LEYLA YENIRCE: STIMMEN, DIE BLEIBEN
- vor 7 Tagen
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Wer macht uns zu dem, was wir sind? Dieser Frage geht Leyla Yenirce in ihrer Ausstellung „Werdegang“ im Augusteum Oldenburg nach – und kehrt dafür in ihre Heimatstadt zurück. Die Ausstellung macht sichtbar, wie Biografien entstehen und stellt die Frage nach Identität nicht nur persönlich, sondern auch gesellschaftlich.

Der Chor der Frauen
Im Zentrum der Ausstellung stehen großformatige Ölmalereien. So groß, dass kaum ein Raum besser geeignet wäre sie zu tragen als das Oldenburger Augusteum: bis zu fünf Meter breit, zwei Meter hoch. Wer davor steht, sieht zuerst vor allem Farbe – rote Flächen, die fast glühen, blaue Schichten, die sich überlagern, Linien, die über die Leinwand rasen. Gesten, die so viel Energie haben, dass man meint, die Künstlerin noch durchs Atelier laufen zu hören. Und dann, beim zweiten Hinschauen, tauchen sie auf: Frauen am Mikrofon. Frauen, die sprechen, singen, applaudieren. Frauen, die Leyla Yenirce (*1992) geprägt haben.
Manche kennt sie persönlich, andere nur aus Büchern, von Fotos, aus Erzählungen. Einige leben nicht mehr. Aber ihre Stimmen sind da – sichtbar gemacht durch Siebdruck, als wären sie aus dem Gedächtnis direkt auf die Leinwand gewandert.
Charlotte Salomon, die deutsche Malerin, die ihr Leben in unzähligen Gouachen festgehalten hat, bevor sie 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Natalia Ginzburg, die italienische Schriftstellerin, deren klare Worte noch heute nachhallen. Und Leyla Zana, kurdische Politikerin, nach der Yenirce benannt wurde. Ihre Geschichte ist eine, die sich einbrennt. 1991 sprach Leyla Zana vor dem türkischen Parlament – auf Kurdisch. Ein paar Sätze. Dafür saß sie viele Jahre im Gefängnis. Einen großteil ihrer Dreißiger, die Zeit, in der das Leben eigentlich erst richtig beginnt. Yenirce ist jetzt selbst in ihren Dreißigern. Sie reist von Ausstellung zu Ausstellung, malt großformatige Bilder, lebt das Leben, das Leyla Zana nicht leben konnte. „Wow“, sagt sie beim Rundgang durch ihre Ausstellung, „das ist die Zeit, in der sie nicht so leben konnte, wie sie es sich gewünscht hätte.“ Man hört die Ehrfurcht in ihrer Stimme.

Auf den ersten Blick scheinen wir hier vor abstrakter Kunst zu stehen. Dabei ist es recht konkret. Das sind Lebensläufe, die sich überlagern wie Farbschichten auf einer Leinwand. Stimmen, die einzeln vielleicht überhört würden, die aber gemeinsam einen Raum füllen können.
Yenirce nennt die Serie „Chor der Frauen". Ein Chor, das bedeutet: Einzelne Stimmen verbinden sich, verstärken einander, werden lauter als jede von ihnen allein sein könnte. Kämpferisch und lebensfroh zugleich, wütend und voller Hoffnung.
Auf den Bildern sind nicht nur die Frauen selbst zu sehen, sondern auch das, was sie ausmacht: Stimmbänder – echte medizinische Aufnahmen, gefunden im Netz, übertragen per Siebdruck. Mikrofone, an denen Münder sich öffnen. Hände, die applaudieren. Gesten, die zeigen: Hier wird gesprochen. Hier wird gehört.
„Das Gold in der Kehle, der Ausdruck der Seele", so schrieb es Charlotte Salomon in ihrem Werk „Leben? oder Theater?“. Die Stimme als Muskel, als Resonanz, als Werkzeug, das den ganzen Körper durchzieht – das hat auch Yenirce für sich übernommen. Sie summt beim Malen, läuft durch ihr Atelier, denkt nicht nach, lässt die Melodie den Körper führen. Und dann – ein Strich. Quer durchs Bild, voller Energie, unbedacht. Der ist es, der alles zusammenbringt.
„Wenn ich zu still bin, denke ich zu viel nach", sagt sie. „Dann wird das Malen kompliziert."
Leyla Yenirce: Wie entsteht so ein Bild?
Yenirce malt nicht nur mit der Hand – sie malt mit dem ganzen Körper. Fünf Meter breite Leinwände in einem Atelier, das eigentlich zu klein ist, um mehrere dieser Formate gleichzeitig auszulegen. Also hat sie sich eine eigene Choreografie erarbeitet: Ein Bild wird eingerollt, das nächste aufgehängt, wieder eins ausgelegt. Sie arbeitet mit einem logistischen Plan, fast wie ein Theaterstück. Welches Bild hat als nächstes seinen Auftritt?
Und sie macht alles selbst, auch den Siebdruck, obwohl das körperlich anstrengend ist und Zeit braucht. Sie streicht die Farbe auf die Platten, druckt, wäscht sie wieder aus, streicht die nächste Schicht. Rakel wird zum Pinsel, und jede Bewegung ist eine Entscheidung: Wie dünn soll die Farbe sein? In welchem Winkel setze ich an? Mit wie viel Druck ziehe ich durch? Einmal hatte sie einen Assistenten, der ihr half – schneller war es, effizienter vielleicht und in jedem Fall sehr gut. Aber irgendwie fehlte etwas. „Ein bisschen Seele ist dabei verloren gegangen“, sagt sie. Also macht sie es wieder allein. Drucken, auswaschen, Pause. Zurückkommen, neu schauen. Das gehört für sie dazu.
Ihre Methode folgt einem klaren Prinzip: Sie verbindet Biografisches mit Gefundenem, Persönliches mit Material aus dem Netz. Eigene Erinnerungen treffen auf Fotos von Demonstrationen, auf Aufnahmen von Stimmbändern, auf Bilder, die überall im Internet zirkulieren. Globale Themen wie Migration und feministische Selbstbehauptung werden konkret durch Orte, Stimmen, Begegnungen – durch das, was sie selbst erlebt oder gesehen hat.

Ein Beispiel gleich am Beginn der Ausstellung: Dort hängt ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner, ein Werk aus der Sammlung des Museums. Und daneben – fast wie eine Antwort – Wandzeichnungen, die Yenirce mit 15 Jahren in ihrem Oldenburger Kinderzimmer gemalt hat. Für die Ausstellung hat sie sie nachgezeichnet, 15 Jahre später. „Das war verrückt“, sagt sie. „Mit welcher Motivation macht man das mit 15? Und mit welcher heute?“ Die Zeichnungen sind immer noch da, das Kinderzimmer auch. Oldenburg ist ihr Ausgangspunkt – und jetzt kehrt sie hierher zurück, stellt im Museum ihrer Heimatstadt aus.
„Kunst war für mich als Kind nicht gerade naheliegend"“ sagt Yenirce. Aber dann kam es doch, nur auf Umwegen: Erst studierte sie Kulturanthropologie, lernte, Zusammenhänge zu verstehen, Kulturen zu analysieren, Menschen zu beobachten. Dann ging sie an die Kunsthochschule. Gisela Capitain, die renommierte Galeristin aus Köln, entdeckte sie noch während des Studiums – und ab da ging es Schlag auf Schlag: Ausstellungen, Messen, internationale Aufmerksamkeit. Und jetzt sehen wir ihre kraftvollen Arbeiten in Oldenburg.
LEYLA YENIRCE: WERDEGANG
BIS 23. AUGUST 2026
LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR
26135 OLDENBURG
EINTRITT: 9 EURO, 6 EURO ERMÄSSIGT
Bilder, die nie stillstehen
Yenirce interessiert sich dafür, wie wir heute mit Bildern umgehen – in einer Welt, in der wir ständig von ihnen umgeben sind, in der sie durch unsere Social Media Feeds rauschen wie Wasser durch ein Sieb. Wir sehen ein Bild, scrollen weiter, sehen es nochmal, vielleicht in einer anderen Version, auf einem anderen Account. Hundertmal. Tausendmal. Aber haben wir es wirklich gesehen? Oder nur registriert, dass es da war?
„Ich habe das Gefühl, wir sehen durch die digitalisierte Welt permanent dieselben Bilder – hundertmal, immer wieder“, sagt Yenirce. „Aber vielleicht fehlt dabei die wirklich tiefer gehende Erfahrung. Das Verweilen. Das Nachdenken.“
Ihre Arbeiten greifen genau das auf. Sie nutzt gefundenes Material aus dem Netz – Fotos von der jesidischen Gemeinde, Bilder von Demonstrationen, Aufnahmen, die überall zirkulieren, die jeder schon mal gesehen hat, ohne sich zu erinnern. Mediale Machtstrukturen werden sichtbar: Wer zeigt was? Wer wird sichtbar gemacht, wer bleibt unsichtbar? Wer darf sprechen, und wessen Stimme wird überhört?
Aber im Museum passiert etwas anderes. Hier können wir länger bleiben, uns Zeit nehmen, nicht weiterscrollen, weil das nächste Bild wartet. Hier halten wir inne und begegnen einem Bild wirklich – nicht als flüchtiger Eindruck, sondern als Gegenüber.
„Das liebe ich an Museen“, sagt Yenirce. „Da kann ich mich hinsetzen und auch mal eine Stunde auf ein Bild gucken. Ohne dass jemand sagt: Weiter, schneller, nächstes.“
Am Ende der Ausstellung wartet noch eine Videoarbeit, die mit genau diesem Kontrast spielt: ihr Bruder beim Joggen durch Kreyenbrück, nachts, mit Stirnlampe. Der kreisförmige Lichtpunkt, den sie wirft – wie ein Spotlight, wie ein Bildschirm –, zeigt immer nur einen winzigen Ausschnitt. Nie die ganze Straße, nie die ganze Stadt. Nur das, was gerade im Licht liegt. Dann ist es schon wieder weg.
Werdegang – wörtlich genommen
Der Titel der Ausstellung nimmt das Wort „Werdegang" ernst und zwar in seiner ursprünglichen Bedeutung: das Gehen als Prozess des Werdens, Bewegung als das, was uns überhaupt erst zu dem macht, was wir sind.
Der Läufer im Video bewegt sich durch die dunklen Straßen Oldenburgs, Schritt für Schritt, Kilometer um Kilometer. Die Künstlerin selbst hat sich aus dieser Stadt heraus in die Welt bewegt – nach New York, Berlin, Köln, auf Messen und in Galerien – und ist jetzt zurückgekommen, mit neuen Bildern, neuen Erfahrungen. Migration ist Bewegung über Grenzen hinweg, oft gegen den eigenen Willen, oft mit ungewissem Ziel. Generationen sind Bewegung durch die Zeit, ein Weitergeben von Geschichten, Sprachen, Wut. Die Frauen in Yenirces Chor haben sich alle bewegt – gegen Widerstände, gegen Verbote, gegen das, was ihnen zugedacht war. Sie haben gekämpft, gesprochen und sich nicht zum Schweigen bringen lassen.
Und die Bilder selbst? Auch sie sind Bewegung, gefrorene Gesten, die noch nachhallen. „Manchmal muss ich einfach raus aus dem Atelier, die Tür hinter mir zuschließen und am nächsten Tag wiederkommen“, sagt sie. Bewegung, dann Pause. Distanz, dann Rückkehr. Und dann weitermachen.
Wer macht uns zu dem, was wir sind?
Die Ausstellung stellt eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt – vielleicht auch keine endgültige: Wer prägt uns eigentlich? Welche Stimmen bleiben hängen, auch wenn wir längst nicht mehr daran denken? Welche Sätze tauchen wieder auf, wenn wir eine Entscheidung treffen müssen?

Bei Yenirce sind es Frauen – aus der Literatur, aus ihrer Schulzeit, Lehrerinnen, die ihr gezeigt haben, dass es möglich ist, anders zu denken. Frauen aus der Kunst, aus der Politik, die gekämpft haben, als sie selbst noch gar nicht geboren war. Manche hat sie nie getroffen, manche kennt sie nur von Fotos oder aus Büchern. Eine trägt denselben Namen wie sie, saß viele Jahre im Gefängnis, während Yenirce frei aufwachsen konnte, zur Schule gehen, Kunst machen. Das Bewusstsein dafür – dass die eigene Freiheit auf dem Kampf anderer ruht – zieht sich durch ihre Arbeit.
Aber die Frage gilt nicht nur für sie. Sie gilt für uns alle. Wer hat euch geprägt? Welche Stimmen hört ihr, wenn ihr unsicher seid, wenn ihr Mut braucht, wenn ihr eine Entscheidung treffen müsst? Wessen Namen tragt ihr mit euch, auch wenn ihr sie nie ausgesprochen habt?
Am 4. Juni um 18 Uhr gibt es im Landesmuseum eine Talkrunde genau zu diesem Thema. Sie heißt „Vorbilder“, und Leyla Yenirce wird dort sein, zusammen mit drei Lehrerinnen aus ihrer Schulzeit in Oldenburg und Dr. Anna Heinze, die durch den Abend führt. Es geht um genau diese Frage: Wer macht uns zu dem, was wir sind? Und wie gehen wir damit um, wenn wir selbst vielleicht für andere zum Vorbild werden?
GESPRÄCH: VORBILDER
AM 4. JUNI 2026, 18 UHR
LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR
AUGUSTEUM
26135 OLDENBURG
EINTRITT: 9 EURO (ERMÄSSIGT 6 EURO)
Was bleibt
Und vielleicht ist das die Antwort: Wir werden nie fertig mit dem Werden. Wir bewegen uns vorwärts, manchmal zurück, oft zur Seite. Die Stimmen, die uns prägen, laufen mit – ob wir wollen oder nicht. Und manchmal, im Museum, können wir innehalten und ihnen wirklich zuhören, statt nur weiterzuscrollen.

Die Bilder von Leyla Yenirce sind laut. Sie sind voller Energie, Wut, Lebensfreude – voller unbedachter Striche, die alles zusammenbringen. Aber sie laden auch ein, länger zu bleiben, sich Zeit zu nehmen. Nicht wegzuwischen nach drei Sekunden, sondern zu schauen: Wer spricht hier eigentlich? Und warum höre ich zu?
Bis zum 23. August ist Zeit die Ausstellung zu entdecken. Vielleicht geht ihr hin, weil ihr neugierig seid auf Yenirces Arbeit. Vielleicht aber auch, weil ihr euch fragt: Wer hat eigentlich mich geprägt? Welche Namen trage ich mit mir, ohne oft darüber zu sprechen? Manchmal braucht es fremde Stimmen, um die eigenen zu hören. Und die Stimmen im „Chor der Frauen“? Die werden für Leyla Yenirce bleiben, auch wenn die Leinwände längst wieder eingerollt sind.


