THE SOUND OF MUSICAL
- 4. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Mai
Dass es auf dem Campus Haarentor der Carl von Ossietzky Universität ein Kino gibt? Wissen die meisten. Dass dort leidenschaftlich Theater gespielt wird? Ebenso. Vergleichsweise unbekannt ist dagegen, dass man dort auch Musicals erleben kann! Die Strehsical Company besteht aus etwa dreißig musicalbegeisterten Studierenden - und fasziniert das Publikum mit hoher Professionalität und enormer Leidenschaft!

Dass sich an Musicals durchaus die Geister scheiden können, hat vielleicht am besten die Diskussion um La La Land im Jahre 2017 gezeigt. Das sechsfach oscarprämierte (und vierzehn Mal nominierte) Musikspektakel war für die einen der beste Film seit Jahren, für andere eine kitschige Zumutung. Auch beim Staatsakt Nr. 12 zu „Next to Normal“ warfen wir die Frage auf, warum es das Genre bei den einen ganz leicht und bei den anderen überraschend schwer hat.
Mit einer Zumutung bekommt es an der Carl von Ossietzky Universität gewiss niemand zu tun, Im Gegenteil: Was eine engagierte Gruppe Studierender hier seit 2023 unter dem Namen Strehsical Company auf die Beine stellt, braucht sich vor großen Vorbildern nicht zu verstecken. Talentierte junge Menschen agieren hier auf einem Niveau, das vielleicht nicht sofort oscarreif ist, das aber exzellent unterhält - und mit dem höchst sympathischen Bonus daherkommt, dass die Stoffe von der Company komplett selbst entwickelt sind. Das gilt nach dem Debüt „Eingecheckt“ auch für das zweite Werk „Die Vergessenen“ - über das wir uns mit Darstellerin Jana Hagemann unterhalten haben.
STREHSICAL COMPANY:
DIE VERGESSENEN
18. APRIL, 19 UHR (TICKETS)
22. APRIL, 20 UHR (TICKETS)
26. APRIL, 16 UHR (TICKETS)
5. MAI, 20 UHR (TICKETS)
8. MAI, 19 UHR (TICKETS)
9. MAI, 19 UHR (TICKETS)
AULA A11
26129 OLDENBURG
Mehr Facetten durch Musik
Dass Musicals durchaus unterschiedlich wahrgenommen werden, ist auch Jana bekannt. Für sie ist die Sache jedoch klar: „Musicals sind emotional, dramatisch, vielschichtig und machen einfach Spaß.“ Mit Musik könne man einer Geschichte mehr Facetten geben, findet sie. „Ich liebe es beispielsweise, als Darstellerin die Gefühle meines Charakters über Musik zum Ausdruck zu bringen, weil es auf einer ganz anderen, stärkeren Ebene bewegt.“ Den Musikstudierenden mache einfach Spaß, Musik in Storytelling zu integrieren: „Es ist unsere Sprache“.

Storytelling ist ein gutes Stichwort. Denn im Fall von „Die Vergessenen“ wurde von der Handlung bis zum Bühnenbild alles von den Studierenden selbst gestaltet. Mit ihrer Murder Mystery Geschichte trifft die Strehsical Company einen Nerv, denn das Genre boomt. Die mittlerweile drei „Knives out“-Filme mit Daniel Craig als Detektiv Benoit Blanc werden millionenfach gestreamed, Serien wie „Death and other Details“ schreiben diese Erfolge episodenhaft fort. Doch anstatt einen der bekannten Stoffe zu adaptieren, haben sich die Studierenden das Vergnügen - oder: die Mühe - gemacht, selbst eine Geschichte zu schreiben. In der Aula an der Ammerländer Heerstraße - mit immerhin 300 Plätzen - ist also einzigartiges Material zu erleben, das es in dieser Form noch nirgendwo sonst zu sehen gab.
„Im Musical Ensemble des Musikinstituts haben wir die Möglichkeit, unsere Lieblingsstücke aus bereits existierenden Musicals zu singen und performen. Das möchten wir nicht missen“, betont Jana. Das eigene Projekt böte aber neuen Möglichkeiten, etwa das perfekte Stück für den Cast zu schreiben. „Wir haben viele Leute, die sich auf der Bühne, in der Band oder hinter den Kulissen selbst verwirklichen wollen und sollen! Mit eigenen Stücken haben wir die Freiheit, einen Charakter zur Handlung hinzuzufügen oder jedem einen Solo-Gesangspart zu geben.“ Buch, Songs und Skript zu entwickeln sei vor allem für das „Dreier-Dream-Team“ um Jonathan, Hakon und Doim ein wichtiger Teil des Spaßes.
Musicals als FreizeitvergnügenFast ein Fulltime-JobEin Musical schreiben, arrangieren, lernen, proben, aufführen? Das geht nicht mit halber Kraft und nebenbei. Wie viel Zeit und Leidenschaft es braucht, schildert Darstellerin Jana Hagemann hier.
![]() „Zu Beginn, also zu Jahresbeginn 2025, traf sich das vierköpfige Entwicklungsteam ein- bis zweimal wöchentlich zum Story-Brainstorming, während vor allem Jonathan und Hakon zwischen Seminaren und Abgaben ständig am Ausbau feilten. Im Sommer, als wir dem gesamten Kollektiv die Story vorstellten, trafen wir uns zur Workshop-Week, in der wir eine Woche zusammenwohnten und gemeinsam an der Gestaltung und Entwicklung des Musicals arbeiteten. Ab Oktober 2025 probten wir im Ensemble zweimal wöchentlich und auch die Band traf sich regelmäßig, bis im Februar und März die intensiven Probewochenenden dazu kamen. Das waren dann gut und gerne auch mal 20 Stunden zusätzlich zu den Proben unter der Woche und der Eigenarbeit wie Textlernen, Gestalten der Kostüme oder Bühnenbildbau. Es wurde also zeitweise schon fast zu einem Fulltime-Job!"
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Alles ganz logisch
Eine gute Geschichte allein ist gerade bei einem Musical aber natürlich nicht alles. Sie kann noch so spannend sein - wenn die Musik- und Gesangsparts nicht stimmig sind, dann werden sie von einer Attraktion schnell zu einem Störfaktor. Doch wie eingangs schon gesagt: Von derlei Zumutungen bleibt das Oldenburger Publikum verschont. Mehr noch: Die musikalischen Parts sind nicht nur Songs, die in ein Theaterstück eingebaut wurden. Die Studierenden haben ein harmonisches Musical geschaffen, in dem sich Geschichte und Gesang gegenseitig ergänzen und bereichern.

Und das ist immer noch nicht alles, wie Jana betont: „Wir müssen nicht nur schauspielern und singen, sondern teilweise auch tanzen!“ Die Komponenten ergänzen sich dabei aber gegenseitig: „Es ist dann nicht etwa dreimal so schwer, sondern es greift alles ineinander, weil man über alle drei Formen ja das Gleiche ausdrückt.“ Zudem könnten die unterschiedlichen Ausdrucksformen auch eine Merkhilfe sein: „Spricht der Baron von einer friedvollen Zukunft in Frankreich, schauen wir sehnsüchtig in die Ferne. Oder singen wir die Zeile 'Unter uns ist ein Mörder', beschuldigen sich alle Charaktere gegenseitig und zeigen aufeinander - logisch!“
Strehsical: Einzigartige Teamarbeit
Sechs Aufführungen sind im April und Mai 2026 zu sehen. Das sind sechs Gelegenheiten, etwas zu erleben, das Seltenheitswert besitzt. Nicht nur, weil es eine überaus spannende Murder-Mystery-Story zu sehen gibt. Und nicht nur, weil die Musik- und Gesangsparts von Menschen übernommen werden, die viel Talent mitbringen. Am eindrucksvollsten ist noch etwas anderes. Nämlich dass „Die Vergessenen“ in seiner Gesamtheit selbst entwickelt worden ist. Jeder Moment auf der Bühne entspringt den Gedanken der beteiligten Studierenden. Und siehe da: Gegenüber einigen Fließbandschreibern vom Broadway oder jenseits davon ist keineswegs ein Leistungsabfall zu verzeichnen. An der einen oder anderen Stelle erlebt man sogar Momente, die man sich in professionellen Produktionen oft herbeisehnt, auf die man dann aber vergeblich wartet.

Ein Grund für die hohe Qualität ist sicher die Stimmung im Team. „Für uns Musikstudierende steht natürlich besonders die Musik - von der Komposition über das Arrangement bis zur Performance - im Vordergrund“, erklärt Jana. „Besonders stolz sind wir aber mittlerweile auf unser Teamwork: Jeder von uns bringt seine individuellen Stärken ein, die sich alle super ergänzen.“ Als Kunststudentin kreiere Laura wunderbare Masken für die Kostüme, Valentina habe tolle Choreo-Visionen, Kolja kenne die Aula-Technik wie kein anderer, Jonathan und Hakon seien wahre Storytelling-Genies und außerdem verfüge das Ensemble über sehr talentierte Musiker:innen und Darsteller:innen.
„Uns alle verbindet eine große Leidenschaft für Musik und Musicals, die uns über uns selbst hinauswachsen lässt. Auf der Bühne kommt dann alles zusammen: Das Ergebnis ist ein Produkt aus dem Einsatz Einzelner und unserer einzigartigen Teamarbeit. Darauf sind wir besonders stolz und können es manchmal kaum fassen, dass wirklich alles geklappt hat!“

Einen Haken gibt es an der Produktion allerdings: Nach sechs Aufführungen ist erstmal Schluss. „Das Ende einer Aufführungszeit ist immer bittersweet, das kennen wir auch von unseren vorigen Projekten: Man arbeitet eine Ewigkeit dran und dann ist es gefühlt nach einem Augenschlag vorbei“, gibt Jana einen Einblick. Doch der Weg ist das Ziel: Für die Studierenden ist die gesamte Probezeit und die Zeit, die sie miteinander verbringen, noch mehr Wert als die Aufführungen. „Uns motiviert stets der Gedanke, welche neuen Projekte es geben könnte und welche Ideen uns noch vorschweben. Auch, wenn viele von uns nun die Uni verlassen werden, wird die Strehsical Company nicht stillstehen - es muss weitergehen!“
Eindrücke von „Eingecheckt“Wie klingt ein Musical aus Oldenburg?Im Jahr 2024 produzierte die Strehsical Company ihr Debütwerk „Eingecheckt - Eine Woche Niemand“, das damals mit einem Cast von etwa 20 Personen im Unikum auf dem Campus Haarentor der Carl von Ossietzky Universität aufgeführt wurde.
Dazu hat das Ensemble ein Studio-Album aufgenommen, das ihr euch auf Spotify anhören könnt. So gewinnt ihr einen guten Eindruck davon, wie ein Musical made in Oldenburg klingt.
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Studierende statt Superstars

Das Campus-Kino Gegenlicht kennen wir seit vierzig Jahren, die Theaterproduktion des OUT und anderer Gruppen ähnlich lange. Musicals sind auf dem Campus Haarentor aber erst seit kurzem zu erleben. Anders als in „La La Land“ müssen auf der Bühne der Aula A11 aber keine Superstars wie Ryan Gosling oder Emma Stone auf der Bühne stehen. Das Ensemble der Strehsical Company ist selbst in der Lage, ein tolles Musical-Erlebnis zu kreieren. Dafür mag es keine Oscars geben, dafür aber die Anerkennung des Oldenburger Publikums.
Das übrigens besteht keineswegs nur aus Studierenden: „Unser Projekt ist längst kein Uni-Projekt mehr. Unser Murder-Mystery-Musical ist für alle, die Musik und Schauspiel genießen und die Oldenburger Kulturszene im Blick haben!“ Die ideale Gelegenheit also, direkt vor der eigenen Haustür etwas ganz Neues zu entdecken, zu genießen und zu unterstützen. Unser Interesse hat die junge Gruppe allemal verdient - und nach der Vorstellung ganz sicher auch: unseren Applaus.



