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DEMOKRATIE ENTSTEHT IM UNTERGRUND

  • vor 24 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Ein ehemaliger Kriegsbunker im Oldenburger Stadtteil Donnerschwee entwickelt sich zum kulturellen Entfaltungsraum für junge Menschen und zeigt dabei wie gelebte Demokratie heutzutage funktionieren kann. Was als Zufallsfund begann, wird so in den kommenden Jahren zu einem Raum der Kreativität, des Austauschs und vor allem der Selbstwirksamkeit - und das ist heute wichtiger denn je!


Grüne Betonkammer mit blauer Stahltür im Wald, die in den ehemaligen Bunker auf dem Gelände des Jugendkulturarbeit e.V. in Oldenburg führt. Gelbe Balken-Grafik rechts, schräges Schild mit  Text links.
Die Tür zum nächsten Kapitel in der Geschichte des Jugendkulturarbeit e.V. Foto: Kulturschnack

Man muss sich das alles mal vorstellen. Da findet ein Verein, der jungen Menschen die Möglichkeit bieten möchte, sich kulturell auszuleben, ihnen die Welt des Theaters öffnet, die Vielfältigkeit der Gesellschaft zelebriert und proaktiv den Austausch über Grenzen hinweg befördert ausgerechnet auf einem alten Kasernengelände sein neues zu Hause. Auf diese Weise lässt der Verein ein Gelände, das einst in Gänze dem Krieg gewidmet war, in völlig neuem Licht erstrahlen. Aller Wiederstände zum Trotz, entsteht dort in den folgenden Jahren dann ein Ort, der sich nicht nur proaktiv mit der Geschichte der Stadt und den lokalen Gegebenheiten auseinandersetzt, sondern darüber hinaus mit den Mitteln der Kultur inzwischen seit über drei Jahrzehnten unser Oldenburg bereichert sowie die Leben vieler junger Menschen maßgeblich mitprägte. Hier wird Demokratie gelebt und gefördert, in Zeiten in denen es so dringend notwendig ist, wie schon lange nicht mehr.

 

Große Wiese und Freifläche auf dem Gelände des Jugendkulturarbeit e.V. in Oldenburg. Schräger Blick auf eine Wiese mit weißem Zelt, zwei blauen Stühlen, Bäumen und blauem Himmel; sonnige, ruhige Stimmung.
Damals war nicht abzusehen, wie sich das Gelände entwickeln würde. GIF: Kulturschnack

Das alles ist die Geschichte des Jugendkulturarbeit e.V. Es ist die Geschichte der Weißen Rose 1, ihrem Hauptsitz, dem alten Donnerschweer Offizierscasino, das nun sowohl als kulturelle Wirkungsstätte, aber ebenso als Jugendherberge für zahlreiche, internationale Austausch- und Vernetzungsprogramme junger Menschen untereinander dient. „Am Ende war es ein großer Zufall. Mehrere Faktoren fügten sich plötzlich mit dem Umstand, dass die Bundeswehr aus den Kasernen auszog. Wir suchten von Anfang an einen eigenen Ort für uns, wollten jedoch keinen modernen, geschichtslosen. Wir wollten einen Ort für uns finden, an dem die Jugendlichen alles Mögliche an Fantasien entwickeln, reflektieren und sich einbringen können“, erinnert sich Dettmar Koch, eine der drei geschäftsführenden Personen des Vereins, lebendig an die Zeit des Anfangs.


„Es dauerte dann zwei Jahre bis wir den ersten Schritt damals hier reinsetzen durften. Im Sommer 2008 ist uns das dann gelungen. Doch etwa zur gleichen Zeit hatte ich meine erste Panikattacke. Ich habe mich dort plötzlich nicht mehr gesehen. Weil es zu viel Verantwortung, zu viel Gefahr, zu viel Risiko war und wie ein zu großes Abenteuer wirkte. […] Das symbolisiert diesen Kampf, den ich nicht nur mit mir persönlich, sondern wir alle auch intensiv über diese zwei Jahre führten. Ich musste mich zehnmal kneifen, als ich dann zum ersten Mal abends auf der Terrasse des jetzigen Haupthauses stand.“

Ein verstecktes Highlight

 

Diesem Anspruch, einen solchen Ort zu schaffen, ist man rückblickend trotz dieses Kampfes voll und ganz gerecht geworden. Von einigen, die zu einer bestimmten Zeit Teil der Angebote des Jugendkulturarbeit e.V. waren, hören wir alle auch heute noch des Öfteren. Denn heute landesweit bekannte Oldenburger Eigengewächse machten bei den Angeboten des Jugendkulturarbeit e.V. ihre ersten kreativen Schritte. Sei es Autor und Content Creator Tahsim Durgun oder auch TV-Star Klaas Heufer-Umlauf. 2025 wurde der 30. Geburtstag des Vereins deshalb natürlich gebührend gefeiert, u.a. mit dem hausgemachten Kultopia Festival, für welches sich auch die großzügige Gartenanlage des Vereins bestens eignet. Von zahlreichen Vorträgen, Musik-, Tanz- und Theaterworkshops, bis hin zum eigenen Newcomer Musikfestival, war alles dabei, was die Identität des Jugendkulturarbeit e.V. bis heute prägt. Doch es war ein einzelner Programmpunkt dieses großen Jubiläums, den man gut und gerne als das – im wahrsten Sinne - "versteckte" Highlight dieser Feierlichkeiten bezeichnen könnte und ein neues, aufregendes Kapitel markierte, welches die künftigen Jahre des Vereins maßgeblich mitprägen dürfte: die Eröffnung des sogenannten „Untergrundes“.


GIF: Kulturschnack
GIF: Kulturschnack

Denn was Dettmar Koch und das Team zum damaligen Zeitpunkt nicht ahnten, als sie auch das Nebengebäude für ihre Arbeit mieteten, war, dass sich tief unter dem Gelände der Kaserne ein waschechter ABC Bunker (= Atomar, Biologisch, Chemisch) verbarg, welchen die Wehrmacht für die gesamte nordwestliche, nachrichtendienstliche Kommunikation im damaligen deutschen Reich verwendete. „2009 sind wir dann damals in das Haus eingezogen und haben dort die ersten Freiwilligen (Teilnehmende am FSJ Programm, Anm.d.Red.) untergebracht. […] Aus unterschiedlichen Gründen reduzierte sich die ursprüngliche Zahl der Freiwilligen dann aber von vier auf nur noch eine einzige. Trotzdem hatten wir dieses riesige Haus, zwei Treppenhäuser, damals noch keine wirkliche Schließanlage und dazu noch ein 10 Hektar großes unbewohntes Grundstück mit Rehen und Hasen. Das war schon wirklich unheimlich und einfach zu krass. Deshalb kamen wir irgendwann auf die Idee auch das Nebengebäude anzumieten. Dort gab es nur ein Treppenhaus, es war deutlich übersichtlicher und die jungen Leute brauchten keine Angst mehr zu haben, wenn sie mal alleine zu Hause waren. Erst beim dritten Besuch des Gebäudes stellte ich dann jedoch fest, dass am Ende des Kellers an der Außenwand noch eine weitere Tür war, die nicht nach oben raus, sondern weiter nach unten zu einer massiven, noch dickeren Tür führte. […] Man war dann neugierig, klopfte an die Tür, die sich als abgeschlossen herausstellte und wiederum 12 Minuten später standen die Feldjäger bei uns, weil wir einen Alarm ausgelöst hatten.“


Ursprünge der Demokratie

 

Auch wenn er gar nicht mehr aktiv genutzt wurde, ging dieser besagte Bunker dann erst einige Jahre später, als er letztlich seitens der Bundeswehr vollständig aufgelöst wurde, an den Verein über. Was nun also in der Zwischenzeit viele Jahre brach lag oder in Teilen auch als Archiv für den Verein diente, zeigt heute erneut eindrücklich, anhand des neuen Konzeptes für die Räumlichkeiten, wie es dem Verein gelingt, historische Kontexte aufzugreifen, sie aufzuarbeiten und im Anschluss neuen, sinnstiftenden Zielen zuzuführen. Geschichtlich greift man hierbei auf den Umstand zurück, dass die Demokratie der Weimarer Republik unweit von Oldenburg, nämlich in Wilhelmshaven, einen ihrer Ursprünge fand.


Schwarzweißfoto: Matrosen in Wilhelmshaven marschieren 1918 bei einer Demonstration auf Pflastersteinen; Text: Demonstration am 10.11.18 W'haven
Auch damals schon fand die Demokratie einen ihrer Ursprünge im Untergrund. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-18483-0001 / CC-BY-SA 3.0

Ende 1918 weigerten sich Marinebesatzungen der deutschen Hochseeflotte gegen die Briten auszulaufen. Diese lagen sowohl vor Kiel als auch in Wilhelmshaven und arbeiteten Großteils tief „unter Deck“ der Kriegsschiffe als sogenannte „Heizer", um die Motoren mit der nötigen Kohle zu versorgen. Sie wussten, dass der Krieg verloren war und die Marinesoldaten lediglich als bloßes „Kanonenfutter“ dienen sollten, damit die heimische Flotte nicht in die Hände des Feindes gelangen würde – eine sinnlose letzte Kamikaze-Mission gegen die absehbare Niederlage des damaligen Deutschen Reiches. In der Folge brach ein Matrosenaufstand aus, der sich binnen weniger Tage großflächig ausbreitete und schließlich am 09. November 1918 zur Ausrufung der Weimarer Republik führte, was mit zentralen, gesellschaftlichen Umwälzungen einherging. Denn schon wenige Tage später schuf man die Grundlage für allgemeine, direkte und geheime Wahlen für sowohl Männer als auch Frauen. 1919 konnten Frauen dann erstmals auf Reichsebene ihre Stimmen abgeben. 


Die perfekte Metapher

 

Das Team rund um den Jugendkulturarbeit e.V. sah hier nicht nur einen Teil unserer Geschichte, auf dem vergleichsweise eher selten die Lupe der genaueren Betrachtung liegt, sondern ebenso die perfekte Metapher für die Umnutzung des eigenen Bunkers. Warum nicht gerade dort, in einer Konstruktion, die in ihren Ursprüngen den Menschen Schutz vor den schlimmsten Waffen bieten sollte, die der Krieg und die Menschheit je hervorgebracht hat, einen Raum für junge Menschen eröffnen, in dem sie ihre persönlichen Vorstellungen dessen ausleben können, die sie ganz persönlich mit gelebter Demokratie verbinden. Es ist gerade dieses Sinnbild, das den Kerngedanken eines demokratischen Miteinanders exakt ins Schwarze trifft.


Zwei blaue Papierboote in einem schummrigen Innenraum innerhalb des Bunkers auf dem Gelände des Oldenburger Vereins Jugendkulturarbeit; eines vorn mit kleinem Inhalt, daneben ein schwarz-weiß gestreifter Pfeiler.
Jugendliche können ihre eigenen Vorstellungen verwirklichen. GIF: Kulturschnack

Was Demokratie wirklich ausmacht, das kann keine Politik, keine Regierung von oben herab mit der Gießkanne in die Köpfe der Menschen eingießen. Echter demokratischer Geist muss von unten heraus, von den Wurzeln an - oder eben tief aus den Katakomben des Untergrunds - mit Überzeugung gelebt und gepflanzt werden. Dass Projektideen wie diese zu keiner besseren Zeit kommen könnten, steht dabei außer Frage. Die Säbel des Krieges klirren so laut wie schon lange nicht mehr und auch im Inland erstarken antidemokratische Kräfte zunehmend. Umso wichtiger, diesen Entwicklungen mit einer Arbeit entgegenzutreten, die eben diejenigen in den Blick nimmt, die die Zukunft prägen werden und sie für diese Umstände zu sensibilisieren.


Vom Kleinen zum Großen

 

Junge Menschen brauchen gerade in diesen Zeiten Räume, die nicht nur ausschließlich erinnern, sondern in denen sie darüber hinaus ganz praktisch ihre Fähigkeiten zur Mitgestaltung und die Kraft ihrer eigenen Selbstwirksamkeit begreifen. Eine eigenständige Erfahrungsfläche im gemeinsamen Miteinander unterschiedlichster Nationen und Kulturen, was für den Verein durch seinen internationalen Austausch immer schon einen absoluten Schwerpunkt ausmachte. So soll der Bunker zwar als Ort dienen, der die Entstehungsgeschichte der Weimarer Republik genau beleuchtet und wie aus ihr heraus der Nationalsozialismus aufkeimen konnte, doch rund um diesen Aspekt sind es vor allem die Wünsche und Bedürfnisse der einzelnen, beteiligten Schulklassen selbst, die hier ganz eindeutig die Zukunft dieses Ortes prägen dürfen und sollen. Das Team des Jugendkulturarbeit e.V. begreift sich in diesem Prozess jedoch eher als unterstützende und beratende Kraft, die eben diese Vorstellungen und Wünsche versucht zu ermöglichen.


„Ich möchte den Jugendlichen nicht das Essen vorkauen, das sie gerne essen möchten. […] Meine Aufgabe ist es Geld und Möglichkeiten zu schaffen, ihre Aufgabe ist es, diese Möglichkeiten zu nutzen“

Dettmar Koch vom Jugendkulturarbeit e.V. lächelt in offener Tür des Bunkers auf dem Gelände des Vereins mit Notausgang-Schild vor dunklem Eingang.
Dettmar Koch begreift sich als Möglichmacher. Foto: Kulturschnack

So erklärt es Dettmar Koch selbst. Denn nur auf diesem Wege kann letztlich das Gefühl aufkeimen, wirklich selbst etwas an den vorgefundenen Gegebenheiten verändern zu können. Und bekommt man dieses Gefühl schließlich erstmal im Kleinen, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese jungen Menschen auch im Großen daran glauben werden in den Strukturen unserer Gesellschaft etwas zum Positiven verändern zu können. Dettmar Koch ergänzt dabei: „[Der Bunker] ist kein Museum und er wird nie fertig werden. Das ist nicht vorgesehen“. Das Projekt „Demokratie entsteht im Untergrund“ möchte sich als ein lebendiges, soziales Gefüge verstehen, das sich stetig entwickelt und dabei auch wieder verändert. An Ideen mangelt es jedenfalls in keiner Hinsicht. So bestehen bereits Pläne für die zukünftige Dauerausstellung, Probenräume, Aufenthalts- sowie Ausstellungsflächen und Bereiche in denen mit VR-Elementen experimentiert werden soll.


Wir können es also drehen und wenden, wie wir wollen. Die Arbeit des Jugendkulturarbeit e.V. wird auch in Zukunft eine Bastion für die wichtigsten Werte, nämlich den Zusammenhalt unserer Gesellschaft bleiben. Auf all das, was dort tief im Untergrund noch entstehen wird, dürfen wir uns freuen und weiterhin gespannt bleiben. Wir sind uns aber sicher, dass egal welche Pflanzen ihm entspringen werden - sie werden wunderbare Blüten tragen!


Ihr wollt noch mehr über die Angebote und Arbeit des Vereins erfahren, dann geht es für euch gleich hier weiter: www.jugendkulturarbeit.eu


Oder ihr hört gleich in unsere Podcastepisode, die wir letztes Jahr mit Gina Schumm und Jörg Kowollik vom Jugendkulturarbeit e.V. aufzeichnen durften:


 
 
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