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DAS KLEINOD

Viele Ausstellungen definieren sich über ihre Größe. Entweder sind die ausgestellten Werke spektakulär dimensioniert oder aber es sind besonders viele von ihnen zu sehen. Clara Kaiser hat einen vollkommen anderen Ansatz gewählt: Mit „Zur schönen Aussicht“ präsentiert sie die vielleicht kleinste Ausstellung Oldenburgs - obwohl zunächst ebenfalls Größeres geplant war. Wir haben mir ihr gesprochen.


Eine künstlerische Installation von Clara Kaiser, zu sehen im Raum auf Zeit Oldenburg
Filigrane Kunstwerke: Clara Kaiser hat kleine Welten erschaffen - die aber stets abgründig erscheinen. (Bild: Kulturschnack).

Habt ihr Spaß an Entdeckungen? Wunderbar, dann haben wir was für euch. Denn erstens dürfte der Raum, um den es geht - das Obergeschoss der Haarenstraße 39 - kaum jemand kennen. Und zweitens gibt es dort kleine Welten zu sehen, die trotz ihrer Winzigkeit viele kleine Details bieten, die ebenfalls - nun ja - entdeckt werden wollen.


Dabei ist sowohl die Zahl der Exponate als auch ihre Größe überschaubar. Ein Nachteil? Überhaupt nicht! Denn in dieser Form ist die kleinste Ausstellung Oldenburgs genau das Richtige für eine Kulturbegegnung on the go. Zumal das alles nicht bedeutet, dass die Kunstwerke selbst nur leichte Kost böten. Das tun sie nämlich nicht.


 

CLARA KAISER


ZUR SCHÖNEN AUSSICHT:

MODELLE EINER DYSTOPIE


24. NOVEMBER - 22. DEZEMBER

MO-FR: 11-17 UHR

SA: 11-13 UHR


26122 OLDENBURG


EINTRITT FREI!

 

Zwischen zwei Zwiespalten


Clara Kaiser ist schwer zu fassen. Denn obwohl wir der 35-Jährigen immer wieder als Künstlerin begegnen, ist sie eigentlich Szenographin und Kostümbildnerin. Lange haben wir uns deshalb gefragt, wie es ihr gelingt, neben ihrer Arbeit am Oldenburgischen Staatstheater auch noch eigene Kunstprojekte umzusetzen - meist zusammen mit Mathilda Kochan als „Die Loge“. Dieser Zwiespalt hat sich zwar aufgelöst, denn Clara hat ihr Engagement am Staatstheater beendet. Dafür hat sich jedoch ein neuer aufgetan: Die gebürtige Essenerin studiert inzwischen Landschaftsarchitektur in Osnabrück - und bereichert Oldenburg trotzdem noch mit Kunstwerken. Und da ist schon wieder diese Frage: Wie macht sie das?


Eine düstere Modelllandschaft von der Künstlerin Clara Kaiser aus Oldenburg
Schwarz-Weiß: Übertriebene Farbigkeit kann man den Kunstwerken in der Regel nicht vorwerfen. Genau das lässt sie aber besonders stark wirken. (Bild: Kulturschnack)

Die Angesprochene zuckt mit den Schultern, fast ein wenig abwehrend. Clara neigt nicht unbedingt dazu, ihre Kunst zu Geniestreichen hochzujubeln; auch dann nicht, wenn es welche sind. Stattdessen gibt es norddeutsches Understatement. Nicht unangenehm, aber manchmal dürfte es etwas mehr Eigenlob sein; schließlich kann die Künstlerin auf viele spannende oder sogar spektakuläre Projekte in Oldenburg zurückblicken. Lest euch unbedingt unser Portrait über Die Loge durch oder hört euch unseren Podcast mit Mathilda und Clara an, bessere Einblick gibt es nicht.



Diorama als Denkanstoß


Auch bei ihrer aktuellen Ausstellung gerät Clara nicht sofort in Schwärmereien. „Eigentlich war das Projekt anders geplant“, berichtet sie stattdessen, „nämlich draußen an realen Orten, die meiner Meinung nach aktuell nicht gut genutzt werden.“ Ein Beispiel dafür sei etwa die Brache des Finanzamtes. Dort wollte die Künstlerin mittels Schaukästen, deren Inhalte nur durch Gucklöcher zu sehen wären, ihre eignen Vorstellungen zugänglich machen. Der Plan scheiterte jedoch am Aufwand.


Die brachliegende Fläche des inzwischen abgerissenen Finanzamts in Oldenburg
Das hätte spannend werden können: Ursprünglich wollte Clara ihre Visionen an neuralgischen Orten der City realisieren - wie etwas hier auf der Brache des Finanzamts. (Bild: Kulturschnack)

Aber merkt ihr etwas? Kleine Dioramen, die gestalterische Vorschläge für öffentliche Räume machen? Ist diese Projektidee nicht eine genaue Symbiose auch Claras beruflichen Stationen - zwischen Bühnenbild und Landschaftsgestaltung? Sie muss schmunzeln: „Das ist nicht bewusst passiert. Aber ja: Das ist mir auch aufgefallen.“


Zum Glück müssen wir uns nicht allzu sehr grämen, dass wir diese urbanen Interventionen verpassen. Denn auch wenn ihre neue Ausstellungen deutlich kleiner ist als die Oldenburger Innenstadt, hat sie das Prinzip in ihre Werke übertragen. Mit dem Unterschied allerdings, dass sie sich nicht echten, sondern fiktiven Orten widmen - und dass der Blick in die Zukunft weniger optimistisch ausfällt als er es bei konstruktiven Vorschlägen zur Stadtentwicklung gewesen wäre.

HAARENSTRAßE 39

EINE ADRESSE, ZWEI AUSSTELLUNGEN ​


Zur Zeit ist nicht nur in Claras Atelier im 1. OG etwas zu sehen, sondern auch in der Etage darunter. Dort zeigt Schirin Khorram ihre Ausstellung „Begegnungen“, die ihr euch bei einem Besuch ebenfalls anschauen solltet.


Warum wir darüber nicht genauso ausführlich berichtet haben? Weil es die Ausstellung im Erdgeschoss im Vergleich deutlich leichter hat, weil sie von der Straße aus visuell wahrnehmbar ist. „Zu schönen Aussicht“ bleibt dagegen weitgehend unsichtbar - weswegen wir gerne ein bisschen Werbung dafür machen!


Düstere Vorahnungen


Äußerst filigran hat sie ihre kleinen Dystopien inszeniert. Stets zu spüren ist dabei ihre Herkunft von der Bühne: Die - ebenfalls winzige - Beleuchtung erzeugt ein dichtes Stimmungsbild und lässt zusätzliche Ebenen entstehen. Die Platzierung der Objekte gleicht einer Komposition, nichts ist hier dem Zufall überlassen.


Ein Clou: Durch den dreidimensionalen Aufbau sieht man - anders als bei einem herkömmlichen Bild - nicht alles sofort. Nimmt man eine andere Perspektive ein, sind neue Dinge zu entdecken. Dieser kleine Kniff sorgt dafür, dass die Miniaturen länger spannend bleiben als man vielleicht zunächst vermuten würde. In jedem Fall aber erzeugen sie das, was der Titel vorwegnimmt: die Vorahnung einer düsteren Zukunft.


Dystopische Szene aus Clara Kaisers Ausstellung in Oldenburg
Grau in Grau: Ein Baum allein kann der allgegenwärtigen Tristesse nicht viel entgegensetzen . (Bild: Kulturschnack)

Spektakulär unspektakulär


Nein, „Zur schönen Aussicht“ ist vermutlich keine Ausstellung, von der Oldenburg in vielen Jahren noch spricht. Ihre geht es eben nicht um Größe und Menge, sie ist bewusst nicht spektakulär. Ein Besuch lohnt sich aber trotzdem - beziehungsweise gerade deswegen. Der intime Ort erlaubt eine ganz bewusste Auseinandersetzung mit den Entwürfen. Man kann sich in sie hineinfühlen - und erweitert die Ausstellung auf kognitiver Ebene.


Wer also Spaß am Entdecken hat und in der vorweihnachtlichen Hektik nicht mit sehr viel Zeit gesegnet ist, hat hier die ideale Gelegenheit für einen schlanken Kulturgenuss. Die Ausstellung von Clara Kaiser ist tatsächlich ein Kleinod - überschaubar in den Dimensionen, aber grenzenlos, was die eigenen Assoziationen angeht. Ob das Studium der Landschaftsarchitektur solche kleinen Kunstprojekte in Zukunft unmöglich macht oder - ganz im Gegenteil - zu immer neuen Variationen inspiriert? Davon müssen wir uns wohl überraschen lassen. Und deshalb bleibt es wohl dabei: Clara Kaiser ist schwer zu fassen.

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