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IM KLANGWELTRAUM

Mit den letzten warmen Sonnenstrahlen geht nicht nur der Sommer zu Ende, sondern auch die Festival-Saison. Vorbei ist die Zeit des gemeinschaftlichen Live-Erebnisses und der kunterbunten Intimität der Masse. Oder etwa doch nicht? Nein, denn in Oldenburg geht die Festivalsaison jetzt in die Verlängerung. Im Cadillac findet das Helicon Fest statt. Was das ist? Beantworten wir hier.


Bühnenaufnahme bei einem Konzert der Band Bruecken aus Oldenburg
Sphärisch: Bei Konzerten im Post Rock- und Ambient-Bereich spielen Stimmungen eine große Rolle. (Bild: Claudius Benthien)

Es gibt Festivals, die müssen sich nicht mehr erklären. Ob Wacken, Deichbrand, Hurricane oder Watt en Schlick: Im Großen und Ganzen ist klar, was einen erwartet. Neuere und kleinere Musikfestivals müssen sich dagegen erstmal einen Namen machen. Und manchmal müssen sie auch beschreiben, worum es überhaupt geht.


Das trifft auch auf das Helicon Fest zu, das am 13. und 14. Oktober erstmals im Cadillac stattfindet. Es widmet sich nämlich zwei Stilrichtungen, die nicht unbedingt täglich an der Spitze der Charts stehen oder die Titelseiten von Musikmagazinen bestimmen: Ambient, Electronica und Post Rock. Warum man sich diese „Schattengewächse“ der Musikszene unbedingt mal genauer ansehen sollte und warum das Helicon Fest die perfekte Gelegenheit ist? Lest ihr hier!

 

HELICON FEST


AMBIENT ELECTRONICA & POST ROCK


MIT BILLION ONE, BRUECKEN, CMDR RIKR, COPING MECHANISM, GLASGOW COMA SCALE, HEIMLICH MANOVER, MONDAN, SHAMOTTE


FREITAG, 13. OKTOBER UND SAMSTAG, 14. OKTOBER

JEWEILS AB 19.30 UHR


JUGENDZENTRUM CADILLAC

26135 OLDENBURG

 

Unerwartete Entdeckungen


Wer sich einem Musikgenre annähert, das einem noch völlig unbekannt ist, steht erst einmal vor vielen Fragen. Bei Ambient, Electronica und Post Rock dürfte viele Menschen vor allem eine besonders naheliegende beschäftigen: Wie klingt das eigentlich? Genau das haben wir jemanden gefragt, der sich damit auskennen sollte. Bernd Frikke ist nicht nur Teil des Organisationsteams des Helicon Festes - er spielt auch in den beiden beteiligten Bands Bruecken und Heimlich Manover.


Guter Eindruck: Bruecken waren 2021 beim Cadillac Trunk TV zu Gast. Ihr Auftritt ist ein guter Anhaltspunkt für den typischen Post Rock Sound.

„Als Post-Rock wird häufig instrumentale Rockmusik bezeichnet, die vor allem mit den Dynamiken zwischen laut und leise spielt und deren Stücke auch gern mal etwas länger sein können“, grenzt der Experte die Materie ein. Mit „etwas länger“ sind druchaus Zeiträume zwischen fünf und zehn Minuten gemeint und manchmal sogar darüber hinaus.


Dass sich das manchmal bei weitem nicht so lang anfühlt, liegt an den starken Kontrasten und Dynamiken innerhalb der Songs: sie sind wesentliche komplexer als durchschnittliche Popsongs und erlauben es den Zuhörer:innen, in einen wahren Klangweltraum einzutauchen. Das heißt: Die Konzert-Erfahrung ist eine ganz andere. Statt um Tanzen, Mitsingen oder Stagediving geht es um eine eher introspektive Erfahrung - die aber ähnlich mitreißend sein kann wie ein Chorus aus tausend Kehlen.


WAS IST POST ROCK?

  • Eines der Hauptmerkmale von ist, dass nur in den seltensten Fällen gesungen wird. Der Hauptfokus liegt darauf, neue und interessante Melodien zu spielen und mit Rock-Rhythmen und -Harmonien zu unterstreichen.

  • Generell hat jeder Song eines oder mehr Motive, die im Laufe des Stücks variiert oder mit unterschiedlichen Harmonien gepaart werden.

  • Ein großer Reiz dieser Musikrichtung ist, mit anzuhören, wie sich die Motive, Dynamiken und Timbre entwickeln, in neuen Kontext gestellt oder kombiniert werden. Genau genommen wäre hier ein Vergleich mit Film-Soundtracks oder klassischer Musik angemessen.

  • Zu den bekanntesten Vettern des Genres gehören Sigur Rot, Mogwai und Godspeed! You Black Emperor.



Musik für Flughäfen


„Die Genres ‚Ambient’ und ‚Electronica’ bewegen sich in einem ähnlichen Spannungsfeld“, fährt Bernd fort. Sie seien aber - wie der Name des zweiten schon sagt - eher elektronischen Ursprungs. Als ein Urvater gilt Brian Eno, der Ende der Siebziger vier Arbeiten unter dem Titel „Ambient 1-4“ veröffentliche. Einen Hinweis darauf, was man sich vorstellen kann, gibt das erste Album, das mit „Music for Airports“ untertitelt ist: Die Sounds sind ruhig, introvertiert, fließend - beinahe wie ein Reisender an einem Flughafen.



Stücke aus dem „Electronica“-Bereich können dagegen durchaus klassische Songstrukturen und einen durchgehenden Rhythmus bzw. Beat aufweisen und sogar tanzbar sein. Häufig sind sie aber auch experimenteller Natur und kreieren Stimmungen und Klanglandschaften. Bernd sieht die große Bandbreite der acht Bands an den zwei Abenden als einen großen Vorteil: „Auch Prog-Rock, (Post-)Metal oder Jazz-Fans dürften der ein oder anderen Band was abgewinnen können“, vermutet der erfahrene Musiker, der früher u.a. in der Band von Enno Bunger spielte. „Es gibt auf jeden Fall viel Spannendes zu entdecken!“


Ein Verstärker der Band Bruecken aus Oldenburg auf einer Bühne, dahinter der Drummer
Introspektiv: Bei vielen Ambient- oder Post Rock-Stücken ist Tanzen und Mitsingen ehr die Ausnahme. (Bild: Claudius Benthien)

Fast eine Familie


Das Line-Up für die beiden Abende im Cadillac ist musikalisch abwechslungsreich - und das nicht nur Vergleich zueinander, sondern auch innerhalb der einzelnen Songs. Abseits der epischen manchmal dramatischen Soundscapes wird aber eine warme, herzliche Atmosphäre herrschen.


„Das HELICON Fest ist im Grunde eine Art Familientreffen der Post-Szene im Nordwesten“, erklärt Bernd. „Untereinander kennen sich die meisten Bandmitglieder schon viele Jahre, haben zusammen Konzerte oder in gemeinsamen in Projekten gespielt.“ Einzige Ausnahme seien GLASGOW COMA SCALE aus Frankfurt. „Die sind schon lange sehr umtriebig und wurden als Headliner für den zweiten Abend eingeladen.“

WAS IST AMBIENT?

  • Ambient ist eine Variante der elektronischen Musik, bei der sphärische, sanfte, langgezogene und warme Klänge dominieren.

  • Rhythmus und Perkussion stehen bei der Ambient-Musik im Hintergrund oder sind überhaupt nicht vorhanden, sie erscheinen als subtile Perkussionstexturen oder in rhythmisch eingebrachten Melodie- und Bassverläufen.

  • Häufig wird auch mit räumlichen Effekten, Soundscapes und Feldaufnahmen experimentiert, vielfach werden elektronische Orgeln (Keyboards) und Blasinstrumente eingesetzt. Auch Naturgeräuschkulissen, Sprache und Gesang haben ihren Platz.

  • Die Musikstücke sind meist sehr langsam und lang, bauen sich oft gemächlich auf und gehen ineinander über, wobei sie selten einer klassischen Songstruktur folgen.

  • Zu den bekannteren Künstler:innen gehören Brian Eno, Apex Twin und The Orb.


Aber warum eigentlich der Name HELICON? Anders als bei Deichbrand oder Watt en Schlick er nicht gerade nahe - das gleichnamige Gebirge liegt nämlich in Griechenland, nördlich des Golfs von Korinth. Was also hat es damit auf sich? „Der Name ist einem, bzw. zwei Songtiteln der schottischen Post-Rock Band MOGWAI aus den Jahren 1997 entliehen“, klärt Bernd auf. „MOGWAI gehören mit zu den Vorreitern dieses Genres und sind bis heute eine der erfolgreichsten Bands.“


Zudem zeigen die vier Glasgower, dass man sich auch mit Post Rock in die Charts spielen kann. Ihr letztes Album „As the love continues“ von 2021 erreicht in Deutschland Platz 3 und im United Kingdom sogar Platz 1 der Albumcharts.




Fest statt Festival


Es ist und bleibt richtig, dass mit den letzten armen Sonnenstrahlen nicht nur der Sommer, sondern auch die Festival-Saison zu Ende gegangen ist. „Ein Feeling wie beim Hurricane wird bei uns natürlich nicht aufkommen“, ist sich auch Bernd bewusst. Eine Stärke, die traditionell den Festivals zugeschrieben wird, kann das Helicon Fest aber sehr wohl ausspielen: Auch dort lassen sich auf einfache Weise neue Bands entdecken, die man sonst wahrscheinlich nie gehört hätte.


„Musikalisch kommt bei uns jeder auf seine Kosten - so viel steht fest“, ist Bernd überzeugt. Und tatsächlich spricht viel dafür, solange man ein offenes Mindest mitbringt und sich voll auf die mal sphärischen, mal dynamischen Sounds einlässt. Denn dann geht es geradewegs dorthin, wo man sonst nie ist: In den Klangweltraum.



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