BLAUSCHIMMEL ON THE ROAD

Hoppla! Der in Oldenburg bestens bekannte Blauschimmel des gleichnamigen Ateliers war zuletzt nicht (nur) in der norddeutschen Tiefebene anzutreffen, sondern an der Atlantikküste. Wir haben bei Geschäftsführerin Jessica Leffers nachgefragt, was er dort macht - und wo es als nächstes hingeht.


Der Blauschimmel des gleichnamigen Ateliers aus Oldenburg in einer Fotomontage for Kulissen in Lissabon
Beneidenswert: Lissabon lohnt sich immer! (Bild: Kristina Schmidt)

Jessica, in den sozialen Medien sieht man gerade ein ungewohntes Bild: Der Blauschimmel trabt nicht durch Oldenburg, sondern durch Lissabon. Wie ist er denn da hingekommen?


Ja, wir sind gerade viel unterwegs, und da kommt unser Blauschimmel natürlich auch immer sehr gerne mit! ;-)


In Lissabon waren wir im Rahmen des EU-Projekts „CRAFT:IN“. Dabei geht es vereinfacht gesagt um den Austausch von Akteuren, die sich mit inklusiven Angeboten beschäftigen. Im Mittelpunkt stehen Innovationen und Positivbeispiele.


An dem Projekt sind neben uns noch das UPSET-Theater aus Kroatien, die University of Atypical aus Nordirland, Zavod Tri aus Slowenien und Guerreiro & Silveira, Lda. aus Portugal beteiligt. Alles Einrichtungen, die auf künstlerische Art und Weise mit marginalisierten Gruppen arbeiten.


In dem Projekt geht es darum, dass wir unsere Handfertigkeiten, die wir in der Arbeit mit unseren Teilnehmenden einsetzen, austauschen und uns gegenseitig weiterbilden.

Bei jedem Projektpartner gibt es daher einen einwöchigen Workshop, in dem wir die Arbeit des jeweiligen Partners und die Einrichtung kennenlernen, und natürlich auch gemeinsam andere Dinge unternehmen, uns austauschen und Land und Leute kennenlernen. Bei uns findet Mitte Mai ein Maskenbau-Workshop statt und wir freuen uns schon sehr, unsere Partner hier in Oldenburg begrüßen zu dürfen.


Und was genau passiert vor Ort? Woran arbeitet ihr mit den anderen Teilnehmer*innen?

In Lissabon z.B. haben wir Fliesen bemalt, gewebt sowie an einem Makramee- und einem Siebdruck-Workshop teilgenommen. Es sind tolle Jute-Beutel, Taschen und Untersetzer entstanden, die dann im wunderschönen Alentejo Palace ausgestellt wurden. Darüber hinaus wurde - wie ich gehört habe, leider war ich nicht selber dabei - die leckeren portugiesischen Natas und der gute Galao genossen und die Stadt kennengelernt.


WARUM EIGENTLICH BLAU?

Die Farbgebung geht zurück auf die Bewegung der Antipsychiatrie, die in Italien und Deutschland in den Siebziger Jahren ihren Anfang nahm. Mittelpunkt dieser angestrebten Psychiatriereform war die Kritik an der traditionellen Psychiatrie und an ihrer menschenunwürdigen Praxis des Wegschließens, Absonderns und Ruhigstellens von Menschen mit psychischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen. Dieser Prozess wurde von Anfang an mit künstlerischen Aktionen begleitet. Blau ist dabei die Farbe, die symbolisch für die Auflösung der Langzeitkliniken und somit für die Aufhebung von Klassifizierungen und Grenzen zwischen Menschen steht. Grenzen, die zu Isolation, Entfremdung und der Beschneidung von Lebensräumen geführt haben.

In der Blauen Kunst gibt es kein Richtig und kein Falsch. Im künstlerischen Prozess trägt jede:r seinen:ihren authentischen Teil zum Kunstwerk bei. Bei der künstlerischen Begegnung von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung oder psychischer Erkrankung stehen nicht Defizite im Vordergrund, sondern Fähigkeiten, Stärken und Talente.


Kunst wird zum Kommunikationsmedium und hebt Grenzen zwischen sogenannten normalen, psychiatrisierten oder Menschen mit Beeinträchtigungen auf. Kunst bietet Raum, neue Visionen zu entwickeln. Durch künstlerisches Schaffen erleben viele Menschen neue, in ihrem Leben bisher vernachlässigte Anteile und können ihr kreatives Potential erleben, weiterentwickeln und professionalisieren.



So ein Austausch über Grenzen hinweg, ist ja was Besonderes. Was versprecht Ihr Euch davon? Was schätzt ihr daran?


Es ist natürlich total spannend zu hören und zu sehen, wie die anderen Einrichtungen arbeiten, wie sie sich finanzieren, wie sie funktionieren. Wir bekommen dann auch immer wieder Formate mit, bei denen man dann denkt: „Hmm, wäre das nicht auch mal was für uns, was wir in unsere Arbeit integrieren können, was wir bei uns umsetzen können?“ Es erweitert auf jeden Fall ungemein den Horizont. Und dann ist es auch einfach ein total netter und sympathischer Austausch mit vielen supernetten Menschen!



Eine Miniatur-Puppe vor Postkarten, die Reisen symbolisieren
Ebenfalls unterwegs: Mini-Me (Bild: Kristina Schmidt)

Überhaupt geht es bei Blauschimmel zurzeit sehr international zu. Gerade habt ihr das EU-Projekt „Urban Survival Kits“ angekündigt, bei dem es ins nordirische Belfast geht. Was hat es denn damit auf sich?


Ja genau, auch ein sehr schönes Projekt mit engagierten Partnern aus Polen, Kroatien, Nordirland und der Türkei. Die Idee kommt von unserem Projektpartner, der University of Atypical aus Belfast.


In dem Projekt geht es um die Frage, was es eigentlich zum Reisen braucht. Insbesondere Menschen mit Beeinträchtigungen werden beim Reisen immer wieder mit vielen Barrieren konfrontiert.

In dem Projekt wollen wir mit den Teilnehmenden herausarbeiten, was sie ganz individuell bräuchten, um sich beim Reisen zurecht zu finden und sich wohl zu fühlen.


Auf künstlerische Art und Weise sollen ganz persönliche Survival Kits entstehen, die dann auch an den unterschiedlichen Orten und online ausgestellt werden sollen. Wir werden hier vor Ort arbeiten, aber es sind auch zwei Workshops in Belfast geplant. Und wir haben auch noch Plätze frei. Insofern freuen wir uns über Menschen, die Lust haben, bei dem Projekt mitzumachen!

Aber Oldenburg muss sich keine Sorgen machen? Das Blauschimmel Atelier bleibt in unserer Stadt?


Nein, nein, wir sind sehr gerne hier in Oldenburg und haben auch hier vor Ort noch viel vor! So freuen wir uns gerade sehr auf die anstehende Inklusionswoche, für die wir ein ganz besonderes Programm zusammengestellt haben, mit viel kreativem Protest.


Nächstes Jahr feiern wir dann schon unser 25-jähriges Bestehen. Dies wollen wir zum Anlass nehmen, ein mehrtägiges inklusives Festival in Oldenburg auszurichten. Und vielleicht können wir dafür auch die ein oder andere Produktion unserer EU-Partner nach Oldenburg holen.


Teilnehmer:innen gesucht


Für das inklusive Projekt im Blauschimmel Atelier werden noch Teilnehmende

gesucht, die Lust haben sich mit dem Thema Reisen auseinandersetzen. Am

Mittwoch, den 20.4. von 18 bis 20 Uhr findet ein erstes Treffen statt. Weitere Treffen

sollen dann wöchentlich stattfinden.


Anmeldung und Kontakt unter 0441 - 2480 999

oder kontakt@blauschimmelatelier.de.


Die Teilnahme an dem Projekt ist kostenlos. Das Projekt wird gefördert von dem

Erasmus+ Programm der Europäischen Union.