MORGEN MUSEUMSREIF

Die ehemalige Hauptpost am Hauptbahnhof kennen wir alle. Mit Kultur bringen wir den Betonkoloss aber kaum in Verbindung. Vielleicht hat das Oldenburger Computermuseum gerade deshalb hier seine Heimat gefunden - weil es selbst eher ein untypischer Vertreter seiner Zunft ist. Warum? Nicht etwa, weil das Konzept vollkommen ungewöhnlich wäre. Sondern deshalb, weil wir die Exponate noch gar nicht im Museum erwartet hätten. Doch für Computer gilt das Prinzip: Heute State of the art, morgen museumsreif.


Das Gebäude der Hauptpost in Oldenburg
Zeitmaschine aus Beton: Im 4. Obergeschoss der Hauptpost kann man in Computergeschichte eintauchen. (Bild: Kulturschnack)

Keine Frage: Das Computermuseum ist ein Sonderfall der Oldenburger Museumslandschaft. Es ist noch sehr jung, es befindet sich an einem wenig weihevollen Ort und es beschäftigt sich mit Dingen, die wir intuitiv in der Gegenwart verorten. Mehr als alles andere ist es aber: ein positives Beispiel. Nämlich dafür, wie aus einem individuellen Interesse, großem Engagement und viel Gespür für eine latenten Bedarf etwas entstehen kann, das ganz Oldenburg auf Dauer bereichert.


Ein Automatismus ist das freilich nicht. Es hat viel mit dem Gründer Thiemo Eddiks zu tun. Er leitet das Museum nicht, er lebt es. Seine Sammlung an historischen Computern bildet den Grundstock der Ausstellung, seine Leidenschaft für das Thema sorgt für ständige Weiterentwicklung und neue Akzente. Gleichzeitig war er sich immer bewusst, das es alleine nicht geht. Im Trägerverein und im wissenschaftlichen Beirat hat er ein agiles Team um sich geschart, dass gemeinsam dafür sorgt, dass das Computermuseum bundesweite Aufmerksamkeit genießt.


Ausstellungsräumlichkeiten des Computermuseums
Nein, kein Büro: Rechner lösen diese Assoziation zwar aus, hier sind sie aber ungleich faszinierender als im Alltag (Bild: Computermuseum)

Alltag als Exponat


Diese Konstellation hat auch die überaus positive Entwicklung der letzten Jahre ermöglicht. Nach dem Start im November 2008 in der Neuen Straße zog das Museum im Jahr 2014 an seinen jetzigen Standort. Dort zeigt es auf einer Fläche von über 600 Quadratmetern Computerklassiker aus der Vergangenheit. Zunächst hat man dabei vielleicht ein Störgefühl: Sind Computer nicht viel zu neu und aktuell, um schon museumsreif zu sein? Doch die Antwort lautet: Nein, sind sie nicht. Denn die Zeit läuft in diesem Metier schneller als irgendwo sonst, da das Tempo der Entwicklungen so enorm hoch ist. Was gerade noch Maßstäbe setzt, ist morgen schon hoffnungslos veraltet. Schöne Grüße an Atari, Commodore und Nokia.


 

OLDENBURGER COMPUTERMUSEUM


REGULÄRE ÖFFNUNGSZEITEN: DIENSTAGS, 18 - 21 UHR

EINTRITT: 2 EURO FÜHRUNGEN NACH ABSPRACHE OLDENBURGER COMPUTERMUSEUM BAHNHOFSPLATZ 1

26122 OLDENBURG

 

Inhaltlich war dieser Schritt sowieso überfällig. Denn was prägt das Leben der letzten fünfzig Jahre mehr als der Computer? In keinem einzigen Gesellschaftsbereich ist er noch wegzudenken. In den zahllosen Büros und Home Offices sowieso nicht, aber auch „analogere“ Arbeitsbereiche kommen ohne ihn nicht aus: Landwirte planen die Bewirtschaftung ihrer Felder am Rechner, Sportler analysieren ihr Training mit Programmen, Handwerker organisieren ihre Bestände softwaregestützt. Und in Form von Mobile Devices sind Computer sowieso immer und überall präsent.


Frühstart: Schon Kinder begegnen Computern überall (Bild: Computermuseum)

Enorme Relevanz

Was also, wenn nicht diese dominierende Technologie, sollte in Museen ausgestellt werden? Genau das passiert in Oldenburg nun schon seit vierzehn Jahren und bewegt sich im bundesweiten Vergleich dabei auf einem außerordentlich hohen Niveau; nicht zuletzt deshalb, weil man alle Rechner hier auch tatsächlich ausprobieren kann. Hat man das vorhin erwähnte Störgefühl erst einmal hinter sich gelassen, dann erkennt man schell die Relevanz und die Reize des Themas. Und man erkennt noch mehr: nämlich die persönlichen Wissenslücken, sowohl über die Entwicklung als auch über die Funktionsweise von Computern. Und ganz nebenbei macht das Zocken und Daddeln auf den alten Gaming Konsolen einen Riesenspaß. Ein Besuch lohnt sich also in mehrfacher Hinsicht.


Das wird in Zukunft vielleicht sogar noch mehr gelten. Denn ebenso wie die Computerwelt steht auch das Museum nie still. Zwar steht kein weiterer Umzug an, doch einige Veränderungen kündigen sich an, wie uns Thiemo im Gespräch verraten hat. Spoiler Alert: Alles wird noch ein bisschen größer und besser als zuvor.

Thiemo, bei euch sieht's gerade etwas anders aus als gewohnt. Wir sehen Baumaterial und Werkzeuge, die mit Sicherheit nichts mit Computern zu tun haben. Was ist da los? Wir bauen etwas um, erweitern unsere Ausstellungsfläche und verändern auch die bestehenden Flächen etwas. So ermöglichen wir z. B. eine Einbahnstraßen-Regelung und unsere WC-Anlagen werden barrierefrei. Wer euch noch am ersten Standort in der Neuen Straße erlebt hat, empfand schon die bisherigen Räumlichkeiten als Quantensprung. Es gibt unglaublich viel zu entdecken. Gibt eure Sammlung noch so viel mehr her? Oh ja! Wir stellen nur einen Bruchteil unserer Sammlung aus. Durch die Erweiterung werden wir die Möglichkeit für umfangreiche Sonderausstellungen, Sonderaktionen und Veranstaltungen haben.

Auch das ist Kultur: Thiemo (stehend links) erklärt Besucher:innen die Gaming Kultur der Siebziger und Achtziger im stilecht hergerichteten Wohnzimmer (Bild: Computermuseum)

Wird es vornehmlich um Geräte gehen? Oder planst du auch neue Elemente, z.B. spezielle Themen oder Entwicklungen? Unsere Ideen gehen von Sonderausstellungen zu Firmen, Entwicklungen, Anwendungsgebieten über Retro-Flohmärkte, Workshops und Vortragsreihen. Das klingt spannend. Bleibt es bei der einzigartigen Hands-on Mentalität? Dürfen die Gäste weiterhin alles ausprobieren, was sie in der Ausstellung sehen? Selbstverständlich. Ab wann gehört ein Computer eigentlich ins Museum? Stehen bei euch nur Geräte, die in den 70ern zusammengelötet wurden? Oder taucht da auch schon das Macbook aus dem letzten Jahr auf?


Heimcomputer, Arcade-Automaten, Spielkonsolen und Flipper der 1970er-, 80er- und 90er-Jahre bilden den Kern unserer Ausstellung. Aktuelle Geräte gibt es derzeit nicht in der Ausstellung.


Break on through: Beim Umbau geht's um mehr als nur Schönheitsreparaturen (Bild: Computermuseum)

Spürt ihr eigentlich den allgemeinen Retro-Trend, die 80er und 90er-Nostalgie? Das waren ja die Jahrzehnte der Home Computer schlechthin... und ihr habt die Originalware.

Wir sehen das nicht als Trend, wir betreiben dieses Museum immerhin schon seit 2008. Diese Jahrzehnte sind in vielen Facetten in das Gedächtnis der Gesellschaft aufgenommen worden, wir zeigen einen Teil davon. Und demnächst also noch mehr. Wann ist alles fertig und ready to play?


Genau ist das leider nicht zu sagen. Die jetzt begonnenen Arbeiten ermöglichen lediglich die legale Nutzung der Erweiterungsfläche. Diese ist danach aber weder ‘hübsch’ noch technisch für unsere Zwecke ausgerüstet. Diese Gewerke werden Gegenstand weiterer Planungen, Förderungen und Spendenaufrufen sein.



Tatsächlich Kultur


Natürlich wird es nun Menschen geben, die sagen: Das ist doch nur ne Sammlung, kein Museum. Und das sind doch nur Computer, keine Kulturgüter. Aber weit gefehlt. Denn einerseits bietet das Computermuseum über Führungen und Informationen den nötigen Kontext, um einen pädagogischen Effekte zu haben. Und andererseits besitzen die Computer wie vorhin geschildert einen so enormen gesellschaftlichen Stellenwert, dass sie längst den Status eines Werkzeugs hinter sich gelassen haben und in der Kultur im weiteren und engeren Sinne eine Rolle spielen. Sie sind nämlich nicht nur durch ihre enorme Präsenz Teil unserer kulturellen Identität geworden. In Zeiten der Digitalität sind sie auch aus dem regulären Kulturbetrieb kaum noch wegzudenken. Aber dazu bald mehr an dieser Stelle. Wer das Computermuseum mit einer Spende unterstützten möchte - sei es finanzieller Art oder mit einer Sachspende in Form des raren Macintosh-Prototyps, den man auf einer Kalifornien-Rundreise Ende der Siebziger mal Steve Jobs abgeschwatzt hat - sollte einfach eine Email schreiben. Aber ganz egal, auf welchem Gerät du das tust, eines ist sicher: Es ist morgen museumsreif.