IM GEGENLICHT
- 29. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
Wer würde meinen, dass sich an unserer Carl von Ossietzky Universität hier in Oldenburg inmitten von Vorlesungen, Seminaren und jeder Menge Paukerei auch eines der ältesten Kinoangebote der Stadt verbirgt. Und nicht nur wird im Unikino Gegenlicht Semester für Semester ein liebevoll kuratiertes Programm abseits des Mainstreams vorgeführt, es bietet darüber hinaus auch handgemachte Kinokultur zum erschwinglichen Preis. Dadurch leistet es nicht nur einen kulturellen, sondern ebenso einen wertvollen sozialen Beitrag.

So manches Mal kann sich ein Kinobesuch, zumindest bei einer der großen Ketten, anfühlen wie eine wahrliche Großinvestition und beim Kauf von Popcorn, Getränk und Co. wirft man dann doch lieber sicherheitshalber nochmal einen kurzen Blick auf den aktuellen Kontostand. Aber Spaß beiseite, ist es uns das vermutlich für den brandaktuellen Blockbuster auf der großen Leinwand, im luxuriösen Sessel, gepaart mit epischem Sound aus jeder erdenklichen Richtung einfach ab und an wert. Ein solches Feeling lässt sich wirklich nur schwer bis gar nicht vom Sofa aus reproduzieren und bei einem Kinobesuch geht es schließlich auch oftmals um viel mehr, als den bloßen Film. Es ist das Erlebnis, das Drumherum, unsere Begleitung und das gemeinschaftliche Erleben eines Unterhaltungsangebots. Doch es bleibt trotzdem festzuhalten: in Zeiten von überall steigenden Preisen, ist gerade für Familien ein Kinobesuch vermutlich nicht mehr etwas, das man „mal eben so" spontan macht - auch wenn viele der Multiplex-Kinos inzwischen gegensteuern und erschwinglichere Specials, gerade im Zusammenhang mit Kindern, anbieten.

Wir hier in Oldenburg haben jedoch das große Glück mit gleich mehreren unabhängigen Kinos gesegnet zu sein, die sich voll und ganz der Kinokultur verschreiben, einen möglichst niedrigen Zugang zu ihr bieten wollen und jeweils mit eigenem Profil und klaren inhaltlichen Vorstellungen zu einer großen Vielfalt innerhalb des Oldenburger Kinoprogramms beitragen. Angefangen natürlich beim Casablanca, über das Cine k in der Kulturetage bis hin zum GLOBE Oldenburg, das zunehmend an Fahrt aufnimmt. Doch darüber hinaus findet sich in einer Unterführung auf dem Gelände der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, genauer in der Bühne 1 des Unikums, ein kleines, gallisches Dorf, das irgendwie alles ein bisschen anders macht: das Unikino Gegenlicht.
Ein Urgestein
Wie man der Abschlussarbeit „Oldenburger Lichtspiele - Film- und Kinogeschichten der Stadt Oldenburg" von Judith Protze entnehmen kann, formierte sich wohl bereits zum Wintersemester 1974/75 die sogenannte Film-AG, die im Kulturreferat des AStAs angesiedelt war. Das damalige Programm war gezeichnet von einer politischen Anspruchshaltung, bei der ein klarer Schwerpunkt darauf lag, Position zu beziehen und möglichst aufklärerische Arbeit mit den Spiel- und Dokumentarfilmen zu leisten, die man zeigte. Ein Anspruch, dem man langfristig nicht gerecht werden konnte, da gerade die politisch interessierten und aktiven Studierenden nicht auch noch in dem letzten bisschen an gebliebener Freizeit eine weitere, schwere Thematik vorgesetzt bekommen wollten. Diesem Umstand passte man sich zwangsweise im Laufe der Zeit an und wechselte auf ein seichteres Programm. 1989 stellte die Film-AG dann ihren Spielbetrieb ein, wurde 1992 als „AStA-Lichtspiele" neugeboren und benannte sich dann schließlich 1996 in das noch heute existierende Unikino Gegenlicht um, womit man die inhaltliche Unabhängigkeit vom AStA herausstellen wollte.

Heute besteht das Gegenlicht, zu dem unter anderem Philip Kaufmann und Jonas Pfennig-Schleese gehören, aus überwiegend jungen Filmenthusiastinnen und -enthusiasten, die das Publikum vor allem für ihren persönlichen Geschmack begeistern möchten. Das funktioniert auch deshalb auf sehr direkte Art und Weise, weil alle aktiven Mitglieder des Teams im Zuge der Planungen des bevorstehenden Semesterprogramms jeweils zwei Filmwünsche beisteuern können, die im Plenum besprochen werden und von denen dann mindestens einer den letztlichen Sprung zur Vorführung nimmt, wie Jonas und Philip im Gespräch erzählen. So entsteht ein Programm, das vielfältiger kaum sein könnte, da wirklich jeder Geschmack und jede Facette einer Begeisterung für das Medium Film herzlich willkommen sind, sei es Nischenkino oder Blockbuster Entertainment. Dem finalen Programm lässt sich dann sogar tatsächlich entnehmen, welches Teammitglied den Film beisteuerte, was das Kino aus der Anonymität heraushebt und ihm ein Gesicht verleiht.
Handgemachtes Kino
Wo früher die ausgesuchten Filme in der Aula der Universität gezeigt wurden, kann man seit dem Wintersemester 2015/16 mit den Räumlichkeiten des Unikums für die Vorführungen auf eine eigene Spielstätte zurückgreifen, die man sich über die Jahre hinweg immer mehr zu eigen machte. Stück für Stück zog durch jede Menge ehrenamtliches Engagement der Flair eines waschechten Kinos, samt professionellem Equipment in den kleinen, gemütlichen Saal, wovon natürlich auch die restlichen im Unikum stattfindenden Veranstaltungen profitieren. „Es kommen immer wieder Leute rein, die einfach Bock haben, etwas zu machen und einen neuen Input reinbringen. [...] Unser Mitglied Jan war beispielsweise die treibende Kraft hinter all den technischen Updates. Er hat die Website neu aufgesetzt, sodass es leichter für uns wurde, neue Filme einzupflegen und er hat ein Kassen- und Bezahlsystem eingeführt, sodass wir inzwischen sogar Kartenzahlung anbieten können. Das ist einfach super viel, was hier ehrenamtlich geleistet wird, weil die Leute Bock drauf haben", erzählt Philip, der sich als Dienstältester bereits seit 10 Jahren beim Gegenlicht mit von der Partie ist.

Dafür brauche es aber natürlich auch Menschen wie Jürgen Boese, den Kulturreferenten des Studierendenwerks, der für die Räumlichkeiten des Unikums die letztendliche Verantwortung trage aber, so Philip und Jonas, immer sehr offen sei und viele der Ideen mittrage - gerade hinsichtlich Veränderungen an den Räumlichkeiten selbst. Insgesamt herrsche innerhalb der Gruppe des Gegenlichts, so nenne man es immer scherzhaft, die „Diktatur des Machens". Wenn es eine Idee gibt, die ein Mitglied gerne umsetzen würde und niemand etwas dagegen zu haben scheint, dann werde diese auch umgesetzt. Davon profitieren am Ende natürlich die Besucherinnen und Besucher des Kinos. Denn auf diese Weise etablierten sich auf Initiative einzelner Mitglieder unterschiedlichste Specials über das reguläre Programm hinaus. So startete 2018 mit „Lichtaus" ein Sonderformat für Trashfilme, 2020 folgte das „Popcornkino", 2023 der „Musical Movie Mittwoch" und seit 2024 gibt ebenfalls die „Anime Nights". Zudem zeigt das Gegenlicht im Vorfeld der regulären Vorstellungen so gut wie immer einen Kurzfilm, womit das Team dem Genre besondere Aufmerksamkeit widmen möchte.
Keine Konkurrenz
Wichtig ist zu wissen, dass alles, was das Kino präsentiert, im Originalton mit Untertiteln gezeigt wird, wobei es im Gegenlicht richtigerweise wohl eher „Obertitel" heißen müsste. Eines von vielen kleinen, sympathischen Markenzeichen des Kinos, das in diesem Fall jedoch den räumlichen Bedingungen geschuldet ist und dabei doch irgendwie seinen ganz eigenen Charme entwickelt. Man sehe sich auch selbst in keinerlei Konkurrenz zu den anderen städtischen Kinos, das Gegenteil sei vielmehr der Fall. Man kooperiere regelmäßig mit anderen Kinos wie dem Cine k, auf dessen Rat und Erfahrungen man immer gerne zurückgreife und auch das Casablanca stellt dem Gegenlicht für die aktuelle Spielzeit für einzelne Vorstellungen seine Räumlichkeiten zur Verfügung und empfängt das Team mit offenen Armen. Denn im Unterschied zu einem Kino, wie man es für gewöhnlich kennt, zeigt das Gegenlicht so gut wie nie brandaktuelle Spielfilme und diese werden darüber hinaus auch innerhalb des Programms nur ein einziges Mal vorgeführt.

Hinsichtlich der Kosten für die Miete der Filme und die Bewerbung wird das Kino nach wie vor durch den AStA, den „Allgemeinen Studierendenausschuss" der Uni Oldenburg finanziell unterstützt. Darüber hinaus gründete sich mit dem Kulturnetzwerk Unikino Gegenlicht e.V. Ende 2022 ein Verein, der es sich zum einen zur Aufgabe gemacht hat, die Arbeit des Kinos direkt zu fördern doch zum anderen auch als Netzwerk für ehemalige Mitglieder des Teams sowie Unterstützerinnen und Unterstützer fungieren soll. Denn was schnell klar wird: gerade der Faktor der Gemeinschaft, Leute zu finden, mit denen man eine gemeinsame Leidenschaft teilen kann, steht bei der Arbeit des Teams eindeutig im Vordergrund. Über die Mitgliedsbeiträge und weitere Spenden möchte man aktuell das nächste große Upgrade, einen neuen Projektor (Kostenpunkt: 7.000€) stemmen. Eine Mitgliedschaft für Privatpersonen ist dabei bereits ab 20 Euro im Jahr möglich, wofür man im Gegenzug freien Eintritt für einen Film und immer, bei allen Vorführungen (!), so viel Popcorn erhält, wie man möchte - das ist doch was!
Der soziale Faktor
Insgesamt merkt man anhand der gesamten Preisgestaltung, dass das Team den Kinobesuch für alle Interessierten so kostengünstig wie möglich gestalten möchte. Für den regulären Eintritt zahlt man an der Kasse drei Euro und für zwei Euro kann man bereits eine Tüte Popcorn abgreifen, was uns im Endeffekt nun wieder zum Anfang dieses Textes zurückführt. Denn natürlich erwartet einen im Unikino Gegenlicht keine 10 Meter hohe Leinwand, die von einem Projektor für 100.000€ bis ins aller letzte Detail perfekt bestrahlt wird, während man in luxuriösen Sesseln versinkt. Doch was eine Gruppe aus hochmotivierten Menschen auf Grundlage ihrer Leidenschaft in der Bühne 1 des Unikums auf die Beine gestellt haben, das ist handgemachte Kinokultur wie sie purer, intimer als auch zugänglicher kaum sein könnte und somit letztlich auch gesellschaftliche Teilhabe fördert.
Wenn ihr also offen dafür seid, Neues zu entdecken, ihr euren persönlichen Filmgeschmack mit der Welt teilen möchtet oder schon immer mal wissen wolltet, wie Kinotechnik und der letztliche Betrieb eines solchen eigentlich funktionieren, dann solltet ihr unbedingt einfach mal vorbeischauen. Und wer weiß, vielleicht seid ihr dann gekommen um zu bleiben. Das Team freut sich auf jeden Fall immer darüber von euch angesprochen zu werden - ob als Zuschauerin und Zuschauer, um über das Gesehene zu quatschen oder als interessiertes, neues Teammitglied.
Mehr Informationen findet ihr unter: www.gegenlicht.net


