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AANG PATCHACUTEQ - WAV.ES

vor 6 Stunden
8 Min. Lesezeit

Was geht eigentlich in der Oldenburger Musikszene? Kurze Antwort: Viel zu viel, um es hier abzubilden! Deshalb werden wir niemals jede Band, alle Singles und sämtliche Auftritte erwähnen können. Aber: Es gibt ja noch Longplayer. Sie sind nach wie vor etwas Besonderes, jeder Release markiert einen Meilenstein der Bandgeschichte. Das wollen wir feiern - im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK! Hier stellen wir euch Alben made in Oldenburg vor und verraten euch, warum ihr sie unbedingt euren Playlists hinzufügen müsst. Die sechste Folge ist die erste ohne Gitarre - mit dem Rapper Aang Patchacuteq.



Cover der Albums „Time will tell“ von False Lefty aus Oldenburg
Viel los im Kopf: Was für das Covermotiv von „Wav.es“ gilt, das trifft auch auf Ben Kujadt alias Aang Patchacuteq zu. (Bild: Ben Kujadt)

Oldenburg pulsierte. Auf dem Schlossplatz tanzte der CSD, auf den Verkehrsinseln entlang der Huntestraße entstanden als kleine Spin-Offs spontane Mini-Raves und im ausverkauften Cadillac traf sich die Oldenburger Hip Hop-Szene zur Skinny Nochez Jam. Eben dort enterte ein junger Mann die Bühne - und sollte in diesem Wirbel einen der stärksten Eindrücke des Abends hinterlassen. Aber nicht etwa, weil er besonders laut oder wild gewesen wäre oder weil er die krassesten Botschaften hatte. Nein, er war ganz freundlich, höflich und entspannt. Und vielleicht lag es genau daran, dass sein Auftritt in Erinnerung blieb - denn dadurch standen die smarten Lyrics und Reime des Künstlers im Mittelpunkt - und damit genau dort, wo sie hingehörten.


Das einzige Problem: Dieser Künstler war so gechillt und uneitel, dass er - anders als andere - nicht zigmal erwähnt, wie sein Name ist und wie seine letzte Platte heißt. Das könnte man als einen Faux-pas in der Selbstvermarktung bewerten, das kann man aber auch einfach sympathisch finden. Zumal der Name anschließend recht leicht herauszufinden war: Aang Patchacuteq.


Entspannt: Ben Kujadt alias Aang Patchacuteq hat mit hartem Deutsch-Rap nicht viel am Hut. (Bild: Theresa Kujadt)
Entspannt: Ben Kujadt alias Aang Patchacuteq hat mit hartem Deutsch-Rap nicht viel am Hut. (Bild: Theresa Kujadt)

Und siehe da: Das gute Gespür für Text und Flow kommt nicht von ungefähr. Schon als Kind hat sich Ben Kujadt - so der bürgerliche Name - mit Sprache beschäftigt und schrieb knackige Reime in ein Rap-Battle-Buch. Doch ernsthaft Musik machen? Sogar öffentlich auftreten? Daran hatte der inzwischen 30-Jährige nie gedacht. Zu verkopft erschienen ihm seine Texte. Das änderte sich jedoch in jenem Moment, als er Käpt'n Peng & die Tentakel von Delphi hörte und verstand, dass es für seine Art Text durchaus eine Zielgruppe geben könnte. Und so ging Ben alias Aang seinen Weg weiter - und veröffentlichte schließlich sein erstes Album „Wav.es“.



Aang Patchacuteq: Laid back, aber bissig


Ausgangsfrage: Kann man ein Hip Hop-Album rein musikalisch betrachten? Wir glauben nicht. Genauso gut könnte man versuchen, eine Bierpunk-Platte literarisch zu bewerten. Hier wie dort funktioniert das eine ohne das andere nicht. Genau wie der Punk den musikalischen Tritt in die Magengrube braucht, damit die Texte ihre Wucht bekommen, sind Beats und Reime beim Hip Hop eine Symbiose, die erst zusammen ihre volle Wirkung entfalten.


Das Prinzip gilt natürlich auch für „Wav.es“, den ersten Longplayer von Aang Patchacuteq. In 38 Minuten bietet er 14 Tracks, die - vom kurzen Intro abgesehen - allesamt zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Minuten dauern. Und nicht nur die Länge der Tracks bewegt sich in einem bestimmten Bereich, etwas ähnliches könnte man auch über das Tempo und die Stimmung sagen, die ein bestimmtes Spektrum ebenfalls nicht verlassen. Ben hat sein Terrain abgesteckt - eine Kombination aus lässigen Beats des Oldenburger Szene-Urgesteins Growmatic und tiefgründigen, oft philosophischen Texten. Das Ergebnis: Laid back und relaxed, aber eindringlich und bissig.




FORMAT „SOUNDCHECK“

OLDENBURGER BANDS AUFGEPASST

Ihr seid Solo-Musiker:in oder spielt in einer Band aus Oldenburg? Ihr seid so ambitioniert, dass ihr eure Musik schon veröffentlicht habt oder genau das demnächst tun werdet? Und zwar nicht nur als eine Single, sondern in Form einer EP oder eines Albums? Mega, dann seid ihr hier richtig!


Logo der Rubrik Soundcheck des Oldenburger Kulturmagazins Kulturschnack

In Zukunft wollen wir hier regelmäßig über den Output Oldenburger Musiker:innen berichten. Ihr habt Interesse im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK aufzutauchen? Super, dann lasst es uns - am besten im Vorfeld der Veröffentlichung - wissen. Tickt uns auf Insta an oder schickt uns eine Email, wir kommen auf euch zurück. Super wäre es, wenn ihr schon ein kleines Presskit in petto hättet: Albumcover, Bandfotos, evtl. Link zu einem Video und einigen Soundfiles, die wir für ein Reel nutzen könnten.


Es gibt keine Garantien für einen Artikel - aber wir bemühen uns, möglichst alles zu verarbeiten, was uns erreicht. Die Oldenburger Szene ist (noch) bunter und besser als viele denken. Höchste Zeit, dass die Welt davon erfährt! Also: Macht mit beim Kulturschnack SOUNDCHECK!  



Die Kombination ist ideal, denn sie lenkt - wie damals auch beim Auftritt im Cadillac - die Aufmerksamkeit auf die Inhalte. Lyrisch kreiert Ben kleine Universen, in denen wir uns drei Minuten lang aufhalten und durch die wir uns von Bens Geschichten führen lassen. Man ist zu Gast seiner Gedankenwelt; macht es sich eine Weile gemütlich da und loggt sich dann frisch inspiriert wieder aus.



Emotionale Nahaufnahmen


Bleibender Eindruck: Ben Kujadt alias Aang Patchacuteq beim Skinny Nochez Jam im Cadillac. (Bild: Cadillac)
Bleibender Eindruck: Ben Kujadt alias Aang Patchacuteq beim Skinny Nochez Jam im Cadillac. (Bild: Cadillac)

Der Deutsche Rap bietet heute eine unfassbare Bandbreite an unterschiedlichen Stilen. Aang Patchacuteq bewegt sich dabei in einem Spektrum, das von Hafti und den Gangsta-Konsorten maximal weit weg ist. Aggressionen gibt es hier keine, anstelle von klassischem Protz oder Pathos setzt er auf emotionale Nahaufnahmen, Selbstreflexion und die Suche nach Identität. Er thematisiert das Leben, das Loslassen, Zeit, Nähe und persönliche Grenzen. Ein wiederkehrendes Motiv ist das Spiel mit der eigenen Rolle – wie in seinem älteren Track „unbenannt.wav“, in dem er beschreibt, im eigenen Leben auch mal Statist zu sein, wenn die Hauptrolle zu viel wird.


Wer jetzt denkt, Ben führt heute ein Battle-Rap-Buch 2.0, in dem er seine Songideen strategisch sammelt, ordnet und perfektioniert, liegt allerdings nicht ganz richtig. „Ich schreibe meine Texte meistens ziemlich ungeplant und so wie sie gerade kommen“, erzählt der zweifache Vater. Dabei liege der Fokus mal mehr auf Verarbeitung und mal mehr auf Spaß und dem Basteln mit Wörtern.


„Aber wenn ein Lied fertig ist hab ich fast immer schon das Gefühl, dass mein inneres Chaos so ein bisschen aufgeräumt ist.“


Chaos im Kopf: Wie die meisten leidet auch Aang Patchacuteq an Mental Overload. Er verarbeitet sie zu starken Hip Hop-Tracks, (Bild: Ben Kujadt)
Chaos im Kopf: Wie die meisten leidet auch Aang Patchacuteq an Mental Overload. Er verarbeitet sie zu starken Hip Hop-Tracks, (Bild: Ben Kujadt)


Markenzeichen statt Manko


Wichtig sind beim Rap aber nicht nur die Reime, sondern auch der Flow. Und wer das schätzt, ist bei Aang Patchacuteq genau richtig. Die Zeilen und Sätze fließen elegant dahin, das ganze Album kommt ohne große Ausreißer und Ausbrüche aus. Das kann man als Manko werten, wenn man große Abwechslung mag. Oder aber als Markenzeichen, wenn einem homogene Gesamteindrücke wichtig sind. Aber so ist es ja oft: Vor- und Nachteil einer Sache sind oft dieselben, je nach Betrachtungswinkel. Beim Kulturschnack favorisieren wir eigentlich die erste Kategorie, sind hier aber plötzlich Verfechter der zweiten. Denn die fließende Eleganz funktioniert bei Aang Patchacuteq. Man wird förmlich hineingezogen in seine Musik.


Von Anfang an geplant war das aber nicht: „Bei meiner Musik habe ich den Fokus eigentlich immer auf den Inhalt gelegt“, erzählt Ben. „Früher dachte ich, die Musik ist für das Gefühl da und der Text für die Informationen oder um konkrete Bilder zu erschaffen.“ Als dann der Cloud-Rap aufkam, habe er zum ersten Mal verstanden, dass auch der Text auch für die emotionale Ebene da sein kann. „Seitdem lege ich mehr Fokus auf Reimstruktur, Flow und Gefühl.“ Doch eines hat sich bei alledem nicht geändert:


„Ich versuche weiterhin, mit jedem Lied an den Punkt zu kommen, an dem ich denke: Das Lied hat mich auf irgendeine Weise weitergebracht. Der Inhalt ist also immer noch ziemlich wichtig für mich.“





Keine Angst vor Gefühlen


Ben gelingen auf seinem Album viele kleine Perlen, die - trotz stilistischer Ähnlichkeiten - jeweils eine kleine eigene Identität erzeugen. Das liegt auch daran, dass der leidenschaftliche Zeichner stimmlich zwar immer in seinem Sprechgesang-Kosmos bleibt, in den Refrains aber durchaus auch Melodien einfließen lässt. Das sind zwar keine stadiontauglichen Mitgröhl-Passagen und auch keine Ohrwürmer im engeren Sinne. Aber es sind eben doch kleine Hooks, die im Gedächtnis bleiben und auf die man sich beim nächsten Durchgang gleich wieder freut.


Bei Apple Music hat Ben für „Wav.es“ übrigens das Genre „Schlager“ gewählt. Natürlich ist das ein Scherz. Aber doch scheut sich der Rapper nicht davor, musikalisch immerhin mal in Richtung Schnulze zu denken - auch wenn das Ergebnis schließlich ein waschechter Hip Hop-Track bleibt.



Gut gelaunt: Wer in seinen Tracks nicht ständig erzählt, wie hart er ist, kann auf der Bühne auch mal lächeln. (Bild: Cadillac)
Gut gelaunt: Wer in seinen Tracks nicht ständig erzählt, wie hart er ist, kann auf der Bühne auch mal lächeln. (Bild: Cadillac)

Dass Ben seine Musik nach mehreren EPs und vielen Singles schließlich als Longplayer veröffentlichte, war ursprünglich gar nicht geplant. „Das Album ist ehrlich gesagt nur entstanden, weil Growmatic angeboten hat, die Beats umsonst produzieren, wenn wir einen Longplayer machen.“ Das habe zeitlich gut gepasst, denn das Angebot kam in jenem Moment, als Ben erstmals versuche, mehr auf die Vermittlung von Gefühle zu achten, als auf den „Informationsgehalt“ des Textes. Zudem gab es ein anderes Ziel: „Ich wollte gerne eine Platte haben, bei der ich die Tracks und das Cover selbst gemacht habe.“ Das hat er nun erreicht - und die Einnahmen letztlich doch mit Growmatic geteilt. „Sonst hätte ich mich blöd gefühlt“, erzählt das Multitalent mit einem Schmunzeln.



Neues aus der Nische


Aus dem Nichts entstanden: Ben liebt es, Musik zu machen, Bilder zu zeichnen - oder im Sandkasten zu spielen. (Bild: Ben Kujadt)
Aus dem Nichts entstanden: Ben liebt es, Musik zu machen, Bilder zu zeichnen - oder im Sandkasten zu spielen. (Bild: Ben Kujadt)

Wer nach Gründen für Bens feinsinnigen Alltagsbeobachtungen und deren Analyse sucht, wird beim Blick in seine Vita fündig. Zwar sind ein Psychologie-Studium, eine Tätigkeit als Schulassistent und ehrenamtliches Engagement für Menschen mit Behinderungen keine Garantien für smarte Hip Hop-Lyrics. Man kann sie aber als Indizien dafür werten, dass hier jemand nicht nur auf die plakative Seite des Lebens schaut, sondern versucht, unter die Oberfläche des banalen Alltags zu schauen. Gepaart mit einem guten Gespür für Reime und Flows ergibt das eine sehr spannende und hörenswerte Kombination.


Ben ist bewusst, dass das nicht für jeden etwas ist und dass man mit Gangsta-Rap mehr Aufmerksamkeit bekommt. „Ich glaube schon, dass meine Musik ziemlich nischig ist“, ordnet er ein. Immer wieder bekomme er Feedback, dass man der Menge seines Inputs nur schwer folgen könne. Doch das nimmt er in Kauf: „Mir gefallen die Songs und vor allem der Prozess, etwas 'aus dem Nichts' zu entstehen zu lassen - ganz unabhängig davon, ob ich Musik mache, Bilder zeichne oder mit meinen Kindern etwas im Sandkasten baue.“ Dennoch ist Ben überzeugt, dass der Musikindustrie der Gegenwart etwas mehr textliche Subtanz gut tun würde.


„Meine Songs sind zwar sehr subjektiv, aber sie betreffen eigentlich alle Menschen, die sich mal gefragt haben, warum sie auf der Welt sind. Und ich denke, das sind ziemlich viele.“


Umtriebig: Seit dem Release von „Wav.es“ hat Aang Patchacuteq schon sechs (!) weitere Singles veröffentlicht. (Bilder: Ben Kujadt)


Keine Lust auf Erfolg?


Davon abgesehen verfolgt Ben keine konkreten Ziele. Es gibt keinen Masterplan für eine Musikkarriere, „Als ich angefangen habe, die Sachen zu veröffentlichen und mir mehr Leute gefolgt sind, hat sich das eher nach Druck angefühlt, als nach etwas Positiven“, gesteht er. Nach einer Phase der Sinnfindung mache er jetzt aber nur noch das, was ihm gefällt und wann es ihm gefällt - eine Befreiung. „Wenn jemandem meine Musik mag, ist das natürlich schön und ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn ich genug damit verdienen würde, um davon meine Familie zu versorgen. Aber meine aktuelle Arbeit macht mir auch Spaß und ich hätte wirklich keine Lust auf alle Begleiterscheinungen, die der Erfolg so mit sich bringt.“ 


Und doch sind im Deutsch-Rap vor allem diejenigen erfolgreich, die musikalisch oder textlich besonders hart rüberkommen - und von dieser Härte fehlt auf „Wav.es“ jede Spur. Fehlt einem das? Der eine der andere emotionale Ausbruch wäre vielleicht schön gewesen, aber das halt eben nicht das, was man bekommt, wenn man Aang Patchacuteq auflegt. Und das ist cool. Denn dafür gibt es ja andere Qualitäten, die vielleicht etwas tiefer liegen, die dafür aber länger nachhallen - wie etwa an einem Frühsommerabend, an dem Oldenburg pulsiert, wo aber vor allem die leiseren Töne von Aang Patchacuteq in Erinnerung bleiben.





Cover der Albums „Time will tell“ von False Lefty aus Oldenburg

AANG PATCHACUTEQ WAVE.ES


14 Songs, 38 Minuten

Hip-Hop

14. April 2025





 
 
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