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  • STAATSAKT #4: MACBETH

    Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Vierhundert Jahre alt, trotzdem hochaktuell: „Macbeth“ von William Shakespeare hat keinerlei Patina angesetzt . (Bild: Stephan Walzl) Es gibt Theaterstoffe, deren Titel jede:r schon mal gehört hat - vollkommen unabhängig davon, wie stark die Passion für die Bühne ist. Erstaunlich viele von ihnen stammen von einer einzigen Person. Ob „Romeo & Julia“, „Hamlet“ oder „Der Sommernachtstraum“ - sie alle wurden geschrieben vom Engländer William Shakespeare (1564-1616). Man tritt niemanden anderem zu nahe, wenn man ihn als den Theaterdichter schlechthin beschreibt. Zumal wir bei dieser Aufzählung ein weiteres Werk ausgelassen haben, dessen Titel jede:r kennt: „ Macbeth “. Die Tragödie um den schottischen Adelsmann und Königsmörder stammt zwar aus dem frühen 17. Jahrhundert, ihre herausragende Qualität ist aber ihre Zeitlosigkeit. Die Kombination aus Machtgier, Intrigen und Wahnsinn wirkt in der Gegenwart ebenso stark wie in der Vergangenheit. Aber wie erfindet man ein tausendfach gespieltes Stück heute noch einmal neu? Und kann eine Tragödie auch mal Witz vertragen? Das alles und noch mehr hat uns die 30-jährige Dramaturgin Elisabeth Kerschbaumer verraten. Ihre Antworten lest ihr hier - im Kulturschnack Staatsakt Nr. 4 . OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER MACBETH TRAGÖDIE VON WILLIAM SHAKESPEARE MI 18. DEZEMBER, 20 UHR ( TICKETS ) SO 22. DEZEMBER, 15.30 UHR ( TICKETS ) SO 29. DEZEMBER, 18.30 UHR ( TICKETS ) SO 5. JANUAR, 18.30 UHR ( TICKETS ) FR 10. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) SA, 11. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) MI 15. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) SA 18. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) DO 23. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) SA 25. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) DI 4. FEBRUAR, 20 UHR ( TICKETS ) 30 MINUTEN VOR DEM JEWEILIGEN BEGINN DER VORSTELLUNGEN GIBT ES EINE KURZE STÜCKEINFÜHRUNG IM GLASHAUS KLEINES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG V I E R T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein kleines Foyer am Vormittag, im Haupthaus zur Roonstraße hinaus gelegen. Durch die bodentiefen Fenster fällt die strahlende Dezembersonne in den Raum und erzeugt ein lebhaftes Schattenspiel. Zwei Kultur-Redakteure bauen testen Perspektiven und Lichtverhältnisse. Die Gesprächspartnerin beantwortet auf ihrem Smartphone noch schnell die dringendsten Nachrichten - eine große Premiere steht kurz bevor. Stressresistent: Elisabeth hat sich kurz vor der Premiere von „Macbeth“ Zeit für unser Gespräch genommen. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Ihr seid gerade mitten in den Endproben, richtig? Sehr cool, dass du dir trotzdem die Zeit genommen hast! ELISABETH Ja, es ist ein bisschen was los gerade. ( lacht ) Aber ich mach das total gerne! KEVIN Kann losgehen, Kamera läuft! THORSTEN Okay, let's go! (Elisabeth und Thorsten setzen sich auf zwei Stühle an einem der großen Fenster. Unten sieht man den Verkehr über den Theaterwall rollen. An den Kameras werden die Aufnahmen gestartet. Das Gespräch beginnt) THORSTEN   „Macbeth“ gehört zu den absoluten Klassikern der Literatur und des Theaters. Jede:r hat davon schon mal gehört, viele kennen es auch aus der Schule. Wann bist du dem Stück denn zum ersten Mal begegnet? ELISABETH   Das war im Studium. Ich habe in Innsbruck Vergleichende Literaturwissenschaft studiert und hatte da immer elendslange Leselisten. Und dort tauchte dann tatsächlich auch „Macbeth“ auf. Ich musste es lesen, um im Kurs darüber sprechen zu können . THORSTEN   Den Titel kennen die meisten, aber worum genau es in „Macbeth“ geht, können viele wahrscheinlich gar nicht so genau beantworten. Oder Kevin? KEVIN  ( aus dem Hintergrund ) Nee! THORSTEN  Hab ich mir gedacht. Also, Elisabeth, kannst du das in wenigen Worten zusammenfassen? ELISABETH Ich versuch's. ( lacht ) Es geht um einen Kriegsherrn namens Macbeth, der aus dem Krieg zurückkommt und dann mysteriösen Schicksalswesen begegnet. Und die prophezeien ihm, dass er König werden wird. Getrieben von Machtlust kommt er nach Hause, erzählt das auch seiner Frau, und die beiden beschließen dann tatsächlich, den König zu töten, um dieses Schicksal so ein bisschen zu befeuern und schneller an den Thron zu kommen. Allerdings hat dieser Mord große Folgen für die innere Psychologie der Charaktere. Wir können im Laufe des Stückes zwei Figuren - und vor allem eben Macbeth - dabei zusehen, wie sie eine Art von Verfall durchlaufen. Farbgewaltig: Die „Macbeth“-Inszenierung von Regisseur Malte Kreutzfeld geizt nicht mit starken visuellen Reizen. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN    In dem Stück gibt es das volle Programm an Macht, Gier, Wahnsinn, Tod. Das kommt mir ein bisschen bekannt vor. Ist „Macbeth“ eine Art Vorbild für Serien wie „ House of Cards “ und „ Game of Thrones ?“ ELISABETH   Auf jeden Fall! Das Stück hat im Laufe der letzten vierhundert Jahre kulturgeschichtlich wahnsinnig viel beeinflusst. Es ist spannend, immer wieder zu gucken, wo die Motive aus „Macbeth“ heute wieder auftauchen. Leider muss man auch sagen, dass das nicht auf die Kultur beschränkt ist. Wir sehen im realen Leben viele Entwicklungen, die auch in „Macbeth“ aufgegriffen werden. THORSTEN Manches hat mich durchaus auch an die inzwischen beendete Ampelkoalition erinnert. Ist das Stück politisch? ELISABETH Unbedingt! Es ist eines der politischsten Stücke, die Shakespeare geschrieben hat. Wenn man sich genauer damit beschäftigt, wird man ständig an das erinnert, was auch heute auf der politischen Bühne passiert. Deswegen ist „Macbeth“ auch ganz bewusst auf dem Spielplan gesetzt worden, damit man diese Verknüpfung mit der Gegenwart hat. Und das löst sich total ein. Es ist sehr spannend, diese Parallelen zur Gegenwart ziehen zu können. THORSTEN Wie sind eigentlich die Reaktionen im Ensemble auf so einen Klassiker? Hört man dann eher „Oh, nicht schon wieder“ oder „Das wollte ich schon immer mal!“? ELISABETH Eher letzteres. Die Freude ist schon sehr groß. Was man hier aber dazu sagen muss: Es gibt einen Aberglauben, der sich um dieses Stück rankt. Und zwar, dass es Unglück bringt, wenn man es auf den Spielplan setzt. Schon das laute Aussprechen des Titels soll Unglück bringen. Wir haben es trotzdem auf dem Spielplan - und natürlich kommen wir nicht drum herum, auch den Stücktitel hin und wieder zu nennen. Aber die Reaktionen darauf sind tatsächlich sehr lustig. Man spielt ein bisschen mit diesem Aberglauben und kann sich darüber auch verständigen. Das macht eigentlich großen Spaß. Entspannter Talk: Elisabeth konnte den Reiz einer „Macbeth“-Inszenierung auch vierhundert Jahre nach der Entstehung gut erklären. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN I n den letzten vierhundert Jahren ist das Stück ja schon „ein paar Mal“ aufgeführt worden. Versucht man trotzdem, bei Regie und Dramaturgie noch einen neuen Ansatz zu finden? Oder geht das gar nicht? ELISABETH Ich glaube, es geht gar nicht so sehr um Abgrenzung. Tatsächlich war es Regisseur Malte Kreutzfeldt wichtig zu betonen, dass wir nicht alles neu erfinden. Aber; Natürlich arbeitet man immer aus der Zeit heraus. Natürlich wird man in der Konzeption beeinflusst von den Dingen, die in der Realität weltpolitisch stattfinden. Und das ändert sich selbstverständlich auch über die Jahre. Uns war es wichtig, einen Ansatz zu finden, der einerseits die Geschichte richtig erzählt, also wie Shakespeare sie geschrieben hat, der aber trotzdem lesbar macht, was man für das Heute mitnehmen kann. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 164 Gründe. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 4 Uraufführungen und 32 Premieren, dazu 7 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regeläßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Gibt es denn irgendwas, von dem du sagst: „Das sieht man woanders eher nicht, das ist etwas ganz Besonderes“? ELISABETH Wir spielen mit vielen Elementen. Wir nutzen den kompletten Bühnenraum und die Bühne ragt sogar ein bisschen in den Zuschauerraum hinein. Man ist also sehr nah dran, eben weil es weltpolitisch so brisant ist gerade. Zudem ist die Bühne doppelt beschichtet und eine dieser Beschichtungen löst sich mit der Zeit. Wir haben Wasser im Spiel, wir haben aber auch die Bühnentiefe genutzt. Das heißt, wir spielen auch mit Höhenunterschieden, konzentriert gefasst in eine tolle Lichtsituation. Die Kostüme verändern sich. Das Maskenbild ist ganz besonders, weil wir viel mit einem weißen Heilerdegemisch spielen. Es kommen sehr viele Sachen zusammen und dadurch entsteht an sehr vielen Stellen ein großer und bildstarker Theaterzauber.“ Effektvoll: Bei „Macbeth“ stehen nicht nur die Schauspieler:innen, sondern auch Maske, Kostüme und Bühne im Mittelpunkt. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Hättest du eine Vermutung: Was würde Shakespeare an eurer Inszenierung am besten finden? Und wo hätte er die Stirn gerunzelt? ELISABETH Befremdlich wäre für Shakespeare bestimmt, dass wir alles im Dunkeln spielen. Zu Shakespeares Zeiten fand in seinem Globe Theater alles bei Tageslicht statt. Man durfte dort keine Kerzen anzünden, weil sonst das ganze Theater abgebrannt wäre. Im Text ist es interessanterweise übrigens so, dass dort immer die Nacht angerufen werden muss. Es kommt ganz oft der Satz „Oh, komme Nacht“, weil die Leute es damals gewohnt waren, dass es immer taghell war. Sonst hätten sie nichts gesehen. Und deswegen musste man im Text erst sagen, dass es jetzt Nacht wird. Aber ich kann mir vorstellen, dass Shakespeare vielleicht an der einen oder anderen Stelle, die wir inhaltlich gut durchdacht haben, mitgehen oder vielleicht sogar d'accord gehen würde mit unseren Ideen. Erzähltalent: Dramaturgin Elisabeth Kerschbaumer spricht kenntnisreich, unterhaltsam und humorvoll über Shakespeares Tragödie „Macbeth.“ (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN I st es eigentlich einfacher, mit einem Stoff zu arbeiten, den alle kennen? Oder macht es das eher kompliziert, weil jede:r seine eigene Vorstellung mitbringt - einschließlich der Schauspieler:innen vielleicht? ELISABETH Es ist tatsächlich so, dass alle schon Interpretationsansätze mitbringen, denen man dann vielleicht ein bisschen widerspricht in der Konzeption. Am Ende ist es aber so, dass es ein gesamter Abend sein soll, der in sich geschlossen und konsequent ist. Und ich glaube, da geht man dann schon gerne mit, wenn sich Interpretationen ein bisschen verändern. Oder man sieht: „Ah, das wollten die in diesem Abend und das hat funktioniert.“ THORSTEN  Vor drei Jahren kam ja eine Verfilmung von „Macbeth“ ins Kino - mit Stars wie Denzel Washington und Francis McDormand. Wahrscheinlich lässt der sich jetzt irgendwo streamen . Warum soll ich trotzdem ins Staatstheater kommen? Was kann Theater, was Film nicht kann? ELISABETH ( strahlend ) Man ist hautnah dran. Es ist alles live. Bei jeder Vorstellung passieren Dinge, die vielleicht nicht ganz so geplant sind, die aber eben dieses Live-Moment ausmachen. Ein Fernseher steht im Wohnzimmer, aber im Theater befindet man sich gemeinsam mit anderen in einem Raum und ist ganz, ganz nah am Geschehen dran. Das macht es umso spannender, umso rasanter. Und ich glaube, das ist einfach ein tolles Erlebnis. THORSTEN Da kann Denzel nicht mithalten. ELISABETH Zumindest nicht auf dieser Ebene. ( lacht ) THORSTEN Nun ist Macbeth eine Tragödie. Ist es eigentlich schwerer, so etwas zu vermarkten als eine Komödie? Gerade jetzt in der Winterzeit, wo draußen eh alles dunkel und kalt ist? Oder macht das gar keinen Unterschied? ELISABETH Ich glaube, schwieriger zu vermarkten ist es nicht. Man muss hier aber dazusagen, dass „Macbeth“ keine klassische Tragödie ist, weil man einer Figur zuguckt, zu der man ein ganz ambivalentes Verhältnis hat. Das meiste, was Macbeth da macht, ist natürlich nicht so toll, aber: Wir versuchen trotzdem, den Weg zu zeigen, der ihn zu seiner Mordlust und schließlich zu seinem Verfall führt. Das ist besonders an dieser Tragödie, weil es einfach sehr spannend ist. Man könnte sogar sagen, dass es etwas Krimihaftes hat, nur dass man den Mörder vorher schon weiß. Man wird richtiggehend hineingezogen in diese Geschichte. Bühnenreif: Als Dramaturgin steht Elisabeth selbst zwar nicht auf der Bühne. Unser Eindruck war aber: Das könnte sie auch! (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Aber der Stoff ist ja schon ein bisschen düster und deswegen würde mich mal interessieren, auf einer Skala von 1 bis 10: Wie groß war die Versuchung, auch mal Scherze einzubauen, damit das aufgelockert wird? ELISABETH Zehn! Und es könnte sein, dass auch ein paar Scherze drin sind. Alle: ab. Uralt und hochmodern Ob leidenschaftlicher Theaterfan oder nicht: Den Namen „Macbeth“ kennen fast alle. Seine Geschichte ist vielen aber nur in groben Zügen bekannt. Dabei zeigt die Iszenierung am Oldenburgischen Staatstheater, wie zeitgemäß der vierhundert Jahre alte Stoff von William Shakespeare noch ist - gerade jetzt, in einer Zeit, in der viele alte Gewissheiten nicht mehr zu gelten scheinen. Es ist gleichermaßen faszinierend und furchterregend, dass man bestimmte Mechanismen aus dem 17. Jahrhundert unverändert im Alltag des 21. Jahrhunderts wieder entdecken kann. Diese Mischung aus ganz ambivalenten Eindrücken zeigt die ganze Wirkungsmacht des Theaters. Beim Schwanken zwischen Abscheu und Verständnis durchleben wir Macbeths Schicksal in uns selbst - und gehen randvoll mit intensiven Eindrücken nach hause. Bühne, Kostüme und Maske sorgen zudem dafür, dass der Besuch aus visuell lange nachhallen wird. Wie es gelingen kann, bei alledem auch noch Scherze einzubauen? Das erfahrt ihr nur, wenn ihr euch „Macbeth“ anseht. Und genau das ist es, was ihr unbedingt tun solltet - denn mehr kann zeitgemäßes Theater kaum bieten.

  • LITERATUR LIVE

    Wir alle lesen. Wir scrollen durch Newsfeeds und Liveticker, wir scannen Mails und Messages, wir überfliegen Content und Captions. Doch Lesen kann noch viel mehr sein. Ein wahres Erlebnis wird es, wenn Autor:innen ihre Werke live vortragen, mit Anekdoten und Hintergründen anreichern und mit dem Publikum in den Austausch gehen, In Oldenburg gibt es eine Institutionen für solche magischen Momente: Das Literaturhaus. Where the Magic happens: Literatur gewinnt häufig noch an Tiefe, wenn man die Autor:innen bei einer Lesung erlebt. (Bild: Kulturschnack / Canva-KI) Gewohnheiten haben ihre Tücken. Manchmal übersehen wir nämlich das Wichtigste in unserem Leben, weil es schlicht zu normal geworden ist, um es als besonders wahrzunehmen. Ein wenig gilt dieses Prinzip auch für das Literaturhaus Oldenburg . Jahr für Jahr konzipiert Monika Eden mit ihrem kleinen Team ein attraktives Lesungs-Programm, das auch in wesentlich größeren Städten für Furore sorgen würde- das hier in Oldenburg aber als beinahe selbstverständlich begriffen wird. Dabei ist es genau das nicht. Dass wir hier immer wieder eine überaus spannende, stets hochwertige Mischung aus großen Namen und neuen Stars erleben dürfen, ist beileibe kein Automatismus. Dahinter steckt akribische Arbeit, reger Austausch mit Verlagen, Agent:innen und Autor:innen sowie: viele, viele Lesestunden. Für Monika Eden ist nicht entscheidend, wie viele Follower:innen jemand auf Instagram hat, ob ein Buch gerade bei TikTok trendet oder wann sich ein:e Schriftsteller:in öffentlichkeitswirksam zu Themen der Zeitgeschichte äußert. Sie geht nach der literarischen Qualität. Und diese klare Prämisse ist es, die Lesungen des Literaturhauses stets zu einem Erlebnis macht. Starke Mischung, spannende Entdeckungen Das ist zum Jahresanfang 2025 nicht anders als sonst. Erneut hat das Literaturhaus sowohl anerkannte Größen der Literaturszene, aber auch etwas weniger bekannte Schriftsteller:innen für Oldenburg gewonnen. Alle bringen hochgelobte aktuelle Werke mit - und versprechen spannende, bewegende, unterhaltsame Abende im Wilhelm13 . Das ist: Literatur live! Zurück nach Hause: Michael Lentz präsentiert seinen Roman „Heimwärts“. (Bild: Victor Pattyn) SONNTAG, 12. JANUAR 2025, 11 UHR MICHAEL LENTZ: „HEIMWÄRTS“ WILHELM13 MODERATION: THOMAS BOYKEN Michael Lentz erinnert sich in „Heimwärts“ an die mitunter unheimlichen Jahre der alten Bundesrepublik. Zwischen Apfelkuchen und Zorn, zwischen Matchboxautos und Metaphysik spielt sich in seinem neuen Roman eine westdeutsche Kleinstadt-Kindheit ab. Regelmäßig rutscht dem Vater die Hand aus, oder man begegnet sich wortlos im Haus. Es gibt viel zu essen, und die Mutter sorgt für Ordnung und schlechtes Gewissen. Unterbrochen werden die Erinnerungen von der Stimme eines Kindes, das die alte Bundesrepublik nur noch vom Hörensagen kennt und mit all dem alten Kram heute nicht mehr viel anfangen kann. Ein besonderes Leseerlebnis verspricht Literaturkritikerin Meike Feßmann in der Süddeutschen Zeitung: „Dort, wo der Autor seine Intelligenz zum Schweben bringt, glücken ihm Bilder, in denen Intellekt und Gefühl eine Verbindung eingehen.“ Michael Lentz , 1964 in Düren geboren, lebt in Berlin. Autor, Musiker, Herausgeber. Zuletzt erschienen: der Roman »Schattenfroh. Ein Requiem« (2018), der Kommentar »Innehaben. Schattenfroh und die Bilder« (2020), der Gedichtband »Chora« (2023), der Roman »Heimwärts« (2024) sowie »Grönemeyer« (2024), alle bei S. FISCHER . Michael Lentz wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis. Für »Chora« und sein Gesamtwerk erhielt Michael Lentz den Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik 2024. LESEPROBE Epochal: Judith Kuckart präsentiert „Die Welt zwischen den Nachrichten“. (Bild: Burkhard Peter ) DIENSTAG, 21. JANUAR, 19.30 UHR JUDITH KUCKART: „DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN“ WILHELM13 GESPRÄCH: REINAR ORTMANN Alles ist gewesen, nichts war genau so: „Am 17. Juni, Tag der Deutschen Einheit, wurde ich geboren. Ich blieb das einzige Kind. Am 2. Juni 1967 saß ich im Trikot des Kinderballetts vor der Tagesschau. Benno Ohnesorg war erschossen worden. Ich schlug meinem Vater während der Meldung auf's Knie: Papi, wenn ich groß bin, erschieß ich dich auch. 1977 schenkte mir meine Großmutter, Fließbandarbeiterin in einer Fabrik für Babybadewannen aus Plastik, zum Abitur 1.000 DM. 1989 stand ich in der Oper Duisburg zum letzten Mal als Tänzerin auf der Bühne. Eine wichtige und schüchterne Verlegerin saß im Publikum und meinte: Sie könnten auch mal einen Roman schreiben, Judith. Am 17. Juni 2024 steht der Titel für meinen neuen Roman fest. Und ich weiß, ab jetzt habe ich noch zwanzig grandiose Sommer vor mir - oder?“ Mit einer sprachlichen Dichte, die berührt, erzählt Judith Kuckart entlang ihrer Biografie und beleuchtet damit eine ganze, ihre Generation . Eric Brinkmann beschrieb seine Eindrücke bei WDR WestArt so: „Judith Kuckart verwebt aus Fantasie und Realität eine ›Welt zwischen den Nachrichten‹, die die Erfahrungswelt einer ganzen Generation lebendig werden lässt. “ Judith Kuckart , 1959 in Schwelm (Westfalen) geboren, lebt als Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin. Sie veröffentlichte bei DuMont den Roman ›Lenas Liebe‹ (2002), der 2012 verfilmt wurde. Ihr Roman ›Kaiserstraße‹ stand 2006 auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse, ihr Roman ›Wünsche‹ 2013 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt erschien ›Café der Unsichtbaren‹ (2022). Judith Kuckart wurde mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. . LESEPROBE Mithu Sanyal liest aus „Antichristie“. (Bild: Carolin Windel) SONNTAG, 26. JANUAR, 11 UHR MITHU SANYAL: „ANTICHRISTIE“ WILHELM13 GESPRÄCH: BIRTE LIPINSKI London 2022, die Königin ist tot! An den Trauernden vorbei rennt Durga: internationale Drehbuchautorin, Tochter eines Inders und einer Deutschen, und voller Appetit auf Rebellion und Halluzinationen. Erzählte Mithu Sanyals gefeiertes Debüt „Identitti“ von Identitätspolitik, fragt „Antichristie“ nach dem Kolonialismus und der Gewalt in uns allen. Durga soll an einer Verfilmung der überbritischen Agatha-Christie-Krimis mitarbeiten. Doch auf einmal ist es 1906, und sie trifft indische Revolutionäre, die keineswegs gewaltfrei wie Gandhi kämpfen. Und dann explodiert die erste Bombe. Was wäre richtiger Widerstand in einer falschen Welt? Niemand schreibt so aberwitzig, klug und liebend wie Mithu Sanyal. „Antichristie“ bringt die ganze Welt in die deutschsprachige Literatur. Hellauf begeistert äußert sich die Literaturkritikerin und Autorin Iris Radisch im Feuilleton der „ Zeit “: „ Ein vergleichbares postkoloniales Roman-Schwergewicht mit Dutzenden realhistorischen, hierzulande kaum bekannten, aber unablässig redenden und streitenden Besserwissern hat es in der deutschen Literatur noch nicht gegeben “ Mithu Sanyal wurde 1971 in Düsseldorf geboren und ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Kritikerin. 2009 erschien ihr Sachbuch "Vulva. Das unsichtbare Geschlecht", 2016 "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens". 2021 erschien bei Hanser ihr erster Roman "Identitti", der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises war und mit dem Literaturpreis Ruhr und dem Ernst-Bloch-Preis 2021 ausgezeichnet wurde. LESEPROBE Mit der feinen Klinge: Marica Bodrozic stellt ihr Buch „Das Hdrzflorett“ vor. (Bild: Peter von Felbert) MITTWOCH, 12. FEBRUAR, 19.30 UHR MARICA BODROZIC: „DAS HERZFLORETT“ WILHELM 13 GESPRÄCH: BERNADETTE MALINOWSKI Pepsi liebt das Leben und den flimmernden Schlaf des Sommers. Ihre Eltern arbeiten in Hessen und tauchen nur in den Sommerferien auf dem einsamen Hof des Großvaters in Dalmatien auf. Zeitweise kommt sie auch bei anderen Verwandten unter, doch wo immer sie ist, bleibt sie fremd. Nur in der Natur fühlt sie sich aufgehoben, verbringt, fasziniert von der Sprache der Vögel am Himmel, ihre Tage barfuß im Gras. Als die Eltern sie zu ihren Geschwistern in die Einzimmerwohnung in einem Dorf im Taunus holen, will Pepsi sofort wieder weg. Die vom Putzen rissigen Hände der Mutter sind zu keiner Zärtlichkeit fähig. Der Vater beginnt seine Tage mit Schnaps. Das neue Leben hält aber zugleich Dinge bereit, zu denen das Mädchen sich wie magnetisch hingezogen fühlt. Die Welt der Bücher und Buchstaben, die deutsche Sprache, in die sie sich so plötzlich und heftig verliebt wie später in Aleksandar. Doch als sie Abitur machen und studieren will, wird ihr das verboten, weil sie kein Junge ist. Es ist wie ein Stich ins Herz, ein Abschied - und zugleich ein Neubeginn. Voll des Lobes war Moderation Vivian Perkovic in der 3SAT Kulturzeit : „Marica Bodrozic’ Texte und auch dieser Roman sind eine Schule der Wahrnehmens, der kleinsten inneren Regungen bis zu großer Brutalität. Hier wird das menschlich Erbärmliche und das überzeitlich Grundsätzliche ergründet. Wie nebenbei erzählt Marica Bodrozic völlig unterbeleuchtete deutsche Migrationsgeschichte und das Erwachsenwerden einer starken Hauptfigur, mit literarischer Tiefe und raffiniertem Witz.“ Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien geboren. 1983 siedelte sie nach Hessen über. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays, die in über sechzehn Sprachen übersetzt wurden. Für ihr bisheriges Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis, dem Manès-Sperber-Literaturpreis für ihr Gesamtwerk sowie dem Irmtraud-Morgner-Preis. Marica Bodrožić lebt mit ihrer Familie als freie Schriftstellerin in Berlin und in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. LESEPROBE Nachspielzeit: Sabine Peters liest aus ihrem neuen Buch „Die dritte Hälfte“. (Bild: Jutta Schwöbel) DIENSTAG, 18. FEBRUAR, 19.30 UHR SABINE PETERS: „DIE DRITTE HÄLFTE“ WILHELM 13 MODERATION: MICHAEL SOMMER Manchmal sitzt Doc, der eigentlich Hermann Dik heißt, nach seiner Arbeit in der Praxis abgekämpft zu Hause und schwänzt sogar die Sportgruppe; es hapert mit seiner Work-Life-Balance. Dabei ist sein Job kurzweilig: Tür auf, einer raus, einer rein – und dann noch Hausbesuche. Seine Angestellte Christine hat sechs Beine und Arme, sie hält den Laden am Laufen. Doc hört die Geschichten der Patienten; Herr Viersen hat keine Zeit für den Bandscheibenvorfall, während Frau Glüsing sich extra schick für den Arzt anzieht und Frau Bültjer im Altenheim an ihr Ende geht. Am Feierabend erwartet Doc keine liebende Frau, denn die ist tot; aber seine Schwester meint es gut mit ihm und bestellt ihn zum Familienfest. Die Welt ist bunt, sagt sich Doc, wenn seine Nachbarin Mechthild und ihr Sohn, ein junger Aktivist, bei ihm vorbeischneien. Und es gibt schließlich auch den Studienfreund Brummer, mit dem Doc über das Älterwerden, über Niederlagen und Aussichten quatscht. Sabine Peters skizziert vier Generationen, die aufgrund ihres Alters und ihrer Arbeit einen je eigenen Blick auf die Zustände haben. Doc, mittendrin, ist ein melancholischer Held, aber er ist nicht allein. Ein behutsames, menschenfreundliches Buch - befand auch Literaturwissenschaftlerin Franziska Hirsbrunner im SRF Literaturclub : „Sabine Peters schreibt nahe an der Realität. Sie fächert ein packendes Wimmelbild auf und erzählt die Geschichte ihres Protagonisten und die der Menschen um ihn herum mit leichter Hand und Spass am rasanten Dialog. Immer wieder erlaubt sie dabei überraschende Blicke auf das Tabu-Thema Alte“ Sabine Peters , geb. 1961, studierte Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie in Hamburg. Nach einigen Jahren im Rheiderland lebt sie seit 2004 wieder in Hamburg. Neben Romanen, Erzählungen, Hörspielen schreibt Sabine Peters auch Essays und Kritiken. Sie wurde ausgezeichnet u.a. mit dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, dem Clemens-Brentano-Preis, dem Evangelischen Buchpreis und dem Georg-K.-Glaser-Preis. 2016 erhielt sie den Italo-Svevo-Preis. LESEPROBE

  • STAATSAKT #5: DIE VÖGEL

    Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Keine Möwen weit und breit: „Die Vögel“ von Walter Braunfels haben nichts mit Hitchcocks Thriller zu tun. (Bild: Stephan Walzl) Die Vögel? Bei diesem Titel denken die meisten an Alfred Hitchcocks Thriller-Meisterwerk aus dem Jahr 1963. Es gehört zu den absoluten Klassikern des Genres. Doch die gleichnamige Oper hat nichts mit den Möwen aus der Bodega Bay zu tun. Der zeitweise gefeierte, heute aber vergleichsweise unbekannte Komponist Walter Braunfels (1882-1954) schrieb sie bereits in den Jahren 1913 bis 1919 - und griff dabei auf eine antike Komödie von Aristophanes zurück, die über zweitausend Jahre alt ist. Alter Stoff also? Mitnichten. Entstanden ist nämlich ein Werk, das sich musikalisch durchaus auf dem Niveau deutlich bekannterer Namen bewegt - und das auf beinahe prophetische Weise die Entwicklungen der Jahre ab 1933 vorwegnahm. In dem Stück geht es nämlich nicht etwa um ornithologische Merkwürdigkeiten - sondern um Machtverschiebungen, wie sie derzeit überall auf der Welt passieren. Im Kulturschnack Staatsakt Nr. 5 haben wir mit der amerikanischen Sopranistin Penelope Kendros über das zeitlos aktuelle Stück gesprochen - und dabei auch einiges über Operngesang und Erdnussbutter gelernt. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER DIE VÖGEL OPER VON WALTER BRAUNFELS LIBRETTO NACH ARISTOPHANES DI 28. JANUAR, 19.30 UHR ( TICKETS ) SO 2. FEBRUAR, 19.30 UHR ( TICKETS ) FR 7. FEBRUAR, 19.30 UHR ( TICKETS ) SO 2. MÄRZ, 18 UHR ( TICKETS ) SO 9. MÄRZ, 18 UHR ( TICKETS ) SA 14. JUNI, 19.30 UHR ( TICKETS ) DO 26. JUNI, 19.30 UHR ( TICKETS ) 30 MINUTEN VOR DEM JEWEILIGEN BEGINN DER VORSTELLUNGEN GIBT ES EINE KURZE STÜCKEINFÜHRUNG IM GLASHAUS GROßES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG F Ü N F T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein Foyer am zur Mittagszeit, im zweiten Geschoss des Haupthauses oberhalb des Theaterwalls gelegen. Weißer Mamor und Blattgold verleihen dem hohen Raum einen neobarocken Eindruck. Zwei Kultur-Redakteure prüfen ein letztes Mal Einstellungen und technische Voraussetzungen. Die Gesprächspartnerin ist ein kleines bisschen aufgeregt - doch das legt sich schnell. Leidenschaftliche Sängerin: Penelope Kendos brilliert in „Die Vögel“ am Oldenburgischen Staatstheater in der Rolle der Nachtigall. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Penelope! Wie schön, dass du heute dabei sein kannst - so kurz vor dem großen Ereignis. PENELOPE Ja, die Premiere von „Die Vögel“ ist schon morgen. Das ist immer aufregend, auch wenn man es schon oft erlebt hat. THORSTEN Dann legen wir am besten gleich los, danach kannst du wieder deine Stimme schonen. KEVIN Alles bereit, kann losgehen! (Penelope und Thorsten setzen sich auf zwei Hocker vor einem Kamin. An den Kameras werden die Aufnahmen gestartet. Das Gespräch beginnt) THORSTEN   Bei „Die Vögel“ denken viele Menschen zu allererst an Alfred Hitchcocks Thriller. Aber darum geht es hier im Staatstheater natürlich nicht. Kannst du kurz beschreiben, wovon „Die Vögel“ handelt? PENELOPE   Es ist ein politisches Stück. Eine der Hauptfiguren - eine Lebemann namens Ratefreund - übernimmt das Reich der Vögel und erklärt sich selbst zum König. Er macht das durch Angst und Demütigung und bietet sich selbst als einzige Lösung an. Für mich als Amerikanerin ist das aktuell sehr relevant, aber das gilt leider auch für viele andere Teile der Welt. Das Thema war der Grund, warum die Nazis das Stück schnell verboten haben. Es gab aber noch einen weiteren, nämlich dass Walter Braunfels als sogenannter Halbjude angesehen wurde. Deswegen war seine Musik viele Jahre lang verloren. THORSTEN   „Die Vögel“ basiert ja auf einer antiken Vorlage, die schon über zweitausend Jahre alt ist. Auch die Uraufführung der Oper ist schon über hundert Jahre her. Ist dieses Stück nach all dieser Zeit immer noch hochaktuell? PENELOPE Ja, ich denke zurzeit ist es sehr aktuell. Nicht nur in Europa und Amerika, sondern eigentlich in der ganzen Welt. Das Thema Macht ist sehr relevant. THORSTEN   Die historische Basis für „Die Vögel“ war eine Komödie. Und Walter Braunfels beschrieb sein Werk im Untertitel - trotz des brisanten Themas - als ein „lyrisch-phantastisches Spiel“. Müssen wir viel lockerer werden im Umgang mit der großen Politik? PENELOPE   Nein, das glaube ich eigentlich nicht. Es gibt zwar durchaus lustige Momente in dem Stück, aber es ist mehr eine Tragödie. Am Ziel? Dem Lebemann Ratefreund gelingt es, die Vögel zu verführen. Doch wird sein Erfolg von Dauer sein? (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Was denkst du: Warum hat Walter Braunfels ausgerechnet die Vögel ausgewählt, um das Thema darzustellen? PENELOPE Ich vermute, weil es eine ganz andere Welt ist. Die Vögel sind sehr leichtgläubig und sehr unschuldig. Er konnte manche menschlichen Eigenschaften auf die Spitze treiben. Deswegen hat er sie gewählt. Echte Handarbeit: Der Prolog der Nachtigall aus dem Jahr 1913 - handgeschrieben vom Komponisten. (Bild: Erbengemeinschaft Walter Braunfels) THORSTEN   Apropos Vögel: Im Stück gibt es einen Wiedehopf, einen Zaunschlüpfer - und du bist die Nachtigall. Ich nehme mal an, sie steht als eine Metapher für bestimmte Eigenschaften. Kannst du beschreiben, was für ein Typ Vogel du auf der Bühne wirst? PENELOPE     Man denkt zunächst, dass die Nachtigall einfach eine schöne Sängerin ist, aber eigentlich trägt sie eine tiefe Traurigkeit in sich. Das sieht man besonders in der Szene zwischen dem eher verträumten Hoffegut, einem Freund Ratefreunds, und der Nachtigall. Es geht ja darum, was passiert, wenn man versucht, die Natur zu erobern. Hoffegut denkt, dass er komplett in die Nachtigall verliebt ist, aber eigentlich ist er von ihrem Lied verzaubert. Und die Nachtigall sagt: „Lieber Freund, bleibt wie du bist.“ Was sie damit meint: 'Du kannst von der Natur etwas lernen, Du kannst zuhören und genießen, aber du wirst mich nie komplett verstehen. Bleibe in deiner eigenen Welt.' Das ist mein absoluter Lieblingsmoment dieser Oper. THORSTEN Wie tief tauchst du denn in so eine Rolle ein? Wie sehr musst du dich mit dem Stück beschäftigen, damit du diese Rolle so fühlst, wie sie gedacht ist? PENELOPE Es ist immer eine Balance und ein Prozess. Es gab Momente in dem Proben, wo ich wirklich Tränen in den Augen hatte. Aber es ist meine Aufgabe als Künstlerin, das Publikum zum Weinen zu bringen und nicht alles für mich zu behalten. Obwohl es manchmal sehr schwierig ist. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 164 Gründe. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 4 Uraufführungen und 32 Premieren, dazu 7 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regeläßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Konzentrierst du dich auf der Bühne eigentlich vor allen auf den Gesang? Oder denkt man die schauspielerische Ebene immer mit? PENELOPE Was die Gesangstechnik betrifft, ist die Nachtigall eine der schwierigeren Rollen, an denen ich gearbeitet habe. Man braucht viel Flexibilität in der hohen Stimmlage und auch lyrische Fähigkeiten in den mittleren und tiefen Stimmlagen. Deswegen ist das eine große Herausforderung, auf die man sich tatsächlich konzentrieren muss. Gleichzeitig sind der Text und die Musik so berührend. Man begibt sich voll und ganz in den Moment. THORSTEN   Mal ganz generell gefragt: Was empfindest du als schwierig auf der Bühne und was fällt dir leicht? PENELOPE  Wenn das Orchester sehr laut ist, ist es immer leichter. Wenn man dagegen allein ist und man das Gefühl hat, man sei nackt, dann kann das beängstigend sein. Es gibt durchaus ein paar Momente in dem Stück, wo ich wirklich allein bin. Farbenfroh: Das Bühnenbild gleich in seinen vielen bunten Facetten und Schattierungen de Gefieder eines exotischen Vogels. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Das werde ich wohl nie nachempfinden können, denn ich kann kein bisschen singen. Deshalb frage ich mich: Wie stellst du sicher, dass du immer den richtigen Ton triffst? Funktionieren deine Stimmbänder wie ein Instrument, das du anschlagen kannst? Oder gibt es an manchen Stellen auch eine Unsicherheit? PENELOPE   Ich hab viel geübt ( lacht ). Alles braucht natürlich seine Zeit. Wenn ich eine Rolle übernehme, dann fühlt es sich am Anfang immer so ein bisschen unbequem an. Aber dann proben wir sechs Wochen lang und am Ende des Prozesses fällt alles viel leichter als am Anfang. THORSTEN Man hört an deinem sehr guten Deutsch, dass du nicht erst seit gestern hier in Europa bist. Mittlerweile sind es zehn Jahre, zunächst in Österreich und seit drei Jahren in Deutschland. Erlebst du eigentlich immer noch Momente, in denen du denkst: Wow, das ist doch alles ganz anders hier als in meiner Heimat? PENELOPE  Ja, allerdings. Hier ist es einigermaßen normal, eine Opernsängerin zu sein. In Amerika ist das nicht so. Hier in Europa gibt es generell viel mehr Möglichkeiten für Kultur und für Musik. In den USA gibt es keine richtige Festanstellung für Sänger:innen. Das ist ein großer Unterschied! Sympathisch und sprachgewandt: Sopranistin Penelope Kendros gewährt uns einen Blick in ihren Alltag als Opernsängerin - in fast perfektem Deutsch. (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN Muss man als amerikanische Sopranistin den Weg nach Europa zwangsweise gehen, um Erfolg zu haben? Denkt man das bei einer Opernkarriere automatisch mit? PENELOPE Ich glaube ja. Es gibt hier einfach viel mehr Möglichkeiten für uns. Und für mich ist es richtig cool, jeden Tag zum Theater zu gehen, regelmäßig auf der Bühne zu sein und das Gefühl zu haben, dass es ein stabiler Job ist. It's a dream come true! THORSTEN Das ist also ein großer Vorteil. Gibt es denn auch etwas, was du sehr vermisst aus deiner Heimat? PENELOPE  (überlegt) Ja, es gibt diese Peanut Butter Cups , die ich wirklich sehr vermisse. (lacht) . Erdnussmus ist ein bisschen anders hier. THORSTEN Allerdings, da haben wir eindeutig Aufholbedarf! Du bist jetzt seit letztem Sommer in Oldenburg - und trotz des Erdnussbutterproblems noch hier. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie gefällt dir dein Leben hier? PENELOPE Zehn, absolut! (lacht) Ich liebe Oldenburg und fühle mich sehr wohl hier. Es ist ein Zuhause. Und es ist einfach eine coole Stadt - mit einem wunderschönen Theater ! THORSTEN ...und einem tollen Ensemble! Vielen Dank für die spannenden Einblicke! Alle: ab. Uralt und hochmodern Wer beim Kulturschnack Staatsakt genau aufpasst, hat es sofort gemerkt: Diese Überschrift gab es doch schon beim letzten Mal? Ja, ganz genau - und ganz bewusst! Denn genau wie „ Macbeth “ ist auch „Die Vögel“ erstaunlich gut gealtert. Technologisch mag die Welt von heute eine völlig andere sein als bei der Uraufführung im Jahre 1920, doch die Mechanismen der Macht sind häufig noch dieselben. Deswegen funktionieren die historischen Stoffe auf der inhaltlichen Ebene auch im beginnenden 21. Jahrhundert noch hervorragend. Noch wichtiger ist aber natürlich die Musik! Walter Braunfels mag kein so bekannter Name sein wie Tschaikowski, Verdi oder Wagner. Als Komponist steht er den berühmten Kollegen aber in nichts nach. Wenn man eine erfahrene Sopranistin wie Penelope von dem Stoff schwärmen hört, dann ist klar: Dieser Opernbesuch lohnt sich! Zudem ist „Die Vögel“ eine Entdeckung: Zwar wurden das Stück und sein Komponist früher frenetisch gefeiert, doch infolge des Verbots geriet beides zwischenzeitlich in Vergessenheit. Nun bietet sich die perfekte Chance, ein zentrales Werk von Walter Braunfels besser kennen zu lernen - und zu genießen.

  • DIE ZEITMASCHINE

    Wenn ein Museum seine Bestände digitalisiert, ist das eigentlich keine Meldung wert. Längst ist dieser Prozess Normalität geworden. Anders ist es jedoch, wenn das Stadtmuseum seine Bestände online stellt und mit diesem digitalen Gedächtnis Stadtgeschichte erlebbar macht. Schließlich geht es hier nicht um einige Kunstwerke, sondern um unsere städtische Identität. Spannend! Grüne Großstadt in Schwarz-Weiß: Im digitalen Archiv entdecken wir einige Gemeinsamkeiten und viele Unterschiede zwischen damals und heute. (Bild: Stadtmuseum Oldenburg) Oldenburg? Kennt man. Glaubt man zumindest. Doch wer sich nur das Hier und Jetzt anschaut, sieht höchstens die Spitze eines gigantischen Eisbergs der Geschichte. 917 Jahre ist es her, dass Oldenburg erstmals urkundlich erwähnt wurde. Seither sind über 330.000 Tage vergangen - und an jedem einzelnen von ihnen ist etwas Interessantes, Kurioses oder Wichtiges passiert. Was genau? Das kann man sich anlesen, indem man tagelang in dicken Wälzern schmökert oder alle entsprechenden Artikel auf Wikipedia querliest. Oder: Man klickt einfach mal auf die Seite des Stadtmuseums. Dort gibt es jetzt nämlich eine komfortable Datenbank mit digitaliserten Bildern und Werken aus dem Bestand. Nicht weniger als 3.000 sind es allein zum Start - und es werden fortlaufend mehr. Man kann munter drauflos stöbern oder gezielt suchen. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: es macht Spaß! Der Alltag als Attraktion Es gibt nicht etwa nur offizielle Urkunden und Dokument oder alter Ton- und Porzellanscherben zu bestaunen. Dabei würde sich auch unsere Begeisterung in Grenzen halten. Das Stadtmuseum bietet aber etwas anderes - nämlich die Geschichte des Alltags. Was im Augenblick des Geschehens belanglos wirkt, bekommt im Rückblick eine andere Bedeutung, denn es beantwortet die Frage: Wie haben die Menschen damals gelebt? Vielmehr ist es sogar so, dass gerade diese Momentaufnahmen viel mehr über frühere Zeiten aussagen als aufwändig inszenierte Aufnahmen. Damals ging's noch: Langlauf-Ski sieht man in Oldenburg heutzutage gar nicht mehr - im Jahr 1985 konnte man noch über die Ofener Straße gleiten. (Bild: Stadtmuseum Oldenburg / Paul Kreier) Letztlich sind es genau diese Einblicke in das normale gesellschaftliche Leben, das die User:innen am meisten interessiert. Der Abgleich zwischen Damals und Heute hat auch schon dem feinen Portal alt-oldenburg.de  zu stattlichen Nutzer:innenzahlen verholfen. Auch Ausstellungen zu diesem Themenbereich - wie etwa „ Zwischen Erinnerung und Inszenierung “ - laufen immer wieder erfolgreich. Zwar ist der Blick zurück auf Unwiderbringliches manchmal durchaus schmerzhaft. Das Zurückversetzen in vergangene Zeiten hilft aber immer dabei, das Verständnis für die Stadt und ihre Entwicklung zu steigern. Eine neue Museumskultur „Mit der Online-Sammlung machen wir einen großen Schritt zu einer weiteren Sammlungsöffnung, der uns mehr Austausch mit den Menschen in der Stadt ermöglicht“, freut sich Sammlungsleitu ng Franziska Boegehold-Gude über den Start. Die enge Einbindung der Bevölkerung ist für das Stadtmuseum Oldenburg längst entscheidend geworden. Immer wieder erhält das Team wertvollen Input oder Materialien von den Bürger:innen und kann seine Sammlung so noch näher an den Menschen orientieren. Voller Entdeckungen: Über dreitausend Werke warten darauf, von euch entdeckt zu werden. Manche von ihnen werden euren Blick auf Oldenburg verändern. (Bilder: Stadtmuseum Oldenburg) In diese Richtung zielt nun auch das Online-Archiv. „Unser Ziel ist eine für alle Bürgerinnen und Bürger frei und einfach zu erforschende Sammlung“, erklärt Museumsleiter Dr. Steffen Wiegmann . Aber das ist noch nicht alles: Man kann die Sammlung selber weiter aufwerten. Wer Fehler findet oder weitere Informationen zu einem Objekt hat, kann sich direkt ans Stadtmuseum wenden. Also: Macht mit ! Und wer selbst über größere fotografische Sammlung verfügt, kann sich ebenfalls dort melden. EWer weiß, vielleicht lagern die wertvollsten Bilder der Stadtgeschichte in euren Archiven? Zusätzlich zur komfortablen Suchfunktion wir es immer wieder kuratierte Sammlungen geben, zum Start im Januar unter dem Titel „ Oldenburg friert nicht “ eine jahreszeitlich passende Auswahl an Bildern, die frühere Oldenburger Winter zeigen. Jeden Monat werden dazu Postkarten mit Motiven aus der jeweiligen Sammlung erscheinen, die an verschiedenen Orten in der Stadt ausliegen. Also: Augen offen halten - und Stadtgeschichte sammeln. Amalie? Cäcilie? Wer im digitalen Archiv des Stadtmuseums unterwegs ist, lernt dabei auch, dass es zwei baugleiche Hubbrücken über den Küstenkanal gab. (Bild: Stadtmuseum Oldenburg) Blick zurück nach vorn Nicht zuletzt liegen die Antworten auf die Fragen der Gegenwart manchmal auch in der Vergangenheit. Natürlich stellen sich heute ganz andere Herausforderungen als in früheren Jahrhunderten. Über KI und Klimawandel hat damals niemand nachgedacht. Was das Gespür für Gestaltung und Ästhetik betrifft und was den Fokus auf die zwischenmenschlichen Bereiche des Lebens angeht, lohnt sich der Blick in die Geschichte aber immer. Zumal er einen besonderen Vorteil hat: Lässt man sich von der Lokalgeschichte inspirieren, importiert die entsprechenden Ideen nicht von sonstwoher, sondern aus der eigenen Vergangenheit. Authentischer kann es gar nicht sein. Man muss das Angebot des Stadtmuseums aber gar nicht inhaltlich überfrachten. Am wichtigsten ist der Spaß an der Sache. Wenn man sich langsam in den historischen Aufnahmen oder Artefakten verliert, und wenn man auf Bildern wie jenem ganz oben detektivisch die Unterschiede zur Gegenwart aufspürt, dann fühlt man sich tatsächlich wie in einer Zeitmaschine. Also steigt ein und macht euch auf eine Entdeckungsreise in die Oldenburger Geschichte. Und wenn ihr fertig seid, geht's zurück in die Zukunft!

  • ZAHLTAG: EIN MEILENSTEIN

    Es war im März 2022. Damals tippten wir die ersten Zeichen des ersten Beitrags, der je auf unserer Kulturschnack-Seite erschien. Das ihm 499 weitere folgen sollten? Und dass bis dahin nur etwas mehr als eintausend Tage vergehen würden? Daran haben wir keinen Gedanken verschwendet. Und dennoch ist es genau so gekommen. Ein Meilenstein: Unsere 500 Artikel ergeben insgesamt über 40 Stunden durchgehende Lesezeit. (Bild: Kuturschnack) Ziemlich genau drei Jahre sind sie nun her, die Anfänge des Kulturschnack. Genauer gesagt feiern wir am 17. März 2025 unseren dritten Geburtstag. Bis dahin existieren wir genau 1.095 Tage - und werden über 500 Artikel veröffentlicht haben. Wir hatten diese Zahlen ehrlich gesagt gar nicht auf dem Schirm. Unser Content Management System hat sie uns ungefragt angezeigt - und damit ziemlich überrascht. Unsere erste Reaktion war: Wow! Wahnsinn! Aber man darf ja durchaus die Frage stellen, ob das nun viel ist oder wenig. Und unsere klare Antwort lautet: beides! Einerseits ist es viel - weil an jedem zweiten Tag (inklusive den Wochenenden) tiefgründiger Content erschienen ist, der neben Informationen auch Background und Kontext bietet. Für den also Interviews und Recherchen nötig waren - und ein kleines bisschen Kreativität. 99,9 Prozent unserer Texte, Bilder, Layouts und Posts sind nämlich human-made. Andererseits ist es aber auch wenig - weil gleichzeitig vieles andere passiert ist, das wir nicht ausreichend würdigen konnten. Mit etwas mehr Zeit hätten wir in derselben Spanne auch tausend Artikel veröffentlichen können - an Anlässen und Inhalten hätte es nicht gemangelt. Menschen und Geschichten Natürlich würden wir uns wünschen, alle - wirklich: alle - Aspekte der Oldenburger Kulturlandschaft auf unserer Seite abzubilden. Also: Personen, Institutionen, Veranstaltungen, Ideen und Visionen. Und das bleibt auch unsere Mission! Wir müssen allerdings akzeptieren, dass es natürliche Grenzen gibt. Zwei Teilzeit-Stellen reichen schlicht nicht aus, die gesamte Vielfalt abzubilden. Und das ist doch etwas Schönes: Dass in Oldenburg viel zu viel passiert, um es mit überschaubarem Aufwand darzustellen. Und mit „darstellen“ meinen wir nicht nur die bloßen Hinweise auf Veranstaltungen. Wir meinen damit auch - bzw. vor allem - deren Entstehung, also die Menschen und Geschichten hinter dem Event. Das macht sie erst so richtig spannend und hilft uns dabei, sie besser verstehen und genießen zu können. Häufig brauchen wir gerade solche Informationen, um überhaupt zu erkennen, ob uns ein Format gefällt oder nicht. Nun ist unser Input aber nur eine Seite des Deals. Wir könnten so viele Artikel veröffentlichen, wie wir wollen - wenn sie keiner liest, nutzt das nichts. Aber: Das ist natürlich nicht der Fall. Unser CMS weist bis Februar 2025 nicht weniger als 55.242 Beitragsansichten aus. Und die Besucher:innen kommen nicht nur oft, sondern bleiben auch lang - durchschnittlich nämlich 15 Minuten und 28 Sekunden . Das reicht manchmal nur für einen Artikel, wenn Thorsten sich mal wieder gehen lässt und Interviews in epischer Breite veröffentlicht. In der Regel schafft man in dieser Zeit aber zwei bis drei. Nebenbei haben wir es bei Instagram inzwischen auf rund 3.000 Follwer:innen gebracht. Für eine derart spitze Zielgruppe, wie wir sie haben - nämlich Kulturinteressierte aus Oldenburg - ist das eine sehr ordentliche Abdeckung. Auch hier gilt natürlich: Mehr geht immer. Aber da man Meta immer skeptischer sehen muss, spielt der Zuwachs hier für uns eine untergeordnete Rolle - zumal der Traffic sowieso vor allem über Google zu uns kommt. Dank an die Kulturszene Gehen wir nochmal kurz zurück zum 17. März 2022. An jenem Dienstag haben wir den Kulturschnack im Kulturausschuss präsentiert und live online geschaltet - standesgemäß mit einer Panne! Auch danach blieben wir von kleineren und größeren Problemen nicht verschont. Dennoch dürfen wir heute einigermaßen zufrieden feststellen, dass der Schnack inzwischen felsenfest etabliert ist. Die wenigen Zweifler:innen, deren Stimmen man anfangs hier und da vernahm, sind jedenfalls sehr leise geworden. Dem gegenüber stehen zahlreiche dankbare Äußerungen unserer vielen Gesprächspartner:innen. Und wir danken an dieser Stelle zurück! Denn im Mittelpunkt stehen nicht wir, sondern die Oldenburger Kultur. Wir setzen die Szene in Szene - und das können wir nur, weil sie unglaublich viele spannende Veranstaltungen und Formate erdenkt und umsetzt. Für eine Stadt unserer Größe ist das der Wahnsinn. Fünfhundert Artikel in etwa tausend Tagen. Klar wäre mehr möglich gewesen, aber wir denken: Das kann sich sehen lassen. Wir sind jedenfalls stolz darauf, der Oldenburger Kultur an jedem zweiten Tag zu mehr Sichtbarkeit und mehr Verständnis verholfen zu haben. Für uns ist klar: So machen wir weiter! Zwar werden wir niemals das Ziel erreichen alles abzudecken - but we'll die trying!

  • NUR KI-NE ANGST

    Die künstliche Intelligenz ist das größte technologische Thema unserer Zeit. Mit ihr gehen viele Hoffnungen und noch mehr Ängste einher, eher kurz-als mittelfristig aber auch enorme gesellschaftliche Verwerfungen. Eine „Artificial General Intelligence“ (AGI) würde Millionen Arbeitsplätze kosten. Schön ist es deshalb, wenn wir uns vorerst noch mit harmlosen Spielereien beschäftigen dürfen - wie der Begegnung des zutiefst analogen Zeichengenies Horst Janssen mit den Möglichkeiten der KI. Was Janssen von KI gehalten hätte, wissen wir nicht. Was die KI von Janssen hält, allerdings schon. Was genau? Das erfahrt ihr jetzt im Horst-Janssen-Museum. (Bild: Horst-Janssen-Museum/Kulturschnack) Ausgerechnet Janssen! Man darf sich fragen, was der begnadete, häufig aber auch unberechenbar irrlichternde Künstler zum Thema KI wohl gedacht hätte. Wäre ihm die kalte digitale Effizienz zuwider gewesen? Oder die Tatsache, dass unabhängig vom Talent plötzlich jede:r Kunst schaffen könnte? Oder hätte er es geliebt, seine überbordende Kreativität auf Knopfdruck in Bilder verwandeln zu können? Wie wissen es nicht. Einiges spräche aber für ersteres. Effizienz gehört nämlich nicht zu den Dingen, die Janssen besonders faszinierend fand. Zwar arbeitete er selbst manisch und entwickelte dadurch eine enorme Produktivität. Es ging ihm dabei aber nie darum, ein Bild zu erschaffen, sondern vielmehr seine Gedankenwelt zu Papier zu bringen. So wie Janssen zeichnen? Könnte keine KI, ohne dass es einen wie ihn gegeben hat. Was die Begegnung umso spannender macht. HORST-JANSSEN-MUSEUM DIE NEUE DAUERAUSSTELLUNG: HORST JANSSEN NEU ENTDECKT UND KI-GECHECKT AB DEM 14. FEBRUAR 2025 HORST-JANSSEN-MUSEUM AM STADTMUSEUM 4-8 26122 OLDENBURG Genie und Wahnsinn Janssens Begegnung mit der künstlichen Intelligenz ist Teil der Dauerausstellung „Horst Janssen - neu entdeckt “. Dreimal pro Jahr werden die Werke dort ausgetauscht und inhaltlich neu ausgereichtet. Seit dem 14. Februar liegt der Schwerpunkt auf Selbstportraits - und eben jener KI-Station. Die Kombination ist einfach der größtmögliche Kontrast: Das Unikum Janssen, ein menschliches Kaleidoskop mit unzähligen Ecken und Kanten, vielleicht der Inbegriff der leidenden Künstlerseele, trifft auf eine digitale künstliche Intelligenz, die sich allein auf kalte Algorithmen beruft, die Kunst zu einer Wahrscheinlichkeitsrechnung degradiert. Hier prallen tatsächlich zwei Welten aufeinander. Aber mit welchem Ergebnis? In seinem Metier: Digitalkünstler Gordon Endt entwickelte für die Kunstschule eine begehbares Kunstversion von Oldenburg - nun ließ er eine KI Horst Janssens Werke analysieren. (Bild: Horst-Janssen-Museum) Ein durchaus Überraschendes, wie Digitalkünstler Gordon Endt festgestellt hat. Der ehemalige Stipendiat der Oldenburger Kunstschule und Absolvent der HBK Braunschweig hat gewissermaßen den Vermittler gespielt und Janssen auf ChatGPT treffen lassen. Er hat die KI insgesamt 31 Janssen-Werke analysieren lassen. Dabei hat er genaue Rahmenbedingungen vorgegeben: Die Analyse soll u.a. nicht länger als 50 Wörter sein und die KI soll beurteilen, wie ihr das Bild gefällt. Die Besucher:innen können nun Bildkarten auswählen und in den grauen Kasten der KI-Station hineinschieben. Daraufhin wird die Interpretation der KI angezeigt und vorgelesen. Ausstellungs-Kuratorin Dr. Jutta Moster-Hoos sieht Möglichkeiten und Grenzen: „Es ist wirklich spannend, was eine Künstliche Intelligenz in den Werken von Janssen nicht nur erkennt, sondern auch atmosphärisch beschreiben kann. Lachen musste ich angesichts der verwendeten Phrasen, die leicht als ‚Kunsthistoriker-Sprech‘ zu entlarven sind.“ Nur ein weiteres Tool? Über KI in der Kunst sprachen (vlnr) Prof. Dr. Tobias Vogt (Institut für Kunst und visuelle Kultur der Uni Oldenburg), Dr. Jutta Moster-Hoos (Leiterin des Horst-Janssen-Museums), Dr. Tim Cofala (Informatiker, der über KI im Medikamentendesign promoviert hat) und Dr. Anna Heinze (Direktorin des Landesmuseums Kunst & Kultur) bei den Kolleg:innen von Oeins. Aber vielleicht ist das Ergebnis doch nicht so überraschend. Man mag zur Person Horst Janssen stehen, wie man will; und es gibt ja guter Gründe, ihn als Mensch kritisch zu sehen. Seine Kunst ist aber einzigartig. Auch wenn wir jüngst erstaunliche Parallelen zum Schaffen des inzwischen leider verstorbenen David Lynch erleben durften, bleibt Janssens Oeuvre in seiner Gesamtheit eine Welt für sich. Und deren Eigenarten bzw. Qualitäten lassen sich durch die Interpretation einer künstlichen Intelligenz nochmal neu entdecken. Schließlich hängen die 31 Werke im Umfeld der KI-Station an der Wand. Man kann also die „Erkenntnisse“ des Algorithmus mit den eigenen abgleichen und sich von Überschneidungen und Abweichungen faszinieren oder irritieren lassen. Und das ist ein Gewinn! Ein kühnes Wagnis Im Teaser-Absatz ist das Wort Spielerei gefallen. Und tatsächlich sind die Ergebnisse der Begegnung zwischen Janssen und ChatGPT zwar spannend, doch bleiben sie anekdotisch, flüchtige Momente des Probierens und Staunens. Trotzdem bietet die kleine KI-Station einen neuen Zugang zu Janssens Kunst. Wer sich mit dem Zeichengenie bisher nicht anfreunden konnte, findet hier einen niedrigschwelligen Einstieg - der zudem an das größte technologische Thema unserer Zeit andockt. Pastellkreide statt Programmiercode: Horst Janssens Blick auf „Anette liegend unter einer Patchworkdecke“ ist echte Handarbeit. Was wohl die Ki dazu sagt? (Bild: Horst-Janssen-Museum/Kulturschnack) Sowieso lohnt es sich immer, Janssen neu zu entdecken, wenn die Werke der Dauerausstellung getauscht werden. Immer wieder gibt es neue Facetten des Kaleidoskops Janssen zu entdecken - und so ist es auch dieses Mal mit den Selbstportraits und weiteren Beispielen seines rastlosen Schaffens. Der Weg ins Horst-Janssen-Museum lohnt sich nun aber auch wegen der neuen „Spielerei“. Es bleibt zwar ein kühnes Wagnis, ausgerechnet Janssen mit einer KI zusammenzubringen. Aber vielleicht ist es gerade der große Kontrast, der uns neugierig macht. Probiert es einfach mal aus. Nur KI-ne Angst!

  • ART MEETS SCIENCE

    Es gibt einen Mythos über unser Denken: In der rechten Gehirnhälfte passieren die kreativen Dinge, in der linken die vernünftigen. In Wahrheit aber gibt es keine starren Grenzen. Erst durch das Zusammenwirken beider Bereiche erzielen wir die besten Ergebnisse. Das weiß niemand besser als Dr. Geraint Rhys Whittaker. Der Artist-Researcher am Helmholtz Institut verbindet Wissenschaft und Kunst. Wer er ist? Und was das bringt? Das lest ihr hier. Bunter Vogel: Die bisherigen Projekte des walisischen Artist-Researchers Geraint Rhys Whittaker stießen zum Teil auf weltweite Resonanz. (Bild: Kulturschnack) Wissenschaft ist eine komplizierte Angelegenheit. Sie steht für Forschung, Experimente, Studien, Labore. Für die meisten Außenstehenden ist sie das berühmte Buch mit sieben Siegeln. Aber muss das so sein? Zwar wird man hyperkomplexe Sachverhalte nicht immer verständlich erklären können. Es gibt aber Wege, auch diejenigen für ein Thema zu begeistern, die nicht im entsprechenden Bereich promoviert haben. Einer dieser Wege ist die Kunst. Sie appelliert an andere Sinne als Forschungsergebnisse und Fachwissen. Über Ästhetik und Emotionen eröffnen sich neue Zugänge zur jeweiligen Materie. Das macht die Kunst zu einer feinfühligen Übersetzerin der Wissenschaft. Aber da ist noch mehr, wie Geraint Rhys Whittaker berichtet. Der gebürtige Waliser hat uns erzählt, wie Kunst beim Wissenstransfer hilft - und wie sie auch in eine ganz andere Richtung wirken kann. Ausgerechnet Oldenburg! Nein, vorherbestimmt war der Weg von Geraint Rhys Whittaker nicht unbedingt. „Oldenburg? Ich hatte nie davon gehört. Ich musste auf der Karte erstmal schauen wo das überhaupt ist“, erinnert er sich an jenen Moment im Jahr 2021, als ihm dieser Name erstmals begegnete. Mit Deutschland verband ihn bis dahin: gar nichts. Guter Sound: Geraint verstand sich viele Jahre in erster Linie als Musiker. Das ist er heute immer noch - aber mit einem neuen Twist. Mehr als zehn Jahre hatte er sich in erster Linie als Künstler verstanden, vor allem als Musiker. Geraint sang und spielte in verschiedenen Bands, drehte aber auch Kurzfilme und kreierte Sound-Installationen. „Wirtschaftlich betrachtet ist das allerdings nicht der einfachste Weg“, schmunzelt das Multitalent. „Deswegen habe ich parallel auch eine akademische Laufbahn eingeschlagen.“ Und die Mischung aus beidem sollte ihn schließlich nach Oldenburg führen. In Liverpool und Edinburgh studierte Geraint Sozialwissenschaften, im heimischen Cardiff machte er schließlich seinen PhD. Dennoch war die Künstlerseele zunehmend gelangweilt vom akademischen Betrieb und suchte nach neuen Betätigungsmöglichkeiten. Die Lösung nahte eines Tages in Form eines Anrufs. Am anderen Ende der Leitung: Kimberley Peters . Die renommierte Humangeografin war auf der Suche nach jemandem, der Forschung mit künstlerischen Ansätzen verbinden kann - und erinnerte sich an Geraints besonderes Profil. Genau wie er hatte sie einst in Cardiff studiert, ihr aktueller Arbeitsort lag jedoch nicht mehr im UK - sondern in Oldenburg, am Helmholtz Institut für Funktionelle Marine Biodiversität (kurz: HIFMB). Kann sich sehen lassen: Im August 2024 hat das HIFMB ein eigenes Gebäude im Technologiepark Wechloy bezogen. (Bild: HIFMB) Artist? Researcher? Beides! Der Anruf hatte eine Vorgeschichte. Das 2017 gegründete HIFMB verfügt über ein Führungsteam , das Tellerränder als Aufforderung versteht, über sie hinauszudenken. Als die Vereinten Nationen die Phase zwischen 2021 und 2030 zur „ Ozeandekade “ erklärten, um das Verständnis für die Weltmeere zu fördern, wurde das HIFMB zum offiziellen Netzwerkpartner und machte die Kunst zu einem zentralen Instrument. Seither gibt es dort nicht nur „ Artist in residence “-Fellowships, sondern auch eine Stelle für einen Artist-Researcher. Und als es darum ging, sie adäquat zu besetzen, klingelte in Wales ein Telefon. Sofort zugesagt hat Geraint damals allerdings nicht. „Ich hab eine Weile darüber nachgedacht. Es war einfach ein großer Schritt.“ Vor allem der Tausch der walisischen Steilküsten und Sandstrände gegen das norddeutsche Wattenmeer fiel ihm nicht leicht. Im April 2022 wagte er das Abenteuer schließlich doch - und wuchs in den folgenden Jahren in eine Rolle hinein, die er selbst erst definieren musste. „Konkrete Vorgaben gab es nicht“, erinnert sich der Waliser. „Das ist Fluch und Segen zugleich. Man hat alle Möglichkeiten, kann sich aber an nichts orientieren.“ Erstmal den richtigen Weg zu finden sei deutlich schwieriger gewesen, als schließlich die künstlerische Arbeit. Man on a Mission: Geraint ist überzeugt davon, dass Kunst einen positiven Einfluss auf die Forschung und auf das Verständnis von Wissenschaft hat. (Bild: HIFMB) Kunst trifft Forschung Nur eines war von Anfang klar: Es ging nicht darum, Kunst zu schaffen, die wissenschaftliche Themen einfach nur abbildet. „Es gib zwei Ebenen. Am Anfang steht die Zusammenarbeit zwischen mir und den jeweiligen Wissenschaftler:innen“, erklärt Geraint. „Dabei schauen wir jeweils aus unserer eigenen Perspektive auf den Prozess und stellen die Frage: Was können wir beitragen? Was können wir erreichen, indem wir unser Wissen zusammenbringen?“ Immer wieder stelle man dabei fest, dass Kunst und Wissenschaft sich ähnlicher seien, als man denkt. Mit seiner Arbeit hat Geraint also durchaus Einfluss auf die Forschungsarbeit - und löst manchmal sogar den berühmten Knoten im Kopf. „Es ist ein reziprokes, kollaboratives Verhältnis: Jeder beeinflusst den anderen, beide haben etwas davon.“ Und die andere Ebene? „Die beschäftigt sich mit dem Wissenstransfer. Also mit der Frage: Wie mache ich das, woran wir im HIFMB forschen, für die Allgemeinheit verständlich?“ Dabei gehe es aber nicht darum, die komplexe Materie in möglichst einfach Worte zu fassen. Es gehe um eine emotionale Wirkung: „Emotionen sind entscheidend für Engagement“, weiß Geraint. Und das sei wichtig, weil die Entwicklungen in den Ozeanen von allgemeiner Bedeutung seien. Dass die Kunst dabei zu einem reinen Kommunikations-Kanal verkommen könnte, glaubt Geraint nicht: „Kunst und Wissenschaft arbeiten gleichberechtigt an den Projekten. Dadurch entstehen neue Gedanken und Ansätze, keine bloße Abbildung von Forschungsständen.“ Alles still? Nein, am Polarkreis gibt es viele verschiedene Geräusche und Klänge - wie das Projekt „Polar Sounds“ zeigte. (Bild: AWI | Stefan Hendricks) Weltruhm für die „Polar Sounds“ Das erste Projekt fiel allerdings leichter als gedacht. „Ich habe damals mit Dr. Ilse van Opzeeland zusammengearbeitet. Sie ist Bioakustikerin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und sammelt Klänge aus der Arktis und Antarktis“, berichtet Geraint. Der Schall ist derjenige Sinneseindruck, der sich unter Wasser am weitesten ausbreitet. Die Forschenden setzen ihn ein, um die Artenvielfalt in den Polarmeeren besser zu verstehen. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir diese fremden Klänge mit der Welt teilen?“, erinnert sich Geraint - und fand die Antwort selbst. Unter dem Titel „ Polar Sounds: Remixing The Sounds Of The Arctic And Antarctic Seas “ stellte der Waliser fünfzig dieser polaren Klänge - von Eisbergen, Walen, Strömungen - Klangkunstschaffenden auf der ganzen Welt zur Verfügung, um sie neu zu interpretieren. Die Resonanz war enorm: Über 300 Bewerbungen aus 45 Ländern erreichten das HIFMB, 104 Werke wurden schließlich veröffentlicht - mit durchschlagendem Erfolg. „Es gab wahnsinnig viele Reaktionen darauf. Die britische BBC hat darüber berichtet, CBC aus Kanada, das französische Fernsehen war da, und und und“, erinnert sich Geraint. Besonders gefreut habe ihn, dass er in CBBC-Newsround gefeatured wurde, einem Nachrichtenformat für Kinder. „Ich konnte es nicht fassen. Ich hab die Show früher jeden Tag geschaut - und jetzt war ich plötzlich Teil davon!“ Über die große Resonanz freut sich auch seine Projektpartnerin Ilse van Opzeeland. „Wir müssen die größten Anstrengungen unternehmen, um die gefährdeten Lebensräume unseres Planeten zu schützen, zu erhalten und wiederherzustellen“, weiß die Wissenschaftlerin. „Das Zusammenwirken von Kunst und Wissenschaft kann dabei helfen, indem es dafür ein Bewusstsein und Aufmerksamkeit schafft.“ Im „Core“ die Gemeinschaft spüren Ein anderes Projekt schlug global betrachtet zwar keine Wellen, war aber in Oldenburg sehr erfolgreich: die „ Ocean Science Jams “. Geraint erläutert das Prinzip: „Es ist ein echter Jam-Abend. Wissenschaftler:innen präsentieren ihre Arbeiten als Slide oder Film auf einem Bildschirm und geben damit einen Impuls. Zu den Bildern oder Filmen machen die einen dann Musik, die anderen malen Bilder auf bereitgestellten Staffeleien.“ Erlaubt seien aber auch andere Arten des Ausdrucks, alle Formen der Reaktion seien erwünscht. Zu den bisher drei kostenfreien Veranstaltungen seien über dreihundert Gäste gekommen. Und auch für die Beteiligten waren die Jams ein Gewinn: „Ich wusste nicht genau, was ich erwarten sollte“, erinnert sich Mikrobiologe Dr. Florian Trigodet an seinen Auftritt. „Aber als es losging, war für mich sofort klar: Ich will mehr davon! Ich will meine Arbeit zeigen, die Reaktionen sehen, die Gemeinschaft spüren.“ Die Qualitäten und Potenziale des Formats erkannte man auch bei der Falling Walls Foundation in Berlin, die das Projekt beim Summit im November 2024 im Bereich „Science Engagemernt“ auszeichnete . Gute Stimmung: Beim „Ocean Science Jam“ im Core werden beide Gehirnhälften getriggert. (Bild: HIFMB) Ein Erlebnis bei einem der Jams zeige aber auch eine grundsätzliche Gefahr, berichtet Geraint: „Auf der Leinwand waren sehr ästhetische Bilder zu sehen und wir haben dazu einen leichten, fröhlichen Part gespielt“, erinnert sich Geraint. Damit hätten die Musiker allerdings falsch gelegen. „Tatsächlich ging es bei den Bildern um eine negative Entwicklung. Der Eindruck hat getäuscht.“ Immerhin zeige dieses Beispiel, dass es häufig gar nicht so einfach sei, Daten aus der Wissenschaft zu interpretieren - und wie nötig es deshalb ist, für mehr Verständnis zu sorgen. Abtauchen zum Unterwasser-Kino Dieses Ziel verfolgte auch „ Submersive Atmospheres: The Underwater-Cinema “, das im Dezember 2024 im Raum auf Zeit in der Achternstraße 22 vierzehn Tage lang zu sehen war. Als bewusster Kontast zur trubeligen Vorweihnachtszeit und den persönlichen Jahresendrallyes der Konsument:innen bot das kleine Kino eine ruhige, tatsächlich besinnliche Atmosphäre - aber auch die Begegnung mit einem wichtigen Thema. Acht Wissenschaftler:innen des HIFMB hatten über drei Monate mit acht internationalen Künstler:innen zusammengearbeitet, um ihre Forschungsthemen in audiovisuelle Stücke bzw. Filme zu verwandeln. Die Ergebnisse dieser Kollaborationen waren trotz des gemeinsamen Meeres-Kontextes höchst unterschiedlich: mal einfach zugänglich, mal schwerer zu dechiffrieren, gelegentlich geradezu philosophisch. Aber auch hier setzte sich Geraints roter Faden fort: Über die Kunst bekamen die Besucher:innen andere Zugänge zur Materie als es über sachliche Informationen möglich gewesen wäre. Tief eintauchen: Im Unterwasser-Kino konnte man seine Gedanken treiben lassen. (Bild: Kulturschnack) Aber was ist, wenn einzelne Besucher:innen die Botschaft nicht verstehen? Ist das ein Problem? „Das könnte man so sehen, aber ich tue das nicht“, antwortet Geraint. Es sei zwar schwierig, den langfristigen Effekt der Projekte zu bemessen. Man wisse einfach nicht, ob die Besucher:innen im Anschluss ihr Verhalten ändern. So könne ein kleines Mädchen zunächst unbeeindruckt wirken, zehn Jahre später aber trotzdem Meereswissenschaften studieren. „Für mich geht es in erster Linie darum, die Möglichkeit und einen Anlass zur Auseinandersetzung zu bieten. Was die Leute daraus machen, ist dann von Fall zu Fall unterschiedlich - und das ist okay!“ Kokreativ - oder kongenial? Diese sehr unterschiedlichen Beispiele zeigen gut, wie Geraint arbeitet. Seine Ideen trägt er an die Wissenschaftler:innen von HIFMB oder AWI heran und entwickelt sie gemeinsam mit ihnen weiter. „Das Prinzip lautet dabei: Der Weg ergibt sich beim Gehen“, erklärt der Künstler. Das bedeutet: Alle Beteiligten begeben sich in einen offenen Prozess und lassen sich selbst vom Ergebnis überraschen. Der bisherige Erfolg belegt das Potenzial dieser Vorgehensweise - die zwar Fluch und Segen zugleich sein mag, die aber vor allem Basis für beeindruckende Ergebnisse ist. „Alle Forscher:innen, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe, hatten am Ende etwas davon“, weiß Geraint. „Manchmal sogar elementare Dinge wie mehr Freude am Job.“ Was einer der Gründe dafür sein könnte, dass der Künstler niemanden zur Zusammenarbeit überreden muss. Die Aufgeschlossenheit des Direktoriums zieht sich inzwischen durch weite Teile des HIFMB. Geraint hält das für überaus sinnvoll: „Ich glaube, das künstlerische Einflüsse auf Unternehmen und Organisationen eigene Werte und Wissen schaffen, weil sie neue Blickwinkel und neue Herangehensweise fördern.“ WO IST DER UNTERSCHIED? DIE ARTISTS IN RESIDENCE DES HIFMB Neben der Position des Artist-Researchers hat das Helmholtz Institut für Funktionelle Marine Biodiversität zusammen mit dem Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) das „ Artwaves “-Programm ins Leben gerufen, das ein jährliches Stipendium anbietet. „Whale and Worm“ by Mita Mahato Die Kunstprojekte im Rahmen dieses Programms sollen Aspekte des Wandels der marinen Biodiversität aufgreifen und das öffentliche Verständnis fördern. Hauptziele sind die Entwicklung neuer Formate für den Transfer von Wissenschaft in gesellschaftliche und/oder politische Debatten und der Aufbau neuer Netzwerke zur Förderung der Sichtbarkeit der Forschung über die biologische Vielfalt der Meere. Zu den Aufgaben der Artists in Residence gehören unter anderem die Erstellung eines Kunstwerks, die Überlassung einer Arbeitsprobe, die Planung einer Ausstellung oder Aufführung des Werks, die Zusammenarbeit vorzugsweise mit Nachwuchs-Wissenschaftler:innen und die Einbeziehung der Öffentlichkeit. Bisher gab es zwei Stipendiatinnen: Die US-Amerikanerin Mita Mahato entwickelte während ihres Aufenthalts im Jahre 2023 ein Projekt über den Walfall weiter. Es besteht aus neun Seiten visueller Poesie, die dem Phänomen des Walfalls auf den Grund gehen und zum Nachdenken über die verstrickten Beziehungen zwischen dem Leben im Meer und an Land anregen. Die Spanierin Anna Pasco arbeitete im Jahr 2024 an mehreren Projekten, etwa an „Permeable Boundaries“, einer Installation an der Schnittstelle des menschlichen Verdauungssystems und Sedimenten sowie den darin lebenden Organismen. Das dritte Stipendium beginnt Anfang 2025, die Ausschreibung für das vierte startet im Sommer 2025. Das ungewöhnliche Skillset Es bleibt allerdings nicht bei Kunst. Geraint nennt sich nicht umsonst Artist- Researcher . Gemeinsam mit der progressiv orientierten Führung des HIFMB will er herausfinden, was die Einbindung von Kunst in die Wissenschaft tatsächlich leisten kann. Deshalb führte er etwa mit den beteiligten Musiker:innen an den „ Polar Sounds “ qualitative Interviews und wertet auch seine anderen Aktivitäten wissenschaftlich aus. Einmal mehr zeigt sich, wie wertvoll das ungewöhnliche Skillset des Walisers ist. „ Kunst-Wissenschaft-Kollaborationen sind nichts Neues, es gibt sie seit Jahrzehnten“, ordnet Geraint ein. „Unsere wissenschaftliche Auswertung der Effekte ist aber durchaus innovativ.“ Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse können in der Zukunft dafür sorgen, dass der Stellenwert von Artist-Researchers weiter zunehmen wird - und dass sie es etwas leichter haben als Geraint selbst. „Als ich anfing, gab es praktisch nichts: keine Ressourcen, keine Netzwerke. Das war schwierig“, wird der Künstler kurz nachdenklich. Außerdem sei es schwierig gewesen, anderen seine Tätigkeit zu beschreiben, weil es in Oldenburg nichts Vergleichbares gab. Doch das Lächeln kehrt schnell in Geraints Gesicht zurück: „Die künstlerische Arbeit hat dafür von Anfang an Spaß gemacht!" Und vielleicht ist es gerade das, was sie so erfolgreich werden ließ. In nur zweieinhalb Jahren erreichte Geraint, wovon andere ein Leben lang träumen: ausverkaufte Säle, weltweite Presseresonanz. erfolgreiche Preisverleihungen. Und damit auch: Viel Aufmerksamkeit für unserer Ozeane. Geraint Rhys-Whittaker ist mit Leib und Seele Musiker. Als es darum ging, seine Ocean Science Jams bei der Falling Walls Foundation innerhalb von fünf Minuten zu beschreiben, griff er nicht zum Flipchart - sondern zur Gitarre. Gehirnhälften im Zusammenspiel Es ist schwer zu sagen, welche Gehirnhälfte Geraint Rhys Whittaker häufiger nutzt. Beide dürften gut in Form sein, da seine Tätigkeit als Artist-Researcher Kreativität genauso verlangt wie Rationalität - vor allem aber die Kombination aus beidem. „Ich bin wirklich froh, diese Chance bekommen zu haben“, freut sich Geraint darüber, dass er den Umzug nach Oldenburg schließlich doch gewagt hat. Zwar werde nicht immer alles so gut funktionieren wie seine bisherigen Projekte. Aber: „Ich genieße es, all diese interessanten Dinge auszuprobieren - und versuche dann einfach etwas Neues!“ Im Detail bleibt Wissenschaft zwar eine komplizierte Angelegenheit. Und es braucht weiterhin Expert:innen, die sich in den Themen besser auskennen als alle anderen. Doch das HIFMB und Geraint Rhys Whittaker beweisen, dass es durchaus Wege gibt, Interesse und Begeisterung für die Forschung zu wecken. Dafür sind die Mittel zur Kunst ideal, denn sie erlaubt Emotionen - und die wiederum sind der Ursprung für vieles weitere, das wünschenswert oder sogar nötig ist. Deshalb zögert nicht und seid dabei, wenn es wieder heißt: Art meets Science.

  • MEHR ALS CLAIM UND CAPTION

    Worte könnten stark wirken, wenn sie heruntergebrochen sind auf das Allernötigste. In Schlagzeilen und Slogans werden sie zu kurzen Knalleffekten. Es gibt aber auch eine ganz andere Wirkung: tiefergehend, bewegender und nachhaltiger. Das literarische Schreiben verlangt ganz andere, komplexere Skills als eine knackige Headline. Genau diese vermittelte die saudiarabisch-deutsch Autorin Rasha Khayat in der Schreibwerkstatt des Literaturhauses. Die Ergebnisse? Könnt ihr jetzt live auf der Bühne erleben! Was denn nur, wie denn nur? Literarisches Schreiben ist verlangt etwas mehr als eine Social Media Caption. (Bild: Shutterstock) Schreiben kann jeder. Denken viele. Das stimmt aber nur, wenn man das Schreiben als Mittel zum Zweck versteht, das allein dazu dient, Informationen zu transportieren. Und selbst dann darf man bezweifeln, dass alle gleichermaßen in der Lage sind, sich verständlich auszudrücken. Aber wenn es um Schreiben im literarischen Sinne geht, das die Leser:innen mit auf eine Reise nimmt und sie später vielfach bereichert wieder in den Alltag entlässt, dann muss man eindeutig feststellen: Nein, schreiben kann nicht jeder. Zumindest nicht so. Aber hier kommt die gute Nachricht: Man kann es lernen! Zwar ist es immer auch eine Frage des Talents, des Gespürs und der Empathie. Diese Grundlagen sollte man idealerweise mitbringen. Dann kommt der nächste Schritt: Nämlich den ganzen Gedanken, Geschichten und Gefühle und den vielen Worten einen Rahmen zu geben, Struktur zu verleihen, und sie so für andere nachvollziehbar zu machen. Genau das passierte in der „ Schreibgeschützt “-Werkstatt, die das Literaturhaus Oldenburg im Juni und September 2025 in Kooperation mit der VGH Stiftung realisiert hat. Die jungen Teilnehmenden lernten dort, ihr Talent und ihre Geschichten in Bahnen zu lenken. Nun präsentieren drei von ihnen ihre Werke auf der Bühne. Vorhang auf! POETINNEN VON MORGEN MIT RAHSA KHAYAT, RIEKE GELDMACHER, KAJA GELDMACHER UND CAROLIN LEWEDAG MONTAG, 9. FEBRUAR, 19:30 UHR WILHELM13 LEO-TREPP-STRAßE 13 26121 OLDENBURG Eine Handvoll Genies Wie vermittelt man die Kunst, gute Geschichten zu verfassen? Sicher nicht mit einem schlanken YouTube-Tutorial. Dafür braucht es viel Know-how über erfolgreiches literarisches Schreiben, Gespür für die individuellen Bedürfnisse und ausreichend Zeit, die die wichtigsten Kenntnisse und Fähigkeiten zur vermitteln. So schön es auch wäre: diese Dinge lassen sich nicht in kurze Reels portionieren und nebenbei konsumieren. Wer das Schreiben wirklich lernen - bzw. sich darin substanziell verbessern - will, dann braucht etwas anderes. Nämlich: professionalle Anleitung und Unterstützung. Garten Eden? Ganz so utopisch fühlte sich die Schreibwerkstatt vielleicht nicht an, die drei Teilnehmerinnen Rieke Geldmacher, Kaja Geldmacher und Carolin Lewedag haben davon profitiert. (Bild: Literaturhaus Oldenburg) In der Geschichte der Literatur gab es zwar immer wieder absolute Genies , die wahre Meisterwerke veröffentlicht haben, ohne jemals über Aufbau und Struktur nachzudenken. Das sind aber nur einen Handvoll - unter Millionen, die es versucht haben. Wir zweifeln nicht daran, dass es solche Genies in Oldenburg .eben könnte. Wer auf Nummer Sicher gehen möchte, sollte aber etwas Lerneifer mitbringen. Denn selbst unter den bekanntesten Autor:innen gibt es viel mehr akribische Arbeiter:innen als manische Chaoten. Es geht dabei aber nicht darum, Fantasie oder Imagination einzugrenzen. Vielmehr geht es darum, sie in Bahnen zu lenken, die sie attraktiv für andere macht. Das ist der Clou: In vielen jungen Menschen mit Affinität zum Schreiben steckt Talent. Es nützt ihnen aber nur, wenn sie es zähmen und steuern. Dazu gehören eben auch Disziplin, Ausdauer und: Übung, Übung, Übung. Was hier jetzt klingt wie ein Arbeitslager für Literaturproduzenten, fühlt sich in Wirklichkeit zum Glück ganz anders an: Die Arbeit an sich selbst, der Austausch mit anderen und die professionelle Anleitung durch eine erfolgreiche Autorin schaffen eine stimulierende, inspirierende Atmosphäre. Stammgast: Rasha Khayat stellt im September 2024 ihr Buch „Ich komme nicht zurück“ vor, im Juni und September leitete sie die Schreibwerkstatt, nun liest sie aus ihrem aktuellen Manuskript. (Bild: Anika Büsselmeier)) Verzweiflung, Hoffnung, Kraft In der Schreibwerkstatt mit Rasha Khayat wurde nicht bloße Theorie gelehrt, die acht Teilnehmenden machten aktiv mit, führten Schreibübungen durch und entwickelten ihre eigenen Schreibprojekte weiter. Zusammen mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter wurden im geschützten Raum eigene und fremde Prosatexte diskutiert, kritisiert, gelobt, vorangebracht. Rasha Khayat vermittelte Formen und Techniken des Schreibens, sie gab Einblicke in Schreibprozesse und den Literaturbetrieb, und sie widmete sich jedem und jeder Einzelnen die gebührende Aufmerksamkeit. Viel wert legte sie dabei auch auf kreative Akzente, die übliche Denkmuster durchbrechen und zu ungeahnten Ergebnissen führen. Mit Rieke und Kaja Geldmacher sowie Carolin Lewedag stellen nun drei der acht Teilnehmer:innen die Texte auf der Bühne vor, an denen sie in der Werkstatt gearbeitet haben - ein mutiger Schritt für die gerade einmal 16- bis 18-Jährigen. Zu hören gibt es dystopische Geschichten und Texte über Verzweiflung, Hoffnung und die Kraft von Freundschaft. DIE GESCHICHTE UND IHR SOUND „Schreibgeschützt“ wurde im Sommer und Herbst 2025 von Rasha Khayat geleitet. Anlässlich einer früheren Werkstatt im Herbst 2022 haben wir mit der damaligen Leiterin Sabrina Janesch ein kurzes Interview geführt. Ihre Aussagen behalten für das Format aber Gültigkeit und geben einen guten Einblick in die Inhalte und Abläufe des Formats. Teilt ihr Wissen: Autorin Sabrina Janesch (Bild: Milena Schlösser) Sabrina, auf dieser Seite begegnet uns häufig der Ausdruck „literarisches Schreiben“. Was hat es damit eigentlich auf sich? Inwiefern unterscheidet es sich von einem Werbe- oder Pressetext?   Literarisches Schreiben meint das Verfassen von literarischen Werken, zum Beispiel Romane oder Kurzgeschichten. Gemeinsam ist allerdings jeglichen Texten: Damit sie die gewünschte Wirkung erzielen, müssen sie gut gemacht sein. Und wie das gelingt, wollen wir in der Schreibwerkstatt gemeinsam untersuchen. Wenn ich kein besonderes Talent dafür habe, kann ich es trotzdem lernen?   Zum Lernen und zum Wachsen gehören, wie in jedem anderen Bereich auch, Disziplin, Zeit, Austausch, Anschauung und, das wichtigste: Übung, Übung, Übung. Sicherlich spielt auch Talent eine Rolle; vor allem aber sind Ausdauer gefragt, und Sitzfleisch. Und in diesem Sinne stelle ich mal folgende steile These auf: Wer sich längere Zeit mit der Weiterentwicklung des eigenen Schreibens beschäftigt, dem wohnt auch ein Funken inne.   Das klingt plausibel! Aber wie erkenne ich denn, ob ich Talent habe? Und ob das, was ich aufschreibe, für andere tatsächlich lesenswert ist?   Ich würde vorschlagen: Gehen wir doch davon aus, dass jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hat, etwas Wesentliches und Substanzielles. Davon bin ich persönlich überzeugt. Die weitaus wichtigere Frage als die nach dem Talent ist meiner Meinung nach jene hier: Bin ich bereit, Stunden, Tage, Monate meines Lebens darauf zu verwenden, diese Geschichte und ihren „Sound“ zu entwickeln? Bevor ein Agent, ein Lektor, ein Verleger an eine Geschichte glaubt, muss man es selber tun. Und bei der Suche nach dem Glauben an sich selbst könnte eine Schreibwerkstatt helfen? Was passiert denn da genau?   In einer Schreibwerkstatt gibt es meistens mehrere Schwerpunkte: Anhand von eigenen und Fremdbeispielen wird untersucht, wie Texte funktionieren, wie sie aufgebaut wurden, wie sie „ticken“. Dann gibt es zumeist angeleitete Übungen, um das zuvor Analysierte selbst auszuprobieren und anzuwenden. Es werden außerdem wichtige Einblicke und Tipps vermittelt, was der Literaturbetrieb eigentlich ist, welche Player es gibt und wie man sich als Schreibender orientiert. Die wichtigste Komponente ist sicherlich die, dass mit jedem Teilnehmenden auf seine Themen, seine Interessen geschaut wird, und diese, je nach Wunsch natürlich, besprochen und weiterentwickelt werden. Und wenn ich sie erfolgreich absolviert habe? Reißen sich dann die Verlage um mich und ich werde berühmt?   Warum nicht - who knows? Mal im Ernst: So eine Schreibwerkstatt ist ein Anstoß, eine Art Wegweiser hinein in die Mechanismen des Schreibens (und des Literaturbetriebs). Es liegt bei jedem selbst, was er für sich mitnehmen möchte. Schreiben bedeutet viel Arbeit, viel Investition - mental, energetisch, auch finanziell. Wer allerdings eine gute Geschichte formen kann, einen guten Ton für sie finden und an ihr arbeitet, arbeitet, arbeitet - der wird auch seinen Weg gehen. Eines hat sich seit tausenden von Jahren nicht verändert: Die Leute wollen was erzählt bekommen. Packen wir’s an! Sabrina Janesch  wurde 1985 in Gifhorn geboren und lebt heute in Münster. Sie studierte Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und Polonistik in Krakau. 2010 erschien ihr Romandebüt „Katzenberge“, das unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis  und dem Anna-Seghers-Preis  ausgezeichnet wurde. Sie war Stipendiatin des Ledig House in New York, Stadtschreiberin von Danzig und Stipendiatin für das BLogbuch OLdenburg. Zu ihrem letzten, vierten Roman „Die goldene Stadt“ (2017), der zum Bestseller wurde, schrieb Sten Nadolny: „Makellos geschrieben, fesselnde Figuren, Reichtum, wohin man sieht – plastisch, farbig und unvergesslich.“ Neues für Jüngere Mit der Schreibwerkstatt für junge Nachwuchsautor:innen setzt das Literaturhaus einen wichtigen Akzent: Es nimmt verstärkt auch jüngere Zielgruppen in den Blick. Zu einer erfolgreichen Vermittlungsarbeit gehören eben nicht nur Lesungen mit hochkarätigen Autor:innen. Dafür ist das Literaturhaus weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und erfreut sich einer großen Beliebtheit. Allerdings nimmt die Nachfrage nach den Veranstaltungen mit steigenden Geburtsjahren deutlich ab. Deshalb soll es in Zukunft zusätzliche Angebote für jüngere Menschen geben, die andere Akzente setzen und eine andere Sprache sprechen. Kreativer Umgang mit Wörtern: Die Cut-Up-Texte waren einer der Methoden, die in der Schreibwerkstatt angewandt wurden. (Bilder: Literaturhaus Oldenburg) Obwohl eine weitere Finanzierung angesichts der Kassenlange in den öffentlichen Haushalten derzeit ungewiss ist, stellt die Schreibwerkstatt ein Beispiel für diesen Ansatz dar. Es geht nicht um die passive Konsument:innenperspektive, es geht um das Ausloten und Nutzen der eigenen literarischen Potenziale. Und wer weiß? Vielleicht ist „Poetinnen von morgen“ für die drei Jungautor:innen nur der erste Schritt und sie kehren in Zukunft mit ihrem ersten eigenen Buch auf das Podium zurück? Garantien gibt es nicht, aber durch die „Schreibgeschützt“-Werkstatt ist dieses Szenario sicher nicht unwahrscheinlicher geworden. Tun, was man immer wollte Die Schreibwerkstatt des Literaturhauses ist eine fantastische Gelegenheit, etwas zu tun, was man schon immer wollte: Nämlich zu tun, was man schon immer wollte (sic!). Schreiben ist die Leidenschaft von vielen, aber es ist ein Talent, das schwer zu greifen ist. Wie gut bin ich denn eigentlich? Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Aber die Werkstatt hilft bei der Orientierung - und sie korrigiert gleichzeitig, woran es noch hapert. Wer ernsthaft schrieben möchte, darf diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Denn eines ist klar: Schreiben ist mehr als Claim and Caption. Wer nicht nur kurze Knalleffekte möchte, ist hier genau richtig! Wer mehr über das Literaturhaus und dessen Arbeit erfahren möchte, muss nicht lange googeln. Wir haben viele wichtige Fragen schon gestellt - in Folge 05 unseres Podcasts! Für das Publikum ist „Poetinnen von morgen“ eine überaus spannende Gelegnheit, in die literarische Zukunft und in die Köpfe junger Menschen zu schauen. Was bewegt sie? Welche Überzeugungen haben sie ? Wie ist ihre Stimmung? Welche Gedanken formen sie? Im Rahmen der Lesung wird es keine allgemeingültige Antworten geben, aber immerhin eine Annäherung. Viel wichtiger aber: Es werden starke Geschichten von jungen Oldenburger Schreibtalenten zu hören sein - bestmöglich aufbereitet mit dem Know-how aus der „Schreibgeschützt“-Werkstatt.

  • IM WANDEL LIEGT DIE KRAFT

    Das Landesmuseum Natur & Mensch schließt sein Naturalienkabinett. Ein Rückzug? Ein schwerwiegender Verlust? Für manche mag es sich so anfühlen. Doch vielmehr verbirgt sich dahinter der bewusste Schritt eines Museums, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen. Warum wir absolut davon überzeugt sind, dass sich hinter einer einzelnen geschlossenen Tür des Museums, viele neue verbergen werden, das lest ihr in diesem Artikel. Gestaltung: Ideendirektoren Museen sind in gewisser Hinsicht immer Orte des Sehens. Wir betreten sie, um uns umzuschauen, weil wir bestimmte Dinge entdecken und uns - im besten Falle - für sie begeistern lassen möchten. Wir staunen über die einzelnen Objekte, seien es Leinwände, Skulpturen oder auch eine Maske oder ein Werkzeug aus einer anderen Weltregion. Sie heben uns aus unserem oftmals stark eingegrenzten Alltag und eröffnen uns andere Wirklichkeiten, die uns sonst verborgen geblieben wären. Doch auf welchem Wege und unter welchen Bedingungen sind diese Arbeiten eigentlich in das jeweilige Museum gelangt, das womöglich tausende Kilometer vom eigentlichen Herkunftsland entfernt liegt? Welche "Wirklichkeit" wir dort eigentlich gezeigt und welche Kontexte werden womöglich (nicht) geschaffen? Viel zu lange haben wir als Gesellschaft hinsichtlich dieser Fragestellungen weggesehen oder wollten schlichtweg nicht sehen. Ethnologische Objekte wie die Tlingit-Maske wurden noch bis 2023 im Naturalienkabinett präsentiert. Foto: Landesmuseum Natur & Mensch Denn all das sind Fragen, die sich nicht nur auf die einzelnen Objekte beziehen, sondern an den Grundpfeilern dessen rütteln, was wir unter dem verstehen, was ein Museum ist und was es ausmacht. Gerade in natur- und kunsthistorischen Häusern sind viele Sammlungen eng mit der kolonialen Geschichte Europas verzweigt. Dafür sollte man sich vor Augen halten, dass Museen historisch betrachtet immer auch zur Schaffung und Selbstvergewisserung der eigenen gesellschaftlichen Identität dienten. Sie erzählten oftmals eine Geschichte darüber, wer wir als Gesellschaft sind und (wahrscheinlich noch viel mehr) wer "die Anderen" sind. Objekte aus kolonialen Kontexten waren letztlich immer auch als eine Demonstration einer Überlegenheit Europas zu verstehen, in welcher die Stimme der jeweiligen Herkunftsgesellschaften viel zu oft überhaupt keine Rolle spielte. Sie war nicht präsent, galt nicht als gleichwertig und hatte auch überhaupt nicht die Möglichkeit einen Zugang zu solchen Institutionen zu erlangen. Verantwortung übernehmen Doch das ändert sich - und das ist gut so! Die letzten Jahre zeigen deutlich, dass viele Museen für sich die Notwendigkeit verstanden haben, diese wackelnden Grundpfeiler als eine wahre Chance zu begreifen, sich in diesem grundlegenden Wandel völlig neu erfinden zu können. Viele Häuser entschieden sich dazu, ganz bewusst Verantwortung für ihre eigene Geschichte zu übernehmen, weshalb in diesem Zuge die sogenannte Provenienzforschung als zentrales Instrument eine immer stärkere Rolle einnahm. Die Disziplin macht es sich dabei zur Aufgabe, die Herkunft der eigenen Sammlungsobjekte nachzuzeichnen, die dabei zurückgelegten Wege aufzuzeigen und herauszufinden, unter welchen historischen, politischen oder sozialen Bedingungen sie Einzug in die Ausstellungen europäischer Museen hielten. Dabei zeigte sich immer und immer wieder, dass das vermeintlich harmlos anmutende "Sammeln" immer auch mit einem Faktor der Schuld einhergeht, der in der stringenten Auseinandersetzung mit der Thematik entsprechende Konsequenzen mit sich bringt. Mitarbeitende des Sukuma Museums begutachten die Sukuma-Objekte des Landesmuseums Natur & Mensch. Foto: Landesmuseum Natur & Mensch Denn wo klar ersichtlich wird, dass Objekte durch Gewalt, Zwang oder strukturelle Unterlegenheit angeeignet wurden, drängen sich unmittelbar auch Fragen rund um die Besitz- und Eigentumsverhältnisse dieser in den Vordergrund. Es reicht hierbei nicht, eine Rückgabe dieser Objekte, also eine Restitution zurück an die Herkunftsgesellschaften, als ein bloßes Symbol zu begreifen. Sie muss mit einer ernsthaften, im besten Fall transparenten und umfänglichen Auseinandersetzung sowie Aufarbeitung historischen Unrechts einhergehen. Museen verabschieden sich deshalb zunehmend von der althergebrachten Vorstellung, über ihre Sammlungen uneingeschränkt verfügen zu können und entwickeln stattdessen völlig neue Formen des gemeinsamen, internationalen Arbeitens und Austauschs mit eben den Ländern aus denen Teile ihrer Sammlung stammen oder stammten. Die Art der Präsentation, ebenso wie die damit einhergehende Sprache setzt stärker als je zuvor auf Kollaboration und führt dazu, dass aus einem Erzählen "über" etwas, ein Erzählen im gemeinsamen "miteinander" wird. Ein Raum schließt, neue Türen öffnen sich Exemplarisch steht hierfür auch unser Oldenburger Landesmuseum Natur & Mensch , beheimatet in einem eindrucksvollen, historischen Gebäude und prominent gelegen direkt am Damm, kurz vor der Cäcilienbrücke. Gegründet vom Großherzog Paul Friedrich August von Oldenburg im Jahr 1836, als Ort der die Bildung und Aufklärung des Volkes fördern sollte, erweitere sich die Sammlung auf Basis des Engagements des Großherzogs stetig. Was mit einer Sammlung an Insekten, Vögeln und einheimischen Säugetieren begann, wurde im späteren Verlauf unter anderem durch ethnologische Elemente und ein Naturalienkabinett ergänzt. Der Nachbau des damaligen, besagten großherzoglichen Naturalienkabinetts wurde 1980 als "Museum im Museum" eingerichtet und ist auch - Stand heute - noch Teil der Dauerausstellung des Museums. Es sollte einen historischen Blick auf die Sammel- und Ausstellungspraxis des 19. Jahrhunderts werfen, erwies sich jedoch zunehmend als problematisch - nicht zuletzt, weil es die damaligen kolonialen Denkweisen reproduzierte, zum Teil sogar ethnologische Objekte zeigte, ohne diese entsprechend kritisch einzuordnen und zu hinterfragen. Hinter manchen Objekten standen gewaltvolle Aneignungsprozesse, Herkunftsgeschichten blieben unsichtbar, Beschriftungen waren nicht mehr angemessen oder teils geprägt von rassistischem Denken. Das nun schließende Naturalienkabinett. Foto: J. Schwanke Diesen Status Quo konnte und wollte man als Museum nicht akzeptieren und setzte sich stattdessen in einer internen Arbeitsgruppe über mehrere Jahre und unterschiedliche Drittmittelprojekte hinweg mit dem Raum, seinen Deutungen sowie kolonialen Verstrickungen auseinander. Bereits 2023 entschloss man sich dazu, alle ethnologischen Objekte aus dem Kabinett zu entfernen, um kulturhistorische Objekte nicht mehr unkommentiert neben naturkundlichen Exponaten zu präsentieren. Und im Oktober des vergangenen Jahres veröffentlichte das Museum nun ein eigenes Positionspapier , das an dieser Stelle allen Interessierten sehr ans Herz gelegt sei. Der entscheidende und für die Besucherinnen und Besucher des Hauses unmittelbar mit dem Papier einhergehende Schritt ist die vorläufige Schließung des Naturalienkabinetts in seiner jetzigen Form. Doch statt einfach den Schlüssel zu nehmen, eine Tür zuzusperren und es dabei zu belassen, nimmt man die Besucherinnen und Besucher auf diesem Weg mit an die Hand und liefert mit der Aktionsfläche " RE:vision. Vom Staunen zum Verstehen " eine räumliche Erfahrung, die noch bis zum 22. Februar sowohl den zurückliegenden und als auch den noch bevorstehenden Prozess von unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Nicht nur werden Informationen zur Kolonialgeschichte als Ganzes geliefert, Besucherinnen und Besucher erhalten ebenso Einblicke in Entscheidungsprozesse, Expertinnen erläutern in Videos inwiefern Machtkritik innerhalb eines Museums stattfinden kann und aktuelle Zusammenarbeiten verdeutlichen wie echte Kollaborationen erfolgreich funktionieren können. DIE PODCASTEPISODE ZUM MUSEUM Wer nun mehr über die Arbeit des Landesmuseums Natur & Mensch erfahren möchte, dem können wir wärmstens unser Gespräch mit der Direktorin des Hauses, Dr. Ursula Warnke empfehlen. Denn das Haus wartet mit einer zeitlosen Dauerausstellung zum Anfassen, die die Besucherinnen und Besucher - egal ob groß oder klein - mitnimmt durch Welten wie u.a. das Moor, die Küste und Marsch oder Geest führt. Zudem erfahrt ihr mehr über Kooperationsprojekte wie die "Klimaoasen", bei denen man die denkmalgeschützten, grünen Idylle mitten im Stadtzentrum, unser Eversten Holz und den Schlossgarten zu klimaresilienten Orten weiterentwickeln möchte. Schaffen sich Museen selbst ab? Fernab vom oberflächlichen Staunen, bietet sich hier also nun eine Gelegenheit, förmlich in Echtzeit an der Arbeit eines Museums teilhaben zu können. Eine Ausstellungsfläche, die bewusst als offener, den Dialog suchender und auch unvollendeter Lernort gestaltet wurde. Dass eine Räumlichkeit vorerst geschlossen wird, bedeutet dabei nicht, dass sich ein Museum vor den eigenen Augen selbst auflöst, sondern eine neue Rolle für sich innerhalb der Gesellschaft definiert. Das Gegenteil ist sogar vielmehr der Fall. Während das starre Festhalten an einem einstigen Status Quo Stillstand bedeuten würde, unterstreicht der Mut zum Wandel, wie viel Leben und Gestaltungskraft in einer Institution wie dem Natur & Mensch stecken kann. Ein Einblick in die aktuelle Aktionsfläche des Museums. Foto: reinert fotodesign Museen treten heute stärker als vorher aus ihrer Rolle des neutralen Bewahrens heraus und werden immer mehr zu aktiven Akteuren innerhalb unserer Gesellschaft. Sie beziehen Haltung, kommunizieren ihre Positionen und bringen sich hierdurch gezielt in öffentliche Debatten und Diskurse ein. Das Offenlegen der eigenen Entscheidungen und Zweifel fordert auch das Gegenüber - in diesem Fall das Publikum - dazu auf, mitzudenken und eine eigene Position für sich einzunehmen. Hier wird sich also nicht auf das bloße Zeigen von Geschichte beschränkt, sondern Einfluss darauf genommen, wie wir alle mit unserer Vergangenheit umgehen und welche Lektionen wir auch für das aktive Gestalten unser aller Zukunft einnehmen möchten. Auch im Hinblick auf andere Thematiken wie beispielsweise den Klimawandel nehmen Häuser wie das Natur & Mensch eine wichtige Rolle ein. Denn letztlich ist es wie im eigenen Leben auch: sich den eigenen, persönlichen Verfehlungen zu stellen und an ihnen zu arbeiten, ist kein Zeichen von Schwäche sondern lässt uns im Idealfall aus eben diesen Momenten gestärkt und mit neuen Perspektiven hervorgehen. Wir freuen uns darauf zu sehen, welche uns in Zukunft im Landesmuseum Natur & Mensch erwarten werden.

  • LET'S TALK ABOUT DEATH

    Wie werden alle sterben. Ausnahmslos. Und was dann kommt, weiß niemand. Die meisten von uns versuchen, die damit verbundene Unsicherheit - oder ist es Angst? - zu bewältigen, in dem sie sich auf keinen Fall auch nur im geringsten mit diesem Thema beschäftigen. Warum das keine Lösung ist und welche besseren Alternativen es gibt? Das zeigt das Death Café der Stiftung Hospizdienst und des Oldenburgischen Staatstheaters. Zu Tode betrübt? Nicht in Mexiko, dort wird der „Dia de los Muertos“ mit buntem Trubel gefeiert. Und in Oldenburg? (Bild: Shutterstock) „In dieser Welt gibt es nichts, das vollkommen sicher ist - außer Tod und Steuern.“ So soll es einst der US-amerikanische Staatsmann Benjamin Franklin gesagt haben. Und während die Steuern mit gnadenloser Effizienz von den Finanzämtern eingetrieben werden, lässt man uns mit dem Tod allein. Was fangen wir nur mit ihm an? Obwohl er zu den wenigen Gewissheiten im Leben zählt, versuchen wir das Thema weiträumig zu umschiffen. Das eigene Ende und all die Fragen, die damit einhergehen, wirken offensichtlich abschreckend auf uns. In etwa so, als würde allein das Sprechen über den Tod bewirken, dass er uns gleich darauf heimsucht. Warum das so ist? Und warum das nicht so sein muss? Das erfahren wir - entspannt und angstfrei - im Death Café , der Stiftung Hospizdienst Oldenburg und des Oldenburgischen Staatstheaters . OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER DEATH CAFÉ SONNTAG, 8. FEBRUAR 2026, 14:30 UHR EINTRITT FREI! EXERZIERHALLE JOHANNISSTRAßE 6 26121 OLDENBURG Perfektes Timing für den Tod Fall es einen guten Moment gibt, über Vergänglichkeit zu sprechen, dann ist es vermutlich der November. Mit Volkstrauertag, Buß- und Bettag sowie Totensonntag trägt er eine düstere Schwere mit sich herum, die mit den kürzeren, kälteren, nasseren, düsteren Tagen eine trübe Kombination bildet. Aber auch die anderen norddeutschen Wintermonate sind bestens geeignet - schließlich sind wir sowieso von ewiger Finsternis eingehüllt. Kein Wunder also, dass diese Phase auch das natürliche Habitat für Death Café ist, dessen Saison stets mit dem Totensonntag beginnt. Auf einen Kaffee mit dem Tod: Das ist viel angenehmer als man es sich vorstellt - und verkürzt die Lebenserwartung nicht. (Bild: Shutterstock) Wobei wir an dieser Stelle natürlich schon bei der entscheidenden Frage sind: Warum haben wir hier eine Verbindung zwischen Düsternis und dem Tod hergestellt? Warum empfinden wir diese Kombination als passend? Und warum gehen damit stets Schwermut und Trübsal einher? Der „ Dia de los Muertos “ in Mexiko ist vielleicht der beste - auf jeden Fall der bunteste - Beweis, dass es auch ganz anders geht. Und das Death Café? Ist deutlich leiser, schlägt aber letztlich in die gleich Kerbe. Sein Ansatz: Lasst uns den Tod doch einfach mal anders behandeln, ihn von seiner Tonnenschwere befreien und bei Kaffee und Keksen darüber sprechen, als wäre es ein normaler Teil unseres Lebens. Denn genau das ist er. WISSENSCHAFTLICH ERMITTELT DER TOD IST WITZIG In den Jahren 2001/2002 hat der britische Psychologe Richard Wiseman von der University of Herfordshire 40.000 Witze von Menschen auf der ganzen Erde bewerten lassen und so den lustigsten Witz der Welt ermittelt. Eine zentrale Rolle spielt dabei: Der Tod. Zwei Jäger sind im Wald auf der Jagd, plötzlich bricht einer von ihnen zusammen. Er scheint nicht mehr zu atmen. In Panik ruft der andere von seinem Handy den Notruf an und stottert aufgeregt: „Ich... ich glaube, mein Freund ist tot. Was soll ich denn jetzt nur machen?“ Da antwortet die Stimme vom Notruf: „Nun beruhigen Sie sich erstmal. Und dann gehen Sie sicher, dass er tatsächlich tot ist.“ Nach einem Moment der Stille ertönt ein Schuss. Wieder zurück am Telefon, fragt der Jäger: „Okay, und was jetzt?“ Egal, wie lustig man diesen Witz findet: Er zeigt, dass wir durchaus in der Lage sind, den Tod mit Humor zu nehmen. Aber offenbar nur, so lange er abstrakt bleibt, also uns nicht direkt betrifft. Mit dem Death Café wird das Sterben nicht gleich zu einer lustigen Angelegenheit - aber die Anspannung beim Umgang damit dürfte sich fühlbar lockern. Momento mori statt Vanitas Die Idee des Death Cafés gibt es nun schon eine Weile. Ins Leben gerufen (sic!) wurde es 2011 in England von Jon Underwood und Sue Barsky Reid, basierend auf einer Idee des Schweizers Soziologen Bernard Crettaz . Seither hat sich die Idee weltweit augebreitet. Nach Angaben der entsprechenden Website haben bereits rund 20.000 Death Cafés in fast 100 Ländern stattgefunden. Die einzelnen Veranstaltungen werden aber nicht zentral organisiert, vielmehr handelt es sich um ein „Social Franchise“: Wer sich an bestimmte Regeln hält, kann ein Death Café veranstalten. Ein Kernbestandteil aller Death Cafés ist deren Offenheit. Sie haben keine konkrete Agenda und wollen kein konkretes Ergebnis erreichen. Das Gespräch fließt - wohin genau, steht nicht fest und hängt von den Teilnehmer:innen ab. Ein Ziel ist es dabei, dem Tod den Schrecken zu nehmen und ihn als etwas Selbstverständliches wahrzunehmen - eben genau wie die Steuern. Ein anderes Ziel ist aber ebenso wichtig: Die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit („ Memento Mori “) soll dazu beitragen, aus der verbleibenden Lebenszeit das Beste herauszuholen. Das ist wie bei Konzertickets: Erst wenn die Veranstaltung ausverkauft ist, weiß man ganz genau, wie gern man hingegangen wäre. Allgegenwärtig: Der Tod ist ein Dauergast in der Popmusik. Die Songs haben meist eine düstere Stimmung - manchmal aber auch nicht. Unser Favorit: „I will follow you into the Dark“ von Death Cab for Cutie - gleichzeitig traurig und romantisch und vor allem live ein Erlebnis. Wir werden alle sterben Oldenburg war bei den Death Cafés schon früh dabei. Bereits seit 2015 bieten die Hospizstiftung und die Sparte 7 - bekannt als Innovationshub des Staatstheaters - dieses Format zusammen an und haben ihm eine eigene Handschrift verliehen. „Wir haben in der Vergangenheit immer einen 'Opener' organisiert“, berichtet Gesine Geppert , die für die Sparte 7 von Anfang an beteiligt war . Dort s eien besondere Themen od er Wissenswertes rund um das Thema Leben, Tod oder Bestattungskultur vorgestellt worden. „Ansonsten ist die Barebene der Exhalle wie ein Café gestaltet, man kann einfach kommen und sich zu einer*einem Ehrenamtlichen der Stiftung Hospizdienst dazusetzen.“ Auch das ist eine Besonderheit: An jedem der Tische sitzen diese Ehrenamtlichen, leiten die Gespräche und können auch liebevoll eingreifen, wenn die Emotionen doch einmal überlaufen, weil sich jemand an einen Trauerfall erinnert oder ein solcher erst kürzlich erlebt wurde. „Bei dem Konzept geht es aber gerade nicht um akute Trauerbegleitung, sondern darum, sich mit dem Thema bewusst auseinanderzusetzen, weil es genauso wie die Geburt oder all die anderen schönen Ereignisse einfach dazugehört“, betont Gesine. DAS ZUKUNFTSLABOR DES STAATSTHEATERS DIE SPARTE 7 IM PODCAST Die Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters ist eine wichtiger Impulsgeber für die Kulturszene - nachzuhören in Folge 27 unseres Podcasts. Im Falle des Death Café war sie allerdings nicht Initiator, sondern Kooperationspartner. Und so mussten sich Verena Katz und Gesine Geppert erst einmal selbst an das Thema gewöhnen. Starkes Duo: Verena Katz (links) ist inzwischen nicht mehr Teil der Sparte 7, Leiterin Gesine Geppert (rechts) ist nach einer Babypause aber wieder der gewohnte Aktivposten. (bild: Kulturschnack) „Als Christina Stöcker und Genoveva Wieland , die das Konzept als Studienprojekt entwickelt haben, und Lucia Loimayr-Wieland von der Stiftung Hospizdienst das erste Mal bei uns im Theater saßen, um über das Death Café zu reden, hatte ich noch Berührungsängste mit dem Thema“, blickt Gesine zurück. „Mit dem Tod hatte ich mich wenig auseinandergesetzt und auch immer Angst, mit ihm oder Hinterbliebenen umzugehen.“ Das habe sich durch das Format und die Veranstaltung geändert. Der Tod sei präsenter, aber auch weniger furchterregend. „Er gehört dazu und bestenfalls hat man eine Idee, wie er seinen Raum einnehmen darf, wenn er denn da ist und wie ein Abschied schön gestaltet werden kann. Aber natürlich gibt es auch Tage, an denen man nicht über den Tod sprechen möchte, oder selber Mal einen akuten Trauerfall im eigenen Umfeld hat und deshalb nicht die nötige Distanz mitbringt.“ Dann sei es hilfreich, dass man nur Kooperationspartner sei und selbst keine Gespräche leite. Letztlich erging es der Sparte 7 also auch nicht anders als allen anderen: An das Thema Tod muss man sich herantasten - dann aber lohnt sich die Auseinandersetzung sehr. Dass die Besucher:innenzahl der Death Cafés durchaus schwankt, ist indes kein Indiz für mangelndes Interesse. Im Gegenteil, es ist ein Beweis für die Notwendigkeit. Die Schwellenangst ist bei diesem Thema so groß, dass bei vielen Fluchtreflexe einsetzen. Obwohl wir dem Tod allabendlich in beinahe jedem Streamingformat begegnen und wir die zunehmend expliziten Formen des Dahinscheidens ohne Wimpernzucken konsumieren, hört der Spaß bei uns selbst auf. Doch irgendwann merken wir alle, was Franklin schon im 18. Jahrhundert feststellte: An den Steuern um dem Tod kommen wir nicht vorbei. Und in beiden Fällen gilt: Besser, man hat sich irgendwie vorbereitet. Kaffee, Kuchen, Tod Jeweils drei Stunden sind Zeit, um in der Exhalle einmal ganz entspannt über den Tod zu plaudern, nebenbei am Kaffee zu schlürfen oder einen Keks zu knabbern. Klingt gemütlich? Ist es auch! Und zwar nicht nur für Ältere, die sich zunehmend bewusst sind, dass ihr Leben irgendwann endet - sondern auch und gerade für Jüngere. Denn je früher man sich klarmacht, dass die Zeit auf Erden begrenzt ist, desto eher beginnt man damit, seine Möglichkeiten zu nutzen. „You don't know what you got till it's gone:“ Dieses Prinzip gilt eben auch für das eigene Leben. Kaffee, Plätzchen, Tod: Natürlich kann man im Tod etwas Schreckliches sehen - muss man aber nicht. (Bild: Sparte 7) Selbst wenn man panische Angst vor dem Tod verspürt, sollte man das Death Café ausprobieren. Beziehungsweise: gerade dann. „ Vielleicht nimmt einem das Sprechen die Angst und die Berührungsängste“, vermutet Gesine. Denn wer Angst habe, erstarre bei einer unvorbereiteten Konfrontation. „Wenn man sich aber frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzt, dann kann man vielleicht einen schönen und zugewandten Umgang damit finden.“ Die meisten Besucher:innen seien im Nachhinein glücklich, das Death Café besucht zu haben, auch wenn es sie beim ersten Mal durchaus Überwindung gekostet habe. „Wenn die dann glücklich gehen, dann hat das Death Café doch alles richtig gemacht“, findet Gesine - und da stimmen wir zu. Vielleicht nimmt uns so ein Nachmittag nicht die Furcht vor dem Ungewissen. Doch er kann uns dabei helfen, entspannter mit der Frage nach dem „großen Danach“ umzugehen - und unseren Frieden mit der Endlichkeit zu machen. Und wenn sich immer noch jemand fürchtet, Gevatter Tod könnte nach dem Besuch eines Death Cafés früher vorbeischauen als es das Schicksal eigentlich vorgesehen hatte: Keine Sorge, bisher kam es zu keinen gehäuften Todesfällen nach einer Veranstaltung. Also: Let's talk about Death - wir werden sowieso alle sterben. PS: Wie das Leben so spielt Als Autor Thorsten diesen Artikel schrieb, hatte er noch einen unschuldig interessierten Blickwinkel darauf. Das änderte sich nur wenige Wochen später. Denn keine zwei Monate, nachdem dieser Artikel erstmals erschien, erhielt sein Vater eine erschütternde Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Mit Tränen in den Augen, mit Schmerz in der Brust: Dieser Text gehört zu den schwersten, die Thorsten bisher geschrieben hat - und es sind bereits Tausende. (Screenshot: Kulturschnack) Plötzlich herrschte eine völlig neue, unermesslich bittere Form der Betroffenheit. Das unschuldige Interesse hatten sich in tiefen Schmerz verwandelt. Seine Gedanken zu dieser erschütternden Nachricht und deren Folgen hat Thorsten in seiner Kolumne für die Theater-Zeitung des Oldenburgischen Staatstheaters niedergeschrieben. Dort stellt er auch eine Verbindung zu diesem Text her. Das Ergebnis lest ihr hier ,

  • LOOSE LIPS: PRETTY DEVASTATING

    Was geht eigentlich in der Oldenburger Musikszene? Kurze Antwort: Viel zu viel, um es hier abzubilden! Deshalb werden wir niemals jede Band, alle Singles und sämtliche Auftritte erwähnen können. Aber: Es gibt ja noch Longplayer. Sie sind nach wie vor etwas Besonderes, jeder Release markiert einen Meilenstein der Bandgeschichte. Das wollen wir feiern - im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK! Hier stellen wir euch Alben made in Oldenburg vor und verraten euch, warum ihr sie unbedingt euren Playlists hinzufügen müsst. Die vierte Folge widmet sich der Post-Grunge-Band Loose Lips. Bämm! Das Cover von „Pretty Devastating“ geht keine Umwege. Auf der EP gibt es aber sehr viel mehr zu entdecken als hier. (Bild: Loose Lips) Sie schienen auf dem Weg zu sein. Richtung: oben. Mit ihrem Album „Melancholia“ und der folgenden EP „Soft Noise“ erzielte das Oldenburger Trio Loose Lips mehr Aufmerksamkeit als man normalerweise für ihre Art Musik erwarten dürfte: Post-Grunge bzw. edgy Alternative Rock mit treibenden Beats und harten Riffs, einer melancholisch-lakonischen Grundstimmung und dem nötigen Mut für das eine oder andere Experiment. Das klingt sperrig? Ja, aber: Band und Platten schienen einen Nerv zu treffen - und lieferten alle Zutaten, um das nächste Ding zu sein, das entgegen einiger Wahrscheinlichkeiten steil geht.   Aber warum der Konjunktiv? Die Antwort auf die Frage ist so einfach wie ernüchternd: aus gesundheitlichen Gründen . Loose Lips sind bei weitem nicht die erste Band, bei der die mentale Konstitution eines Band-Mitglieds nicht mehr ausreicht, um neben dem Alltag auch noch ein Bühnenleben zu bewältigen. In so einem Fall geht es allein um die Genesung - und wir wünschen von Herzen gute Besserung! Unglücklich ist diese Entwicklung aber auch aus musikalischer Perspektive - eben weil alles optimal zu laufen schein, bis es im Sommer zu ersten Konzertabsagen und im Herbst zum „Indefinite Hiatus“ kam. Immerhin können sich die Fans nun ein wenig trösten. Denn trotz der zeitlich nicht definierten Pause veröffentlicht die Band noch eine EP mit fünf neuen Tracks - die Hoffnung darauf machen, dass es irgendwann weitergehen könnte.     Keine Cobain-Kopie: Drummer Jelto Witt, Sänger/Bassist Joel Glanert und Gitarrist Enno Bünger sehen nicht aus wie die Grunge-Bands der 90er. Sie klingen auch nicht genau so - und dennoch erinnern sie an die große Zeit damals. (Bild: Mathis Kirchner) Grüße an die Neunziger Bevor wir die ersten Klänge der neuen EP hören, fällt erstmal das Cover auf. Das Rosa knallt, als wolle es uns eine Eurodance-Nummer der übelsten Sorte unterjubeln. Wäre da nicht der Titel: „ Pretty Devastating “ - auf Deutsch in etwa „ziemlich niederschmetternd“. Mit Blick auf die Auszeit der Band könnte das nicht nur ein Name sein, sondern womöglich auch eine Beschreibung der letzten Jahre. Aber wir wollen uns nicht in Kaffeesatz-Leserei verlieren. Post-Grunge also. Diese Bezeichnung taucht in Artikeln über Loose Lips immer wieder auf, doch man muss vorsichtig damit sein. Viele denken dabei nämlich an Bands wie Creed oder Nickelback, die schlicht im Anschluss an den Grunge-Hype in den frühen Neunzigern die nächsten erfolgreichen Gitarrenbands waren. Mit ihnen und ihrem Radio-Bombast haben Loose Lips aber wenig gemeinsam. Warum der Begriff trotzdem immer wieder auftaucht? Ganz einfach: Weil er rein inhaltlich Sinn macht. Denn die Stimmung der Songs, die Themen und Melodien und auch die eine oder andere Passage erinnern tatsächlich an Legenden wie Alice in Chains , Mother Love Bone oder Temple of the Dog - allerdings auch an neuere Acts wie Queen of the Stone Age oder Open Hand . Dass zu alledem noch eine ganz eigene Note kommt und alles ne ganze Ecke moderner klingt? Versteht sich von selbst. „ Wir nennen unsere Musik meist zwar einfach Alternativ-Rock um es etwas weiter zu fassen“ berichtet Drummer Jelto Witt. „Aber natürlich sind wir alle große Fans vom Grunge der Neunziger und Garage-Rock aus den frühen 2000ern.“ NEUES FORMAT „SOUNDCHECK“ OLDENBURGER BANDS AUFGEPASST I hr seid Solo-Musiker:in oder spielt in einer Band aus Oldenburg? Ihr seid so ambitioniert, dass ihr eure Musik schon veröffentlicht habt oder genau das demnächst tun werdet? Und zwar nicht nur als eine Single, sondern in Form einer EP oder eines Albums? Mega, dann seid ihr hier richtig! In Zukunft wollen wir hier regelmäßig über den Output Oldenburger Musiker:innen berichten. Ihr habt Interesse im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK  aufzutauchen? Super, dann lasst es uns - am besten im Vorfeld der Veröffentlichung - wissen. Tickt uns auf Insta  an oder schickt uns eine Email , wir kommen auf euch zurück. Super wäre es, wenn ihr schon ein kleines Presskit in petto hättet: Albumcover, Bandfotos, evtl. Link zu einem Video und einigen Soundfiles, die wir für ein Reel nutzen könnten. Es gibt keine Garantien für einen Artikel - aber wir bemühen uns, möglichst alles zu verarbeiten, was uns erreicht. Die Oldenburger Szene ist (noch) bunter und besser als viele denken. Höchste Zeit, dass die Welt davon erfährt! Also: Macht mit beim Kulturschnack SOUNDCHECK!   Was für diese großen Vorbilder galt, das gilt auch für Loose Lips: Sie biedern sich nicht an, sie spielen ihre Songs nicht, um Schönheitspreise einzuheimsen. Ganz im Gegenteil: Der Sound trifft die Hörer:innen sehr direkt, die wuchtige Bassdrum treibt die Songs vorwärts, die Gitarren klagen voller Melancholie oder fräsen markante Riffs in unsere Gehörgänge. Der Gesang ist in den Strophen häufig zurückhaltend, nähert sich hier und da auch dem Sprechen an. In den Refrains bricht er zwar aus, bleibt aber irgendwo so lakonisch wie ein desillusionierter Kommentar zur Gegenwart. „ Grundsätzlich machen wir uns selten bewusst Gedanken über unseren Sound“, berichtet Jelto. Klar sei aber, dass bei Loose Lips wegen der relativ kleinen Dreier-Besetzung musikalisch immer viel "nach Vorne" gehe. „Dass die Songs so melancholisch sind, ist dann vermutlich dem Zeitgeist geschuldet, der die Texte beeinflusst.“ Was wir ein Schwäche klingt, ist in Wahrheit eine Stärke: Es ist nicht zuletzt diese Art des Gesangs, der Loose Lips davor beschützt, allzu typische Rock-Muster zu bedienen. Stattdessen bleibt die Oldenburger Band - trotz etwaiger Grunge-Referenzen - wohltuend eigenständig. Vor allem die äußerst prägnanten Gitarren-Riffs sind zu einem Markenzeichen der Band geworden. In dieser Menge und Qualität hört man so etwas nur selten. Kleine Kunstwerke Auf „Pretty Devastating“ bieten Loose Lips all das, was sie ausmacht - und gleich im ersten Track „ Halloween “ greifen die Teile perfekt ineinander. Alleine das wiederkehrende Riff wäre es wert, den Song immer wieder anzuhören - aber der Rest der Komposition liefert viele weitere Gründe. Unsere Diagnose: Das ist ein Hit - soweit man diesen Begriff in diesen musikalischen Kontexten verwenden kann. Und dabei bleibt es nicht: „Crash“ und „Up and running“ setzen diese guten Eindrücke nahtlos fort, wenn auch jeweils mit anderen Eigenschaften und Stärken. Und nicht nur die Songs überzeugen, auch die Produktion des Hildesheimer Limetree Studios muss man als Teil der Gesamtkunstwerks erwähnen: Hier klingt alles so, wie es soll. Respekt!! Was außerdem auffällt: Die fünf Songs auf „Pretty Devastating“ sind nicht etwa nur Variationen des Schema F, also im Grunde ähnliche Songs mit wechselnden Hooks. Nein, wir haben es hier mit sehr charakterstarken Tracks zu tun, die jeweils nicht nur eine eigene Geschichte erzählen, sondern auch einen eigene Stimmung transportieren. „ Natürlich basieren Rocksongs auf einer gewissen Grundstruktur, die man nutzt - gerade wenn man nur drei Instrumente zur Verfügung hat“, ordnet Jelto ein. Manche Songs müsse Gitarrist Enno zum Ende hin mit einem Solo auf das nächste Energielevel pushen. Aber: „Wir versuchen schon, auch beim Songwriting immer wieder neue Dinge auszuprobieren.“ Das bedeutet: Die Zutaten sind jeweils dieselben. Aber wie sie variiert und arrangiert werden - das hat schon einen hohen Unterhaltungswert. So biegen die Songs durchaus mal überraschend ab - und nehmen eine Richtung, die man zuvor nicht erahnt hätte. Das kann mal enttäuschend sein, wenn man etwa nach einem Build-up einen hymnenhaften Chrous erwartet und stattdessen ein lauteres Flüstern folgt. Das kann aber auch völlig flashen, wenn nach herkömmlichem Muster eigentlich die nächste Strophe dran wäre, dann aber plötzlich ein übles Gitarrenriff folgt, dass länger im Kopf bleibt als jede catchy Hook. Auch live überzeugend: Loose Lips bringen kleine Clubs wie das Cadillac ebenso zum Kochen wie das weite Feld des Deichbrand Festivals. (Bilder: Mathis Kirchner) Immer besser, immer feiner Ein roter Faden der bisherigen Releases: Loose Lips trauen sich was. Sie bleiben nicht bei erfolgreichen Formeln, sondern wagen sich bei jedem Track ein bisschen vor in unbekanntes Terrain. Das ergibt nicht immer etwas bahnbrechend Neues oder charttaugliche Pop-Nummern, aber in jedem Fall klangliche Akzente, die den Songs sehr gut tun. „Als mutig würde ich uns eher nicht bezeichnen, wir sind ja auch keine großem etablierte Band“, findet Jelto. „ Wir machen worauf wir Lust haben und haben nichts zu verlieren. Ich würd eher sagen: Wir sind naiv statt mutig.“ Dieser absolut lobenswerte Ansatz kann aber natürlich auch mal nach hinten losgehen. So stellte die Kopfstimme in „Good to know I told you so“ für uns ein unüberwindbares Hörhindernis dar, an dem wir auch bei mehrfachen Probieren scheiterten. Aber: Das ist Jammern auf hohem Niveau, denn der gesamte Rest dieses akustischen Abschieds auf unbestimmte Zeit überzeugt. Wenn wir feststellen, dass „Pretty Devastating“ wir eine logische Fortsetzung der exzellenten 2024er-EP „ Soft Noise “ wirkt, dann meinen wir das als Kompliment - und es ist auch was Wahres dran: „ Wir haben die Eps im Abstand von ziemlich genau einem Jahr geschrieben, es gibt also einen zeitlichen Zusammenhang“, lässt uns Jelto wissen. Die Songs seien am Ende aber so unterschiedlich geworden, dass daraus keinesfalls ein zusammenhängendes Album werden konnte. Dass die beiden Releases aber durchaus auch im Zusammenspiel überzeugen können, garniert Jelto mit einem Seitenhieb auf die Musikindustrie: „Ein kleiner Tipp vom Profi: Am besten immer beide Eps zusammen und mehrfach hören. Dann wirken die nochmal besser und wir verdienen trotz der lausigen Vergütung vielleicht 10-20 Cent dabei.“ „Soft Noise“ mag im direkten Vergleich wegen der Standout Tracks „Heartbreak Radio“, „ Growing Numb “ und „ Bullet “ zwar knapp die Nase vorn haben - aber „Pretty Devastating“ bewegt sich auf ähnlichem Niveau. Und für alle, denen die 17 + 18 Minuten verständlicherweise nicht genug sind, gibt es noch eine kleine Zugabe: Ebenfalls im letzten Jahr erschien eine Cover-Version von Lana del Reys „Video Games“ im typischen Loose Lips-Gewand. Genial! Niedergeschlagen, aber hoffnungsvoll Am Ende ergibt alles einen Sinn. Die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet der moderne Grunge-Sound von Loose Lips trotz all seiner Ecken und Kanten auf so positive Resonanz stieß, ist plötzlich ganz klar: Weil diese Art der Musik sehr viel Zeitgeist widerspiegelt. Die Härte, die alle von uns im Alltag immer wieder fühlen. Die Frustration und die Zweifel, die damit einhergehen. Die Verletzlichkeit, die letztlich jede:r von uns in sich spürt. Aber auch der Unwille, sich von alledem allzu sehr bewegen zu lassen. The Show must go on, the hustle continues. Bis es eben nicht mehr geht. Sorry, wir können uns das Wortspiel nicht verkneifen: Für Fans der Band ist es mit Sicherheit „pretty devastating“, dass es mit Loose Lips vorerst nicht weitergeht. Zwar sind diese fünf Tracks ein wunderbares Abschiedsgeschenk. Gleichzeitig machen sie aber großen Appetit auf mehr - so dass man trotz aller Qualitäten zerrissen zurückbleibt. Wir entscheiden uns aber für die positive Seite: Loose Lips sind eine richtig gute Oldenburger Band, die in ihrem Genre auch international keinen Vergleich zu scheuen braucht. Man darf stolz auf die drei Jungs sein, vor allem aber sollte man weiterhin ihre stimmungsvollen und abwechslungsreichen Songs hören. Unser Tipp: Tut genau das - und gebt die Hoffnung auf ein Comeback nicht auf. You never know. LOOSE LIPS PRETTY DEVASTATING 5 Songs, 18 Minuten Post-Grunge / Post-Punk 19. Dezember 2025 Spotify | Apple | Amazon | Bandcamp | Vinyl/Merch

  • DIE SCHMIEDE

    Eine Kulturplattform für das urbane Dorf. Unter diesem Motto entstand bereits im Jahr 2023 das Kulturfestival Bloherfel.de, das auch abseits des Zentrums die Kultur des (quasi) gleichnamigen Stadtteils in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte und sie dabei als spielerisches Mittel nutzte, Menschen zusammenzubringen, die ohnehin Haustür an Haustür miteinander leben. Mit der frisch eröffneten Schmiede als eigener Location schafft man nun einen kulturellen Anlaufpunkt, der nicht nur zeitweise existiert, sondern gekommen ist um (hoffentlich) zu bleiben. Warum das so wichtig für eine Stadt wie Oldenburg ist, das lest ihr hier. Ein Ort für das urbane Dorf. Foto: Michael Uhl Alles begann für Britta Langanke und Michael Uhl im Jahr 2020 mit dem Hörspielprojekt "Der Schatz von Bloherfelde". Ein zweiteiliges, interaktives Theaterformat, das den Stadtteil nicht nur räumlich, sondern vor allem erzählerisch erfahrbar machte - durch die Geschichten, Erinnerungen und Perspektiven seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Nicht nur der Titel des Hörspiels, sondern gleich das ganze Unterfangen als solches sollte sich in der Folge als wahrer Schatz herausstellen, da man im Zuge der Umsetzung auf zahlreiche Gleichgesinnte traf und schnell das Gefühl eines gemeinsamen Miteinanders entstand zwischen allen Beteiligten. Unter der Trägerschaft und mit Unterstützung des örtlichen Bürgervereins reifte daher früh der Entschluss, diesen besonderen Moment nicht als einmaligen Glücksfall zu begreifen, sondern eine gemeinsame Plattform entstehen zu lassen - Bloherfel.de war geboren! Das Kulturfestival "Im Anschluss kam dann der nachgeordnete Gedanke: Was wäre, wenn wir unsere verschiedenen Disziplinen zusammenwerfen und ein eigenes Kulturfestival auf die Beine stellen würden?", erinnert sich Michael Uhl an die damalige Zeit der initialen Gründung zurück. Gesagt, getan. Bereits mit der ersten Auflage im Jahr 2023 gelang es, den Stadtteil nachhaltig in Bewegung zu setzen. In Bloherfelde, "dem urbanen Dorf", verwandelten sich zahlreiche vertraute und zentrale Plätze der unmittelbaren Nachbarschaft in Räume für Kunst, Musik, Theater. Sei es beispielsweise das Kinder- und Jugendzentrum "Offene Tür Bloherfelde", der große Marktplatz oder die Gaststätte "Zum Lindenhof" - das Festival war präsent, sichtbar und die Gemeinschaft spürbar. Doch zeigte das Festival auch eine klare, rein strukturelle Grenze auf. All die bespielten Orte waren geliehene Räume auf Zeit, die nach dem Festival zu ihrer eigentlichen Funktion, ihrem regulären Alltag zurückkehrten. Der Geist von Bloherfel.de jedoch blieb! Bloherfel.de - Eine Plattform, ein Kollektiv! Foto: Tobias Frick Denn eigentlich war allen Beteiligten schnell klar, dass man mehr wollte als die kurzzeitige Belebung des eigenen Stadtteils. Zu stark waren die Resonanz, der Zuspruch und das eindeutige Gefühl, etwas Bedeutsames angestoßen zu haben. Dieser Bedeutung wollte man auf den Grund gehen, sie klar herausstellen und so ließ das Kollektiv fortan nicht mehr der Gedanke an einen eigenen Ort los, an dem sich dieser Geist manifestieren und weiterentwickeln könnte. Doch solche Dinge entstehen letztlich vermutlich nie von einem Tag auf den anderen und vorerst lautete die Devise ohnehin: Verstetigung. Man wollte dieses Momentum nicht vergehen lassen und mindestens die Gewissheit liefern, auch im Folgejahr erneut ein Kulturfestival auf die Beine zu stellen, das allen klarmacht: wir sind gekommen um zu bleiben und - gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Bloherfeldes - zu wachsen! Geschmiedete Kultur Im Hintergrund reifte in der Zwischenzeit längst ein Plan, der letztlich nur noch auf die entscheidende Möglichkeit wartete. Mit einer absoluten Punktlandung zur Eröffnung der frisch vergangenen dritten Auflage des Kulturfestivals Bloherfel.de im September 2025 war es dann soweit: die Eröffnung der "Schmiede", das neue Zuhause der Kunst und Kultur innerhalb des Stadtteils, konnte in diesem Rahmen gefeiert werden. Punktlandung ist dabei tatsächlich wörtlich zu nehmen, wie sich Michael Uhl im Gespräch zurückerinnert: "Der Elektriker ist am Nachmittag hier rausgelaufen und abends war die Einweihung." Die historische Metallwerkstatt, die dem Stadtteil 1919 sogar seinen ersten Strom lieferte, jedoch in letzter Nutzung einen Druckereibetrieb beherbergte, war in den Monaten hin zum Festival saniert worden, ohne dabei den rohen Charakter einzubüßen, der den besonderen Reiz der Location von Beginn an ausmachte. Prominent gelegen an der zentralen Bloherfelder Straße, unmittelbar neben dem hochfrequentierten hiesigen Supermarkt und in Wurfweite zu allen Einrichtungen, die ohnehin bereits fester Bestandteil der kreativen Zusammenarbeit im Zuge des Festivals waren, hätte man vermutlich kein besseres Epizentrum der eigenen, kreativen Aktivitäten finden können. Da brauche es aber natürlich auch Vermieter, die die eigene Idee verstehen, auf die speziellen Bedürfnisse eingehen und sehen können, was man hier auf die Beine stellen möchte. Glücklicherweise sei genau das hier der Fall gewesen, wie Britta und Michael im Gespräch betonen. Erneut, wie auch schon beim Kulturfestival der Fall, konnte man dabei auch für dieses Unterfangen weiterhin auf die wertvolle Unterstützung des Bürgervereins Bloherfelde zählen, der bereitwillig die Trägerschaft übernahm und über zahlreiche Förderungen die Finanzierung des Vorhabens - vorerst bis zum Endes des Jahres 2026 - sicherstellen konnte. Neben Ausstellungen, Installationen sowie kostenfreien Mitmachangeboten, die nun ganzjährig von Britta und Michael als künstlerischer Leitung geplant und kuratiert werden können, öffnet das Haus mit dem Format SCHMIEDE live einmal im Monat für jeweils eine besondere Abendveranstaltung seine Türen. Hierbei profitiert man von einem breiten Künstler- und Kooperationsnetzwerk, wie beispielsweise der Musikschule der Stadt Oldenburg mit ihrer Jazz/Rock/Pop-Abteilung unter der Leitung von Philipp Pumplün. VERNISSAGE THOMAS BISITZ 24. JANUAR - 19:00 UHR DIE SCHMIEDE BLOHERFELDER STRAßE 200 Der Klangkünstler Thomas Bisitz schafft exklusiv für die Schmiede eine interaktive Klang- und Lichtinstallation. Einen Spielplatz für alle Generationen, der erst durch das Publikum zum Leben erweckt wird. Inspiriert ist er durch die Wurzeln der Schmiede als Metallwerkstatt. Durch spielerische Mithilfe des Publikums wird es als Klang- und Lichtinstallation wiederbelebt – das Schmiedefeuer. Zur Vernissage wird Sven Strohschnieder die SCHMIEDE in einen chilligen Elektro-Club verwandeln. Anschließend ist die interaktive Ausstellung vom 30. Januar bis 1. März 2026 geöffnet. Wann: Freitag (16-18h) & Sonntag (15-17h) (Winteröffnungszeit) Von unschätzbarem Wert Gemeinschaft. Foto: Petra Bergmann Warum ist es jedoch überhaupt so wichtig, dass sich ausgerechnet an einem der äußeren Enden Oldenburgs, abgelegen von der eigentlichen Innenstadt, ein solcher Ort etabliert, mag man sich nun fragen. Doch gerade wenn sich das kulturelle Leben zunehmend zentral verdichtet, kommt Orten wie der Schmiede eine besondere Bedeutung zu. Denn ohne solche bliebe der Zugang zu Kunst und Kultur, trotz geografischer Nähe zur Innenstadt oft erstaunlich fern. Zwar mögen die Wege kurz erscheinen, doch können äußere Umstände, seien sie infrastruktureller, finanzieller oder sozialer Natur, schnell dazu führen, dass die Stadtteile stark vom kulturellen Geschehen abgeschnitten sind. Die starken Schneefälle der vergangenen Wochen haben das auf ganz praktische Art und Weise erst nochmal verdeutlicht. Selbst die scheinbar erreichbarsten Ziele und Wege wurden unpassierbar und zeigten, wie fragil die Verbindung zum Zentrum bisweilen im schlechtesten Fall sein kann. Umso wichtiger ist es also dorthin zu gehen, wo Menschen leben, einkaufen, sich Tag für Tag begegnen - mitten in ihren Alltag hinein. Die Schmiede ist nicht bloß Ausstellungsraum oder Veranstaltungsfläche, sondern ein Anker kultureller Teilhabe innerhalb des Stadtteils. Kultur, direkt aus der Nachbarschaft. Foto: Michael Uhl Man könne eine Stadt nicht ausschließlich über die Innenstadt denken, wenn die meisten Menschen eigentlichen in der Fläche wohnen und durch die Coronapandemie habe sich das gesellschaftliche Leben ohnehin oftmals in die eigenen vier Wände oder der Fokus auf die eigene Familie verschoben. "Aber wo begegnet man sich da noch?", so Michael Uhl. Deshalb ist es mindestens genauso wertvoll, was zwischen den Programmpunkten passiert. Orte wie die Schmiede schaffen Begegnungen, die andernorts eher selten geworden sind: zwischen Generationen, sozialen Hintergründen und Lebensentwürfen. Gerade weil sie eben nicht als exklusiver Kulturtempel auftreten, sondern barrierearm und offen auftreten und in der unmittelbaren Nachbarschaft verortet sind. "Da fahre ich immer wieder dran vorbei.", "Das ist doch gleich bei mir um die Ecke.", all diese Gedanken können bereits ausreichen, um Menschen dazu zu bewegen, einfach mal hereinzuschauen, zu bleiben und letztlich auch ins Gespräch zu kommen. Dass der Eintritt über ein solidarisches Preismodell geregelt wird, das grundsätzlich kostenlos ist und durch freiwillige Spenden ergänzt wird, ist nur die logische Konsequenz des Konzeptes. Kultur wird hier nicht nur konsumiert, sondern geteilt und so entsteht mit der Zeit ein Ort, der nicht nur Programm, sondern Gemeinschaft bietet - und das ist schlichtweg von unschätzbarem Wert, finden wir. Für Bloherfelde und für unser Oldenburg als Ganzes. Das aktuelle Programm rund um kommende Ausstellungen und Schmiede-Live Termine findet ihr auf der Website: www.bloherfel.de Einen Eindruck vom Kulturfestival Bloherfel.de erhaltet ihr über diesen Aftermovie:

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