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WILD UND LEISE

Das Oldenburgische Staatstheater hat das Programm für die neue Spielzeit vorgestellt - die erste unter der Leitung des neuen Generalintendanten Georg Heckel. Eine Stunde lang ging es um viele spannende Neuerungen und Attraktionen, aber auch um so manche erhaltene Tradition.


Neues Wir-Gefühl: Das Staatstheater bleibt dasselbe, die Protagonist:innen wechseln. (Bild: Kulturschnack)

Über das Ritual der alljährlichen Pressekonferenz zur Vorstellung der nächsten Spielzeit des Staatstheaters müssen wir hier nicht mehr viel erwähnen: Thorsten hat in seiner Kolumne ausführlich darüber geschrieben. Der Vollständigkeit halber sei nur so viel erwähnt: Auch mit neuem Personal ändert sich nichts Grundsätzliches an der Veranstaltung.


Eine Sache war aber doch anders als sonst: das Tempo. Georg Heckel setzte für alle Wortbeiträge auf dem Podium ein - freilich nicht ganz ernst gemeintes - Zwei-Minuten-Limit. Damit sollte garantiert sein, dass sich keiner der Beteiligten in endlosen Ausführungen verliert, so aufschlussreich und unterhaltsam sie auch sein mögen. Die Botschaft: Wir haben viel zu erzählen, halten wir uns ran.


In der Praxis zeigte sich jedoch, dass zwei Minuten selbst dann knapp bemessen sind, wenn man nur die Vorahnung eines groben Eindrucks davon vermitteln will, was ab September auf den Bühnen des Staatstheaters geschehen wird. Und so entstand ein temporeicher und unterhaltsamer, aber auch hoch verdichteter Parforceritt der neuen Spartenleiter durch die Spielzeit 24/25 des Oldenburgischen Staatstheaters.


ERSTE SPIELZEIT UNTER GEORG HECKEL MEHR ALS TITEL UND TERMINE Na klar: Die erste Spielzeit eines neues Intendaten genießt immer eine besonders hohe Aufmerksamkeit. Alle sind neugerig, was in den kommenden Monaten auf den diversen Bühnen gespielt wird. Aber: Das ist noch mehr.



Und zwar die persönliche Ebene. Wer ist denn dieser neue Intendant? Wie ist seine Geschichte, welches sind seine Überzeugungen, was treibt ihn an, was macht ihn aus? All das erfährt man auf der Pressekonferenz bestenfalls in Nuancen und Zwischentönen, für ein vollständiges Portrait reicht das aber nicht. Dafür gibt es eine andere Lösung: Unseren neuen Podcast! In Folge 28 ist nämlich Georg Heckel zu Gast und erzählt über seinen Weg nach Oldenburg und seine Vorstellungen vom Theater der Gegenwart. Da wir dieses Gespräch eine Woche vor der Spielzeit-PK geführt haben, ist das Programm selbst noch kein Thema. Umso mehr Raum gibt es für Persönliches - hört euch das unbedingt an.


Der stumme Star


Den Auftakt machten an diesem Vormittag aber nicht etwa die Begrüßungsworte von Georg Heckel, sondern der stumme Star dieses Termins: Das Spielzeitheft - das stets mehr ist, als sein Name sagt. Natürlich findet man dort alle relevanten Informationen und Antworten auf die Fragen nach dem Was, Wer, Wann und Wo. Daneben ist dieses Büchlein aber immer auch eine Hommage an das Theater und die Menschen die dort - vor und hinter den Kulissen - arbeiten. Wer es kitschig mag, könnte es deshalb als einen ausschweifenden Liebesbrief an die Theaterkultur verstehen, denn die Leidenschaft eben jener Menschen ist überall zu spüren.



Spannende Motive: Über die Bilder werden Menschen vorgestellt, aber letztlich auch kleine Geschichten erzählt. (Bilder: Stephan Walzl)


Auffällig ist bei diesem Mal aber noch mehr, denn das Staatstheater hat wieder ein Logo. Auf der Titelseite des strahlend weißen Spielzeitheftes strahlt den Betrachter:innen ein filigranes, dreidimensionales „O“ entgegen. Das steht allerdings für mehr als nur den Anfangsbuchstaben des Theaterstandorts. „Oldenburg bildet den Mittelpunkt und strahlt in alle Richtungen aus“, erklärt Georg Heckel. Und kündigt damit mehr an, als man zunächst denkt. Denn dieses Ausstrahlen lässt sich auch progammatisch wiedererkennen.



Volles Programm


Zunähst geht es aber um erste Highlights des Spielplans. Ein spürbares Anliegen ist dem neuen Intendanten dabei der Auftakt in die neue Spielzeit: Carl Maria von Webers „Freischütz“ in einer Neubearbeitung von Susanne Felicitas Wolff. Die romantische Oper ist ab dem 14. September zu sehen, eine Einführungssoiree findet am 9. September statt - ein Tipp für alle jene, die sich (noch) nicht zur den Opern-Expert:innen zählen. Auch auf das hochaktuelle Musical „Cabaret“ weckt Georg Heckel Vorfreude. Zwar spielt es in den 1920er Jahren, blickt aber auf eine jüdische Geschichte inmitten eines aufkeimenden Antisemitismus - eine Konstellation, die aktuell eine traurige Renaissance erlebt. Diese Parallele macht „Cabaret“ zum Muscial der Stunde.



„Theater bleibt immer ein lohnender Versuch, die Dinge hinter den Dingen zu erkennen und die Welt reicher zu machen, mehr zu sehen, sich anregen und verführen zu lassen.“ (Georg Heckel)


Man könnte sich in dieser Form durch das gesamte Programmheft arbeiten und würde viele charmante oder sogar spektakuläre Entdeckungen machen. Zum Beispiel den bemerkenswerten Brückenschlag der Schauspiel-Sparte von Sophokles' „Antigone“ über „Wald“ bis zur KI-Zukunftsvision „2048“, der zweitausend Jahren Menschheitsgeschichte abdeckt und nach Antworten auf die Frage sucht, was der Mensch überhaupt ist und wie er mit seinesgleichen umgeht. Oder die hohe Klassikerdichte um „Macbeth“, „Der Schimmelreiter“ und „Die Farm der Tiere“. Doch dieses Vorhaben verhindert die Zwei-Minuten-Schallmauer, die wir unweigerlich schon an dieser Stelle durchbrochen hätten. Für einen genaueren Überblick ist ja auch das Programmheft da. Wir werfen den Blick hier lieber auf einige Neuerungen.




Ein kleiner Einblick: Das Spielzeitheft ist auch in diesem Jahr prallgefüllt. In ganzer Pracht findet ihr es hier - oder an der Theaterkasse.


Jenseits des Theaterwalls


Zu diesen Neuerungen gehören zwei Formate, mit denen das Staatstheater seine angestammten Spielstätten bewusst verlässt, um Menschen zu ereichen, die sonst nur selten am Theaterwall zu Gast sind. Das sind zum einen die Kinder und Jugendlichen in den Kitas und Schulen. Für sie gibt es die Oper „Ritter Odilo und der strenge Herr Winter“ als mobile Produktion. Für die gewissermaßen gegenteilige Zielgruppe - nämlich Senior:innen in Altenheimen - ist das Erzählkonzert „Lieder von früher“ gedacht. Mit ihm ermöglicht das Staatstheater mobilitätseingeschränkten Personen, „etwas zu tun, was sie vielleicht ihr Leben lang geliebt haben“, betont Georg Heckel die emotionale Dimension.


Beides - die Besuche der Kindergärten und Schulen als auch der Seniorenheime - belegen eine Haltung der neuen Intendanz: Auf das Publikum darf man nicht nur warten, man muss es auch aktiv (be-)suchen. Und manchmal muss man einfach für die Menschen da sein.


Gute Stimmung: Auch die Beteiligten freuen sich auf die Spielzeit 24/25. (Bild: Kulturschnack)

Bühne frei für Politik


Ebenfalls neu ist ein Talkformat, das die große Politik auf die Bühne des Staatstheaters holt. Neben bekannten Persönlichkeiten wie Gregor Gysi oder Agnes Strack-Zimmermann wird auch Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann zu Gast sein. „Hier kann man Prominente hautnah erleben“, verspricht Georg Heckel. Welche Akzente die Moderation setzt, wird abzuwarten sein - doch schon jetzt deutet sich an dieser Stelle ein gesamtgesellschaftliches Rollenverständnis des Staatstheaters in der Ära Heckel an.


Das zeigt sich auch anhand einer ungleich kleineren Veränderung: Der „Opernball“ wird in Zukunft „Theaterball“ heißen und damit letztlich treffender betitelt sein: „Es ist ein Abend vom ganzen Theater - für die ganze Stadt“, erklärt der Generalintendant. Das wird nun besser transportiert als zuvor und passt gut ins Gesamtbild. Politisch wird es aber auch zugehen in der Exerzierhalle, wo der Technical Ballroom zwar Geschichte ist, wo mit DigitEX aber ein digitalanaloges Nachfolgerformat an den Start geht, und bei der Sparte 7, die mit vielen Kooperationen die Demokratisierung des Theaters vorantreibt und u.a. mit dem pertizipativen Format „Rat der 7“ im Salon 7 in der Baumgartenstraße zu Gast ist. Insofern verspricht die neue Spielzeit nicht nur Unterhaltung - sondern auch Haltung.

Lasst die Korken knallen


Es gäbe noch sehr viel mehr zu berichten und anzukündigen, von Oper, Konzert, Schauspiel und Ballett, vom Jungen Staatstheater, der Theatervermittlung und der Sparte 7. Doch wer die Pressekonferenz des Staatstheaters nicht besuchen konnte, muss sich nicht zwangsläufig grämen. Denn die frohe Botschaft lautet: Das neue Spielzeitheft ist da. Das muss zwar ohne die spürbare Leidenschaft der Akteur:innen auskommen, weckt aber auf seine Weise große Vorfreude auf die Zeit ab dem 17. August - denn an diesem Tag knallen mit dem Theaterfest und Tag der offenen Tür erstmals so richtig die Korken. Euch erwartet eine Mischung aus Innovation und Tradition, aus Opulenz und Reduktion, aus Klassik und Moderne und aus: wild und leise. Seid gespannt, wir sind es auch!

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