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SCREEN TIME #6: MI STEINBACH

vor 11 Stunden
12 Min. Lesezeit

Das 33. Internationale Filmfest Oldenburg hat begonnen - und der Kulturschnack ist mitten drin! Für unser Format SCREEN TIME treffen jeden Tag eine Person aus dem Festivalbetrieb: Regisseur:innen, Schauspieler:innen oder jemand ganz anderen. Mit ihnen sprechen wir über die Filme, das Kino, die Unabhängigkeit und was uns sonst noch einfällt. Das Ergebnis? Findet ihr als Video auf unserem Insta-Kanal - und als Interview hier!


Screenshot aus „Bruton" von Vincent Grashaw der auf dem 33. Filmfest Oldenburg zu sehen ist
Feine Beobachtungen: Regisseurin und Kamerafrau Mi Steinbach hat ein Auge fürs Detail - unabhängig davon, was sich vor ihrer Linse befindet. (Bilder: Mi Steinbach, Canva, Kulturschnack)

Der Eröffnungsfilm zum Internationalen Filmfest Oldenburg wird immer mit großer Spannung erwartet. Häufig sind es deutsche Filme, manchmal betont schräg, manchmal beinahe schon Mainstream. So etwas wie dieses Jahr hat es in der 33-jährigen Geschichte des Filmfestes aber noch nit gegeben: Ein Film ohne Handlung, ohne Schauspieler, ohne Dialoge. „Strange Neighbors“ führt das Publikum an die Niederelbe und erzählt von einer Landschaft, in der Natur, Tierwelt und maritime Industrie unmittelbar aufeinandertreffen. Ohne klassische Protagonisten oder erklärende Kommentare setzt Regisseurin Mi Steinbach auf sorgfältig komponierte Bilder, Geräusche und Musik – und lässt dabei viel Raum für die eigenen Gedanken und Assoziationen des Publikums.


„Strange Neighbors“ folgt damit der Tradition des non-narrativen Dokumentarfilms, der nicht über eine klassische Handlung oder eine erklärende Erzählstimme funktioniert. Stattdessen entsteht Bedeutung durch Beobachtung, Montage, Rhythmus und Atmosphäre. Das Genre verlangt seinem Publikum mehr Eigeninitiative ab: Es gibt weniger Vorgaben dafür, was zu fühlen oder zu denken ist. Steinbach nutzt diese Offenheit, um Natur und industrielle Landschaft nicht zu bewerten, sondern einander gegenüberzustellen – und lädt dazu ein, die entstehenden Spannungen und Verbindungen selbst zu entdecken. Welche Schwierigkeiten es bei den Dreharbeiten gab, warum der Film ohne Förderung nie entstanden wäre und wie die Weltpremiere in Oldenburg war? Das erzählt Mi in unserem Interview.



STRANGE NEIGHBORS


VON MI STEINBACH


MI 19 UHR

STAATSTHEATER


SA 14:30 UHR

THEATER HOF/19 TICKETS




Mi, du hast mit „Strange Neighbors“ deine Weltpremiere hier beim Filmfest gefeiert – und das in einem besonderen Rahmen, im Staatstheater. Wie hast du das empfunden?


Wahnsinn. Ich habe mich total gefreut. Ich fand die Location wirklich großartig. Ich war am Nachmittag schon einmal dort, um zu schauen, ob die Technik läuft. Als Filmemacherin ist man da ja doch ein bisschen paranoid, gerade wenn man selbst lange vorgeführt hat. Aber es war alles super, und die Leute vom Staatstheater haben das großartig gemacht.


In so einer wahnsinnig schönen Location den Film zeigen zu können und diese ganze Atmosphäre mitzunehmen, die das Staatstheater mitbringt, war wirklich großartig. Ich durfte teilweise vorne stehen und hatte dadurch den Blick ins Publikum und auf diesen wunderschönen Saal. Und natürlich hat es mich auch gefreut, dass so viele Menschen da waren.

Für einen Eröffnungsfilm war „Strange Neighbors“ ja eine eher ungewöhnliche Wahl. Es gibt keine offensichtliche Handlung und keine Dialoge – also vieles von dem, was man typischerweise erwartet. Hat es dich überrascht, dass Torsten den Film ausgewählt hat?


Ich wusste schon, dass der Film auf dem Festival laufen würde, und darauf haben wir uns sehr lange gefreut. Dass er dann das Festival eröffnen würde, war allerdings noch gar nicht so lange bekannt. Festivaldirektor Torsten Neumann hat mich eines Abends angerufen und meinte: „Es ist jetzt schon spät, aber ich muss dich anrufen, um dir das erzählen zu können.“ Er hat sich selbst total gefreut, mir zu sagen, dass der Film das Festival eröffnet. Ich wusste wirklich gar nicht, was ich sagen sollte. Ich bin selten sprachlos, aber in dem Moment war ich es tatsächlich. Zumal ich die Filme kenne, die hier in den vergangenen Jahren eröffnet haben, und mir sofort klar war, dass das etwas Ungewöhnliches ist. Es hat mich natürlich sehr gefreut und auch geehrt.


Jemand hat gesagt, er findet es mutig, diesen Film zu zeigen. Kannst du das verstehen?


Ja, klar. Genauso mutig war es mit Sicherheit auch, den Film zu machen. Es ist natürlich immer gewagt, eine neue oder zumindest nicht so häufig verwendete Art des Geschichtenerzählens zu wählen. Die Non-Narrative Documentary ist ein Genre, das es schon sehr lange gibt, und es gibt großartige Beispiele aus der Filmgeschichte. Aber wenn man einen Film auf diese Art macht, weiß man natürlich: Das ist kein Mainstream-Film und auch kein Selbstläufer. Ich glaube aber, dass diese Form großes Potenzial hat. Ich möchte meine Geschichte erzählen und natürlich auch, dass diese Geschichte von einem großen Publikum gesehen und verstanden wird. Das geht wahrscheinlich allen Filmschaffenden so.


Es kostet aber Mut, nicht die klassische, vermeintlich sichere Variante des Erzählens zu wählen, sondern eine Form, die zunächst einmal ungewöhnlich ist, weil wir es heutzutage nicht mehr so gewohnt sind, Filme auf diese Weise erzählt zu bekommen.


Gegensätze: Die Kreuzfahrtschiffe scheinen durch die unberührte Natur zu schneiden-  und das tun sie auch tatsächlich, wenn auch durch das Wasser der Elbe vom Festland getrennt. (Bild: Mi Steinbach)
Gegensätze: Die Kreuzfahrtschiffe scheinen durch die unberührte Natur zu schneiden- und das tun sie auch tatsächlich, wenn auch durch das Wasser der Elbe vom Festland getrennt. (Bild: Mi Steinbach)

Hast du im Saal Publikums-Reaktionen gespürt oder danach mit Menschen gesprochen? Hast du gemerkt, welchen Effekt der Film hatte?


Was mich wirklich beeindruckt hat, ist, dass drei Personen zu mir gekommen sind und gesagt haben, dass sie an verschiedenen Stellen des Films geweint haben. Das hat mich total gefreut und berührt. Gerade weil im Film keine Menschen zu sehen sind, finde ich das wahnsinnig spannend. Im Filmkontext wird oft über die Protagonisten und die Empathie gesprochen, die beim Zuschauen mit ihnen entsteht. Dass das auch mit einem Tierfilm möglich ist, freut mich unglaublich. Zumindest bei diesen Personen ist mir das offenbar gelungen. Und es gab diesen einen Moment, in dem der Seehund zu sehen ist. Da habe ich im Saal von manchen dieses „Oh“ gehört. Das sind natürlich Gänsehautmomente.


Man sieht nicht nur Tiere und Natur, sondern auch Maschinen, Mechanik und maritime Logistik. Wie bist du an den Film herangegangen? War von Anfang an klar, dass du diese Gegensätzlichkeit zeigen möchtest?


Zu dem Film gab es ein Drehbuch beziehungsweise ein ausführlicheres Exposé. Bei einem Dokumentarfilm gibt es natürlich kein Drehbuch in der klassischen Form wie beim Spielfilm. Dieses Konzept entstand, nachdem ich ungefähr ein Jahr recherchiert hatte und schon ziemlich genau wusste, was ich vorfinden würde. Anhand dieses Drehbuchs habe ich den Film tatsächlich produziert. Ich habe geschaut, welche Jahreszeiten, Tiere, Momente und Orte ich filmen möchte, und hatte dann eine Shotlist, die ich abgearbeitet habe. Ich glaube, ansonsten hätte dieser Film zehn Jahre gedauert. Wenn ich einfach losgezogen wäre und gesagt hätte: „Ich schaue mal, was ich finde“, wäre das sicher auch ein schönes Projekt geworden, aber es hätte nicht innerhalb von drei Jahren zu einem fertigen Film geführt. Gerade Menschen, die aus dem Tierfilm kommen, wissen, dass man sehr viele Stunden verbringt, ohne überhaupt eine Minute Film zu produzieren. Die Tierwelt ist natürlich nicht besonders planbar, und teilweise weiß man gar nicht, ob man bestimmte Tiere überhaupt filmen kann. Inhaltlich stand deshalb schon der Großteil des Films fest, bevor ich angefangen habe.





Du sagst es gerade: Man muss lange warten, bis sich Reh und Fuchs zeigen. Ging es dir auch so, dass du oft Tage verbracht hast, ohne viel filmen zu können?


Absolut. Es ist wirklich Wahnsinn, wie wenig die Tiere auf der Insel an Menschen gewöhnt sind. Viele werden dort geboren und sterben dort, ohne überhaupt mit Menschen in Kontakt zu kommen.


Wenn ich es mir hätte leicht machen wollen, wäre ich einfach irgendwo in Niedersachsen auf ein Feld gefahren und hätte ein Reh gefilmt. Dort kann man sich im Prinzip direkt daneben stellen, ohne dass es sich besonders gestört fühlt. Auf der Insel sind die Tiere dagegen wahnsinnig scheu. Ich musste deshalb einiges in Kauf nehmen, um sie filmen zu können.

Man muss auf die richtige Windrichtung achten, darauf, dass der Wind nicht dreht, und überlegen, wo man sich positioniert. Gerade Rehe haben eine sehr feine Nase. Sie wittern einen sofort und warnen dann die anderen Tiere oder verschwinden. Ich bin aber absolut überzeugt davon, dass man das auch im Film sieht. Diese intimen Momente mit den Tieren zeigen, wie ungestört sie in ihrem natürlichen Lebensraum leben. Sie verhalten sich meiner Meinung nach auch anders als Tiere in einem urbanen Umfeld. Sie kennen keine Autos und vor allem nicht diese vielen Menschen. Flugzeuge und Hubschrauber kennen sie natürlich – die sind ja auch im Film zu sehen.



Eigentümliche Ästhetik: In „Strange Neighbors“ stehen sich Industrielandschaften und Natur gegenüber, ohne dass eine Wertung erfolgt. (Bild: Mi Steinbach)
Eigentümliche Ästhetik: In „Strange Neighbors“ stehen sich Industrielandschaften und Natur gegenüber, ohne dass eine Wertung erfolgt. (Bild: Mi Steinbach)

War es für dich von Anfang an wichtig, vollständig auf Menschen zu verzichten, oder gab es Überlegungen, sie stärker einzubeziehen?


Ganz ohne Menschen ist der Film ja nicht. Es gibt einmal Menschen auf dem Fischkutter, wobei man ihre Gesichter nicht sieht. Und es gibt zwei Einstellungen am Hafen, auf denen ein Mitarbeiter zu sehen ist, der den Kran steuert. Die Menschen sind dort also gewissermaßen in diese Maschinerie integriert. Ich habe nicht versucht, Menschen um jeden Preis zu vermeiden. Dass sie dort auftauchen, ist für mich völlig in Ordnung. Mir war einfach wichtig, dass es keine Protagonist:innen gibt, die als solche im Film auftreten.


Ich wollte nicht den Blick dieser Menschen auf die Welt vorgeben. Stattdessen sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer die Chance haben, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden und zu überlegen: Wie empfinde ich das, was ich sehe? Welche Assoziationen habe ich dazu?

Die Aufnahmen sind durchweg sehr ästhetisch – egal, ob du Natur oder Kräne filmst. War es dir wichtig, in der Kameraarbeit keine Wertung hineinzulegen und Natur und maritime Logistik auf Augenhöhe zu zeigen?


Ich hoffe, dass deutlich wird, dass es mir absolut nicht um eine Wertung geht, sondern um diese Vieldeutigkeit, die entsteht, wenn man diese beiden Welten einander gegenüberstellt.

Die Ästhetik ist natürlich wichtig. Als Kamerafrau hat man einen hohen Anspruch, gerade wenn es um den eigenen Film geht. Gleichzeitig ging es aber immer darum, die Geschichte zu erzählen. Ich hatte viele Bilder, die ich als Kamerafrau wahnsinnig schön fand und bei denen ich dachte: „Das muss in den Film.“ Und am Ende habe ich sie selbst wieder herausgeschnitten, weil sie der Geschichte nicht gedient haben. Es ist also immer ein Zwischending. Natürlich geht es um schöne Bilder. Der Film war von Anfang an als Kinofilm gedacht, und auch das Equipment, für das ich mich entschieden habe, war eher Spielfilm- als Tierfilm-Equipment. Deshalb war klar, dass es eine sehr eindeutige ästhetische Linie geben würde. Am Ende geht es aber trotzdem darum, den Inhalt zu transportieren.




Voll bei der Sache: Mi Steinbach hat mit „Strange Neighbors“ ein absolutes Herzensprojekt realisiert. (Bilder: Kulturschnack)


Du sprichst von Geschichte und Inhalt. Manche Zuschauer:innen könnten aber Schwierigkeiten haben, überhaupt zu erkennen, was die Geschichte ist.


Das glaube ich nicht. Und genau deshalb ist es ein Kinofilm. Ich wünsche mir, dass alle den Film im Kino sehen, weil ich glaube, dass die Geschichte sehr leicht und sehr gut zu verstehen ist.


Man muss sich nur den Moment und die Aufmerksamkeit nehmen, um sie anzuschauen. Gerade im Netflix-Zeitalter wird einem alle paar Minuten die Storyline noch einmal erklärt. Man bekommt teilweise sehr genau gesagt, was man denken oder fühlen soll. Vielleicht sind wir es deshalb nicht mehr so gewohnt, uns die Zeit zu nehmen, eigene Gedanken zu einer Geschichte zu entwickeln.

Wenn man sich diese Zeit nimmt, braucht es keine Filmschulung und kein spezielles Filmwissen. Man muss einfach hinschauen. Und ich glaube, dann wird jeder und jede die Geschichte verstehen.



Scheuer Gaststar: Die Natur hält sich nicht an Drehpläne und Shotlists. Die Dreharbeiten erfordert deshalb viel Geduld. (Bild: Mi Steinbach)
Scheuer Gaststar: Die Natur hält sich nicht an Drehpläne und Shotlists. Die Dreharbeiten erfordert deshalb viel Geduld. (Bild: Mi Steinbach)

Glaubst du, dass wir durch Social Media und die heutigen Sehgewohnheiten verlernen, uns wirklich auf Filme einzulassen?


Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Ich glaube, dass wir das verlernen oder vielleicht sogar schon verlernt haben – zumindest viele Menschen. Es braucht diese Momente, in denen wir uns selbst ein bisschen dazu zwingen, jetzt wirklich hinzuschauen. Dafür ist das Kino natürlich ein Ort, den wir unbedingt erhalten müssen. Es muss ja nicht mein Film sein.


Es gibt viele großartige Filme, die es wert sind, mit Aufmerksamkeit gesehen zu werden. Und das ist heutzutage, glaube ich, fast nur noch im Kino möglich, weil es ansonsten so viele Ablenkungen gibt. Die meisten schauen Filme auf dem zugänglichsten Medium – Tablet, Handy oder Laptop. Dort gibt es immer die Möglichkeit, den Tab zu wechseln. Das macht es schwierig, sich wirklich auf einen Stoff einzulassen. Also: Rettet das Kino!

Da sind wir hier beim richtigen Ort. Stichwort Musik: Sie ist fast durchgehend präsent. Wie wichtig war dir die Musik und die Auswahl der passenden Stücke?


Extrem wichtig. Der Film funktioniert zu einem ganz großen Teil wegen der Musik. Aber auch das Sounddesign spielt eine große Rolle. Deshalb ist Robert Nacken, der die Musik komponiert hat, sehr früh in das Projekt eingestiegen. Wir haben früh darüber gesprochen und Musikbeispiele ausgetauscht. Auf der Insel habe ich auch selbst viel Ton für das Sounddesign aufgenommen, unter anderem Stereoton. Wir haben viel darüber gesprochen, wie die Mischung zwischen Musik und den Geräuschen der Umgebung funktioniert, wie sich beides abwechselt und ineinanderfließt. Die Musik wurde komplett für den Film komponiert. Und die Musiker:innen haben teilweise direkt auf die Bilder improvisiert und live eingespielt.


Es gab vorher viele Versuche mit verschiedenen Instrumenten, manches haben wir am Computer ausprobiert. Der letzte Schritt war dann, dass die Musik tatsächlich von den Musiker:innen eingespielt wurde. Danach haben wir uns das gemeinsam angehört. Das war wirklich ein Gänsehautmoment, weil das Bild plötzlich gelebt hat. Musik kann das, insbesondere wenn sie tatsächlich von Menschen eingespielt wird. Natürlich können sich das viele Produktionen heute nicht leisten. Aber wenn man es kann, ist es großartig. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.



Raster und Muster: In mancher Hinsicht sind sich Natur und Industrie sogar etwas ähnlich. (Bild: Mi Steinbach)
Raster und Muster: In mancher Hinsicht sind sich Natur und Industrie sogar etwas ähnlich. (Bild: Mi Steinbach)

Wie leicht oder schwer war es, diesen Film zu finanzieren? Wenn du das Projekt pitchst, kann ich mir vorstellen, dass die eine oder andere Produktionsfirma sagt: „Ich sehe da jetzt keinen Kassenschlager.“


Der Film wurde von der Film- und Medienstiftung gefördert. Das war im Prinzip die gesamte Finanzierung; den Rest habe ich selbst beigesteuert. Es gibt keine andere Produktionsfirma und keinen Sender. Das war tatsächlich genauso gewollt. Wenn man einen Film macht, bei dem ein Sender vielleicht denkt: „Den kann ich nicht um 20:15 Uhr in der Primetime senden“, wird es natürlich schwieriger, diese Erzählform durchzusetzen. Deshalb war es mir wichtig, unabhängig zu bleiben.


Wie definierst du für dich bei diesem Film Erfolg? Schaust du darauf, wo er gezeigt wird und wie viele Menschen ihn sehen, oder ist es eher eine qualitative Ebene – also was der Film mit den Menschen macht?


Mir geht es absolut nicht um Zuschauerzahlen. Natürlich möchte ich, dass der Film gesehen wird. Darum geht es im Prinzip, wenn man Filme macht. Aber ich weiß gar nicht, ob „Erfolg“ das richtige Wort ist. Mich freut jeder Austausch. Über den Film, über die Machart, aber natürlich auch über das Thema. Wenn jemand den Film gesehen hat und danach zu mir kommt und seine eigene Geschichte oder einen Gedanken dazu erzählt, ist das großartig. Deshalb gehe ich als Filmemacherin auch auf ein Festival: weil ich den Kontakt mit dem Publikum suche.


Wenn mein Film irgendwo gestreamt wird und ich sehe, dass es so und so viele Views oder Klicks gibt, ist das für mich sehr weit weg von einem inhaltlichen Austausch. Viel wichtiger ist mir, mit Menschen zu reden und zu hören: „Ich hatte diesen Gedanken“ oder „Ich habe das so interpretiert.“ Das ist für mich das Schönste.


Ganz im Moment: Eine Stärke von „Strange Neighbors“ ist die Ruhe seiner Erzählung. Sie erlaubt das Eintauchen und bewusste Wahrnehmen - eine Kunst, die uns zunehmend verloren geht. (Bild: Mi Steinbach)
Ganz im Moment: Eine Stärke von „Strange Neighbors“ ist die Ruhe seiner Erzählung. Sie erlaubt das Eintauchen und bewusste Wahrnehmen - eine Kunst, die uns zunehmend verloren geht. (Bild: Mi Steinbach)

Es gibt aber Menschen, die sagen: „Ich brauche ein Narrativ. Ich brauche eine Handlung, die direkt erkennbar ist.“ Hast du Verständnis dafür, wenn sie sich gar nicht erst auf so einen Film einlassen?


Klar, absolut. Es gibt Filme oder Genres, bei denen ich selbst sagen würde: „Das ist jetzt nicht meins, da würde ich nicht reingehen.“ Das geht jedem Menschen so, und das ist völlig in Ordnung.


Du willst offen lassen, wie die Menschen auf das Gesehene reagieren, und ihnen nichts vorgeben. Hast du trotzdem eine Vorstellung davon, was sie aus dem Film mitnehmen sollen?


Vielleicht eher Hoffnungen. Meine Hoffnung ist, dass sie über ihre eigene Sicht und ihr eigenes Verhältnis zu den Themen reflektieren, die ich anspreche. Das sind sehr vielfältige Themen, und wahrscheinlich wird nicht jeder dieselben Dinge darin wiederfinden. Es geht natürlich um Natur, Tierwelt, Jahreszeiten und Gezeiten – um diesen Rhythmus und den Charakter der Natur. Gleichzeitig geht es um Industrie und industrielle Giganten, um Globalisierung, Konsum und unsere sehr konsumgetriebene Welt. Auch Logistik spielt eine große Rolle, sowohl in der Natur als auch in der Industrie, ebenso Themen wie Effizienz und Tempo. Meine Hoffnung ist, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer vielleicht einige dieser Themen für sich wiederfinden, darüber nachdenken und dass daraus Diskussionen entstehen. Ich glaube auch, dass das ein bisschen funktioniert.


Gut gelaunt: Mi Steinbach ist stolz auf ihren Film und froh über die Resonanz in Oldenburg. (Bild: Kulturschnack)
Gut gelaunt: Mi Steinbach ist stolz auf ihren Film und froh über die Resonanz in Oldenburg. (Bild: Kulturschnack)

Gibt es nach der Weltpremiere schon konkrete Pläne?


Der Plan ist auf jeden Fall, dass der Film ins Kino kommt. Besonders schön fände ich es, wenn er auch hier in der Region und generell im Norden gezeigt wird. Es ist ja ein regionales Thema, und man könnte den Menschen sagen: Diese Geschichten spielen direkt vor eurer Haustür. Ich würde mich auch sehr freuen, bei den Vorführungen vor Ort zu sein und mit den Menschen zu sprechen. Ich bin eine Kölnerin, die einen Film über eine Region an der Niederelbe gemacht hat. Deshalb finde ich es total spannend zu erfahren, wie die Menschen aus der Region den Film sehen. Vielleicht erkennen sie vieles wieder. Vielleicht sagt jemand: „Ich wusste gar nicht, dass es hier Seeadler gibt“ oder „Ich wusste nicht, dass es hier Seehunde gibt.“ Oder jemand entdeckt diese graue Insel, die man vielleicht immer gesehen, aber nie beachtet hat, plötzlich ganz neu und merkt: Da gibt es eine unglaubliche Artenvielfalt. Wenn daraus Gespräche entstehen, würde mich das sehr freuen.


Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis?


Ganz ehrlich? Es ist eine Zehn. Ich hätte ihn nicht anders gemacht. Es ist ein absolutes Privileg, seinen Film so machen zu dürfen, wie man ihn selbst machen möchte. Natürlich ist alles Low Budget und so weiter. Aber dass man solche Filme heutzutage überhaupt noch machen kann, dass man diese Möglichkeit bekommt, ist großartig.


Dieser Film wäre ohne die Film- und Medienstiftung nicht entstanden. Wenn ich in dieser Zeit zehn Imagefilme gemacht hätte, wäre vielleicht mehr Geld dabei herausgekommen. Aber dass es die Möglichkeit gibt, sich in einem Kinofilm und im Medium Film auf diese Weise auszudrücken und dabei diese künstlerische Freiheit zu haben, ist großartig.

Das ist eigentlich noch einmal ein Plädoyer für die Filmförderung.


Ja. Es wird so viel Kritik an den Filmstiftungen geäußert – zu wenig Geld, schwierige Kooperationen und so weiter. Aber dass es diese Förderung überhaupt gibt, ist nicht selbstverständlich. Es ist im Prinzip Kunstförderung. Niemand erwartet, dass so ein Film ein Kassenschlager wird. Das ist nicht das Ziel. Es geht um Kunstförderung. Und ich finde, das ist etwas, das man sich bewusst machen sollte.

 
 
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