ALLES ANDERE ALS ABSTELLGLEIS

Man nehme: eine alte, baufällige Halle unweit des Hauptbahnhofs, ein paar tausend Quadratmeter urbane Steppe, acht Bahngleise direkt nebenan und eine Großbaustelle gegenüber. Was ergibt das? Eine Schrottimmobilie – oder ein subkulturelles Kleinod namens „Gleispark"?


Die Halle im Gleispark: Einen neue Heimat für Oldenburger Kultur?
Früher Postpakete, bald Planet or Plastic: 100 Meter Halle bieten viel Potenzial - und viel Arbeit (Foto: Mediavanti)

Für Claus Spitzer-Ewersmann, den Macher hinter der World Press Photo Ausstellung in Oldenburg und Initiator des Gleisparks, ist die Sache klar: Hier schläft ein Dornröschen. Tatsächlich ist das Areal am Bundesbahnweg zwar verfallen und verwildert, aber hat man sich an den rauen Charme erstmal gewöhnt, drängen sich die Potenziale geradezu auf. Vor allem die ehemalige Paketpost-Halle mit ihrer Gesamtlänge von über hundert Metern verlangt geradezu nach einer kulturellen Nutzung. Und die Bereiche drum herum? Sind zwar Ödland, aber gleichzeitig eine Projektionsfläche für kulturelle Träumerei. Eine Lesung oder ein Konzert in der Abendsonne? Hier unkompliziert vorstellbar.


Die Atmosphäre des Areals erinnert an erfolgreiche Zwischennutzungen wie das Platzprojekt in Hannover oder den Klybeckquai in Basel, doch die Kulisse ist hundert Prozent Oldenburg . Neben dem benachbarten Hauptbahnhof und dem alten Ringlokschuppen fallen vor allem die ehemaligen Kasernen am Pferdemarkt auf. Und außerdem: die Rückseite von Donnerschwee. Ja, die Umgebung ist tendenziell schroff, eben ein „Lost Place", wie er im Buche steht. Aber all das ist eingebettet in das Herz der Stadt.


Geheimtipp: Offene Augen


Wie findet man so eine staubige Perle? Und woher bekommt den Mut, so ein Projekt anzugehen? Spitzer-Ewersmann zuckt mit den Schultern, als sei das alles selbstverständlich - wohl wissend, dass dem nicht so ist.


„Es fängt damit an, dass man eine Ausstellungsfläche sucht. Und dann fährt man eben mit offenen Augen durch die Stadt.“

Der erste Versuch bei einer anderen Halle scheitert, der zweite – bei eben dieser – erwies sich aber als Volltreffer. „Der Tipp kam von Thiemo Eddiks (Betreiber des benachbarten Computermuseums, Anm. d. Red.). Wir haben uns dann mit dem Hausmeister unterhalten, der hat den Kontakt zum Eigentümer hergestellt“, erzählt Spitzer-Ewersmann. Dabei handelte es sich nicht etwa um die Deutsche Bahn, sondern um eine Privatperson. Die Gespräche verliefen konstruktiv, der Eigentümer sagte sogar die Sanierung der Halle auf eigene Kosten zu. Spitzer-Ewersmann bot im Gegenzug etwas anderes: Ideen.


Der Gleispark Oldenburg von oben gesehen. Der neue Kulturort liegt direkt neben dem Hauptbahnhof und unweit der Innenstadt.
Mitten in der Stadt: der Gleispark liegt direkt neben dem Hauptbahnhof (Bild: Google Maps)

Ein Fall für drei


Daran mangelt es dem Kommunikations-Experten wahrlich nicht: „Wenn man das Potenzial hier sieht – oder fühlt –, ist es eh zu spät. Dann will man hier auch was umsetzen. Weil man tief im Inneren schon fest überzeugt ist, dass es funktionieren kann.“ Das sahen auch andere so, denn inzwischen gibt es einer Betreibergesellschaft für den Gleispark. Neben Spitzer-Ewersmann und seiner Agentur Mediavanti gehören dazu Bernd Feeken, der als Kopf der umBAUbar seine gastronomische Erfahrung einbringen wird, und Matthias Wulf, Geschäftsführer einer Firma für Veranstaltungstechnik.


Schaut man auf dieses Personaltableau, fällt schnell auf: entscheidende Elemente der Wertschöpfungskette von Veranstaltungen sind damit bereits abgedeckt. Vielversprechend ist auch die Laufzeit der Verträge, die das Trio mit dem Eigentümer des Areals abgeschlossen hat: fünf Jahre – plus Option auf weitere fünf. Es sieht ganz so aus, als käme der Gleispark, um zu bleiben.


Mit dem Bagger in den dritten Stock


Lässt man den Blick über das Gelände schweifen, ist jedoch eines schnell klar: Bevor hier irgendjemand ein Bild aufhängt oder einen Akkord anschlägt, ist noch einiges zu tun. Zum Beispiel wollen hunderte Kubikmeter Sand bewegt werden - und diese Aufgabe beginnt bereits mit der Fragestellung, wie man einen Bagger überhaupt an seinen Arbeitsplatz viereinhalb Meter oberhalb der Straße bekommt. Dann wäre da noch die Halle selbst. Dach, Wände, Rolltore - fast alles muss neu.


„Natürlich ist es eine große Herausforderung, in so kurzer Zeit diese große Fläche und die Halle betriebsbereit zu machen", weiß Architekt Feeken. Das Außengelände muss umfangreich umgestaltet und mit einer funktionierenden Gastronomie samt technischer Infrastruktur auszustatten werden. Ohne Wasser, Abwasser, Strom und Telefon geht eben nichts. Trotzdem herrscht Zuversicht: „Zum Glück ziehen alle an einem Strang, vom Bauamt bis zum Vermieter." Deshalb ist er sicher:


„Oldenburg darf sich auf eine riesige multifunktionale Freifläche samt Biergarten freuen - und auf eine Halle mit 1.500 qm Nutzfläche. Das wird eine Bereicherung für Stadt und Kultur.“

Noch ist das Team aber auf der Suche nach Sponsoren und weiteren tatkräftigen Helfer*innen, die den Umbau gerne unterstützen möchten. Feekens Leitmotiv für die verbleibenden Wochen bis zur Eröffnung lautet: „Es ist noch viel zu tun.“


Frisch fixiert: Erste Hochkaräter


Aber was wird überhaupt auf dem Gelände passieren? Den Anfang macht eine echte Deutschlandpremiere, nämlich die Ausstellung „Planet or Plastic?“. Seit einigen Jahren bezieht das Magazin National Geographic Stellung gegen die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll. Die Ausstellung dokumentiert sowohl das Problem selbst als auch die Initiativen dagegen. Mehr zu der Ausstellung, die das Landesmuseum für Natur und Mensch zusammen mit Mediavanti realisiert, erfahrt ihr schon bald an dieser Stelle.


„Die Ideen im Team sprudeln natürlich“, berichtet Spitzer-Ewersmann weiter. „Egal, wer hierherkommt: alle haben sofort eine Vision im Kopf.“ Allzu viel will er zwar noch nicht verraten, doch eine Information gibt er noch Preis: „Wir haben gerade einen echten Top-Star verpflichtet“, erklärt er feierlich - um dann schmunzelnd fortzufahren: „Zumindest für alle unter zehn Jahren. Es ist Christoph Biemann von der Sendung mit der Maus!“ Der habe kürzlich in Trier vor fast tausend kleinen Fans gespielt. Gibt es Bedenken, ob der Gleispark genügend Platz bietet? Immerhin sind ja auch viele Eltern im Schlepptau. „Wir werden das hinkriegen“, ist der erfahrene Ausstellung-Macher sicher. „In Oldenburg gibt es ja jetzt eine Menge Klappstühle!“

Noch viel zu tun: Das Areal des Gleisparks (Bildergalerie: Thorsten Lange)

Kontakte gab es darüber hinaus mit den Graffiti-Spezialisten von „Die Jungs". Das Kollektiv plant bereits seit längerem, die Betonwand direkt unterhalb des Gleisparks zu einer „Wall of Fame“ für Graffiti-Kunst zu entwickeln. In diesem Zusammenhang soll in diesem Jahr u.a. ein Urban Art Festival stattfinden, das durch den städtischen MACHWERK-Fonds für innovative Kulturprojekte gefördert wird. Es spricht also noch mehr dafür, dass dort - in dieser unscheinbaren Ecke Oldenburgs - ein neuer „Place to be“ entstehen wird.



Schrottimmobilie mit Perpektive


Zurzeit ist der Gleispark eine Mischung aus städtischer Ödnis und baulichem Verfall. Dem verheißungsvollen Namen muss das Areal erst noch gerecht werden. Und nein, man kann ihn nicht mit der riesigen Münchener Paketposthalle vergleichen, die mehr als dreizehn Mal so groß ist. Trotzdem versteht man sofort, warum Spitzer-Ewersmann, Feeken und Wulf all das nicht als Brache ansehen, sondern als Chance.


Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass am Oldenburger Hauptbahnhof eine charakterstarke Location entsteht. Das Potenzial ist gerade wegen der urbanen Umgebung greifbar, zudem scheint die Fantasie der Akteure unbegrenzt.

Und das Gute ist: der Termin für die Eröffnung steht bereits fest. „Planet or Plastic?“ startet am 30. April 2022. Für die Betreibergesellschaft bedeutet das zwar Hochdruck, die Bevölkerung darf sich jedoch auf einen konkreten Termin freuen - und dann selbst entscheiden: Schrottimmobilie oder subkulturelles Kleinod?