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KUNST DARF AUCH FUNNY SEIN

  • vor 14 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Er ist Kunsthistoriker, hat viele Jahre am Städel gearbeitet, kennt alle Kunstepochen, Meister und Maltechniken. Trotzdem ist er weder Kurator noch Museumsdirektor, sondern Stand-up-Comedian und Erfinder der Kunstcomedy. Jakob Schwerdtfeger macht, was im Kunstbetrieb selten ist: Er lacht. Und er lädt andere ein, mitzulachen. Wir haben uns mit ihm unterhalten – über den einen Moment, der alles verändert hat, über einen nackten Propheten in München und über die Frage, warum Ausstellungskataloge selten jemand liest.


Bilder aus der Ausstellung IMAGE to IMAGE von Michael Soltau an einer Wand der VHS Oldenburg
Jakob Schwerdtfeger, Kunsthistoriker und Erfinder der Kunstcomedy, bringt uns Kunst über Fun Facts und spannende Anekdoten nahe (Bild: Kulturschnack)

Jakob Schwerdtfeger kennt Oldenburg mittlerweile ziemlich gut. Nicht nur den Weg vom Bahnhof zur Bühne, sondern auch die ein oder andere gute Buchhandlung und ein Lokal, das er empfehlen kann. Das klingt wie eine Kleinigkeit, ist aber für jemanden, der viel auf Tour ist, eher die Ausnahme. Meistens, sagt er, sehe er von einer Stadt nur Hotel, Museum und Veranstaltungsort. Dass er inzwischen zum dritten Mal (und sehr gerne) in Oldenburg war, merkt man.


Wir treffen uns am Tag seiner Lesung im Oldenburger Schlosssaal. Er ist wie immer gut gelaunt, grüßt Bekannte ebenso wie Unbekannte, erzählt lebhaft, unterbricht sich manchmal selbst, wenn ihm eine weitere Anekdote einfällt. Genau so, wie er es auf der Bühne macht.



Kurzbiographie Jakob Schwerdtfeger

ERFINDER DER KUNSTCOMEDY


Jakob Schwerdtfeger, geboren 1988 in Hannover, hat Kunstgeschichte studiert, anschließend viele Jahre am Museum gearbeitet und nebenbei die Kunstcomedy für sich entdeckt.

Ein Digitorial über Monet, an dem er mitwirkte, wurde mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. 2012 entschied er sich für die Bühne und erfand dabei ein eigenes Genre: Kunstcomedy. Seitdem tourt er mit seinen Programmen durch Deutschland, moderierte für ARD-Kultur das TV-Format „Ich sehe was, was du nicht siehst", hostet den Podcast „Kunstsnack" für die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe und schreibt die Kolumne „Das Kunstwerk" für die Zeitschrift chrismon.

Jakob Schwerdtfeger

Seine Kurzvideos über Kunst werden auf Instagram, YouTube und TikTok millionenfach geklickt. Für seine Arbeit wurde er mit dem Kabarettpreis „Leipziger Kupferpfennig" (2021) und der „Lüdenscheider Lüsterklemme" (2024) ausgezeichnet. Beide Bücher, die er veröffentlicht hat, wurden Spiegel-Bestseller. Jakob Schwerdtfeger lebt in Frankfurt am Main und träumt davon, eines Tages „Bares für Rares" zu moderieren.




Van Gogh hat viel zu verantworten


Jakob, du hast als Teenager angefangen, Kunstbücher zu sammeln. Klingt nach jemandem, der früh wusste, wohin er will. War das wirklich so?


Ja, mit 15 hat das angefangen. Ich habe Gemälde von Van Gogh gesehen und gemerkt: Der malt nicht einfach die Landschaft ab, der bringt seine Emotionen rein, seine Dynamik. Das sah ganz anders aus als das, was ich aus dem Kunstunterricht kannte. Da hat's Klick gemacht. Dann wollte ich erst selbst Künstler werden. Jackson Pollock fand ich toll, habe schließlich Action-Painting ausprobiert, einen Bildhauereikurs gemacht mit Stein und Holz. Ich habe viel gezeichnet. Allerdings ohne Modelle.


Meinen Vater habe ich beim Mittagsschlaf gezeichnet, weil er mir da nicht abhauen konnte.

Mit 16, 17 dachte ich dann: Nee – eigentlich interessiert mich die Geschichte hinter der Kunst viel mehr. Man könnte sagen, ab 16 wusste ich, dass Kunst mein Lebensthema ist. Das klingt absolut pathetisch. Aber ich kann es nicht anders sagen. Ich glaube, Kunst begleitet mich bis ans Lebensende. Und ehrlich gesagt: Es wird insgesamt immer doller.



Du hast lange am Städel in Frankfurt gearbeitet – einem der renommiertesten Museen in Deutschland. Irgendwann hast du gekündigt. Was hat dir dort gefehlt?


Jakob Schwerdtfeger
Vom Museum auf die (internationale) Bühne: Jakob Schwerdtfeger hat sich bewusst entschieden und bereut es nicht eine Sekunde. (Bild: Kulturschnack)

Es war ein schleichender Prozess. Ich habe während des Studiums am Städel gejobbt und dabei gemerkt, wie das Business läuft – wie wenig die Leute in einem Volontariat verdienen, was für Opfer sie bringen. Das war mir zu riskant, ich wollte gern etwas, das sicherer ist. Also habe ich parallel zur Kunstgeschichte noch Deutsch und Kunst auf Lehramt studiert. Dann kam ein Jobangebot aus dem Städel und ich habe natürlich zugesagt. Das Lehramtsstudium habe ich dann direkt abgebrochen.


Und dann war es so, dass ich Backstage wahnsinnig viele Menschen kennengelernt habe, die von der Bühne leben können. Und ich dachte: Hey, das wäre ja ein ganz anderes Level. Jahrelang habe ich diese Entscheidung mit mir herumgetragen, ob ich den Schritt gehen soll, mich komplett auf die Bühne zu konzentrieren, habe Geld zur Seite gelegt, nur noch Teilzeit gearbeitet, um zu testen, ob das Tourleben was für mich ist. Und dann dachte ich: Komm, scheiß drauf, ich mach das jetzt. Der Job im Museum hat mir Spaß gemacht. Aber da wird eine bestimmte Art zu schreiben von dir verlangt. Du trittst nicht als Einzelperson hervor, sondern für eine Institution. Da musst du gewisse Regeln einhalten.


„Und diese Regeln halte ich jetzt ja gar nicht ein. Das tut ehrlich gesagt sehr gut."


Jakob Schwerdtfeger und Gianna Bacio in der Hamburger Kunsthalle – über ein pikantes Thema in der Kunst. Humorvoll, fundiert und super entspannt. (Video: ARD-Kultur & Jakob Schwerdtfeger auf YouTube)

Mehr Humor, bitte


Wer Kunstgeschichte studiert hat, kennt das: witzig war das selten – zumindest nicht nach außen. Meinst du, man darf über Kunst lachen?


In der Kunstwelt gibt es viel zu wenig Humor. Es gibt relativ wenige Künstlerinnen und Künstler, bei deren Werken du wirklich denkst: Das ist funny, das ist richtig funny.


Der Kunstbetrieb nimmt sich auch viel zu ernst.

Dieses elitäre Gerede über Kunst, als hätte sie immer etwas Heiliges. Wenn es darum geht, Leute ins Museum zu holen, ist Humor meiner Meinung nach ein Vehikel. Alle Lehrerinnen und Lehrer, die ich in der Schulzeit cool fand, haben mit Leidenschaft und Humor für ihr Fach eingestanden. Da ist der Funke übergesprungen. Aber ehrlich gesagt: die Museen sollen weitermachen. Genau so weitermachen. Dadurch habe ich einen Job. (lacht)


Es tut sich ja auch was. Die Kunsthalle Bremen hat zum Beispiel eine grandiose Hängung: Da ist ein Bild einer liegenden nackten Frau, und direkt darüber hängt ein Bild von einem Hund, der in exakt der gleichen Pose liegt. Da hat jemand gut aufgepasst und ein Auge für diese Details. Museen könnten sich insgesamt natürlich noch ein bisschen mehr trauen.




Zu wenig Witz im Kunstbetrieb? Findet Jakob auch - wie er ebenso unterhaltsam wie gestenreich erzählt . (Bild: Kulturschnack)


Und Ausstellungskataloge?


Die lese ich oft von vorne bis hinten durch. Das macht normalerweise kein Mensch und ich kann dir genau sagen warum: weil die gruselig sind. Manche Kuratorinnen und Kuratoren schreiben nicht für das Publikum, sondern für die Fachbubble. Sie möchten gern hören: cleverer Aufsatz. Ich finde, solche Texte gehören in eine Fachzeitschrift, nicht in einen Ausstellungskatalog, den ich im Museumsshop kaufe. Dann war ich neulich in Wiesbaden in einer Ausstellung über die Biene in der Kunst – meine Mutter wollte rein, ich meinte: auf gar keinen Fall. Dann bin ich aber doch mit. Und im vorletzten Raum standen wir plötzlich vor den Originalzeichnungen von Biene Maja.


Warum ist das im vorletzten Raum? Das muss der Opener sein. Wenn du eine Ausstellung über die Biene in der Kunst machst und du kannst die Originalzeichnung von Biene Maja zeigen, das muss der Einstieg sein!


Funfacts statt Fußnoten


Ernst Gombrich hat 1950 mit 'Die Geschichte der Kunst' ein Standardwerk geschrieben – nach einigen Neuauflagen knapp 700 Seiten lang. Hat er nicht schon alles gesagt? Braucht es da noch ein weiteres Kunstgeschichtsbuch?


Buchcover
Schon wieder Spiegel-Bestseller: 'Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht.' – 1000 Jahre Kunstgeschichte in unter 300 Seiten. (Bild: dtv)

Gombrich habe ich mit 18 gelesen. Er ist zugänglicher als die meisten anderen, die wirklich gruselige Texte verfasst haben, die kaum jemand versteht. Aber macht Gombrich Spaß zu lesen? Ich weiß es nicht. Klar, gibt es etliche Überblicksbücher, aber es gibt sie nicht in funny. Und in Gombrichs erster Auflage war, wenn ich mich richtig erinnere, keine einzige Frau vertreten. In einer späteren Auflage schon, aber für heute ist das kein zeitgemäßer Blick mehr.


Mir ist bei meinen Büchern wichtig, Künstlerinnen zu zeigen, andere Regionen der Welt aufzugreifen – in meinem Studium habe ich hauptsächlich Künstler und hauptsächlich den westlichen Blick auf Kunst präsentiert bekommen. Außerdem wollte ich bei meinem aktuellen Buch unbedingt unter 300 Seiten bleiben. Damit du das häppchenweise lesen kannst, Epoche für Epoche, und nicht einen Monat investieren musst.


Und natürlich: Fun Facts. Die gibt es in solchen Büchern normalerweise nicht. Dabei steckt die Kunstgeschichte voller Sachen, die hängen bleiben.


Lustig und fundiert schließt sich nicht aus.

Das war mir ein Anliegen. Einen anderen Zugang zur Kunst zu finden – ich glaube, das füllt eine Lücke.



In seinem Element: Jakob Schwerdtfeger liebt die Erzählung - mal intensiv, mal humorvolle immer unterhaltsam. (Bild: Kulturschnack)
In seinem Element: Jakob Schwerdtfeger liebt die Erzählung - mal intensiv, mal humorvolle immer unterhaltsam. (Bild: Kulturschnack)

Wie erzählt man Kunstgeschichte so, dass sie wirklich überrascht?


Indem man neben den Kanon schaut. Die großen Namen sind toll, sie sind auch nicht ohne Grund so bekannt. Aber daneben findest du schräge Bilder, unbekannte Menschen – und manchmal richtig, richtig Lustiges. Ich bin zum Beispiel immer davon ausgegangen, das erste abstrakte Bild sei um 1910 von Kandinsky. So steht es in der Kunstgeschichte. Aber es gibt Georgiana Houghton, die in den 1860ern das erste abstrakte Bild gemalt hat. Bei einer Geisterbeschwörung. Wie malst du spirituelle Welten, wenn nicht komplett abstrakt? Sie hat das als Kunst aufgefasst. Und ich sitze da, recherchiere für mein Buch und denke: 50 Jahre früher. Das bringt mein ganzes chronologisches Framework durcheinander! Oder Antoine Wirtz – den habe ich im Symbolismus entdeckt. Melodramatik pur.


Symbolismus ist wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten als Kunstepoche.

Wirtz malt zum Beispiel einen Sarg, der aufgeht und eine Hand schießt hervor. Ein echtes Gruselbild. Das könntest du auf ein Gothic-Rock-Plattencover packen.



Abseits der Mona Lisa


Gibt es Künstler, die du spannend findest, aber kaum jemand auf dem Schirm hat?


Karl Wilhelm Diefenbach. Komplett abgedrehter Typ. Er hat sich für einen Propheten gehalten, Jünger um sich geschart und in einem Steinbruch gewohnt. In München war er eine lokale Berühmtheit, weil er nur in Kutte und barfuß durch die Gegend lief. Er hatte den ersten FKK-Prozess in Deutschland – wurde wegen wortwörtlich „grobem Unfug" angeklagt, weil er sich nackt auf seiner Terrasse gesonnt hat. Er war auch Vegetarier und hat vor dem Hofbräuhaus gegen Fleischkonsum protestiert. Und seine Bilder sehen aus, als hättest du den Weichzeichner komplett übertrieben – wie Airbrush-Motive auf einer Motorhaube. Er ist leider vielen Menschen völlig unbekannt. Dabei ist da so viel zu entdecken. Ich liebe es, wenn ich auf solche Fundstücke stoße.



Was passiert, wenn ein Stand-up-Comedian eine Ausstellung kuratiert? Seht selbst. (Video: Jakob Schwerdtfeger auf YouTube)


Nächste Station: Bares für Rares?


Auf deiner Webseite steht, dein Lebenstraum ist Bares für Rares" zu moderieren. Kürzlich hast du einen der Experten in Düsseldorf getroffen. Konntest du direkt deine Bewerbungsmappe abgeben?


Ja, das meine ich vollkommen ernst. Und ich arbeite mich immer näher ran. Ich habe zuerst einen Kunsthändler der Sendung kennengelernt, Julian Schmitz-Awila. Dann kenne ich seit einiger Zeit auch einen der Kunstexperten – Colmar Schulte-Goltz. Der war bei einer meiner Shows, ich habe danach Bücher signiert, schaue die Schlange lang und denke plötzlich – krass. Und rufe über alle Leute hinweg: „Bist du nicht der Kunstexperte von Bares für Rares?“ Ich stand gerade 90 Minuten auf der Bühne, plötzlich war ich der Fanboy, der mit ihm ein Foto machen wollte. Das nächste Mal, wenn ich ihn sehe, bringe ich meine Bewerbungsunterlagen mit. Dann machen wir das Ding fix.



Lachen ohne schlechtes Gewissen


Plakat Meisterwerk Comedyprogramm
In seinem Bühnenprogramm 'Meisterwerk' nimmt er den Kunstbetrieb aufs Korn. Live auf Tour. (Bild: Marvin Ruppert)

Jakob Schwerdtfeger muss weiter. Noch ein paar Termine, dann zurück nach Frankfurt. Man merkt: Er macht das gern. Die Bühne, das Reden, das Erklären. Und man merkt auch, dass das kein Programm ist, das er abarbeitet. Die Begeisterung für Kunstgeschichte, die ihn mit 15 erwischt hat, ist nicht weniger geworden. Sie ist, wie er selbst sagt, eher doller geworden.


Vielleicht ist das der Kern von allem, was er tut: Die Überzeugung, dass Kunst zu viel zu sagen hat, um sie nur den Leuten zu überlassen, die Ausstellungstexte für die Fachbubble schreiben. Dass Georgiana Houghton und Karl Wilhelm Diefenbach genauso erzählt werden sollten wie Kandinsky und Van Gogh. Und dass man dabei lachen darf. Laut, herzlich und ohne schlechtes Gewissen.


Wir freuen uns auf den vierten Besuch in Oldenburg und drücken die Daumen, dass es mit Bares für Rares klappt!


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