KOLUMNE: NOCH LANGE NICHT GENUG
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Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.

Ich habe vor ein paar Tagen eine alte Tocotronic-Platte rausgekramt. Obwohl der Titel „Nach der verlorenen Zeit“ betont bildungsbürgerlich von Marcel Proust inspiriert ist, spiegelt sie ziemlich gut die postpubertäre Rotznasenphase des Hamburger Trios wider. Gleich im ersten Song gibt es die Ansage: „Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss!“ Und während Dirk von Lowtzow diesen Satz ständig wiederholt, wird mir klar: Genau diese Ambivalenz fühle ich alljährlich am 8. März. Weil es an diesem Tag um Frauenrechte geht, fühle ich mich eigentlich nicht in der Lage, die passenden Worte zu finden. Wie könnte ich? Aber eben weil ich ein Mann bin, habe ich das Gefühl, mich trotzdem äußern zu müssen. Schließlich gehöre ich zu jenen, die einen Frauentag überhaupt erst so dringend nötig machen.
Ich habe mich zuletzt meist an die Philosophie von Tocotronic gehalten und geredet, auch wenn ich schweigen müsste – unter anderem im vorletzten Jahr an dieser Stelle. Der Tenor war stets: Frauen an die Macht! Das hatte nie etwas mit Trends, Zeitgeist oder billiger Anbiederei zu tun, sondern einzig und allein mit meinen persönlichen Erfahrungen. Ich habe den Austausch mit Frauen schon immer als extrem wertvoll empfunden und es erscheint mir vollkommen absurd, darauf verzichten zu wollen. Männerzirkel? Bro-Kultur? Verstehe ich einfach nicht. Das ist in etwa so, als würde ich in einem Buch nur jede zweite Seite lesen: Es fehlt die Hälfte, um wirklich verstehen zu können. Zudem hatte ich in beruflichen Kontexten oft das Gefühl, dass Frauen sich viel mehr für die Sache selbst interessieren, eine größere Sensibilität für Folge- und Nebenwirkungen sowie andere Meinungen aufbringen und sich weit weniger von egoistischen Motiven beeinflussen ließen. Das war – und ist – mit ziemlich sympathisch.
Mit Feingefühl und Durchsetzungskraft
Das Theater– und die Kultur im Allgemeinen – scheinen schon viel weiter zu sein als andere Bereiche der Gesellschaft. Es gibt dort viele starke, kluge, selbstbewusste, kreative Frauen – und ich habe nicht das Gefühl, dass sie übersehen oder überhört werden. Im Gegenteil: Sie sind in der Kultur vollkommen unverzichtbar, besetzen Schlüsselrollen, geben häufig sogar den Ton an - wenn auch bei den absoluten Spitzenpositionen durchaus noch Luft nach oben ist.
Dass die Theater eine so wichtige gesellschaftliche Funktion haben, die über Unterhaltung weit hinaus geht, dass sie dabei oft genau jene Töne treffen, die uns zum tieferen Nachdenken veranlassen – das haben wir vielfach dem Gespür und Feingefühl, aber auch der Durchsetzungskraft von Frauen zu verdanken.
Das heißt nicht, dass die Arbeit von Frauen in der Kultur grundsätzlich besser bewertet würde als jene von Männern. Die einseitige Bevorteilung eines Geschlechtes fühlt sich immer falsch an, egal wer davon profitiert. Aber machen wir uns nichts vor: „Wir Männer“ haben uns gegenseitig so lange Posten, Vorteile und Macht zugeschoben und die entsprechenden Strukturen so tief in unsere Systeme eingefräst, dass die Frauen über Jahrhunderte besonders gefördert werden müssten, um das halbwegs auszugleichen. Nicht zuletzt deshalb gibt es den Weltfrauentag, nicht zuletzt deshalb ist seine Existenz allein aber noch lange nicht genug. Wie ich letztes Jahr schon schrieb: Dem Weltfrauentag folgen weiterhin 364 Weltmännertage.

Um noch einmal auf den Titel der Tocotronic-Platte – und damit auf Proust -zurückzukommen: Wir haben tatsächlich viel Zeit verloren, was die Gleichberechtigung von allen Geschlechtern angeht. Ob wir uns jetzt schon in der Phase danach befinden, in der wir es alle besser wissen und entsprechend handeln? Ich fürchte nicht. Deshalb ist der Weltfrauentag inzwischen vielleicht ein Ritual, aber längst keine Routine,
Die Lust aufs Matriarchat
„Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss“ – das war damals 1995 Ausdruck einer unbändigen jugendlichen Energie. Die haben viele von uns nie gehabt oder längst verloren. Aber es lohnt sich, in seinem Inneren mal wieder einen Funken zu schlagen, zumindest wenn es um den Weltfrauentag geht. Wir dürfen Fortschritte feiern, aber wir müssen kämpferisch bleiben. Nicht nur, weil ich das Gefühl habe, wir Männer sollten Jahrhunderte der Ungerechtigkeit so weit wie möglich korrigieren. Sondern auch, weil mein Eindruck ist, dass Frauen vieles besser können als wir Männer. Ich weiß, dass ist schrecklich vereinfacht und verallgemeinernd. Aber:
Ich hätte einfach Lust, eine Welt zu sehen und zu erleben, die von Frauen aufgebaut und bestimmt wird. Mit Blick auf die Lage der Welt muss man feststellen: Schlechter als „wir Männer“ könnten sie es keinesfalls machen.
Noch müsste ich für solche Utopien ins Theater gehen und damit leben, eine Fiktion zu sehen. Und wahrscheinlich werde ich es in Realität nicht mehr erleben. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf. Und deshalb muss ich reden, auch wenn ich schweigen muss.


