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KOLUMNE: VOM VERPASSEN UND VORFREUEN

Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die wunderbare Spielzeitung des Oldenburgischen Staatstheaters. Digital findet ihr sie zum Nachblättern unter www.staatstheater.de. Oder: hier.

Titelbild der aktuellen Ausgabe der Spielzeitung des Staatstheaters Oldenburg
Auf ein kulturreiches Jahr! Foto: Stephan Walzl

Und? Wie war Ihr Dezember? Ganz ruhig und besinnlich, ohne viel Stress und Hektik? Oder etwa ganz anders? Mein Tipp lautet: Letzteres. So war es zumindest bei mir - obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, das Jahr langsam austrudeln zu lassen. Vielleicht liegt es daran, dass wir alle entstehenden Lücken im Kalender stets zu schließen wissen.


Was die persönliche Agenda angeht, leiden wir vermutlich unter einer gewissen Agoraphobie: Leere macht uns irgendwie Angst.

Aber wenn dem schon so ist, dann dürfen wir uns freuen, dass wir sie in Oldenburg hochwertig füllen können - mit Kultur. Ob man jetzt - beispielsweise - lieber am 10. Dezember zu den Emo-Punks von Catapults ins Cadillac gegangen ist oder am 11. Dezember zum Weltklasse-Pianisten Igor Levit in die Lambertikirche, spielt gar keine Rolle. Wir dürfen uns freuen, dass die Oldenburger Szene so eine Vielfalt und Qualität erzeugt. Drehen wir die Uhr mal ein Jahr zurück - da wären wir alle froh gewesen, wenn die Kultur überhaupt durch den Winter kommt.


Endlich wieder "ausverkauft"


Auf der Angebotsseite hat sich die Szene also gut erholt, beziehungsweise sogar mehr als das, weil viele neue Ideen und Initiativen hinzugekommen sind. Aber auch die Nachfrage macht wieder Mut. Natürlich gibt es jene, die sich vieles nicht mehr leisten können. Die Liste der Interessenten bei der wunderbaren KulturTafel wächst jedenfalls kontinuierlich. Solche Entwicklungen spürt die Kultur natürlich. Dennoch habe ich im Dezember mit einer Mischung aus Freude und Frust immer wieder den Begriff "ausverkauft" gesehen.


Freude, weil es natürlich schön ist, dass Häuser wieder voll werden. Frust, weil ich deswegen einiges verpasst habe, was ich eigentlich gern gesehen hätte. Aber ist das nicht... genau wie früher? Richtig! Und da wollten wir ja wieder hin!

"Verpasst" ist übrigens ein gutes Stichwort. Ich persönlich werde bald wohl eine massive Kultur-Unterversorgung bekommen, höchstwahrscheinlich sogar Entzugserscheinungen. Die ersten drei Monate des Jahres - also schon jetzt, wenn Sie das hier lesen - werde ich mich in einem Miniatur-Sabbatical befinden. So sehr mich das freut und so neugierig ich auch bin, eines ist natürlich klar: Ich werde Oldenburg in dieser Zeit sehr vermissen. Und mit dieser Stadt auch die vielen tollen Menschen aus der Kulturszene, mit denen ich in diesem Jahr gesprochen und geträumt habe. Das ist immer großartig!


Therapie der kalendarischen Agoraphobie


Auch in den kommenden werde ich also viel verpassen. Zum Beispiel "14 Tage Krieg", ein dokumentarisches Theaterstück, das ab dem 4. Januar im Technical Ballroom zu sehen ist. Lukasz Lawicki war im Frühsommer persönlich in der Ukraine, hat dort mit den Menschen gesprochen und 360-Grad-Filmaufnahmen umgesetzt. Seine Erfahrungen hat er in ein Bühnenprojekt verpackt, das man sich unbedingt ansehen sollte.


Am 13. Januar beginnen die 28. Oldenburger Kabarett-Tage. Sie haben sich in den letzten Jahren grunderneuert, sind aktueller, diverser und weiblicher geworden. Ohne, dass vorher irgendwas schlecht war, tut ihnen das gut. Auch Frühjahrs-Klassiker wie die World Press Photo Ausstellung und die internationalen Tanztage werde ich nicht sehen können - auch wenn ich zu alledem schon ausführliche Artikel für den Kulturschnack geschrieben habe. Das tut tatsächlich ein bisschen weh.


Aber wissen Sie was? Ich therapiere jetzt einfach meine kalendarische Agoraphobie, lerne die Lücken in meiner Agenda zu schätzen - und freue mich vor auf die Zeit ab April. Dann stürze ich mich wieder voll in die Welt von Kultur und Kolumnen. Bis dahin!

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