MEHR ALS CLAIM UND CAPTION
- Thorsten Lange
- vor 1 Tag
- 7 Min. Lesezeit
Worte könnten stark wirken, wenn sie heruntergebrochen sind auf das Allernötigste. In Schlagzeilen und Slogans werden sie zu kurzen Knalleffekten. Es gibt aber auch eine ganz andere Wirkung: tiefergehend, bewegender und nachhaltiger. Das literarische Schreiben verlangt ganz andere, komplexere Skills als eine knackige Headline. Genau diese vermittelte die deutsch-iranische Autorin Rasha Khayat in der Schreibwerkstatt des Literaturhauses. Die Ergebnisse? Könnt ihr jetzt live auf der Bühne erleben!

Schreiben kann jeder. Denken viele. Das stimmt aber nur, wenn man das Schreiben als Mittel zum Zweck versteht, das allein dazu dient, Informationen zu transportieren. Und selbst dann darf man bezweifeln, dass alle gleichermaßen in der Lage sind, sich verständlich auszudrücken. Aber wenn es um Schreiben im literarischen Sinne geht, das die Leser:innen mit auf eine Reise nimmt und sie später vielfach bereichert wieder in den Alltag entlässt, dann muss man eindeutig feststellen: Nein, schreiben kann nicht jeder. Zumindest nicht so.
Aber hier kommt die gute Nachricht: Man kann es lernen! Zwar ist es immer auch eine Frage des Talents, des Gespürs und der Empathie. Diese Grundlagen sollte man idealerweise mitbringen. Dann kommt der nächste Schritt: Nämlich den ganzen Gedanken, Geschichten und Gefühle und den vielen Worten einen Rahmen zu geben, Struktur zu verleihen, und sie so für andere nachvollziehbar zu machen. Genau das passierte in der „Schreibgeschützt“-Werkstatt, die das Literaturhaus Oldenburg im Juni und September 2025 in Kooperation mit der VGH Stiftung realisiert hat. Die jungen Teilnehmenden lernten dort, ihr Talent und ihre Geschichten in Bahnen zu lenken. Nun präsentieren drei von ihnen ihre Werke auf der Bühne. Vorhang auf!
POETINNEN VON MORGEN
MIT RAHSA KHAYAT, RIEKE GELDMACHER, KAJA GELDMACHER UND CAROLIN LEWEDAG
MONTAG, 9. FEBRUAR, 19:30 UHR
WILHELM13
26121 OLDENBURG
Eine Handvoll Genies
Wie vermittelt man die Kunst, gute Geschichten zu verfassen? Sicher nicht mit einem schlanken YouTube-Tutorial. Dafür braucht es viel Know-how über erfolgreiches literarisches Schreiben, Gespür für die individuellen Bedürfnisse und ausreichend Zeit, die die wichtigsten Kenntnisse und Fähigkeiten zur vermitteln. So schön es auch wäre: diese Dinge lassen sich nicht in kurze Reels portionieren und nebenbei konsumieren. Wer das Schreiben wirklich lernen - bzw. sich darin substanziell verbessern - will, dann braucht etwas anderes. Nämlich: professionalle Anleitung und Unterstützung.

In der Geschichte der Literatur gab es zwar immer wieder absolute Genies, die wahre Meisterwerke veröffentlicht haben, ohne jemals über Aufbau und Struktur nachzudenken. Das sind aber nur einen Handvoll - unter Millionen, die es versucht haben. Wir zweifeln nicht daran, dass es solche Genies in Oldenburg .eben könnte. Wer auf Nummer Sicher gehen möchte, sollte aber etwas Lerneifer mitbringen. Denn selbst unter den bekanntesten Autor:innen gibt es viel mehr akribische Arbeiter:innen als manische Chaoten.
Es geht dabei aber nicht darum, Fantasie oder Imagination einzugrenzen. Vielmehr geht es darum, sie in Bahnen zu lenken, die sie attraktiv für andere macht. Das ist der Clou: In vielen jungen Menschen mit Affinität zum Schreiben steckt Talent. Es nützt ihnen aber nur, wenn sie es zähmen und steuern. Dazu gehören eben auch Disziplin, Ausdauer und: Übung, Übung, Übung. Was hier jetzt klingt wie ein Arbeitslager für Literaturproduzenten, fühlt sich in Wirklichkeit zum Glück ganz anders an: Die Arbeit an sich selbst, der Austausch mit anderen und die professionelle Anleitung durch eine erfolgreiche Autorin schaffen eine stimulierende, inspirierende Atmosphäre.

Verzweiflung, Hoffnung, Kraft
In der Schreibwerkstatt mit Rasha Khayat wurde nicht bloße Theorie gelehrt, die acht Teilnehmenden machten aktiv mit, führten Schreibübungen durch und entwickelten ihre eigenen Schreibprojekte weiter. Zusammen mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter wurden im geschützten Raum eigene und fremde Prosatexte diskutiert, kritisiert, gelobt, vorangebracht. Rasha Khayat vermittelte Formen und Techniken des Schreibens, sie gab Einblicke in Schreibprozesse und den Literaturbetrieb, und sie widmete sich jedem und jeder Einzelnen die gebührende Aufmerksamkeit. Viel wert legte sie dabei auch auf kreative Akzente, die übliche Denkmuster durchbrechen und zu ungeahnten Ergebnissen führen.
Mit Rieke und Kaja Geldmacher sowie Carolin Lewedag stellen nun drei der acht Teilnehmer:innen die Texte auf der Bühne vor, an denen sie in der Werkstatt gearbeitet haben - ein mutiger Schritt für die gerade einmal 16- bis 18-Jährigen. Zu hören gibt es dystopische Geschichten und Texte über Verzweiflung, Hoffnung und die Kraft von Freundschaft.
DIE GESCHICHTE UND IHR SOUND„Schreibgeschützt“ wurde im Sommer und Herbst 2025 von Rasha Khayat geleitet. Anlässlich einer früheren Werkstatt im Herbst 2022 haben wir mit der damaligen Leiterin Sabrina Janesch ein kurzes Interview geführt. Ihre Aussagen behalten für das Format aber Gültigkeit und geben einen guten Einblick in die Inhalte und Abläufe des Formats.
![]() Sabrina, auf dieser Seite begegnet uns häufig der Ausdruck „literarisches Schreiben“. Was hat es damit eigentlich auf sich? Inwiefern unterscheidet es sich von einem Werbe- oder Pressetext?
Literarisches Schreiben meint das Verfassen von literarischen Werken, zum Beispiel Romane oder Kurzgeschichten. Gemeinsam ist allerdings jeglichen Texten: Damit sie die gewünschte Wirkung erzielen, müssen sie gut gemacht sein. Und wie das gelingt, wollen wir in der Schreibwerkstatt gemeinsam untersuchen.
Wenn ich kein besonderes Talent dafür habe, kann ich es trotzdem lernen?
Zum Lernen und zum Wachsen gehören, wie in jedem anderen Bereich auch, Disziplin, Zeit, Austausch, Anschauung und, das wichtigste: Übung, Übung, Übung. Sicherlich spielt auch Talent eine Rolle; vor allem aber sind Ausdauer gefragt, und Sitzfleisch. Und in diesem Sinne stelle ich mal folgende steile These auf: Wer sich längere Zeit mit der Weiterentwicklung des eigenen Schreibens beschäftigt, dem wohnt auch ein Funken inne.
Das klingt plausibel! Aber wie erkenne ich denn, ob ich Talent habe? Und ob das, was ich aufschreibe, für andere tatsächlich lesenswert ist?
Ich würde vorschlagen: Gehen wir doch davon aus, dass jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hat, etwas Wesentliches und Substanzielles. Davon bin ich persönlich überzeugt. Die weitaus wichtigere Frage als die nach dem Talent ist meiner Meinung nach jene hier: Bin ich bereit, Stunden, Tage, Monate meines Lebens darauf zu verwenden, diese Geschichte und ihren „Sound“ zu entwickeln? Bevor ein Agent, ein Lektor, ein Verleger an eine Geschichte glaubt, muss man es selber tun. Und bei der Suche nach dem Glauben an sich selbst könnte eine Schreibwerkstatt helfen? Was passiert denn da genau?
In einer Schreibwerkstatt gibt es meistens mehrere Schwerpunkte: Anhand von eigenen und Fremdbeispielen wird untersucht, wie Texte funktionieren, wie sie aufgebaut wurden, wie sie „ticken“. Dann gibt es zumeist angeleitete Übungen, um das zuvor Analysierte selbst auszuprobieren und anzuwenden. Es werden außerdem wichtige Einblicke und Tipps vermittelt, was der Literaturbetrieb eigentlich ist, welche Player es gibt und wie man sich als Schreibender orientiert. Die wichtigste Komponente ist sicherlich die, dass mit jedem Teilnehmenden auf seine Themen, seine Interessen geschaut wird, und diese, je nach Wunsch natürlich, besprochen und weiterentwickelt werden.
Und wenn ich sie erfolgreich absolviert habe? Reißen sich dann die Verlage um mich und ich werde berühmt?
Warum nicht - who knows? Mal im Ernst: So eine Schreibwerkstatt ist ein Anstoß, eine Art Wegweiser hinein in die Mechanismen des Schreibens (und des Literaturbetriebs). Es liegt bei jedem selbst, was er für sich mitnehmen möchte. Schreiben bedeutet viel Arbeit, viel Investition - mental, energetisch, auch finanziell. Wer allerdings eine gute Geschichte formen kann, einen guten Ton für sie finden und an ihr arbeitet, arbeitet, arbeitet - der wird auch seinen Weg gehen. Eines hat sich seit tausenden von Jahren nicht verändert: Die Leute wollen was erzählt bekommen. Packen wir’s an!
Sabrina Janesch wurde 1985 in Gifhorn geboren und lebt heute in Münster. Sie studierte Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und Polonistik in Krakau. 2010 erschien ihr Romandebüt „Katzenberge“, das unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis und dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurde. Sie war Stipendiatin des Ledig House in New York, Stadtschreiberin von Danzig und Stipendiatin für das BLogbuch OLdenburg. Zu ihrem letzten, vierten Roman „Die goldene Stadt“ (2017), der zum Bestseller wurde, schrieb Sten Nadolny: „Makellos geschrieben, fesselnde Figuren, Reichtum, wohin man sieht – plastisch, farbig und unvergesslich.“
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Neues für Jüngere
Mit der Schreibwerkstatt für junge Nachwuchsautor:innen setzt das Literaturhaus einen wichtigen Akzent: Es nimmt verstärkt auch jüngere Zielgruppen in den Blick. Zu einer erfolgreichen Vermittlungsarbeit gehören eben nicht nur Lesungen mit hochkarätigen Autor:innen. Dafür ist das Literaturhaus weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und erfreut sich einer großen Beliebtheit. Allerdings nimmt die Nachfrage nach den Veranstaltungen mit steigenden Geburtsjahren deutlich ab. Deshalb soll es in Zukunft zusätzliche Angebote für jüngere Menschen geben, die andere Akzente setzen und eine andere Sprache sprechen.
Kreativer Umgang mit Wörtern: Die Cut-Up-Texte waren einer der Methoden, die in der Schreibwerkstatt angewandt wurden. (Bilder: Literaturhaus Oldenburg)
Obwohl eine weitere Finanzierung angesichts der Kassenlange in den öffentlichen Haushalten derzeit ungewiss ist, stellt die Schreibwerkstatt ein Beispiel für diesen Ansatz dar. Es geht nicht um die passive Konsument:innenperspektive, es geht um das Ausloten und Nutzen der eigenen literarischen Potenziale. Und wer weiß? Vielleicht ist „Poetinnen von morgen“ für die drei Jungautor:innen nur der erste Schritt und sie kehren in Zukunft mit ihrem ersten eigenen Buch auf das Podium zurück? Garantien gibt es nicht, aber durch die „Schreibgeschützt“-Werkstatt ist dieses Szenario sicher nicht unwahrscheinlicher geworden.
Tun, was man immer wollte
Die Schreibwerkstatt des Literaturhauses ist eine fantastische Gelegenheit, etwas zu tun, was man schon immer wollte: Nämlich zu tun, was man schon immer wollte (sic!). Schreiben ist die Leidenschaft von vielen, aber es ist ein Talent, das schwer zu greifen ist. Wie gut bin ich denn eigentlich? Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Aber die Werkstatt hilft bei der Orientierung - und sie korrigiert gleichzeitig, woran es noch hapert. Wer ernsthaft schrieben möchte, darf diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Denn eines ist klar: Schreiben ist mehr als Claim and Caption. Wer nicht nur kurze Knalleffekte möchte, ist hier genau richtig!
Für das Publikum ist „Poetinnen von morgen“ eine überaus spannende Gelegnheit, in die literarische Zukunft und in die Köpfe junger Menschen zu schauen. Was bewegt sie? Welche Überzeugungen haben sie ? Wie ist ihre Stimmung? Welche Gedanken formen sie? Im Rahmen der Lesung wird es keine allgemeingültige Antworten geben, aber immerhin eine Annäherung. Viel wichtiger aber: Es werden starke Geschichten von jungen Oldenburger Schreibtalenten zu hören sein - bestmöglich aufbereitet mit dem Know-how aus der „Schreibgeschützt“-Werkstatt.







