DIE WOLLEN DOCH NUR SPIELEN

Was ist eigentlich Jugendtheater? Nur eine Versuchsanordnung für Schauspielnachwuchs? Oder ist es vielleicht viel mehr? Wer erlebt hat, mit wie viel Enthusiasmus, Herzblut und Talent die jungen Schauspieler:innen agieren, weiß sofort: Jugendtheater ist lebensnah, gefühlsstark und mitreißend. Es ordnet sich dem „erwachsenen“ Theater nicht unter, es steht gleichberechtigt daneben. Warum da so ist, könnt ihr vom 2. bis 10. Juli selbst überprüfen - bei den Jugendtheatertagen 2022.


Mit dabei: Die Tanz- und Theatergruppe imTransit zeigt „Am Ende Polarlichter“ (Bild: Jugendkulturarbeit)

Nach zwei Jahren Pause - ihr ahnt, warum - kehrt das „Festival für junges Theater“ zurück nach Oldenburg. Realisiert wird es zum 14. Mal vom Theaterpädagogischen Netzwerk, dem Oldenburgischen Staatstheater, der Jugendkulturarbeit und dem Ev. Bildungshaus Rastede. Gespielt wird vor allem in der Exhalle am Pferdemarkt, aber auch im Kleinen Haus, in der Kulturetage und im Internationalen Jugendprojektehaus. Nach „Hart am Wind“ ist es das zweite Format innerhalb kurzer Zeit, dass Jugendtheater in den Mittelpunkt und die Öffentlichkeit rückt. Ist das nur ein Pflichttermin für Schulklassen in Vorfreude auf die Sommerferien? Oder sollte man auch dann einen Blick riskieren, wenn man im letzten Jahrtausend geboren ist? Die Antwort auf diese Frage ist überraschend eindeutig.



Theater der Generation Netflix


Starten wir mit einem kleinen Selbstexperiment: Was denkst du, wenn du den Begriff Jugendtheater hörst? Was erwartest du? Um es vorwegzunehmen: Viele rechnen mit normalen Theaterstücken, bei denen alles etwas einfacher und unausgereifter ist, als wenn Erwachsene auf der Bühne stünden. Das mag hier und da auch so sein. Aber darum geht es nicht. Denn Jugendtheater ist eben nicht die abgeschwächte Version eines großen Vorbildes. Es ist eigenständig - mit eigenen Themen, eigener Sprache und eigenen Stärken.


Ausdrucksstark: Concord Floral (Bild: Stephan Walzl)

Welches Potenzial Stoffe von und für junge Leute haben, war schon mehrfach Thema beim Kulturschnack. Immer wieder haben wir dabei festgestellt, dass diese Formate sich zwar von dem unterscheiden, was erwachsene Ensembles auf die Bühne bringen. Aber: in einem positiven Sinne. Nicht ist besser oder schlechter, es ist einfach anders.


Jugendtheater zeichnet sich dabei durch eine hohe Zugänglichkeit aus, die Theater für Zielgruppen attraktiv machte die sonst schwer zu erreichen sind. Denn die jungen Akteure sind Teil der Generation Netflix, sprechen die Sprache und denken die Gedanken der Binge-Watcher. Das bedeutet nicht, dass sie Streamingportale kopieren. Das bedeutet aber, dass sie die Gesetzmäßigkeiten der Gegenwart kennen und in ihre Inszenierungen einfließen lassen können. Und sowieso: wer sich von einer schauspielerischen Wucht mitreißen lassen möchte, der ist hier richtig.



Das große Missverständnis


Verbreitet ist zudem der Gedanke, Jugendtheater sei Theater von Jugendlichen für Jugendliche. Davon stimmt aber nur die Hälfte. Richtig ist, dass die Akteure vergleichsweise jung sind. Aber das heißt ja nicht, dass ihre Darbietungen automatisch nur für Gleichaltrige interessant wären. Ganz im Gegenteil: Gerade für Ältere bedeuten sie faszinierende Einblicke in andere Lebensrealitäten. Beziehungswiese: In die eigene Vergangenheit. Denn die meisten Älteren waren früher selbst mal jung. Der Blick zurück auf die großen Fragen, die großen Sorgen, die großen Hoffnungen ist eine Reise zurück in die eigene Gedankenwelt von damals - angedockt an die Kontexte der Gegenwart.


Szene aus „Und als der Prinz...“ (Foto: Stephan Walzl)

Kein Wunder, dass es immer wieder Jugendbücher und Jugendfilme gibt, die auch auf Erwachsene eine magische Anziehungskraft ausüben. Oder: Gerade auf sie? Es ist eine Mischung aus Unschuld, Romantik und Philosophie, die uns unwiderstehlich anzieht. Wer fühlt sich etwa bei „Stand by me“ nicht sofort in eine Zeit zurückversetzt, in der Alltag noch Abenteuer war?


Immer wieder ist es besonders faszinierend, wenn nicht ein Superheld, sondern ein junger Mensch einer großen Herausforderung gegenübersteht. Er bewegt sich nicht in ausdefinierten Korridoren aus Wissen, Erfahrung und Verpflichtung. Er ist gezwungenermaßen freier - und so ist auch das Jugendtheater. Es feiert diese Freiheit, die zu gleichen Teilen aus Unwissenheit, Gefühlschaos, Neugier und Abenteuerlust besteht. Sie ermöglicht Geschichten, die Erwachsene nicht glaubwürdig erzählen könnten. Sie ermöglicht Geschichten die zum Kern eines Themas vordringen, ohne vom Ballast des „Been there, done that“ erdrückt zu werden.



Keine Jugendlichen - keine Erwachsenen


Und obwohl alles tief berührend, brüllend komisch oder einfach nur schön anzusehen ist, geht es nicht nur darum. Jugendtheater ist zwar immer auch das Spiel für das Publikum. Es ist aber natürlich auch eine Form der Ausbildung. Und die ist in diesen Zeiten vielleicht wichtiger denn je. Denn eine der vielen Nachwirkungen von ungezählten Lockdowns ist ja, dass die Berufe in den Künsten nicht zwangsläufig attraktiver geworden sind. Wer soll in Zukunft auf den Bühnen stehen, wenn sie niemand mehr betreten mag?


LAUTER PREMIEREN


Was wir im regulären Theaterbetrieb herbeisehnen - nämlich die Premieren - gibt es bei den 14. Jugendtheatertagen beinahe täglich. So feiern die fünf Jugendclubs des Staatstheaters ihre Premieren allesamt im Rahmen des Festivals. Eine Übersicht findet ihr hier, das Programmheft könnt ihr hier runterladen.



Neben den Theateraufführungen zeichnet sich das Festival auch durch Workshops für junge Schauspieler:innen aus. Es geht also einerseits darum, die eigenen Fähigkeiten auf der Bühne unter Beweis zu stellen. Andererseits bieten sich auch viele Möglichkeiten, sie weiter zu verbessern.


Es gibt zwei Lehren aus dieser Zeit. Erstens: Kultur ist unverzichtbar und wir brauchen sie für unser seelisches Wohlergehen. Das haben aber vor allem jene gespürt, die sowieso eine Affinität zu ihr hatten. Zweitens: Kultur ist trotzdem nicht systemrelevant genug, um ihr Priorität zu verschaffen. Das eint sie mit den Schulen. Ausgerechnet diejenigen Orte, die unsere Gesellschaft entscheidend - und positiv - beeinflussen, bleiben also auf der Strecke, wenn es ernst wird.


Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, diese Fehlentwicklungen zu korrigieren. Kultur muss eine - nennen wir es mal einfach so - realistische Karriereoption sein. Denn jeder Kulturschaffende hat eine Außenwirkung und bereichert andere mit seiner Arbeit. Auch deshalb sollte man sich die Jugendtheatertage nicht entgehen lassen. Wir können dort ein Zeichen geben, wie wichtig uns ist, was die jungen Menschen dort tun.


Bedrohlich? „Innen ist der Klaus ganz anders“ thematisiert häusliche Gewalt. (Bild: Stephan Walzl)

Das haben wir davon


Die Jugendtheatertage sind ein Etikettenschwindel, aber vielleicht der angenehmste, den es gibt. Ja, es ist Theater von Jugendlichen. Aber nein, es richtet sich nicht nur an sie. Alle haben etwas davon: Die jungen Schauspieler:innen selbst natürlich, weil das Agieren auf der Bühne niemanden unverändert lässt. Das Publikum, weil es starke Performances von großartigen Talenten erleben darf. Die Standorte, weil hoffentlich viele junge Akteure eine längerfristige Karriere im Schauspiel anstreben und später die Theater bereichern. Und sogar die Wirtschaft, falls jemand unbedingt eine ökonomische Dimension braucht. Denn die Kultur ist eine eigener Wirtschaftszweig mit einer Bruttowertschöpfung im Volumen von über 100 Milliarden Euro. Das ist mehr als in der chemischen Industrie oder der Energieversorgung.


Unser Eindruck: Jugendtheater ist die Essenz des Schauspiels. Es mag hier und da weniger elaboriert sein und vielleicht fehlt die eine oder andere Reflexionsbene. Dafür ist es emotional, authentisch, unverfälscht. Im Grunde ist es so, wie man sich Theater wünscht: Echt, nah und stark. Die Jugendlichen liefern echte Schauspielkunst ab und sie verdienen dafür Resonanz und Applaus. Klar: die wollen nur spielen. Aber das ist so aufregend und spektakulär, dass man dabei unbedingt dabei sein sollte. Auch, wenn man längst erwachsen ist. Beziehungsweise: Gerade dann.