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KOLUMNE: BÜHNE FREI - FÜR UNS!

  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.


Szene aus „Der blinde Passagier“ von Maria Lazar, das am Oldenburgischen Staatstheater in Oldenburg zu sehen ist.
Das Fremde an Bord: Im Maria Lazars Geschichte „Der blinde Passagier“ geht es um Politik, Moral und Menschlichkeit. (Bild: Stephan Walzl)

Es gibt Gewohnheiten im Leben, die erscheinen uns so unumstößlich wie ein Naturgesetz. Als wären sie immer da gewesen und würden ewig bleiben. Für mich gehört dazu die Demokratie. Ich erinnere mich noch gut: Schon als Kind dachte ich, dass sie die höchste, beste aller Staatsformen ist. Wer sie noch nicht hat, will sie haben. Wer sie einmal hat, behält sie für immer. Das Gleiche dachte ich übrigens vom Frieden.

 

Vielleicht waren meine Überzeugungen zu naiv. Aber trotzdem bin ich fassungslos, dass sie nicht mehr gelten. Es gibt tatsächlich wieder Menschen und Parteien, die Intoleranz, Oppression, Autokratie völlig okay finden. Und es gibt viel zu viele, die ihnen nachlaufen - oberflächlich, leichtgläubig, unkritisch. Ich frage mich: Wo sind sie hin, die ideale eines friedlichen, freien und gleichberechtigten Zusammenlebens? Seit wann ist das nicht mehr cool? Und wo kommt die Überzeugung her, dass man jemanden abwerten muss, um sich selbst aufzuwerten? Haben wir tatsächlich schon vergessen, wohin das führt?

 


Screenshot der Kolumne von Thorsten Lange in der Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters
Für die Demokratie: Nicht nur in Thorstens Kolumne geht es um unsere Freiheit, auch beim Talkformat „Diskursgewitter“. (Screenshot: Kulturschnack)

Regungen statt Reden

 

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber: Wir müssen unsere Demokratie tatsächlich schützen. Diese einzige Staatsform, die alle gleich behandelt und niemanden ausschließt, die den Kompromiss über die Agenda stellt, und die Basis für jenen Wohlstand ist, der uns überhaupt erst den Luxus erlaubt, alles blöd zu finden, was die jeweils Regierenden entscheiden. Aber wie schützt man sie? Indem Politiker:innen ganz wichtige Reden halten? Schön wär’s. Als langjähriger Redenschreiber habe ich mir immer erhofft, etwas in den Köpfen der Menschen zu bewirken. Mal hat es geklappt, meistens nicht. Es müsste andere Wege geben – welche, die weniger an den Verstand appellieren, und stärker auf Gefühle setzen. Die uns spüren lassen welche Bedeutung unsere freiheitliche Demokratie hat und was es bedeuten würden, wenn wir sie verlören.


Wer hat bloß diese Macht, in uns so starke Regungen hervorzurufen? Wer ist in der Lage, uns so sehr in seinen Bann zu ziehen? Ach ja. Das Theater!

 

Schon im regulären Programm setzt das Staatstheater mit der Themen- und Stückauswahl wichtige Akzente und schärft unser Bewusstsein für die Qualitäten, aber auch die Gefährdungen unserer Gesellschaft. Man spürt: Das ist nicht für die Galerie, das Haus versteht sich als gesellschaftlicher Akteur, der mitreden und -gestalten möchte. Mit der Sparte 7 gibt es sogar einen Bereich, der sich explizit der Demokratisierung des Theaters widmet. Das bedeutet zwar auch, es möglichst allen zugänglich zu machen. Aber dabei geht es häufig um die Gesellschaft als Ganzes – und was wir tun können, damit sie gelingen kann. Und das ist ein Schlüsselwort: tun. Denn Demokratie lebt vom aktiven Mitmachen.

 

 

Theatralik gegen Lethargie

 

Im Mai und Juni ging und geht es unter dem Schlüsselbegriff „Gegenüber“ genau darum: Um uns und unsere Rolle. Wie wir uns informieren und diskutieren. Wie wir Standpunkte entwickeln und Entscheidungen treffen. Wie wir zusammenleben und miteinander umgehen. All das ist essenziell für eine funktionierende Gesellschaft; und dennoch kommt es im Alltag viel zu kurz. Umso wichtiger, dass das Staatstheater das Thema auf ganz unterschiedliche Weise theatralisch aufgreift und Menschen dadurch ganz anders erreicht als die beste Rede es könnte. Muss es das tun? Nein, ganz und gar nicht. Und genau darin liegt eine Stärke.


Das Staatstheater will dieses Zeichen setzen, weil es sich der Bedeutung des Themas bewusst ist, weil es antidemokratische Tendenzen erkennt und weil es sich selbst in der Pflicht sieht, etwas zu tun. Ich hoffe sehr, dass viele Menschen sich davon begeistern lassen und nicht nur zu den Veranstaltungen gehen, sondern auch etwas von dort mit nach Hause nehmen.

 

Klar: Man kann die Demokratie gewöhnlich und langweilig finden. Man kann sich ärgern über zähe Prozesse oder unzufrieden sein mit Wahlergebnissen, die nicht voll und ganz den persönlichen Präferenzen entsprechen. Aber sich deswegen von ihr abwenden? Lieber eine Alternative ausprobieren wollen? Das ist nicht cool, das ist auch nicht funny. Das ist einfach eine schlechte Idee. Vielleicht mag meine Vorstellung weiterhin naiv sein, aber ich bleibe dabei: Die Demokratie ist die höchste, beste aller Staatsformen. Wer sie noch nicht hat, sollte sie sich wünschen. Und wer sie einmal hat, sollte sich ihren Wert bewusst machen. Und das geht ganz wunderbar im Staatstheater.  

 

 

 

 
 
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