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IM WANDEL LIEGT DIE KRAFT

  • kulturschnack
  • vor 13 Minuten
  • 6 Min. Lesezeit

Das Landesmuseum Natur & Mensch schließt sein Naturalienkabinett. Ein Rückzug? Ein schwerwiegender Verlust? Für manche mag es sich so anfühlen. Doch vielmehr verbirgt sich dahinter der bewusste Schritt eines Museums, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen. Warum wir absolut davon überzeugt sind, dass sich hinter einer einzelnen geschlossenen Tür des Museums, viele neue verbergen werden, das lest ihr in diesem Artikel.


Gestaltung: Ideendirektoren
Gestaltung: Ideendirektoren

Museen sind in gewisser Hinsicht immer Orte des Sehens. Wir betreten sie, um uns umzuschauen, weil wir bestimmte Dinge entdecken und uns - im besten Falle - für sie begeistern lassen möchten. Wir staunen über die einzelnen Objekte, seien es Leinwände, Skulpturen oder auch eine Maske oder ein Werkzeug aus einer anderen Weltregion. Sie heben uns aus unserem oftmals stark eingegrenzten Alltag und eröffnen uns andere Wirklichkeiten, die uns sonst verborgen geblieben wären. Doch auf welchem Wege und unter welchen Bedingungen sind diese Arbeiten eigentlich in das jeweilige Museum gelangt, das womöglich tausende Kilometer vom eigentlichen Herkunftsland entfernt liegt? Welche "Wirklichkeit" wir dort eigentlich gezeigt und welche Kontexte werden womöglich (nicht) geschaffen? Viel zu lange haben wir als Gesellschaft hinsichtlich dieser Fragestellungen weggesehen oder wollten schlichtweg nicht sehen.


Ethnologische Objekte wie die Tlingit-Maske wurden noch bis 2023 im Naturalienkabinett präsentiert.  Foto: Landesmuseum Natur & Mensch
Ethnologische Objekte wie die Tlingit-Maske wurden noch bis 2023 im Naturalienkabinett präsentiert. Foto: Landesmuseum Natur & Mensch

Denn all das sind Fragen, die sich nicht nur auf die einzelnen Objekte beziehen, sondern an den Grundpfeilern dessen rütteln, was wir unter dem verstehen, was ein Museum ist und was es ausmacht. Gerade in natur- und kunsthistorischen Häusern sind viele Sammlungen eng mit der kolonialen Geschichte Europas verzweigt. Dafür sollte man sich vor Augen halten, dass Museen historisch betrachtet immer auch zur Schaffung und Selbstvergewisserung der eigenen gesellschaftlichen Identität dienten. Sie erzählten oftmals eine Geschichte darüber, wer wir als Gesellschaft sind und (wahrscheinlich noch viel mehr) wer "die Anderen" sind. Objekte aus kolonialen Kontexten waren letztlich immer auch als eine Demonstration einer Überlegenheit Europas zu verstehen, in welcher die Stimme der jeweiligen Herkunftsgesellschaften viel zu oft überhaupt keine Rolle spielte. Sie war nicht präsent, galt nicht als gleichwertig und hatte auch überhaupt nicht die Möglichkeit einen Zugang zu solchen Institutionen zu erlangen.


Verantwortung übernehmen


Doch das ändert sich - und das ist gut so! Die letzten Jahre zeigen deutlich, dass viele Museen für sich die Notwendigkeit verstanden haben, diese wackelnden Grundpfeiler als eine wahre Chance zu begreifen, sich in diesem grundlegenden Wandel völlig neu erfinden zu können. Viele Häuser entschieden sich dazu, ganz bewusst Verantwortung für ihre eigene Geschichte zu übernehmen, weshalb in diesem Zuge die sogenannte Provenienzforschung als zentrales Instrument eine immer stärkere Rolle einnahm. Die Disziplin macht es sich dabei zur Aufgabe, die Herkunft der eigenen Sammlungsobjekte nachzuzeichnen, die dabei zurückgelegten Wege aufzuzeigen und herauszufinden, unter welchen historischen, politischen oder sozialen Bedingungen sie Einzug in die Ausstellungen europäischer Museen hielten. Dabei zeigte sich immer und immer wieder, dass das vermeintlich harmlos anmutende "Sammeln" immer auch mit einem Faktor der Schuld einhergeht, der in der stringenten Auseinandersetzung mit der Thematik entsprechende Konsequenzen mit sich bringt.


Mitarbeitende des Sukuma Museums begutachten die Sukuma-Objekte des Landesmuseums Natur & Mensch. Foto: Landesmuseum Natur & Mensch
Mitarbeitende des Sukuma Museums begutachten die Sukuma-Objekte des Landesmuseums Natur & Mensch. Foto: Landesmuseum Natur & Mensch

Denn wo klar ersichtlich wird, dass Objekte durch Gewalt, Zwang oder strukturelle Unterlegenheit angeeignet wurden, drängen sich unmittelbar auch Fragen rund um die Besitz- und Eigentumsverhältnisse dieser in den Vordergrund. Es reicht hierbei nicht, eine Rückgabe dieser Objekte, also eine Restitution zurück an die Herkunftsgesellschaften, als ein bloßes Symbol zu begreifen. Sie muss mit einer ernsthaften, im besten Fall transparenten und umfänglichen Auseinandersetzung sowie Aufarbeitung historischen Unrechts einhergehen. Museen verabschieden sich deshalb zunehmend von der althergebrachten Vorstellung, über ihre Sammlungen uneingeschränkt verfügen zu können und entwickeln stattdessen völlig neue Formen des gemeinsamen, internationalen Arbeitens und Austauschs mit eben den Ländern aus denen Teile ihrer Sammlung stammen oder stammten. Die Art der Präsentation, ebenso wie die damit einhergehende Sprache setzt stärker als je zuvor auf Kollaboration und führt dazu, dass aus einem Erzählen "über" etwas, ein Erzählen im gemeinsamen "miteinander" wird.


Ein Raum schließt, neue Türen öffnen sich

Exemplarisch steht hierfür auch unser Oldenburger Landesmuseum Natur & Mensch, beheimatet in einem eindrucksvollen, historischen Gebäude und prominent gelegen direkt am Damm, kurz vor der Cäcilienbrücke. Gegründet vom Großherzog Paul Friedrich August von Oldenburg im Jahr 1836, als Ort der die Bildung und Aufklärung des Volkes fördern sollte, erweitere sich die Sammlung auf Basis des Engagements des Großherzogs stetig. Was mit einer Sammlung an Insekten, Vögeln und einheimischen Säugetieren begann, wurde im späteren Verlauf unter anderem durch ethnologische Elemente und ein Naturalienkabinett ergänzt. Der Nachbau des damaligen, besagten großherzoglichen Naturalienkabinetts wurde 1980 als "Museum im Museum" eingerichtet und ist auch - Stand heute - noch Teil der Dauerausstellung des Museums. Es sollte einen historischen Blick auf die Sammel- und Ausstellungspraxis des 19. Jahrhunderts werfen, erwies sich jedoch zunehmend als problematisch - nicht zuletzt, weil es die damaligen kolonialen Denkweisen reproduzierte, zum Teil sogar ethnologische Objekte zeigte, ohne diese entsprechend kritisch einzuordnen und zu hinterfragen. Hinter manchen Objekten standen gewaltvolle Aneignungsprozesse, Herkunftsgeschichten blieben unsichtbar, Beschriftungen waren nicht mehr angemessen oder teils geprägt von rassistischem Denken.


Das nun schließende Naturalienkabinett. Foto: J. Schwanke
Das nun schließende Naturalienkabinett. Foto: J. Schwanke

Diesen Status Quo konnte und wollte man als Museum nicht akzeptieren und setzte sich stattdessen in einer internen Arbeitsgruppe über mehrere Jahre und unterschiedliche Drittmittelprojekte hinweg mit dem Raum, seinen Deutungen sowie kolonialen Verstrickungen auseinander. Bereits 2023 entschloss man sich dazu, alle ethnologischen Objekte aus dem Kabinett zu entfernen, um kulturhistorische Objekte nicht mehr unkommentiert neben naturkundlichen Exponaten zu präsentieren. Und im Oktober des vergangenen Jahres veröffentlichte das Museum nun ein eigenes Positionspapier, das an dieser Stelle allen Interessierten sehr ans Herz gelegt sei. Der entscheidende und für die Besucherinnen und Besucher des Hauses unmittelbar mit dem Papier einhergehende Schritt ist die vorläufige Schließung des Naturalienkabinetts in seiner jetzigen Form. Doch statt einfach den Schlüssel zu nehmen, eine Tür zuzusperren und es dabei zu belassen, nimmt man die Besucherinnen und Besucher auf diesem Weg mit an die Hand und liefert mit der Aktionsfläche "RE:vision. Vom Staunen zum Verstehen" eine räumliche Erfahrung, die noch bis zum 22. Februar sowohl den zurückliegenden und als auch den noch bevorstehenden Prozess von unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Nicht nur werden Informationen zur Kolonialgeschichte als Ganzes geliefert, Besucherinnen und Besucher erhalten ebenso Einblicke in Entscheidungsprozesse, Expertinnen erläutern in Videos inwiefern Machtkritik innerhalb eines Museums stattfinden kann und aktuelle Zusammenarbeiten verdeutlichen wie echte Kollaborationen erfolgreich funktionieren können.


DIE PODCASTEPISODE ZUM MUSEUM

Wer nun mehr über die Arbeit des Landesmuseums Natur & Mensch erfahren möchte, dem können wir wärmstens unser Gespräch mit der Direktorin des Hauses, Dr. Ursula Warnke empfehlen. Denn das Haus wartet mit einer zeitlosen Dauerausstellung zum Anfassen, die die Besucherinnen und Besucher - egal ob groß oder klein - mitnimmt durch Welten wie u.a. das Moor, die Küste und Marsch oder Geest führt. Zudem erfahrt ihr mehr über Kooperationsprojekte wie die "Klimaoasen", bei denen man die denkmalgeschützten, grünen Idylle mitten im Stadtzentrum, unser Eversten Holz und den Schlossgarten zu klimaresilienten Orten weiterentwickeln möchte.


Schaffen sich Museen selbst ab?


Fernab vom oberflächlichen Staunen, bietet sich hier also nun eine Gelegenheit, förmlich in Echtzeit an der Arbeit eines Museums teilhaben zu können. Eine Ausstellungsfläche, die bewusst als offener, den Dialog suchender und auch unvollendeter Lernort gestaltet wurde. Dass eine Räumlichkeit vorerst geschlossen wird, bedeutet dabei nicht, dass sich ein Museum vor den eigenen Augen selbst auflöst, sondern eine neue Rolle für sich innerhalb der Gesellschaft definiert. Das Gegenteil ist sogar vielmehr der Fall. Während das starre Festhalten an einem einstigen Status Quo Stillstand bedeuten würde, unterstreicht der Mut zum Wandel, wie viel Leben und Gestaltungskraft in einer Institution wie dem Natur & Mensch stecken kann.


Ein Einblick in die aktuelle Aktionsfläche des Museums. Foto: reinert fotodesign
Ein Einblick in die aktuelle Aktionsfläche des Museums. Foto: reinert fotodesign

Museen treten heute stärker als vorher aus ihrer Rolle des neutralen Bewahrens heraus und werden immer mehr zu aktiven Akteuren innerhalb unserer Gesellschaft. Sie beziehen Haltung, kommunizieren ihre Positionen und bringen sich hierdurch gezielt in öffentliche Debatten und Diskurse ein. Das Offenlegen der eigenen Entscheidungen und Zweifel fordert auch das Gegenüber - in diesem Fall das Publikum - dazu auf, mitzudenken und eine eigene Position für sich einzunehmen. Hier wird sich also nicht auf das bloße Zeigen von Geschichte beschränkt, sondern Einfluss darauf genommen, wie wir alle mit unserer Vergangenheit umgehen und welche Lektionen wir auch für das aktive Gestalten unser aller Zukunft einnehmen möchten. Auch im Hinblick auf andere Thematiken wie beispielsweise den Klimawandel nehmen Häuser wie das Natur & Mensch eine wichtige Rolle ein.


Denn letztlich ist es wie im eigenen Leben auch: sich den eigenen, persönlichen Verfehlungen zu stellen und an ihnen zu arbeiten, ist kein Zeichen von Schwäche sondern lässt uns im Idealfall aus eben diesen Momenten gestärkt und mit neuen Perspektiven hervorgehen. Wir freuen uns darauf zu sehen, welche uns in Zukunft im Landesmuseum Natur & Mensch erwarten werden.


 
 
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