ELF FREUNDE MÜSST IHR SEIN

Not macht erfinderisch, Kunst aber auch. Wenn beides zusammenkommt, wird es manchmal richtig genial - wie beim MACH|WERK-Projekt von Jinke Fanselau und UlIrich Bohmann. Die beiden haben einen kreativen Briefwechsel angestoßen - zwischen Künstlerinnen aus Oldenburg und aus unseren Partnerkommunen. Dabei ging es um die Frage, was die Pandemie für die Akteure vor Ort bedeutet hat - und manchmal um noch mehr.


Konsequent analog: Alle Schriftstücke des Projekts wurden manuell angefertigt (Bild: Kulturschnack)

Hand aufs Herz: Hättet ihr gewusst, wie viele Partnerkommunen Oldenburg hat - und welche das sind? Der Titel hat es längst verraten: es sind zehn. Von engen Nachbarn wie Groningen in den Niederlanden oder Taastrup in Dänemark bis zu weit entfernten Metropolen wie Machatschkala in Dagestan und Xi'an in China. Die vollständige Liste findet ihr hier.

Diese zehn Partnerstädte stehen im Mittelpunkt des künstlerischen Projekts „11 Freunde im kulturellen Austausch“ von Jinke Fanselau und Ullrich Bohmann. Sie haben sich gefragt: Wie gehen Künstler:innen eigentlich mit der Corona-Sitiuation um? Nicht nur mit der Zeit der Lockdowns, sondern auch mit der aktuellen Phase, die ihre eigenen Schwierigkeiten und Unsicherheiten hat. Und sie gehen noch einen Schritt weiter. Oder besser gesagt: sogar zwei. Denn sei möchten nicht nur wissen, wie es den Künstler:innen geht, sondern auch, was von öffentlicher Seite für sie getan wird - und wie das in anderen Ländern gehandhabt wird.


 

11 FREUNDE IM KULTURELLEN AUSTAUSCH KÜNSTLERBRIEFE AN OLDENBURGS PARTNERSTÄDTE 20. JULI - 17. AUGUST 2022

MONTAG-FREITAG 11 - 18 UHR SAMSTAG 11 - 14 UHR MITTWOCH GESCHLOSSEN FOYER DER KINDERBIBLIOTHEK PETERSTRASSE 1

26121 OLDENBURG

 

Bewusst subjektiver Blick


Dafür hätte man nun natürlich einfach ein paar Emails verschicken können. Das Ergebnis wären aber kalte Fakten gewesen, die ein nachempfinden nicht zulassen. Jinke und Ulli schwebte etwas anderes vor: Sie wollten eintauchen in die Lebensrealistäten unserer Freund:innen in den Partnerstädten und so ein authentisches, bewusst subjektives und emotionales Bild zu bekommen. Denn das liefert häufig mehr Wahrheiten als die valideste Statistik.


Ihr Ansatz dafür: Brieffreundschaften. Schnell waren zehn Künstlerinnen (ja, ausschließlich Frauen) aus Oldenburg gefunden, die bereit waren, die ausgehenden Briefe zu schreiben und mit einem Kunstwerk zu versehen. Dafür hatte Ulli extra große faltbare Bögen entworfen, die dann tatsächlich in den Postversand gingen. Die Adressaten waren Künstler:innen in den Partnerkommunen, die man zuvor u.a. in Zusammenarbeit mit dem Büro für internationale Zusammenarbeit der Stadt Oldenburg ausfindig gemacht hat.



Anfassen statt Ausdrucken


Keine Frage: Dieses Projekt gehört zu den kleineren. Wer den Ausstellungsraum in der Kinderbibliothek in der Peterstraße 1 betritt, wird von der optischen Wirkung nicht gleich umgeworfen. Die Exponate sind kleinteilig, die Magie entfaltet sich erst bei der genaueren Betrachtung. Kein Wunder, schließlich ist hier alles echt-einzigartig und nicht beliebig skalierbar. „Alles was hier ausgestellt ist, war tatsächlich in den jeweiligen Ländern und Orten. Es lag in den Ateliers der Künstler:innen und wurde dort bearbeitet. Dieser Gedanke gehört zum Werk“, betont Jinke.


Beeindruckend ist auch der Fokus auf analoge Handarbeit. „Wir haben möglichst keine Emails versendet und nichts ausgedruckt“, betont Ulli. „Sämtliche Schriftstücke habe ich handgeschrieben und illustriert.“ Viel Arbeit - aber eine, die sich auszahlt. Denn man spürt eine besondere Atmosphäre, die sich digital nicht in dieser Form reproduzieren lässt. Natürlich ist das Old School. Aber das ist der Zitatgeber für den Titel dieses Artikels auch - und trotzdem verwendet man seine Sätze immer noch. Manches bleibt ewig jung - und dazu gehöret zweifellos das Herzblut, mit dem Jinke und Ulli Ihr Projekt gestaltet haben.



Kinder sind ebenfalls herzlich eingeladen mitzumachen und selbst etwas zu gestalten. Natürlich: analog. (Bild: Ullrich Bohmann)

Klar: Auf Instagram oder TikTok knallt es rund um die Uhr, alles ist bunt, schnell und laut. Wer auffallen will, kommt nicht dran vorbei. Im Gegensatz dazu wirken aber manchmal die leisen Töne viel stärker. Weil sie sich zurücknehmen. Und die besten Geschichten sind auch nicht diejenigen, die eilig gescripted und gepostet wurden - sondern diejenigen, die das Leben schreibt. Dafür werfe ich gerne fünf Euro ins Phrasenschwein.


Machatschkala und zurück Um das 11 Freunde-Projekt ranken sich viele kleine und große Geschichten, aber die beste ist diese: Es gab Schwierigkeiten mit dem Posversand nach und von Machatschkala. Es liegt in Dagestan und das wiederum ist eine Teilrepublik von Russland. Connect the dots. Wie also kommt ein Originalkunstwerk von dort zurück nach Oldenburg?

Mal kurz nach Machatschkala (Karte: Openstreetmap)

Kurze Antwort: über Moskau und Berlin. Lange Antwort: Indem man eine Historikerin in der deutschen Hauptstadt findet, die wiederum einen bekannten im russischen Pendant hat. Der hat eine Reise nach Hamburg vor sich und fragt die Historikerin beiläufig: „Soll ich was mitbringen?“ Ihre nicht ganz ernst gemeinte Antwort: „Ja, ein Kunstwerk aus Machatschkala“. Beim nächsten Telefonat der beiden saß der Moskauer aber bereits im Auto und war schon 600 Kilometer in Richtung Dagestan gefahren. Er holte das Kunstwerk dort tatsächlich ab und fuhr dabei insgesamt 3.600 Kilometer Strecke - nur um das Projekt zu unterstützen. Dass er das Werk auch noch eigenhändig in Berlin ablieferte versteht sich da fast von selbst. Fun Fact: Von Moskau aus ist es dorthin exakt genauso weit wie nach Machatschkala.


Berlin? Liegt auf dem weg! (Karte: Openstreetmap)

Solche Geschichten schreibt kein smarter Social Media Manager, solche Geschichten passieren auch nicht auf irgendeinem Digitalkanal. Sie entstehen erst dann, wenn man Menschen zusammenbringt - so wie Jinke, Ulrich und ihre vielen Unterstützerinnen in den zehn Partnerländern.


Auch Xi'an in China war ein besonderes Thema. Es ging ja um die Auswirkungen der Pandmie auf die Kunst. In China aber gab es eine Null-Covid-Strategie, somit - nach staatlicher Lesart - auch gar kein Problem. Zudem wäre es von den Aufpassern nicht gern gesehen worden, wenn man freimütig über die tatsächliche (Gefühls-)Lage in Xi'an berichten würde. Und so braucht es die Mittel der Kunst, um sublime Botschaften zu senden. „Wenn ein Künstler von dort schreibt, es sei 'natürlich' alles gut in China - dann schwingen da gleiche mehrere Ebenen mit, die viel mehr sagen als die Worte selbst“, freut sich Ulli über die Beteiligung aus Fernost.



Eine gezeichnete Briefmarke mit einer Beschreibung des Projekts
Auch das Mission Statement wurde fein gezeichnet (Bild: Ullrich Bohmann)

Klein aber fein?


Die 11 Freunde sind ein Gegenentwurf zum Zeitgeist. Hier gibt es keine Filter, keine Schnitte, keinen Soundtrack. Hier gibt es offene, ehrliche Kommunikation. Gerade diese Ebene, die Gedanken und Gefühle zulässt, kam in den letzten Monaten bzw. Jahren häufig zu kurz. Wir haben auf Inzidenzen gestarrt, auf Wirkungsgrade und auf Hospitaliserungsquoten. Verloren ging dabei allzu oft das aufrichtige Interesse am Individuum.


Was die Kultur angeht, sind Jinke und Ulli nun in die Bresche gesprungen. Sie haben sich umgehört, wie es Künstlerinnen geht - in Oldenburg und in unseren Partnerstädten. Damit haben Sie eine im besten Sinne altmodische Momentaufnahme geschaffen, die uns vieles über diese Zeit verrät - nicht wenig davon auch zwischen den Zeilen.


Nein, eine große Ausstellung ist es vielleicht nicht. Aber dennoch eine, die man gesehen haben sollte. Denn es bleibt dabei: Not macht erfinderisch, Kunst aber auch. Und wenn beides zusammenkommt, wird es manchmal richtig genial.

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“11 Freunde im kulturellen Austausch“ wurde von MACH|WERK gefördert - Oldenburgs Fonds für innovative Kulturprojekte. Du hast auch eine gute Idee im Kopf? Dann immer raus damit! Mehr über MACH|WERK erfährst du hier, die FAQs sind hier. Dein Projekt einreichen kannst du bequem online, und zwar hier!


Wir haben auch schon über weitere MACH|WERK-Projekte berichtet. Dazu gehört dieses und auch dieses. Bereits diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Ansätze dein können, dürfen und sollen!