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FALSE LEFTY - TIME WILL TELL

  • vor 1 Stunde
  • 9 Min. Lesezeit

Was geht eigentlich in der Oldenburger Musikszene? Kurze Antwort: Viel zu viel, um es hier abzubilden! Deshalb werden wir niemals jede Band, alle Singles und sämtliche Auftritte erwähnen können. Aber: Es gibt ja noch Longplayer. Sie sind nach wie vor etwas Besonderes, jeder Release markiert einen Meilenstein der Bandgeschichte. Das wollen wir feiern - im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK! Hier stellen wir euch Alben made in Oldenburg vor und verraten euch, warum ihr sie unbedingt euren Playlists hinzufügen müsst. In der fünften Folge dreht sich alles um die beiden Shooting Stars von False Lefty.


Cover der Albums „Time will tell“ von False Lefty aus Oldenburg
Ein Hoch auf die Langeweile: Aus einem Gefühl der Desillusion heraus entstand False Lefty - eine Band, die viele Mechanismen des Musikgeschäfts auf den Kopf zu stellen scheint. (Bild: Holger Nitschke/False Lefty)

Langeweile hat kein gutes Image. Sie steht für das Gefühl, mit sich und seiner Zeit nichts anzufangen zu wissen. Unangenehm. Aber: Ist das wirklich schon alles? Ist Langeweile einfach nur sinnlos? Natürlich nicht. Denn sie ist gleichzeitig etwas anderes: Eine Konfrontation mit sich selbst und seinen Gedanken - und damit ein Produktivzustand und der perfekte Nährboden für Ideen.


Deswegen war es gut, dass Tom Allan gelangweilt war. Der deutsch-britische Musiker feierte zusammen mit seinem mexikanischen Kumpel Evan Beltran aka „The Strangest“ durchaus Erfolge als Indie Rock-Duo. Eines Abends jedoch saß er zusammen mit seiner Frau Veva - die wiederum aus Österreich stammt - in einem Waliser Pub und lamentierte über die Monotonie der Musikszene, die immergleiche Bands und Songs hervorzubringen schien. „Warum noch Musik machen?“, fragte er sich in seiner Beschwerdespirale - und Veva hatte eine Antwort parat: „Mach es nicht so kompliziert. Lass uns rausfinden, was ein guter Song braucht.“ Und an dieser Stelle, zwischen Pints und Publuft, begann die Geschichte von False Lefty.

 

 

Aufnahme des Oldenburger Indie-Rock-Duos False Lefty mit Tom und Veva Allan in Köln
Lässig: Tom und Veva von False Lefty zeigen, dass Musik gerade dann am besten sein kann, wenn sie beinahe improvisiert wirkt. (Bild: Ina Bohnsack)

Die Rettung der Rockmusik


Während die beiden noch in derselben Nacht einen Kasten Bier „leerprobten“, fanden sie eine Antwort auf Toms Ausgangsfrage und gleichzeitig einen Ausweg aus der Monotonie: Reduzierung aufs Maximum. Mit diesem Satz pries ein Autohersteller einst sein neues Mikro-Modell an, in diesem Fall ging es aber nicht um nötige Kompromisse. Veva und Tom ließen von ihrer Musik mit aller Konsequenz nur noch das Grundgerüst übrig und das fing bereits bei der Instrumentierung an: Ein Schlagzeug mit drei Trommeln, eine Gitarre mit drei Saiten, dazu zweistimmiger Gesang - das war's. Die Songs mussten in dieser rohen Fassung ihre Wirkung entfalten - und das taten sie auch.


„Ich konnte damals nicht mal Schlagzeug spielen und Tom hatte noch nie vorher dran gedacht, drei Saiten von der Gitarre abzuschneiden“, erinnert sich Veva an ihre mutige - oder auch: verrückte - Entscheidung von damals. „Aber wir fanden die Idee sehr witzig. Wir haben es einfach ausprobiert - und der Rest war dann einfach irgendwie ein Selbstläufer.“ So wurde das Motto der Band („Three drums, three strings“) zu einem Versprechen: Kein Brimborium, kein Bombast - sondern Musik in ihrer Essenz: Roh und reduziert, aber dafür pur und direkt. Musikalisch blieb das Duo durchaus im Indie-Pop/Rock-Bereich, doch es hat im großen Genre-Schrank definitiv eine Schublade gefunden, die bisher noch leer und unbeschriftet war.




Nur das Nötigste: Auch live überzeugen False Lefty mit ihrem spartanischen Set-up. (Bilder: False Lefty)


False Lefty: Nur das Nötigste


Das Experiment False Lefty hätte durchaus schiefgehen können. Was, wenn am Ende einfach nicht genug übrig bleibt? Wenn Musik in dieser Versuchsanordnung einfach nicht funktioniert, weil etwas Entscheidendes fehlt? Dann wäre die Frustration schnell zurückgekehrt - und wer weiß, was Veva und Tom heute täten. Aber: Das Gegenteil war der Fall, wie Veva heute feststellt:


„Man fokussiert sich aufs wesentliche: Was funktioniert und was nicht? Und man lernt neu zu denken und sich nicht in Fachsimpeleien zu verstricken. Es macht Spaß sich zu fragen, wie wenig ein guter Song eigentlich braucht - und wie man das, was fehlt, mit wenigen Mitteln kreieren kann. Reduktion kann da sehr befreiend sein.“

Tatsächlich hat man dieses Gefühl auch beim Hören des Debütalbums „Time will tell“. Das erste, was man vernimmt, ist Vevas Schlagzeug. Es schleicht sich nicht ein, versucht sich nicht in filigranen Spielereien. Es ist einfach nur ein Uptempo-Beat - simpel, treibend, fordernd. Und er wird nicht verstummen, bevor der Opening Track „Throwing Words“ nach drei Minuten und 17 Sekunden beendet ist. Nun mag man einwenden, dass etwas mehr Abwechslung schön sein könnte. Und keine Sorge: die kommt in den nächsten Tracks durchaus. Aber hier funktioniert gerade diese gewisse Monotonie ausgezeichnet. Sie ist kein Manko, sondern eine Qualität, denn sie macht den Kern der Musik spürbar.




NEUES FORMAT „SOUNDCHECK“

OLDENBURGER BANDS AUFGEPASST

Ihr seid Solo-Musiker:in oder spielt in einer Band aus Oldenburg? Ihr seid so ambitioniert, dass ihr eure Musik schon veröffentlicht habt oder genau das demnächst tun werdet? Und zwar nicht nur als eine Single, sondern in Form einer EP oder eines Albums? Mega, dann seid ihr hier richtig!


Logo der Rubrik Soundcheck des Oldenburger Kulturmagazins Kulturschnack

In Zukunft wollen wir hier regelmäßig über den Output Oldenburger Musiker:innen berichten. Ihr habt Interesse im KULTURSCHNACK SOUNDCHECK aufzutauchen? Super, dann lasst es uns - am besten im Vorfeld der Veröffentlichung - wissen. Tickt uns auf Insta an oder schickt uns eine Email, wir kommen auf euch zurück. Super wäre es, wenn ihr schon ein kleines Presskit in petto hättet: Albumcover, Bandfotos, evtl. Link zu einem Video und einigen Soundfiles, die wir für ein Reel nutzen könnten.


Es gibt keine Garantien für einen Artikel - aber wir bemühen uns, möglichst alles zu verarbeiten, was uns erreicht. Die Oldenburger Szene ist (noch) bunter und besser als viele denken. Höchste Zeit, dass die Welt davon erfährt! Also: Macht mit beim Kulturschnack SOUNDCHECK!  



Die Älteren werden sich vielleicht an den Oktober 1981 erinnert fühlen. Damals machte eine Band aus dem Landkreis Oldenburg - wenn auch mit anderen Mitteln - ähnliche Experimente und sollte damit gewissen Erfolg haben. Ihr Name: Trio. Die Großenkneter Minimalisten kamen ebenfalls mit Schlagzeug und Gitarre aus - und verkauften von ihrem selbstbetitelten Debütalbum damals mehr als 250.000 Exemplare. Die Single „Da da da“ fand weltweit sogar 13 Millionen Käufer:innen, war mit dem Spielzeug-Keyboard Casio VL-1 aber vergleichsweise opulent instrumentiert. False Lefty gehen einen anderen Weg, doch die gekonnte Reduktion aufs Wesentliche ist eine Gemeinsamkeit mit den drei Helden der Neuen Deutschen Welle.






Time will tell: Nähe durch Abwesenheit


Was bereits beim ersten Track auffällt, schreibt sich im Folgenden fort: False Lefty gelingt es, ausgerechnet mit ihrer spartanischen Ausstattung sehr viel Atmosphäre zu erzeugen und Stimmungen zu transportieren. Das ist paradox, schließlich müsste auch in der Musik das Prinzip gelten: Mehr ist mehr. Umso üppiger die Ausstattung, desto eindrucksvoller das Ergebnis. Doch False Lefty stellen dieses Prinzip auf den Kopf: Es ist gerade die Abwesenheit von überflüssiger Vielschichtigkeit, die den Sound so intensiv wirken lässt.


Eine bestimmte Zielsetzung hatten Tom und Veva bei der Komposition allerdings nicht: „Wir wollen nichts Bestimmtes erzeugen bzw. ganz klar nichts vorgeben“, betont Veva. Manche Songs würden von den einen als fröhlich interpretiert, andere entdeckten dort eine ganz tiefe Melancholie.


„Anfangs war es schwer für uns zu verstehen, dass die Leute bei unseren Konzerten nicht sofort tanzen. Jetzt merken wir, dass Zuhören und die Atmosphäre für unser Publikum sehr viel wichtiger zu sein scheint.“


Foto der ersten EP der Oldenburger Indie Rock-Band False Lefty in ihrem Proberaum
Erste Begegnung: Auf False Lefty stieß der Kulturschnack bei einer Besichtigung des Kreativbaus des White Rabbit Kollektivs. (Bild: Kulturschnack)

Sobald das Werk die Hände des Künstlers verlasse, sei es eben an den Konsument:innen zu entscheiden, was weiter passiert und wie es aufgenommen wird. „Und das ist gut so!“


Gut ist es auch, dass es auf „Time will tell“ insgesamt elf Tracks zu hören gibt. Denn auch wenn die musikalische Mischung von False Lefty für manche vielleicht ungewöhnlich erscheint und eine kurze Eingewöhnungsphase braucht, zieht das Album seine Hörer:innen unweigerlich in seinen Bann. Die Stimmungen der einzelnen Songs unterscheiden sich teils deutlich, auch das Tempo wechselt ständig. Doch neben der Redukton gibt es einen weitere roten Faden: die Intimität. Durch das rudimentäre Set-up entsteht beinahe das Gefühl, als würden Tom und Veva nur für uns spielen. Kein aufwändig produzierter Popsong aus den Charts kann auch nur annähernd die Nähe erzeugen, die False Lefty zu jedem Zeitpunkt scheinbar mühelos kreieren - eben weil ihre Antwort auf die Frage, was ein guter Song braucht, so überzeugend pointiert ausfällt.


Eine Rolle spielen dabei auch die Texte. Es gebe zwar welche, die gleichberechtigt neben der Musik stünden, wie etwa bei „Tanqueray“ oder „Heaven Sold“, erzählt Veva. Aber: „Meist entsteht der Text im Jam und ist erstmal wirres Wortgebrabbel aus dem wir dann Worte bilden. Die Bedeutung der Worte kommt meist mit der Zeit und ist wie die Atmosphäre für jede Person anders.“ Ein Manko sei das aber nicht, versichert die Sängerin. Es wisse schließlich auch niemand, was eine „Wonderwall“ sei und trotzdem habe beim Oasis Song jeder eine eigene Bedeutung dafür. „Sowas finden wir im Songwriting toll!“



Fast schon obligatorisch: Videoproduktionen gehören für Fasle Lefty zum künstlerischen Alltag. Die Ergebnisse können sich - wie hier bei „The Cake“ - sehen lassen. (Video; ***=


Oldenburg: Das Einfamilienhaus als Trumpf


Sowohl beim Hören des Albums als auch im Gespräch mit Veva Allan wird eines schnell klar: False Lefty biedern sich niemandem an. Alles wirkt, als machten die beiden einfach ihr Ding, ohne sich groß zu scheren, ob sie damit auch Alben verkaufen. Und man fragt sich unweigerlich: Könnte gerade das - die Authentizität - auch ein Grund sein, warum das Experiment eben doch funktioniert? „Wir haben uns lange dagegen gewehrt, uns selbst als Künstler:in zu bezeichnen. Das klng so prätentiös“, gewährt uns Veva einen Einblick. Es sei allerdings so, dass die beiden seit ihrer Kindheit immer Kunst gemacht hätten - sei es Musik, Theater oder bildende Kunst. „Mittlerweile haben wir es akzeptiert und müssen uns selbst immer daran erinnern, dass es okay ist, nicht auf jeder Trendwelle mitzuschwingen.“ Anders ausgedrückt: Durch jenen Abend in einer Waliser Kneipe haben die beiden letztlich zu sich selbst gefunden, statt sich zu fragen, was der Masse gefallen könnte - und gerade gefällt der Masse.


Bleibt die Frage, was das alles mit Oldenburg zu tun hat. Denn wer Artikel über False Lefty liest, stößt dabei stets auf dir Ortsangabe Köln. Wer die Pressebildern genauer anschaut, entdeckt durchaus mal den Dom. Es ist nicht zu verhehlen: die Ursprünge der Band liegen am Rhein, nicht an der Hunte. Und doch passen False Lefty perfekt in den Kulturschnack Soundcheck, denn inzwischen sind sie in den Norden gezogen. Das lag aber nicht etwa an der lebhaften lokalen Musikszene, sondern hatte ganz pragmatische Gründe: Das Haus der Mama bot für die junge Familie mit einer Zweijährigen schlicht mehr Entfaltungsmöglichkeiten als eine Kölner Stadtwohnung - nicht zuletzt auch finanziell, was für ein Künstler:innen-Duo meist kein ganz unwichtiger Aspekt ist.



False Lefty live: Eine mal bewegende, mal mitreißende Erfahrung. (Video: Tresohr Studios)

Es bleibt zu hoffen, dass die vergleichsweiswe große Ruhe in Oldenburg, die sich vom Trubel der Kölner Musikszene doch recht deutlich unterscheidet, für Tom und Veva ebenfalls als Inspirationsquelle taugt. Tatsächlich spricht jedoch einiges dafür, denn es war ja eben jene Szene, die Tom einst langweilte und die beiden dazu inspirierte, die Musik als solche auf den Prüfstand zu stellen. Und dass musikalisch in Oldenburg so einiges geht, haben wir an dieser Stelle ja schon oft genug betont und beweisen.


Bei der Frage nach den Lieblings-Locations taucht in Vevas Antwort allerdings noch keine hiesige Bühne auf: „Das UT Connewitz in Leipzig hat uns als Location sehr beeindruckt, da es optisch sehr gut zu uns passt. Es wär wunderbar dort als Headliner zu spielen“, schwärmt die Musikerin. „Aber dem E.D.P. in Köln, das mit 90 Tickets ausverkauft ist, werden wir auch immer treu bleiben.“ Aber wer weiß? Vielleicht gesellt sich dazu schon bald eine Oldenburger Location - und vielleicht sogar die größte, die man sich vorstellen kann. Im Rahmen des Kultursommers 2026 treten False Lefty nämlich auf dem Schlossplatz auf - umsonst und draußen. Der ideale Moment, um sich selbst ein Bild - bzw. einen Ton - von der Band zu machen.



Aufnahme des Oldenburger Indie-Rock-Duos False Lefty mit Tom und Veva Allan
Künstlerisch: Veva und Tom bezeichnen sich unsern als Künstler. Doch „Time will tell“ zeigt eindeutig: Sie sind welche. (Bild: Holger Nitschke)

False Lefty: Vom Erfolg überrascht


„Time will tell“ zeigt, dass man im Bereich des Indie-Pop/Rock vielleicht nichts mehr vollkommen Neues machen kann - schöne Grüße an Trio. Für Langeweile, wie Tom sie einst empfand, ist trotzdem kein Platz, solange es Bands wie False Lefty gibt, die ganz eigene Klangwelten entstehen lassen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum dieses Album als Gesamtkunstwerk funktioniert. Zwar stehen die einzelnen Songs auch für sich, pendeln zwischen zarter Ballade und stampfendem Banger, mal berührend, mal mitreißend. Oft passiert es jedoch, dass man eben nicht nur einen Track hört, sondern den gesamten Longplayer - eben weil die Atmosphäre so stimmig ist.


Wem es so geht, ist damit nicht allein. False Lefty haben innerhalb kürzester Zeit eine erstaunliche Karriere hingelegt und bereits etliche Erfolge gefeiert. „Das hat uns absolut überrascht“, lacht Veva. „Das Ganze hat ja als Witz begonnen und dass dieser Witz solche Wellen schlagen wird, hätten wir nicht gedacht.“ Auch hier hört man sie raus: Die Leichtigkeit, mit der das Duo an dieses Projekt herangegangen ist und die offenbar dazu führt, dass besonders authentische, atmosphärische Musik entsteht. Ob der Weg von Tom und Veva Allan noch weiter nach oben geht? Wir hätten da eine Vermutung, aber letztlich kann es nur eine Antwort geben: Time will tell.





Cover der Albums „Time will tell“ von False Lefty aus Oldenburg

FALSE LEFTY TIME WILL TELL


11 Songs, 36 Minuten

Indie Rock

28. November 2025





 
 
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