrem Tod, 1992, legte sie im Testament fest, dass das Haus nach dem Vorbild von Ludwig Mies van der Rohe gebaut werden sollte und dass ihr Name daran stehen müsse. Edith Ruß hatte keine Geschwister, keine Kinder. Ihr Vermächtnis sollte ihr Name sein.
Das ist die Schwierigkeit, die diese Ausstellung zeigt: Ruß war Kunstliebhaberin und NS-Propagandistin. Mäzenin und Mitläuferin. „Es geht um Edith Ruß als geschätzte Bürgerin, aber auch um ihre andere Seite und um das mörderische System“, sagte Kulturdezernent Holger Denckmann bei der Eröffnung. „Und dass man die Ambivalenz aushalten muss.“
Wie erinnern wir?
Die Ausstellung „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“ läuft bis zum 1. März 2026 und ist alles andere als eine klassische Retrospektive. Sie besteht aus drei Teilen, die zusammen ein historisch-künstlerisches Experiment bilden, wie die Kurator:innen Edit Molnár und Marcel Schwierin es nennen.
Im ersten Raum wird es konkret. Hier sind die Zeitungsartikel zu sehen, die Edith Ruß zwischen 1939 und 1945 verfasste – darunter ihre Kurzgeschichte „Die sanfte Gewalt“. Der Titel allein ist entlarvend: „Sanfte Gewalt“ ist ein Widerspruch, ein Oxymoron, das typisch ist für die Verharmlosungsrhetorik des Nationalsozialismus. In einer Vitrine liegt das Original ihres damaligen Ausweises – das Dokument, das beweist, dass sie NSDAP-Mitglied war. Gezeigt werden auch Bronzeskulpturen sowie Arbeiten und Lebensgeschichten mit Bezug zu Edith Ruß. Es ist ein Blick in die Abgründe – nicht spektakulär, sondern nüchtern. Genau das macht es so eindringlich.
Der zweite Teil zeigt zeitgenössische Kunst von sieben Künstler:innen, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen: Dani Gal, Rajkamal Kahlon, Susanne Kriemann, Fynn Ribbeck, Roee Rosen, Anja Salomonowitz und Clemens von Wedemeyer. Im Untergeschoss sind mehrere Videoarbeiten zu sehen und genau hier zeigt sich, wie gut diese Ausstellung funktioniert. Es ist nicht nur ein Raum voller Dokumente, sondern lebendiges Film- und Bildmaterial, das das Ganze eindrücklicher und greifbarer macht.

In einem Raum läuft Dani Gals inszeniertes Interview mit Ludwig Mies van der Rohe im Stil einer Fernsehsendung. Der Architekt wird in seinen späteren Lebensjahren gezeigt, konfrontiert mit seiner Zeit als letzter Direktor des Bauhauses und seiner Weigerung, unter dem Druck der Nazis politisch Stellung zu beziehen.
Der Film zeigt die Ereignisse von 1933, als die Gestapo das Bauhaus schloss. Dabei stellt er die Frage: Kann moderne Architektur unpolitisch sein? Die Verbindung zu Edith Ruß: Sie wünschte sich ihr Haus nach dem Vorbild von Mies van der Rohe gebaut. Auch er machte Kompromisse mit dem Regime.
An der Wand im Untergeschoss hängt Roee Rosens „Live and Die as Eva Braun – The Oldenburg Wolf Wall“. Das Werk fordert auf: Stell dir vor, du bist Hitlers Geliebte. Wer davor steht, sieht Rotkäppchen, aber der Wolf trägt Rock und High Heels. Dazu Hakenkreuzmonde aus Max und Moritz und Caspar David Friedrich-Bäumen. Kindermärchen und Nazi-Symbole, deutsche Romantik und Gewalt. Es ist etwas verstörend, provokant und genau deshalb wichtig. So funktionierte auch die Ästhetik des Nationalsozialismus: verführerisch, vertraut, tödlich.

Diese Arbeiten berühren Kontexte, die auch Edith Ruß' Lebensentscheidungen prägten: Mitläufertum, Propaganda, Verdrängung, Erinnerungskultur. Es geht nicht darum, Ruß zu verurteilen oder freizusprechen. Es geht darum, Mechanismen sichtbar zu machen.
Und wie ginge das besser als mit einem Diskussionsforum? Das ist vermutlich der wichtigste Teil der Ausstellung. Oben in der Ausstellungshalle stehen permanent Sitzgelegenheiten für Veranstaltungen bereit. Mehrere Events pro Woche sind geplant. Dann sprechen Menschen, die für die Namensänderung waren. Aber auch Menschen, die ganz vehement dagegen waren.
Teammitglieder des „Kuratorischen Büros“ stehen zu den Öffnungszeiten als Ansprechpersonen bereit. Die Idee: das direkte Gespräch suchen. Denn viele Diskussionen werden heute anonym im Internet geführt, emotional aufgeheizt, ohne echten Austausch. Hier soll es anders laufen. Alle demokratischen Positionen sollen zu Wort kommen.
Es ist nicht einfach, aus diesem Thema eine Ausstellung zu machen, vor allem wenn man es viel mit Schriftdokumenten zu tun hat. Man muss sich vorab sicherlich fragen: Ist es eine Ausstellung oder eher ein Buch? In diesem Fall ist die Entscheidung gefallen, eine Ausstellung draus zu machen und zwar so, dass sie Dokumente und Quellen zeigt, aber eben auch Film- und Bildmaterial, das das Ganze lebendig macht.
Warum das wichtig ist
Man könnte sagen: Warum das Ganze? Edith Ruß ist tot. Das Haus wurde umbenannt. Ist die Sache nicht erledigt? Nein. „Man mag ja vielleicht sagen, das ist alles schon so weit weg“, sagte Holger Denckmann bei der Eröffnung. „Nein, 80 Jahre ist erschreckend nah dran.“ Und er hat recht. Die Mechanismen, die all das ermöglichten – Wegschauen, Mitlaufen, Lügen –, sind nicht verschwunden.

Die Fragen sind brandaktuell: Wie gehen wir mit Menschen um, die im Nationalsozialismus „mitgemacht“ haben ohne selbst zu töten, aber auch ohne Widerstand zu leisten? Was bedeutet es, wenn jemand sein Leben lang über die eigene Vergangenheit lügt?
Die Debatte 2024/2025 war kontrovers. Manche fanden die Umbenennung übertrieben – schließlich war Ruß „nur“ Feuilleton-Chefin, keine KZ-Aufseherin. Andere argumentierten: Gerade die „sanfte Gewalt“ der Propaganda, die das Regime stabilisierte, darf nicht verharmlost werden. Die Ausstellung zeigt: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern viele Grautöne dazwischen. Sie ist, wie Denckmann es nannte, „der Abschluss eines demokratischen Klärungsprozesses.“
Schließlich sagte er noch etwas, das hängen bleibt: „Bei Haltungsfragen gibt es keine Enthaltung.“ Es geht nicht darum, jemandem eine Meinung aufzuzwingen. Es geht darum, dass Wegschauen keine Option ist. Dass der Umgang mit Fehlern wichtig ist. Dass wissenschaftliche Aufarbeitung und öffentliche Diskussion notwendig sind – auch wenn sie unbequem erscheinen.
Und, lohnt es sich hinzugehen?

Ja. Unbedingt. Diese Ausstellung ist wirklich sehr gut umgesetzt – mit einer Balance zwischen nüchternen Dokumenten und eindrücklichem Film- und Bildmaterial. Sie zeigt, wie nah Geschichte ist: 80 Jahre klingen weit weg, sind es aber nicht. Sie stellt unbequeme Fragen, ohne zu belehren. Sie schafft Raum für Diskussionen, die notwendig sind.
Das abgenommene Namensschild „Edith Russ“ liegt heute im Innenhof – nicht auf einem Podest, sondern gleichsam umgekippt. Eine gefallene Persönlichkeit. Diese Geste sagt viel über den Umgang mit schwieriger Geschichte: Nicht vergessen, nicht verdrängen, aber auch nicht erhöhen.
Plant in jedem Fall Zeit ein. Das ist keine Ausstellung, die in 20 Minuten „abgehakt“ ist. Es ist eine Einladung, innezuhalten und vielleicht ist das das Wichtigste, was eine Ausstellung tun kann: keine Antworten liefern, sondern Raum schaffen. Raum für Fragen, die wehtun. Raum für Diskussionen, die notwendig sind. Raum für eine Geschichte, die nicht verschwinden will – und auch nicht sollte.


