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SCREEN TIME #4: VINCENT GRASHAW

vor 18 Stunden
23 Min. Lesezeit

Das 33. Internationale Filmfest Oldenburg hat begonnen - und der Kulturschnack ist mitten drin! Für unser Format SCREEN TIME treffen jeden Tag eine Person aus dem Festivalbetrieb: Regisseur:innen, Schauspieler:innen oder jemand ganz anderen. Mit ihnen sprechen wir über die Filme, das Kino, die Unabhängigkeit und was uns sonst noch einfällt. Das Ergebnis? Findet ihr als Video auf unserem Insta-Kanal - und als Interview hier!


Screenshot aus „Bruton" von Vincent Grashaw der auf dem 33. Filmfest Oldenburg zu sehen ist
The Real Deal: Vincent Grashaws neuester Film „Bruton“ basiert auf einer wahren Geschichte. (Bilder: Vincent Grashaw, Canva, Kulturschnack)


SCROLL DOWN FOR THE ENGLISH VERSION!



Beim Internationalen Filmfest Oldenburg ist Vincent Grashaw längst kein Unbekannter mehr. Nach Bang Bang und Keep Quiet kehrt der US-amerikanische Regisseur nun mit Bruton zurück nach Oldenburg. Sein Gefängnisdrama basiert auf der wahren Geschichte von Bryan Bruton, einem Kleinkriminellen aus Jacksonville, Florida, der nach einem folgenschweren Zwischenfall zu zehn Jahren Haft verurteilt wird. Hinter Gittern beginnt Bruton, sich mit Geschäften, geschmuggelten Handys und einem Piratensender ein eigenes kleines Universum aufzubauen.


Im Gespräch erzählt Vincent warum ihn gerade die Widersprüche seiner Hauptfigur interessiert haben, weshalb er für seine Filme echte Gefängnisse nutzt und warum fehlendes Geld im Independent-Kino manchmal sogar die Kreativität beflügelt. Außerdem spricht er über die Schwierigkeiten, einen fertigen Film tatsächlich zum Publikum zu bringen – und darüber, was sich auch bei einem Hollywood-Millionenbudget an seiner Arbeitsweise nicht ändern würde.



BRUTON

BY VINCENT GRASHAW


FR 21.30 UHR

CASABLANCA TICKETS


SA 19 UHR

THEATER HOF/19




Vincent, du bist nicht zum ersten Mal in Oldenburg, du warst schon ein paar Mal hier. Auf Deutsch würden wir dich einen „Stammgast“ nennen. Was gefällt dir an diesem Festival am besten?


Es ist einzigartig. Man kommt zu vielen Festivals, trifft tolle Leute und sieht großartige Filme. Aber ich habe das Gefühl, dass hier immer unglaublich viel passiert. Viele Festivals haben schlicht nicht die Kapazitäten, dafür zu sorgen, dass alle Filmschaffenden sich kennenlernen und dass man sich so gut um die Leute kümmert wie hier. Jeden Abend gibt es irgendeine Veranstaltung, Essen, Partys – und man wird quasi dazu gezwungen, ein bisschen aus sich herauszukommen.



Ich bin da ein Hybrid: Ich brauche Zeit für mich, bin aber auch gern unter Leuten. Wenn du hier mit einem Film ankommst und eher schüchtern bist, hast du eigentlich gar keine andere Wahl, als aus dir herauszukommen. Alle sind so entspannt und freundlich. Ich liebe es einfach. Einer meiner Lieblingsaspekte an diesem Festival ist, wie sehr sich hier um die Filmschaffenden gekümmert wird – und wie sehr das Team sie verwöhnt. Das tut es wirklich! (lacht)


Also ist es ein guter Ort, um deinen neuesten Film Bruton zu zeigen. Er basiert auf einer wahren Geschichte. Als du zum ersten Mal von der Geschichte gehört hast: Hast du sofort erkannt, dass das Stoff für die große Leinwand ist?


Es gibt unzählige Gefängnisgeschichten und viele Menschen, die im Gefängnis waren und ihre Geschichte erzählen wollen. Als ich zum ersten Mal von Bryan und seiner Geschichte gehört habe, dachte ich: Das wird wahrscheinlich wieder so eine Geschichte. Dann habe ich mich mit ihm zusammengesetzt – und musste während des Gesprächs die meiste Zeit lachen. Bei manchen Geschichten habe ich mich wirklich weggeschmissen. Und auch darüber, wie kreativ diese Jungs werden müssen, wenn sie eingesperrt sind. Das war eine Perspektive, die ich so noch nicht gesehen hatte.


Der Film verklärt das Gefängnis ja nicht als einen Ort, an den man unbedingt will. Es geht um Bryans Reise: wie er sich durchgeschlagen und überlebt hat und das Gefängnis quasi zu seinem eigenen Markt gemacht hat – fast wie Kapitalismus innerhalb eines Gefängnisses. Das fand ich faszinierend.


Düstere Momente: „Bruton“ hat generell eine positive Stimmung, manchmal wird es aber auch hart. (Bild: Vincent Grashaw)
Düstere Momente: „Bruton“ hat generell eine positive Stimmung, manchmal wird es aber auch hart. (Bild: Vincent Grashaw)

Er ist auf jeden Fall eine besondere Figur. Wie er sich an das Leben im Gefängnis angepasst und dort sein eigenes Ding aufgebaut hat, ist ziemlich witzig. Ich hätte nie gedacht, dass man dort überhaupt eine Art Geschäft betreiben kann – oder sogar einen Podcast machen, ohne dass jemand davon weiß.


Ja, und das ist nur ein Teil der Geschichte. Es ist viel verbreiteter, als man denkt, gerade heutzutage in Gefängnissen. Mit Handys kann man dort eine Menge Geld machen, und es werden alle möglichen Dinge hineingeschmuggelt. Ich weiß, dass das ziemlich abgefahren klingen kann. Genau das dachte ich auch, als ich zum ersten Mal davon gehört habe. Ich fragte: „Das passiert wirklich im Gefängnis?“ Und er nur: „Oh ja.“


Der Film spielt außerdem Mitte der 2000er-Jahre, also zu einer Zeit, bevor sich die Technologie so entwickelt hatte wie heute. Ich kann mir nur vorstellen, dass es mittlerweile noch verrückter ist. Mich hat gerade dieser ganz normale Alltag fasziniert – was diese Jungs den ganzen Tag über machen. Die meisten Menschen denken beim Gefängnis sofort an Vergewaltigung, Messerstechereien oder sonst irgendwas. Aber die meiste Zeit langweilst du dich einfach. Es gibt nichts zu tun. Also: Was machst du mit deiner Zeit? Wie sorgst du dafür, dass sie interessant wird? Das ist eigentlich das viel alltäglichere Thema.


Und warum wolltest du diese Geschichte erzählen? Warum hast du dich letztlich entschieden, daraus einen Film zu machen?


Ich mag Figuren mit Ecken und Kanten. Selbst wenn sie die Hauptfigur sind, sollen sie komplex sein. Und Bryan ist genau so jemand. Er ist charmant, witzig und zielstrebig, aber gleichzeitig ziemlich fehlerhaft. Er ist wegen seinen eigenen Entscheidungen in bestimmte Schwierigkeiten geraten. Die Entwicklung dieser Figur von Anfang bis Ende konnte ich ziemlich klar vor mir sehen. Die Vater-Tochter-Beziehung war für mich ein ganz wichtiger Teil. Wenn du so lange eingesperrt bist, liegt es nahe, für deine Situation alles und jeden anderen verantwortlich zu machen. Alles passiert dir einfach.


Ich mochte die Vorstellung sehr, dass er irgendwann erkennt, wie egoistisch er gewesen ist. Dass er auf sein Leben zurückblickt und denkt: „Mann, alles, was ich in meinem Leben getan habe, war egoistisch. Alles.“ Zu sehen, wie jemand zu dieser Erkenntnis kommt und sich verändert, fand ich interessant. Und am Ende des Films weißt du trotzdem nicht, ob er diese Veränderung wirklich dauerhaft schafft. Deshalb lasse ich bestimmte Dinge bewusst offen.


Komplizin: Bryan Bruton entkam mithilfe einer Gefängnismitarbeiterin, großartig gespielt von Tammy Blanchard. (Bild: Vincent Grashaw/Filmfest Oldenburg)
Komplizin: Bryan Bruton entkam mithilfe einer Gefängnismitarbeiterin, großartig gespielt von Tammy Blanchard. (Bild: Vincent Grashaw/Filmfest Oldenburg)

Ist es schwieriger, einen Film zu inszenieren, wenn du tatsächliche Ereignisse berücksichtigen musst? Oder sind sie einfach eine Quelle für deine Fantasie?


Das ist eine gute Frage. Ich schreibe nicht besonders viele Drehbücher. Ich glaube, das ist eines der schwierigsten Dinge überhaupt. Man ist dabei kreativ viel ungeschützter, und es ist schwieriger, mit anderen zusammenzuarbeiten. Normalerweise mache ich Filme, die von anderen geschrieben wurden. Aber ich glaube tatsächlich, dass es einfacher ist, wenn man eine Vorlage hat – egal, ob das ein Buch, ein Zeitungsartikel oder die wahre Geschichte eines Menschen ist. Dann kann ich mich richtig in die Recherche verbeißen. Ich bin ein investigativer Filmemacher. Ich erzähle gern Geschichten, deren Welt ich selbst noch nicht kenne. Ich stürze mich da rein, lerne sie kennen und arbeite mich auf diese Weise in die Geschichte ein. Etwas komplett aus dem Nichts zu erschaffen, fällt mir schwerer – oder macht mir zumindest mehr Respekt. Wenn du die Vorlage schon vor dir hast und jemand dir seine Geschichte erzählt, denkst du: „Ah, ich sehe es.“ Ehrlich gesagt würde ich lieber das Originaldrehbuch von jemand anderem finden, mich darin verlieben und es dann zu meinem eigenen machen.


Deine Filme wirken immer sehr authentisch. Bei Bruton habt ihr sogar in echten Gefängnissen gedreht. Wie wichtig ist dir diese Authentizität?


Absolut. Bei jedem Film, den ich mache, möchte ich, dass er authentisch wirkt. Ich bin nicht auf ein bestimmtes Genre festgelegt. Ich habe Horrorfilme und Kriminaldramen gemacht, und dieser hier hat etwas mehr Humor. Aber solange eine Geschichte in einer menschlichen Erfahrung verankert ist, mit der man sich identifizieren kann, interessieren mich solche Geschichten. Und damit kommt auch die Verantwortung, authentisch und glaubwürdig zu sein. Wenn du ein Gefängnis auf einem Studiogelände nachbaust, statt in einem echten Gefängnis zu drehen, merkt man das meiner Meinung nach. Wir haben deshalb in echten Gefängnissen gedreht, während um uns herum tatsächlich Gefangene unterwegs waren. Das war eine unglaublich interessante Erfahrung und hat alles viel glaubwürdiger gemacht.


Es gab eine Szene, in der ich in einem Gang gedreht habe. Ich schaue auf den Monitor, dann über die Schulter – und da stehen ungefähr zehn Gefangene, die ihre Köpfe aus einem Gefängnistrakt herausstrecken und uns beobachten. Ich fragte nur: „War das eine coole Einstellung?“ Und sie so: „Jaaaa!“

Es war schon cool, in dieser Umgebung zu sein. Gleichzeitig denkst du: „Ich will hier raus.“ Bei Keep Quiet waren wir einen großen Teil der Dreharbeiten in einem Reservat und haben mit der dortigen Gemeinschaft zusammengearbeitet. Das war unglaublich wertvoll. Es hebt den Film auf ein anderes Niveau. Die Umgebung wird selbst zu einer Figur. Ich würde mich jederzeit dafür entscheiden, statt etwas zu machen, das einfacher ist, aber nicht echt.




In seinem Element: Vincent spricht gerne über einen neuen Film und über seine Arbeit als Independent-Regisseur. (Bilder: Kulturschnack)


Deine Filme sehen nicht so rau und improvisiert aus wie manche anderenIndependent-Filme. Habt ihr vielleicht größere Budgets – oder bist du einfach besser darin, zu verbergen, dass ihr sie nicht habt?


Wir haben für meine Filme nicht viel Geld. Aber das ist etwas, das mir wichtig ist.

Ich mache Filme, von denen ich glaube, dass sie kommerziell funktionieren können oder sich auf eine kommerzielle Art vermarkten lassen. Vielleicht bringe ich auch ein etwas traditionelleres Verständnis von Kameraführung und Filmemachen mit. Wenn ich einen Film größer aussehen lassen kann, als er tatsächlich ist – super. Aber ich weiß nicht, ob ich mir das bewusst als Ziel setze. Ich finde, ein Film sollte sorgfältig und mit einem klaren Konzept gemacht sein. Alles muss durchdacht wirken – vom Szenenbild bis zu den Kostümen. Deshalb war auch Bryan Bruton bei den Dreharbeiten dabei. Ich habe ihm gesagt: „Sag mir alles, was irgendwie falsch aussieht oder nicht funktioniert. Ich will, dass du mich darauf hinweist.“


Man kann nur bis zu einem gewissen Punkt recherchieren. Du kannst nicht unbedingt nachlesen, wie jemand sein Bettlaken einschlägt oder wie er seine Schuhe trägt. Ich hatte ständig Millionen Fragen. Wenn Gefangene oder ehemalige Häftlinge den Film sehen, möchte ich, dass sie sagen: „Ja, genau so ist es.“


Eigene Welt: Es gibt viele Klischee über Gefängnisse. Dennoch . oder gerade deswegen - kann man durchaus davon überrascht werden, was in ihnen passiert. (Bild: Vincent Grashaw/Filmfest Oldenburg)
Eigene Welt: Es gibt viele Klischee über Gefängnisse. Dennoch . oder gerade deswegen - kann man durchaus davon überrascht werden, was in ihnen passiert. (Bild: Vincent Grashaw/Filmfest Oldenburg)

Wenn du an den Moment zurückdenkst, als du die Geschichte zum ersten Mal gehört hast, und jetzt den fertigen Film siehst: Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?


Ja, ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Natürlich kann man sich immer etwas anschauen und denken: Das hätte ich vielleicht anders gemacht. Aber inzwischen bereite ich mich extrem gründlich vor. Ich möchte nicht, dass aus einem Film zu viel herausgeschnitten werden muss. Ich habe mal einen Horrorfilm gemacht, bei dem ich 42 Minuten herausgeschnitten habe. Das ist für mich verrückt. Das sind mehrere Drehtage, die du einfach verschwendet hast. Deshalb habe ich meine Herangehensweise an ein Drehbuch verändert. Bei Bruton bin ich sehr zufrieden mit dem, was wir gedreht haben. Alles hatte einen klaren Zweck. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nicht mit zwei Kameras drehe.


Ich arbeite lieber mit einer Kamera, weil ich weiß: Was die Kamera gerade macht, werde ich auch im Film verwenden. Wir haben den Film in 20 Drehtagen gedreht. Wir hatten ungefähr 230 Szenen. Das ist eine Menge. Jeder Tag war einfach nur: zack, zack, zack – alles war vollgepackt. Ich glaube, wir haben im Schnitt 30 Einstellungen pro Tag gedreht. Für einen Independent-Film ist das ziemlich verrückt.

Und das Ganze trotzdem gut und hochwertig aussehen zu lassen – darauf bin ich wirklich stolz. Unser Kameramann Colm Graham ist unglaublich. Und unser Produzent Demetrius Stear hat mir alles ermöglicht, was ich gebraucht habe. Ich hatte nie das Gefühl, wegen der Produktion oder des Budgets Kompromisse eingehen zu müssen. Also ja, ich bin sowohl mit der Produktion als auch mit dem fertigen Film sehr zufrieden.



Medienaffin: Der echte Bryan Bruton hat einen eigenen YouTube-Channel. (Video: Bryan Bruton)

Und wie hat Bryan auf den Film reagiert?


Ich habe ihm schon sehr früh einen ersten Schnitt gezeigt. Ich glaube, das war ziemlich hart für ihn. Gleich am Anfang gibt es eine Szene mit ihm und seiner Frau, in der es zu einem Streit kommt. Ich glaube, das war schwierig für ihn, weil er wegen dieser Entscheidungen aus der Vergangenheit noch immer viel Schuld empfindet. Es muss schon seltsam sein, einen Film über sein eigenes Leben zu sehen, der in vielerlei Hinsicht sehr genau ist, an anderen Stellen aber für die filmische Umsetzung angepasst wurde. Die Realität dahinter war für ihn nicht leicht. Die fertige Version hat er noch nicht gesehen. Er wird sie hier bei unserer Deutschlandpremiere hier in Oldenburg sehen.


Das wird sicher ein besonderer Moment.


Das glaube ich auch. Ich bin gespannt – nicht nur darauf, was das Publikum hier davon hält, sondern auch darauf, was er von dem fertigen Film denkt.


Wenn man unabhängig arbeitet, fehlt es meistens an Geld und Ressourcen. Glaubst du, dass diese Einschränkungen die Kreativität sogar fördern, weil man sich ständig neue Ideen und Lösungen einfallen lassen muss?


Hundertprozentig. Absolut. Ich glaube, je schwieriger die Bedingungen sind, desto mehr kann das einem Film manchmal sogar zugutekommen. Das war bisher immer mein Arbeitsumfeld: Budgets, bei denen man nie genug Geld und nie genug Zeit hat. Also: Was machst du daraus? Ich glaube, das ist mein Sweet Spot. Ich mag das. Es geht darum, kreativ um die Ecke zu denken und gleichzeitig genug Mittel zu haben, um die Vision umzusetzen, die man hat. In diesem Bereich fühle ich mich wohl.


So sehr ich eines Tages auch gern einen großen 100-Millionen-Dollar-Film machen würde – ich liebe das Independent-Kino trotzdem. Wenn man mit solchen Budgets arbeitet, hat man ein Gefühl der Kontrolle über das kreative Endprodukt.


Alles gut? Bryan tut, wonach ihm ist - und gerät dadurch in größere Schwierigkeiten, als er sich je hätte ausmalen können. (Bild: Vincent Grashaw/Filmfest Oldenburg)
Alles gut? Bryan tut, wonach ihm ist - und gerät dadurch in größere Schwierigkeiten, als er sich je hätte ausmalen können. (Bild: Vincent Grashaw/Filmfest Oldenburg)

Ist diese kreative Kontrolle das, was du am Independent-Kino am meisten liebst?


Ich liebe es einfach, Filme zu machen und Geschichten zu erzählen. Wenn man mit einer Gruppe von Menschen zusammenkommen, irgendwohin reisen und zwei Monate lang wie eine Familie zusammenleben kann, während man so tut, als wäre das alles echt – das ist doch ein Traum. Ich habe bereits alles gemacht, was ich machen wollte: Filme mit Menschen zu drehen, die wissen, dass sie gerade etwas Besonderes machen, und dabei die beste Zeit ihres Lebens zu haben.


Ich liebe es. Ich würde das machen, bis ich sterbe. Wenn wir in zehn Jahren noch Filme machen können, werde ich immer noch dabei sein. Wenn das alles wegen KI aufhört oder weil die Menschen keine Filme mehr schauen, kann ich trotzdem sagen: „Ich habe alles gemacht, was ich mir vorgenommen hatte.“

Und was ist das größte Ärgernis?


Wahrscheinlich das Geld. Da führt kein Weg dran vorbei. Zumindest in Amerika verdient man nicht genug, um davon zu leben, weil die Budgets einfach nicht groß genug sind. Also musst du ständig neue Wege finden, Filme zu machen. Ich hatte in den vergangenen sieben Jahren Glück. Ich habe ungefähr vier Filme gemacht und konnte mich aufs Filmemachen konzentrieren und daraus Schritt für Schritt eine größere Karriere aufbauen. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber es gibt viele Filmemacher, denen das nicht gelingt. Die Finanzierung eines Films ist einfach unglaublich schwierig. Das größte Ärgernis ist, das Geld aufzutreiben, um den Film überhaupt machen zu können.


Ich kenne viele Leute, die wahrscheinlich seit fünf oder zehn Jahren ihren Film machen wollen und es einfach nicht geschafft haben. Ob sie ihn dann gar nicht machen oder stattdessen eine Version für 50.000 Dollar drehen – zumindest das kann befreiend sein. Du kannst deinen Film machen und selbst über dein Schicksal bestimmen.

Das ist der Vorteil am Independent-Bereich. Es kann nur verdammt lange dauern.



Namenswechsel: Vincents letztjähriger Film „Keep quiet“ heißt inzwischen „Gangland“. (Video: Vincent Grashaw)

Was denkst du: Kann man diesen Indie-Spirit – furchtlos, mutig und kreativ zu sein – auch auf einen großen Blockbuster übertragen? Oder würde er an zu viel Komfort zugrunde gehen?


Ich kann nicht aus eigener Erfahrung sagen, wie es ist, einen großen Studiofilm zu machen, und ob man dabei kreativ noch alles umsetzen kann, was man möchte. Ich weiß, dass mit mehr Geld auch mehr Meinungen kommen. Und sobald ein Konzern dahintersteht, arbeitet man in gewisser Weise für eine Organisation. Das stört mich aber nicht grundsätzlich. Ich glaube, man kann auch unter diesen Bedingungen das Beste aus einem Film herausholen. Ich bin niemand, der Studios oder größere Budgets verteufelt. Am Ende zählt, was du mit dem Film machst. Ich bin als Filmemacher ziemlich flexibel.


Ich bin offen und kann zwischenverschiedenen Situationen unterscheiden. Bei diesem Independent-Film hier ist es mein Baby. Das werde ich beschützen. Aber wenn ich einen 50-Millionen-Dollar-Marvel- oder Netflix-Film mache, weiß ich, bei welchen Dingen ich Kompromisse eingehen muss und an welchen Stellen ich meine Ideen trotzdem verteidigen kann. Damit komme ich gut klar. Ich kann damit leben.

Und jetzt, nachdem du Independent-Filme gemacht hast, mit begrenzten Budgets gearbeitet und dein eigenes Ding durchgezogen hast: Wenn Hollywood dir tatsächlich unbegrenzt Geld geben würde – wofür würdest du als Erstes viel zu viel davon ausgeben?


Ah, fuck. (lacht) Ich würde allen mehr bezahlen. Und ich würde Geld dafür ausgeben, den Film zu vermarkten und dafür sorgen, dass der Film breit veröffentlicht wird. Du kannst einen großartigen Film machen, vielleicht sogar mit einem größeren Budget. Aber du musst sicherstellen, dass der Film richtig positioniert ist, damit die Leute auf ihn aufmerksam werden. Wenn der Verleih ihn nicht richtig vermarktet, wird ihn niemand sehen. Wenn ich also ein großes Budget hätte, würde ich einen großen Teil davon ins Marketing stecken. Ich würde sicherstellen, dass der Film richtig positioniert ist, damit die Leute auf ihn aufmerksam werden, und dass der Kinostart beziehungsweise die Veröffentlichung ordentlich läuft. Das wäre für mich das Wichtigste: sicherzustellen, dass der Film vernünftig vermarktet wird und die Leute ihn sehen. Sonst machst du den Film nur für dich selbst.


Erfolgreich:; Vincent Grashaw gewann mit ¡Keep Quiet“ bzw. „Gangland“ im Jahr 2025 den Spirit of Cinema-Award. (Bild: Lawrence Diedrich)
Erfolgreich:; Vincent Grashaw gewann mit ¡Keep Quiet“ bzw. „Gangland“ im Jahr 2025 den Spirit of Cinema-Award. (Bild: Lawrence Diedrich)

Gute Antwort. Du hättest auch einfach sagen können: „Ich rufe Brad Pitt an und frage, ob er mitspielt“ oder „Ich gebe alles für große Spezialeffekte aus.“


Ich persönlich bin kein großer Fan von Filmen, die stark auf visuelle Effekte setzen. Ich mag es, wenn Geschichten geerdet sind. Klar würde ich gerne mit großen Stars arbeiten, ob Brad Pitt oder wer auch immer. Aber am Ende glaube ich, dass Marketing eine riesige Rolle spielt. Gerade im Independent-Bereich fehlt es daran unglaublich. Du kannst mit 100 Leuten tausende Stunden Arbeit in einen Film stecken und ein wunderschönes Produkt abliefern – und dann sieht es niemand. Ich glaube, das wird immer mehr zu einem entscheidenden Teil dessen, was man leisten muss. Sonst geht dein Film unter.


Gibt es etwas an deiner Arbeit, das sich niemals ändern würde – ganz egal, wie groß dein Budget ist?


Ganz egal, wie groß das Budget ist: Ich bin immer noch derjenige, der Regie führt. Also wird es meine Vision sein. Es geht darum, was ich mit dem Material sagen möchte. Das wird sich niemals ändern. Hoffentlich habe ich inzwischen auch eine eigene Ästhetik entwickelt, bei der man sagen kann: „Das ist die Art von Filmen, die er macht.“ Wie gesagt: Ich bin nicht auf ein Genre festgelegt. Ich liebe ganz unterschiedliche Arten von Filmen. Ich liebe Horror und werde irgendwann definitiv noch einen Horrorfilm machen. Aber wenn ihr mich engagiert, bekommt ihr das, was ich gerne abliefern möchte.


Wenn etwas überhaupt nicht zu mir passt, weiß ich nicht, ob ich den Job annehmen würde. Wenn eine Geschichte nicht in der Menschlichkeit verankert ist oder nichts hat, womit man sich auf einer menschlichen Ebene identifizieren kann, weiß ich nicht, ob ich überhaupt Ja dazu sagen würde.





Vincent, this is not your first time in Oldenburg, you've been here a couple of times. In German, we would call you a Stammgast — a regular visitor. What do you like best about this festival?


It's unique. You go to a lot of festivals and there are great films and great people, but I feel like this festival always has so many things going on. A lot of festivals simply don't have the bandwidth to make sure all the filmmakers know each other and to take care of you in the way this place does. Every night there's a function, there are dinners, there are parties, and you're sort of forced to come out of your shell a little bit.


I'm a hybrid — I like alone time and I like to be social. But if you came here with a film and you were a shy person, you would have no choice but to come out of your shell. Everyone is so easygoing and friendly. I just love it. One of my favorite aspects of this festival is the way they take care of and spoil the filmmakers. They really do.


So it's a good place to show your latest movie, Bruton. It's based on a true story. When you first heard about the story, did you immediately recognize that it was material for the big screen?


There are a lot of prison stories, and there are a lot of people who have gone to prison and want to tell their story. When I was first told about Brian and his story, I thought it was going to be more of the same. Then I sat down with him, and I was laughing for most of the interview. I was howling at some of the stories and at how creative these guys have to get when they're in lockup. It was a perspective I hadn't seen before.


It's not that the film glamorizes prison as a place you want to go. It was really his journey — how he hustled and survived and turned it into his own market, almost like capitalism within prison. That was fascinating to me.

He's a special character, to say the least. The way he adapted to prison life and built his own thing in there was really funny, because I would never have thought that it was possible to run some kind of business there — or even do a podcast without anyone knowing about it.


Yeah, and that's just some of the stuff. It's a lot more common than you think, especially nowadays in prisons. You can make a lot of money in prison with cell phones, and they smuggle in all sorts of things. I know it may seem out there. That's what I thought when I first heard it. I was like, "This is happening within prison?" And he was like, "Oh yeah." This was also a period piece. It takes place in the mid-2000s, before technology had grown to what it is today. I can only imagine that now it's even crazier. The everyday minutiae of what these guys do was fascinating to me. Most people think of prison and think you're going to get raped or stabbed or whatever. But a lot of the time you're just bored. There's nothing to do. So what do you do with your time? How do you make it interesting? That's the more common theme.


And why did you want to tell the story? Why did you decide in the end to make the movie?


I like characters who are flawed. Even if they're your protagonist, I want them to be complex, and Brian is that kind of individual. He's charming, funny and determined, but also very flawed. He got into certain trouble because of his own choices and decisions. I saw the arc of this character from beginning to end pretty clearly. The father-daughter relationship was a big part of it for me. When you're in lockup for that long, your instinct is to blame everything else for your situation. Everything is happening to you.


I really liked the idea of him realizing how selfish he had been. Seeing him look at his life and go, "Man, everything I've done in my life is selfish. Everything." Seeing somebody come to that realization and change was interesting to me. And by the end of the movie, you still don't know if he's able to maintain that. That's why I leave certain things vague.

Does it make it harder to direct a movie when you have to take actual events into consideration, or are they simply a source of imagination?


That's a good question. I don't write a lot of screenplays. I think it's one of the hardest things to do. You're a lot more naked creatively, and it's harder to collaborate. I've usually tackled movies that were written by other people. But I actually think it's easier when you're taking a source, whether that's a book, a news article or somebody's real story. Then I can sink my teeth into the research.


I'm an investigative filmmaker. I like to tell stories where I don't really know the world, throw myself into it, learn it and collaborate in that sense. To create something completely from scratch is a little harder for me, or at least more intimidating. When you've already got the source in front of you, telling their story, you're like, "Oh, I see it." I'd rather find somebody else's original script, fall in love with it and then make it my own, to be honest.


Your films always feel very authentic. For Bruton, you even filmed in real prisons. How important is that authenticity to you?


Absolutely. With any movie I do, I want it to feel authentic. I'm genre-agnostic. I've done horror movies, crime dramas, and this one has a little more humor. But as long as it's grounded in relatable human experience, that's the kind of story I like. With that comes a responsibility to be authentic and real. If you're filming a prison on a studio stage instead of a real prison, I think you're going to sense it. We filmed in real prisons, where inmates were just walking around us. That was a really interesting experience and it made everything a lot more believable.


There was a scene where I'm filming in a hallway. I'm looking at the monitor, then I look over my shoulder and there are about ten inmates with their heads sticking out of a prison wing, watching us. I was like, "Was that a cool shot?" And they're like, "Yeah!"

It was cool to be in that environment. At the same time, you're like, "I want to get out of here." With Keep Quiet, being on a reservation for a good portion of the filming and collaborating with the community was invaluable. It really elevates the movie. The environment becomes a character. I would choose that any day over something that was easier but wasn't real.


Your films don't look as rough as some other independent movies. Do you maybe have bigger budgets than they do, or are you just better at hiding that you don't?


We don't have much money on my movies, but that's something that's important to me. I make films that I feel have commercial viability, or that can be marketed in a commercial way. Maybe I bring more of a traditional sense of cinematography or filmmaking to them. If I can make a movie look bigger than it is, great. But I don't know if that's something I consciously set out to do. I think there's a responsibility for a film to be crafted and purposeful. Everything has to feel thought out — whether that's production design or costumes.


That's why Brian Bruton, the real guy, was there on set. I told him, "Tell me anything that looks off or doesn't work. I want you to point it out." There's only so much you can research. You can't necessarily research how somebody would tuck their bedsheet in or when they would wear their shoes. I had millions of questions all the time. When prisoners or inmates see this, I want them to go, "Yeah, that's how it is."


When you think back to the moment when you first heard the story and now you look at the movie, are you satisfied with the outcome?


Yeah, I'm satisfied with the outcome. You can always look at things and think about how you might do them differently. But I over-prepare now. I don't want too much to be cut out of a movie. I did a horror film where I think I cut 42 minutes out of the movie. That's crazy to me. That's several days of filming that you wasted. So I've changed the way I approach a screenplay. On Bruton, I'm very happy with what we shot. Everything was very purposeful. It's one of the reasons I don't shoot with two cameras.


I like to shoot with one camera, because I know that what the camera is doing, I'm going to use in the film. We filmed it in 20 shooting days. We had around 230 scenes. That's a lot. Every day was just boom, boom, boom — crammed in. I think we were averaging 30 shots a day, which is pretty crazy at the indie level.

And to still make it look good and well crafted — I'm really proud of that. Our DP, Colm Graham, is incredible. And our producer, Demetrius Stear, was able to give me what I needed. I never felt like I had to compromise because of productionor the budget. So yeah, I'm happy with the production side as well as the finished product.


And how did Bryan react to the movie?


I showed him a cut of the film very early. I think it was really hard for him. Very early on, there's a scene with him and his wife, and there's an altercation. I think that was difficult because I know he still holds a lot of guilt over those decisionsin the past. It's got to be weird seeing a movie about your life that's accurate in a lot of waysand then adapted for film purposes in others. The reality behind it all was kind of tough for him. He hasn't seen the finished version yet. He's going to see it here at our German premiere.


That's going to be a special moment.


I think so too. I'm excited to see not only what the audience here thinks of it, but what he thinks of the finished product.


When you're working independently, you're usually short on money and resources. Do you think those limitations actually boost your creativity because you have to come up with ideas and workarounds, or is that too romantic and it's simply a problem you have to solve?


One hundred percent. Absolutely. I think the more challenging it is, sometimes that serves the movie better. This has been my working space: budgets where you never have enough money or enough time. So what are you going to do with it? I think that's my sweet spot. I like that. It's about thinking outside the box creatively while still having enough to accomplish the vision you want. I'm comfortable in that space. As much as I'd love to do a big $100 million movie one day, I still love independent filmmaking because you have a sense of control over the final creative productwhen you work with these kinds of budgets.


Is this creative control what you love most about independent filmmaking?


I just love making movies and telling stories. Anytime you can get together with a group of people, travel somewhere and you're a family for two months, playing make-believe — that's the dream. I've already done everything I wanted to do: making movies with people who know they're doing something special and having the time of your life doing it.

I love it. I would do this till I die. If we're still able to make movies in the next ten years, I'll be doing it. If it all ended because of AI, or because people stopped watching movies, I would still be able to say, "I did everything I set out to do."


And what is the biggest pain in the ass?


Probably the money. There's just no other way around that. You don't make enough to survive, at least in America, because the budgets just aren't big enough. So you have to continuously find ways to make movies. I've been lucky over the last seven years. I've made about four movies, and I've been able to focus on filmmaking and build that into a bigger career. I'm very grateful for that. But there are a lot of filmmakers who don't get to do that. Financing your movie is just so hard. The biggest pain in the ass is finding the money to make the movie.


I know plenty of people who have probably wanted to make their film for the last five or ten years and haven't been able to do it. Whether they don't make it at all or they go and make a $50,000 version, at least that's liberating. You can make it and be in control of your own destiny. That's the advantage of the indie side. It just may take a long time.

What do you think? Can anyone bring this indie spirit — being fearless, daring and creative — into a big blockbuster movie? Or would it die of too much comfort?


I can't speak to doing a big studio movie and say whether you can still creatively do all the things you want. I know that with more money come more opinions. And when you have a corporation, you're serving an agency at that point. I'm not opposed to that. I think you can do the best thing you can with that movie. I'm not someone who demonizes studios or bigger budgets. At the end of the day, the proof is in what you do with the movie. I'm pretty malleable as a filmmaker. I'm open-minded. I can differentiate between situations. This is my baby in this independent film. This is what I will protect. But if I'm doing a $50 million Marvel or Netflix movie, I know what I need to compromise on, and I know where I can still defend my ideas. I'm comfortable with that. I can live with it.


And now, after making independent films, working with limited budgets and going your own way: if Hollywood actually gave you an unlimited amount of money, what would be the first thing you would spend too much money on?


Ah, fuck. (laughs) I'd pay everyone more. I'd spend money on getting actors who are going to helpmarket the film, and I'd make sure the film is released broadly. You may make a great film, you may even have a bigger budget, but if the distributor isn't marketing it properly, no one will see it.


So if I had a big budget, I would put a lot of it into marketing to make sure the film is positioned to really get eyes on it and that the release is done properly. That would be the biggest thing for me: making sure the film is marketed so people see it. Otherwise, you're making vanity.

Great answer. Yyou could have just said, "I'll talk to Brad Pitt about starring," or "I'll spend it on big effects."


I'm not big on visual-effects movies personally. I like stories to be grounded. Sure, I would love to work with big-name actors, whether it's Brad Pitt or whoever. But at the end of the day, I think marketing is a big deal. At least in the indie space, it's incredibly lacking. You can work thousands of hourswith 100 people and have a beautiful product, and then nobody sees it. I think that's more and more becoming a big part of what you have to do, or at least fight for. Otherwise, your movie is going to die.


Is there something about your work that would never change, no matter how big your budget is?


No matter how big the budget is, I'm still the one directing it. So it's going to be my vision. It's what I want to say with the material. That will never change. Hopefully, there's an aesthetic that I've developed that can showcase, "This is the kind of films he does."

As I said, I'm genre-agnostic. I love all different types. I love horror, and I'm going to do another horror movie at some point.


But if you hire me, you're going to get what I like to deliver. If something isn't me, I don't know if I'd take the job. If it's not grounded in humanity or something that's relatable on a human scale, I don't know if I'd even say yes to it.


 
 
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