KREATIVBAU ALS KEIMZELLE
- vor 2 Tagen
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Oldenburg ist nicht übermäßig reich gesegnet mit Proberäumen und Ateliers, schon gar nicht in den Stadtteilen. Umso wichtiger ist der Kreativbau des White Rabbit Kollektivs, denn er bietet die Kombination aus beiden: über dreißig Räume verschiedener Größen zur künstlerischen Nutzung im Haarentorviertel, nur einen Steinwurf von der Uni entfernt. Wie es dazu kam? Was das Besondere ist? Haben uns die „Hasen“ Timo und Angelique verraten.

Das klassizistische Gebäude im Schützenweg 34 ist ein Kuriosum. Der so prachtvoll wirkende Bau wurde im Jahre 1882 - damals noch vor den Toren der Stadt - als „Armen-Arbeits-Anstalt“ für 40 Erwachsene und 60 Kinder erbaut. Als zu Zeiten des Wirtschaftswunders der Bedarf an solchen Einrichtungen zu sinken schien, folgte eine Umnutzung als Alten- und Pflegeheim. Trotz seiner langen Geschichte und des ehrwürdigen Äußeren wirkte das Haus dabei - zumindest von innen - wie ein beliebiger Unterbringungsort für Hochbetagte. Doch damit ist es vorbei.
Zunächst sollte das Gebäude im Rahmen einer Neugestaltung des Areals abgerissen werden. Dieser Plan wurde jedoch verworfen, stattdessen steht in naher Zukunft eine Kernsanierung an. Bis es so weit ist, hat sich die Nutzung aber schon drastisch verändert. Denn in die vielen leerstehenden Räume auf drei Geschossen sind kulturelle Zwischennutzer:innen eingezogen. Initiiert von Raum auf Zeit und organisiert vom Kunstkollektiv The White Rabbit ist eine neue Hausgemeinschaft entstanden, die die lange Geschichte des Hauses um ein spannendes Kapitel bereichert. Wie es dazu kam? Und warum es bald auch schon wieder vorbei sein kann? Das haben uns Timo Willen und Angelique Rode von The White Rabbit erzählt.

Bock auf Kunst ohne Schwellen
Angelique und Timo, Ihr seid Teil des White Rabbit-Kollektivs. Vor allem mit Drag-Kultur wie die „Masqueerade“ habt ihr schon sehr auf euch aufmerksam gemacht. Wofür steht ihr generell, was ist für euch wichtig?
Angelique: Ich würde sagen, wir stehen für niedrigschwellige Kunst und Kultur, wir stehen für ein Miteinander - und ein bisschen auch für Chaos, glaube ich. (lacht)
Timo: Also generell ist bei uns einfach der kleinste gemeinsame Nenner, dass wir Bock haben, zusammen etwas zu machen und auf die Beine zu stellen – ob es jetzt Veranstaltungen oder Ausstellungen sind oder etwas, das an uns herangetragen wird. In diesem Fall ist es eben eine Ateliergemeinschaft.
Seid ihr einfach übers Machen und Probieren zur Kunst gekommen? Oder habt einen beruflichen oder studienbedingten Hintergrund?
Timo: Wir kennen uns zum Teil aus dem Studium. Wir haben Kunst studiert, aber natürlich auch in alle möglichen Richtungen geschaut: Wer aus dem Freundes- und Bekanntenkreis hat Lust mitzumachen? Wir sind eine gemischte Truppe.
Angelique: Die meisten von uns hatten hobbymäßig oder im Studium einen Kunstbezug und wir sind dann irgendwie zusammengeblieben.

Der Namen eures Kollektivs ist The White Rabbit. Wenn man ihm folgt, geht es entweder rein ins Wunderland oder raus aus der Matrix. Was bedeutet der weiße Hase für euch?
Angelique: Der weiße Hase steht genau für das, was du gerade gesagt hat: für den Übergang in eine andere Dimension, in einen anderen Bereich. Auch ein bisschen für Flucht und als Zeichen für etwas Neues.
Timo: Ja, der Name war relativ schnell klar. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, wo der ausschlaggebende Gedanke herkam. Aber wir haben uns früh überlegt, wie wir PR-mäßig auftreten wollen. Dann sind wir auf die Hasen-Masken gekommen, die hier überall im Bau rumstehen. Irgendwie hat sich das als Gesamtkonzept ergeben.
Warum ist es euch wichtig, Kunst und Kultur zu machen? Was treibt euch an?
Timo: Ich hatte immer schon den Drang, etwas Kreatives zu machen. Während mein Bruder draußen gespielt hat, habe ich zu Hause gemalt. Ich bin der Einzige in meiner Familie, bei dem das so ist. Es war einfach immer da und ich habe es nie besonders hinterfragt.
Ich finde es wichtig, sich kreativ auszuleben und auszudrücken. Deshalb arbeite ich auch an der Kunstschule, um das an die nächste Generation weiterzugeben.
Angelique: Da gehe ich mit. Ich glaube, dass Kunst Menschen verbindet – egal welche Kunstform. Das sieht man auch hier. Wir haben Bands, bildende Künstler:innen, unterschiedliche Hintergründe. Jeder kann etwas schaffen, und das bringt Menschen zusammen.

The White Rabbit: Plötzlich Vermieter
Seit Herbst 2025 gibt es nun den Kreativbau im Schützenweg. Das Gebäude kennen viele ehesten aus der mehrjährigen Diskussion um die zukünftige Nutzung dieses Geländes. Wie seid ihr in die Rolle gekommen, hier Räume anzubieten?
Angelique: Die Agentur Raum auf Zeit hat uns Anfang letzten Jahres angesprochen, ob wir uns das vorstellen können. Wir haben ziemlich blauäugig gesagt: Klar, machen wir. (beide lachen) Dass das ein Vollzeitjob wird, hätten wir nicht gedacht.
Timo: Am Anfang dachten wir, das ist ein kleines ehrenamtliches Projekt. Aber je konkreter es wurde, desto mehr haben wir gemerkt, was da alles dranhängt. Wir hatten selbst vor ein oder zwei Jahren die Situation, dass wir eine Ausstellung machen wollten, Fördergelder hatten, aber keine passenden Räume bekommen haben. Wegen Nutzungsänderungen und fehlender Verfügbarkeit.
Wir haben uns über die Raumsituation geärgert – und als dann jemand sagte: Hier sind 30 Räume, die brauchen nur noch Mieter, konnten wir eigentlich nicht „Nein“ sagen.
Angelique: Es war von Anfang an ein vertrauensvolles Miteinander mit dem Eigentümer. Das hat uns Sicherheit gegeben.
Timo: Wir mussten viel kalkulieren, damit die Mieten bezahlbar bleiben. Das Gebäude ist im Winter nicht beheizt und es gibt kein Trinkwasser. Trotzdem wollten wir die Mieten so niedrig wie möglich halten. Der Vermieter ist uns da entgegengekommen.

Über welche Dimension reden wir? Was bietet ihr konkret an?
Angelique: Wir haben S-Räume für 100 Euro, M-Räume für 170 Euro, L-Räume für etwa 230 oder 240 Euro und einen XL-Raum für 400 Euro mit fast 50 Quadratmetern. Außerdem einen Kreativraum, den man stunden- oder tageweise mieten kann – 10 Euro pro Stunde, maximal 50 Euro am Tag.
Allerdings ist die Nachfrage groß. Trotz einer Erweiterung sind wir inzwischen komplett voll. Nur der XL-Raum ist noch zu haben - eigentlich perfekt für Ateliergemeinschaften oder als Shared Space für mehrere Bands.
Timo: Wir achten bei der Nutzung der Räumlichkeiten im Gebäude aber auch auf das Miteinander. Zum Beispiel sorgen wir dafür, dass es Gemeinschaftsflächen gibt. Das ist wichtig, damit die Nutzer:innen in Kontakt kommen und bleiben können.
Starke Nachfrage sorgt für EngpässeGibt es noch Wege in den Kreativbau?
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Was für Mieter:innen habt ihr?
Angelique: Wir haben aktuell rund 30 vermietete Räume, darunter neun Bands und viele bildende Künstler. Insgesamt etwa 49 Mieterinnen und Mieter – von Studierenden über Ateliergemeinschaften bis hin zu Eltern mit Kindern.
Timo: Manche Ateliers schließen sich zusammen, andere gründen neue Gemeinschaften. Es entsteht viel Dynamik.
Gibt es Begrenzungen bei der Nutzung?
Timo: Keine baulichen Veränderungen, also nicht bohren, weil wir nicht wissen, wo Leitungen verlaufen. Aber Nägel in die Wände, Wände streichen – das ist alles erlaubt.

Was ist das Besondere an eurem Angebot?
Timo: Die Gemeinschaft. Bands gehen gemeinsam auf Tour, es entstehen Kooperationen.
Angelique: Die Nutzer:innen haben das Miteinander auch sehr gut angenommen. Man spürt überall: Es ist kein hierarchisches Projek, sondern ein gemeinschaftlichest. Es sind nicht nur wir, die das Haus gestalten, sondern alle zusammen.
Kooperationen auf Klassenfahrt
Glaubt ihr, dass Künstler:innen von so einem so lebendigen, vielfältigen Umfeld profitieren?
Timo: Auf jeden Fall. Man arbeitet anders - und ich würde auch sagen: besser - , wenn andere um einen herum kreativ sind. Viele lassen im Sommer die Türen offen, dann kommt man auf dem Weg zum Pinselauswaschen sehr schnell ins Gespräch. Das beeinflusst die Arbeitsatmosphäre sehr positiv.
Angelique: Und wir haben von Anfang an bewusst Treffpunkte geschaffen – Bänke, Gemeinschaftsbereiche. Beim Einzug haben sich alle sofort intensiv ausgetauscht, das hatte Klassenfahrt-Feeling. (lacht)
Initiiert oder unterstützt ihr Kooperationen unter den Nutzer:innen oder entstehen die von allein?
Angelique: Wir haben einen Tag der offenen Tür organisiert. Wir haben die Nachbar:innen eingeladen, auch Kulturdezernent Holger Denckmann war hier. Zu diesem Termin hatten wir alle gebeten, ihre Ateliers und Räume zu öffnen. Danach lief vieles von selbst.
Timo: Es gibt eine große WhatsApp-Gruppe. Manchmal treffen sich 10 oder 15 Leute spontan – das läuft mittlerweile eigenständig.
Arbeit mit Sinn : Timo und Angelique haben zwar viel zu tun, doch das wunderbare Ergebnis entschädigt für alle Mühen. (Bilder: Kulturschnack)
Füllt so ein Angebot, wie ihr es nun zur Verfügung stellt, in Oldenburg eine Lücke, die bisher nicht besetzt war?
Angelique: Es gab mal ein Bandhaus, das gibt es nicht mehr - dadurch ist definitiv eine Lücke entstanden. Die steigenden Mieten in Oldenburg sind auch kein Geheimnis. Sie machen die Suche nach Räumen noch schwerer, als sie ohnehin schon war. Ich würde sagen: Wir haben ein Rundum-Konzept geschaffen, das versucht, diese Lücke eine Stück weit zu füllen.
Bei Bands ist relativ klar, warum sie zuhause nicht proben können. Aber was ist für bildende Künstler:innen denn das Besondere an einem Atelier? Warum ist das so wichtig?
Angelique: Viele sagen: Zu Hause kann ich nicht arbeiten, ich hab da keine Ruhe. Man muss alles wegräumen, weil man sonst womöglich jemanden stört.
Timo: Materialien wie Ölfarben sind zu Hause schon geruchstechnisch schwierig. Ein eigener Raum bietet zudem weit weniger Ablenkungen und schafft Fokus. In unserem Fall kommt aber auch noch hinzu, dass wir hier mehr bieten als nur den Raum, wir bieten auch die Gemeinschaft, den Austausch. Das ist für viele ein weiteres Argument.

Kreativbau: Ideallösung mit Verfallsdatum
Früher lag das Armenhaus vor den Toren der Stadt. Das hat sich geändert, die Fußgängerzone ist aber trotzdem eine Ecke weg von hier. Ist das ein Vor- oder Nachteil?
Timo: Ich würde sagen, für uns ist es eher ein Vorteil. Viele aus unserem Kollektiv wohnen in der Nähe, können auch zwischendurch mal reinkommen. Und letztlich sind wir hier immer noch innenstadtnah, das sind mit dem Fahrrad keine zehn Minuten.
Angelique: Gute Anbindung, Uni in der Nähe, Bushaltestelle gegenüber, Parkplätze – das passt.
Stichwort Uni: Könnte um sie herum und grundsätzlich in den Stadtteilen nicht noch viel mehr passieren?
Angelique: Ich habe den Eindruck, es ensteht immer mehr. Die Menschen entdecken so ein bisschen die Stadtteile für sich - und wir tragen hier in Haarentor unseren Teil bei. Aber du hast Recht, die Nähe zur Uni ist etwas Besonderes, wie haben hier auch Studierende im Haus.
Timo: Wir haben in der Uni am Anfang eine Handfall Plakate aufgehängt, dazu kam noch etwas Mundpropaganda, ein paar Instagram-Stories – und schon hatten wir viele Bewerbungen.
Angelique: Große Werbung brauchen wir nicht.

Wie würdet ihr eigentlich eure Arbeit bzw. eure Aufgaben hier im Haus beschreiben?
Angelique: Mädchen für alles! (lacht)
Timo: Wir sind Hausmeister, Elektriker, Vermieter, Reinigungsfachkraft, Veranstaltungs- und Projektmanager, Grünflächenbeauftragte – und zwischendurch selbst noch Künstler.
Angelique: Der Winter war anstrengend, mit Strom und Organisation. Jetzt hoffen wir auf ruhigere Monate.
Du hast es gerade erwähnt, Timo: Ihr seid trotz der ganzen Organisationsarbeit ja auch selber Künstler:innen. Kommt ihr noch zu eigenen Projekten?
Angelique: Ja, schon. Es ist viel Arbeit, aber wir schaffen es. Und wir können hier Ressourcen direkt nutzen.
Timo: Die eigenen Projekte und die Mitarbeit im Kollektiv klappen mal mehr, mal weniger. Dafür gibt es aber viel Verständnis. Und wir planen auch eigene Ausstellungen und Veranstaltungen, teilweise gemeinsam mit Kreativbau-Mitgliedern. Das White Rabbit Kollektiv ist ja als gemeinnütziger Verien organisiert - vielleicht haben einige unserer aktuellen Nutzer:innen am Ende sogar Lust, Mitglied zu werden.
Das klingt alles ganz großartig und man würde sich wünschen, dass dieses Projekt dauerhaft fortbesteht. Doch der Kreativbau hat ein Verfallsdatum, richtig?
Timo: Ja, die Zwischennutzung ist befristet, weil hier auf dem Gelände neu gebaut und dieses Gebäude kernsaniert werden soll. Wann genau, wissen wir nicht. Es kann in einigen Monaten sein, aber auch später.
Angelique: Eines steht fest: Wenn es endet, entsteht wieder eine große Lücke. Das würden wir im Interesse unserer Nutzer:innen auch deutlich machen.
Timo: Die Gemeinschaft ist uns allen einfach ans Herz gewachsen. Wenn es vorbei ist, werden wir wahrscheinlich alle heulen.

Ein lebender Organismus
Das Gebäude im Schützenweg 34 steht seit fast 150 Jahren an seinem Ort. Trotz dieser langen Geschichte sollte man die aktuelle Zwischennutzung aufmerksam beobachten. Der Kreativbau beweist nämlich zwei Dinge. Erstens: Der Bedarf an Ateliers und Proberaäumen in Oldenburg ist nicht nur da, er ist enorm hoch. Die Szene braucht Flächen, um sich entfalten zu können - ansonsten fehlt es an der nötigen Atemluft. Zweitens: Es geht nicht nur um Räume allein, sondern auch um unverbindliche Treffpunkte für Gleichgesinnte. Im Kreativbau sind bereits viele - teils überraschende - Verbindungen entstanden, die stets eine Weiterentwicklung des Bekannten bedeuteten. Die Flure mitsamt der offenen Türen wirken wie die Adern eines lebenden Organismus - und man spürt dort einen kraftvollen Herzschlag.
Von Vornherein war klar, dass der Kreativbau nicht ewig existieren würde. Erst ging es um Monate, inzwischen gibt es Hoffnungen, dass man die Jahresmarke knacken wird. Unabhängig davon, wie lange das Projekt besteht, stellt sich aber bereits jetzt eine große Frage: Wie geht es danach weiter? Immerhin wären nach dem Ende des Kreativbaus etwa 30 Nutzer:innen abermals auf der Suche nach geeigneten Räumen - an denen es weiterhin fehlt. Es wird spannend zu beobachten sein, welche Folgelösungen sich entwickeln. Und vielleicht ist der Kreativbau auch für seine eigene Zukunft die ideale Keimzelle - und der weiße Hase weist uns den Weg.











