KOLUMNE: EIN BISSCHEN LEBEN
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.

Wir alle erleben jeden Tag dasselbe. Nämlich: Unseren persönlichen Alltag. Gut, der unterscheidet sich in Einzelfällen durchaus, denn die persönlichen Vorlieben – und, ja, auch Vermögensverhältnisse – verändern die Möglichkeiten und Gegebenheiten. Letztlich aber läuft das Leben für die meisten von uns in geregelten Bahnen.
Das ist einerseits sinnvoll, denn ständige Veränderung und Unsicherheit ist nicht gut für den Blutdruck. Das hat andererseits aber auch Schattenseiten, denn es führt manchmal dazu, dass wir unsere Systeme ein Stück weit runterfahren. Dass wir zufrieden – wenn auch nicht glücklich – damit sind, nicht mehr alles mitzubekommen oder selbst zu erleben. Dass wir nicht mehr viel fühlen, wenn das nächste Drama auf dem Screen erscheint. Wir haben ja den Alltag, der uns Halt gibt.
Anstacheln statt ausruhen
Wie gesagt: Bis zu einem gewissen Grad ist das gesund. Doch die Frage ist: Ab wann wird der Selbstschutz zur Selbstbeschränkung? Der Grat ist schmal, die Übergänge fließend, die Veränderung schleichend. Deshalb sollten wir darauf achten, dass wir uns nicht einlullen lassen von unseren Routinen.
Ruhe, Rituale, Resilienz? Alles schön und gut. Aber wir dürfen uns hin und wieder auch anstacheln und anzünden lassen, wir dürfen uns aufregen und austoben, und etwas so stark fühlen, dass es beinahe schon nervt.

Dafür müssen wir uns konfrontieren. Und, ja, ich weiß: Die meisten tun das auch – zumindest für die Sekunden, die entsprechende Signale im Feed auf unseren Screens erscheinen. Aber das sind wohldosierte Mengen, denn der Alltag ist ja stets nur einen Swipe entfernt oder wartet zur Not in der nächstbesten App. Das Ergebnis: Wir nehmen ein negatives Gefühl mit, dringen aber gar nicht zu den Themen durch, haben sie nicht durchdacht, uns keine Meinung gebildet. Es bleibt ein diffuses Gefühl der Unzufriedenheit.
Dann doch besser: intensiv auseinandersetzen. Tief eintauchen. Sich voll und ganz der Sache widmen. Ja, stimmt, das kann auch mal unangenehm werden. Aber: Danach ist man einen Schritt weiter, hat neue Standpunkte gewonnen und das positive Gefühl, nicht mehr ganz so ohnmächtig zu sein wie zuvor.
Allein mit den Gefühlen
Aber wie geht das, dieses bewusste Auseinandersetzen? Wir schafft man es, sich zu konzentrieren und nicht sofort wieder abzuspringen? Achtung, gute Nachrichten: dafür gibt es etwas! Das Ganze nennt sich Saal und ist gedacht für Aufführungen von Musik, Kunst oder Film. Anders ausgedrückt: Es sind die Theater, Museen, Clubs und Kinos, in denen das möglich ist.
Wie ich darauf komme? Ganz einfach: ich habe es gerade erlebt. Dieses Thema zog sich nämlich wie ein roter Faden durch meine Gespräche beim 33. Internationalen Filmfest im letzten Monat. Es gab dort Beiträge wie „Strange Neighbors“ oder „Mackenzie“, die weitgehend ohne Handlung auskamen. Die uns mit unseren Gedanken vor der großen Leinwand weitgehend allein gelassen haben – ohne Vorgabe, was wir sehen, denken, fühlen sollten. Das Ergebnis? Nicht etwa Überforderung und Frustration, sondern große Emotionen.
In den Vorstellungen kamen einigen Menschen die Tränen – nicht wegen weihevoll orchestrierten Gefühlsduseligkeiten, sondern weil sie gewissermaßen gezwungen waren, sich voll und ganz dem Thema zu widmen – und dabei entdeckten, dass sie ganz schön viel dazu denken und fühlen, in ihrem Kopf, in ihrem Herzen.
Kultur kontra Alltag
Mensch zu sein bedeutet nicht, dass man ständig weiß, was irgendwo los ist oder zu jeder Neuigkeit einen postironischen Kommentar auf Lager hat. Mensch zu sein bedeutet vor allem, sich intensiv mit etwas auseinandersetzen. Mit unseren Mitmenschen, mit den Entwicklungen um uns herum und auf jeden Fall auch mit uns selbst. Früher passierte das automatisch, weil wir die Zeit und Muße dafür hatten. Heute brauchen wir aber Impulse und Gelegenheiten, um uns aus unserem Trott zu reißen. Und die finden wir in den Kulturräumen unserer Stadt.
Alltag ist schön und gut. Ich mag ihn. Aber die Sicherheit der Gewohnheit ist nur etwas wert, wenn wir sie dazu nutzen, sie ab und zu verlassen und etwas anderes wagen. Die Kultur bietet dabei die allerbesten Anlässe und intensivsten Momente. Lasst uns ein bisschen leben – nicht nur nebenbei, sondern mit voller Kraft!


