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STAATSAKT #18: THE SOUND OF MUSIC

vor 5 Stunden
14 Min. Lesezeit

Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen!


Szene aus „The Sound of Music“ mit Choreographien von Thomas Heep, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg zu sehen ist.
Let the Music play: Das Musical „The Sound of Music“ ist ohne seine Songs nicht vorstellbar - aber ebenso wenig ohne die Tanzeinlagen, die in Oldenburg von Thomas Heep choreographiert wurden. (Bilder: Stephan Walzl, Kulturschnack)

Wer mit offenen Augen durch die Städte läuft, sieht sie sofort: All die Menschen mit Kopfhörern - zu Fuß und auf dem Rad, mit großen Around-Ear-Lösungen oder mit winzigen Steckern im Ohr. Was sie jeweils hören, dürfte sich deutlich unterscheiden - von Popschnulze bis Death Metal ist alles dabei. Eine große Gemeinsamkeit gibt es jedoch: die Leidenschaft für Musik. Die Songs machen etwas mit den Hörer:innen. Und zwar so viel, dass sie am liebsten zu keiner Sekunde drauf verzichten würde - so wie der Charakter Floyd aus dem Kultfilm „Absolute Giganten“:


„Es müsste immer Musik da sein; bei allem, was du machst. Und wenn's so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“

Die Macht der Musik steht auch im Mittelpunkt von Richard Rodgers' Klassiker „The Sound of Music“, der nun in einer Inszenierung von Katja Wolff am Oldenburgischen Staatstheater zu sehen ist. Das Musical aus dem Jahre 1959 erzählt die wahre Geschichte der von Trapp-Familie, die nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich im März 1938 in die USA emigrierte und dort als reisende Musiktruppe ihren Lebensunterhalt verdiente. Die packende Story wird begleitet von einem weltberühmten Soundtrack, der sehr viel mehr ist als akustische Untermalung, sondern beinahe selbst ein Hauptdarsteller. Und das gilt auch für die mitreißenden Tanzeinlagen, für die in Oldenburg Thomas Helmut Heep verantwortlich ist. In KULTURSCHNACK STAATSAKT NR. 18 verrät der gebürtige Hesse, welche Bedeutung die Choreographien für das Stück und seine Charaktere haben, warum man trotzdem nicht jeden Code erkennen muss, wann er seine Vorstellungen lieber mit dem Körper als mit Worten erklärt und wer seine verständnisvollsten Kritiker:innen sind.



OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER



THE SOUND OF MUSIC

MUSICAL VON RICHARD ROGERS



Sa 31.10. 19:00 Uhr Restkarten

Sa 7.11. 19:00 Uhr Karten

Sa 14.11. 19:00 Uhr Karten

Fr 20.11. 19:00 Uhr Karten

Sa 28.11. 19:00 Uhr Karten

Di 1.12. 19:00 Uhr Karten

Mi 9.12. 19:00 Uhr Karten

Sa 12.12. 19:00 Uhr Karten

Do 7.1. 19:00 Uhr Karten

So 24.1. 18:00 Uhr Karten

Fr 29.1. 19:00 Uhr Karten

So 31.1. 15:00 Uhr Karten

So 14.2. 19:00 Uhr Karten

Sa 20.2. 19:00 Uhr Karten

Sa 27.2. 19:00 Uhr Karten

So 14.3. 18:00 Uhr Karten

So 28.3. 15:00 Uhr Karten

So 2.5. 18:00 Uhr Karten

Fr 7.5. 19:00 Uhr Karten



GROßES HAUS

26122 OLDENBURG





A C H T Z E H N T E R

S T A A T S A K T


E R S T E R A U F T R I T T

Ein großzügig verglastes Treppenhaus an einem überraschend milden Nachmittag Ende Oktober. Die Sonne strahlt auf teils entlaubte, teil noch üppig gelbgefärbte Bäume in den Parkflächen jenseits der Fenster. Während der innerstädtische Verkehr auf einer unweiten Hauptstraße dahinrauscht, bereiten zwei Kulturredakteure ein Video-Interview vor und versuchen, das allgegenwärtige Gegenlicht mit möglichst geschickter Kamerapositionierung zu entschärfen.



Thorsten Lange vom Kulturschnack Oldenburg im Interview mit Thomas Heep, Choreograph am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg
Gute Stimmung: Choreograph Thomas Heep kam bestens gelaunt zum Gespräch. Kein Wunder: Er liebt, was er tut. (Bild: Kulturschnack)

THORSTEN  Thomas, du bist Choreograf. Im Moment beschäftigst du dich aber nicht mit einem Ballett oder einem Tanzstück, sondern mit einem Musical. Was erwartet das Publikum bei „The Sound of Music“? Und warum ist die Musik so wichtig, dass sie es sogar in den Titel geschafft hat?


THOMAS  Oh, das ist eine gute Frage. „The Sound of Music“ basiert auf der Geschichte der Familie von Trapp, die es tatsächlich gegeben hat. Die Familie ist damals in die USA geflohen und hat dort eine Art Kelly Family gegründet. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Musik und war besonders beliebt, weil in Amerika viele Auswanderer lebten, für die diese traditionelle Musik eine große emotionale Bedeutung hatte. Was das Publikum bei „The Sound of Music“ erwartet? Ein Familienstück für Groß und Klein, in dem alles dabei ist: tolle Tanzszenen, spannende, intensive und lustige Momente, großartige Kostüme und eine tolle Bühne. Ich bin wirklich sehr glücklich mit dem Ergebnis.


THORSTEN  Ich hätte dich gerade fast gefragt, was dir persönlich am besten gefällt. Aber ich glaube, das hast du jetzt schon beantwortet, oder?


THOMAS  Ja, wobei ich etwas ergänzen muss. Ich glaube nämlich, das Highlight des Abends sind die Kinder. Wir arbeiten jetzt seit zehn Monaten mit ihnen. Anfang des Jahres haben wir sie in einem Castingprozess ausgewählt und anschließend in verschiedenen Workshops immer weiter mit ihnen gearbeitet. Wir haben drei Kinderbesetzungen, und die haben sich unglaublich toll entwickelt. Das sind wirklich großartige Darsteller geworden. Ich muss sagen, das ist etwas ganz Besonderes an diesem Abend.


THORSTEN  Das macht schon neugierig. Viele kennen vielleicht auch die Verfilmung des Musicals aus dem Jahr 1965, die damals mit fünf Oscars ausgezeichnet wurde. Wird dem Publikum etwas bekannt vorkommen, oder ist bei euch alles ganz anders?


THOMAS  Nein, einiges wird bekannt vorkommen. Die Musik von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein ist natürlich dabei. Sie ist einfach etwas ganz Besonderes und ein absolutes Highlight des Abends. Diese Musik ist so gefühlvoll, sie gehört unbedingt dazu. Auch die Geschichte bleibt erhalten. Ein großer Unterschied ist aber der Look. Der ist ein bisschen cooler, würde ich sagen.


Filmplakat zum Musical „The Sound of Music“, das nun im einer Inszenierung von Katja Wolff am Oldenburgischen Staatstheater zu sehen ist.
Klassiker: Die Verfilmung von „The Sound of Music“ von 1965 räumte fünf Oscars ab. (Bild: 20th Century Fox)

THORSTEN  Wenn du eine Choreografie entwickelst, was bedeutet das eigentlich? Bestimmst du einfach, wer wann wie wohin muss? Oder ist das noch viel mehr?


THOMAS  Viel mehr. Es gibt ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Bei manchen Nummern arbeite ich mit den Darstellerinnen und Darstellern direkt vor Ort, also während der Probe. Oft arbeitet man mit Menschen zusammen, die man vorher noch gar nicht gesehen hat. Da muss man erst einmal herausfinden: Was können sie eigentlich? Welche Bewegungen sind für sie vorteilhaft? In solchen Fällen hilft es, wenn man im Moment gemeinsam etwas kreiert. Es gibt aber natürlich auch Nummern, bei denen ich zu Hause an meinem Schreibtisch sitze und mir überlege: Wie sieht die Bühne aus? Was kann man auf dieser Bühne machen? Dann gehe ich vor den Spiegel oder in den Tanzsaal, probiere Dinge aus und denke mir die Bewegungen aus. Diese bringe ich anschließend den Darstellerinnen und Darstellern bei. Aber auch dann ist das erst der Anfang der Arbeit. Es geht ja erst richtig los, wenn man die Choreografie gemeinsam mit den Menschen, die einem gegenüberstehen, weiterentwickelt. Da bin ich schon sehr kollaborativ unterwegs.



STARKES THEATERPROGRAMM

DIE GROßE VIELFALT


Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 172 Gründe.


Das Spielzeit-Heft des Oldenburgischen Staatstheaters in Oldenburg
Viel drin: Das Spielzeitheft 26/27 des Oldenburgischen Staatstheaters.

Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 3 Uraufführungen und 30 Premieren, dazu 21 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regelmäßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT. Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt.   



THORSTEN  Welche Rolle spielt eine Choreografie für das Stück? Was sagt sie über die Charaktere, ihre Beziehungen oder die Handlung aus? Was ist die Aussage dahinter?


THOMAS  Ich versuche schon sehr stark, dass die Choreografie die Geschichte vorantreibt und den Charakteren Nuancen und Facetten gibt, die zu ihnen passen. Bestimmte Eigenschaften kann sie dabei auch vergrößern. Natürlich soll eine Choreografie auch eindrucksvoll sein. Es ist erst einmal toll, wenn man mit mehreren Hundert Menschen in einem großen Saal sitzt und live erlebt, wie Menschen tanzen. Deshalb geht es auch um den Effekt. Trotzdem muss dieser Effekt immer an die Geschichte angebunden sein. Ich versuche also, die Choreografien aus den Charakteren heraus zu entwickeln und ein bestimmtes Gefühl zu transportieren, das den gesamten Abend prägt.



Szene aus „The Sound of Music“ mit Choreographien von Thomas Heep, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg zu sehen ist.
Zwischen Bedrohung und Berufung: Die von Trapp-Familie verlässt Europa und findet in Amerika neues Glück. (Bild: Stephan Walzl)

THORSTEN  Wenn du an eine Choreografie herangehst, was interessiert dich besonders? Gibt es tänzerisch etwas, das du gerne unterbringen möchtest? Hast du bestimmte Vorlieben?


THOMAS  Das hängt sehr stark von der Musik ab. Verschiedene Musikstile bringen unterschiedliche Energien mit. Und ich glaube, Energie ist dabei das Wichtigste: Was wird transportiert? Welche Kraft geht nach vorne? Eine Kraft kann zunächst auch ganz klein sein und trotzdem intensiv wirken. Ich glaube, was ich suche, ist die intensivste Möglichkeit, das Gefühl zu transportieren, das mir die Musik und der Text vermitteln. Spannend wird es auch, wenn ein:e Darsteller:in sagt: „Für mich vermittelt das Stück aber etwas anderes.“ Dann noch einmal unabhängig von dem zu schauen, was ich vorbereitet habe, und zu entdecken: Das geht ja auch, und vielleicht ist das sogar viel spannender.


THORSTEN  Was sind dabei die zentralen Herausforderungen? Gibt es besonders knifflige Stellen?


THOMAS  Ganz klar: Die Erklärung meiner Vorstellungen! Das ist, glaube ich, ein sehr menschliches Phänomen. Man möchte gerne verstanden werden, aber sich gegenseitig zu verstehen, ist nicht immer leicht. Das ist gleichzeitig ein toller Prozess: sich gegenseitig verstehen zu lernen.


Das Schöne am Tanz ist, dass man dieses Verständnis auch über den Körper herstellen kann. Man muss nicht alles mit Worten erklären. Wenn ich etwas nicht in Worte fassen kann, kann ich es manchmal vormachen. Eine bestimmte Energie oder etwas, das ich vermitteln möchte, lässt sich auch mit dem eigenen Körper erklären. Ich glaube, das reizt mich besonders an dieser Arbeit.



Ausdrucksstark: Thomas Heep sorgt dafür, dass andere auf der Bühne strahlen. Nach unserem Gespräch steht allerdings fest: Er selbst könnte das auch. (Bilder: Kulturschnack)


THORSTEN  Wie reagieren denn die Schauspieler:innen? Die sind ja ganz unterschiedlich. Manche geben gerne etwas von sich preis und bringen eigene Ideen ein. Andere würden am liebsten stillstehen.


THOMAS  Es ist tatsächlich total unterschiedlich, wie die Darsteller:innen reagieren, denn sie bringen natürlich ganz unterschiedliche Fähigkeiten mit. Es gibt welche, die sehr viel tanzen, die das auch können und gelernt haben, sich tänzerisch auszudrücken. Es gibt aber auch immer wieder Menschen, die das nicht gewohnt sind. Das erfordert zunächst einmal Mut: sich zu öffnen und sich zu trauen, eine Bewegung vollständig auszuführen. Bei den Kindern ist das ganz ähnlich.


Da gibt es einfach unterschiedliche Hürden, die sie überwinden müssen, um sich groß zu zeigen. Ich glaube, die Herausforderung besteht darin, alle mitzunehmen, alle im selben Boot zu halten und gemeinsam in einen sicheren Hafen zu steuern.


The Sound of Music: Wie sehr wir uns von Klängen bewegen lassen, zeigt nicht nur das Musical, sondern auch diese ikonische Szene aus „Absolute Giganten“, dem vielleicht besten Film aller Zeiten. (Video: X-Film)

THORSTEN  Du erwähnst es gerade: Du arbeitest bei „The Sound of Music“ auch mit Kindern zwischen sechs und siebzehn Jahren zusammen. Ist das in irgendeiner Form leichter oder schwerer, oder ist es einfach nur anders als die Arbeit mit erwachsenen Schauspielern?


THOMAS  Es ist einfach anders. Auf eine gewisse Art und Weise ist die Arbeit mit Kindern viel ehrlicher, weil sie oft ungefilterter ist. Man spürt sofort, was passiert und wie sie etwas finden. Ob sie gerade Spaß haben oder nicht. Ob sie traurig sind, weil etwas nicht gut geklappt hat, oder glücklich, weil sie gerade etwas geschafft haben. Das ist viel direkter und ungefilterter. Das hat mich wirklich beeindruckt. Die Arbeit war intensiv, aber wahnsinnig schön.


THORSTEN  Braucht es dann auch eine engmaschigere Begleitung bei den jungen Schauspieler:innen?


THOMAS  Unbedingt. Was meine Arbeit mit den Kindern zudem trägt, ist die Wiederholung. Sie sind nicht routiniert in dem, was wir hier machen. Deshalb brauchen sie viel Stabilität und Wiederholungen, um sich sicher zu fühlen bei dem, was sie tun. Es geht auch darum, eine positive Arbeitsatmosphäre für sie zu schaffen. Wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, das Bestmögliche zu zeigen.



Szene aus „The Sound of Music“ mit Choreographien von Thomas Heep, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg zu sehen ist.
„Intensiv, aber wahninnig schön“: Für Thomas war die Zusammenarbeit mit den Kindern und Jugendlichen eine inspirierende Erfahrung. (Bild: Stephan Walzl)

THORSTEN  Wenn du jetzt auf deine Choreografien im Stück schaust: Gibt es Momente, bei denen du sagst, die sind besonders großartig, da ist meine Idee richtig aufgegangen?


THOMAS  Die gibt es. Es gibt eindeutig Momente, in denen ich mich über meine eigene Choreografie freue. (grinst) Ich glaube aber, dass es gut ist, wenn das Publikum selbst herausfindet, welche Momente das sein können.


THORSTEN  Man sollte immer den Mut haben, eine eigene Meinung zu haben und nicht nur darauf schauen, was vielleicht fachlich am besten gelungen ist. Das ist ja auch das Tolle am Theater.


THOMAS  Wir sind im Großen Haus mehrere hundert Menschen in einem Raum, die alle ihre eigene Meinung haben. Aber wir sitzen gemeinsam dort. Ich finde es total schön, live etwas zu erleben, das wir erarbeitet haben, und uns anschließend gemeinsam zu überlegen, was uns daran gefällt und was vielleicht auch nicht.




Farben- und lebensfroh: Auch wenn die Geschichte der von-Trapp-Familie eine Flucht-Thematik besitzt, überwiegt eine heitere Stimmung. (Bilder: Stephan Walzl)


THORSTEN  Muss ich als Zuschauerin oder Zuschauer in einem Tanz oder einer Choreografie immer etwas erkennen können, das vielleicht für die Handlung wichtig ist? Oder ist es auch völlig in Ordnung, einfach dazusitzen und zu sagen: Das sieht aber hübsch aus?


THOMAS  Beides ist eindeutig in Ordnung. Ich finde es toll, dass jeder Theater auf seine eigene Weise rezipieren kann. Wenn ich als Zuschauer:in nach einem anstrengenden Arbeitstag ins Theater komme und das Erlebte einfach auf mich wirken lassen möchte, ohne viel darüber nachzudenken, ist das vollkommen in Ordnung. Und das Gleiche gilt, wenn ich sage: Jetzt möchte ich mich noch einmal richtig herausfordern und die Codes lesen, die möglicherweise irgendwo in der Inszenierung stecken.


Ich glaube, genau das macht das Theatererlebnis so vielfältig: Es ist eben nicht festgelegt und es gibt nicht nur einen idealen Weg, ein Stück zu erleben.


Szene aus „The Sound of Music“ mit Choreographien von Thomas Heep, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg zu sehen ist.
Große Bühne: „The Sound of Music“ wurde im Oldenburgischen Staatstheater von Regisseurin Katja Wolf opulent inszeniert und spart nicht an eindrucksvollen Szenen. (Bild: Stephan Walzl)

THORSTEN  Und wenn jemand sagt: „Bei den Tanzeinlagen habe ich überhaupt nichts erkannt“, fühlst du dich dann missverstanden? Stört dich das ein bisschen oder ist das völlig okay?


THOMAS  Wenn die Person trotzdem Spaß hatte, ist mir das völlig egal. Dann freue ich mich sogar sehr. Wir möchten ja, dass die Menschen ein schönes Theatererlebnis haben und einen Abend erleben, der ihnen in Erinnerung bleibt, sie zum Nachdenken anregt oder sich einfach gut anfühlt. Das ist unser Ziel. Was genau dafür sorgt, kann jeder selbst entscheiden. Das macht das Ganze auch weniger berechenbar.


Heutzutage wird so viel versucht, durch KI, neue Technologien und Algorithmen zu berechnen: Was soll Menschen gefallen? Was passt besonders gut zu einer bestimmten Person? Umso mehr freue ich mich, dass das im Theater nicht so ist. Ich weiß eben nicht genau, was dem Publikum gefallen wird und was nicht. Und ich weiß auch nicht immer, warum etwas gefällt oder warum vielleicht nicht. Das ist für mich etwas ganz Besonderes am Theater.

Aufnahme von Thomas Helmut Heep, Choreograph am Oldenburgischen Staatstheater
Man at Work: Thomas Heep während seiner Regiearbeit zu „The Addams Family“ am Grenzlandtheater in Aachen (Bild: Christian van't Hoen)

THORSTEN  Wenn du in eine Choreografie kleine Codes oder Nuancen eingebaut hast, die für eine Figur besonders wichtig sind, und jemand kommt nach der Vorstellung zu dir und hat all das entdeckt: Ist das ein besonderer Moment?


THOMAS  Das ist ein besonderer Moment. Dann freue ich mich sehr. Das ist jetzt vielleicht ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert, aber meine Familie kommt sehr häufig zu meinen Arbeiten. Und ein bisschen mache ich es auch für sie. Ich habe immer das Gefühl, dass ich mich besonders freue, wenn es meiner Familie und meinen Freunden gefällt. Wenn ich mit ihnen etwas teilen kann, das mir besonders nahe liegt. Und sie verstehen mich sehr oft.


THORSTEN  Beim Musical gibt es die Handlung, die schauspielerische Ebene, die Musik, die oft mitreißend oder bewegend ist, und natürlich den Tanz. Findest du, dass der Tanz in diesem Zusammenspiel ausreichend wertgeschätzt wird? Ist er im Bewusstsein der Menschen präsent genug?


THOMAS  Das finde ich schon. Das ist natürlich auch sehr individuell. Wenn man gerne auf Tanz schaut, wertschätzt man ihn selbstverständlich mehr. Es gibt aber auch Situationen, in denen Menschen, die Tanz sonst vielleicht gar nicht so bewusst wahrnehmen, plötzlich darauf aufmerksam werden. Ich glaube, dass Tanz oft subtiler oder unbewusster wahrgenommen wird, als man denkt.


Ich habe allerdings den Eindruck, dass gerade in der Kulturbranche und im Musicalgenre häufiger an der Choreografie gespart werden soll. Ich glaube, dass die Auswirkungen davon nicht immer ganz klar sind. Denn ein runder Musicalabend lebt davon, dass alles zusammenkommt: Tanz, Schauspiel und Musik. Ich glaube, dass solche Kürzungen ein Fehler sind.


Ikonisch: „Storm II“ mit der Musik von Yung Lean gehört zu den meistgesehenen - und meistplagiierten - Videos des Jahres 2026. (Video: Gener8ion)

THORSTEN  In diesem Jahr ging das Tanzvideo zu „Storm“ von Gener8ion und Yung Lean ziemlich viral. Millionen Menschen weltweit haben sich das Video angeschaut. Es ist ja eine einzige große Choreografie. Zeigt das vielleicht auch das Potenzial von Tanz und Choreografie? Dass sich Menschen dafür wirklich begeistern können?


THOMAS  Absolut. Ich glaube, Choreografie ist einfach ein sehr menschlicher Ausdruck, genauso wie Tanz generell. Tanz ist ein sehr menschlicher Ausdruck von Emotionen, mit dem wir auf einer ganz anderen Ebene etwas anfangen können und der uns ganz anders berühren und beeindrucken kann. Auch in diesem Fall ist das eindeutig beeindruckend. Ich glaube, dass Tanz als Ausdruck unserer selbst und auch unserer Gesellschaft total wichtig ist. Das zeigt, welche Kraft in einer Choreografie steckt.


THORSTEN  Und dein fachliches Urteil zu dem Video? Ist es gut gemacht?


THOMAS  Geil. Love it. (lacht)




Regie statt Choreographie: Mit großem Erfolg inszenierte Thomas Heep Stoffe wie das Green Day-Musical „American Idiot“, den Grusel-Klassiker „The Addams Family“ und das ungewöhnliche „Hedwig and the Angry Itch“. (Bilder: Agnes Wiener/Niklas Wagner, Dominik Fröhls, Silke Winkler)


THORSTEN  Du bist ja nicht nur Choreograf, sondern hast vorher auch viel Regiearbeit gemacht. Wenn du heute auf ein Stück schaust: Ist da immer noch der kleine Regisseur in dir? Bist du manchmal ein bisschen schizophren unterwegs und betrachtest den Stoff aus zwei Perspektiven?


THOMAS  Ich habe als Regisseur angefangen und bin dann zur Choreografie gewechselt, was zunächst ein eher ungewöhnlicher Wechsel ist. Aber ich bin sehr dankbar dafür.


Ich schaue immer noch mit einem gewissen „Regie-Blick“ auf die Arbeit, vor allem auf meine Choreografien. Dadurch versuche ich, sie noch stärker in die Geschichte zu integrieren und zu überlegen, welche Effekte der Geschichte ganz pragmatisch und technisch weiterhelfen können.

Wenn ich merke, dass wir an einer bestimmten Stelle etwas brauchen, das besonders aufwühlend und mitreißend ist, versuche ich natürlich, die Choreografie entsprechend zu gestalten. Ich glaube, dieser Blick ist immer noch da. Gleichzeitig bin ich aber auch extrem glücklich über den Wechsel zur Choreografie. Ich kann den Regie-Blick zwischendurch gut beiseitelegen und freue mich sehr darauf, in meiner Funktion als Choreograf zu arbeiten. Wenn ich merke, dass jemand Hilfe braucht oder nach meiner Meinung fragt, freue ich mich umso mehr, meine Gedanken teilen zu können, die ich natürlich immer noch habe.


Szene aus „The Sound of Music“ mit Choreographien von Thomas Heep, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg zu sehen ist.
Raus aus Österreich: Die von Trapp-Familie muss ihre Heimat verlassen, doch sie findet ihr Glück in den USA. (Bild: Stephan Walzl)

THORSTEN  Vermisst du manchmal die Möglichkeiten, die du als Regisseur hattest? Oder ist es vielmehr ein Vorteil, dass du jetzt einen bestimmten Bereich hast, den du voll und ganz gestalten kannst, ohne als Regisseur in alle Richtungen schauen zu müssen?


THOMAS  Ich genieße es total, einen konkreten Bereich zu haben, auf den ich mich voll und ganz konzentrieren kann. Gleichzeitig merke ich, dass ich dadurch auch noch Reserven habe, mich nebenher um andere Dinge zu kümmern. Das ist zunächst einmal eine Position, die mir unglaublich viel Spaß macht. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich vielleicht in vielen Jahren wieder Lust auf Regie bekomme. Aber gerade bin ich extrem glücklich mit meiner Position.


THORSTEN  Und jetzt stell dir mal vor, du dürftest eine Choreografie wie die gerade erwähnte zu „Storm“ von Gener8ion und Young Lean machen. Zu welchem Song wäre das?


THOMAS  Oh, das ist jetzt schwer. (lacht) Ich muss gedanklich mal kurz meine Spotify-Bibliothek durchgehen. Das ist wirklich die schwerste Frage! Aber jetzt weiß ich es: Ich würde das gerne zu „Lifeboat“ von RAYE machen. Wenn ich den Song beim Duschen höre, ist die Choreografie in meinem Kopf schon fertig.


THORSTEN  Und an welchem Ort in Oldenburg würdest du dann ein Video dazu drehen?


THOMAS  Auch eine gute Frage. Ich glaube, man müsste verschiedene Orte für diesen Song nehmen. Vom Schlossgarten, den ich ganz toll finde, bis zur Innenstadt und hier ins Theater. Es gibt so viele Orte, an denen man das machen könnte, weil der Song davon handelt, dass es unterschiedliche Menschen gibt, die dasselbe Problem haben.


Thorsten Lange vom Kulturschnack Oldenburg im Interview mit Thomas Heep, Choreograph am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg
Noch lange nicht Schluss: Nach Ende des Videos sprachen Thomas und Thorsten noch eine ganze Weile weiter - spannende Themen gab's zu genüge. (Bild: Kulturschnack)

The Sound of Music: Mit allen Sinnen genießen


Für Außenstehende wird es wohl ein ewiges Rätsel bleiben, was all die Menschen mit ihren Kopfhörern gerade auf den Ohren haben. Fest steht jedoch, dass Musik für sie alle eine immens hohe Bedeutung hat, die weit über eine bloße Beschallung hinausgeht. Und genau diese Magie macht „The Sound of Music“ im Grunde zu einem Pflichtbesuch in dieser Theatersaison. Es ist eben nicht nur die wechselvolle Story einer Auswandererfamilie und nicht nur eine historische Momentaufnahme zu Zeiten des Nationalsozialismus. Beides würde bereits einen lohnenden Theaterabend bedeuten. Aber da ja noch mehr.


Die Musik wirkt in diesem packenden Musical auf zwei Ebenen. Zum einen ist sie Teil der Handlung, denn die von Trapp-Familie wurde ja schließlich als reisende Musiktruppe bekannt und berühmt. Zum anderen gibt es aber die legendären Kompositionen des Duos Rodgers/Hammerschmidt und die ausdrucksstarken Choreographien von Thomas Heep. Alls das wird verpackt in einem strahlend leuchtenden Bühnenbild, das uns aus unserem Alltag katapultiert - so wie es sonst vielleicht nur Headphones können, wenn sie unseren Lieblingssong abspielen. Das Gute ist, dass wir für dieses Erlebnis nichts auf den Kopf setzen oder in unsere Ohren stecken müssen. Wir können es uns einfach im Theatersessel bequem machen und „The Sound of Music“ mit allen Sinnen genießen. Und genau das ist auch unsere Empfehlung.


 
 
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