KOLUMNE: (K)EIN SOMMERNACHTSTRAUM
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Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Theaterzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.

Was macht eine luftige Sommerkolumne aus? Leichte Themen, beschwingter Ton, etwas Humor vielleicht? Klingt nach einem guten Rezept. Und da gerade die Sonne strahlt, während ich diese Zeile schrieb, wäre es der perfekte Moment für sowas. Aber jetzt kommt der Downer: Ich habe mich dagegen entscheiden.
Nicht falsch verstehen: ich bin kein Nörgler, der das Haar in der Sommersuppe sucht. Obwohl unser Familienurlaub in diesem Jahr bereits zu Ostern stattfand (und ein Teil von mir in Hanoi geblieben ist), liegen tolle Wochen hinter mir. Und ich hoffe: hinter Ihnen auch! Trotzdem muss ich gerade jetzt, wo der Teppich eigentlich schon ausgerollt ist für besagte Sommerkolumne, an etwas anderes denken. Nämlich an den globalen Irrsinn um uns herum, der sich sehr geschickt als vermeintliche Normalität tarnt. Fast hätte ich ihn deshalb übersehen. Aber ich hab ihn doch entdeckt und zerre ihn jetzt ans Tageslicht.
Frühstück mit Trump
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich verliere langsam den Überblick. Jeden Tag habe ich hundert Pläne und vergesse ebenso viele davon. Warum? Weil ich älter werde? Hat damit zu tun, ganz klar. Aber auch, weil tagein, tagaus so viele neuen Themen auf uns einströmen (oder -stürzen), dass ich gar nicht mehr weiß, wo ich meine Aufmerksamkeit verankern soll. Zum Frühstück gibt‘s News von Trump und Musk, noch vormittags Verheißungen oder Bedrohungen durch KI, später dann Schreckensmeldungen von Unglücken oder Kriegen in aller Welt – und dann sind wir überhaupt noch nicht bei den unzähligen Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, gegen die es sich zu kämpfen lohnt, für die ich aber jeweils ein Extra-Leben bräuchte.

Immer öfter spüre ich ein komisches Gefühl bei alledem. Zum einen ist es der dezente Überhang an negativen Themen gegenüber den positiven. Alles ist Chaos, Krise, Katastrophe. Zum anderen ist es eine wachsende Überforderung mit der puren Vielzahl an Nachrichten, die jeder neue Tag mit sich bringt. Ich weiß, dass es nach einem Klischee klingt, aber in solchen Momenten sehne ich mich nach einer Vereinfachung. Bitte nur eine Sache zur Zeit – und die umso ausführlicher und tiefgründiger! Und genau das finde ich tatsächlich sehr oft bei den unterschiedlichen Formaten der Kultur.
Besser als eine Sommerliebe
Davon gibt es im Sommer ja inzwischen deutlich mehr als früher. Die Konzerte des Kultursommers sind vielen noch in lebhafter Erinnerung, nicht wenige haben bei Einfach Kultur im Gleispark gleich weitergemacht, andere haben schon Stammplätz im Sommerkino des Cine k. Das waren bzw. sind alles wunderbare Ereignisse, die uns großartige Momente und eben jene Leichtigkeit bescheren, die ich eingangs erwähnt habe (und die wir auch dringend brauchen). Ich freue mich aber auch jetzt schon darauf, dass die Theatersäle bald wieder öffnen. Das ist natürlich paradox, weil ich es liebe, im Sommer so viel Zeit wie möglich draußen zu verbringen. Aber ich spüre auch: So richtig zu mir selbst finde ich tatsächlich noch besser, wenn ein Raum um mich herum geschlossen wird. Dann bin in konfrontiert mit mir selbst und meinen Gefühlen. Zugegeben: das ist gar nicht immer angenehm. Aber: Es ist sinnvoll. Und im Theater ist es dazu auch noch grandios unterhaltsam.
Ich erinnere mich zurück an den Anfang des Sommers, genauer gesagt an den Mai. Damals fand die Pressekonferenz des Staatstheaters zur neuen Spielzeit statt. Und ich habe festgestellt, dass ich immer dasselbe fühle, wenn ich diesen Ausblick bekomme: Ich werde unendlich neugierig – nicht nur auf die Stücke selbst, sondern auch auf das, was sie in mir auslösen, was sie mit mir machen. Denn ich weiß schon immer vorab: Sie werden mich verändern – ganz unabhängig davon, wie gut sie sind oder welches Thema sie aufgreifen. Theater berührt – immer.
Und wie schön ist das? Erstens diese beinahe naive Neugier zu fühlen und zweitens sicher sein zu können, dass man auf die eine oder andere Weise inspiriert wird? Ich feiere das sehr! Nicht zuletzt, weil es mir hilft, die viel zu vielen Tabs zu schließen, die ich ständig in meinem Kopf geöffnet habe und mit dem alltäglichen Irrsinn fertig zu werden.
Der Umgang mit dem Irrsinn
Ein Sommerkolumne ist dies jetzt leider nicht geworden. Keine leichten Themen, kein beschwingter Ton. Sorry! Allerdings ist auch nicht unbedingt das Gegenteil dabei herausgekommen. Vielmehr finde ich es sehr tröstlich, dass ich eines weiß: Was auch immer in der Welt passiert, wer auch immer dort mal wieder frei dreht und welche Auswirkungen es für mich auch haben mag – im Theater finde ich einen Raum, in dem ich damit umgehen kann. Ich finde Gedanken, die mich weiterbringen und die mir weiterhelfen. Und ich habe das Gefühl, dass ich nicht allein bin mit meiner latenten Überforderung und meinen unerfüllten Hoffnungen. All das löst kein Problem in Washington, Moskau oder Berlin. Aber es lässt mich besser damit zurechtkommen und bringt mich auch als Mensch weiter. Mehr kann ich von einem einzigen Abend gar nicht erwarten – egal, wo in der Welt ich gerade bin und welche Jahreszeit wir haben.


