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- KOLUMNE: TREFFT EUCH, TAUSCHT EUCH AUS
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Zündfunken: Theaterstücke wie „Die Kunst der Komödie“ geben uns wichtige Impulse - für eigene Gedanken und für Gespräche nach der Vorstellung. (Bild: Stephan Walzl) Es ist ein Naturgesetz: Wer eine Kolumne schreibt, wiederholt sich irgendwann. Das kann versehentlich passieren, weil man den Überblick verliert. Aber auch ganz bewusst – und das ist hier der Fall. Aber keine Sorge: Ich greife nicht etwa ein Thema wieder auf, das ich bereits durchgekaut habe. Vielmehr stelle ich eine Facette in den Mittelpunkt, die immer wieder mal in Nebensätzen auftaucht, der ich bisher aber keine größere Aufmerksamkeit geschenkt habe: Das Gemeinschaftserlebnis Kultur – und was es mit uns macht. Sehen wir der Wahrheit mal ins Auge: Wie sind ziemlich allein; vielleicht mehr als jemals zuvor. Wir merken es oft nicht, weil wir damit beschäftigt sind Newsfeeds zu checken, Messages zu beantworten oder Content zu posten. Die kleinen Geräte in unseren Händen sind eine Art Ersatzdroge für Zwischenmenschlichkeit. Sie erzeugen die Illusion, eben nicht allein zu sein, weil ständig etwas passiert. Dabei forcieren sie die Vereinzelung, weil das Starren auf den Screen zwangsläufig isoliert. Die Smartphone-Bühne mit all ihren Reels, Storys und Slides sieht nur jeder selbst. Ein Austausch dazu? Findet nicht statt. Wir halten die Welt in der Hand – doch wir sind allein mit ihr. Zwischenruf fürs Zusammenkommen Warum betone ich das hier? Es klingt doch so banal. Aber: Mir ist das trotzdem wichtig. Denn ich glaube, wir müssen unsere Schweigemauern möglichst oft brechen, wenn wir das Gefühl füreinander nicht endgültig verlieren wollen. Und dabei hilft uns die Kultur. Denn sie lässt uns zusammenkommen und aufeinandertreffen, sie lässt uns gemeinsam erleben und gegenseitig bereichern. Natürlich könnte man jetzt sagen: Alles schön und gut, aber auch Kultur erlebt man letztlich allein, weil man ja eben nicht mit dem Nachbarn quasseln oder sich auf dem Second Screen mit dem Rest der Welt austauschen darf. Stimmt. Aber genau diese Stille braucht es, um in uns etwas aufzubauen. Um tatsächlich große Gefühle und Gedanken zuzulassen. Um Meinungen zu bilden – nicht nur zum Gesehenen, sondern auch zu all dem, was uns frei assoziierend in den Kopf kommt. Gute Nachbarschaft: Mit der KulturTafel und der Sparte 7 teilen wir uns die Seite gern. (Screenshot: Kulturschnack) Derart aufgeladen suchen wir ein Ventil. Wir suchen das Gespräch über das, das wir soeben erlebt haben – und damit beginnt ein weiterer Akt. Wie erkläre ich, was ich empfunden habe? Verstehen die anderen, was ich meine? Habe ich überhaupt verstanden, was ich gesehen habe? Diese kulturelle Nachspielzeit sorgt dafür, dass wir wieder in den Austausch gehen, unsere eigenen Gedanken artikulieren und andere Meinungen akzeptieren. Das mag jetzt fruchtbar pädagogisch klingen. Nach dem Motto: Geht zur Kultur, ihr lernt was dabei! Ich will hier aber gar nicht mahnen und auch nichts schmackhaft machen. Es sind Dinge, die automatisch passieren, die unweigerlich ihren Lauf nehmen, weil die Kultur uns so inspiriert, bewegt, stört, überrascht, verändert. Sie ist Impulsgeber für die eigene Gedankenwelt. Sie legt frei, was in uns verborgen ist. Sie macht klar, was vorher diffus war. Wenn wir in Theatersesseln sitzen oder vor Konzertbühnen stehen, dann können wir gar nicht anders, als auf das Geschehen reagieren. Im besten Fall sind wir beseelt von dem, was wir sehen. Aber auch, wenn wir es argwöhnischer betrachten, skeptisch sind oder uns sogar ärgern, hat das alles einen Sinn. Hauptsache, es werden Emotionen frei – und wir wischen nicht gelangweilt zum nächsten Video. Die Rezeptoren weit geöffnet Wenn wir anschließend unsere Gedanken teilen – zum Thema, zur Handlung, zur Darbietung, zu was auch immer – dann stehen Meinung und Gegenmeinung nicht unversöhnlich im Raum. Weil all unsere Rezeptoren weit geöffnet sind und wir den Drang nach Austausch verspüren, entsteht etwas, das wir in unseren Endgeräten nicht finden: ein Miteinander. Genau das brauchen wir gerade so dringend, um der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Wir sind alle gar nicht so unterschiedlich. Deswegen sollten wir uns nicht von unseren Screens an der Nase herumführen lassen, sondern etwas ganz Verrücktes wagen: Mit anderen zusammentreffen und uns austauschen. Naturgesetze kann man nicht außer Kraft setzen, deshalb habe ich mich heute wiederholt. Fast alles andere kann man aber sehr wohl verändern. Die Vereinzelung unserer Gesellschaft mag zwar in vollem Gange sein und unsere Mobile Devices verschärfen den Trend zur Scheinwelt immer weiter. Ich hoffe aber, dass es viele gibt, die damit nicht zufrieden sind. Haben Sie auch keine Lust auf Matrix und Metaverse? Dann lassen Sie uns treffen, lassen Sie uns reden. Und wann sollte das besser gehen als mit frischen Inspirationen von einer Bühne?
- SAGE UND SCHREIBE
Diese Überschrift dient im allgemeinen Wortschatz als Stilmittel des Betonung. Im Sinne von: wirklich, tatsächlich, kaum zu glauben. Man kann sie aber auch wortwörtlich verstehen: Einfach mal seine Gedanken in Worte fassen und laut aussprechen. Oder: sie in Texte verpacken und dauerhaft festhalten. Das klingt alltäglich? Ganz genau - und genau deshalb werden das Sagen und das Schreiben oft unterschätzt. Höchste Zeit, sich ihren Wert bewusst zu machen. Sie stecken in jedem von uns: Die guten Geschichten, die es wert sind, aufgeschrieben zu werden - am besten von uns selbst. (Bild: Shutterstock) Man stelle sich eine Zivilisation vor, in der niemand spricht und schreibt. Was bliebe übrig? Eine stumme Welt, in der keine Kommunikation exitsiert. In der man sich anschweigt und parallel existiert, ohne viele Überschneidungen oder Gemeinsamkeiten zu haben. In der niemand lernt, versteht, nachvollzieht. Eine Welt also, in der es keinen Fortschritt geben kann. Zugegeben: Manches davon erinnert uns fatal an die gegenwärtige Realität. Immerhin aber gibt es in der Weltpolitik noch Versuche der Kommunikation und somit auch Hoffnung auf Veränderungen zum Besseren. Bis zu diesem Punkt ist unsere Zivilisation aber nur gekommen, weil sie eben doch miteinander kommuniziert, sich austauscht und daraus Erkenntnisse gewinnt. Weil wir: sagen und schreiben. Und weil wir Freude daran haben, unsere Gedanken in Sprache zu verpacken. Sprachverliebt: Anja Seemann. (Bild: privat) Genau das fördert Anja Seemann. Die 37-Jährige hat u.a. Germanistik mit Schwerpunkt Literaturwissenschaften studiert. Für sie ist die Leidenschaft für Sprache schon lange ein ganz selbstverständlicher Teil ihres Alltags. In ihr wuchs jedoch der Wunsch, die Faszination mit anderen zu teilen- und so entstand das Projekt „ sage & schreibe “. Dessen Titel darf man duchaus wörtlich nehmen: Es gibt nämlich monatliche „Schreib-Dates“ und Workshops, bei dem es um die gemeinsame Textproduktion an ausgesuchten Orten wie der Schöne Dinge Meisterei oder dem Veggiemaid geht. Aber auch das „sagen“ spielt eine Rolle, denn zwiemal jährlich finden Lesungen der eigenen Texte - und ein Austausch darüber - im Theater Unikum statt. Wir haben mit Anja über „sage & schreibe“ gesprochen und dabei nicht nur einiges über ihr Herzensprojekt erfahren, sondern auch über den Reiz unserer vermeintlich alltäglichen Sprache. Anja, du bist hast unter anderem Germanistik und Anglistik studiert. Was reizt dich an Sprache und der Literatur? Sprache ist für mich ein besonderer Ausdruck des die-Welt-Verstehens. Das Schreiben ist für mich mein wichtigster Mechanismus zum Festhalten an der schnelllebigen Zeit. Sprache zoomt rein und raus. Ein Satz kann ganz pragmatisch sein und der nächste wieder poetisch. Sprache ist für mich immer Ausdruck von Vielfalt. Lieferte die Inspiration: Schreibcoachin und Bloggerin Kea von Garnier. (Bild: Nathalie Scholl) Im Theater, bei Lesungen oder Poetry Slams steht die Sprache im Mittelpunkt. Du hast mit „sage & schreibe“ aber ein ganz eigenes Format entwickelt. Wie kam es dazu? In der Corona-Zeit gab es viele Einschnitte. Das Leben war auf den Kopf gestellt und tatsächlich bin ich dieser Zeit persönlich dankbar: Da habe ich mein kreatives Schreiben wieder hervorgekramt dank Kea von Garnier , die eine online Schreibwerkstatt angeboten hat. Danach war ich als Co-Moderatorin dabei – weiterhin online. Irgendwann entstand der Gedanke: Das muss doch auch analog funktionieren! Und tatsächlich – es klappt aus meiner Sicht sogar noch besser! Das Format fokussiert sich nicht zu sehr auf das Endprodukt, sondern nimmt den Prozess in den Fokus. Und klar haben wir in Oldenburg ein buntes Kulturprogramm und auch Lesungen – jedoch ist die Mehrheit dessen an Bekanntheit oder auch Erfolg gekoppelt. Bei den Lesungen von sage & schreibe ist zentral, dass alle Texte für sich stehen und wir keine direkte Bewertung vornehmen, wie beispielsweise beim Poetry Slam. Was genau bietet sage & schreibe? Was kann man dort machen? Wie ist die Atmosphäre? Das Format sage & schreibe ist ganz wörtlich zu verstehen: Der „sage-Teil“ findet sich in Lesungen wieder. Der „schreibe-Teil“ ist heute das Herzstück des Formats. Das bedeutet konkret: Monatliche Schreibdates im Atelier der Schönen Dinge Meisterei und Workshops z.B. im/ab Mai Schreiben zum Film im Cine K , ein Schreibkreis als Paket über sechs Termine mit einem festen Teilnehmendenkreis und ab dem Sommer das Event "Write at Night", Schreiben im Café oder Nature Writing im Botanischen Garten . Neulich habe ich zum esrten Mal ein Schreib-Retreat über ein Wochenende organisiert. Das war so toll! Auch längere Angeboten wird es künftig geben. Insgesamt sind das Angebote, die zum Schreiben anregen. Wir lernen neue Tools, Methoden oder Übungen kennen. Ich verstehe mich auch als Plattformgebende für Schreibräume. Ich bin immer wieder fasziniert von der Offenheit und Verbundenheit, die sage & schreibe fördert. Das Auge schreibt mit: Anja legt Wert auf eine stimmungsvolle Atmosphäre. (Bild: Anja Seemann) Wie beobachtest du die Teilnehmer:innen? Was macht die intensive Auseinandersetzung mit der Sprache mit ihnen? Die Teilnehmenden sind sehr aufgeschlossen gegenüber den Übungen und super fokussiert – gerade in den freien Schreibzeiten. Wir sind immer wieder überrascht, wie viel wir in einer Stunde ganz konzentrierter Arbeiten an unseren Projekten schaffen. Auch das Schreiben bedarf viel Übung und so starten wir immer mit einer kreativen Übung, bevor es in die freie Schreibzeit geht. Ich erlebe, dass die Schreibdates wie ein Türöffner funktionieren. Dass aus Ideen fertige Texte werden oder als wertvolles Übungsfeld dienten. Dass Ziele gesteckt werden, dass das Schreiben verbindet und uns ähnliche Themen beschäftigen. Der Alltag überlagert leider ab und an unsere Kreativität und zusammen schaffen wir es, das einsame Schreiben in einen gemeinsame Aktivität zu verwandeln – und das motiviert mich sehr und genau das schätzen auch die Teilnehmenden. Ich erlebe daher auch regelmäßig dankbare Worte für mein Engagement. Die Teilnehmer:innen präsentieren ihre Arbeiten auch öffentlich. Was erwartet das Publikum? Genau. Zwei feste Lesungen gibt es pro Jahr im Unikum der Uni Oldenburg. Diese Abende beschreibe ich gern als einen bunten Blumenstrauß an Menschen und Texten. Die Lesenden gestalten selbst die Bühne, auf der sie lesen. Ich moderiere durch den Abend und lege großen Wert darauf, dass wir das Schreiben wertschätzen und auch den Mut sehen, den es kostet, eigene – größtenteils unveröffentlichte – Texte öffentlich zu machen. Gespür für Details: An Texten kann man lange arbeiten, is alles passt - an guter Gestaltung auch. (Bild: Anja Seemann) Welche Ziele verfolgst du selbst mit sage & schreibe? Eine Förderung der Sprachkultur? Die Ausbildung von Literat:innen? In erster Linie finde ich es wichtig, dass wir uns bewusst Zeit für Kreatives nehmen. Ich schreibe grade an meinem ersten Roman und nutze natürlich die Schreibzeit auch, um weiter an meiner Geschichte zu arbeiten. Mir ist es sehr wichtig, einen niedrigschwelligen Raum zu schaffen. Ich möchte Hürden abbauen. Ich freue mich, wenn das Schreiben einfach Spaß bringen kann – nicht alles muss immer das eine gradlinige Ziel verfolgen. Das Leben ist ernst genug – sage & schreibe soll deshalb ein warmer, herzlicher Ort für gemeinsame Kreativzeit sein. Das Format darf also auch ein Experimentierraum sein. Und natürlich freue ich mich, wenn sich durch die Fokussierung auf die Wirkung von Sprache auch die Sprachkultur gefördert wird. Ich glaube, dass das eine dann das andere bedingt: Ich setze mich intensiv mit einem Thema/Projekt schreibend auseinander und verstehe nach und nach mehr, was Sprache bewirken kann. Das muss aber eben nicht nach außen in einem Buch münden, das dürfen auch Erkenntnisse sein, die nach innen wirken. Sprich es aus, schreib es auf Zum Glück ist die Vorstellung einer stummen Welt nur ein dystopisches Gedankenspiel. Wir Menschen sprechen miteinander und daran wird sich auch nichts ändern - egal, wer gerade die Weltordnung durcheinander würfelt. Erkennbar ist jedoch, dass unsere Sprache wegen ihrer Zweckmäßigkeit häufig nicht wertgeschätzt wird. Die bewusste Auseinandersetzung fehlt. Und das ist paradox, denn sie ist gleichzeitig wichtig und schön. Bühnenreif: Zweimal im Jahr können Interessierte ihre Texte im Theater Unikum vorstellen. (Bild: Anja Seemann) Umso wertvoller sind Initiativen wie „sage & schreibe“. Anja Seemann hat ihren zunächst flüchtigen Gedanken - „Das muss doch auch analog gehen!“ - glücklicherweise nicht verworfen. Vielleicht hat sie ihn gar laut ausgesprochen oder aufgeschrieben. Das folgende Experiment ist jedenfalls vollauf gelungen - und Oldenburg um ein attraktives Angebot zu unserem vielleicht wichtigsten Kulturgut reicher. Wer Sprache also nicht nur dazu benutzen möchte, um knappe Captions zu formuliern oder kurze Messages zu verschicken, und wer stattdessen tiefer eintauchen will in ihre zahlreichen Nuancen, Möglichkeiten und Wirkungsweisen, sollte sich „safe & schreibe“ unbedingt näher anschauen. Und wer weiß? Vielleicht ist dieses Angebot der entscheidende Zündfunke für eure Literaturkarriere. Deshalb: Sagt, schreibt - seid dabei!
- MITTERNACHT 24/7: DAS FÜRCHTEN LERNEN
Um zwölf Uhr nachts beginnt sie: Die Geisterstunde. Viele Menschen verbinden diesen besonderen Moment des Tages mit einem Gruselfaktor. Doch was ist eigentlich dran an dem Glauben, dass um Mitternacht seltsame Dinge passieren? Welche Rolle spielen wir selbst dabei? Und was haben die Gebrüder Grimm damit zu tun? Diese Fragen beantworten Merle Smalla und Luis Janßen mit ihrer interaktiven Ausstellung „Mitternacht 24/7“. Taucht ein in eine fantastische Parallelwelt! Geisterstunde: In Grimms Märchen macht sich ein namenloser Protagonist auf den Weg, den Grusel zu entdecken. Am Ende findet er aber etwas ganz anderes. (Bild: Kulturschnack) Aschenputtel, Dornröschen, Rotkäppchen: Viele Märchen, die von den Gebrüdern Grimm niedergeschrieben wurden, kennt tatsächlich jedes Kind. Es gibt aber auch kleine Schätze der beiden Geschichtensammler , die den meisten noch unbekannt sind. Zu ihnen gehört „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“, das im Jahre 1812 erstmals veröffentlicht wurde und von einem Jungen handelt, der sich mitternächtlichen Mutproben stellt. Nun können wir die Reise des namenlosen Protagonisten selbst nacherleben - praktischerwerise nicht in einem finsteren Wald oder einem dunklen Schloss, sondern mitten in der Oldenburger Innenstadt. In den alten Gemäuern des Gebäudes in der Baumgartenstraße 6 haben die freischaffende Künstlerin Merle Smalla und der Grafiker/Filmemacher Luis Janßen in Zusammenarbeit mit Raum auf Zeit eine faszinierende Parallelwelt erschaffen. Man könnte sie als eine Mischung aus interaktivem Ausstellungsparcours und literarischer Rauminstallation beschreiben, oder aber als einen fantastischen Ort, der euch aus dem Alltag entführt - und womöglich das Fürchten lehrt. Darunter könnt ihr euch nichts vorstellen? Wunderbar! Dann könnt ihr nämlich direkt weiterlesen. MITTERNACHT 24/7 4. APRIL - 26. APRIL 2025 MI - FR 14:30 BIS 19:30 UHR SA 12:30 BIS 17:30 UHR BAUMGARTENSTRAßE 6 26122 OLDENBURG Täuschende Eindrücke Nein, gruselig ist es nicht gerade, als wir uns mit Merle und Luis treffen, um uns über ihr Projekt zu unterhalten. Die Sonne strahlt, die Vögel zwitschern, eine frühlingshafte Leichtigkeit liegt über der Stadt. Wie nur, fragt man sich, soll man angesichts dieses Szenarios das Fürchten lernen? Doch der Eindruck täuscht: Sobald man durch die Tür zur Baumgartenstraße 6 schreitet, ändern sich die Empfindungen. Wortlos begrüßt uns die Morbidität des Zerfalls und gibt einen Vorgeschmack dessen, was noch folgen mag. Und das ist noch sehr viel mehr als dieser erste Moment. Charme des Zerfalls: Das Gebäude Baumgartenstraße 6 ist der perfekte Ort für alle, die ausziehen wollen, um das Fürchten zu lernen. (bild: Kulturschnack) Merle und Luis stecken mitten in den Vorbereitungen für „Mitternacht 24/7“. Inspiriert wurden sie nicht etwa von aktuellen Horrorfilmen, sondern von den Gebrüdern Grimm, genauer gesagt von deren Märchen „ Von einem, der auszog, das fürchten zu lernen “. Ein sperriger, aber dennoch vielsagender Titel - schließlich ist er beinahe schon eine Inhaltsangabe. „Ich habe ein Märchenbuch von meinem Vater, das ist uralt, ziemlich zerfleddert und vollgekritzelt“, erzählt Luis. Dort habe er die Geschichte gefunden und sie sei ihm besonders in Erinnerung geblieben. „Von allen Märchen war es für mich das interessanteste. Bei vielen anderen Geschichten sind die Motive und die Moral so offensichtlich. Hier ist das viel weniger der Fall - und darin liegt der Reiz.“ Merles erste Begegnung mit dem Stoff passierte ebenfalls schon in der Kindheit anhand einer Märchen-Kassette: „Nach dem ersten Hören war ich erstmal traumatisiert“, lacht sie heute. Doch vieles von dem, was ihr früher gruselig erschien, inspiriere sie heute zu ihrer Kunst. „Manche sagen mir einen Hang zum Düsteren nach, aber ich breche das immer mit etwas Nettem oder Niedlichem“, erzählt sie und gibt auch für „Mitternacht 24/7“ Entwarnung: „Die Ausstellung wird kein Spukhaus sein. Es ist nicht unser Ziel, jemanden zu erschrecken.“ Zum Fürchten? Merle und Luis machen eigentlich einen sympathischen Eindruck. Und auch ihr Projekt „Mitternacht 24/7“ wird keineswegs eine Geisterbahn sein. (Bild: Kulturschnack) Faszination Mitternacht Ein Spukhaus wird es bei „Mitternacht 24/7" also nicht geben, um die Begegnung mit der Angst wird es aber durchaus gehen. „ Furcht kann ja ganz viele verschiedene Ebenen haben“, erklärt Merle. „Bei uns wird es aber nicht um Existenzängste gehen, sondern um den irrationalen Grusel, das man im Dunkeln spürt und der von der eigenen Fantasie verursacht wird.“ Sie selbst schaue gerne Horrorfilme und gehe auch gerne in Geisterbahnen, aber vor allen Dingen aus Studienzwecken. „Ich möchte beobachten, was Grusel in mir auslöst und wie Grusel funktioniert, vor allem wenn er ganz subtil ist.“ Das bedeute aber nicht, dass sie selbst vollkommen angstfrei sei. Im Gegenteil, in der Dunkelheit habe sie durchaus Angst - und überraschenderweise auch vor Masken, wie man sie etwa bei der Fasnacht sieht. „Das betrifft aber nicht diejenigen, die sich selbst anfertige“, schmunzelt sie. Ist ihre Kunst also eine Konfrontationstherapie? So weit will Merle nicht gehen. „Mich fasziniert die Ambivalenz der Furcht: Warum ängstigt uns das eine, das andere aber nicht - und beim nächsten ist es genau umgekehrt?“ Das Fürchten lernen: Im Jahre 1889 illustrierte H. J. Ford das Märchen aus Grimms Sammlung unter anderem mit diesen Bildern. (Bilder: Wikipedia, gemeinfrei) Luis dagegen ist jemand, der erstmal ausziehen müsste, um das fürchten zu lernen: „Ich grusele mich nur selten. Gerade deshalb fände ich so ein Experiment ganz spannend, drei Nächte in einem Spukhaus zu verbringen.“ Die beiden 27-Jährigen bilden also die gesamte Bandbreite des Umgangs mit Ängsten ab und können sich daher umso besser in die Lage derjenigen versetzen, die in den kommenden Wochen ihre Ausstellung besuchen werden. Fürchtet euch nicht Und was erwartet sie bei „Mitternacht 24/7“? „Ich hoffe, dass sie vor allen Dingen überrascht werden und ein Format erleben, was sie gar nicht so richtig einordnen können, weil es sich mit nichts vergleichen lässt“, gibt Merle eine Antwort, die neugierig macht. Es sei ein Ausstellungsparcours in dem man Gestalten und Installationen begegne, der aber auch Interaktionen ermögliche. „Es wird tatsächlich auch viele kleine Überraschungen geben, man wird in dieser Ausstellung viel entdecken können - nicht zuletzt eine große Liebe zum Detail.“ Zudem werde es viele kleine Gags geben, berichtet Luis: „Humor darf bei uns nie zu kurz kommen. Gerade bei so einem morbiden Thema wollen wir zeigen, dass man das alles gar nicht so ernst nehmen muss.“ Das gilt auch für die Auslegung des Begriffs „Ausstellung“, den man in der Baumgartenstraße 6 schon immer etwas weiter fassen musste. Auch beim Projekt „ Fürchtet euch nicht “ von Die Loge vermischten sich viele verschiedene Elemente und Stile - und so ist es auch bei „Mitternacht 24/7“: „Man darf auf keinen Fall eine Ausstellung mit Exponaten und Beschriftungen erwarten“, betont Merle und ergänzt: „Es geht um das Gesamtkonzept. Auch wenn viele verschiedene Einzelkunstwerke zu sehen sind, ergeben sie letztlich ein großes Ganzes.“ Der Niedergang als Attraktion: Die offensichtlichen optischen Mängel des Gebäudes erzeugen eine stimmungsvolle Kulisse für „Mitternacht 24/7“. (Bild: Kulturschnack) Die Räumlichkeiten spielen dabei eher eine Haupt- als eine Nebenrolle. „Ich habe das Projekt geplant, bevor ich die Zusage hat“, verrät die freischaffende Künstlerin. „Ich hab die ganze Zeit gedacht: Oh Gott, wenn ich diesen Raum nicht bekomme, dann können wir das komplett vergessen!“ Doch die Sorge war unbegründet: Die Zusage kam - und so konnten Merle und Luis ihren Traum verwirklichen. Vom Kindergarten zum Kunstprojekt Ein Traum war es wirklich. Ewig hätten die beiden schon etwas zu dieser Geschichte machen wollen, verraten sie, aber es habe sich nie die richtige Gelegenheit ergeben. Und „ewig“ darf man hier fast wörtlich nehmen: Merle und Luis kennen sich nämlich schon seit dem Kindergarten. „Ursprünglich wollten wir einen Film oder ein Theaterstück machen“, blickt Merle zurück auf die Planungen. Doch die Räume in der Baumgartenstraße hätten sie dazu inspiriert, stattdessen eine Ausstellung zu realisieren. „Ziemlich schnell kam dann auch der Gedanke an Interaktivität hinzu.“ Das bedeute hier allerdings nicht, dass man gezwungen wäre, etwas auszulösen oder irgendwo mitzumachen. „Niemand muss, aber alle dürfen“, zerstreut Luis etwaige Befürchtungen. „Was interaktiv ist, wird erkennbar sein und unaufdringlich einladen.“ Die Kenntnis der Märchens ist für das Verständnis des Parcours übrigens nicht zwingend nötig, aber ein Vorteil. Man kann es entweder kostenfrei im Internet nachlesen - zum Bespiel hier - oder man geht direkt in die Ausstellung. Dort gibt es einerseits Inhaltsangaben, andererseits aber auch ein besonderes Feature: „Wir werden in den Räumen Audiospuren haben“, berichtet Merle. „Passagen des Märchens wurden von einem professionellen Sprecher eingesprochen und sind dort zu hören.“ Das Märchen vorab zu lesen sei also eher eine Kür als eine Pflicht. Große Sache: Merle und Luis nutzen die Räumlichkeiten voll aus, um einen fantastischen Parcours für euch zu entwerfen. (Bild: Kulturschnack) Berührt vom Berühren Aschenputtel, Dornröschen, Rotkäppchen: Märchen kennen wir alle, die meisten von uns verorten sie aber in der Kindheit. Dass sich die Beschäftigung mit den historischen Stoffen aber auch für Erwachsene lohnt, zeigt „Mitternacht 24/7“. „All die Geschichten existieren ja schon seit Jahrhunderten“, ordnet Luis ein. „Sie haben sich immer weiter verbeitet und sind in den Köpfen der Menschen geblieben. Allein deswegen lohnt sich die Auseinandersetzung.“ Das zeigt aktuell auch das Theater Laboratorium , das den Klassiker „Hänsel und Gretel“ auf seltsame Weise neu interpretiert. Place to be: Den Ausstellungsparcours „Mitternacht 24/7“ solltet ihr nicht verpassen. (Bild: Kulturschnack) Es gebe jedoch auch Schattenseiten, betont Merle. „Märchen sind oft stereotypisch und klischeebehaftet und damit letztlich überholt.“ Am besten eigneten sie sich als Ansatzpunkt, um sie in einen zeitgeschichtlichen Kontext zu setzen und etwas Neues entstehen zu lassen - eben so, wie es bei „Mitternacht 24/7“ der Fall ist. „Die Menschen sollen sich in der Ausstellung auch nicht gruseln“, konkretisiert die junge Künstlerin. „Sie sollen vielmehr einen Umgang mit dem Gruseln finden.“ Dabei helfe auch die Interaktivität: Wenn man spüre, dass man die Fäden selber in der Hand halte, verlören viele Kreaturen ihre Bedrohlichkeit. „Der Protagonist des Märchens lernt eigentlich nicht so sehr das Fürchten, sondern das Fühlen. Das ist ein Grund, warum man die Sachen in der Ausstellung berühren darf: Um zu fühlen.“ Das sei ein ganz großes Ziel ihrer Arbeit: „Ich möchte, dass Kunst distanzlos ist, dass man ihr ganz nahe kommt und dass man sie bewegen, erleben, anfassen kann. Ich hoffe, dass ich Leute mit meiner Kunst berühren kann, indem sie meine Kunst berühren können.“ Das wird in diesen Zeiten, in denen viele von uns in erster Linie kleine Glasflächen mit bunten Symbolen berühren, umso wichtiger. Deshalb schaut euch „Mitternacht 24/7“ an, taucht ein in eine gruselige Parallelwelt, lernt das Fürchten oder auch nicht, aber lasst euch vor allem berühren. Dafür ist Kunst da, darin liegt ihre Stärke - und ihr Sinn.
- INS LICHT GERÜCKT
Es ist lebensnotwendig, beeinflusst unser Wohlbefinden, die Natur und ist gleichzeitig ein Wunder der Technik ganz grundsätzlich. Doch Licht kann auch zum Bestandteil kreativer Arbeit werden. Die Fachtagung LICHT 2025 , die erstmals in Oldenburg stattfindet, unterstreicht diesen Aspekt deshalb mit einem informativen und vor allem kostenlosen Rahmenprogramm, bei dem man genau diesen Facettenreichtum nachvollziehen kann. Wie genau, lest ihr hier! Jeder kennt die faszinierende Wirkung, die Licht auf uns haben kann. Foto: Deutsche Gesellschaft für LichtTechnik und LichtGestaltung e.V. Wir alle kennen wahrscheinlich das wohlige Gefühl, das sich in uns ausbreitet, wenn wir einen Raum betreten, der ganz in warm strahlendes Licht gehüllt ist. Als würde sich diese Wärme unmittelbar auch in uns selbst breit machen und vom Licht gleichzeitig Ruhe ausstrahlen. Auch Lichtphänomene wie die oftmals fast surreale Färbung des Himmels beim Sonnenuntergang oder die Polarlichter begeistern uns Menschen immer und immer wieder. Licht scheint uns also wirklich bewegen zu können und somit weit mehr als nur eine Gegebenheit der Natur zu sein, die unser Dasein strukturiert. Doch gilt es vor allem in unseren modernen Gesellschaften zwei Seiten der Medaille zu betrachten. Denn ebenso wie es lebensspendende Kraft ist und durch technische Revolutionen das Leben vereinfachte, stellt es genauso auch ein Umweltrisiko dar, wenn unsere Welt immer heller und heller wird und somit zur sogenannten Lichtverschmutzung beiträgt. Deshalb nutzt die Deutsche Gesellschaft für LichtTechnik + Lichtgestaltung hier in Oldenburg die Möglichkeit, nicht bloß einfach die größte Fachtagung im deutschsprachigen Raum hierzu stattfinden zu lassen, sondern begleitend dazu die Menschen sowohl für die Thematik zu begeistern als auch über sie zu informieren und so während der Tagung auch in die Stadt hinein zu wirken. Denn Licht ist mehr, als wir zu meinen glauben. LICHT HÖREN Wessen Interesse geweckt sein sollte und nun voll und ganz in das "Rabbit Hole" Licht hinabtauchen möchte, der hat Glück! Denn ein brandneuer Podcast als gemeinsame Initiative der AG Nachhaltigkeit der Lichtgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz steht in den Startlöchern, dessen Wunsch es ist das Bewusstsein für die Bedeutung von Licht zu schärfen und einen nachhaltigeren Umgang damit zu fördern. In jeder Staffel widmet sich der Podcast einem facettenreichen Thema, beispielsweise der Wirkung des Tageslichts, das Thema der ersten Staffel und - Achtung, Wortwitz - "beleuchtet" dieses aus verschiedenen Perspektiven. Der Lightwalk: Architektur im Spotlight Fr., 28. März - Mo., 31. März, ab Einbruch der Dunkelheit Alter Landtag, Tappenbeckstraße 1 Kulturzentrum PFL, Peterstraße 3 Garnisonkirche, Peterstraße 41 Stadtmuseum Oldenburg, Am Stadtmuseum 4-8 DJH Jugendherberge Oldenburg, Straßburger Straße 6 Das große Highlight des Rahmenprogramms stellt hierbei mit Sicherheit der sogenannte Lightwalk dar. Bereits ab heute Abend werden bis einschließlich Montag, den 31. März fünf prägnante Gebäude der Stadt unter der Feder renommierter Lichtdesignerinnen, Lichtdesigner, Hersteller und mit Unterstützung von Studierenden aus ganz Deutschland im wahrsten aller Sinne in ein völlig neues Licht gerückt. Und gerade jetzt, wo der Frühling sich von seiner schönsten Seite zeigt, die Luft langsam immer milder wird, könnte es doch kaum etwas schöneres geben als einen abendlichen Spaziergang durch die Stadt und dabei einmal ganz bewusst den Blick auf die architektonischen Glücksfälle zu richten, mit denen wir in Oldenburg gesegnet sind, die wir jedoch im Alltag oftmals kaum wahrnehmen oder vielleicht für selbstverständlich halten. Gleiches gelte dabei für das Licht selbst, wie Julia Katerji von der Deutschen Gesellschaft für LichtTechnik + LichtGestaltung erzählt. Man wolle mit dem Lightwalk der Omnipräsenz des Lichts etwas entgegensetzen, dadurch dem Licht eine besondere Wertschätzung zukommen lassen und im besten Fall Aufmerksamkeit auf den eigenen, persönlichen Umgang im täglichen Leben mit dem Medium lenken. Es sei wichtig bewusst zu hinterfragen, ob die Lichtqualität mit der wir uns umgeben, zu unserem Glück beiträgt. Denn ja, genau so bedeutend, wie es klingt, sei es tatsächlich, da gerade die Hormone, die unser Wohlbefinden bestimmen durch das Licht beeinflusst werden, so Katerji. Kostenfreie Ausstellung & Vorträge Bis 02. April, 10:00 - 18:00 Uhr, keine Anmeldung erforderlich Julia Katerji möchte, dass dem Licht die Aufmerksamkeit zu Teil wird, die es verdient. Foto: Kulturschnack Wie sehr das Ganze auch eine Frage der Umwelt ist, kann man zudem auch detailliert im Foyer des Pius Turms, Peterstraße 28 , erfahren. Hier können sich Besucherinnen und Besucher unter anderem mit dem Sehen, der Rolle von Licht in der Natur und Umwelt sowie mit der Kunst der sensiblen Lichtplanung auseinandersetzen. Denn dass wir beispielsweise den Himmel in der Nacht noch so wahrnehmen wie er wirklich sein müsste und könnte, nämlich in natürlicher Dunkelheit, ist bereits in vielen Ballungsgebieten kaum mehr möglich. Die Erde wird zunehmend heller, was auch auf zahlreiche Ökosysteme wie Insekten und Vögel massiv Einfluss nimmt und nachhaltigen Schaden anrichtet. Die Ausstellung zeigt jedoch nicht nur das Problem als solches, sondern ebenso mögliche Lösungswege. Durch den gezielten Einsatz von Leuchten, die Wege intelligent und energiesparend beleuchten sowie über Cloud miteinander kommunizieren können und nur bei Bedarf aktiv werden, lässt sich eine Balance zwischen notwendiger Beleuchtung und dem Erhalt natürlicher Dunkelheit schaffen. So können Städte nicht nur ihre nächtliche Sicherheit und Atmosphäre verbessern, sondern auch den Zugang zu einer intakten, sternenklaren Nacht ermöglichen – ein Gewinn sowohl für das ökologische Gleichgewicht als auch für das Wohlbefinden der Bürgerinnen und Bürger einer Stadt wie unserer. Passend dazu geben zwei Vorträge am Montag, 1. April , ab 18 Uhr weiteren Kontext. Prof. Dr. Björn Poppe spricht über "Künstliche Beleuchtung in der Nacht - zwischen Notwendigkeit, Problemen und Lösungen" und daran anschließend Dr. Andreas Hänel unter dem Titel "Wo finde ich die natürliche Dunkelheit - Dark Syk Parks in Norddeutschland". Wenn man bei diesem Programm also eine Sache für die kommenden Tage ganz klar festhalten kann, dann ist es: Oldenburg geht ein Licht auf!
- MATHILDA KOCHAN: DAS NEUE K
Das Theater k der Kulturetage wurde lange überstrahlt von der bedeutenden Konzertbühne im selben Haus. Doch es hat sich was getan in der Bahnhofstraße: Seit dem Führungswechsel zum Jahresanfang 2023 setzt das Theater k viele neue Akzente und entwickelt ein eigenes Profil. Verantwortlich dafür: Die neue Leiterin Mathilda Kochan. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was sich verändert hat - und was noch folgen soll. Kreativgeist im natürlichen Habitat: Mathilda Kochan hat mit dem Theater k das ideale Umfeld gefunden, um ihre Ideen nach und nach umzusetzen. (Bild: Kulturschnack) Theaterleuten wird eine gewisse Extravaganz nachgesagt. Wer eine Weile in der Szene unterwegs ist, weiß aber, dass die Charaktere dort höchst unterschiedlich sind. Es gibt die Unauffälligen ebenso wie die Exaltierten, gemeinsam haben sie vor allem ihre Unterschiedlichkeit. Was jedoch häufig spürbar ist - und was gern mit Extravaganz verwechselt wird - ist die ungeheure, manchmal geradezu überbordende Kreativität. Wer Mathilda Kochan begegnet, spürt sie sofort. Denn selbst in der ruhigsten Momenten, inmitten einer sinnfreien Plauderei über das Oldenburger Wetter, kommt es immer wieder zu kleinen kreativen Eruptionen. Eindringlich schildert sie dann ihre Ideen, brennend interessiert, was ihr Gegenüber davon hält. Das zeigt: Hier ist ein Mensch mit großer Leidenschaft am Werke, der seinen Gestaltungsdrang manchmal nur schwer zügeln kann. Umso besser, dass Mathilda seit zwei Jahren eine Position hat, in der sie ihn voll ausleben kann. Als neue Leiterin des Theater k in Oldenburg begab sie sich auf die Suche nach einem eigenständigen Profil, das die Geschichte des Hauses mit ihren eigenen kreativen Visionen vereint. In unserem Interview erklärt sie, wie man ein Theater neu erfindet, ohne dabei das Alte zu vergessen. Mathilda, du hast Anfang 2023 die Leitung des Theater k übernommen. Kannst du dich an deine Gedanken erinnern, als die Zusage kam? Ja, allerdings! Die Zusage wurde damals eingeleitet mit „Fall du noch Bock hast...“ und ich konnte nur antworten: „Ja, allerdings habe ich noch Bock“! ( lacht ) Ich habe eigentlich nie eine Führungsposition angestrebt, habe mir nie große Ziele gesetzt, die ich dann unbedingt erreichen wollte. Lieber bin ich meinem Gefühl gefolgt und habe eine natürliche Entwicklung genommen. Auf der anderen Seite war ich künstlerisch schon immer sehr aktiv und habe viele eigene Projekte umgesetzt - als Regieassistentin am Oldenburgischen Staatstheater oder als freischaffende Künstlerin. Deshalb kannte ich mich aus mit Anträgen und Finanzierungen. Ich wusste auch, was es letztendlich braucht, um das zu erwecken, was in uns schlummert und was rauswill als Idee oder als Gedanke zur Gesellschaft. Das ist auf jeden Fall mein Schwerpunkt: Gesellschaftliche Themen zu erkennen, aufzugreifen und zu behandeln. Und das passt natürlich perfekt zu einer soziokulturellen Institution wie der Kulturetage und dem Theater k. Im Zeichen des k: Die Kulturetage ist mit Theater k, Cine k, kreativ:LABOR und eigener Halle ein Knotenpunkt der Kultur in Oldenburg. (Bild: Kulturschnack) Wie waren damals deine ersten Eindrücke? Hattest du das Gefühl, das Theater k hatte ein klares Profil, mit dem du umgehen musst? Oder lag da gewissermaßen ein weißes Blatt Papier vor dir und du konntest frei gestalten ? Beides. Es gab ein klares Profil, und wenn ich es mit einem Wort beschreiben sollte, dann wäre es: Boulevard. Der Ansatz hat durchaus eine Berechtigung, aber er ist überhaupt nicht das, was ich mir vorstelle. Was mich aber von Anfang an sehr interessiert hat, waren die Wurzeln dieser Institution . All diese Sachen, die in den 80er und 90er Jahren hier stattgefunden haben, die oft sehr experimentell, jung, frisch und politisch waren. Diese Spuren habe ich hier entdeckt und wollte sie wieder stärker im Programm sichtbar machen. Deswegen gibt es den neuen Slogan: „Neue Triebe, alte Wurzeln“. Damit wollen wir sagen: Ja, es gibt diese historische Basis - aber wir wollen sie nun zu neuem Leben erwecken. Du hast ja eigene Vorstellungen für das Theater k mitgebracht. Setzt man die rigoros um? Oder bringt man sie mit dem Vorhandenen zusammen und lässt sie „zusammenwachsen“ - um das Bild wieder aufzunehmen. Auch hier ist es eine Mischung aus beidem. Es gibt bestimmt Leute, die schon eine Vision für sich entwickelt haben und sie dann eins zu eins umsetzen wollen. Aber ich persönlich finde diesen Weg nicht so gut. Man sollte das, was man vorfindet, erst einmal anschauen und ihm mit Respekt und Geduld begegnen. Dann kann man Fragen stellen: Was ist da? Warum ist das so? Was hat sich daran etabliert? Was soll bleiben? Was muss neu hinzukommen oder was kann auch eventuell komplett wegfallen? Viel Arbeit: Neben der Leitung übernimmt Mathilda Kochan immer wieder auch die Regie - wie hier mit Hauptdarstellerin Lotta Paulina bei „Fräulein Braun“. (Bild: Kulturschnack) Du musstest das Theater k also erst einmal verstehen lernen, parallel dazu aber sofort eine neue Spielzeit planen. Das klingt sehr anspruchsvoll. Wie hast du das empfunden? Genau so! ( lacht ) Manche denken vielleicht: Für einen Generationenwechsel stellt man ein paar junge Leute ein und damit ist es dann getan. Da kann ich nur sagen: Überhaupt nicht! Es ist eine Transition, eine Übergangsphase, und die haben wir hier auch so gestaltet. Ich habe intensiver als je zuvor darüber nachgedacht, was diese Stadt noch brauchen könnte. Eine zentrale Rolle spielte dabei der soziokulturelle Aspekt dieser Institution. Er ist für mich sehr mit der Gesellschaft, mit der Stadt, mit der Umgebung und auch mit dem Blick über den Tellerrand verbunden. Es ging deshalb nicht nur darum, welche Stücke wir spielen, mit welchen Leuten und mit welcher Ästhetik. Es ging um die Notwendigkeit, eine Institution zu ergründen und neu zu definieren. Das braucht Zeit. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir von der Soziokultur Niedersachsen eine Strukturförderung für drei Jahre bekommen haben. Dadurch können wir unser neues Selbstverständnis klarer ausarbeiten. Wir sind nicht nur ein Theater, wir sind ein soziokulturelles Theater. Und darauf liegt ab der kommenden Spielzeit auch der Fokus. Wir wollen Community-Arbeit leisten und Menschen miteinander vernetzen. Soziokulturelles Zentrum: Der Begriff klingt sperrig, steht aber für starkes Programmkino - und nun auch für ambitioniertes Theater. (Bild: Kulturschnack) Was genau ist denn „soziokulturelles Theater“? Ich denke dabei an Teilhabe und Gleichberechtigung. Wir wollen hier im Theater k einen dritten Ort schaffen, wo man gerne hingeht und an dem man sich gerne aufhält. Dabei trifft man gleichgesinnte, nette, spannende Menschen und kommt ins Gespräch über die relevanten gesellschaftlichen Themen. Und die kann man dann gemeinsam künstlerisch behandeln mit den Methoden des Theaters. Man soll hier also nicht nur zum Anlass einer Vorstellung herkommen? Richtig. Ich möchte ein bisschen ein bisschen weg vom bisherigen Schema. Das bedeutete meist: Wir machen für vier bis sechs Wochen die Tür zu, wir erstellen, produzieren, proben - und machen die Tür wieder auf. Dann dürfen alle rein, klatschen möglichst laut sagen vielleicht noch: „Habt ihr toll gemacht!“ Dieses Prinzip finde ich ziemlich langweilig und ich glaube, Theater kann mehr als das. Rund um den Globus gibt es spannende Ansätze, Theater ein bisschen anders zu denken und die Frage zu stellen: Was kann es noch darüber hinaus sein? Die Türen des Theater k werden also offener sein. Was bedeutet das konkret? Sollen die Leute zu euch kommen, ihre Meinung sagen und ihre eigenen Ideen einbringen? Es gibt den berühmten Satz von Joseph Beuys : „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Es ging dabei um die soziale Plastik , die unsere Gesellschaft als ein Gesamtkunstwerk begreift, das von allen beeinflusst wird. Das ist natürlich sehr philosophisch, aber ich glaube durchaus an die Kreativität der Menschen - vor allem wenn, wenn sie aus der Notwendigkeit heraus entsteht, dass man unbedingt etwas sagen will. Das ist zum Beispiel bei der Bürger:innenbühne so: Dort machen die Leute mit, weil sie einen Bezug zum Thema haben. Ihre mitgebrachten Gedanken und Biografien können dann mit Regie und Bühnenbild geformt werden. Und dann entsteht eben ein Kunstwerk aufgrund der Erfahrungen derjenigen Menschen, die dabei sind - und nicht nur die Interpretation eines fremden Textes. Emotional und tiefgründig: Die Ergebnisse der ersten Bürger:innenbühne zum Thema „Trinken“ waren beeindruckend. Mehr zum Format lest ihr in diesem Beitrag . (Bilder: Theater k) Du hast mit alledem langfristige Prozesse angestoßen. Schließlich dauert es, bis eine Vision entstanden ist und bis sie nach außen dringt. Was sagt dein Gefühl: Wie weit bist du auf deinem Weg schon gegangen? Schon ein gutes Stück. Ich habe mich ein bisschen entspannt, weil ich das Gefühl habe, dass unsere Ausrichtung tatsächlich genau genau das ist, was in dieser Stadt noch fehlte. Sie kann uns als Institution, vor allem aber die Menschen, die wir ansprechen, immer wieder neu motivieren und genau deshalb gut richtig funktionieren. Du hast gerade schon die Bürger:innenbühne erwähnt, die im Theater k eine eigene Sparte bildet und damit eine Art Rückgrat darstellt. Obwohl sie beinahe zeitgleich mit dem ähnlich ausgerichteten Stadt:Ensemble des Oldenburgischen Staatstheaters startete, lief sie von Anfang an erfolgreich. War das eine frühe Bestätigung für dich und deinen Kurs? Absolut, ja. Es war das erste Konzept, das ich überhaupt ins Theater k reingebracht habe, weil ich dachte: So was könnte man machen, das fehlt hier noch. Natürlich gibt es in Oldenburg sehr viele Initiativen für Bürger:innen, die Theater spielen wollen. Aber explizit dieses Konzept, das an das Dresdner Modell angelehnt ist, gab es noch nicht. Dabei geht es immer sehr spezifisch um ein gesellschaftlich relevantes Thema. Das bedeutet: Mit den Mitteln des Theaters leuchtet man - wie mit einem Spot - in die Gesellschaft hinein und schaut sich an: Was ist da eigentlich? Wir haben im Jahr 2024 mit dem Thema „ Trinken “ angefangen, das von heiter bis tragisch eine große Bandbreite abbilden kann. Wir haben ja auch gesehen, was daraus geworden ist, das war sehr emotional und sehr tiefgründig. Das zweite Thema ist nun „ Online-Dating “ und es deutet sich jetzt schon an, wohin es mit der Bürger:innenbühne gehen kann. Für mich ist sie nicht mehr nur ein Ensemble von Menschen, die zu einem Thema gerne Theater spielen. Wir sind schon einen Schritt weiter. Es ist ein Kollektiv, das möglicherweise auch Theater spielt, das aber vor allem künstlerische Formate erarbeitet, die in diesem Theaterraum oder aber auch im öffentlichen Raum stattfinden können. Der zweite Streich: Nach dem Erfolg der Premiere der Bürger:innenbühne folgt im April/Mai 2025 „Swipe, Match, Love“ zum Thema Online-Dating. (Grafik: Theater k) Die Bürger:innenbühne ist eine Theaterproduktion, gleichzeitig aber auch eine Momentaufnahme der Stadtgesellschaft. Sie behandelt reale Themen, die Leute bewegen oder prägen. Ist das noch Theater oder ist es schon mehr? Wir versuchen immer, Theater auch über seine Grenzen hinaus zu denken. Wir wollen uns ständig hinterfragen und nicht an alten Gesetzmäßigkeiten orientieren. Lass mich das anhand eines Beispiels erklären: Ich möchte gerne ein Format für Menschen mit Seh-Beeinträchtigungen erarbeiten. Das würde eine komplette Transformation von unserer Räumlichkeiten bedeuten, weil sie überhaupt nicht darauf ausgerichtet sind. Warum will ich das trotzdem? Aus zwei Gründen: Zum einen schaffen wir ein kulturelles Angebot für diese besondere Zielgruppe. Zum anderen finde ich es aber auch total spannend, dieses Thema zu erforschen. Theater ist ja wahnsinnig auf das Visuelle fixiert, etwa auf die Schauspieler:innen und welche Kostüme sie tragen oder auf das Bühnenbild, das pompös oder minimalistisch ist, aber auf jeden Fall beeindrucken soll. Und ich frage mich: Wie wäre es, wenn wir uns nicht darauf fokussieren? Was gibt es noch? Diese Fragen zu stellen und zu beantworten, ist für mich auch eine Art Erneuerung des Theaters selbst. Zwischen klassisch und krass: „Fräulein Braun“ von Ulrich Hub ist zwar ein Schauspiel, aber keines von der Stange. (Bilder: Stephan Walzl) Das ist ja ein neuer Blick aufs Theater, vor allem im Vergleich zum vorhin erwähnten Boulevard. Dort sucht man Stücke mit Mass Appeal aus. Ihr schaut jetzt aber in die Gesellschaft und was dort passiert. Ist die Publikums-Wirksamkeit deswegen zweitrangig? Oder spielt das durchaus noch eine Rolle bei der Themenwahl? Wir spielen natürlich auch Stücke wie „ Fräulein Braun “ oder die „ Eingeschlossene Gesellschaft “ und es ist für alle Beteiligten weiterhin am schönsten, wenn sie möglichst ausverkauft sind. Für uns als Theater k bleibt es auch überlebenswichtig, dass Menschen Karten kaufen, das ist klar. Aber bei diesen anderen Projekten finde ich die reine Quantität tatsächlich nicht ganz so wichtig. Ich hoffe natürlich, dass nach und nach mehr und mehr Menschen kommen, aber ich habe tatsächlich das Gefühl, dass wir - es klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch - auch ein neues Publikum brauchen. Denn auch hier gibt es einen Generationswechsel. Und ich frage mich, wer ist heute 25 und geht gerne ins Theater? Diese Menschen interessieren mich wahnsinnig, denn sie sind ja unsere Zukunft. Sie werden die Führungspositionen haben, unsere Gesellschaft vorantreiben, sich politisch engagieren. Wie machen Sie das? Wo machen Sie das? Wovon lassen sie sich inspirieren? Gehen Sie ins Theater? Und tun sie das vielleicht nur, weil Mama und Papa das möchten oder Oma und Opa eine Karte gekauft haben? Oder gibt es da ein aufrichtiges Interesse? Hat wiederum das Theater ein aufrichtiges Interesse an dieser Generation? Und wenn ja, wie drückt sich das aus? Ich möchte diese jüngeren Leute gerne verstehen und herausfinden, wie man sie erreicht, was sie brauchen und was für sie spannend ist. Bei unserem Projekt „Herzblatt“ hatte ich das Gefühl, dass es sehr viele junge Leute anspricht, die gerade diese alten Datingshows auf eine wunderschön verspielte, ironische Art und Weise feiern. Mit solchen Formaten könnte auch im Publikum ein gewisser Generationswechsel gelingen. Angekommen: Mathilda Kochan fühl sich wohl in ihrem „Wohnzimmer“, dem Saal des Theater k. Allzu gemütlich macht sie es sich aber nicht - zu groß ist der Wunsch nach Veränderung. (Bild: Kulturschnack) Das Publikum könnte sich also nach und nach verändern. Und wie ist es auf der Gegenseite? Ist es ein bewusster Ansatz, jungen Schauspieler:innen ein Podium zu bieten, damit frischer Wind reinkommt und sich daraus auch ein klares Profil entwickelt? Es geht in diese Richtung. Bei „Fräulein Braun“ sind zwei sehr junge Schauspielerinnen dabei. Eine von ihnen, Lotta Paulina , hat hier in Oldenburg an der Kulturetage angefangen zu spielen. Nach ihrem Studienabschluss als Schauspielerin in Rostock ist sie jetzt in die alte Heimat zurückgekehrt, um hier zu debütieren. Wir haben immer Interesse daran, neuen Leuten eine Chance zu geben. Das betrifft auch Gastspiele von jungen Kollektiven oder neuen Ensembles. Wir möchten unsere Bühne gerne denjenigen Leuten anbieten, die sie brauchen, die aber auch zu uns passen. Wir schreiben zum Beispiel auch Regiearbeiten aus. Es ist total unüblich, dass man nicht einfach befreundete Regisseur:innen fragt. Aber wir sind einfach sehr interessiert an diesen neuen Impulsen. Und ich tue das letztlich auch für mich selbst, denn so sehe ich ganz neue Handschriften, die man hier so noch nie gesehen hat. Gehören weiterhin zum Repertoire: Klassische Schauspiele. Doch auch bei „Fräulein Braun“ gibt es einen Twist: Es wurde von einem rein weiblichen Team produziert. (Bild: Kulturschnack) Ihr wollt Menschen erreichen, die bisher nicht so viel im Theater waren, ihr gebt junge Künstler:innen ein Podium. Sind solche Veränderungen letztlich das Lebenselixier für die Kulturszene? Ist es sogar zwingend nötig, dass man Häuser auch mal neu erfindet, damit sie lebendig bleiben? Ich glaube, die Gesellschaft ist stets im Wandel. Insofern: Ja! Ich bin zwar absolut für die Erhaltung der Tradition. Ich komme von der klassischen Musik, ich liebe Gustav Mahler , ich brauche ab und zu auch Rachmaninow . Da gibt es wahrscheinlich viele, die sagen würden: Das kann alles weg. Ich finde es aber wahnsinnig wichtig, dass wir die Fähigkeiten nicht verlernen, solche Werke aufzuführen. Das ist wie Leistungssport, nur heißt es bei uns Hochkultur. Die braucht es auch, das würde ich nicht missen wollen. Andererseits denke ich aber, dass wir uns die Strukturen der Institutionen durchaus anschauen sollten. Sind sie hierarchisch geprägt oder gibt es vielleicht New Work? Mit welcher Energie arbeitet man miteinander? Wie werden Proben gestaltet? Diese ganze innere Architektur muss stets renoviert werden. Wenn du merkst, da ist eine Schraube locker, dann musst du sie festmachen, sonst fällt alles auseinander. Und manchmal ist sie eben verrostet und dann muss sie raus und eine neue her, damit alles hält. Gehört fest zum Programm de neuen Theater k: Anne-Sophie Zarour, Gastgeberin bei „Annes Kultursalon“. Klickt auf das Bild, um unsere ausführliche Vorstellung des Formats zu lesen. (Bild: O. Betke) Es geht also nicht immer um Abriss und Neubau. Manchmal ist auch eine Sanierung oder Renovierung die richtige Antwort? Alles hat seine Berechtigung. Es muss aber immer und immer wieder hinterfragt werden: Ist es noch gut? Ist es noch richtig? Soll das wirklich so? Und wenn einige Antworten „Nein“ lauten, dann muss eine Erneuerung und Weiterentwicklung stattfinden. Und genau das passiert jetzt im Theater k. K wie Kultur, K wie Kochan Wie gesagt: Theaterleuten wird eine gewisse Extravaganz nachgesagt. Und auch bei Mathilda Kochan drängt sich der Eindruck auf, dass man es nicht unbedingt mit einer grauen Maus zu tun hat. Zu zahlreich sind die Ideen und Impulse, die ihr fortwährend in den Sinn kommen. Zu stark ist der Drang, diese Ideen auch umsetzen und andere dafür begeistern zu wollen. Und zu groß ist die Leidenschaft für kreatives Theater, das alte Grenzen sprengt. Oldenburg darf sich glücklich schätzen, dass es der gebürtigen Warschauerin so ging wie nun manchen der jungen Schauspieler:innen und Regisseur:innen, die in diesen Monaten vom Bahnhof aus zur Kulturetage gehen und denken: Wow, ein toller Ort! „Ich habe ein sehr gutes Gefühl gehabt, als ich damals nach Oldenburg kam“, erinnert sich Mathilda. „Deshalb wollte ich unbedingt hier bleiben.“ Das heißt für sie aber nicht, die Stadt weihevoll auf einen Altar zu stellen und sie möglichst unberührt zu lassen. Im Gegenteil, ihre Wertschätzung drückt sich in dem Wunsch nach Weiterentwicklung aus. Das spürt man bei ihren Projekten mit „Die Loge“ - das spürt man aber insbesondere an der Transformation des Theater k. Boulevard? Das war früher. Denn jetzt gibt es: das neue k!
- IT'S NOT THE MEDIUM, IT'S THE SLAM
Geht Slam auch ohne Poetry? Dass hier die klare Antwort "Ja!" lautet, beweisen die Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters und das Unikum, die Bühne des Studierendenwerks Oldenburg mit ihrem etwas anderen Slam Format immer wieder bravourös . Nun steht bereits die siebte Ausgabe des Ganzen in den Startlöchern. Die Algorithmen laufen bereits auf Hochtouren, der Deep Dive ins Netz bringt wahre Schätze ans Tageslicht und die Views schießen auf dem Tachometer der Viralität schneller in die Höhe als man blinzeln kann. Denn diesmal steht alles unter dem Motto "YouTube-Slam" und auch ihr selbst könnt eure besten Fundstücke präsentieren und gewinnen! IT'S NOT THE MEDIUM, IT'S THE SLAM YOUTUBE-SLAM FR., 04. APRIL 2025 - 19 UHR TICKETS IHR HABT LUST SELBST AM SLAM TEILZUNEHMEN? MELDET EUCH BIS ZUM 31. MÄRZ UNTER: SPARTE7@STAATSTHEATER.DE ZUSÄTZLICH SENDET IHR DIE LINKS ZU 2 VIDEOS (MAX. JE 5 MIN.), DIE IHR PRÄSENTIEREN WOLLEN WÜRDET. Die grundlegende Idee war dabei ebenso einfach wie genial: statt Gedichten und Bühnenmonologen könnten doch ebenso gut völlig andere Medien zu Trägern berührender und unterhaltsamer Geschichten werden, die ein Publikum begeistern. Und so traten in der Vergangenheit unter anderem bereits Tagebucheinträge, Tänze, Songs oder auch PowerPoint-Präsentationen gegeneinander an. Wie immer entscheidet am Ende das Publikum darüber, welchem Beitrag die Krone gebührt und wer somit als Siegerin oder Sieger (natürlich auch mit einem Preis!) die Bühne verlässt. Das jeweils gewählte Vehikel der präsentieren Inhalte ermöglicht wiederum immer wieder neue Ansätze in der Gestaltung und regt dazu an, sich kreativ mit den Möglichkeiten des Mediums auseinander zu setzen. Begeisterung wecken Für den 4. April fiel die Wahl nun also auf YouTube-Videos, was diesen Slam bezüglich einer eigenen möglichen Teilnahme am Wettbewerb besonders für all diejenigen attraktiv macht, die es insgeheim schon immer auf die Bühne gelockt hat, denen sich aber bisher nicht die passende Möglichkeit eines sanften Einstiegs in die Welt des Slams bat. Moderiert von Nora Hecker und Jürgen Boese , beide alles andere als Unbekannte auf dem Kulturschnack, kann man an diesem Abend durch seine Teilnahme nicht nur guten Geschmack für sich Bände sprechen lassen, sondern hat darüber hinaus die Gelegenheit, das Publikum mit der eigenen Begeisterung anstecken zu können. Führen das Publikum durch den Abend. Moderationsduo Nora Hecker und Jürgen Boese. Grafik: Kulturschnack Denn es geht nicht um die Clips allein, vielmehr sind es auch die Geschichten, die sich dahinter verbergen: Warum hat genau dieses Video jemanden berührt, zum Lachen oder zum Nachdenken gebracht? Welches Erlebnis, welches Gefühl verbindet die Person mit dem Gesehenen? Gerade dieser Kontext macht einen solchen Moment zu etwas Besonderem und vermutlich kennen viele dieses Gefühl nur allzu gut. Man erinnere sich nur an die eigene Schulzeit, in der man sein Lieblingsbuch vorstellen sollte oder daran endlich mal wieder eine großartige Serie oder einen Song entdeckt zu haben, der perfekt zur eigenen Stimmung passt. Kaum gefunden, verspürt man auch schon den Wunsch, seine Entdeckungen laut in die Welt hinaus zu rufen. Denn es bleibt einfach Fakt: geteilte Freude ist doppelte Freude. Beim YouTube-Slam könnt ihr genau das sogar vor und mit einem Publikum erleben: ein Video nicht einfach nur zu zeigen, sondern es erlebbar zu machen und mit einer Mischung aus persönlichem Bezug und kollektivem Erlebnis eine Dynamik zu schaffen, die auch andere mit sich mitreißt. Raus aus der Filterblase Und auch für das Publikum gibt es mit dieser Ausgabe der Veranstaltungsreihe natürlich nicht einfach bloß ein unterhaltsames, abendliches Spektakel. Nein, denn während sich viele von uns allabendlich auf dem Sofa kaum mehr entscheiden können, welches Programm sie denn wählen sollen, aufgrund der schieren Masse an Auswahl, kann man sich "on top" an diesem Abend genüsslich zurücklehnen und erhält eine eigens kuratierte Wundertüte des feinsten und erlesensten Videocontents. Gerade der Fokus auf YouTube ist dabei eine tolle Möglichkeit, aus seinen ganz persönlichen Filterblasen auszubrechen und stattdessen für einen Abend den eigenen Blick wieder zu weiten für die Dinge, die einem tagtäglich entgehen und dabei in die Interessen seiner Mitmenschen einzutauchen und womöglich ja sogar selbst neue zu entdecken. Denn der Prozess und die Art und Weise, wie wir als Menschen zunehmend unsere Inhalte konsumieren ist in gewisser Hinsicht auch ein Prozess der Vereinzelung. Während früher die große Show vom Wochenende ein Garant für das Gespräch im Büro war, nimmt die Bedeutung des analogen Fernsehprogramms heutzutage immer weiter ab. Stattdessen sliden wir von Mediathek zu Mediathek und sehen kaum noch, abseits maximal einzelner viraler Hits, das was unser Nachbar auf ein und derselben Plattform präsentiert bekommt. Das gilt auch für YouTube. Der Algorithmus analysiert fortwährend unser Verhalten sowie unseren Geschmack und hyperindividualisiert dabei das persönliche Erlebnis. Gerade deshalb sollten diese immer seltener werdenden Momente der Gemeinsamkeit ohne Frage zelebriert werden und wenn "It's not the Medium, it's the Slam" nicht exakt alle Kriterien hierfür erfüllt, dann wissen wir es auch nicht. Also, direkt als Teilnehmerin oder Teilnehmer bewerben, YouTube-Gold ausgraben oder ein Ticket für die Show ergattern. Wer sich übrigens für die Arbeit der Sparte 7 noch weitergehend interessiert und die tollen sowie innovativen Ansätze des Teams dort näher kennenlernen möchte, dem können wir unsere Kulturschnack Podcastepisode mit Gesine Geppert und Verena Katz wärmstens ans Herz legen:
- LITERATUR LIVE
Wir alle lesen. Wir scrollen durch Newsfeeds und Liveticker, wir scannen Mails und Messages, wir überfliegen Content und Captions. Doch Lesen kann noch viel mehr sein. Ein wahres Erlebnis wird es, wenn Autor:innen ihre Werke live vortragen, mit Anekdoten und Hintergründen anreichern und mit dem Publikum in den Austausch gehen, In Oldenburg gibt es eine Institutionen für solche magischen Momente: Das Literaturhaus. Where the Magic happens: Literatur gewinnt häufig noch an Tiefe, wenn man die Autor:innen bei einer Lesung erlebt. (Bild: Kulturschnack / Canva-KI) Gewohnheiten haben ihre Tücken. Manchmal übersehen wir nämlich das Wichtigste in unserem Leben, weil es schlicht zu normal geworden ist, um es als besonders wahrzunehmen. Ein wenig gilt dieses Prinzip auch für das Literaturhaus Oldenburg . Jahr für Jahr konzipiert Monika Eden mit ihrem kleinen Team ein attraktives Lesungs-Programm, das auch in wesentlich größeren Städten für Furore sorgen würde- das hier in Oldenburg aber als beinahe selbstverständlich begriffen wird. Dabei ist es genau das nicht. Dass wir hier immer wieder eine überaus spannende, stets hochwertige Mischung aus großen Namen und neuen Stars erleben dürfen, ist beileibe kein Automatismus. Dahinter steckt akribische Arbeit, reger Austausch mit Verlagen, Agent:innen und Autor:innen sowie: viele, viele Lesestunden. Für Monika Eden ist nicht entscheidend, wie viele Follower:innen jemand auf Instagram hat, ob ein Buch gerade bei TikTok trendet oder wann sich ein:e Schriftsteller:in öffentlichkeitswirksam zu Themen der Zeitgeschichte äußert. Sie geht nach der literarischen Qualität. Und diese klare Prämisse ist es, die Lesungen des Literaturhauses stets zu einem Erlebnis macht. Starke Mischung, spannende Entdeckungen Das ist im Frühjahr 2025 nicht anders als sonst. Erneut hat das Literaturhaus sowohl anerkannte Größen der Literaturszene, aber auch etwas weniger bekannte Schriftsteller:innen für Oldenburg gewonnen. Alle bringen hochgelobte aktuelle Werke mit - und versprechen spannende, bewegende, unterhaltsame Abende im Wilhelm13 und im Kulturzentrum PFL . Das ist: Literatur live! Mit der feinen Klinge: Marica Bodrozic stellt ihr Buch „Das Hdrzflorett“ vor. (Bild: Peter von Felbert) MITTWOCH, 2. APRIL, 19.30 UHR MARICA BODROZIC: „DAS HERZFLORETT“ WILHELM 13 GESPRÄCH: SHEILA BEHJAT Pepsi liebt das Leben und den flimmernden Schlaf des Sommers. Ihre Eltern arbeiten in Hessen und tauchen nur in den Sommerferien auf dem einsamen Hof des Großvaters in Dalmatien auf. Zeitweise kommt sie auch bei anderen Verwandten unter, doch wo immer sie ist, bleibt sie fremd. Nur in der Natur fühlt sie sich aufgehoben, verbringt, fasziniert von der Sprache der Vögel am Himmel, ihre Tage barfuß im Gras. Als die Eltern sie zu ihren Geschwistern in die Einzimmerwohnung in einem Dorf im Taunus holen, will Pepsi sofort wieder weg. Die vom Putzen rissigen Hände der Mutter sind zu keiner Zärtlichkeit fähig. Der Vater beginnt seine Tage mit Schnaps. Das neue Leben hält aber zugleich Dinge bereit, zu denen das Mädchen sich wie magnetisch hingezogen fühlt. Die Welt der Bücher und Buchstaben, die deutsche Sprache, in die sie sich so plötzlich und heftig verliebt wie später in Aleksandar. Doch als sie Abitur machen und studieren will, wird ihr das verboten, weil sie kein Junge ist. Es ist wie ein Stich ins Herz, ein Abschied - und zugleich ein Neubeginn. Voll des Lobes war Moderation Vivian Perkovic in der 3SAT Kulturzeit : „Marica Bodrozic’ Texte und auch dieser Roman sind eine Schule der Wahrnehmens, der kleinsten inneren Regungen bis zu großer Brutalität. Hier wird das menschlich Erbärmliche und das überzeitlich Grundsätzliche ergründet. Wie nebenbei erzählt Marica Bodrozic völlig unterbeleuchtete deutsche Migrationsgeschichte und das Erwachsenwerden einer starken Hauptfigur, mit literarischer Tiefe und raffiniertem Witz.“ Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien geboren. 1983 siedelte sie nach Hessen über. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays, die in über sechzehn Sprachen übersetzt wurden. Für ihr bisheriges Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis, dem Manès-Sperber-Literaturpreis für ihr Gesamtwerk sowie dem Irmtraud-Morgner-Preis. Marica Bodrožić lebt mit ihrer Familie als freie Schriftstellerin in Berlin und in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. LESEPROBE Alles nur Kopfsache: Über Stereotypen und ihre Überwindung erzählt Alina Bronsky in „Pi mal Daumen“, (Bild: Christine Fenzl) MITTWOCH, 23. APRIL 2025, 19.30 UHR ALINA BRONSKY: „PI MAL DAUMEN“ KULTURZENTRUM PFL GESPRÄCH: SILKE BEHL Sie begegnen sich zum ersten Mal in einer Vorlesung: Der hochbegabte Oscar ist 16, hat einen Adelstitel und ist noch nie mit der U-Bahn gefahren. Moni Kosinsky hat drei Enkel, mehrere Nebenjobs und liebt knalligen Lippenstift und hohe Absätze. Sie ist fest entschlossen, sich heimlich den Traum von einem Mathe-Studium zu erfüllen. Doch im Hörsaal wird Moni für eine Putzfrau gehalten und belächelt. Wie kommt sie dazu, sich für eines der schwierigsten Fächer überhaupt einzuschreiben? Und woher kennt sie den berühmtesten Professor der Uni? Mit ihrem neuesten Buch legt Bestseller-Autorin Alina Bronsky eine Komödie über zwei Menschen vor, die aus unterschiedlichen Welten stammen – und am Ende nicht mehr ohne einander sein wollen. Warmherzig, rasant und höchst unterhaltsam. Begeistert äußert sich Rezensentin Christine Westermann im Stern : „ Alina Bronsky schreibt nie rührselig, die Geschichte lebt von großer Situationskomik, das Aberwitzige kommt mit großer Leichtigkeit daher .“ Alina Bronsky , geboren 1978, lebt in Berlin. Ihr Debütroman »Scherbenpark« wurde zum Bestseller und fürs Kino verfilmt. »Baba Dunjas letzte Liebe« wurde für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert und ein großer Publikumserfolg. 2019 und 2021 erschienen ihre Bestseller »Der Zopf meiner Großmutter« und »Barbara stirbt nicht«. LESEPROBE Nichts für schwache Nerven: „Als wäre es vorbei“ ist eine Sammlung von Texten, die Katja Petrowskaja zwischen 2022 und 2024 verfasste. Sie haben nichts von ihrer Intensität verloren. (Bild: Stefanie Loos ) DIENSTAG, 29. APRIL, 19.30 UHR KATJA PETROWSKAJA: „ALS WÄRE ES VORBEI“ WILHELM13 GESPRÄCH: GUN-BRITT KOHLER Wie verändert der Krieg die Bilder? Wie verändert er das Sehen? Wie verändert er diejenigen, die ihm standhalten oder die ihm zuschauen? Mit ihren Fotokolumnen, die zwischen Februar 2022 und Herbst 2024 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen si nd, ha t Katja Petrowskaja abs icht slos eine Chronik des Krieges geschrieben. Sie beginnt am Vorabend, mit einer Landschaft in Georgien, entlang der Großen Heerstraße. Tiere. Kriegsgefahr liegt in der Luft. Auf der nächsten Seite der Schrei: Mein Kiew! Die unfassbare Realität des Krieges, das Einbrechen des Ungeheuerlichen ins eigene Leben. Der Krieg verunsichert den Blick. Man sieht Bilder lächelnder Menschen und fragt sich unwillkürlich, ob sie noch leben. Ein Mann steht in einem Loch, mitten auf einer Straße, »als probiere er den möglichen Tod an, als wäre der Tod seine neue Kleidung«. Ein bleiches, lachendes Mädchen, an eine ältere Frau geschmiegt. Aus der Geschichte hinter diesem Bild springt einen hinterrücks die Erkenntnis an, dass selbst das Unwahrscheinliche doch möglich ist – in dieser Zeit auch der Wunder. Literaturkritiker Ijoma Mangold schreibt in der ZEIT : „S chon jetzt ist die deutsche Gegenwartsliteratur um eine kluge, flamboyante und höchst eigenständige Stimme reicher. “ Katja Petrowskaja , 1970 in Kiew geboren, lebt seit 1999 in Berlin. Sie studierte in Tartu Literaturwissenschaft und Slawistik und promovierte in Moskau. Von 2000 bis 2010 schrieb sie für verschiedene russisch- und deutschsprachige Medien (Neue Zürcher Zeitung, taz, Deutsche Welle, Radio Liberty). Seit 2011 ist sie Kolumnistin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung. Ihr literarisches Debüt Vielleicht Esther (2014) wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. 2022 erschien der Essayband Das Foto schaute mich an , 2025 der Essayband Als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg . Sie lebt in Berlin. LESEPROBE Alles andere als gestrandet: Landgang-Stipendiat Deniz Utlu stellt die Texte vor, zu denen die Region ihn inspiriert hat. (Bild: Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag) SONNTAG, 11. MAI, 11 UHR DENIZ UTLU: „LANDGANG“ WILHELM13 GESPRÄCH: MONIKA EDEN Als Stipendiat des Oldenburger Literaturhauses reiste der Schriftstel ler Deniz Utlu i m September 2024 durch das Oldenburger Land. Mit der Tour war für ihn ein Rollentausch verbunden, denn üblicherweise ist der Autor unterwegs, um bei Veranstaltungen seine Bücher zu präsentieren: „Ich habe in viele Gesichter geschaut, viele Gewässer, Wolken und Felder gesehen und Vögel gehört“, berichtete er nach seiner Rückkehr „und es hat gutgetan – so sehr ich es liebe – unterwegs nicht jeden Abend bei einer Lesung aufzutreten, sondern ganz mit mir selbst ohne Blicke, Fragen und Antworten zu reisen und dabei in die Rolle des Beobachters schlüpfen zu können.“ Deniz Utlu beobachtete und setzte sich den verschiedensten Situationen aus. In der Wesermarsch etwa fuhr er von seinem Quartier, der Seefelder Mühle, nach Sehestedt und stieg am Strand in das 16 Grad kalte Wasser. „Das muss man so machen, um schreiben zu können“, kommentierte er später nicht ohne Selbstironie das kalte Bad. Auf einer Lesereise durch den Nordwesten stellt Deniz Utlu jetzt den Text vor, der durch die herbstliche Erkundungstour angeregt wurde. Er trägt den Titel Panorama einiger Menschen aus meiner Heimat im September. Was Utlus Stil ausmacht? Die Literaturwissenschaftlerin Leerke von Saalfeld beschrieb in der FAZ einmal so: „ Das Meer der Bilder leuchtet auf, indem sich die Erinnerungen ineinanderschieben, die Leerstellen kunstvoll gefüllt werden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das gelingt Deniz Utlu mit poetischer Kraft und hoher sprachlicher Sensibilität. Er ist ein großer pointenreicher Erzähler. “ Deniz Utlu , geboren 1983 in Hannover, studierte Volkswirtschaftslehre in Berlin und Paris. Von 2003 bis 2014 gab er das Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext heraus. Sein Debütroman, Die Ungehaltenen , erschien 2014 und wurde 2015 im Maxim Gorki Theater für die Bühne adaptiert. Von 2017 bis 2019 schrieb er für den Tagesspiegel die Kolumne Einträge ins Logbuch . 2019 erschien sein zweiter Roman Gegen Morgen . Außerdem hat er Theaterstücke, Lyrik und Essays verfasst (u. a. für Tagesspiegel, Der Freitag und weitere überregionale Tageszeitungen). Er forscht am Deutsch en Institut für Menschenrechte u nd veranstaltet am Maxim Gorki Theater die Literaturreihe Prosa der Verhältnisse . Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Alfred-Döblin-Preis und dem Literaturpreis der Landeshauptstadt Hannover. LESEPROBE („VATERS MEER“) Bitte nichts anfassen: : Ralf Rothmann nimmt uns mit in sein „Museum der Einsamkeit“. (Bild: Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag MITTWOCH, 21. MAI, 19.30 UHR RALF ROTHMANN: „MUSEUM DER EINSAMKEIT“ WILHELM 13 GESPRÄCH: SILKE BEHL „Jede wahre, jede leuchtende Kurzgeschichte hat einen romanlangen Schatten“, schrieb Ralf Rothmann einmal und stellt es mit Museum der Einsamkeit erneut unter Beweis. Ob er von dem „Budenzauber“ eines kleinen Jungen erzählt, der während der Abwesenheit der Eltern den weinenden Bruder tröstet, oder von einer Dozentin, die ihre Mutter in ein Seniorenheim mit seltsamen Kratzspuren an den Türen gibt; ob er einen Handlanger an der Seelenkälte der Maurer oder einen Pfarrer, dessen Tochter stirbt, an Gott verzweifeln lässt – immer offenbart sich uns eine „Wahrheit hinter der Wahrheit“, was nicht zuletzt an der Spannkraft und der magischen Genauigkeit von Ralf Rothmanns Sprache liegt. Um Würde oder ihr Fehlen geht es in diesen neun Erzählungen, in denen die Menschen sich bemühen, dem Ideal eines halbwegs gelungenen Lebens etwas näher zu kommen – oder doch am Ende nicht allzu zerknirscht dazustehen. Vom Alleinsein versehrt sind manche, „Engel auf Krücken“, die ahnen, dass es nicht unbedingt Flügel braucht, um über sich und die Umstände hinauszugelangen; Liebe würde schon genügen. „ Ralf Rothmann zählt mit seiner eindringlichen Poetik zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren, und als Erzähler ist er womöglich der feinnervigste seiner Generation.“ Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er lebt seit 1976 in Berlin. LESEPROBE Teuflisch gut: Andreas Maier wirkt zumindest auf seinen Pressefotos eher wie der Leibhaftige als wie ein großer Literat. Doch genau das ist er. (Bild: Jan Plaumann / Suhrkamp Verlag) DIENSTAG, 3. JUNI, 19.30 UHR ANDREAS MAIER: „DER TEUFEL“ WILHELM 13 GESPRÄCH: RALPH HENNINGS MODERATION: MICHAEL SOMMER „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau …“ Willkommen in der Welt der Guten und der Bösen! Wir schreiben die siebziger und achtziger Jahre, die Zeit des Blauen Bocks : Onkel J. sitzt vor den Nachrichten und versteht auf paradiesische Weise nichts, derweil seine geliebte Mutter während des schier endlosen ersten Golfkriegs älter und älter wird. Mittendrin hat Andreas seinen ersten linksutopisch unterfütterten Sex bei Räucherkerzenduft, und zu Besuch kommt das Tante Lenchen, das die DDR unverdrossen für das bessere System hält. Nicht zu vergessen Saddam Hussein: Eben noch im Kampf gegen dämonische Regime unterstützt, jetzt plötzlich selbst zum Teufel geworden. Wie konstruiert man das: Gut und Böse? Und aus was genau besteht eigentlich jugoslawisches Hackfleisch? Wie wir untergehen im täglichen Meinungswettstreit, wie wir einem Überblick ständig ferngehalten werden, wie wir diesen Überblick vielleicht sowieso nie bekommen können, davon handelt Der Teufel , Andreas Maiers neuer, abgründiger, maliziös-witziger Roman. Hubertus Spiegel lobt in der Frankfurter Allgemeine Zeitung: „M aier ist vordergründig ein Modernitätsverweigerer voller Selbstironie, ... der sich auf den zweiten Blick als metaphysisch aufgeladener Empiriker einer Gegenwart entpuppt. “ Andreas Maier , 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren, studierte Philosophie und Germanistik, anschließend Altphilologie und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik . Er lebt i n Frankfurt am Main. Maiers Werke thematisieren gedankenlose Sprachkultur und (fehlgeleiteten) politischen Aktionismus . Maier äußert sich auch in Zeitungsartikeln und seinen Poetikvorlesungen zu Fragen der Politik , des Umweltschutzes und der richtigen Lebensführung . Er ist seit 2005 Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und seit 2015 Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg. Seine Romane wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt. LESEPROBE Das Tabu brechen: Die Niederländerin Jente Posthuma schreibt in „Woran ich lieber nicht denke“ über eine tiefe Trauer. (Bild: Bas Uterwijk) DIENSTAG, 24. JUNI, 19.30 UHR JENTE POSTHUMA: „WORAN ICH LIEBER NICHT DENKE“ WILHELM 13 MODERATION: RALF GRÜTTEMEIER Als Erstes denkt sie immer an ihren Zwillingsbruder: Wenn sie einen neuen Pullover für ihre Sammlung entdeckt. Wenn sie nicht weiß, wie sie ein schlecht laufendes Date elegant beenden kann. Wenn sie Sylvia Plath liest und Virginia Woolf. Oder als sie die einstürzenden Twin Towers in den Fernsehnachrichten sieht. Ihr Zwillingsbruder ist der Mensch, der immer da ist – erst im gemeinsamen Kinderzimmer, dann in der Wohnung auf der anderen Seite des Parks in Amsterdam. Doch plötzlich kommt der Tag, an dem er nicht mehr da ist. Jente Posthuma schreibt in präzisen Miniaturen, voll sanfter Melancholie und überraschendem Humor von einer Trauer, die nicht weichen will und in jeder Faser des Körpers spürbar ist. Und sie erzählt, wie das Ringen um Verständnis die Nähe zum verlorenen Menschen noch vertiefen kann. In d er Neuen Züricher Zeitung ( NZZ ) ist Paul Jandl beeindruckt: „D iese Geschichte verarbeitet den Schmerz so unkonventionell, dass hier alles gleichzeitig echt und wunderbar überdreht wirkt. “ Jente Posthuma , geboren 1974 in Enschede, ist eine niederländische Schriftstellerin, die für ihre oft scharfzüngige und lakonische, komische Prosa von Presse und Publikum gefeiert wird. Der Roman »Woran ich lieber nicht denke« war für den Literaturpreis der Europäischen Union nominiert und stand auf der Shortlist des International Booker Prize 2024. Jente Posthuma lebt in Amsterdam. LESEPROBE
- PLATT STATT PLATT
Wie reden Männer eigentlich miteinander, wenn keine Frau in Hörweite ist und der Wokeness-Level noch Luft nah oben hat? Darauf gibt es zwei Antworten: Erstens eine Geschönte - und zweitens die Wahrheit. Das Oldenburgische Staatstheater wirft jetzt ein Blick auf solche Gespräche - und zwar dort, wo sie stattfinden, wie etwa an der Theke im Ama. Dass diese Nahaufnahme auf Platt stattfindet? Macht sie noch besser! Rollenbilder? Vieles, was Männer tun, entspricht gelernten Mustern - in der Regel, ohne dass dies registriert oder gar reflektiert würde. (Bild: Stephan Walzl) Niederdeutsches Theater hat es nicht immer leicht beim postironischen Publikum deutscher Universitätsstädte. Das Klischee besagt, dass die Handlungen der entsprechenden Stücke allzu häufig nur auf die nächste Pointe abzielen und weniger mit Ebenen spielen als etwa hochgeistiges Diskurstheater. Zwar gibt es kaum ein Klischee ohne Grund, es ist also etwas Wahres dran. Jedoch greift diese Geringschätzung zu kurz. Das zeigen immer wieder kluge, emotionale Stücke aus diesem Bereich oder die Adaption zurecht erfolgreicher Stoffe wie etwa Soul Kitchen oder Hector sien Reis . Die Niederdeutsche Bühne am Staatstheater versucht jedenfalls, eine gute Mischung zu finden - und dazu trägt jetzt „ Schluck's runner “ bei. Das intime Drei-Personen-Stück behandelt gesellschaftlich hochrelevante Themen wie geschlechtsspezifische Rollenmuster und toxische Männlichkeit - auf Platt, aber nicht platt! OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER SCHLUCK'S RUNNER NIEDERDEUTSCHES SCHAUSPIEL UNTERWEGS DO 27.03.25 20 UHR (AUSVERKAUFT) FR 28.03.25 20 UHR (AUSVERKAUFT) FR 04.04.25 20 UHR, DAHMS ( TICKETS ) SA 05.04.25 20 UHR, DAHMS ( TICKETS ) DI 08.04.25 20 UHR, AMA ( TICKETS ) MI 09.04.25 20 UHR, AMA ( TICKETS ) DAHMS WIRTSCHAFT - HANDLUNG - KUNSTBETRIEB GARRELER STRAßE 136 26203 WARDENBURG - LITTEL AMADEUS TANZSPEICHER MOTTENSTRAßE 21 26122 OLDENBURG Eine Schnapsidee!? Auch wenn hin und wieder Menschen ins Ama gehen, die Plattdeutsch noch beherrschen, hört man es dort eher selten. Um nicht zu sagen: Gar nicht. Und doch hatte sich das Team hinter dem Stück „ Schluck's runner “ ausgerechnet diese Location für die ersten Aufführungen zum Jahresende 2023 ausgesucht. Aus gutem Grund, wie Kiyan Naderi berichtet, der zusammen mit Hannah Koopermann das Stück geschrieben und die Regie übernommen hat: „Die Handlung spielt komplett an einer Theke. Im Theater hätten wir das mühsam konstruieren müssen. Da kam schnell der Gedanke: Warum nicht direkt in die Kneipen gehen?“ Man's Cave? Nein, das Ama stehen allen offen. Für "Schlucks runner“ war es der ideale erste Spielort. Nun ist es dort wieder zu sehen, zuvor aber auch im wunderbaren DAHMS in Littel. (Bilder: Kulturschnack, Nika Kramer) Dieser nonchalante Pragmatismus passt zum Stück und zu dessen Entstehung. Es wurzelt nämlich in einem nächtlichen Gespräch - natürlich an einem Tresen - zwischen den drei Schauspielern Florian Pelzer , Patrick Schönemann, Pascal Oetjegerdes und Hannah, die am Staatstheater als Regieassistentin arbeitet. Schnell merkten sie dabei, dass die großen Themen dieser Nacht zu deutlich mehr taugten als nur einem Gespräch im kleinen Kreis - und dass sie vielleicht mal auf Platt verhandelt werden sollten, schließlich waren die drei beim Niederdeutschen Schauspiel aktiv. Schnell holten sie mit Kiyan einen weiteren Autor und Regisseur sowie mit Clara Kaiser eine Bühnen- und Kostümbildnerin an Bord - und legten los. Ungefilterte Männerwelt Tatsächlich könnten die Inhalte des Stücks relevanter kaum sein. Die drei männlichen Protagonisten reden an der Theke „über Frauen, Arbeit, Geld und Fußball. Über was auch sonst? Und nach dem einen oder anderen Schnaps stellt sich heraus, dass die drei sich nicht zufällig dort getroffen haben.“ So steht es in der Ankündigung - und diese lakonische Beschreibung trifft es gut, denn das Gespräch bietet ungefilterte Eindrücke aus einer Welt, die für Frauen in der Regel unerschlossen bleibt - die aber auch Männer nur selten hinterfragen. Deep Talk: Intensive Männergespräche bewegen sich häufig in ganz eigenen Welten. (Bild: Stephan Walzl) Es geht dabei nicht etwa nur um Mansplaining , Manterruption , Hepeating , also dem - mal bewussten, mal unbewussten - übergriffigen Verhalten von Männern gegenüber Frauen. Ebenso wichtig ist der Blick darauf, wie sie untereinander agieren, also auf Rollenbilder, Verhaltensmuster, Revierkämpfe. „So ist auch der Titel zu verstehen“. erläutert Hannah. Zum einen gehe es natürlich um den Alkohol. „Zum anderen aber auch um die Gefühle, die man eben nicht zeigen darf und durch die man 'durch' muss, ohne darüber zu reden.“ Zudem haben Florian, Patrick und Pascal auch eigene Erfahrungen eingebracht, das Stück trägt also biographische Züge - und bewegt sich deshalb auf der Höhe der Zeit. Denn was könnte aktueller sein als das echte Leben? MÄNNLICHKEIT ALS PROBLEM WENN ES TOXISCH WIRD Unter dem Begriff „toxische Männlichkeit“ versteht man vereinfacht gesagt das Festhalten an traditionell männlichen Denk- und Verhaltensweisen, mit denen Männer und männlich gelesene Personen anderen Menschen schaden können - aber auch sich selbst. Fragwürdiger Humor: Rollenbilder werden auch in der Werbung perpetuiert. (Bild: Ottakringer Brauerei) Das Ausüben dieser Denk- und Verhaltensweisen ist meist der persönlichen Sozialisierung geschuldet: Durch das - mal mehr, mal weniger bewusste - Aufrechterhalten überholter Rollenbilder ist der Begriff „Männlichkeit“ nach wie vor mit bestimmten Eigenschaften verknüpft. So heißt es etwa, Männer dürfen keine Gefühle oder Schwäche zeigen, sondern müssen stattdessen hart sein und Dinge mit sich selbst ausmachen. Toxische Männlichkeit bedeutet also nicht, dass Männer an sich schädlich sind; es ist ein Verhalten, das auf einer gesellschaftlichen bzw. kulturellen Vorstellung beruht, wie Männer sein sollen. Das Aufwachsen mit diesen Rollenbildern kann dazu führen, dass man keine wirkliche Verbindung zu sich selbst, seinem Körper oder seinen Emotionen aufbaut – und somit auch die Grenzen anderer Menschen nicht einschätzen kann. Infolgedessen kann es unter anderem zu aggressivem Verhalten, emotionaler Distanzierung, Selbstvernachlässigung und daraus resultierenden gesundheitlichen Schäden kommen. Als Basis für diese Definition diente ein Artikel aus dem AOK Gesundheitsmagazin . Ihre Landingpage zur toxischen Männlichkeit empfehlen wir an dieser Stelle als guten Kompromiss aus Zugänglichkeit und Tiefe. Wer lieber Videos mag, klickt einfach hier . Nur keine Angst! Bei der Umsetzung so zeitgemäßer, hochaktueller Theaterstoffe gehen die Gedanken vieler Menschen nicht intuitiv zum plattdeutschen Theater. Hier ging es den Beteiligten anders - und es erwies sich als goldrichtig. Dass Inhalt, Umsetzung und Ort sich deutlich vom regulären Programm des Niederdeutschen Schauspiels unterscheiden, stieß dort nicht etwa auf Skepsis, sondern bekam Support: „Unsere Schauspieler sind alle noch jung, so um die 30. In diesem Bereich genießen sie deswegen sowieso schon eine Sonderrolle“, erklärt Kiyan. „Die ungewöhnliche Idee passte da mehr oder weniger ins Bild“. Letztlich gehe es dem Niederdeutschen Theater aber auch nicht anders als vielen anderen Bühnen auch: um das junge Publikum müsse man sich bemühen. Und dafür geht's eben auch mal ins Ama - oder später auch ins Edewechter Ess-Co-Bar und in Litteler DAHMS . Hauptrolle? Der eine oder andere Schnaps kommt im Stück vor - und bei dessen Entstehung auch. (Bild: Clara Kaiser) Nun ist die Zahl derer, die noch fließend Platt sprechen, nicht mehr ganz so hoch wie sie früher einmal war. Gibt es gar keine Befürchtungen, dass die Sprache eine Schwierigkeit darstellen könnte, dem Stück zu folgen - oder eine Grund, gar nicht erst zu kommen? „Wir sind uns dessen natürlich bewusst“, gibt Clara Entwarnung. „Zum einen ist es aber so, dass nicht durchgängig platt gesprochen wird - zum anderen kann man den Inhalt auch dann verstehen, wenn man selbst kein Platt beherrscht.“ Nicht zuletzt ist sogar der Autor des Stücks ein guter Gradmesser: Kiyan spricht nämlich gar kein Platt! „Die entsprechenden Passagen wurden nachträglich übersetzt", berichtet der mit einem Schmunzeln. Das echte Leben Die Theatererfahrung im Ama oder im DAHMS dürfte sowieso eher cool als klassisch werden: „Es gibt keine Sitzreihen und keine Platznummern“, berichtet Clara. „Wir nehmen das, was sowieso da ist: Barhocker und Stehtische, im Ama gibt's zudem die kleine Tribüne.“ Es werde ein sehr lockerer Theaterabend - ohne all die Regeln, die es in den traditionellen Häusern vielleicht noch geben mag. Die Idee, dass man auch als Gast beim Barkeeper des Stücks seine Drinks bestellen kann - und selber Teil des Geschehens wird - musste aufgrund der Komplexität zwar verworfen werden. Aber: „Man kann zwischendurch auch aufstehen und rumlaufen - und sich an der oberen Bar auch Drinks holen.“ Genau wie im echten Leben. Eigentlich unverfänglich: Das Aufeinandertreffen der drei Männer beginnt ganz harmlos. (Bild: Clara Kaiser) Ebenfalls wie im echten Leben gibt es auch nicht ständig Actionsequenzen oder dramatische Zuspitzungen - dafür aber eine große Portion Authentizität und Realismus. Der Fokus auf Dialoge bedeutet für die Regie aber nicht etwa Entlastung: „Wahrscheinlich ist es sogar anspruchsvoller, weil man sich viel mehr auf die innere Motivation der Charaktere konzentrieren muss“, erklärt Regisseur Kiyan. Gleichzeitig müsse man das Stück spannend gestalten und auch visuell etwas bieten. „Je kleiner so ein Stück ist, desto mehr müssen die Figuren auch über andere Ebenen erzählen, zum Beispiel über ihre Herkunft oder Kleidung. Ich würde tatsächlich sagen, dass es noch ein bisschen anspruchsvoller ist als ein Stück, in dem viel passiert.“ Sprachmelodie statt Postironie Dieser Gedanke lässt sich auch den Gesamtkontext übertragen. „Schlucks runner“ ist ein kleines, familiäres Stück. Es besitzt deswegen aber nicht etwa eine geringe Bedeutung, denn es bietet einen ungeschönten Blick hinter die männlichen Fassaden des Alltags. Das lohnt sich für alle, unabhängig vom Geschlecht - schließlich machen wir uns viel zu selten bewusst, welche Mechanismen wir im Alltag fortlaufend zementieren und was wir bei anderen mit ihnen auslösen. Animalisch? Dieses hübsche Bild war ursprünglich als Plakatmotiv gedacht, konnte ich aber leider nicht durchsetzen. Dieser Theaterabend ist deshalb ein Kristallisationspunkt. Sein Charme liegt nicht zuletzt im einfachen Setup und der Reduktion auf eine Szene, ein Gespräch. Und genau darin liegt vielleicht auch sein langfristiges Potenzial: Zum einen kann das Stück durch die Bars der Stadtteile wandern - zum anderen könnte es aber auch in Dorfkneipen stattfinden; also dort, wo tatsächlich platt gesprochen wird und Wokeness vielleicht weniger präsent ist. Warum das Plattdeutsch dabei ein Pluspunkt ist? Während sich in vielen Diskussionen Fronten verhärten, weicht es sie hier auf: „Die Sprachmelodie und wie sich die Sprache anfühlt - das unterscheidet sich schon“, schildert Kiyan seine Eindrücke. Im Hochdeutschen klängen viele Sätze härter, manchmal sogar aggressiver. „Der gleiche Inhalt wird auf Platt beinahe niedlich.“ Manchmal hilft eben nicht der Duktus des postironischen Großstadtpublikums oder des hochgeistigen Diskurstheaters weiter, sondern eine zugänglichere Sprache. Und das ist Platt - aber nicht platt!
- ZWISCHEN MAHLZEIT UND MEISTERWERK
Im Horst-Janssen-Museum bietet sich aktuell ein Hochgenuss feinster Kunst, ein waschechtes Menü a la Janssen. Denn zum ersten Mal blickt das Haus mit einer Sonderausstellung durch die kulinarische Brille auf das Werk des Künstlers und macht dabei deutlich, wieviel diese beiden Welten doch miteinander gemeinsam haben, auch wenn sie am Ende eine entscheidende Sache voneinander trennt. Was wir meinen? Lest ihr hier! ICH WAR EIN ALLESSCHMECKER HORST JANSSEN TISCHT AUF BIS 09. JUNI 2025 DI - SO: 10:00 - 18:00 UHR EINTRITT KOSTENFREI HORST-JANSSEN-MUSEUM AM STADTMUSEUM 4-8 „Bei der Thematik Essen handelt es sich um etwas sehr Persönliches und doch täglich Präsentes“, gibt Alexandra Hoffmann, die Kuratorin der neuen Ausstellung, zu bedenken. Und deshalb ist es genau dieser Umstand, der dafür sorgt, dass den Besucherinnen und Besuchern des Museums bei dieser brandneuen Sonderausstellung nicht bloß Werke Janssens geboten werden, sondern darüber hinaus eine seltene Gelegenheit einen intimen Einblick in den Alltag und die Tagesstruktur eines Künstlers zu erhaschen, der immer eine ambivalente Beziehung zu Süchten und Genüssen pflegte. Sei es vom ersten Kaffee und einem Frühstücksei am frühen Morgen noch im Bademantel, über intensive Arbeitsphasen am Vormittag, den berühmt-berüchtigten Apfelpfannkuchen zum Mittag, bis hin zu einer Partie Schach am Nachmittag und einem Barbesuch bei guter Musik am späten Abend. Auch die etwas abseitigeren Schätze findet man in dieser Ausstellung. GIF: Kulturschnack Daher zeige man auch bewusst neben den klassischen Meisterwerken, wie Zeichnungen, Radierungen und Holzschnitte, ebenso auch die etwas abseitigeren Schätze, die viel alltäglichere Kunst, die er auf Briefen, Einkaufszetteln, Rechnungen, Schuldscheinen, Einschlagpapier von Weinflaschen, Bierdeckeln, Servietten und Tischdecken hinterließ, so Hoffmann. Besagte Tischdecken wurden beim persönlichen Lieblingsitaliener auch gut und gerne mal als Ersatz für bares Geld verwendet, statt die anfallende Rechnung regulär zu begleichen. Wie ein solcher Besuch ausgesehen haben mag, davon erzählt sogar ein ebenfalls im Museum zu sehender und ausgestellter Videoclip, der hierdurch Kontext zur spontanen Entstehung dieser Arbeiten schafft. Die tief von Farbe getränkten Hände des Künstlers zeugen davon, dass Janssen wirklich einen scheinbar nicht zu bändigenden Drang verspürt haben muss, seinen kreativen Impulsen stetig nachzugeben. Auch die Besucherinnen und Besucher können sich diesem Faktor der Alltäglichkeit hingeben, den spontanen Impuls und die Inspiration des Gesehen direkt für sich nutzen, denn es finden sich auch auf der Ausstellungsfläche immer wieder Gelegenheiten, selbst zum Stift zu greifen. Egal ob man nun an der eigens eingerichteten Bartheke bei einem kleinen Snack etwas auf einem Bierdeckel hinterlässt oder sich am gedeckten Tisch niederzulässt und dort künstlerisch austobt. Die perfekte Symbiose Insgesamt muss man festhalten, dass hier zwei Sphären aufeinandertreffen, die extrem viel miteinander zu verbinden scheint, die auf zahlreichen Ebenen zusammengehören und auch immer wieder Inspiration voneinander beziehen. Denn beide Disziplinen, sei es Kunst oder Kulinarik, basieren auf Kreativität, Präzision, Komposition und einem tiefen Gespür für Ästhetik. Was läge auch näher als der Vergleich des weißen, leeren Tellers zur blanken Leinwand, bereit mit Leben gefüllt zu werden, mit künstlerischem Ausdruck. Mal komplex und durchdacht, mal spontan und leidenschaftlich, minimalistisch und intuitiv. Denn es heißt schließlich nicht umsonst, dass auch das Auge mitisst und jeder kennt wahrscheinlich selbst die Erfahrung, wie beim bloßen Anblick eines Essens bereits sprichwörtlich das Wasser im Munde zusammenläuft. Sei es in der Küche oder im Atelier, beide Disziplinen Schaffen mit ihren Mitteln oder eben Zutaten Erlebnisse, die - im besten Fall - die Sinne berühren. Pflegte eine ambivalente Beziehung zu Süchten und Genüssen; Horst Janssen, 2x Selbst mit Fischdose, Blei- und Farbstift, 1979 © VG Bild-Kunst Bonn, 2025 Spannend ist auch der Blick auf die dahinterliegende Profession, das Handwerk selbst, auch wenn sie vielleicht in beiden Welten eine unterschiedliche Art der Ausprägung findet und zumindest auf den ersten Blick im Berufsbild des Kochens etwas offensichtlicher in Erscheinung zu treten scheint. Denn gerade hier in Deutschland ist das Kochen bis heute ein ganz klassischer Lehrberuf, während man im künstlerischen Bereich schnell dazu verleitet ist an Naturbegabungen und Wunderkinder zu denken, die ein Meisterwerk nach dem nächsten aus dem Ärmel schütteln. Dabei teilen sie beide miteinander, dass sie einerseits auf teils Jahrhunderte alten Techniken beruhen, die ein Fundament bilden und immer wieder aufs Neue weitergegeben werden. Andererseits leben und profitieren beide Gefilde immer wieder von den Momenten der Disruption, künstlerischen Revolten, in denen neue Ideen, Herangehensweisen sich Gehör verschaffen und Anklang in der Gesellschaft finden. Sei es nun der Umbruch von einer künstlerischen Epoche in die nächste oder bspw. die Entstehung und Verbreitung der Molekularküche , die vor allem durch den spanischen Starkoch Ferran Adrià und sein Restaurant El Bulli internationale Verbreitung fand. EXKURS: JONATHAN MONK Es scheint ein besonderer Reiz davon auszugehen, sich auf Materialien der Gastronomie zu verewigen. Ist es die Tatsache, eben nicht eine klassische Oberfläche der Kunst zu nutzen, die dann ein befreites Loslegen ermöglicht? Ist es das Wissen darum, dass die Rechnung eines Restaurantbesuchs eigentlich - wenn überhaupt - den Zweck erfüllt ein Finanzbeleg zu werden und für gewöhnlich oftmals im Müll landet und somit womöglich die Angst vor dem berühmten ersten Strich nimmt? Das wissen vermutlich nur die Künstlerinnen und Künstler selbst. Einer von ihnen ist Jonathan Monk. Er machte sich diesen Ansatz zu einem echten Markenzeichen und nutzt die Rechnungen seiner Restaurantbesuche regelmäßig als Leinwand für Arbeiten, bei denen er berühmte Werke anderer Künstlerinnen und Künstler reproduziert. Wer sich für diese Form der Kunst begeistern kann, dem sei ein Blick auf seine Instagram Seite wärmstens empfohlen. Nicht nur um einen Überblick über sein bisheriges Schaffen zu bekommen, sondern auch um vielleicht selbst in den Besitz eines solchen Unikats zu kommen. Alles, was man hierfür tun muss, ist einen Kommentar unter einem seiner Werke zu hinterlassen. Wenn dann noch das Glück mitspielt und man ausgelost wurde, besteht die Möglichkeit, das Werk zu erwerben. Der Preis? Exakt der angegebene Rechnungsbetrag der jeweiligen Mahlzeit. Bon Appétit! Die Schönheit des Moments Doch wenn man auch noch so viel über die zahlreichen Gemeinsamkeiten philosophiert, so bleibt letzten Endes doch ein gravierender, nicht zu verrückender Unterschied zwischen Mahlzeit und Meisterwerk: Die Vergänglichkeit. Während wir heute noch Museen auf aller Welt besichtigen können, an denen sich Bilder und Werke zeigen, die vor Jahrhunderten entstanden sind und alles daran gesetzt wird, diese Kulturgüter für die Nachwelt zu bewahren, sie restauriert und katalogisiert werden, währt im Gegensatz dazu ein kunstvoll angerichteter Teller nur exakt für den Zeitraum des Genusses der darauf platzierten Speisen. Nach dem letzten Bissen ist alles was davon bleibt eine Erinnerung, vielleicht gerade noch eingefangen in einem Foto oder in den Seiten eines Kochbuchs. Die Vergänglichkeit in Kunst gebannt; Bild: Horst Janssen, Selbst mit Paprika, 1979, Farbstift © VG Bild-Kunst Bonn, 2024 Diese Dualität, das Flüchtige wie das Dauerhafte, erinnert uns daran, dass die Schönheit des Moments auch oftmals in seiner Vergänglichkeit liegen kann und zugleich die Beständigkeit der Kunst einen Raum schafft, in dem die Kreativität zeitlos bestehen bleibt. Das zeigt sich auch in "Ich war ein Allesschmecker - Horst Janssen tischt auf", wenn Janssen die kulinarischen Motive seiner Stillleben verdorben darstellt, detailreiche Strukturen hervorhebt und Gegenstände ungewöhnlich untereinander kombiniert. Man sollte sich die Ausstellung also am besten "auf der Zunge zergehen" lassen und dieses Menü durch den künstlerischen Alltag Horst Janssens einfach genießen, denn sehen könnt ihr sie nur bis zum 09. Juni. Der Eintritt ist kostenfrei!
- STEFFEN WIEGMANN: EIN HÄNDCHEN FÜR NEUES
Wir starten eine neue Kooperation! In Zusammenarbeit mit der Kommunikationsagentur Mediavanti veröffentlichen wir in loser Folge Portraits von Personen aus der Oldenburger Kulturszene - geschrieben von jungen Volontär:innen. Zum Auftakt dreht sich alles um Museumsleiter Dr. Steffen Wiegmann. Er berichtet über den Bau des neuen Stadtmuseums, seine Position als Steuermann und die notwendige Intuition. Händchen für Neues: Auch mit der Spraydose geht Steffen Wiegmann gekonnt um. (Bild: Hause Christian Dittrich) Von Katja Hofmann Ein Museumsteam ohne Museum. Heimatlos. So geht es Steffen Wiegmann und seinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Stadtmuseum Oldenburg momentan. Doch so trist, wie das klingt, ist es gar nicht. Die Stimmung ist eine andere: Aufbruch. Neuanfang. Chance. Und das alles bedeutet sehr viel Planung. Für Wiegmann ist das kein Problem. Er brennt für neue Projekte, kreative Aufgaben und lebendige Zusammenarbeit. Jetzt, wo das alte Museumsgebäude abgerissen ist, hat das Team ein Büro direkt am Marktplatz. Es wirkt alles ein wenig zu groß, ein wenig zu grau, ein wenig zu förmlich für die kreativen Köpfe, die hier zusammensitzen. Die einzigen Farbtupfer sind Plakate aus dem Stadtmuseum an den Wänden und Flyer, die auf Beistelltischen ausliegen. Die meisten Türen sind nur angelehnt, sodass auch mal einfach über den Flur gerufen werden kann, wenn nötig. Im Chefbüro lehnt ein bunter Regenschirm am Garderobenständer. NEUE KOOPERATION RAUM FÜR TALENTE Beim Kulturschnack dreht sich alles nur um eines: die anderen. Wir verstehen uns als Bühne für Menschen, die uns inspirieren und bereichern. Das gilt normalerweise nur für die Kultur, doch nun weiten wir dieses Prinzip aus. In Kooperation mit der Kommunikationsagentur Mediavant i werden wir in Zukunft wir jungen Nachwuchs-Redakteur:innen die Möglichkeit, auf dem Kulturschnack journalistische Portraits über Personen aus der Szene zu veröffentlichen. Sie perfektionieren dabei Stil und Methoden, wir erhalten spannende Einblicke in die Persönlichkeit der Protagonist:innen. Text-Talent: Zum Auftakt unserer Koop gelang Katja Hofmann ein stimmiges Portrait. (Bild: Bonnie Bartusch) Der innere Ökonom bejubelt so etwas mit Win-win. Man könnte aber auch sagen: Eine sinvolle Sache - und eine tolle Kooperation. Den Anfang macht Katja Hofmann . Die 23-Jährige studierte von 2019 bis 2023 Medienwirtschaft und Journalismus in Wilhelmshaven. „ Meine Stärken lagen aber eher beim Schreiben als bei den Wirtschaftsthemen“, lautet Katies ehrliche Selbsteinschätzung. Geschrieben habe sie bereits, als sie noch ganz klein war, erzählt die gebürtige Bremerin weiter. Und so absolvierte sie bereits vor dem Studium ein Praktikum beim Weser Kurier. Nach Oldenburg verschlug sie schließlich ein Praxissemester bei der Mediavanti GmbH. Agenturchef Claus Spitzer-Ewersmann - dem Nachwuchsförderung seit jeher ein Anliegen ist - war so überzeugt von Katies Talent, dass er ihr direkt eine Weiterbeschäftigung anbot. Ihr Studium schloss sie daher als Werksstudentin ab, bevor sie im Sommer 2023 ihr Volontariat begann. Als der 43-Jährige im Dezember 2019 die Stelle als Leiter des Stadtmuseums antrat, bestand die Stellenbeschreibung vor allem aus Aufgaben strategischer Art: Personalentwicklung, Budgetverantwortung, Kommunikation. Dass die Anforderungen viel tiefer gehen, wusste der studierte Historiker und Politikwissenschaftler auch damals schon aus erster Hand. Das Stadtmuseum Oldenburg ist nicht das erste Museum, dessen Neubau er begleitet. Mit dem Flow gehen, den eigenen Weg finden Der in Warendorf Geborene zog 1999 für sein Studium nach Münster, später für den Master nach Hamburg. Geschichte war schon in der Schule sein Lieblingsfach. „In dem Fach konnte man viel reden, was mir sehr entgegenkam“, lacht er. „Geschichte war für mich immer schon spannend – und vor allem auch sehr lebendig.“ Was seine Mitschülerinnen und Mitschüler vielleicht langweilte, erweckte in Steffen Wiegmann eine Leidenschaft. „Was ich damit später dann anfangen könnte, wusste ich allerdings noch nicht. Ich habe darauf gesetzt, dass mir das im Laufe des Studiums schon aufgehen wird. Es hat zwar eine Weile gedauert, aber so war es dann auch.“ Über einige Zwischenstationen erkundete der damals 22-Jährige seine Möglichkeiten: Beim Münchner Merkur, am Landtag in Düsseldorf und schließlich am Norddeutschen Landesmuseum - Altonaer Museum in Hamburg, wo er seine Liebe für die Museumsarbeit entdeckte. „Ich erkannte, dass Museen ja nicht nur Vergangenheit bedeuten, sondern auch mit der Gegenwart zu tun haben. Und man kann gestalten und kreativ sein – Jackpot!“ Wichtig für den Job sind nicht zuletzt auch Menschenkenntnis und Intuition. Und mit der Organisation der ersten eigenen Ausstellung springt der Funke für „Museumsmenschen“, wie Steffen Wiegmann sich und seine Kolleginnen und Kollegen nennt, meist endgültig über. Wer jetzt Feuer fängt, bleibt auch dabei. Wiegmann packt an: Engagement ist Ehrensache - solange genug Raum fürs „Familien-Ich“ bleibt. (Bild: Museum Friedland) Sein Weg führte Wiegmann über das Auswandererhaus Bremerhaven, das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg und die Wirtschaftsförderung Bremen im Bereich Kultur und Kreativwirtschaft. Parallel promovierte er in Osnabrück, arbeitete dann in einem Bremer Medienunternehmen, schließlich beim Hafenmuseum Speicher XI. Für ihn sind berufliche Meilensteine keine festgelegten Punkte, sondern können auch ineinander übergehen. Das ist aber nichts Negatives: „Diese Phasen, in denen ich manchmal auch geschwommen bin, haben mir im Nachhinein sehr viel gebracht“, betont er. Mit dem Flow zu schwimmen, kann eben manchmal genau der richtige Weg sein. Inspirierend, identitätsstiftend, lebendig Beim Museum Friedland konnte Steffen Wiegmann das erste Mal den Neustart eines bestehenden Museums begleiten. Im Jahr 2016 begann hier der Neubau. Vom Architekturwettbewerb an war er dabei, sammelte Erfahrungen mit der Thematik. „Das hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass ich für die Stelle in Oldenburg ausgewählt wurde“, schätzt Wiegmann. Der Wiederaufbau eines Stadtmuseums hat ihn von Anfang an gereizt. Und das in Oldenburg noch ein zweites Mal anzugehen, ist für ihn ein echter Glücksfall. Zwar war das Stadtmuseum noch für ein Jahr geöffnet, als er seinen Job antrat. Aber dass der Abriss vor der Tür steht, stand schon fest. Bis auf Überlegungen zur neuen Außenfassade fiel alles ab sofort in den Aufgabenbereich des neuen Museumsleiters. Da kam einiges an Konzeptionierung zusammen: Wie sollen die museumspädagogischen Räume aussehen? Wie werden die historischen Villen eingebunden? Und welches Schließsystem ist das richtige? Geschichte trifft Zukunft: Die Baustelle des neuen Stadtmuseums steht symbolisch für die Tätigkeiten von Museen. (Bild: Caspar Sessler) Nicht zu vergessen die zentrale Frage, die sich stellt: Warum ist dieses neue Stadtmuseum so wichtig? Ganz einfach: „Es ist essenziell für die Stadtgesellschaft“, weiß Steffen Wiegmann. Und genau deshalb brennt er so sehr für seine Arbeit. Das neue Stadtmuseum soll eine Plattform für Gruppen und Akteure unterschiedlichster Bandbreite bieten. „Es soll Augen öffnen und zeigen: Diese Themen haben mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun, mit persönlichen und öffentlichen Erinnerungen und Geschichte, die in der Ausstellung einen Gegenwartsbezug erhält.“ Partizipative Projekte und eine externe Jury, die über relevante Themen entscheiden soll, sind fest eingeplant. „Inspirierend, identitätsstiftend, lebendig“ – das ist Wiegmanns Vision für das neue Stadtmuseum. In der Stadt, aber auch im Museum Bereits seit Beginn der Schließung galt es, diese Vision in die Realität umzusetzen. Der Weg: „In der Stadt, statt im Museum.“ Plakatiert mit einem orangefarbenen Hintergrund finden sich Ausstellungen zur Stadtgeschichte an vielen Orten in Oldenburg. „Mittlerweile haben die Menschen sich daran gewöhnt und bringen die Farbe mit dem Stadtmuseum in Verbindung“, weiß Wiegmann. Deshalb soll sie auch bleiben – vielleicht nicht ganz so auffällig, aber dennoch mit Wiedererkennungswert. Großprojekt: Der Neubau des Stadtmuseums prägt Steffen Wiegmann Arbeit. (Animation: JES Architekten und Gruppe GME Architekten BDA ) Die Stadtausstellungen werden weiterhin stattfinden, aber ein neues Zuhause braucht das Museum trotzdem: „Nur so gibt es einen festen Ort, zu dem die Menschen kommen und an dem sie Kontakt aufnehmen können“, erklärt Wiegmann. Das Ziel lautet Outreach . Das bedeutet, Gruppen zu erreichen, die sonst nicht in Museen gehen. Die Stadtausstellung als Katalysator für die Ausstellung im Haus. Das Museum in der Stadt als Verbindung zu ihren Einwohnerinnen und Einwohnern. Und dann: Die Stadtgeschichte aller Teile Oldenburgs vereint unter einem Dach. Zwei Städte, eine Leidenschaft Bei allem Herzblut, das er für das Stadtmuseum Oldenburg mitbringt – Steffen Wiegmann selbst lebt im Viertel in Bremen. Trotz des täglichen Pendelns seit mittlerweile vier Jahren hat er eine enge Bindung zu Oldenburg aufgebaut. Stressig ist das für ihn nicht, eher entschleunigend. Die vierzig Minuten in Bus und Bahn nutzt er als Puffer zwischen seinem Museums-Ich und seinem Familien-Ich. Letzteres ist ihm ebenso wichtig wie seine Arbeit. Mehr noch: Das Familien-Ich hilft ihm, Kraft für das Arbeits-Ich zu schöpfen. „Menschen, die nur arbeiten, sind mir nicht geheuer“, sagt er schmunzelnd. „Das merkt man ihnen auch immer an. Familien-Stress ist für mich ein positiver Stress.“ Klarer Blick Richtung Zukunft: Steffen Wiegmann hat Spaß daran, Dinge neu zu denken. (Bild: Hauke Christian Dittrich) Um jede Art von Stress abzubauen, ist Wiegmann auch zweimal wöchentlich auf dem Fußballfeld in Reichweite des Weserstadions in der Pauliner Marsch oder auf dem Stadtwerder zu finden. Und doch ist Oldenburg für ihn ein besonderer Ort, den er immer besser kennenlernt. „Ich habe ein gutes Gespür für Oldenburg und vor allem für die Menschen, die hier leben“, sagt er. Hier kommt sein Beruf ihm zugute, denn mit dem Wissen über eine Stadt verhält es sich wie mit dem Wissen über Geschichte: „Man muss nicht jedes Detail kennen, sondern nur den Ort, an dem man es herausfinden kann. Ebenso wenig muss man sich in jedem Stadtteil heimisch fühlen, sondern vielmehr Menschen von dort kennen, die einem mehr über ihren eigenen Lebensmittelpunkt erzählen können.“ Einer für alles, aber gemeinsam Ähnlich gestaltet sich auch die größte Herausforderung als Museumsleiter: Man ist überall dabei, steuert jeden Prozess mit, muss aber aufpassen, dass man den Prozess nicht übernimmt. „Meine Arbeit ist ein engmaschig gestricktes Netz aus Terminen mit einzelnen Zuständigen für Teilprojekte. Ich übernehme die Funktion eines Steuermanns in diesem Netz, aber das Durchführen der Projekte liegt bei den jeweils Zuständigen“, erklärt der Wahlbremer. Das ist wichtig, denn alle Vorgänge nicht nur zu steuern, sondern auch umzusetzen, wäre schlichtweg überfordernd. Ihr wollt (noch) mehr über Steffen Wiegmann und seine Arbeit am Stadtmuseum erfahren? Dann hört in unseren Podcast rein! Hilfreich ist für Steffen Wiegmann das kleine Team, auf das immer Verlass ist. Vierzehn Mitarbeitende gibt es, wovon einige nur temporär dabei sind, etwa weil sie zwischen den drei städtischen Museen wechseln. Die Zusammenarbeit stellt die wichtigste Grundlage für den Erfolg des neuen Stadtmuseums dar. Seine Maxime: „Jeder bringt seine eigenen Ideen und Stärken mit und zieht doch mit am selben Strang. Gemeinsam bauen wir so das Stadtmuseum auf, das wir uns immer vorgestellt haben.“ Wenn man sein Team fragen würde, was für ein Chef er ist, würde die Antwort vermutlich „humorvoll“ lauten. Er schreibt gern Texte, ist ein starke r Erzähler. Gesprächig. Kreativ. Dabei findet Wiegmann selbst sich überhaupt nicht kreativ. Er bringe nur die nötige Intuition mit. „Ich kann erkennen, wenn ein Mensch in einem bestimmten Bereich gute Ideen mitbringt und leidenschaftlich ist“, erklärt er. „So sorge ich nicht immer selbst für Veränderung, sondern bringe die Menschen zusammen, die gemeinsam etwas Neues erschaffen können.“ Etwas Neues, so wie eine perfekt geplante Heimat für das Stadtmuseum. Den Ort, an dem Stadtgeschichte für alle zum Greifen nahe wird.
- EDDIE JIM: DIE UNENDLICHE NEUGIER
Fotografie lebt von den Momenten. Nur, wenn alles stimmt - Ort, Zeit, Licht - können Bilder entstehen, die mehr sind als nur ein einfaches Foto. Aber selbst das reicht nicht aus. Um wahre Fotokunst entstehen zu lassen, braucht es den geschulten Blick für Situationen, Konstellation und Perspektiven - sowie die richtige Einstellung zum Beruf. All das hat der gebürtige Hongkonger und Wahl-Australier Eddie Jim. Wir haben den Gewinner des World Press Photo Awards 2024 getroffen. Gewinner des World Press Photo Awards 2024 in der Region Südostasien und Ozeanien: Eddie Jim mit seinem Bild „Fighting, Not Sinking“, das auf den Fidschi Inseln entstand. (Bild: Kulturschnack) Es ist ein kalter Tag in Oldenburg, die Temperaturen liegen im Minusbereich. Frischer Schnee ist gefallen, die Innenstadt weiß eingefärbt. Dieses winterliche Szenario bietet für unseren Gesprächspartner den größtmöglichen Kontrast, denn Eddie Jim kommt direkt aus dem australischen Sommer ins frostig-kalte Deutschland. Der Gewinner des Regionalentscheids Südostasien und Ozeanien des World Press Photo Awards 2024 lebt in Melbourne und arbeitet dort vorwiegend für die Tageszeitung „ The Age “. Wir checken kurz die Wetter-App: dort sind's gerade 26°C - mitten in der Nacht. Von einem Kälteschock ist bei Eddie Jim jedoch nichts zu spüren. Der gebürtige Hongkonger arbeitet seit über dreißig Jahren als Fotojournalist und zählt damit zu den erfahrenen Vertretern seiner Branche. Trotzdem vermittelt er nicht etwa den Eindruck eines abgeklärten Allwissenden. Im Gegenteil: Er hat sich nicht nur eine beinahe kindliche Neugier auf das Unbekannte bewahrt, er hält sie sogar für essentiell für seinen Beruf. Was darüber hinaus notwendig ist, um ein guter Pressefotograf zu sein? Wie es gelingt, sich von dramatischen Situation nicht berühren zu lassen? Und warum ausgerechnet sein berühmtestes Bild dabei eine Ausnahme macht? Das alles und noch viel mehr hat Eddie Jim uns in einem ausführlichen Interview erzählt. Von Langeweile keine Spur: Eddie sprach gern über seine Arbeit - und auch über sein berühmtestes Bild. (Bild: Kulturschnack) Wie ein Kapitän auf See Eddie, du bist ein professioneller Fotograf. Das ist definitiv ein Beruf, von dem viele junge Leute träumen. Was denkst du? Welche Talente braucht man um so einen Job zu machen? Um ein Pressefotograf oder Fotojournalist zu sein, sollte man vor allem verschiedene Interessen haben. Manche Leute konzentrieren sich nur auf ein einziges Thema, aber ich glaube, das funktioniert nicht so gut. Man sollte ein breiteres Spektrum abdecken - von Studio- bis Street Photography. Denn wir alle lernen von diesen verschiedenen Arten der Fotografie. Wir Fotojournalist:innen müssen heutzutage sehr oft Porträts machen, etwa von Fußballspieler:innen. Dabei spielt die Beleuchtung eine immens wichtige Rolle. Stell dir vor, jemand bittet dich, ein gutes Foto von einem Motiv in einem dunklen Raum ohne Licht zu machen. Was kannst du dann tun? Nicht viel, richtig? Licht ist ein Schlüsselelement der Fotografie. Wir müssen lernen, wie man es nutzt, wie man es liest, wie man das Beste daraus macht. Man kann das Licht also lesen? Ja, das kann man. Wenn ich zum Beispiel ein Porträt in diesem Raum hier aufnehmen möchte, dann würde ich meine Motive nahe am Fenster platzieren. Heute ist ein perfekter Tag, um ein Porträt zu machen: Bewölkt, weiches Licht, kein Kontrast. Das ist ideal. Wenn wir das Motiv neben das Fenster stellen, kommt es sehr gut zur Geltung, als würde man im Studio eine große Softbox aufstellen. Tatsächlich könnte das natürliche Licht an einem bewölkten Tag sogar besser sein als das Studiolicht. Als Fotograf liest man tatsächlich das Licht - genau wie ein Kapitän den Wind liest, um das Beste aus dem Wind zu machen und sein Schiff schnell fahren zu lassen. Das Licht lesen: Es kommt nicht nur auf das Motiv und die Kulisse an, sondern auch auf die Umstände und die Perspektive. (Bild: Eddie Jim) Gab es einen Moment in deinem Leben, in dem du gespürt hast, dass du dieses Talent mitbringst? Dass du also das Licht lesen konntest? Mir war anfangs nicht klar, dass ich diese Fähigkeit hatte. Das entwicklete sich erst im Laufe der Zeit. Ich bin seit fast vierzig Jahren in der Branche tätig und ich würde sagen, dass ich inzwischen alle Arten von Fotografie gemacht habe. Es ist zwar nicht so, dass ich bei jedem kleinen Auftrag viel dazugelernt hätte. Aber ich hab immer meine Erfahrungen gemacht und meine Arbeitsweise optimiert - etwa, was den Einsatz von Blitzlicht betrifft. Es ist also in erster Linie eine Erfahrung, die sich aufbaut. Deshalb sage ich immer: Wenn junge Fotograf:innen in die Branche einsteigen wollen, sollten sie sich nicht nur auf eine Sache konzentrieren, sondern alle Arten von Fotografie ausprobieren und ein möglichst breites Spektrum abdecken. Und sie sollten unbedingt viele Bücher lesen, denn jede:r Fotograf:in hat einen anderen Stil. Ich bin ein großer Fan von Fotobüchern, ich besitze eine Menge von ihnen. Sehr oft stammen meine Ideen aus diesen Büchern. Es geht also nicht nur um die Fotografie selbst. Man muss sozusagen einen offenen Geist haben? Richtig. Ich bewundere immer die Arbeit anderer Fotograf:innen. Ich entdecke dort immer Qualitäten, bei denen ich mich frage: Wie kommt es, dass ich nicht so gut bin wie er oder sie? Wie kommt es, dass du es kannst und dass du es schaffst? Wie kommt es, dass du dieses Foto in so kurzer Zeit oder in so einer Umgebung oder unter diesem Licht machen kannst und es so gut aussieht? So lerne ich, die Arbeit anderer Leute zu schätzen - und so lerne ich auch dazu! Nur Teil eines Ganzen: Eddies Sportfotografien - wie hier bei den Olympischen Spielen von Paris - wirken, als würde er nie etwas anderes machen. Tatsächlich schätzt er aber Abwechslung und hält sie sogar für notwendig. (Bilder: Eddie Jim) Bloß keine Routine Auf deinem Instagram-Kanal findet man sehr unteschiedliche Bilder. Zuletzt sehr viel Sport, wie etwa die Olympischen Spiele in Paris. Aber die Vielfalt ist groß. Was denkst du: was sind deine größten Fähigkeiten und Qualitäten als Fotograf? Ich sehe mich nicht als Spezialisten für irgendetwas. Ich fotografiere immer noch gerne alles, der ständige Wechsel Inspiriert mich am meisten. Wenn ich zum Beispiel die ganze Zeit Sport fotografiere, dann würde ich vielleicht denken: Dieses oder jenes Foto habe ich schon mal gemacht, ich werde das nicht noch einmal machen. Gute Fotograf:innen sollten aber nicht so denken, sie sollten immer kreativ sein. Du fragst nach meinen Stärken. Nun: Ich mache viele Porträts, weil ich es liebe, mit Menschen zu reden. Wenn ich dann höre, wie die Leute mir ihre Geschichten erzählen, habe ich manchmal eine Idee, wie ich sie vielleicht in einer anderen Umgebung oder auf eine andere Art und Weise oder in einem anderen Winkel oder mit anderem Licht fotografieren kann. Die Ideen sind unbegrenzt. Und wenn man hart arbeitet, bekommt man definitiv ein paar gute Ergebnisse. Als Laie hätte man ja denken können, dass man nur dann richtig gut wird, wenn man immer dasselbe tut und sich dadurch perfektioniert . Du magst aber Abwechslung? Ja, immer! Am liebsten die ganze Zeit. Ich kenne nämlich auch das Gegenteil. Ich bin ja ein angestellter Fotograf bei einer Zeitung. Das heißt: Ich kann mir meine Jobs normalerweise nicht aussuchen, sie werden mit von meinem Fotoredakteur zugewiesen. Etliche Jahre lang musste ich über Restaurants berichten. Am Anfang fand ich das furchtbar langweilig. Einfach nur Essen? Come on! Aber während ich tagein, tagaus Essen fotografierte, fiel mir auf, was ein gutes Bild ausmacht: Wenn die Menschen das abgebildete Gericht am liebsten sofort essen würden - dann ist es ein gutes Bild. Wie erreiche ich das? Ich probiere verschiedene Lichtkonstellationen aus und verschiedene Blickwinkel und nutze verschiedene Skills, um meine Bilder einladender aussehen zu lassen. Immerhin konnte ich mich anhand dieser monotonen Aufgabe also weiterentwickeln. Charismatischer Erzähler: Mit leiser, manchmal nachdenklicher, vor allem aber eindringlicher Stimme schildert Eddie seine Sicht auf die Fotografie - und auf die Welt, die er damit festhält. (Bilder: Kulturschnack) Du hast eben gesagt, dir werden Aufträge von der Redaktion zugeteilt. Hast du denn gar keinen Einfluss darauf, was du bekommst? Ich kann meinen Redakteuren Ideen vorschlagen. Ein Beispiel war die Berichterstattung im Vorfeld der Olympischen Spiele von Paris. Mein Vorschlag war eine Fotoserie mit australischen Oympionik:innen, die von Annie Leibovitz inspiriert war. Die Amerikanerin ist eine der größten Porträtfotografinnen, und sie hat ein Buch über das amerikanische Olympia-Team von 1996 veröffentlicht. Es ist ausschließlich in Schwarz-Weiß gehalten, die Bilder sind anders als alle anderen Sportporträts. Zum Beispiel steht eine Turnerin mitten in der Wüste. Es ist ein Foto, von dem ich sofort dachte: Wow, das ist so gut! Ich hatte eine ähnliche Idee und schlug sie meinem Redakteur vor. Ich habe nicht erwartet, dass er mir grünes Licht geben würde, denn ich wollte mit einer großformatigen Filmkamera arbeiten. Das Verfahren ist sehr kostspielig, weil die Filme teuer sind und ich mehr Zeit aufwenden, muss um sie zu entwickeln. Als der Redakteur aber mein erstes Testbild sah, hat er es geliebt und ließ mich weitermachen. Erst in Melbourne, dann in Sydney, schließlich in Adelaide. Ich musste jedes Mal mit dem Auto fahren, weil die Filme von den Röntgengeräten an den Flughäfen beschädigt worden wären. Veröffentlicht wurde die Serie schließlich als Sonderbeilage zur Zeitung am Eröffnungstag der Pariser Olympiade - ein voller Erfolg! Ich habe ein wirklich gutes Feedback bekommen und bin sehr stolz darauf, weil das Projekt eine Herausforderung war. Ich bin froh, dass der Herausgeber an mich geglaubt hat. Nicht von der Stange: Eddies ungewöhnlichen Aufnahmen von Olympiateilnehmer:innen sorgten für große mediale Aufmerksamkeit. (Bilder: Eddie Jim) Die Kamera als Barriere In Oldenburg zu Gast bist du aber nicht wegen deiner Arbeiten für die Olympischen Spiele, sondern wegen des Bildes, für das du mit dem World Press Photo Award 2024 ausgezeichnet wurdest. Es ist nicht in Australien entstanden, sondern in der Saina Bay auf Kioa Island, einer der Fidschi Inseln. War das ein regulärer Auftrag der Redaktion oder hatte dieses Projekt einen besonderen Hintergrund? Es ist ja kein großes Geheimnis, dass es mit der Zeitungsindustrie nicht unbedingt bergauf geht. Es wird zu wenig Werbung geschaltet, zu wenig Leute kaufen die Zeitung am Kiosk und es gibt zu wenig Abonnements. Deshalb haben wir auch kein Budget - iwe vielleicht früher - mit dem wir Jobs in Übersee abdecken könnten. Es ist sehr selten, dass man die Gelegenheit bekommt, ins Ausland zu gehen. Bei diesem Auftrag war es so, dass wir von Greenpeace Australien als Medienpartner eingeladen wurden, um über eine Klima-Konferenz zur globalen Erwärmung auf den Inseln zu berichten, Das allein war aber natürlich nicht genug. Also haben wir uns auf der Insel etwas umgeschaut. Fighting, Not Sinking: Das Gewinnerbild von Eddie Jim überzeugt nicht nur durch die Komposition um den Stammesältesten Lotomau Fiafia und seinem Enkel John, sondern auch durch seine Message. (Bild: Eddie Jim) Wenn du dort mit den Menschen sprichst, dich durch ihre Heimat bewegst und deine Bilder machst, fühlst du dann auch ihre Probleme? Werden sie zu deinen eigenen? Oder bist du nur ein neutraler Beobachter, der versucht, von dem Thema unberührt zu bleiben? Als ich auf der Insel ankam, habe ich nichts Ungewöhnliches bemerkt. Es ist einfach eine Insel mit schönen Stränden, klarem Wasser. Doch dann erzählte der Stammesälteste Lotofau Fiafia mir, dass die Uferlinie früher vierzig bis fünfzig Meter von der jetzigen entfernt war. Bei unserem Gespräch saßen wir vor seinem Haus auf einem Hügel. Er zeigte auf Mangroven, die relativ weit draußen zu sehen waren und erklärte, dass dort die Küstenlinie verlief, als er jung war. Ich habe mir das also vom Hügel aus angesehen und dachte: Das kann doch nicht sein, das ist doch ganz schön weit draußen. Doch er musste wissen. Er wurde vor 72 Jahren auf der Insel geboren und hat dort als Kind noch gespielt. Er hat also alle Veränderungen in den letzten siebzig Jahren miterlebt. Er war also das beste Subjekt, um diese Geschichte zu erzählen. Irgendwo im Nirgendwo: Kioa Island ist eine der kleineren Fidschi-Inseln und wird nur von wenigen Menschen bewohnt. (Karte: Google Maps/Kulturschnack) Man beschäftigt sich also zwangsläufig mit den Problemen vor Ort. Wird man dabei auch emotional? Und wäre es gut oder schlecht, wenn es so wäre? Ich benutze meine Kamera normalerweise als Barriere, um mich vom Geschehen zu trennen. Wenn ich zu emotional werde, kann ich meinen Job nicht mehr richtig machen. Ein Beispiel dafür war der Tsunami am zweiten Weihnachtstag 2004. Als ich ins thailändische Phuket kam, um über die Folgen zu berichten, war die ganze Stadt dem Erdboden gelichgemacht. Ich hatte nicht erwartet, so eine Verwüstung zu sehen. Davor kannte ich nicht einmal den Begriff Tsunami und wusste nicht, dass Wasser so mächtig und so zerstörerisch sein kann. Und als ich dort war, wurde ich emotional, weil wir tagein, tagaus mit Menschen sprachen, die selbst Opfer waren, die aber auch Angehörige verloren hatten. Sie hatten im Grunde alles verloren. Als ein menschliches Wesen ist es sehr schwer, in so einem Moment nicht emotional zu sein. Die Kamera als Barriere zu nutzen, hat damals für mich nicht funktioniert. Normalerweise bleiben wir als professionelle Fotograf:innen aber hinter der Kamera. Wir betrachten die Dinge durch diesen kleinen Sucher, der es so wirken lässt, als wären da, aber gleichzeitig nicht da. Wir betrachten die Szenerie durch ein Fenster. So versuche ich, mich von den Geschehnissen fernzuhalten. Denn: Wenn wir zu emotional werden, sehen wir die Dinge einfach nicht. Wir sehen nur die Person vor uns, wir sehen andere Menschen nicht und die Dinge drumherum. Zu Gast bei Greenpeace: Die „Rainbow Warrior“ ist nicht nur ein Markenzeichen der Klimaschützer:innen, sondern diente Eddie Jim auch als maritimes Fotolabor. (Bilder: Eddie Jim) Der Blick für die Dinge Was du siehst und was du nicht siehst, ist ja ganz entscheidend für die Fotografie. Wie findest du denn die Orte und Perspektiven für deine Bilder, wenn du an einer Szene ankommst? Im Falle meines Gewinnerfotos hatte ich keine Wahl, weil Lotofau mir gesagt hat, wo die Uferlinie verläuft. Ich musste es von dort aus aufnehmen, das war die Geschichte. Das war also ganz einfach. Bei anderen Fotos ist es natürlich aufwändiger. Wenn ich zum Beispiel eine Eilmeldung oder ein tragisches Ereignis fotografiere, gehen wir ganz nah ran. Wir konzentrieren uns auf den Ort des Geschehens und wir sehen erstmal nur das, was sich aufdrängt. Zum Beispiel: Das Auto und die Mauer, in die es gekracht ist. Aber wenn wir etwas weiter zurückgehen, sehen wir ein breiteres, ein größeres Bild. Wir erkennen Zusammenhänge, Ursachen und Auswirkungen. Also habe ich mir irgendwann gesagt: Nimm die ein paar Sekunden Zeit, wenn du bei einem Job ankommst. Mach nicht gleich Fotos. Einfach mal ein paar Sekunden innehalten, sich umsehen und beobachten, ob es etwas gibt, das man in die Bilder aufnehmen könnte. Vielen Leuten, die privat Fotos machen, geht es sicher ähnlich. Sie wollen nicht nur das Naheliegende knipsen, sondern suchen das Besondere. Es ist interessant, dass du ähnlich verfährst, obwohl der Fotojournalismus ja ein schnelles Geschäft ist. Heutzutage wollen die Leute bei den Zeitungen, dass es möglichst schnell geht. „Bitte schicken Sie die Fotos sofort“, heißt es dann immer. Aber manchmal lohnt es sich, ein bisschen innezuhalten und sich umzuschauen. Und dann sieht man vielleicht etwas, das noch ein bisschen wertvoller ist und das es wirklich wert ist, fotografiert zu werden. Momentaufnahme: Eddie JIm gelang eine wunderbare Bildkomposition. Gleichzeitig entsteht ein starker Kontrast zwischen dem Alltag auf der Insel und der Bedrohung durch den Klimawandel. (Bild: Eddie Jim) Wenn du so ein Foto machst wie jenes auf Kioa Island: merkst man schon im Moment des Entstehens, dass etwas Besonderes dabei rausgekommen ist? Oder muss man sich im Nachhinein noch genauer damit beschäftigen, um das zu erkennen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich noch etwas mehr aus einer Situation rausholen könnte. Ich spüre, dass ich mehr Zeit investieren sollte. Das Gefühl habe ich nicht sehr oft, aber wenn, dann gebe ich mir sehr viel Mühe, um das Beste herauszuholen. So ähnlich war es auch bei dem Bild auf Kioa Island: Es ist nämlich die zweite Version. Beim ersten Mal habe ich ein ähnliches Bild gemacht, aber das Wetter war nicht gut genug. Es war bewölkt und das Wasser war wellig. Ich hatte methodisch eigentlich alles richtig gemacht, aber das Wetter war außerhalb meiner Kontrolle. Dann habe ich den Ältesten gefragt, ob ich ihn und seinen Enkel noch einmal fotografieren darf. Dafür hatte er eine Bedingung: „Du musst mir versprechen, dass du unsere Geschichten so oft wie möglich nach außen trägst.“ Und das habe ich getan. Ich erinnere ich mich daran, dass es an diesem Tag keine Internetverbindung auf der Insel gab. Also sind wir auf die „ Rainbow Warrior “ zurückgekehrt, auf der es Satellitenempfang gibt. Wir mussten die Bilder und die Geschichte ins Büro schicken, also haben wir auf dem Schiff gearbeitet. Währenddessen kamen einige Greenpeace-Mitarbeiter an mir vorbei. Sie sahen das Bild und sagten: Wow, das sieht gut aus! Ich hab mich gefreut und bedankt, aber ich habe nichts weiter erwartet. Als die Geschichte dann in der Zeitung veröffentlicht wurde, ging es los. Ich habe eine Menge positives Feedback bekommen. Nicht nur von meinen Kolleg:innen, sondern auch vom Chefredakteur, von anderen Medien in Australien. Große Ehre: Nach der Auszeichnung mit dem World Press Photo Awrd 2024 stellte Eddie Jim „Fighting, Not Sinking“ in De Nieuwe Kerk in Amsterdam. (Bild: Lisa Knoll) Zunächst sollte die Story übrigens auf Seite 4 oder 5 erscheinen. Wir haben uns dann aber entschlossen, sie zu verschieben, bis wir einen Platz auf der Titelseite haben. Dadurch haben wir viel mehr Aufmerksamkeit erregt. Die Leute haben die Zeitung gesehen und wollten herausfinden, was hinter diesen Bildern steckt. Sie wollten die Geschichte hören. Damit war ich ziemlich glücklich, denn dadurch haben wir den Menschen auf Kioa Island Aufmerksamkeit geschenkt und ihnen eine Stimme gegeben. Die Macht der Bilder Tatsächlich erzeugte das Bild große Aufmerksamkeit. Und sie drang sogar bis nach Europa zur World Press Photo Foundation. Wie waren deine Gedanken, als du davon erfahren hast? War das eine große Ehre für dich als Fotograf? Natürlich! Der World Press Award ist die größte Ehre in meinem Berufsleben. Ich kannte diesen Preis schon als Fotografiestudent, als ich 19 Jahre alt war. Ich hätte niemals damit gerechnet, ihn eines Tages selbst zu bekommen, weil die meisten Bilder aus Konfliktgebieten stammen. Es sind immer sehr eindrucksvolle, kraftvolle Bilder. Ich kann mich auf keinen Fall mit ihnen vergleichen. Die globale Erwärmung ist allerdings ein Thema von größter Bedeutung. Und es betrifft nicht nur ein Konfliktgebiet oder ein einzelnes Land, sondern die ganze Welt. Vielleicht habe ich diesen Preis auch deshalb gewonnen. Ich fühle mich geehrt, aber gleichzeitig fühle ich mich auch, als hätte ich meine Mission erfüllt. Ich hatte ja versprochen, die Welt über Kioa zu informieren, die Geschichte so weit wie möglich in die Welt hinauszutragen. Und auf diese Art und Weise ist das definitiv gelungen. Leidenschaftlich: Auch wenn Eddie Jim schon hunderte Male über sein Siegerbild gesprochen haben dürfte, tut er weiterhin mit großem Enthusiasmus. (Bilder: Andreas Burmann) Magst du denn überhaupt noch über das Thema sprechen? Du warst in den letzten zwölf Monaten ja sicherlich auf einigen Ausstellungen, oder? Nein, ich war tatsächlich nur zum Auftakt in Amsterdam und nun auf dieser in Oldenburg ! ( lacht ) Es gab zwar auch eine Ausstellung in Sydney , aber dort war kein Rahmenprogramm mit Gästen vorgesehen. Das hielt sich also sehr in Grenzen. Aber wann immer ich die Möglichkeit habe, über das Bild zu sprechen, tue ich das auch - etwa für einige Foto- und Kameraclubs in Melbourne. Dort werde ich oft eingeladen. Auf diese Weise spreche ich mit mehr und mehr Leuten und verbreite die Geschichte immer weiter. Das tue ich auch, weil ich das Gefühl habe, dass ich den Menschen auf Kioa etwas schulde. Sie gaben mir die Möglichkeit, sie auf der Insel zu fotografieren. Sie gaben mir Zeit, um mit ihnen zu arbeiten. Also sollte ich mein Bestes tun, um ihnen etwas zurückzugeben, wann immer es möglich ist. Glaubst du denn, dass Pressefotografie einen Einfluss darauf hat, wie Menschen die Welt wahrnehmen? Erzählen sie eine eigene Geschichte, weil sie die Themen auf eine bestimmte Weise darstellen? Ich denke schon. Wenn du dir die Bilder in der World Press Photo Ausstellung anschaust, dann stellst du fest, dass alle ihre Geschichte gut erzählen. Viele Fotograf:innen wenden sehr viel Zeit dafür auf. Meine Aufträge dauern meist nur eine Woche, aber hier sind einige Projekte dabei, die sehr lange dauerten. Die Fotograf:innen haben das Thema deshalb sehr intensiv kennen gelernt. Und ich bin überzeugt, dass man bessere Bilder bekommt, wenn man mehr Zeit mit dem Motiv verbringt. Denn je entspannter das Motiv ist, desto besser ist das Bild. Wenn man dagegen jemanden zum ersten Mal trifft und ein paar Fotos macht, dann sind wahrscheinlich keine guten Bilder dabei. Der Fotograf und sein Werk: Eddie Jim fühlte sich wohl in Oldenburg und ließ durch Vorträge und Gespräche viele Menschen an der Geschichte hinter dem Bild teilhaben. (Bild: Kulturschnack) Was genau braucht denn ein gutes Pressefoto? Es mag komisch klingen, aber ein gutes Pressebild hat durchaus Ähnlichkeiten mit einem Foto von einem gut zubereiteten Essen, so wie ich sie früher machen musste. Wenn man jemandem ein Bild von einem Teller zeigt und diese Person möchte das Gericht am liebsten sofort essen, dann ist es ein gutes Essensfoto. Und dieses einfache Prinzip kann man auf den Fotojournalismus übertragen: Wenn du jemandem das Bild zeigst und das Publikum fühlt sich emotional verbunden, kann also das Thema durch das Bild fühlen, dann ist es gelungen. Natürlich kommt es auf die Fähigkeiten der Fotograf:innen an, wie man die Szene einfängt. Aber wenn eine Wirkung erzeugt wird, wenn Emotionen zum Publikum durchdringen, dann ist ein gutes Zeichen. Ich habe Menschen erlebt, die in eine Ausstellung wie diese gegangen sind und bei bestimmten Bildern anfingen zu weinen. Sie kannten das Thema nicht, sie wussten nicht, worum es geht. Aber als sie die Bilder ansahen, fingen sie an zu weinen. Das ist kraftvoll. Ob es sich jetzt um objektiv gute oder schlechte Bilder handelt, ist schwer zu sagen. Das ist eine andere Fragestellung. Aber wenn man sich anhand des Bildes dazu bringen kann, dasselbe zu empfinden wie die Fotografin der Fotograf, dann ist das gut genug. Das Thema fühlen: Zu einem guten Pressebild gehört mehr als nur das Geschehen abzubilden. (Bild: Eddie Jim) Letzte Frage: Was magst du am meisten an deinem Beruf? Was liebst du nach all den Jahren immer noch wie am ersten Tag? Ich liebe es, mit Menschen zu reden. Und noch mehr liebe ich es, den Leuten zuzuhören, weil jeder eine andere Geschichte zu erzählen hat. Wenn man sich genug Zeit nimmt, um sich diese Geschichte anzuhören, kommen einem manchmal gute Ideen, wie man sie fotografieren könnte. Auch nach über dreißig Jahren in dieser Branche denke ich jeden Tag über Projekte nach, die ich noch gern umsetzen würde, und mir fällt dabei immer wieder etwas Neues ein. Ich lese viele Bücher, ich schließe Freundschaften mit Menschen. Und ich hoffe, wie ich schon sagte, dass die Bilder umso besser werden, je besser man die Person oder die Leute kennt. Wenn man offen und aufgeschlossen ist, kann man sich von anderen inspirieren lassen. Das ist einer der Gründe, warum ich immer noch gerne fotografiere. Es gibt nicht viele Fotograf:innen, die nach Jahrzehnten im Beruf immer weiter machen wollen. Aber bei mir ist das so. Wann immer sich eine Gelegenheit bietet, will ich das Beste daraus machen. Damit meine ich nicht, dass ich härter oder länger arbeite als andere. Ich will einfach nur die bestmöglichen Bilder machen. Es geht dabei auch um ein Vermächtnis. Wenn man auf einige ikonische Bilder zurückblickt, dann weiß man, dass sie für immer fortbestehen. Studierende orientieren sich daran, Fotograf:innen lassen sich von ihnen inspirieren. Mit ist so etwas bisher leider nicht gelungen, aber ich arbeite daran. Und ich hoffe, dass ich das eines Tages ein paar Bilder haben werde, die die Leute wirklich mögen. Konzentriert bei der Sache: Einige der schönsten Sätze sagte Eddie Jim ganz am Ende unseres Gesprächs - und hinterließ damit umso mehr bleibenden Eindruck. (Bild: Kulturschnack) Das Leben ist einfach zu kurz ist, um Zeit zu verschwenden. Deshalb fotografiere ich immer weiter. Oft habe ich an meinem freien Tag das Glück, meine Kamera dabeizuhaben und etwas fotografieren zu können, das mir gefällt. Etwas, das ich abseits der Arbeit mag, zum Beispiel zeitgenössische Fotografie. Diese Abwechslung frischt mich auf. Als ob ich durch diese Art von Fotografie auf bessere oder neue Ideen kommen könnte. Und vielleicht ist es auch so. Meine Neugier jedenfalls scheint endlos zu sein - und ich denke, das ist eine gute Sache. Leidenschaft als Beruf Es wartatsächlich eine kleine Grausamkeit im Ausstellungszyklus der World Press Photo Foundation: Eddie Jim musste ausgerechnet aus dem australischen Sommer in den deutschen Winter. Was manchen von uns die Laune verhagelt hätte, bewirkte bei Eddie Jim das Gegenteil: Er freute sich über Kälte und Schnee, weil sie ihm etwas boten, was er für unerlässlich hält: Abwechslung. Insofern muss Oldenburg kein schlechtes Gewissen haben: Der gefeierte Fotograf war sehr gern an der Hunte. Das aber letztlich weniger wegen des Wetters, sondern vor allem, weil er sehr gern über seine Arbeit spricht. Über dieses Interview hinaus erzählte er von weiteren Fotoprojekten, die jeweils ihre eigenen Geschichten hatten und mit denen wir weitere Artikel hätten füllen können. Das Fotografieren ist für Eddie Jim kein Beruf, sondern eine Leidenschaft. Ständig sucht er neue Herausforderungen und Wege, sich weiter zu verbessern. Diese Einstellung ist es, die ihn seit Jahrzehnten durch eine ansonsten schnell- und kurzlebige Branche trägt. Und sie ist es, die ihm herausragende Bilder ermöglicht. Wie jenes mit dem 72-jährigen Lotomau Fiafia auf Kioa Island, mit dem er schließlich den World Press Photo Award 2024 gewann.
- USA BEGEGNUNGEN: FREMDE FREUNDE?
Bereits zum siebten Mal bietet die Begegnungen-Reihe des Kulturbüros in diesem Jahr die wunderbare Gelegenheit, ein fremdes Land jenseits von Reiseführerwissen intensiv kennenzulernen. Mit China und der Türkei gab es in der Vergangenheit durchaus schon Länder, die kontrovers diskutiert wurden. Nun sind es ausgerechnet die Vereinigten Staaten von Amerika, die besonders viel Gesprächsstoff bieten. Wie geht man nur mit Trumps USA um? Langer Schatten: Die USA haben sich mit Trump deutlich verändert. Aus einem langjährigen Verbündeten wurde ein weltpolitischer Poltergeist. Wie gehen wir damit um? (Bild: Shutterstock/Canva/Kulturschnack) Alles schien gut zu sein, als die Wahl für die Begegnungen 2025 auf die USA fiel. Der Präsident hieß damals Joe Biden : ein routinierter - manche sagen auch: langweiliger - Politikveteran mit kooperativem Selbstverständnis. Und obwohl er schon damals innerhalb Amerikas nicht sonderlich beliebt war und Donald Trump bereits wieder die Medien dominierte, schien eine Wiederholung der traumatischen US-Wahl von 2016 unwahrscheinlich. Doch genau dazu kam es. Der Milliardär aus New York gewann die Wahl deutlich und ist nicht mehr nur der 45., sondern auch der 47. Präsident der Vereinigten Staaten. Wobei der neue Trump den alten ziemlich blass aussehen lässt. Konnte man sich Anfang 2017 über den Dilettantismus im Weißen Haus noch amüsieren, verbreitet der Immobilienmogul nun weltweit Angst und Schrecken. Laut einer Befragung des Markt- und Sozialforschungs-Instituts Ipsos bezeichnen nur noch elf Prozent der Befragten die USA als einen Bündnispartner mit gleichen Werten. Das transatlantische Verhältnis scheint gestört, vielleicht sogar zerrütet. Und die Frage ist: Wie begegnen wir den USA? USA BEGEGNUNGEN 20. SEPTEMBER BIS 27. NOVEMBER 2025 MIT ÜBER ZWANZIG EINRICHTUNGEN UND AKTEUR:INNEN AUS DEN BEREICHEN LITERATUR, THEATER, MUSIK, BILDENDE KUNST, POLITISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE BILDUNG/INFORMATION SOWIE BEITRÄGEN AUS DEN BEREICHEN FILM, SOUND, GESCHICHTE UND GASTRONOMIE. VERSCHIEDENE SPIELORTE 26122 OLDENBURG Das Volk als Verständiger Dass die Wahl auf die USA fiel, lässt sich nicht mehr ändern. Das kann aber auch niemand ernsthaft wollen, denn es ist alles andere als eine schlechte Wahl. Im Gegenteil, sie könnte zetgemäßer kaum sein. Dass wir es bei den diesjährigen „ Begegnungen “ mit den USA zu tun haben werden, ist nämlich nicht etwa ein Fluch, sondern ein Segen. Nie war es spannender sich mit diesem Land zu beschäftigen, das in seiner Zerissenheit kein klares Bild bietet. Und nie war es wichtiger, denn wenn die Politik als Verständiger ausfällt, sollten es die Völker selbst in die Hand nehmen. Weltgeschichte in Titelbildern: Die SPIEGEL-Cover stehen stellvertretend für die wechselnde Wahrnehmung der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik. Die USA sind sehr viel mehr als Trump, MAGA und America First . Auf der großen Politikbühne sehen wir gerade die hässliche Fratze des nationalen Egoismus. Man täte den 300 Millionen Einwohner:innen des „ Land of the Free , Home of the Brave“ aber Unrecht, wenn man davon ausginge, dass dieses Gesicht repräsentativ ist. Laut Umfrafgen steht nach wie vor etwa die Hälfte der Menschen in Amerika hinter Trump. Doch das macht sie nicht zwangsläufig zu schlechten Zeitgenossen - und das Land nicht gleich zur No-Go-Area. Das sieht auch die Mehrheit der Deutschen so: In der erwähnten Ipsos-Befragung bezeichnen zwei Drittel die USA als notwendigen Partner in der Welt, nur jeder zehnte sieht sie als Rivalen. ZEITGEMÄßES FORMAT DIE BEGEGNUNGEN-REIHE Alles begann am 1. September 2010. An diesem Tag startete mit den „China Begegnungen“ die Premiere der gleichnamigen Reihe. Das durchaus gewagte Experiment, ein einzelnes Land über einen langen Zeitraum hinweg kulturell intensiv erlebbar zu machen, glückte auf Anhieb. Es war vor allem der damit einhergehende Facettenreichtum, der das Publikum auf unterschiedliche Weise fesselte - und seither für einige Fortsetzungen sorgte. Jenseits der Klischees: Von Anfang an war klar, dass Traditionen zwar eine Rolle spielen, aber vor allem Umbrüche und Veränderungen im Mittelpunkt stehen. (Bild: Kulturbüro) Bewährt hat sich insbesondere der Ansatz, ein unaufgeregtes Portrait der Partnerländer zu zeichnen. Es geht nicht etwas darum, die bekanntesten Künstler:innen zu zeigen oder sich an existierenden Klischees abzuarbeiten. Die Begegnungen-Reihe liest vielmehr zwischen den Zeilen und versucht, Nuancen der jeweiligen Nation zu betonen, die ansonsten oft übersehen werden, die aber viel über ihr Wesen verraten. Das ist in bisher sechs Auflagen in der Regel geglückt: 2010 : CHINA 2012 : SÜDAFRIKA 2014 : TÜRKEI 2017 : POLEN 2019 : GROßBRITANNIEN 2022 : ISLAND 2025 : VEREINIGTE STAATEN Seit 2010 hätten die „Begegnungen“ den Positionen und Ausdrucksweisen von Kulturschaffenden aus sich rasant verändernden Gesellschaften Aufmerksamkeit geschenkt, heißt es auf der Website des Kulturbüros. Es sei vor allem die Kunst, die auf ihre eigene Weise diese Umbrüche zum Ausdruck bringen könne und Position beziehe. Aber auch Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft hätten mögliche Erklärungsmuster und Sichtweisen angeboten. Die vorläufige Bilanz lautet wie folgt: „Somit haben sich die „Begegnungen“ in der Vergangenheit einer großen Aufmerksamkeit seitens der Oldenburger Bürgerinnen und Bürger erfreut – und konnten die Anzahl der Besucher sowie der partizipierenden Kulturinstitutionen stetig erhöhen. “ Die goldrichtige Wahl Wenn wir wissen wollen, wie es um die USA wirklich steht, dann können wir uns nicht an dem orientieren, was aus dem Oval Office zu uns hinüberschwallt. Dann müssen wir uns ein eigenes Bild machen und Menschen begegnen, die anders als der Präsident keine nationalistisch-hegemoniale Agenda verfolgen, sondern einen offeneren und toleranteren Weltblick haben. Breites Bündnis: Die Begegnungen haben traditionell viele Beteiligte. Über 20 Einrichtungen und Akteur:innen sind auch beim Thema USA voller Vorfreude. (Bild: Kulturschnack) Wie begegnen wir also den USA? Am wichtigsten ist, es überhaupt zu tun! Deshalb liegt Oldenburg mit der Wahl goldrichtig. Politisch mag viel Porzellan zerschlagen sein. Auf der zwischenmenschlichen und kulturellen Ebene könnten einige Risse aber wieder gekittet werden. Es gibt es keine Gründe, sich gegenseitig plötzlich zu ignorieren oder gar zu misstrauen. Vielmehr zeigt sich, dass die Politik eben doch „nur“ Politik ist und dass auch der mächtigste Mann der Welt nicht für sein ganzes Volk sprechen kann. Dafür sind die USA viel zu divers - auch wenn genau das dem Präsidenten nicht passt. Die USA Begegnungen bieten uns vom 20. September bis 27. November 2025 neun Wochen lang die Gelegenheit, ein Land zu treffen, das derzeit ein höchst unklares Bild bietet. Die mehrwöchige Veranstaltung wird daran zwar nichts ändern. Aber sie erinnert uns daran, dass die USA sehr viel mehr zu bieten haben als Provokationen und Politkrawall, nämlich eine vielfältige, facettenreiche und faszinierende Kultur. Freuen wir uns auf sie - und begegnen wir ihr mit Offenheit, Interesse und der Hoffnung auf eine gute Zukunft.











