ZEITLOS ZEITGEMÄß

Alle zwei Jahre verleiht die Stadt Oldenburg den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik. Nie davon gehört? Dann wird es Zeit. Er gehört nämlich zu den bekanntesten und relevantesten Preisen in diesem Bereich und besitzt hohe internationale Bedeutung. Hier erfahrt ihr alles Wichtige: Was es mit dem Preis auf sich hat, welche besondere Bedeutung er gerade in diesen Zeiten besitzt und natürlich auch, wer ihn in diesem Jahr bekommt. Spoiler: Es ist ein waschechter Superstar.


Nachdenklicher Blick in die Zukunft? Namensgeber und Preisträger (Bilder: Carl von Ossietzky Universität/ Felix Broede)

Jetzt, immer und überall


Ihr fragt euch vielleicht: Kann dieser Preis wirklich so wichtig sein, wenn er nicht auf sämtlichen Titelseiten der Nation auftaucht? Berechtigter Einwand. Aber: Bekanntheit und Bedeutung standen noch nie einem zwingenden Zusammenhang, sonst würde niemand die Kardashians kennen. Außerdem genießt der Preis in Fachkreisen höchste Wertschätzung. Woran es aber tatsächlich noch hakt: Möglichst vielen Menschen plausibel zu machen, warum der Preis kein Nischenthema ist, sondern uns alle betrifft und für uns alle spannend und lehrreich sein kann.


Um ihn etwas besser zu verstehen, muss man eigentlich nur auf den Untertitel schauen: „Zeitgeschichte und Politik“ passieren jetzt, immer und überall. Sie bestimmen unser tägliches Leben, definieren unsere Möglichkeiten und setzen uns Grenzen. Diese beiden Begriffe verdichten all das, was um uns herum passiert, zu Themen und Ereignissen mit historischer Bedeutung. Das heißt also: Zeitgeschichte und Politik haben einen hohen Aktualitätsbezug und eine enorme Bedeutung für unser Leben. Anders ausgedrückt: Was wir heute als epochale Momente kennen, war zum Zeitpunkt des Geschehens: Zeitgeschichte und Politik.


Die Preisträgerin des Jahres 2020: Carolin Emcke, ebenfalls keine Unbekannte in der deutschen Medienlandschaft (Bild: Kulturbüro / Mohssen Assanimoghaddam)


Nie wieder Krieg!


Der Preis wird seit 1984 von der Stadt Oldenburg verliehen. Erinnern wir uns kurz zurück an die damalige Zeit: Wir befanden uns inmitten des Kalten Krieges zwischen West und Ost mit dem Brennglas Deutschland, wo beide Systeme eine Grenze teilten. Nach vier flüchtigen Jahrzehnten des Friedens in Europa schien vieles wieder auf dem Spiel zu stehen. Zudem gab es in den Jahren zuvor eine langwierige - auch international beachtete - Auseinandersetzung um die Namensgebung der Oldenburger Universität. Diese Zeit war der ideale Moment, um die pazifistischen Ideale Carl von Ossietzkys wieder aufzunehmen. Er, der im KZ Esterwegen vor den Toren Oldenburgs inhaftiert war, forderte schon sechzig Jahre zuvor "Nie wieder Krieg!". Oldenburg nahm sich zum Ziel, diejenigen Menschen auszuzeichnen, die sich im Geiste Ossietzkys genau dafür engagierten - und die dabei vor allem die Verständigung zwischen West und Ost im Blick hatten.


„Geschichte wiederholt sich nicht“, sagen manche. „Tut sie doch, wenn man nicht daraus lernt“, kontern andere.

Und sie scheinen in diesem Fall recht zu haben, denn die Konstellation aus dem Jahr 1984 kommt uns heute, weitere vier Jahrzehnte später, seltsam bekannt vor. Fronten zwischen Ost und West, Kriegsgefahr in Zentraleuropa und der große Bedarf an Verständigung zwischen beiden Seiten - das ist heute fast so brennend aktuell wie damals. Der Carl-von-Ossietzky-Preis hat also weiterhin genau die richtige, wichtige Zielrichtung. Denn er hält Erinnerungen wach, vertritt Werte und Ideale und wirkt positiv in die Zukunft - genau wie seine Preisträger:innen auch.


WER WAR OSSIETZKY?


Carl von Ossietzky (1889 - 1938) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und leidenschaftlicher Pazifist. Letzteres wurde er aber nicht erst durch eigene Kriegserfahrung. Bereits 1908 trat er in die Deutsche Friedengesellschaft ein, also sechs Jahre bevor der 1. Weltkrieg beginnen sollte.


Ab 1907 trat Ossietzky als "Hülfsschreiber" in den Justizdienst ein. Damit begann für ihn auch eine Art Doppelleben: Tagsüber im Amt, abends auf politischen Veranstaltungen oder am Schreibtisch, wo er ab 1911 mit Artikeln für "Das freie Volk" seine journalistische Karriere begann. Mit Beginn des Kriegs im Jahr 1914 wurde es allerdings zunehmend schwieriger, mit pazifistischen Positionen Gehör zu finden. Zudem wurde Ossietzky im Jahr 1916 eingezogen und an der Westfront eingesetzt.


Nach dem Krieg verstärkte Ossietzky seine journalistischen Aktivitäten und veröffentlichte unzählige Artikel in unterschiedlichsten Medien. Zudem gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des "Friedensbundes der Kriegsteilnehmer", aus dem später auch die Bewegung "Nie wieder Krieg!" hervorgehen sollte. All das reichte Ossietzky aber immer noch nicht, so dass er 1924 die Republikanische Partei (RPD) gründete. Nachdem sie bei der Reichstagswahl nur 0,17 Prozent der Stimmen erhielt, wurde sie jedoch wieder aufgelöst.


Im Jahr 1926 wurde Ossietzky Herausgeber und Chefredakteur der Berliner Wochenzeitschrift "Die Weltbühne", dem undogmatischen Forum der radikaldemokratischen, bürgerlichen Linken. Größeres öffentliches und sogar internationales Interesse erregte insbesondere ein Artikel aus dem Jahr 1929, in dem enthüllt wurde, dass die deutsche Reichswehr heimlich Luftstreitkräfte aufstellte. Wegen Geheimnisverrats wurde Ossietzky im Jahr 1931 zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.


Als hoch engagierter Pazifist und Demokrat wurde er am 28. Februar 1933 auf Betreiben von Nationalsozialisten erneut verhaftet und im Gefängnis Berlin-Spandau interniert. Über das KZ Sonnenberg gelangte er im Frühjahr 1934 in das KZ Esterwegen, wo er bei der Trockenlegung der Moore eingesetzt wurde. Im Herbst 1935 beschrieb der Schweizer Diplomat Carl Jakob Burckhardt Ossietzky nach einem Besuch als ein „zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen“.


Trotz Drucks der Nationalsozialisten auf die norwegische Regierung wurde Ossietzky im Jahr 1936 der Friedensnobelpreis verliehen. Aus Ärger darüber untersagte Adolf Hitler, dass Deutsche in Zukunft diesen Preis annehmen dürften. Kurz vor der Verleihung war Ossietzky zwar schwerkrank aus dem KZ entlassen worden, stand in verschiedenen Krankenhäusern aber weiterhin unter ständiger Bewachung durch die Gestapo. Am 4. Mai 1938 starb Ossietzky schließlich an den Folgen der schweren Misshandlungen durch die SS und der Tuberkulose, die er sich in den Konzentrationslagern zugezogen hatte.




Vorhang auf für den neuen Preisträger


Der Carl-von-Ossietzky-Preis hatte bisher schon einige bekannte Preisträger:innen. Noam Chomsky war zum Zeitpunkt der Verleihung im Jahr 2004 einer der bekanntesten libertäre Visionäre der Welt. Ahmad Mansour gehörte bei der Verleihung 2016 zu den bekanntesten und kenntnisreichsten Kommentatoren der damaligen Islamismus-Debatte. Doch der diesjährige Preisträger schlägt in Sachen Bekanntheit wohl alle bisherigen Dimensionen. Es handelt sich um niemand geringen als den weltberühmten Pianisten Igor Levit. Er wird aber nicht etwa für sein virtuoses Spiel ausgezeichnet - sondern für das, was er sagt und tut, wenn er nicht am Flügel sitzt.


Als Pianist herausragend, aber auch politisch höchst engagiert: Igor Levit (Bild: Felix Broede)

Als bekennender Europäer und international gefeierter Pianist engagiert sich der gebürtige Russe Igor Levit in vielfältiger Weise für den Klimaschutz und für die uneingeschränkte Achtung der Menschenwürde. „Ganz im Sinne Carl von Ossietzkys spürt und analysiert Levit nicht nur die Brüche der Gesellschaft, in der er lebt, sondern er positioniert sich konsequent gegen Rassismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit und die Verrohung der Sprache“, schreibt die Jury in ihrer Begründung. Mit seiner Stimme als Musiker und als politisch denkender, sprechender und handelnder Mensch erreiche Igor Levit Menschen verschiedener Generationen und sensibilisiere für die Dringlichkeit mutigen zivilgesellschaftlichen Engagements.


„Die Zeit, in der man passiv sein konnte, ist vorbei!“

Mit diesen klaren Worten begründet Levit seine Haltung. Für ihn ist gesellschaftspolitisches Engagement eine staatsbürgerliche Pflicht, wenn wissenschaftliche Fakten geleugnet, Menschen ausgegrenzt, demokratische Prinzipien gefährdet und Menschenrechte verletzt werden. So haben unter anderem die Griechenland-Krise 2008, der Syrien-Krieg und die Flüchtlingsströme 2015, das weltweite Erstarken von Rechtspopulismus, Extremismus und Antisemitismus sowie der Klimawandel wesentlich zu seinem politischen Engagement beigetragen. Gegenüber der „Zeit“ sagte er einmal:


„Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt“

Dieses Vorhaben setzt er in die Tat um. Dabei nimmt er in Kauf, offen kritisiert oder gar angefeindet zu werden. Sein positives Sendungsbewusstsein, sein Bedürfnis für seine Vorstellungen einzutreten und andere von ihnen zu überzeugen - das zeichnet Levit aus und das eint ihn auch mit dem Namensgeber des Carl-von-Ossietzky-Preises.


WER IST LEVIT?


Igor Levit wurde 1987 in Nizhni Nowgorod in der damaligen Sowjetunion als Sohn jüdischer Eltern geboren. Bereits seit seinem dritten Lebensjahr erhielt er Klavierunterricht bei seiner Mutter, der Opernkorrepetitorin und Musikpädagogin Elena Levit.


Im Alter von acht Jahren siedelte die Familie als Kontingentflüchtlinge nach Hannover über, wo Levit seine musikalische Ausbildung intensivierte. Ab 1999 folgte ein Studium am Mozarteum in Salzburg, das er anschließend an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover fortführte. 2010 legte er dort sein Examen mit höchster je vergebener Punktzahl ab.


Bereits während seines Studiums konzertierte Levit im In- und Ausland, nahm an renommierten Wettbewerben teil und wurde mit Stipendien und Preisen geehrt. Inzwischen ist er in den größten Musikhäusern der Welt zu Gast. Sein breites Repertoire umfasst neben Bach und Beethoven auch Komponisten der klassischen Moderne wie Schostakowitsch, Reger, Hindemith sowie zeitgenössische Musik.


Besondere Bedeutung hat für ihn auch der 2021 verstorbene Pianist und Komponist Frederic Rzewski, dessen Werke häufig einen politischen Bezug aufweisen. Seit 2019 ist Levit Professor für Klavier an der Musikhochschule Hannover.

Pianist und Politaktivist


Levit positioniert sich nicht nur in unzähligen politischen Statements in den sozialen Medien, sondern auch mit musikalischen Open-Air-Auftritten gegen rechts wie 2020 in Potsdam und 2021 in Jamel bei Wismar. Musikalische Aktionen am Klavier für mehr Klimaschutz führten ihn unter anderem 2019 im Rahmen eines Klimastreiks in die Oldenburger Fußgängerzone und 2020 im Zuge der Baumrodungen für die A 49 in den Dannenröder Forst. Anlässlich des aktuellen Kriegsgeschehens bezieht Levit Stellung, indem er seine Solidarität mit der Ukraine zum Ausdruck bringt. Ein Twitter-Hauskonzert mit russischen und ukrainischen Künstlern sowie ein Benefizabend im Berliner Ensemble zugunsten des Aktionsbündnisses Katastrophenhilfe wurden von ihm spontan initiiert.


Der Carl-von-Ossietzky-Preis mag nicht jedem geläufig sein. Die Bedeutung seiner inhaltlichen Ausrichtung aber - insbesondere im Kontext zum aktuellen Tagesgeschehen - macht ihn aber unabhängig von seiner Bekanntheit zu einem Glanzlicht der Auszeichnungslandschaft. Der Preis hat im Laufe der Zeit nichts von seiner Aktualität eingebüßt, sondern beweist sich vielmehr als zeitlose zeitgemäße Würdigung bedeutender gesellschaftlicher Positionierungen im Geiste Ossietzkys. Danke, Igor Levit, für Ihren Beitrag dazu.


 

FREITAG, 9. DEZEMBER 2022

VERLEIHUNG DES CARL-VON-OSSIETZKY-PREISES

FÜR ZEITGESCHICHTE UND POLITIK

AN IGOR LEVIT KULTURZENTRUM PFL