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KUNSTWERK PRESSEBILD

Erinnert sich noch jemand an das Jahr 2015? Es war das letzte ohne World Press Photos in Oldenburg. Die Ausstellung hat die Stadt im Sturm erobert und erzielt Besucher:innenzahlen, die selbst Metropolen nicht annähernd erreichen. Warum ist das so? Was ist hier anders? Und: Was haben Pressebilder mit Kunst und Kultur zu tun? Anlässlich der Auftakt-Pressekonferenz für die Ausstellung 2023 beantworten wir diese Fragen für euch.


Momentaufnahme: Manchmal sind es nicht dir großen Szenen, die uns bewegen, sondern die kleinen Details. (Bild: Lalo de Almeida)

Wie die Zeit vergeht, spürt man nicht nur mit dem Blick auf die Jahre, sondern auch anhand dieser Pressekonferenz. Im letzten Jahr fand sie noch online statt und war eine eher nüchterne Veranstaltung. Dieses Mal war es vollkommen anders: Das Team der Kommunikations-Agentur Mediavanti lud gemeinsam mit ihrem Kooperationspartner Landemuseum für Kunst und Kulturgeschichte in den strahlendweißen Marmorsaal - ein zweifellos passenderes Ambiente als ein schnöder Zoom-Call.


Womit wir schon beim Thema wären: Die Ausstellung findet statt in einem Haus, das sich Kunst und Kulturgeschichte widmet. Gehört es dort hin? Eben weil Pressebilder mehr sind als nur dokumentarische Zeitzeugnisse? Oder ist sie dort fehl am Platze, weil der Kontext eine Anmaßung für profane Abbildungen der Realität darstellt? Wer die World-Press-Photo-Ausstellung - kurz WPP - in Oldenburg schon mal besucht hat, wird ein klares Urteil fällen. Allen anderen erklären wir gern, warum ersteres der Fall ist.


 

WORLD PRESS PHOTO OLDENBURG

11. MÄRZ BIS 2. APRIL 2023 DIENSTAG, MITTWOCH, SAMSTAG, SONNTAG: 10 BIS 18 UHR DONNERSTAG, FREITAG:

10 BIS 20 UHR LANDESMUSEUM FÜR KUNST UND KULTURGESCHICHTE (OLDENBURGER SCHLOSS)

26122 OLDENBURG

 

Von Illustration zu Inhalt


Der World Press Photo Award ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 1955 kürt er fast jährlich das Pressefoto des Jahres (1959, 1961 und 1970 fand keine Ausschreibung statt). Und das ist sehr viel mehr als eine brancheninterne Form der Respektsbekundung. Er verleiht den Bildern eine ganz neue Bedeutung. Anstatt sie - wie sonst - in erster Linie zur Illustration von Nachrichten zu nutzen, rücken sie hier in das Zentrum des Interesses, werden also gewissermaßen selbst „newsworthy“. Und siehe da: Auch ohne Schlagzeile und Artikel erzählen diese Bilder Geschichten. Manchmal sogar auf interessantere Weise, als wenn redaktionell alles bereits vorgekaut ist.


Ort des Geschehens: Die Pressekonferenz fand im Marmorsaal des Oldenburger Schlosses statt. Aber gehören auch Pressefotos in dieses Ambiente? (Bild: Kulturschnack)

Es ist ein sehr intensives Erlebnis, sich bewusst mit Bildern auseinanderzusetzen, die dramatische Momente, Szenen und Entwicklungen der Realität abbilden. Es gibt dabei mindestens zwei Ebenen: die ästhetische, also der visuelle Reiz des Bildes. Aber natürlich auch die inhaltliche, also die Geschichte, die das Bild transportiert. Das Zusammenspiel dieser beiden Faktoren erzeugt eine große Nähe, die manchmal geradezu konfrontativ wirkt. Aber diese Unausweichlichkeit ist positiv, denn sie holt uns aus unserer Blase der Gewohnheiten und Gewöhnlichkeiten.



Besser als Singapur


Genau das hat sich auch Claus Spitzer-Ewersmann gedacht, als er die Schau im Januar 2015 erstmals in Singapur sah. Das muss doch auch in Oldenburg möglich sein, dachte der Mediavanti-Geschäftsführer. Mit einem Unterschied: Es müsste noch besser gehen als in der Sechs-Millionen-Metropole in Südostasien. Schließlich gilt das alte Oldenburger Motto: Die Weltspitze ist nicht genug.

Doppelte Premiere: Mads Nissen nach seinem ersten WPP-Triumph bei der ersten Ausstellung in Oldenburg. Beides sollte kein Einzelfall bleiben. (Bild: Andreas Burmann)

Und so kontaktierte Claus noch im gleichen Jahr die World Press Photo Foundation in Amsterdam - und realisierte nicht einmal ein Jahr später gemeinsam mit dem Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte die Premiere der Oldenburger Ausstellung. Das Dachgeschoss des Schlosses erwies sich dabei als Glücksgriff: Einerseits nimmt es den inhaltlichen Faden des Landesmuseums auf, inszeniert die Bilder also durchaus als ein Stück Kulturgeschichte. Andererseits ist es weit weniger glamourös als die Räumlichkeiten in den unteren Geschossen und erlaubt sich dadurch eine Sonderstellung. Diese Mischung passt.



Von Rekord zu Rekord


Und so wundert es nicht, dass die WPP seither von Rekord zu Rekord eilt: Sie startete gleich mit über 14.000 Besucher:innen und durchbrach 2020 erstmals die 20.000er-Marke. „Viel mehr geht auch nicht“, weiß Claus. Luft nach oben gäbe es nur, wenn sich die Besucherströme noch besser über die Tageszeiten und Wochentage verteilten. Die Massen werden aber wohl weiterhin am Wochenende kommen, nicht dienstags um 10 Uhr. Das war übrigens sogar zu Corona-Zeiten so: In den letzten beiden Jahren fand die Ausstellung zwar unter limitierten Umständen statt - aber ihr gelang das Kunststück, trotz des Termins im Winter niemals abgesagt werden zu müssen.


Dass die WPP in Oldenburg am Ende der einjährigen Ausstellungstour durch die ganze Welt steht, sieht Claus nicht als Nachteil. Ganz im Gegenteil: „Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Menschen, die sie zuvor verpasst haben, ihren Besuch bei uns nachholen.“ So kamen bereits Gäste aus Bayern oder Baden-Württemberg, aber auch aus dem benachbarten Ausland nach Oldenburg.


EVOLUTION DER BILDER


Das allererste World Press Photo of the Year aus dem Jahr 1955 (Bild: Mogens Haven)

Eine Perle für sich dürfte in diesem Jahr die Sonderschau mit allen Gewinnerfotos seit 1955 werden. Sie wird zwar keinen ganz großen Raum einnehmen; genauer gesagt nur eine Wand. Doch wird der Einblick in die Geschichte einen ganz eigenen Wert haben.


"Da kann man durchaus schon Entwicklungen erkennen", stellt Claus Spitzer-Ewersmann fest - und er meint damit die zunehmend künstlerischen Akzente. Was einst mit rein dokumentarischen Aufnahmen begann, wirkt (oder wird?) inzwischen stärker inszeniert, besser komponiert, feiner abgestimmt.


Ob es tatsächlich so ist? Oder einfach nur mit Zeitgeist zu begründen ist? Das liegt wahrscheinlich im Auge des Betrachters. Ein Grund mehr, sich ein eigenes Urteil zu bilden.


Mehrwert durch Menschen


Die enorme Resonanz aus Nah und Fern hat aber - wie bereits angedeutet - mehr Gründe als nur einen passenden Ort und einen günstigen Termin. Das Besondere an der Oldenburger Ausstellung kann man vielleicht am besten so ausdrücken: Sie geht weiter als andere.


Ein Beispiel dafür: Die Gewinnerin des World Press Photo Awards 22, Amber Bracken, wird persönlich in Oldenburg zu Gast sein. "Unser Ehrgeiz ist es immer, die Gewinner hierher zu holen." berichtet Claus. Obwohl alles andere als selbstverständlich, sei das bisher immer gelungen - und so waren bereits Sieger:innen aus Dänemark, Australien, Spanien, Venezuela, den USA und Ungarn vor Ort. "Darauf sind wir schon ein bisschen stolz“, schmunzelt der erfahrene Ausstellungsmacher. Bei anderen Städten sähe das nämlich vollkommen anders aus.


Die Besuche der Gewinner:innen sind mittlerweile also gute Tradition und haben sich als immenser Mehrwert herausgestellt. Bei der Vernissage berichten die Preisträger:innen von der Entstehung der Bilder und von den Hintergründen des Moments - eine stets eindrucksvolle Erfahrung. Aber auch für Fragen des Publikums stehen sie im Rahmen der Eröffnung gerne zur Verfügung, sind nahbar und kommunikativ. Hier spürt man besonders deutlich: Pressebilder - das sind nicht nur Aufnahmen von Situationen. Das sind Menschen vor und hinter der Kamera, das sind Zuspitzungen und Kristallisationspunkte, das sind aber auch Storylines und Turning Points.


Mehr als nur ein Bild: Das Gewinner-Motiv erzählt eine tragische Geschichte (Bild: Amber Bracken)

Unbequeme Wahrheiten


Wobei die diesjährige Gewinnerin mit einem Kernelement bricht: „Auf dem Siegerbild von Amber sind erstmal keine Menschen zu sehen“, erklärt Claus. Mehr noch: Es zeigt ihre Abwesenheit. Zu sehen ist nämlich eine Gedenkstätte im kanadischen Kamloops, das an 215 indigene Kinder erinnert, die bei Umerziehungsmaßnahmen in einer katholischen Internatsschule ums Leben gekommen sind.


Hier zeigt sich wieder eine - vielleicht etwas unbequeme - Qualität der World Press Photos: Sie rücken Ereignisse ins Blickfeld, die wir entweder nur oberflächlich wahrgenommen, schon wieder vergessen oder komplett verpasst haben. Diese Erinnerungen sind politische und mediale Bildung im besten Sinne. Sie beeinflussen und werten nicht, sie zeigen lediglich, was war. Wir selbst entwicklen intuitiv eine emotionale Reaktion - vor allem bei ästhetisch hochwertigen, gleichzeitig aber bedrückenden Bilder wie jenem von Bracken.


Generell gebe es immer wieder Veränderungen in der Bildsprache, erklärt Mediavanti-Organisationsleiterin Lisa Knoll. „Das nähert sich der Kunst sehr stark an. Die Frage, ob das noch Pressefotografie ist, ist sehr spannend - auch für das Publikum.“


WELCHES JAHR HABEN WIR DENN?


Immer wieder entsteht leichte Verwirrung, um welchen Jahrgang es sich bei der jeweiligen World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg handelt. Tatsächlich spielen gleich drei Jahre eine Rolle, obwohl die Fotos alle aus demselben Zeitraum stammen. Wir zeichnen die zeitliche Entwicklung nach.


2021

Fotograf:innen aus aller Welt schießen ihre Fotos an den Orten des Geschehens. Die gelungensten Ergebnisse reichen ihre Redaktionen, Kolleg:innen oder sie selbst bei der World Press Photo Foundation in Amsterdam ein, damit sie in die Auswahl zum Pressephoto des Jahres kommen. Insgesamt waren es 64.823 Bilder von 4.056 Fotograf:innen aus 130 Ländern.




2022

Die Jurys verbringen die ersten Wochen des Jahres mit der Sichtung und Beurteilung der Einreichungen. In immer engeren Auswahlrunden werden dann die Pressebilder des Jahres festgelegt - inklusive des Gewinnerbildes. Obwohl die Bilder aus dem Jahr 2021 stammen, ist bei der Benennung das Jahr der Bekanntgabe ausschlaggebend. In diesem Fall also: World Press Photo 22. Im Anschluss daran wird eine Auswahl kuratiert, die dann weltweit auf Ausstellungtour geht. Diese läuft bis kurz vor der Bekanntgabe des Siegerbildes des Folgejahres, also etwa bis März.


2023

Die Tour der World Press Photo 22 kommt zum Ende des Ausstellungszyklusses nach Oldenburg. Das ist aber nicht etwa der schlechteste Platz, sondern der beste. Denn alle, die die Ausstellung bis dahin verpasst hatten, kommen nun nach Oldenburg, um sie noch zu sehen. Zudem passt der Besuch perfekt in die noch kalte Jahreszeit. Die Zahlen bestätigen das eindrucksvoll.


Und deshalb sieht man also im Jahr 2023 die Bilder, die im Jahr 2022 ausgewählt wurden, aber aus dem Jahr 2021 stammen. Alles klar?


Konstante Veränderung


Veränderungen gibt es aber nicht nur bei der Fotoästhetik und beim Format der Verleihung - sondern auch ganz konkret bei der Oldenburger Schau. So wird es in diesem Jahr erstmals begleitende Audioguides geben. „Sie ersetzen aber nicht die Führung und lesen nicht einfach die Bildbeschreibung vor", erklärt Lisa. Es gebe vielmehr zwei- bis dreiminütige Erklärungen der Fotograf:innen zu ihren Bildern - also einen Mehrwert, der über das Gezeigte hinausgeht.


Auch eine Sonderschau wird es geben: "Wir werden wieder mit den Everyday Projects zusammenarbeiten“, berichtet Lisa. Das Thema werde dieses Mal aber nicht - wie zuletzt - der afrikanische Kontinent sein, sondern gefährdete Tierarten. „Dabei richtet sich der Blick auch auf die Menschen - und darauf, warum wir Entscheidungen treffen, die wir nicht treffen sollten.“ Auch hier setzt sich der rote Faden der kritischen Selbstreflexion fort.


Saving Forests with Fire: In Australien versucht Conrad Maralngurra einen Wald zu schützen. (Bild: Matthew Abbott)

In einer Kooperation mit der Oldenburgischen Landschaft wird es aber auch um regionale Fotograf:innen gehen. Fünf von ihnen werden ein Projekt vorstellen, an dem sie gerade arbeiten. „Damit wollen wir zeigen, dass auch die Region fotografisch sehr viel zu bieten hat“, ordnet Claus diesen Programmpunkt ein. Tatsächlich ist dies ebenfalls ein Wesensmerkmal der WPP Oldenburg. Zwar richtet sie den Blick thematisch und fotografisch in die große, weite Welt. Sie setzt all das aber immer in Kontext mit Stadt und Region - und zeigt dabei, dass das Gute häufig nahe liegt. Insofern ist es kein Zufall, dass Claus gemeinsam mit anderen auch einen Verein zur Gründung eines Hauses der Fotografie ins Leben gerufen hat.



Der Rahmen als Kunstwerk

Eigentlich haben wir an dieser Stelle schon genügend Vorzüge der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg genannt. Die Bilder selbst sprechen schon für sich. Der besondere Ort im Oldenburger Schloss kommt noch hinzu. Und dann wäre da noch die Art der Umsetzung - mit den jeweiligen Gewinner:innen als Gästen. Aber: Das ist noch längst nicht alles.


Das Besondere - um nicht zu sagen: Einzartige - an dieser Ausstellung ist nämlich das Rahmenprogramm. Was nach nettem, aber verzichtbarem Beiwerk klingt, war bei der WPP in Oldenburg von Anfang an weit mehr als das. Hier gibt es nicht nur ein Interesse an den Bildern der Ausstellung, hier gibt es ein echtes Interesse an der Fotografie und daran, wie Bilder entstehen. Deshalb sind nicht nur die Gewinner:innen zu Gast, sondern viele weitere mehr.

Frohe Botschaft: Fotografin Ester Horvath erfuhr in Oldenburg von ihrer Nominierung für den WPP Award 2020 - den sie in der Kategorie Umwelt auch gewann. Ein Jahr später kehrte sie mit einer eigenen Ausstellung zurück nach Oldenburg. (Bild: Mediavanti)

Mal berichtet ein Kriegsreporter von seinen Einsätzen in vorderster Front, mal erzählt eine Tierfotografin vom Warten auf den entscheidenden Moment und mal sprechen Vertreter:innen der Medien über die Verwendung von Pressebildern. Jeder einzelne dieser Blickwinkel ist interessant, manche sogar mitreißend, einige berührend und bewegend.


In diesem Jahr werden insbesondere Radrennfans auf ihre Kosten kommen. Einer von drei offiziellen Fotografen der Tour de France wird zu Gast sein und von den Besonderheiten der Sportfotografie erzählen. „Das wird für Radsportfans ein spannender Abend werden", verspricht Claus. Aber nicht nur für sie. Denn die besonderen Anforderungen der Sportfotografie, noch dazu in den steilen Hängen und engen Kurven der Alpen und Pyrenäen, dürften für Foto- und Sportfans im Allgemeinen überaus interessant sein. Dies verspricht einer jener Termine zu sein, die man zunächst übersieht - von denen man sich aber später sehnlichst wünscht, man wäre dabeigewesen.



Das nächste Stadtgespräch

Dass es daneben noch Matineen, Workshops, Vorträge, Filme und Talks gibt? Beinahe selbstverständlich - zumindest in Oldenburg. Das Mediavanti-Team sieht eben die Themen und erkennt ihren Reiz. Deswegen scheut es keine Mühen, spannende Vertreter:innen der Fotozunft nach Oldenburg zu holen und sie auf die Bühne zu bitten. Sie wiederum wissen das zu schätzen, denn diese Form der Ehrerweisung bildet für Fotografinnen noch eine Ausnahme. Oldenburg hat sich hier einen sehr guten Ruf erarbeitet.


"Fotografie wird im März wieder Stadtgespräch sein", ist sich Claus sicher. Und man zweifelt diese Aussage besser nicht an - nach sieben überaus erfolgreichen Ausstellungen weiß der Mann eben, wovon er spricht. Und spätestens dann ist wieder klar, warum es seit 2015 kein Jahr mehr ohne die World Press Photo Ausstellung gab: Weil die WPP Oldenburg die Inszenierung von Fotografie besser beherrscht als (fast) alle anderen. Weil es in Oldenburg ein interessiertes und begeisterungsfähiges Publikum gibt. Und weil Pressebilder eben doch Kunstwerke sind - und im Schloss damit am richtigen Ort.

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