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  • ANNES KULTURSALON

    In der Kultur gibt es ständig neue Ideen; das ist eines ihrer Wesensmerkmale. Vollkommen neue Veranstaltungs-Formate, die sich außerhalb der bekannten Kategorien bewegen, sind trotzdem selten. Mit einem solchen haben wir es in Oldenburg jetzt aber zu tun: „Annes Kultursalon“ vermischt Elemente von Talkshow, Performance, Musik und Networking zu einem Gesamtkunstwerk mit Unterhaltungswert und Lerneffekt. Im Mittelpunkt dabei: Die einzigartige Gastgeberin Anne-Sophie Zarour. Findet zwischen Beruf, Bildung und Familie auch noch Zeit für die Kultur: Das Multitalent Anne-Sophie Zarour (Bild: O. Betke) Es gibt Menschen, die scheinen für die Bühne geboren. Sie bewegen sich dort, wo alle Aufmerksamkeit auf ihnen ruht, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Ängste? Unsicherheiten? Keine Spur. Genau so ist es auch bei Anne-Sophie Zarour . Ob Schauspiel, Gesang oder Moderation - sie scheint im Rampenlicht jederzeit sie selbst zu sein und kann ihre Persönlichkeit und Präsenz frei wirken lassen. Wer sie in Aktion erlebt, hat kaum eine andere Wahl, als sich berühren zu lassen. So erging es auch Bernt Wach und Mathilda Kochan . Die beiden Führungsköpfe aus dem Kosmos der Kulturetage sahen Anne als (Laien-)Schauspielerin beim letzten Kultursommer in den „ Gartenträumen jenseits von Eden “ und hatten denselben Gedanken: Da geht mehr! Und so schrieben sie dem Schauspieltalent ein Format auf den Leib, das es in dieser Form bisher nicht gab - bei dem man sich aber fragt, warum es nicht längst etabliert ist: Annes Kultursalon . ANNES KULTURSALON THEMA: EDITH RUSS - NAMENSGEBUNG ZWISCHEN SCHULD UND SCHAM? FREITAG, 22. NOVEMBER, 19 UHR THEATER K BAHNHOFSTRAßE 11 26122 OLDENBURG TICKETS Ärztin auf Abwegen Geplant hatte Anne das allerdings nicht. Als sie im September 2015 nach Oldenburg kam, ging es nicht etwa um eine Bühnenkarriere. Die Ärztin wechselte nämlich von Leipzig aus an die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum in Kreyenbrück. Dort absolviert sie parallel zu ihrer Tätigkeit eine Ausbildung zur Fachärztin für Jugendpsychologie. Im Mittelpunkt ihrer vollen Tage stehen also ihre jungen Patient:innen, ihre berufliche Weiterbildung und dazu noch ihre eigene fünfköpfige Familie. Und man fragt sich: Wie passt die Kultur dort eigentlich hinein? Bunte Truppe: Das Ensembles der „Gartenträume jenseits von Eden“ (Bild: Bernhard Weber-Meinardus) Gar nicht, lautet die objektive Antwort. Doch wo ein Wille ist, ist ein Weg - und wo nicht, hilft der Zufall nach. „Tatsächlich wollte ich mein Leben lang Schauspielerin werden“, erzählt Anne von ihrer großen Leidenschaft. In ihrer Kindheit und Jugend habe sie alles darauf ausgerichtet. Sechs Wochen vor dem Abitur entschied sie sich aber doch für das Medizinstudium: „Ich hatte befürchtet, dass die Kultur letztlich doch eine brotlose Kunst sein könnte.“ Zum Auftritt in der Kultursommer-Produktion wurde sie schließlich von Regisseur Ulf Goerges  ermuntert, der ihr Talent schnell erkannt hatte. Dort inspirierte sie dann das Duo Kochan/Wach - und so klingelte etwas später während eines Urlaubs in der Schweiz das Telefon. Zwischen Markus und Ina „Der Name Annes Kultursalon war mir anfangs ehrlich gesagt too much“, erinnert sich Anne zurück. Doch Bernt Wach beharrte darauf, schließlich sollte es ausdrücklich ein personenbezogenes Format sein - „irgendwo zwischen Markus Lanz und Inas Nacht “, lacht Anne. Wobei der Kultursalon über diese beiden großen Vorbilder sogar noch hinausgeht. Kernstück ist zwar auch bei Anne eine Talkrunde mit relevanten, teils tagesaktuellen Themen. Das aber nicht in der überbetonten Lanz'schen Nachdenkpose, sondern locker, zugänglich, verständlich. „Wir gehen dort mit Vertrer:innen aus der Kulturszene, der Politik und Verwaltung ins Gespräch“, erzählt das Multitalent. So erhalte das Publikum verschiedene Perspektiven auf das jeweilige Thema.   Ort des Geschehens: Annes Kultursalon findet im Theater k der Kulturetage statt. (Bild: Kulturschnack) „Mit unseren Inhalten sind wir immer nah an dem, was gerade passiert“, betont Mathilda Kochan. Dabei profitiere man auch von den vielen Verbindungen des Kooperationspartners Creative Mass (die den Salon einst initiierte ) in die Kulturszene. So ergaben sich bisher Themen, die der Szene tatsächlich unter den Näglen brannten wie der Generationenwechsel oder die Kulturfinanzierung. „In Zukunft können wir uns auch kontroverse Stoffe wie ‘Cancel Culture‘ vorstellen“, weckt die Theaterleiterin Vorfreude auf kommende Ausgaben. Reden ist nur der Anfang Ergänzt wird der Talk durch schauspielerische Elemente, die in enger Verbindung zu Annes Profession stehen, „Ich behandle die beiden Urgesteine der Kulturetage - Ralf Selmer und Uwe Bergeest “, erzählt Anne. „Das ist auf eine lustige Art therapeutisch.“ Tatsächlich gelingt ihr die Gratwanderung gut: Gekonnt vermischt sie ihre Erfahrungen als Ärztin mit ihrem Talent für die Bühne, beides zusammen verleiht ernsten Themen eine erfrischende Lockerheit - und umgekehrt. Und als wäre das nicht genug der Abwechslung, gibt es im Verlauf des Abends auch noch musikalische Intermezzi. Wer dort singt, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Natürlich: Anne. Was hat er denn? In den performativen Elementen bittet Anne u.a. Uwe Bergeest auf die Couch. (Bild: Bernhard Weber-Meinardus) Kein offizieller Programmpunkt, aber dennoch von Bedeutung ist auch die Zeit nach der Vorstellung. Es ist ausdrücklich erwünscht, dass Publikum und Akteur:innen sich im Anschluss noch austauschen und netzwerken - ganz wie in einem historischen Pariser Salon als Ort des gesellschaftlichen Diskurses. „Ich wünsche mir, dass die Leute einfach vorbeikommen und partizipieren“, erklärt Mathilda. Ihr sei bewusst, dass dieses Fornat erstmal schwerer zu erklären sei als ein Konzert oder eine Lesung. „Wir sind weder Fisch noch Fleisch“, schmunzelt sie. „Es ist aber gerade die Mischung aus verschiedenen Elementen, die uns im Kopf locker macht.“ Kultur findet ihren Weg Obwohl - oder gerade weil? - ihr ein kulturwissenschaftlicher Hintergrund fehlt, fühlt sich Anne merklich wohl in ihrer Rolle. „Das Schöne ist ja, dass alle Gäste letztlich dasselbe wollen: Eine lebendige Oldenburger Kulturszene“, erklärt die 40-Jährige. „Nur steckt man immer auch ein bisschen fest in seinen Ansichten.“ Deshalb gebe es immer wieder gegensätzliche Positionen: Die einen sähen eher die Probleme, die anderen die Möglichkeiten. Doch das wenigste sei unüberbrückbar. „Ich finde es schön, wenn ich vermittelnd dazwischenstehen kann“, betont Anne mit einem Schmunzeln, denn „das ist schon ein bisschen wie meine psychiatrische Arbeit.“ Auf der Bühne zuhause: Anne-Sophie Zarour fühlt sich im Rampenlicht wohl - ins den Mittelpunkt drängt sie sich dabei aber nicht. (Bild: Bernhard Weber-Meinardus) Eine Behandlung oder Therapie sei das aber natürlich nicht, betont die Moderatorin. „Es geht darum, ins Gespräch zu kommen und Möglichkeiten zu entdecken.“ Dabei gehe es häufig um ganz simple Fragen: Wie funktioniert Kultur? Was läuft hinter den Kulissen? Wie findet Kultur überhaupt einen Weg? Ihr sei es ein Anliegen, die Szene der Stadt gemeinsam mit ihren Gästen weiter zu entwickeln. „Im Vergleich zu Leipzig bietet Oldenburg etwas mehr Sicherheit und Struktur“, stellt sie fest. Das sei grundsätzlich gut, allzu große Zufriedenheit berge aber auch Gefahren. „Man braucht kreative Köpfe, die einen Schritt weitergehen, die über den Tellerrand hinausdenken. Die gibt es hier in Oldenburg - und man muss schauen, wie man ihnen die passenden Möglichkeiten bietet.“ Die Mischung macht's Wer mit Anne-Sohpie Zarour spricht, hat danach keine Zweifel mehr: Es gibt Menschen, die sind für die Bühne geboren - und sie ist eine davon. Dass sie letztlich davor zurückscheute, ihr berufliches Glück in der Kultur zu suchen, ist für Oldenburg heute ein Segen. Durch ihren professionellen Hintergrund als Psychologin bringt die leidenschaftliche Schauspielerin ein ganz neues Skillset in den Kulturbetrieb, der ihm druchaus nutzen kann. Dem Duo Mathilda Kochan und Bernt Wach ist mit dem Kultursalon ein Format gelungen, dessen Reiz nicht einfach zu erklären sein mag, das durch seine Mischung aber zu überzeugen weiß. Die Kombination substanzieller Inhalte und Positionen mit lockerer Unterhaltung schafft jene Offenheit, die für Veränderung nötig ist. Nicht denkbar ist all das allerdings ohne Moderatorin / Schauspielerin /Sängerin / Namensgeberin Anne-Sophie Zarour. Mit ihrer Persönlichkeit prägt und trägt sie das Format. Und auch wenn sie viel zu bescheiden ist, um den Wunsch zu haben, dass eine Veranstaltung nach ihr benannt sein sollte, hat diese doch genau den richtigen Namen: Annes Kultursalon.

  • KUNST MIT CONTROLLER

    Oldenburg? Kennt man. Wer hier einige Jahre lebt, hat die Stadt gewissermaßen druchgespielt. Kann da noch etwas überraschen? Ja, allerdings. Nämlich dann, wenn jemand von außerhalb einen intensiven Blick auf Oldenburg wirft und dabei ganz andere Eindrücke gewinnt als viele Einheimische sie haben - so wie Gordon Endt. Der Projektstipendiat der Oldenburger Kunstschule stellt nun in einer Ausstellung das spektakuläre Ergebnis seiner halbjährigen Arbeit vor. Ready Player One: Das Studio 10 in der Langen Straße sieht in „Opt Out“ etwas anders aus als in der Realität. (Bild: Kulturschnack) Jede:r kennt das: Wenn man irgendwo fremd ist, muss man sich zunächst mal orientieren. Mit der Zeit gewinnt man erste Eindrücke und später vielleicht auch ein Gefühl für den bisher unbekannten Ort. Das hat vielleicht manchen Nachteil, schließlich ist es vergleichsweise mühsam, sich nicht auszukennen und alles erst herausfinden zu müssen. Es hat aber den entscheidenden Vorteile, dass man auf diese Weise eine Stadt und ihre Eigenarten vollkommen neu entdecken kann - und dabei vielleicht ganz anders wahrnimmt als diejenigen, die schon lange dort sind. Dieses Prinzip trifft auf die Stipendiaten der Oldenburger Kunstschule zu. Nach Jonas Meyburg im Jahr 2023 war nun der gebürtige Freiburger Gordon Endt für sechs Monate in Oldenburg und hat die Stadt auf eine künstlerische Weise beobachtet, kennengelernt und zu verstehen versucht. Was beide Künstler gemeinsam haben: Sie suchten dafür den direkten Kontakt mit der Oldenburger Bevölkerung. Und auch die Ergebnisse weisen eine Parallele auf: Sie zeigen uns Oldenburg, wie wir es nie zuvor wahrgenommen haben. GORDON ENDT: OPT OUT 16. BIS 30. NOVEMBER DIENSTAG BIS FREITAG 15-18 UHR STUDIO 10 LANGE STRAßE 10 26122 OLDENBURG Umweg zum Wunschziel Manchmal laufen die Dinge nicht nach Plan und werden gerade deshalb genau richtig. So war es auch bei „ Opt Out “, der Abschlussausstellung von Gordon Endt. „Mein Ziel war es eigentlich, gemeinsam mit den Passant:innen in meinem Studio in der Langen Straße einen Animationsfilm zu machen“, erinnert er sich an seine ursprünglichen Pläne. Die verwarf er jedoch, nicht zuletzt wegen der Lage in der betriebsamen Innenstadt, in die viele Menschen - zumal im Winter - wenig Muße mitbringen: „Ich fand es letztlich sinnlos, einen Filme zu erstellen, der hier nebenbei läuft - und die Leute schauen kurz rein und bekommen höchstens die Hälfte mit.“ Raum auf Zeit: Das Studio 10 war für Gordon Endt Atelier, Werkstatt und Ausstellungsraum. (Bild: Kulturschnack) Der rettende Gedanke war dann eine Erinnerung an sein Studium an der Universitat Politècnica im ostspanischen Valencia. Dort hatte sich Gordon intensiv mit interaktiven Medien beschäftigt. Eine Vorstellung drängte sich auf: „ Es wäre es doch super, wenn ich beim Film selber bestimmen kann, mit welcher Geschwindigkeit ich laufe, wie lange ich an einem Ort bleibe oder wo ich überhaupt lang gehe, weil mich etwas interessiert. Stadtportrait aus Menschensicht Gesagt - getan. Was aber unendlich viel leichter klingt, als es tatsächlich ist. Denn bevor er vom Sagen zum Tun übergehen konnte, musste Gordon zunächst viele Gespräche führen, um sich dem Phänomen Oldenburg über das Wissen der Einheimischen erst einmal anzunähern. Denn der spielbare Film - oder ist es ein verfilmtes Spiel? - sollte keine Tourismusbroschüre ersetzen, sondern mit den Gefühlen der Oldenburger:innen gespeist sein. AUSSTELLUNG LÄUFT NUR KURZ DIE ZEIT IST KNAPP Sechs Monate hat Gordon Endt in der Oldenburger Fußgängerzone gearbeitet, die Ausstellung mit dem Ergebnis seines Schaffens läuft aber nur zwei Wochen. Schon bald wieder Geschichte: Das Hinweisschild für die Ausstellung. (Bild: Kulturschnack) Wer in den verbleibenden Tagen des Novembers nicht mehr die Gelegenheit hat, ins Studio 10 in der Langen Straße zu kommen, muss sich nicht grämen: „Opt Out“ soll der Stadt erhalten bleiben. „Ich suche gerade nach Orten, an dem der interaktive Film dauerhaft ausgestellt werden kann“, verrät Gordon. Denkbar - weil artverwandt - sei etwa das Oldenburger Computer-Museum . Aber auch das Edith-Russ-Haus für Medienkunst oder das künftige Stadtmuseum könnten geeignete Ort sein, um Oldenburg einmal ganz anders zu erleben bzw. zu erspielen. Bis eine Lösung gefunden ist, lohnt sich ein Blick auf Gordons Website oder seinen YouTube-Channe l. Aber hoffen wir, dass „Opt Out“ eine angemessene dauerhafte Heimat in Oldenburg findet. „Es sind viele Gespräche eingeflossen“, berichtet der Künstler. „Mache haben hier im Studio stattgefunden, andere in meiner Nachbarschaft oder sonstwo in der Stadt.“ Nach jeder Konversation fertigte Gordon zunächst eine grafische Skizze an, die Momente, Gedanken oder Gefühle festhielt. Hinzu kamen weitere Zeichnungen, die seine eigenen Empfindungen und Erfahrungen widerspiegelten. Mit jedem Bild wuchs auch der Film, denn alles bedeutete zusätzlichen Input. „Am Ende entstand ein Stadtportrait aus der individuellen Sicht der Menschen.“ Zeichnerisches Talent: Der Medienkünstler Gordon Endt weiß auch mit dem Stift umzugehen. (Bilder: Kulturschnack) Kooperation mit der KI Und wie wird daraus nun ein spielbarer Film? Beziehungsweise: Kunst mit Controller? Als Basis nutzte Gordon digitales Kartenmaterial von Google , in dem viele Städte bereits dreidimensional hinterlegt sind, so auch Oldenburg. Diese - im Detail eher grobkörnigen - Bilder der Stadt übertrug er in die Spiele-Engine Unity , die eine Echtzeit-Darstellung von 3D-Daten ermöglicht. Dadurch wurden sie mittels eines üblichen Konsolen-Controllers begehbar. Aber wäre das schon Kunst? Nein, schließlich wäre es nur ein Abbild der Realität, das keinen eigenen Twist hätte. Der kommt jetzt: Mithilfe einer künstlichen Intelligenz verwandelte Gordon seine Skizzen in digitale 3D-Modelle, die er in das künstliche Oldenburg einfließen ließ. Dabei verzichtete er aber auf Text-Prompts, also auf möglichst präzise Vorgaben, wie das Ergebnis am Ende aussehen soll. Stattdessen fütterte er den Algorithmus lediglich mit seinen Zeichnungen - und dabei zeigten sich Möglichkeiten, aber auch Grenzen: „Mit fotorealistischen Bildern kann die KI gut umgehen“, berichtet Gordon. „Bei meinen Skizzen tauchten aber Artefakte auf, zum Bespiel in Form von Löchern.“ Außerdem spüre man die „Bias“ der KI, also die Voreingenommenheit bei bestimmten Themen. „Ein Bild von mir trug im 3D-Modell plötzlich Lippenstift. Bei der Darstellung von Menschen gibt es eine Verschiebung zu normativ schönen Frauen, obwohl es dafür gar keine Anhaltspunkte gab.“ All die kleinen - und manchmal großen - Schwierigkeiten im Erstellungsprozess hat Gordon in einem aufschlussreichen Making Of-Video beschrieben. Ein Psychogramm für Oldenburg Und das Ergebnis? Wie sieht das digitale Oldenburg denn nun aus? Wer schwärmerische Bilder erwartet und sich auf ein digitales Lustwandeln im Schlossgarten freut, sei gewarnt: Die Variante unserer Stadt, die Gordon mit der KI erzeugt hat, ist nicht unbedingt postkartentauglich. Sie ist dunkler und abstrakter als die Realität. Oder... vielleicht doch nicht? Zwar unterscheidet sich die düstere Atmophäre durchaus von unserer Wahrnehmung des Oldenburger Alltags. Aber: Das tut sie deshalb, weil eben nicht die Oberfläche der realen Welt abgebildet wird, sondern weil die Geschichten der Menschen ausschlaggebend für das Ergebnis waren. Dass Oldenburg normalerweise eine schöne Stadt ist? Darüber muss man nicht streiten. Immer wieder wird sie als sehr hübsch und lebenswert gepriesen. „Oldenburg ist eine richtig schöne Stadt, ich bin gerne hier“, betont auch der Medienkünstler. Er empfinde sie keineswegs als so düster, wie sie in „Opt Out“ vielleicht wirke. Aber: „Es gibt auch andere Ebenen Oldenburgs und die haben mich noch mehr interessiert als das Stadtbild.“ In den Gesprächen mit seinen Gästen seien immer wieder gruselige Momente oder schwarzer Humor aufgetaucht - und diese Dinge seien im Film erkennbar. „Das ist fast ein Psychogramm, ein Blick hinter die schönen Fassaden.“ erklärt Gordon. „Es ging nicht darum, eine 1:1-Replikation der Stadt zu erstellen und dort etwas stattfinden zu lassen. Ich wollte auf Dinge schauen, die man erst rausfindet, wenn man länger hier ist.“ Das habe er in den Gesprächen auch herauskitzeln wollen und deshalb auch unangenehme Fragen gestellt. Schritt für Schritt: Auch wenn Gordon künstliche Intelligenz eingesetzt hat, war es ein weiter Weg von den Gesprächen bis zum begehbaren Kunstwerk Oldenburg. (Screenshots: Kulturschnack) Ein anderer Blick auf die Stadt Zwar kann man in „Opt Out“ nicht die ganze Stadt begehen, sondern nur ausgewählte Bereiche wie etwa den Hafen oder die Lange Straße. Dennoch ist es eine interessante Erfahrung, ein Kunstwerk - das gleichzeitig die Heimatstadt ist - mittels eines Controllers zu erkunden. Mit professionellen Games kann „Opt Out“ natürlich nicht mithalten, es ist aber dennoch beachtlich, wie gut das Ergebnis letztlich funktioniert. Etwas Offenheit sollte man dennoch mitbringen. Eine lineare Handlung gibt es nicht, der Aufbau bleibt eher fragmentarisch. „Je nachdem, wolang du gehst, wen du triffst und mit wem du sprichst, entsteht ein anderes Bild der Stadt“, erklärt Gordon. Das eröffne die Gelegenheit für individuelle Erfahrungen - aber auch die Chance, gleich mehrfach zum Controller zu greifen, denn je nach Route ist die Geschichte eine andere. „Ungefähr eine Stunde dauert es, wenn man alle Wege gehen will“, weiß Gordon. Es schadet also nicht, wenn man etwas Zeit hat. Gelungene Eröffnung: Gordon Endt erklärt dem Publikum die möglichen Laufwege durch sein. digitales Oldenburg. (Bild: Achim Sauer) Zumal man sich in Erinnerung rufen sollte: Auch wenn man einen Controller in der Hand hat, ist „Opt Out“ kein Konsolen-Spiel. Selbst die Beschreibung als spielbarer Film ist nur ein Hilfskonstrukt. Was Gordon tatsächlich geschaffen hat, ist nicht anderes als ein digitales Kunstwerk - das zwar unsere Stadt in den Mittelpunkt rückt, das aber mehr von uns verlangt als schöne Fassaden zu bestaunen. Die bisweilen schroffe Rätselhaftigkeit mag manche abschrecken. In Wahrheit ist sie aber eine Einladung, Oldenburg einmal anders wahrzunehmen als wir es üblicherweise tun. Unser Tipp: Solche Einladungen sollt man immer annehmen. Warum? Weil man auf diese Weise die Chance erhält, die Heimatstadt und ihre Eigenarten nochmal neu kennenzulernen. Un das nächste Mal vielleicht antwortet: Oldenburg? Kennt man - noch längst nicht.

  • SNACKABLE CONTENT

    Lyrik? Diesen Begriff hört man vergleichsweise selten außerhalb der Klassenzimmer von Deutsch-Leistungskursen. Ausgerechnet das „Core“, hipper Co-Working-Space im Herzen der Innenstadt und Kulturschnack-Wahlheimat, hat den Begriff jetzt entstaubt und ihm ein Update verpasst. Zu hören gibt es deshalb keine Barock-Gedichte, sondern zeitgemäße Wort-Kunst-Werke made in Oldenburg! Und: Essen gibt es auch. Lecker! The stage is yours: Newcomer:innen können sich für ihren Slot bei Lecker Lyrik bewerben. (Bild: Core Oldenburg) Lyrik in die Gegenwart zu übertragen ist kein gänzlich neuer Gedanke. Die Poesie hat diese Transformation längst hinter sich und feiert als Slam Poetry schon seit etlichen Jahren ein Revival. Und das zu Recht , denn Sprachkunst ist faszinierend, manchmal sogar mitreißend. Wir feiern das sehr - zumal das Gerücht stimmt, dass Teile des Kulturschnacks Deutsch-LKs besucht haben und dort tatsächlich vor allem bei Gedichtsinterpretationen glänzten. Trotzdem ist es überraschend, dass sich ausgerechnet im urbanen Hotspot Core ein Format namens „Lecker Lyrik“ etabliert hat. Aber das hat natürlich damit zu tun, das hier keineswegs nur Gedichte aufgesagt werden. Nein, es geht hier nicht um den Jambus und Oxymoron, es geht hier um die Sprachkultur der Gegenwart. Und das ist noch nicht alles, denn es sind auch Acts aus den Bereichen Comedy und Musik dabei, dazu gibt's Snacks und Drinks. Klingt nach einem gelungenen Abend? Ganz genau! LECKER LYRIK - COMEDY POESIE MUSIK SNACKS DIENSTAG, 10. DEZEMBER, 19:30 UHR MIT: THE LAKE AND THE WOLF JULIA SEIDEL MAREIKE CORE OLDENBURG HEILIGENGEISTSTRAßE 6-8 26122 OLDENBURG TICKETS Von gut zu großartig Fans des Poetry Slams wissen: Das gesprochene Wort würde auch ganz allein funktionieren, ohne einen großen Rahmen. Aber sie wissen auch: Ein gewisser Mix mit anderen Stilen kann aus einem guten Abend einen großartigen machen. Diese Regeln sind auch dem Core nicht unbekannt und deshalb bietet „Lecker Lyrik“ noch viel mehr als nur Poesie - in der Regel nämlich je einen Act aus den Bereichen Musik, Comedy und Poetry Slam. Sie treten jeweils zweimal mit leicht verdaulichen Häppchen á 15 Minuten auf. In der Summe gibt das ein Sechs-Gänge-Menü mit einer Gesamtdauer von 90 Minuten. Doch wie kommt man eigentlich darauf, ausgerechnet Lyrik und Poesie zum Aufhänger zu machen? Gibt es da gar keine Angst, altbacken zu wirken? „Tatsächlich findet man diese Begriffe eher selten im Veranstaltungs-Kalender“, gibt Veranstaltungsmanager Steffen Icken zu, der das Format entwickelt hat. Doch er ergänzt: „Wir sind überzeugt, dass auch ein solches Format passend für diesen kreativen und innovativen Ort ist und die Vielfältigkeit des CORE nochmals unterstreicht.“ KURZ ERKLÄRT WAS IST SNACKABLE CONTENT? Der Begriff stammt aus dem Content Marketing, sprich: aus der Werbung. Er bezeichnet kurze Inhalts-Häppchen, die auf einfache Weise produziert werden, optisch attraktiv aufbereitet sind und vom User schnell konsumiert werden können. Optimiert sind sie oft für die Ansicht auf Mobile Devices. Die Schwelle ist hier sehr niedrig, die Verweildauer ebenfalls, was die Klick-Wahrscheinlichkeit gegenüber ausführlicherem Content deutlich erhöhen kann. Nachteil: Es schwieriger, in diesem kurzlebigen Umfeld eine dauerhafte Markenbindung zu erzeugen. Comedy statt Cringe Die Traditionalität der Materie und die Modernität des Ortes schließen sich also überhaupt nicht aus, sondern ergänzen einander ideal. Ausräumen kann man bei dieser Gelegenheit auch das eine oder andere Vorteil. Viele denken bei Lyrik und Poesie nämlich vor allem an die barocke Verskunst eines Andreas Gryphius oder an schwülstige Liebeserklärungen mit hohem Cringe-Faktor. Im Core wird das ganz anders sein; „Das Publikum darf sich auf einen spannende Mischung freuen“, macht Steffen neugierig. „Es wird Slam Poetry und Comedy geben, aber auch Musik - von selbstgeschriebenen und unveröffentlichten Songs bis zu Neuinterpretationen bekannter Hits.“ Place to be: Im Core is eigentlich alles möglich - sogar Lyrik! (Bild: Ulf Duda) Unveröffentlicht ist ein gutes Stichwort: Viele der Künstler:innen, die bei „Lekker Lyrik“ auftreten, haben sich noch keinen großen Namen gemacht, sondern stehen noch am Anfang ihrer Karriere. Andere sind bisher - aus welchen Gründen auch immer - unter dem Radar geflogen. Das Format bietet also Chancen: Für die Künstler:innen, sich ein Publikum zu erspielen - und für die Besucher:innen, neue Acts zu entdecken. Apropos: Die Künstler:innen stammen nicht von Irgendwo, sondern sympathischerweise aus Oldenburg und der (weiteren) Region. Dafür gebe es auch gute Gründe, erklärt Steffen: „ Uns ist es wichtig, vorwiegend mit lokalen Künstler:innen zusammenzuarbeiten. Wir möchten ihnen eine Bühne bieten und so unseren Teil dazu beitragen, dass die Szene Freiräume findet.“ Neben dem Kulturgenuss trägt man mit dem Besuch letztlich also auch zu einer guten Sache bei. MACHT MIT BEI LECKER LYRIK DIE BÜHNE ALS STARTRAMPE Ihr habt ein Talent für Musik? Ihr füllt euer Tagebuch mit bühnentauglichen Texten? Bei euren Gags lacht wirklich jeder? Dann nutzt die Chance und entert die Bühne bei Lecker Lyrik! Ob Newcomer oder alte Hasen: Ihr könnt euch ganz einfach bewerben . Mit etwas Glück sorgt ihr beim nächsten Mal für einen gelungenen Abend. Und eure Bühnenkarriere? Geht danach erst so richtig ab. Der Snack als Faden Der rote Faden des Konzepts ist der Snack. Musik und Sprachkunst gibt es als kurze Häppchen, nebenbei kann man Essen und Trinken. Sehen wir hier etwa das ideale Format für das Tempo des Digitalzeitalters? War Bei „Lecker Lyrik“ im August 2024 dabei: Poetry Slammerin Hannah Krahn. (Bild: privat) „Wir würden uns sehr freuen, den Zeitgeist getroffen zu haben“, stimmt Steffen zu. Gleichzeitig gibt er Entwarnung: Ein regelrechtes Stakkato, das an Hektik grenzt, wird es nicht geben. „Auch wenn die einzelnen Auftritte auf ca. 15 Minuten beschränkt sind, soll das Tempo des Abends nicht unnötig schnell sein. Die Gäste können sich auf einen entspannten Abend und eine kleine Auszeit von der hektischen Vorweihnachtsphase freuen.“ Die Bühne dafür ist bereitet: Wortkunst, Musik und Essen in flotter, loser Reihenfolge - stets lang genug, um sich darauf einlassen zu können, aber auch kurz genug um Abwechslung zu ermöglichen. Und dazu auch noch alles aus regionaler Produktion! Das ist Snackable Content im wahrsten und besten Sinne - lasst es auch schmecken!

  • CHARLES LANDRY: KULTUR ALS LEUCHTTURM

    Der Brite Charles Landry ist einer der bekanntesten Städteforscher der Welt. Schon Mitte der Achtziger Jahre entwickelte er das Konzept der Creative City, das inzwischen als Grundlage der modernen Stadtentwicklung gilt. Mit seiner Agentur Comedia berät Landry heute Städte rund um den Globus - und seit neuestem auch Oldenburg. Wir haben uns mit ihm getroffen und gefragt, ob für die Stadt der Zukunft auch die Kultur eine Rolle spielt. Spolier: Ja - und ob! Mehr Neugier wagen: Vieles muss sich ändern, damit alles belieben kann, wie es ist. (Bild: Routledge Books) Charles Landry ? Dieser Name dürfte die Herzen der meisten Kulturfans zunächst einmal kaltlassen. Weder taucht er in den aktuellen Debatten der Szene auf, noch hat er sich als Künstler oder Intendant einen Namen gemacht. Für viele ist er ein unbeschriebenes Blatt. Er selbst hat jedoch schon einige Blätter beschrieben. Seine Bücher wie „ The Creative City - A Toolkit for Urban Innovators“ gehören zum absoluten Meilensteinen der Stadtentwicklung. Zusammen mit dem US-Amerikaner Richard Florida brach er mit vielen tradierten Überzeugungen und propagierte nicht nur die Kreativität als einen entscheidenden Faktor - sondern auch die Kultur! Sie hat er als Impulsgeber erkannt und hilft Städten dabei, ihr Potenzial für sich zu nutzen. Nun auch in Oldenburg? Darüber haben wir mit ihm gesprochen. Charles, vielleicht können wir zu Beginn den Kulturbegriff ein bisschen erläutern. Darunter verstehen die Leute ja durchaus Unterschiedliches. An was denkst du denn, wenn du an Kultur denkst? Was meinst du dami t? Ja, Kultur ist so ein schlüpfriges Wort. Es kann alles und nichts bedeuten. Also für mich sind es zwei Teile. Es gibt einen weiteren Begriff, dazu gehört die Frage, wer ich bin und so weiter. Dann gibt es den engeren Begriff, das sind die Kunstformen. Und in meiner Arbeit spiele ich mit beiden. Das ist ein andauerndes Wechselspiel oder eine Wechselwirkung. Und wenn man sich auf die Stadtentwicklung bezieht, denke ich immer Kultur in einem größeren, weiteren Sinne, denn Stadtentwicklung ist selbst ein Kulturprojekt. Bestens gelaunt: Charles Landry nahm sich gerne Zeit für einen Schnack - trotz eines zweitägigen Workshops. (Bild: Kulturschnack) Es geht dabei ja auch um Fragen wie: Was sind unsere Werte, was ist unser Mindset, wie verhält man sich? Es spielt natürlich auch eine Rolle, wo eine Stadt liegt, auf einem Berg oder am Meer, in der Sonne oder in der Kälte. Stadtentwicklung ist ein Kulturprojekt, weil Kultur ist, was wir sind. Das war ja nun der weitere Begriff. Wie kommt denn die engere Auslegung - also die Kunstformen - ins Spiel? Ich stelle immer die Frage: Wie können die Kunstbereiche oder die Kunstformen helfen, die Kultur der Stadt selbst zu entwickeln? Wie können sie dazu beitragen dass wir agiler, flexibler oder resilienter werden, um große Transformationen wie etwa den Klimawandel zu schaffen? Dabei frage ich auch nach ihrer Rolle. Es gibt natürlich die ursprüngliche, intrinsische Rolle, also das Schöpferische, Kreative und Expressive. Man kann den Kunstbereichen aber auch andere Rollen zuschreiben, sie gewissermaßen instrumentalisieren. Viele Kulturschaffende hassen das natürlich, aber letztlich instrumentalisieren wir alles die ganze Zeit. Man könnte also fragen: Wie kann Kunst helfen, ein größeres Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen? Wie kann sie dazu betragen, mehr Gespür für soziale Fragen zu entwickeln? Es geht also darum, eine Beziehung herzustellen zu anderen Themengebieten. Neben der intrinsischen und der instrumentellen Rolle gibt es sogar noch eine weitere: die institutionelle. Welche Rolle haben die Kultur-Institutionen? Schließlich saugen sehr viel Gelder auf. Meiner Meinung nach müssen sie etwas Exzeptionelles bieten, um das zu rechtfertigen. Natürlich hat es Vorteile, weil sie für eine gewisse Kontinuität stehen. Aber es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen den etablierten Institutionen und den Leuten, die innovativ sind, die anders denken und die sich nicht institutionell organisieren wollen. Das heißt nicht, dass Institutionen nicht auch mal innovativ sind. Aber diese Spannungen sind doch ganz wesentlich für die Kulturpolitik und die kulturelle Stadtentwicklung. Die Kunst der Stadtgestaltung: Charles Landry Beteiligung am „SI - South Italy Architecture Festival“ im Jahr 2020 wurde selbst zu einem Design-Kunstwerk. (Bild: BRH+) Zwischen Mailand und Berlin Glaubst du denn, dass die Künste auch die Kultur einer Stadt beeinflussen können? Haben sie vielleicht sogar eine besondere Bedeutung für die Stadt, eben weil sie so kreativ und anders sind als andere städtische Bereiche. Absolut glaube ich das! Ein Beispiel: Wenn ich Mailand sage. woran denken Sie da? Natürlich an Mode, vielleicht an Design und solche Sachen. Das ist ein Anziehungspunkt - und dann haben Sie natürlich Events und Museen zu diesen Themen. Vergleichbares sieht man in vielen Orten. Also hat die Kultur ziemlich viele positve .Effekte auf den Standort. Für mich persönlich ist aber auch die Frage wichtig: ist die Kultur lebendig? Oder ist sie nur traditionell? Diese Verbindung zwischen Tradition und Innovation ist immer sehr interessant. Natürlich sind die Vergangenheit und das Erbe wichtig. Aber wie entwickelt es sich, wie geht man damit um? Diese Fragen finde ich wirklich interessant, weil sich daran die Frage anschließt: Was machen die jungen, ambitionierten Leute? Bleiben sie in einer Stadt wie Oldenburg? Oder gehen sie weg? Ich weiß, dass sie oft mit Mitte 30 zurückkommen, weil sie zwei Kinder haben und denken: „Oh Gott, ich kann in Berlin nicht leben!“ Aber das ist eine andere Sache. Was wichtig ist: Man muss die Sicht der jungen Leute sehen. Heute beim Workshop habe ich zum Beispiel mit Leuten gesprochen, die Skateboarding und BMX machen. Bei den Olympischen Spielen waren das genau die Sachen, die sich viele Menschen abgeschaut haben. Meine Frau zum Beispiel ist sicher nicht in einem BMX-Verein, aber sie hat das gesehen und deshalb weiß ich, dass Kim Lea Müller vom Backyard e.V. aus Oldenburg dabei war und früher auch mal Europameisterin gewesen ist. Wenn man jetzt über die Profilierung des Standorts nachdenken würde, dann könnte man sagen: Hey, wir investieren hier Oldenburg mit dem Ziel, der Hauptort für BMX zu sein in Deutschland! IKONE DER STÄDTEFORSCHUNG KURZBIO CHARLES LANDRY Landry wurde am 1. Juni 1948 geboren. Er studierte in Großbritannien, Deutschland und Italien. Bereits in den 1970er Jahren beschäftigte er sich mit der Frage, welchen Einfluss die Faktoren Kultur und Kreativität auf die künftige Entwicklung der Städte nehmen. Überzeugend: Charles Landry beim PICNIC Festival in der NDSM Wharf Amsterdam. (Bild: Sebastiaan ter Burg, CC BY-SA 2.0) Im weltweiten Transformationsprozess der klassischen Wirtschafts- und Standortfaktoren, welcher mit dem Aufweichen der etablierten sozialen Systeme einhergeht, misst er dem kreativen Potential von Städten eine besondere Bedeutung für deren Überlebensfähigkeit bei. Zur zentralen Ressource de r Wissensgesellschaft wird die Fähigkeit der Menschen, unkonventionelle Lösungen für zentrale Aufgaben zu finden. Städte und Regionen, die auch in Zukunft erfolgreich und lebenswert sein wollen, müssen in der Lage sein, kreatives Potential auszubilden, anzuziehen und zu halten. Charles Landry entwickelte daraufhin eine Vier-Stufen-Strategie zur Schaffung einer kreativen Stadt. 1978 gründete Charles Landry Comedia, ein renommiertes, global ausgerichtetes Beratungsunternehmen für Kultur, Stadtentwicklung und Kreativprojekte. Ende der 1980er Jahre erschuf Landry das Konzept der „Kreativen Stadt“ („Creative City“). Es beschäftigte sich mit der Frage, wie in Städten Bedingungen geschaffen werden können, die Menschen und Organisationen dazu befähigen, kreative Ideen und Problemlösungen zu entwickeln. Aus dem Konzept heraus erwuchs eine globale Bewegung, die grundlegend die Art und Weise veränderte, wie über die Potenziale und Ressourcen von Städten nachgedacht wird. Charles Landry betreibt praxisnahe Forschung und begleitet komplexe urbane Wandlungsprozesse sowie die Umsetzung von städtebaulichen Visionen. Dann gäbe es also einen Leuchtturm, der ausstrahlt. Können sich daran dann andere Kulturformen andocken? Oder sollte man sich ganz bewusst nur auf dieses Highlight konzentrieren? Beides! Das ist keine Frage des Entweder-oder. Was sich nahtlos aus diesem Schwerpunkt entwickeln kann ist zum Beispiel Design - in Bezug auf Fahrräder oder auf Kleidung. Man kann aber auch viel weiter denken: Ich habe in Adelaide mal ein Theaterstück im öffentlichen Raum gesehen, bei dem Bagger getanzt haben. Man könnte sich ja durchaus vorstellen, dass es einen BMX-Tanz oder ein BMX-Ballett gäbe. Das ist jetzt natürlich nur eine Spinnerei und sowieso nur ein Beispiel. Aber: Wenn man Leute anlocken will, muss man ein bisschen nach links und rechts schauen. Bestseller: Nein, die Verkaufscharts hat Landry nie angeführt. In Fachkreisen stehen seine Bücher aber in jedem Regal. Eines übrigens auch beim Kulturschnack. (Bilder: Verlage) The Flexible Beast Die Kulturszene ist ja per se innovativ und kreativ, das ist ihr Wesenskern. Müsste man sie vielleicht schon deshalb stärken, damit sie in die Stadt hinauswirken und dieses kreative Denken weiterverbreiten kann? Das ist im Allgemeinen die Idee. Ich habe das beschrieben mit meiner Idee der kreativen Stadt und meinem Buch „The Creative City“. Es geht darum, den Sprung von der Kreativität im engeren Sinne, also Bezug bezogen auf die Kunstform, auf die gesamte Stadt zu übertragen. Sie soll sich also selbst eine Kultur der Kreativität aneignen. Wie kann man zum Beispiel das Planungssystem durchdenken? Könnte das mit irgendeinem kreativen Ansatz verbunden werden? Und da sist nur eine Facette, es gibt noch viele mehr. Im Englischen sagt man deshlab: „Creativity is a flexible beast“ und das gilt auch für die Kultur. In meinen Vorträgen benutze ich viele Begriffe mit „e“, um ihre vielen Erscheinungsformen zu beschreiben - wie entertainment, enlightment, education, employability, empowerment, empathy. Durch diese positiven Werte entsteht ein Gefühl, das die Menschen denken lässt: „I belong here“ - ich gehöre hierher. Das betrifft insbesondere jüngere Leute, für die ist das sehr wichtig. Es betrifft aber genauso die älteren. Die wollen sich auch vergnügen und etwas erleben. Und das muss sich gar nicht unbedingt von den Angeboten für die Jüngeren unterscheiden. Jung und Alt können nebeneinander sitzen sich von deselben Dingen inspirieren lassen. Interessiert und engagiert: In unzähligen Gespräche auf der ganzen Welt hat Charles Landry über Stadtentwicklung gesprochen. Von Langeweile findet man bei ihm trotzdem keine Spur. (Bilder: Kulturschnack) Kreativität und Kultur können also eine Bindungswirkung für junge Menschen erzeugen. Die fühlen sich häufig an Standorten zuhause, wo es Veränderung und Abwechslung gibt. Wenn man das bietet, gehen sie womöglich nicht nach Berlin, sondern bleiben in Städten wie Oldenburg? Ja, und zwar dann, wenn sie das Gefühl haben, in Oldenburg Teil von etwas sein zu können. Was das bedeutet, kann ich wiederum am besten im Englischen ausdrücken: „Can I be a maker, shaper, co-creator of my evolving city?“ Kann ich also mitmachen? Kann ich gestalten oder mitgestalten? Kann ich dabei sein, wenn Veränderung passiert? Und habe ich das Gefühl, dass ich ernst genommen werde? Das ist sehr wichtig, weil man idealerweise die verschiedenen Generationen in einer Stadt vereint. Wenn das gelingt, dann muss es nicht immer die Millionenstadt sein, die den Vergleich gewinnt. Im digitalen Alter kann man wunderbar in Oldenburg wohnen und nur ab und zu mal nach Bremen oder Hamburg fahren. Dauerbaustelle: Eine Stadt wie Oldenburg steht niemals still, ist niemals fertig. Deshalb muss der Blick ständig nach vorne gehen - in Richtung Zukunft. (Bild: Kulturschnack) Sind deutsche Städte eigentlich schon einigermaßen weit, was dieses Thema betrifft? Gibt es hierzulande die Erkenntnis, dass man sich als Stadt immer wieder neu erfinden und immer neue Angebote machen muss? Oder sind andere Länder da viel weiter? Das ist eine schwierige Frage. ( lacht ) Ich habe das Gefühl, dass der deutsche Kulturbereich - und das ist jetzt völlig verallgemeinert - ein bisschen starr ist im Vergleich zu anderen Ländern. Dort ist man vielleicht ein bisschen flexibler ist und dort passiert häufiger etwas Unerwartetes. Das ist okay. Aber ich finde, da ist noch viel Luft nach oben, wie man im Deutschen so schön sagt. Ich will nicht sagen, dass die anderen Länder wunderbar sind, aber sie sind vielleicht etwas offener gegenüber neuen Möglichkeiten. Und das möchte ich doch von der Stadt, in der ich lebe: dass verschiedene Möglichkeiten da sind, dass man sich entfalten kann und dass auch ältere Personen teilnehmen können und nicht nur zuschauen. Mal Langsam: In Oldenburg hat es Tradition, ambitionierte Vorhaben wie die Neugestaltung des Pferdemarktes erst einmal skeptisch zu sehen. Dabei hat die Stadt gute Erfahrung damit gemacht, Leuchttürme zu setzen und zu den Pionieren zu gehören - wie bei der Fußgängerzone. (Bild: Stadt Oldenburg) Die Kultur als Markenkern Im Workshop ging es ja unter anderem um die Leuchtturm-Funktion von Kultur. Also darum, dass sie nicht nur nach innen wirkt, sondern auch nach außen strahlt und Leute anzieht. Wird es für die Profilbildung einer Stadt immer wichtiger, dass man die Kultur als Markenkern versteht? Ja, hier geht es ja wirklich um Identität. Für Oldenburg ist das eine wichtige Frage, weil es so ländlich im Nirgendwo gelegen ist. Das ist nicht negativ gemeint, die Stadt befindet sich bloß einfach nicht auf den großen Kreuzwegen der nationalen Infrastruktur. Und so muss man sich natürlich Gedanken machen, wenn man Interessante Leute anlocken will. Das ist das Talentproblem. Deswegen sollte Oldenburg sich profilieren. Und die große Frage ist natürlich: Wie? In der Außenwelt hat man nicht unbedingt das Gefühl, dass Oldenburg ein starkes Profil hat. Das heißt nicht, dass die Lebensqualität schlecht ist. Wahrscheinlich ist sie sogar sehr gut. Aber man könnte sagen, dass ein bisschen mehr Profil nicht schaden könnte. Und da würde ich vorschlagen, dass Oldenburg die weitere Welt einfach ein bisschen überrascht. Ich fände es gut, wenn es öfter mal dazu kommt, dass die Leute sagen: „Das hätte ich ja nie gedacht. In Oldenburg? Wo liegt das denn genau? Wie komme ich dorthin?“ Solche Reaktionen würde ich mir wünschen. PROGRAMM DS GOETHE INSTITUTS CITIES AHEAD: CULTURE, CREATIVITY, COMMUNITY Nein, Charles Landry war nicht in Oldenburg, weil der Ruf unserer Stadt durch die Welt der Städteforschung schallt. Aber warum dann? Ganz einfach: Weil man ihn buchen kann. Das Goethe Institut bietet in Kooperation mit Landry das Cities Ahead-Programm an, das von Oldenburg im September 2024 in Anspruch genommen wurde. Worum es dabei geht? Erklären wir hier. Bekannte Gesichter: Die Oldenburger Kulturszene war beim Workshop mit Charles Landry ähnlich stark vertreten wie Politik und Verwaltung. Ein Zeichen? (Bild: Jörg Hemmen) Das Programm Cities Ahead begleitet ambitionierte europäische Kultur- und Kreativstädte auf Ihrem Weg zu mehr internationaler Sichtbarkeit und kultureller Anziehungskraft. In einer zweitägigen Akademie vermitteln renommierte Expert*innen Praxiswissen zu Themen der internationalen kulturellen Stadtentwicklung. Durch einen weltweiten Open Call erhalten Städte weitere Impulse aus der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Cities Ahead Academy umfasst Fachworkshops zur Schulung der lokalen Verwal- tungs- und Kulturakteure im Bereich der internationalen kulturellen Stadtentwicklung. International renommierte Fachexpert*innen (u.a. Charles Landry) vermitteln Impulse für die kulturelle Transformation in den teilnehmenden Städten. Die Academy richtet sich an Vertreter*innen der Kulturverwaltung, Wirtschaftsförderung, Stadtplanung, Ämter für Internationale Beziehungen und Tourismus sowie Führungspersonal und Angestellte lokaler Kulturinstitutionen. Das ist ein interessanter Ansatz. Das Digitalzeitalter überflutet uns mit Informationen, vieles rauscht zwangsläufig an uns vorbei. Wenn wir aber irritiert oder überrascht werden, reagieren wir relativ stark. Das bleibt hängen. Ja, auf jeden Fall! Wir fokussieren unsere Sinne in diesem Moment. Vielleicht sind nur die ersten fünf Minuten überraschend, aber man ist dann wenigstens ganz da, schaut einfach oder denkt ein bisschen über das nach, was man gerade sieht. Und diese Überraschungen können ganz unterschiedlich sein. Zum Beispiel bei etwas Traditionellem wie einem wunderbaren Theaterstück, aber auch bei etwas Neuartigem wie einem Ideenfestival. Man muss den weiteren Kultur-Begriff nutzen und gewissermaßen auch „seitwärts“ denken - wie bei meinem Beispiel mit dem BMX-Festival. Es werde Licht: Durch einen Leuchtturm wird man besser gesehen. Er hilft aber auch dabei, das eigene Umfeld besser wahrzunehmen. (Montage: Shutterstock/Kulturschnack) Es geht also darum, eine Spitze zu entwickeln, die auch von außen wahrnehmbar ist und die für die Stadt steht. Die allgemeine Lebensqualität eines Ortes kann von außen schließlich niemand erfassen. Das klappt für Oldenburg schon in Hannover nicht mehr. Ist die Komprimierung auf auf ein Event oder auf ein Merkmal deswegen ideal? Das ist eine gute Frage, eine komplexe Frage. Wenn man von Lebensqualität spricht, sind verschiedene Sachen sinnvoll und gut, aber relativ normal. Die haben keine große Außenwirkung. Aber man braucht ein paar Höhepunkte und deren Ausstrahlung. Das ist ein sehr passendes Wort, denn einerseits geht es darum, selbst besser sichtbar zu werden, andererseits aber auch darum, andere Sachen besser zu sehen. Dann sehe ich vielleicht auch die Stadtlandschaft und registriere, wie angenehm es ist, sich hier aufzuhalten und wie zufrieden das machen kann. Wenn man an Ausstrahlung denkt, dann muss es nicht zwangsläufig „hypervital“ oder hektisch sein. Es kann auch langsam aber stark sein. Wenn ich hier in Oldenburg für eine Strategie verantwortlich wäre, dann würde ich genau solche Sachen mischen, die etwas lauteren mit den etwas leiseren. Ich würde versuchen, das alles wie ein komplexes Bild aufzubauen. Charles Landry bei The Next Renaissance Conference im österreichischen Linz. (Bild: Tom Mesic, CC-BY 2.0) Mehr Neugier wagen Du hast im Laufe der Jahrzehnte unzählige Städte gesehen und sich Gedanken dazu gemacht. Wenn Du nur einen einzigen Ratschlag geben dürftest, was Städte vielleicht noch besser machen könnten, welcher wäre das? Ich habe ein Festival entwickelt, das Creative Bureaucracy Festival , was natürlich ein Oxymoron ist, also ein sich selbst widersprechender Begriff. Bürokratie und Verwaltung sind nicht immer schlecht, aber manchmal stecken sie in einer Art Gefängnis und kommen da nicht raus. Trotzdem gibt es dort natürlich fähige Leute und zu denen haben wir gesagt: Ihr habt auch Ideen, also her damit! Unsere Leitfrage ist dabei immer: „How do you move from a 'No, because“- to a 'Yes, if'-Culture?“. Wie bewegt man sich also von einem „Nein, weil“ zu einem „Ja, wenn“? Und genau das wäre mein Ratschlag an die Städte: Dass man offen sein sollte und dass man Neugier fördert. Denn daraus kann sich Einfallsreichtum entwickeln und dann vielleicht Kreativität und Innovation. Das kann der bundesdeutschen Bürokratie sicher nur gut tun. Und gilt das auch für Oldenburg im Speziellen? Oder hättest Du da noch einen anderen Ansatz? Oldenburgs größte Gefahr ist, dass die Stadt nie eine große Krise hatte. Natürlich gibt es auch hier Probleme, wie überall. Aber es ist nicht so ein krisenhafter Ort wie andere in Deutschland. In solchen Fällen besteht immer die Gefahr, dass sich die Leute ein bisschen zu bequem fühlen. Ich bezeichne das im Englischen als „Danger of graceful decline“, also die Gefahr eines würdevollen Abstiegs, der eher schleichend passiert und deswegen nicht so wahrgenommen wird. Alles gratis: Charles Landry bietet auf seiner Website eine ganze Reihe kürzer Veröffentlichungen mit jeweils ca. 70 Seiten zum freien Download an. Das ist sehr interessant. Wie viele Stunden bist Du denn bis jetzt in Oldenburg gewesen? I ch bin gestern angekommen, genauer gesagt um 19.30 Uhr. Die Analyse ist nämlich ziemlich treffend ist. „A Graceful Decline“ könnte tatsächlich eine Gefahr für Oldenburg sein. Es gab hier wenig Industrie, sodass nie die Herausforderung bestand, ganze Stadtteile umzunutzen. Das setzt ja immer kreative Potenziale frei, wie man in anderen Städte sieht. Oldenburg hatte es bequemer, aber dadurch wurde es schwerer, mal etwas richtig Neues zu machen. Ja, ganz genau, das ist wirklich der Fall! Diese Gemütlichkeit ist natürlich verlockend. Die Gefahr ist aber, dass man sich so ungeheuer entspannt, dass man irgendwann einschläft. Deshalb ist diese Spannung durch Krisen oder Transformationen vielleicht unbequem - aber genau richtig. Auf jeden Fall ist es nicht innovationsfördernd, wenn man immer ganz zufrieden ist. Dann fehlt der Druck. Das kennt jede:r aus eigener Erfahrung. Das ist auch eine wichtige Frage: Warum sollte man innovativ sein? Und ich glaube, man muss es sein. Aber nicht, um andauernd innovative Sachen zu machen, sondern um sich kontinuierlich zu fragen, was gut genug ist und was besser sein könnte. Das ist für mich der entscheidende Antrieb, um immer aufmerksam zu bleiben. Eine Creative City zu sein heißt nicht, dass ich vierundzwanzig Stunden am Tag kreativ sein muss, sondern dass ich immer bereit bin, mich zu hinterfragen. Ich habe mal eine Studie über Städte durchgeführt, die ungefähr die Größe von Oldenburg hatten. Die Städte hatten zwar ähnliche Ressourcen, aber die einen hatten sich besser enwtcikelt als die anderen. Warum? Weil sie sich eines gesgat hatten: „It's not okay to be okay.“ Für sich reichte es nicht aus, einfach nur mitzuschwimmen. Es wäre ein weiterer Rat von mir, zumindest die Frage zu stellen: „Is it okay to be okay?“ Diese Bereitschaft für Offenheit ist ungeheuer wichtig, denn dadurch kommt Lebendigkeit in die Stadt. Zuviel des Guten? In Oldenburg ist man im Großen und Ganzen zufrieden mit der Stadt. Ist das etwa ein Innovationshemmnis? (Bild: OTM) Geht es letztlich also um das Mindset, mit dem man Probleme, aber auch Potenziale betrachtet? Ganz früher war die Ästhetik wichtiger, dann kamen die Funktionalität und die autogerechte Stadt. Jetzt kann man vielleicht noch mal anders denken. Ja! Und man darf die Dinge dabei auch durchaus emotional sehen. Ich habe eine Reihe von kleinen Büchern veröffentlicht, die man sich von meiner Website downloaden kann, wenn man will. Darin geht es unter anderem um die „sensual landscape of a city“. Wie nimmt man eine Stadt sinnlich wahr? Wie fühlt sich das an, was ist das für Material, was ist in der Geruch? Es geht darum, die Stadt mit allen Sinnen zu erfassen - und das ist dann auch kulturell. Die Kultur hat da was zu sagen. Wie ist es eigentlich, wenn Du selbst in einer neuen Stadt ankommst? Hast Du sofort einen Blick auf die Potenziale und Defizite? Oder ist letztlich alles austauschbar? Mein ersten Eindrücke sind ungeheuer wichtig. Wie kommt man am Bahnhof an? Wie fühlt man sich, wenn man aus dem Bahnhof rausgeht? Wie wirkt der öffentliche Raum? Es zählen aber auch die letzten Eindrücke. Man kennt das ja aus dem Marketing: Die schlechteren Sachen erzählt man sechs Leuten, die besseren Sachen nur drei Leuten. Für mich bleibt die Aufgabe hoch interessant, weil jede Stadt ein klein wenig anders ist. Ich werde zwar älter und älter und älter und ein wenig ändert sich meine Wahrnehmung. Aber: Ich bin nicht gesättigt! Wenn es so wäre, müsste ich aufhören. Dann müsste ich in Pension gehen. Einfach mal die Welt überraschen Von einer Pensionierung, so viel steht nach diesem Gespräch fest, ist der 76-jährige Charles Landry weit entfernt. Im Grunde ist er selbst der beste Beweis für seine Thesen. Denn weil er mit immer neuen Einflüssen und Impulsen zu tun hat und weil er in regem Austausch mit sehr viel jüngeren Menschen ist, bleibt er voll auf der Höhe der Zeit und gedanklich äußerst agil. Vielleicht wird der Name des Städteforschers auch in Zukunft bei vielen Kulturfans nur Schulterzucken hervorrufen. Aber besser wär's, wenn nicht. Seine Ansichten und Ratschläge können auch für Oldenburg äußerst hilfreich sein. Und wenn die lokale Kultur dabei als Leuchtturm agiert, hätte wahrscheinlich niemand etwas dagegen. Also: Lasst uns die Welt überraschen!

  • STAATSAKT #4: MACBETH

    Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Vierhundert Jahre alt, trotzdem hochaktuell: „Macbeth“ von William Shakespeare hat keinerlei Patina angesetzt . (Bild: Stephan Walzl) Es gibt Theaterstoffe, deren Titel jede:r schon mal gehört hat - vollkommen unabhängig davon, wie stark die Passion für die Bühne ist. Erstaunlich viele von ihnen stammen von einer einzigen Person. Ob „Romeo & Julia“, „Hamlet“ oder „Der Sommernachtstraum“ - sie alle wurden geschrieben vom Engländer William Shakespeare (1564-1616). Man tritt niemanden anderem zu nahe, wenn man ihn als den Theaterdichter schlechthin beschreibt. Zumal wir bei dieser Aufzählung ein weiteres Werk ausgelassen haben, dessen Titel jede:r kennt: „ Macbeth “. Die Tragödie um den schottischen Adelsmann und Königsmörder stammt zwar aus dem frühen 17. Jahrhundert, ihre herausragende Qualität ist aber ihre Zeitlosigkeit. Die Kombination aus Machtgier, Intrigen und Wahnsinn wirkt in der Gegenwart ebenso stark wie in der Vergangenheit. Aber wie erfindet man ein tausendfach gespieltes Stück heute noch einmal neu? Und kann eine Tragödie auch mal Witz vertragen? Das alles und noch mehr hat uns die 30-jährige Dramaturgin Elisabeth Kerschbaumer verraten. Ihre Antworten lest ihr hier - im Kulturschnack Staatsakt Nr. 4 . OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER MACBETH TRAGÖDIE VON WILLIAM SHAKESPEARE MI 18. DEZEMBER, 20 UHR ( TICKETS ) SO 22. DEZEMBER, 15.30 UHR ( TICKETS ) SO 29. DEZEMBER, 18.30 UHR ( TICKETS ) SO 5. JANUAR, 18.30 UHR ( TICKETS ) FR 10. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) SA, 11. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) MI 15. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) SA 18. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) DO 23. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) SA 25. JANUAR, 20 UHR ( TICKETS ) DI 4. FEBRUAR, 20 UHR ( TICKETS ) 30 MINUTEN VOR DEM JEWEILIGEN BEGINN DER VORSTELLUNGEN GIBT ES EINE KURZE STÜCKEINFÜHRUNG IM GLASHAUS KLEINES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG V I E R T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein kleines Foyer am Vormittag, im Haupthaus zur Roonstraße hinaus gelegen. Durch die bodentiefen Fenster fällt die strahlende Dezembersonne in den Raum und erzeugt ein lebhaftes Schattenspiel. Zwei Kultur-Redakteure bauen testen Perspektiven und Lichtverhältnisse. Die Gesprächspartnerin beantwortet auf ihrem Smartphone noch schnell die dringendsten Nachrichten - eine große Premiere steht kurz bevor. Stressresistent: Elisabeth hat sich kurz vor der Premiere von „Macbeth“ Zeit für unser Gespräch genommen. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Ihr seid gerade mitten in den Endproben, richtig? Sehr cool, dass du dir trotzdem die Zeit genommen hast! ELISABETH Ja, es ist ein bisschen was los gerade. ( lacht ) Aber ich mach das total gerne! KEVIN Kann losgehen, Kamera läuft! THORSTEN Okay, let's go! (Elisabeth und Thorsten setzen sich auf zwei Stühle an einem der großen Fenster. Unten sieht man den Verkehr über den Theaterwall rollen. An den Kameras werden die Aufnahmen gestartet. Das Gespräch beginnt) THORSTEN   „Macbeth“ gehört zu den absoluten Klassikern der Literatur und des Theaters. Jede:r hat davon schon mal gehört, viele kennen es auch aus der Schule. Wann bist du dem Stück denn zum ersten Mal begegnet? ELISABETH   Das war im Studium. Ich habe in Innsbruck Vergleichende Literaturwissenschaft studiert und hatte da immer elendslange Leselisten. Und dort tauchte dann tatsächlich auch „Macbeth“ auf. Ich musste es lesen, um im Kurs darüber sprechen zu können . THORSTEN   Den Titel kennen die meisten, aber worum genau es in „Macbeth“ geht, können viele wahrscheinlich gar nicht so genau beantworten. Oder Kevin? KEVIN  ( aus dem Hintergrund ) Nee! THORSTEN  Hab ich mir gedacht. Also, Elisabeth, kannst du das in wenigen Worten zusammenfassen? ELISABETH Ich versuch's. ( lacht ) Es geht um einen Kriegsherrn namens Macbeth, der aus dem Krieg zurückkommt und dann mysteriösen Schicksalswesen begegnet. Und die prophezeien ihm, dass er König werden wird. Getrieben von Machtlust kommt er nach Hause, erzählt das auch seiner Frau, und die beiden beschließen dann tatsächlich, den König zu töten, um dieses Schicksal so ein bisschen zu befeuern und schneller an den Thron zu kommen. Allerdings hat dieser Mord große Folgen für die innere Psychologie der Charaktere. Wir können im Laufe des Stückes zwei Figuren - und vor allem eben Macbeth - dabei zusehen, wie sie eine Art von Verfall durchlaufen. Farbgewaltig: Die „Macbeth“-Inszenierung von Regisseur Malte Kreutzfeld geizt nicht mit starken visuellen Reizen. (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN    In dem Stück gibt es das volle Programm an Macht, Gier, Wahnsinn, Tod. Das kommt mir ein bisschen bekannt vor. Ist „Macbeth“ eine Art Vorbild für Serien wie „ House of Cards “ und „ Game of Thrones ?“ ELISABETH   Auf jeden Fall! Das Stück hat im Laufe der letzten vierhundert Jahre kulturgeschichtlich wahnsinnig viel beeinflusst. Es ist spannend, immer wieder zu gucken, wo die Motive aus „Macbeth“ heute wieder auftauchen. Leider muss man auch sagen, dass das nicht auf die Kultur beschränkt ist. Wir sehen im realen Leben viele Entwicklungen, die auch in „Macbeth“ aufgegriffen werden. THORSTEN Manches hat mich durchaus auch an die inzwischen beendete Ampelkoalition erinnert. Ist das Stück politisch? ELISABETH Unbedingt! Es ist eines der politischsten Stücke, die Shakespeare geschrieben hat. Wenn man sich genauer damit beschäftigt, wird man ständig an das erinnert, was auch heute auf der politischen Bühne passiert. Deswegen ist „Macbeth“ auch ganz bewusst auf dem Spielplan gesetzt worden, damit man diese Verknüpfung mit der Gegenwart hat. Und das löst sich total ein. Es ist sehr spannend, diese Parallelen zur Gegenwart ziehen zu können. THORSTEN Wie sind eigentlich die Reaktionen im Ensemble auf so einen Klassiker? Hört man dann eher „Oh, nicht schon wieder“ oder „Das wollte ich schon immer mal!“? ELISABETH Eher letzteres. Die Freude ist schon sehr groß. Was man hier aber dazu sagen muss: Es gibt einen Aberglauben, der sich um dieses Stück rankt. Und zwar, dass es Unglück bringt, wenn man es auf den Spielplan setzt. Schon das laute Aussprechen des Titels soll Unglück bringen. Wir haben es trotzdem auf dem Spielplan - und natürlich kommen wir nicht drum herum, auch den Stücktitel hin und wieder zu nennen. Aber die Reaktionen darauf sind tatsächlich sehr lustig. Man spielt ein bisschen mit diesem Aberglauben und kann sich darüber auch verständigen. Das macht eigentlich großen Spaß. Entspannter Talk: Elisabeth konnte den Reiz einer „Macbeth“-Inszenierung auch vierhundert Jahre nach der Entstehung gut erklären. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN I n den letzten vierhundert Jahren ist das Stück ja schon „ein paar Mal“ aufgeführt worden. Versucht man trotzdem, bei Regie und Dramaturgie noch einen neuen Ansatz zu finden? Oder geht das gar nicht? ELISABETH Ich glaube, es geht gar nicht so sehr um Abgrenzung. Tatsächlich war es Regisseur Malte Kreutzfeldt wichtig zu betonen, dass wir nicht alles neu erfinden. Aber; Natürlich arbeitet man immer aus der Zeit heraus. Natürlich wird man in der Konzeption beeinflusst von den Dingen, die in der Realität weltpolitisch stattfinden. Und das ändert sich selbstverständlich auch über die Jahre. Uns war es wichtig, einen Ansatz zu finden, der einerseits die Geschichte richtig erzählt, also wie Shakespeare sie geschrieben hat, der aber trotzdem lesbar macht, was man für das Heute mitnehmen kann. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 164 Gründe. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 4 Uraufführungen und 32 Premieren, dazu 7 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regeläßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Gibt es denn irgendwas, von dem du sagst: „Das sieht man woanders eher nicht, das ist etwas ganz Besonderes“? ELISABETH Wir spielen mit vielen Elementen. Wir nutzen den kompletten Bühnenraum und die Bühne ragt sogar ein bisschen in den Zuschauerraum hinein. Man ist also sehr nah dran, eben weil es weltpolitisch so brisant ist gerade. Zudem ist die Bühne doppelt beschichtet und eine dieser Beschichtungen löst sich mit der Zeit. Wir haben Wasser im Spiel, wir haben aber auch die Bühnentiefe genutzt. Das heißt, wir spielen auch mit Höhenunterschieden, konzentriert gefasst in eine tolle Lichtsituation. Die Kostüme verändern sich. Das Maskenbild ist ganz besonders, weil wir viel mit einem weißen Heilerdegemisch spielen. Es kommen sehr viele Sachen zusammen und dadurch entsteht an sehr vielen Stellen ein großer und bildstarker Theaterzauber.“ Effektvoll: Bei „Macbeth“ stehen nicht nur die Schauspieler:innen, sondern auch Maske, Kostüme und Bühne im Mittelpunkt. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Hättest du eine Vermutung: Was würde Shakespeare an eurer Inszenierung am besten finden? Und wo hätte er die Stirn gerunzelt? ELISABETH Befremdlich wäre für Shakespeare bestimmt, dass wir alles im Dunkeln spielen. Zu Shakespeares Zeiten fand in seinem Globe Theater alles bei Tageslicht statt. Man durfte dort keine Kerzen anzünden, weil sonst das ganze Theater abgebrannt wäre. Im Text ist es interessanterweise übrigens so, dass dort immer die Nacht angerufen werden muss. Es kommt ganz oft der Satz „Oh, komme Nacht“, weil die Leute es damals gewohnt waren, dass es immer taghell war. Sonst hätten sie nichts gesehen. Und deswegen musste man im Text erst sagen, dass es jetzt Nacht wird. Aber ich kann mir vorstellen, dass Shakespeare vielleicht an der einen oder anderen Stelle, die wir inhaltlich gut durchdacht haben, mitgehen oder vielleicht sogar d'accord gehen würde mit unseren Ideen. Erzähltalent: Dramaturgin Elisabeth Kerschbaumer spricht kenntnisreich, unterhaltsam und humorvoll über Shakespeares Tragödie „Macbeth.“ (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN I st es eigentlich einfacher, mit einem Stoff zu arbeiten, den alle kennen? Oder macht es das eher kompliziert, weil jede:r seine eigene Vorstellung mitbringt - einschließlich der Schauspieler:innen vielleicht? ELISABETH Es ist tatsächlich so, dass alle schon Interpretationsansätze mitbringen, denen man dann vielleicht ein bisschen widerspricht in der Konzeption. Am Ende ist es aber so, dass es ein gesamter Abend sein soll, der in sich geschlossen und konsequent ist. Und ich glaube, da geht man dann schon gerne mit, wenn sich Interpretationen ein bisschen verändern. Oder man sieht: „Ah, das wollten die in diesem Abend und das hat funktioniert.“ THORSTEN  Vor drei Jahren kam ja eine Verfilmung von „Macbeth“ ins Kino - mit Stars wie Denzel Washington und Francis McDormand. Wahrscheinlich lässt der sich jetzt irgendwo streamen . Warum soll ich trotzdem ins Staatstheater kommen? Was kann Theater, was Film nicht kann? ELISABETH ( strahlend ) Man ist hautnah dran. Es ist alles live. Bei jeder Vorstellung passieren Dinge, die vielleicht nicht ganz so geplant sind, die aber eben dieses Live-Moment ausmachen. Ein Fernseher steht im Wohnzimmer, aber im Theater befindet man sich gemeinsam mit anderen in einem Raum und ist ganz, ganz nah am Geschehen dran. Das macht es umso spannender, umso rasanter. Und ich glaube, das ist einfach ein tolles Erlebnis. THORSTEN Da kann Denzel nicht mithalten. ELISABETH Zumindest nicht auf dieser Ebene. ( lacht ) THORSTEN Nun ist Macbeth eine Tragödie. Ist es eigentlich schwerer, so etwas zu vermarkten als eine Komödie? Gerade jetzt in der Winterzeit, wo draußen eh alles dunkel und kalt ist? Oder macht das gar keinen Unterschied? ELISABETH Ich glaube, schwieriger zu vermarkten ist es nicht. Man muss hier aber dazusagen, dass „Macbeth“ keine klassische Tragödie ist, weil man einer Figur zuguckt, zu der man ein ganz ambivalentes Verhältnis hat. Das meiste, was Macbeth da macht, ist natürlich nicht so toll, aber: Wir versuchen trotzdem, den Weg zu zeigen, der ihn zu seiner Mordlust und schließlich zu seinem Verfall führt. Das ist besonders an dieser Tragödie, weil es einfach sehr spannend ist. Man könnte sogar sagen, dass es etwas Krimihaftes hat, nur dass man den Mörder vorher schon weiß. Man wird richtiggehend hineingezogen in diese Geschichte. Bühnenreif: Als Dramaturgin steht Elisabeth selbst zwar nicht auf der Bühne. Unser Eindruck war aber: Das könnte sie auch! (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Aber der Stoff ist ja schon ein bisschen düster und deswegen würde mich mal interessieren, auf einer Skala von 1 bis 10: Wie groß war die Versuchung, auch mal Scherze einzubauen, damit das aufgelockert wird? ELISABETH Zehn! Und es könnte sein, dass auch ein paar Scherze drin sind. Alle: ab. Uralt und hochmodern Ob leidenschaftlicher Theaterfan oder nicht: Den Namen „Macbeth“ kennen fast alle. Seine Geschichte ist vielen aber nur in groben Zügen bekannt. Dabei zeigt die Iszenierung am Oldenburgischen Staatstheater, wie zeitgemäß der vierhundert Jahre alte Stoff von William Shakespeare noch ist - gerade jetzt, in einer Zeit, in der viele alte Gewissheiten nicht mehr zu gelten scheinen. Es ist gleichermaßen faszinierend und furchterregend, dass man bestimmte Mechanismen aus dem 17. Jahrhundert unverändert im Alltag des 21. Jahrhunderts wieder entdecken kann. Diese Mischung aus ganz ambivalenten Eindrücken zeigt die ganze Wirkungsmacht des Theaters. Beim Schwanken zwischen Abscheu und Verständnis durchleben wir Macbeths Schicksal in uns selbst - und gehen randvoll mit intensiven Eindrücken nach hause. Bühne, Kostüme und Maske sorgen zudem dafür, dass der Besuch aus visuell lange nachhallen wird. Wie es gelingen kann, bei alledem auch noch Scherze einzubauen? Das erfahrt ihr nur, wenn ihr euch „Macbeth“ anseht. Und genau das ist es, was ihr unbedingt tun solltet - denn mehr kann zeitgemäßes Theater kaum bieten.

  • LITERATUR LIVE

    Wir alle lesen. Wir scrollen durch Newsfeeds und Liveticker, wir scannen Mails und Messages, wir überfliegen Content und Captions. Doch Lesen kann noch viel mehr sein. Ein wahres Erlebnis wird es, wenn Autor:innen ihre Werke live vortragen, mit Anekdoten und Hintergründen anreichern und mit dem Publikum in den Austausch gehen, In Oldenburg gibt es eine Institutionen für solche magischen Momente: Das Literaturhaus. Where the Magic happens: Literatur gewinnt häufig noch an Tiefe, wenn man die Autor:innen bei einer Lesung erlebt. (Bild: Kulturschnack / Canva-KI) Gewohnheiten haben ihre Tücken. Manchmal übersehen wir nämlich das Wichtigste in unserem Leben, weil es schlicht zu normal geworden ist, um es als besonders wahrzunehmen. Ein wenig gilt dieses Prinzip auch für das Literaturhaus Oldenburg . Jahr für Jahr konzipiert Monika Eden mit ihrem kleinen Team ein attraktives Lesungs-Programm, das auch in wesentlich größeren Städten für Furore sorgen würde- das hier in Oldenburg aber als beinahe selbstverständlich begriffen wird. Dabei ist es genau das nicht. Dass wir hier immer wieder eine überaus spannende, stets hochwertige Mischung aus großen Namen und neuen Stars erleben dürfen, ist beileibe kein Automatismus. Dahinter steckt akribische Arbeit, reger Austausch mit Verlagen, Agent:innen und Autor:innen sowie: viele, viele Lesestunden. Für Monika Eden ist nicht entscheidend, wie viele Follower:innen jemand auf Instagram hat, ob ein Buch gerade bei TikTok trendet oder wann sich ein:e Schriftsteller:in öffentlichkeitswirksam zu Themen der Zeitgeschichte äußert. Sie geht nach der literarischen Qualität. Und diese klare Prämisse ist es, die Lesungen des Literaturhauses stets zu einem Erlebnis macht. Starke Mischung, spannende Entdeckungen Das ist zum Jahresanfang 2025 nicht anders als sonst. Erneut hat das Literaturhaus sowohl anerkannte Größen der Literaturszene, aber auch etwas weniger bekannte Schriftsteller:innen für Oldenburg gewonnen. Alle bringen hochgelobte aktuelle Werke mit - und versprechen spannende, bewegende, unterhaltsame Abende im Wilhelm13 . Das ist: Literatur live! Zurück nach Hause: Michael Lentz präsentiert seinen Roman „Heimwärts“. (Bild: Victor Pattyn) SONNTAG, 12. JANUAR 2025, 11 UHR MICHAEL LENTZ: „HEIMWÄRTS“ WILHELM13 MODERATION: THOMAS BOYKEN Michael Lentz erinnert sich in „Heimwärts“ an die mitunter unheimlichen Jahre der alten Bundesrepublik. Zwischen Apfelkuchen und Zorn, zwischen Matchboxautos und Metaphysik spielt sich in seinem neuen Roman eine westdeutsche Kleinstadt-Kindheit ab. Regelmäßig rutscht dem Vater die Hand aus, oder man begegnet sich wortlos im Haus. Es gibt viel zu essen, und die Mutter sorgt für Ordnung und schlechtes Gewissen. Unterbrochen werden die Erinnerungen von der Stimme eines Kindes, das die alte Bundesrepublik nur noch vom Hörensagen kennt und mit all dem alten Kram heute nicht mehr viel anfangen kann. Ein besonderes Leseerlebnis verspricht Literaturkritikerin Meike Feßmann in der Süddeutschen Zeitung: „Dort, wo der Autor seine Intelligenz zum Schweben bringt, glücken ihm Bilder, in denen Intellekt und Gefühl eine Verbindung eingehen.“ Michael Lentz , 1964 in Düren geboren, lebt in Berlin. Autor, Musiker, Herausgeber. Zuletzt erschienen: der Roman »Schattenfroh. Ein Requiem« (2018), der Kommentar »Innehaben. Schattenfroh und die Bilder« (2020), der Gedichtband »Chora« (2023), der Roman »Heimwärts« (2024) sowie »Grönemeyer« (2024), alle bei S. FISCHER . Michael Lentz wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis. Für »Chora« und sein Gesamtwerk erhielt Michael Lentz den Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik 2024. LESEPROBE Epochal: Judith Kuckart präsentiert „Die Welt zwischen den Nachrichten“. (Bild: Burkhard Peter ) DIENSTAG, 21. JANUAR, 19.30 UHR JUDITH KUCKART: „DIE WELT ZWISCHEN DEN NACHRICHTEN“ WILHELM13 GESPRÄCH: REINAR ORTMANN Alles ist gewesen, nichts war genau so: „Am 17. Juni, Tag der Deutschen Einheit, wurde ich geboren. Ich blieb das einzige Kind. Am 2. Juni 1967 saß ich im Trikot des Kinderballetts vor der Tagesschau. Benno Ohnesorg war erschossen worden. Ich schlug meinem Vater während der Meldung auf's Knie: Papi, wenn ich groß bin, erschieß ich dich auch. 1977 schenkte mir meine Großmutter, Fließbandarbeiterin in einer Fabrik für Babybadewannen aus Plastik, zum Abitur 1.000 DM. 1989 stand ich in der Oper Duisburg zum letzten Mal als Tänzerin auf der Bühne. Eine wichtige und schüchterne Verlegerin saß im Publikum und meinte: Sie könnten auch mal einen Roman schreiben, Judith. Am 17. Juni 2024 steht der Titel für meinen neuen Roman fest. Und ich weiß, ab jetzt habe ich noch zwanzig grandiose Sommer vor mir - oder?“ Mit einer sprachlichen Dichte, die berührt, erzählt Judith Kuckart entlang ihrer Biografie und beleuchtet damit eine ganze, ihre Generation . Eric Brinkmann beschrieb seine Eindrücke bei WDR WestArt so: „Judith Kuckart verwebt aus Fantasie und Realität eine ›Welt zwischen den Nachrichten‹, die die Erfahrungswelt einer ganzen Generation lebendig werden lässt. “ Judith Kuckart , 1959 in Schwelm (Westfalen) geboren, lebt als Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin. Sie veröffentlichte bei DuMont den Roman ›Lenas Liebe‹ (2002), der 2012 verfilmt wurde. Ihr Roman ›Kaiserstraße‹ stand 2006 auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse, ihr Roman ›Wünsche‹ 2013 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt erschien ›Café der Unsichtbaren‹ (2022). Judith Kuckart wurde mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. . LESEPROBE Mithu Sanyal liest aus „Antichristie“. (Bild: Carolin Windel) SONNTAG, 26. JANUAR, 11 UHR MITHU SANYAL: „ANTICHRISTIE“ WILHELM13 GESPRÄCH: BIRTE LIPINSKI London 2022, die Königin ist tot! An den Trauernden vorbei rennt Durga: internationale Drehbuchautorin, Tochter eines Inders und einer Deutschen, und voller Appetit auf Rebellion und Halluzinationen. Erzählte Mithu Sanyals gefeiertes Debüt „Identitti“ von Identitätspolitik, fragt „Antichristie“ nach dem Kolonialismus und der Gewalt in uns allen. Durga soll an einer Verfilmung der überbritischen Agatha-Christie-Krimis mitarbeiten. Doch auf einmal ist es 1906, und sie trifft indische Revolutionäre, die keineswegs gewaltfrei wie Gandhi kämpfen. Und dann explodiert die erste Bombe. Was wäre richtiger Widerstand in einer falschen Welt? Niemand schreibt so aberwitzig, klug und liebend wie Mithu Sanyal. „Antichristie“ bringt die ganze Welt in die deutschsprachige Literatur. Hellauf begeistert äußert sich die Literaturkritikerin und Autorin Iris Radisch im Feuilleton der „ Zeit “: „ Ein vergleichbares postkoloniales Roman-Schwergewicht mit Dutzenden realhistorischen, hierzulande kaum bekannten, aber unablässig redenden und streitenden Besserwissern hat es in der deutschen Literatur noch nicht gegeben “ Mithu Sanyal wurde 1971 in Düsseldorf geboren und ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Kritikerin. 2009 erschien ihr Sachbuch "Vulva. Das unsichtbare Geschlecht", 2016 "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens". 2021 erschien bei Hanser ihr erster Roman "Identitti", der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises war und mit dem Literaturpreis Ruhr und dem Ernst-Bloch-Preis 2021 ausgezeichnet wurde. LESEPROBE Mit der feinen Klinge: Marica Bodrozic stellt ihr Buch „Das Hdrzflorett“ vor. (Bild: Peter von Felbert) MITTWOCH, 12. FEBRUAR, 19.30 UHR MARICA BODROZIC: „DAS HERZFLORETT“ WILHELM 13 GESPRÄCH: BERNADETTE MALINOWSKI Pepsi liebt das Leben und den flimmernden Schlaf des Sommers. Ihre Eltern arbeiten in Hessen und tauchen nur in den Sommerferien auf dem einsamen Hof des Großvaters in Dalmatien auf. Zeitweise kommt sie auch bei anderen Verwandten unter, doch wo immer sie ist, bleibt sie fremd. Nur in der Natur fühlt sie sich aufgehoben, verbringt, fasziniert von der Sprache der Vögel am Himmel, ihre Tage barfuß im Gras. Als die Eltern sie zu ihren Geschwistern in die Einzimmerwohnung in einem Dorf im Taunus holen, will Pepsi sofort wieder weg. Die vom Putzen rissigen Hände der Mutter sind zu keiner Zärtlichkeit fähig. Der Vater beginnt seine Tage mit Schnaps. Das neue Leben hält aber zugleich Dinge bereit, zu denen das Mädchen sich wie magnetisch hingezogen fühlt. Die Welt der Bücher und Buchstaben, die deutsche Sprache, in die sie sich so plötzlich und heftig verliebt wie später in Aleksandar. Doch als sie Abitur machen und studieren will, wird ihr das verboten, weil sie kein Junge ist. Es ist wie ein Stich ins Herz, ein Abschied - und zugleich ein Neubeginn. Voll des Lobes war Moderation Vivian Perkovic in der 3SAT Kulturzeit : „Marica Bodrozic’ Texte und auch dieser Roman sind eine Schule der Wahrnehmens, der kleinsten inneren Regungen bis zu großer Brutalität. Hier wird das menschlich Erbärmliche und das überzeitlich Grundsätzliche ergründet. Wie nebenbei erzählt Marica Bodrozic völlig unterbeleuchtete deutsche Migrationsgeschichte und das Erwachsenwerden einer starken Hauptfigur, mit literarischer Tiefe und raffiniertem Witz.“ Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien geboren. 1983 siedelte sie nach Hessen über. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays, die in über sechzehn Sprachen übersetzt wurden. Für ihr bisheriges Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis, dem Manès-Sperber-Literaturpreis für ihr Gesamtwerk sowie dem Irmtraud-Morgner-Preis. Marica Bodrožić lebt mit ihrer Familie als freie Schriftstellerin in Berlin und in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. LESEPROBE Nachspielzeit: Sabine Peters liest aus ihrem neuen Buch „Die dritte Hälfte“. (Bild: Jutta Schwöbel) DIENSTAG, 18. FEBRUAR, 19.30 UHR SABINE PETERS: „DIE DRITTE HÄLFTE“ WILHELM 13 MODERATION: MICHAEL SOMMER Manchmal sitzt Doc, der eigentlich Hermann Dik heißt, nach seiner Arbeit in der Praxis abgekämpft zu Hause und schwänzt sogar die Sportgruppe; es hapert mit seiner Work-Life-Balance. Dabei ist sein Job kurzweilig: Tür auf, einer raus, einer rein – und dann noch Hausbesuche. Seine Angestellte Christine hat sechs Beine und Arme, sie hält den Laden am Laufen. Doc hört die Geschichten der Patienten; Herr Viersen hat keine Zeit für den Bandscheibenvorfall, während Frau Glüsing sich extra schick für den Arzt anzieht und Frau Bültjer im Altenheim an ihr Ende geht. Am Feierabend erwartet Doc keine liebende Frau, denn die ist tot; aber seine Schwester meint es gut mit ihm und bestellt ihn zum Familienfest. Die Welt ist bunt, sagt sich Doc, wenn seine Nachbarin Mechthild und ihr Sohn, ein junger Aktivist, bei ihm vorbeischneien. Und es gibt schließlich auch den Studienfreund Brummer, mit dem Doc über das Älterwerden, über Niederlagen und Aussichten quatscht. Sabine Peters skizziert vier Generationen, die aufgrund ihres Alters und ihrer Arbeit einen je eigenen Blick auf die Zustände haben. Doc, mittendrin, ist ein melancholischer Held, aber er ist nicht allein. Ein behutsames, menschenfreundliches Buch - befand auch Literaturwissenschaftlerin Franziska Hirsbrunner im SRF Literaturclub : „Sabine Peters schreibt nahe an der Realität. Sie fächert ein packendes Wimmelbild auf und erzählt die Geschichte ihres Protagonisten und die der Menschen um ihn herum mit leichter Hand und Spass am rasanten Dialog. Immer wieder erlaubt sie dabei überraschende Blicke auf das Tabu-Thema Alte“ Sabine Peters , geb. 1961, studierte Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie in Hamburg. Nach einigen Jahren im Rheiderland lebt sie seit 2004 wieder in Hamburg. Neben Romanen, Erzählungen, Hörspielen schreibt Sabine Peters auch Essays und Kritiken. Sie wurde ausgezeichnet u.a. mit dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, dem Clemens-Brentano-Preis, dem Evangelischen Buchpreis und dem Georg-K.-Glaser-Preis. 2016 erhielt sie den Italo-Svevo-Preis. LESEPROBE

  • STAATSAKT #5: DIE VÖGEL

    Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Keine Möwen weit und breit: „Die Vögel“ von Walter Braunfels haben nichts mit Hitchcocks Thriller zu tun. (Bild: Stephan Walzl) Die Vögel? Bei diesem Titel denken die meisten an Alfred Hitchcocks Thriller-Meisterwerk aus dem Jahr 1963. Es gehört zu den absoluten Klassikern des Genres. Doch die gleichnamige Oper hat nichts mit den Möwen aus der Bodega Bay zu tun. Der zeitweise gefeierte, heute aber vergleichsweise unbekannte Komponist Walter Braunfels (1882-1954) schrieb sie bereits in den Jahren 1913 bis 1919 - und griff dabei auf eine antike Komödie von Aristophanes zurück, die über zweitausend Jahre alt ist. Alter Stoff also? Mitnichten. Entstanden ist nämlich ein Werk, das sich musikalisch durchaus auf dem Niveau deutlich bekannterer Namen bewegt - und das auf beinahe prophetische Weise die Entwicklungen der Jahre ab 1933 vorwegnahm. In dem Stück geht es nämlich nicht etwa um ornithologische Merkwürdigkeiten - sondern um Machtverschiebungen, wie sie derzeit überall auf der Welt passieren. Im Kulturschnack Staatsakt Nr. 5 haben wir mit der amerikanischen Sopranistin Penelope Kendros über das zeitlos aktuelle Stück gesprochen - und dabei auch einiges über Operngesang und Erdnussbutter gelernt. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER DIE VÖGEL OPER VON WALTER BRAUNFELS LIBRETTO NACH ARISTOPHANES DI 28. JANUAR, 19.30 UHR ( TICKETS ) SO 2. FEBRUAR, 19.30 UHR ( TICKETS ) FR 7. FEBRUAR, 19.30 UHR ( TICKETS ) SO 2. MÄRZ, 18 UHR ( TICKETS ) SO 9. MÄRZ, 18 UHR ( TICKETS ) SA 14. JUNI, 19.30 UHR ( TICKETS ) DO 26. JUNI, 19.30 UHR ( TICKETS ) 30 MINUTEN VOR DEM JEWEILIGEN BEGINN DER VORSTELLUNGEN GIBT ES EINE KURZE STÜCKEINFÜHRUNG IM GLASHAUS GROßES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG F Ü N F T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein Foyer am zur Mittagszeit, im zweiten Geschoss des Haupthauses oberhalb des Theaterwalls gelegen. Weißer Mamor und Blattgold verleihen dem hohen Raum einen neobarocken Eindruck. Zwei Kultur-Redakteure prüfen ein letztes Mal Einstellungen und technische Voraussetzungen. Die Gesprächspartnerin ist ein kleines bisschen aufgeregt - doch das legt sich schnell. Leidenschaftliche Sängerin: Penelope Kendos brilliert in „Die Vögel“ am Oldenburgischen Staatstheater in der Rolle der Nachtigall. (Bild: Kulturschnack) THORSTEN Penelope! Wie schön, dass du heute dabei sein kannst - so kurz vor dem großen Ereignis. PENELOPE Ja, die Premiere von „Die Vögel“ ist schon morgen. Das ist immer aufregend, auch wenn man es schon oft erlebt hat. THORSTEN Dann legen wir am besten gleich los, danach kannst du wieder deine Stimme schonen. KEVIN Alles bereit, kann losgehen! (Penelope und Thorsten setzen sich auf zwei Hocker vor einem Kamin. An den Kameras werden die Aufnahmen gestartet. Das Gespräch beginnt) THORSTEN   Bei „Die Vögel“ denken viele Menschen zu allererst an Alfred Hitchcocks Thriller. Aber darum geht es hier im Staatstheater natürlich nicht. Kannst du kurz beschreiben, wovon „Die Vögel“ handelt? PENELOPE   Es ist ein politisches Stück. Eine der Hauptfiguren - eine Lebemann namens Ratefreund - übernimmt das Reich der Vögel und erklärt sich selbst zum König. Er macht das durch Angst und Demütigung und bietet sich selbst als einzige Lösung an. Für mich als Amerikanerin ist das aktuell sehr relevant, aber das gilt leider auch für viele andere Teile der Welt. Das Thema war der Grund, warum die Nazis das Stück schnell verboten haben. Es gab aber noch einen weiteren, nämlich dass Walter Braunfels als sogenannter Halbjude angesehen wurde. Deswegen war seine Musik viele Jahre lang verloren. THORSTEN   „Die Vögel“ basiert ja auf einer antiken Vorlage, die schon über zweitausend Jahre alt ist. Auch die Uraufführung der Oper ist schon über hundert Jahre her. Ist dieses Stück nach all dieser Zeit immer noch hochaktuell? PENELOPE Ja, ich denke zurzeit ist es sehr aktuell. Nicht nur in Europa und Amerika, sondern eigentlich in der ganzen Welt. Das Thema Macht ist sehr relevant. THORSTEN   Die historische Basis für „Die Vögel“ war eine Komödie. Und Walter Braunfels beschrieb sein Werk im Untertitel - trotz des brisanten Themas - als ein „lyrisch-phantastisches Spiel“. Müssen wir viel lockerer werden im Umgang mit der großen Politik? PENELOPE   Nein, das glaube ich eigentlich nicht. Es gibt zwar durchaus lustige Momente in dem Stück, aber es ist mehr eine Tragödie. Am Ziel? Dem Lebemann Ratefreund gelingt es, die Vögel zu verführen. Doch wird sein Erfolg von Dauer sein? (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Was denkst du: Warum hat Walter Braunfels ausgerechnet die Vögel ausgewählt, um das Thema darzustellen? PENELOPE Ich vermute, weil es eine ganz andere Welt ist. Die Vögel sind sehr leichtgläubig und sehr unschuldig. Er konnte manche menschlichen Eigenschaften auf die Spitze treiben. Deswegen hat er sie gewählt. Echte Handarbeit: Der Prolog der Nachtigall aus dem Jahr 1913 - handgeschrieben vom Komponisten. (Bild: Erbengemeinschaft Walter Braunfels) THORSTEN   Apropos Vögel: Im Stück gibt es einen Wiedehopf, einen Zaunschlüpfer - und du bist die Nachtigall. Ich nehme mal an, sie steht als eine Metapher für bestimmte Eigenschaften. Kannst du beschreiben, was für ein Typ Vogel du auf der Bühne wirst? PENELOPE     Man denkt zunächst, dass die Nachtigall einfach eine schöne Sängerin ist, aber eigentlich trägt sie eine tiefe Traurigkeit in sich. Das sieht man besonders in der Szene zwischen dem eher verträumten Hoffegut, einem Freund Ratefreunds, und der Nachtigall. Es geht ja darum, was passiert, wenn man versucht, die Natur zu erobern. Hoffegut denkt, dass er komplett in die Nachtigall verliebt ist, aber eigentlich ist er von ihrem Lied verzaubert. Und die Nachtigall sagt: „Lieber Freund, bleibt wie du bist.“ Was sie damit meint: 'Du kannst von der Natur etwas lernen, Du kannst zuhören und genießen, aber du wirst mich nie komplett verstehen. Bleibe in deiner eigenen Welt.' Das ist mein absoluter Lieblingsmoment dieser Oper. THORSTEN Wie tief tauchst du denn in so eine Rolle ein? Wie sehr musst du dich mit dem Stück beschäftigen, damit du diese Rolle so fühlst, wie sie gedacht ist? PENELOPE Es ist immer eine Balance und ein Prozess. Es gab Momente in dem Proben, wo ich wirklich Tränen in den Augen hatte. Aber es ist meine Aufgabe als Künstlerin, das Publikum zum Weinen zu bringen und nicht alles für mich zu behalten. Obwohl es manchmal sehr schwierig ist. STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 164 Gründe. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 4 Uraufführungen und 32 Premieren, dazu 7 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regeläßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Konzentrierst du dich auf der Bühne eigentlich vor allen auf den Gesang? Oder denkt man die schauspielerische Ebene immer mit? PENELOPE Was die Gesangstechnik betrifft, ist die Nachtigall eine der schwierigeren Rollen, an denen ich gearbeitet habe. Man braucht viel Flexibilität in der hohen Stimmlage und auch lyrische Fähigkeiten in den mittleren und tiefen Stimmlagen. Deswegen ist das eine große Herausforderung, auf die man sich tatsächlich konzentrieren muss. Gleichzeitig sind der Text und die Musik so berührend. Man begibt sich voll und ganz in den Moment. THORSTEN   Mal ganz generell gefragt: Was empfindest du als schwierig auf der Bühne und was fällt dir leicht? PENELOPE  Wenn das Orchester sehr laut ist, ist es immer leichter. Wenn man dagegen allein ist und man das Gefühl hat, man sei nackt, dann kann das beängstigend sein. Es gibt durchaus ein paar Momente in dem Stück, wo ich wirklich allein bin. Farbenfroh: Das Bühnenbild gleich in seinen vielen bunten Facetten und Schattierungen de Gefieder eines exotischen Vogels. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Das werde ich wohl nie nachempfinden können, denn ich kann kein bisschen singen. Deshalb frage ich mich: Wie stellst du sicher, dass du immer den richtigen Ton triffst? Funktionieren deine Stimmbänder wie ein Instrument, das du anschlagen kannst? Oder gibt es an manchen Stellen auch eine Unsicherheit? PENELOPE   Ich hab viel geübt ( lacht ). Alles braucht natürlich seine Zeit. Wenn ich eine Rolle übernehme, dann fühlt es sich am Anfang immer so ein bisschen unbequem an. Aber dann proben wir sechs Wochen lang und am Ende des Prozesses fällt alles viel leichter als am Anfang. THORSTEN Man hört an deinem sehr guten Deutsch, dass du nicht erst seit gestern hier in Europa bist. Mittlerweile sind es zehn Jahre, zunächst in Österreich und seit drei Jahren in Deutschland. Erlebst du eigentlich immer noch Momente, in denen du denkst: Wow, das ist doch alles ganz anders hier als in meiner Heimat? PENELOPE  Ja, allerdings. Hier ist es einigermaßen normal, eine Opernsängerin zu sein. In Amerika ist das nicht so. Hier in Europa gibt es generell viel mehr Möglichkeiten für Kultur und für Musik. In den USA gibt es keine richtige Festanstellung für Sänger:innen. Das ist ein großer Unterschied! Sympathisch und sprachgewandt: Sopranistin Penelope Kendros gewährt uns einen Blick in ihren Alltag als Opernsängerin - in fast perfektem Deutsch. (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN Muss man als amerikanische Sopranistin den Weg nach Europa zwangsweise gehen, um Erfolg zu haben? Denkt man das bei einer Opernkarriere automatisch mit? PENELOPE Ich glaube ja. Es gibt hier einfach viel mehr Möglichkeiten für uns. Und für mich ist es richtig cool, jeden Tag zum Theater zu gehen, regelmäßig auf der Bühne zu sein und das Gefühl zu haben, dass es ein stabiler Job ist. It's a dream come true! THORSTEN Das ist also ein großer Vorteil. Gibt es denn auch etwas, was du sehr vermisst aus deiner Heimat? PENELOPE  (überlegt) Ja, es gibt diese Peanut Butter Cups , die ich wirklich sehr vermisse. (lacht) . Erdnussmus ist ein bisschen anders hier. THORSTEN Allerdings, da haben wir eindeutig Aufholbedarf! Du bist jetzt seit letztem Sommer in Oldenburg - und trotz des Erdnussbutterproblems noch hier. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie gefällt dir dein Leben hier? PENELOPE Zehn, absolut! (lacht) Ich liebe Oldenburg und fühle mich sehr wohl hier. Es ist ein Zuhause. Und es ist einfach eine coole Stadt - mit einem wunderschönen Theater ! THORSTEN ...und einem tollen Ensemble! Vielen Dank für die spannenden Einblicke! Alle: ab. Uralt und hochmodern Wer beim Kulturschnack Staatsakt genau aufpasst, hat es sofort gemerkt: Diese Überschrift gab es doch schon beim letzten Mal? Ja, ganz genau - und ganz bewusst! Denn genau wie „ Macbeth “ ist auch „Die Vögel“ erstaunlich gut gealtert. Technologisch mag die Welt von heute eine völlig andere sein als bei der Uraufführung im Jahre 1920, doch die Mechanismen der Macht sind häufig noch dieselben. Deswegen funktionieren die historischen Stoffe auf der inhaltlichen Ebene auch im beginnenden 21. Jahrhundert noch hervorragend. Noch wichtiger ist aber natürlich die Musik! Walter Braunfels mag kein so bekannter Name sein wie Tschaikowski, Verdi oder Wagner. Als Komponist steht er den berühmten Kollegen aber in nichts nach. Wenn man eine erfahrene Sopranistin wie Penelope von dem Stoff schwärmen hört, dann ist klar: Dieser Opernbesuch lohnt sich! Zudem ist „Die Vögel“ eine Entdeckung: Zwar wurden das Stück und sein Komponist früher frenetisch gefeiert, doch infolge des Verbots geriet beides zwischenzeitlich in Vergessenheit. Nun bietet sich die perfekte Chance, ein zentrales Werk von Walter Braunfels besser kennen zu lernen - und zu genießen.

  • DIE ZEITMASCHINE

    Wenn ein Museum seine Bestände digitalisiert, ist das eigentlich keine Meldung wert. Längst ist dieser Prozess Normalität geworden. Anders ist es jedoch, wenn das Stadtmuseum seine Bestände online stellt und mit diesem digitalen Gedächtnis Stadtgeschichte erlebbar macht. Schließlich geht es hier nicht um einige Kunstwerke, sondern um unsere städtische Identität. Spannend! Grüne Großstadt in Schwarz-Weiß: Im digitalen Archiv entdecken wir einige Gemeinsamkeiten und viele Unterschiede zwischen damals und heute. (Bild: Stadtmuseum Oldenburg) Oldenburg? Kennt man. Glaubt man zumindest. Doch wer sich nur das Hier und Jetzt anschaut, sieht höchstens die Spitze eines gigantischen Eisbergs der Geschichte. 917 Jahre ist es her, dass Oldenburg erstmals urkundlich erwähnt wurde. Seither sind über 330.000 Tage vergangen - und an jedem einzelnen von ihnen ist etwas Interessantes, Kurioses oder Wichtiges passiert. Was genau? Das kann man sich anlesen, indem man tagelang in dicken Wälzern schmökert oder alle entsprechenden Artikel auf Wikipedia querliest. Oder: Man klickt einfach mal auf die Seite des Stadtmuseums. Dort gibt es jetzt nämlich eine komfortable Datenbank mit digitaliserten Bildern und Werken aus dem Bestand. Nicht weniger als 3.000 sind es allein zum Start - und es werden fortlaufend mehr. Man kann munter drauflos stöbern oder gezielt suchen. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: es macht Spaß! Der Alltag als Attraktion Es gibt nicht etwa nur offizielle Urkunden und Dokument oder alter Ton- und Porzellanscherben zu bestaunen. Dabei würde sich auch unsere Begeisterung in Grenzen halten. Das Stadtmuseum bietet aber etwas anderes - nämlich die Geschichte des Alltags. Was im Augenblick des Geschehens belanglos wirkt, bekommt im Rückblick eine andere Bedeutung, denn es beantwortet die Frage: Wie haben die Menschen damals gelebt? Vielmehr ist es sogar so, dass gerade diese Momentaufnahmen viel mehr über frühere Zeiten aussagen als aufwändig inszenierte Aufnahmen. Damals ging's noch: Langlauf-Ski sieht man in Oldenburg heutzutage gar nicht mehr - im Jahr 1985 konnte man noch über die Ofener Straße gleiten. (Bild: Stadtmuseum Oldenburg / Paul Kreier) Letztlich sind es genau diese Einblicke in das normale gesellschaftliche Leben, das die User:innen am meisten interessiert. Der Abgleich zwischen Damals und Heute hat auch schon dem feinen Portal alt-oldenburg.de  zu stattlichen Nutzer:innenzahlen verholfen. Auch Ausstellungen zu diesem Themenbereich - wie etwa „ Zwischen Erinnerung und Inszenierung “ - laufen immer wieder erfolgreich. Zwar ist der Blick zurück auf Unwiderbringliches manchmal durchaus schmerzhaft. Das Zurückversetzen in vergangene Zeiten hilft aber immer dabei, das Verständnis für die Stadt und ihre Entwicklung zu steigern. Eine neue Museumskultur „Mit der Online-Sammlung machen wir einen großen Schritt zu einer weiteren Sammlungsöffnung, der uns mehr Austausch mit den Menschen in der Stadt ermöglicht“, freut sich Sammlungsleitu ng Franziska Boegehold-Gude über den Start. Die enge Einbindung der Bevölkerung ist für das Stadtmuseum Oldenburg längst entscheidend geworden. Immer wieder erhält das Team wertvollen Input oder Materialien von den Bürger:innen und kann seine Sammlung so noch näher an den Menschen orientieren. Voller Entdeckungen: Über dreitausend Werke warten darauf, von euch entdeckt zu werden. Manche von ihnen werden euren Blick auf Oldenburg verändern. (Bilder: Stadtmuseum Oldenburg) In diese Richtung zielt nun auch das Online-Archiv. „Unser Ziel ist eine für alle Bürgerinnen und Bürger frei und einfach zu erforschende Sammlung“, erklärt Museumsleiter Dr. Steffen Wiegmann . Aber das ist noch nicht alles: Man kann die Sammlung selber weiter aufwerten. Wer Fehler findet oder weitere Informationen zu einem Objekt hat, kann sich direkt ans Stadtmuseum wenden. Also: Macht mit ! Und wer selbst über größere fotografische Sammlung verfügt, kann sich ebenfalls dort melden. EWer weiß, vielleicht lagern die wertvollsten Bilder der Stadtgeschichte in euren Archiven? Zusätzlich zur komfortablen Suchfunktion wir es immer wieder kuratierte Sammlungen geben, zum Start im Januar unter dem Titel „ Oldenburg friert nicht “ eine jahreszeitlich passende Auswahl an Bildern, die frühere Oldenburger Winter zeigen. Jeden Monat werden dazu Postkarten mit Motiven aus der jeweiligen Sammlung erscheinen, die an verschiedenen Orten in der Stadt ausliegen. Also: Augen offen halten - und Stadtgeschichte sammeln. Amalie? Cäcilie? Wer im digitalen Archiv des Stadtmuseums unterwegs ist, lernt dabei auch, dass es zwei baugleiche Hubbrücken über den Küstenkanal gab. (Bild: Stadtmuseum Oldenburg) Blick zurück nach vorn Nicht zuletzt liegen die Antworten auf die Fragen der Gegenwart manchmal auch in der Vergangenheit. Natürlich stellen sich heute ganz andere Herausforderungen als in früheren Jahrhunderten. Über KI und Klimawandel hat damals niemand nachgedacht. Was das Gespür für Gestaltung und Ästhetik betrifft und was den Fokus auf die zwischenmenschlichen Bereiche des Lebens angeht, lohnt sich der Blick in die Geschichte aber immer. Zumal er einen besonderen Vorteil hat: Lässt man sich von der Lokalgeschichte inspirieren, importiert die entsprechenden Ideen nicht von sonstwoher, sondern aus der eigenen Vergangenheit. Authentischer kann es gar nicht sein. Man muss das Angebot des Stadtmuseums aber gar nicht inhaltlich überfrachten. Am wichtigsten ist der Spaß an der Sache. Wenn man sich langsam in den historischen Aufnahmen oder Artefakten verliert, und wenn man auf Bildern wie jenem ganz oben detektivisch die Unterschiede zur Gegenwart aufspürt, dann fühlt man sich tatsächlich wie in einer Zeitmaschine. Also steigt ein und macht euch auf eine Entdeckungsreise in die Oldenburger Geschichte. Und wenn ihr fertig seid, geht's zurück in die Zukunft!

  • ZAHLTAG: EIN MEILENSTEIN

    Es war im März 2022. Damals tippten wir die ersten Zeichen des ersten Beitrags, der je auf unserer Kulturschnack-Seite erschien. Das ihm 499 weitere folgen sollten? Und dass bis dahin nur etwas mehr als eintausend Tage vergehen würden? Daran haben wir keinen Gedanken verschwendet. Und dennoch ist es genau so gekommen. Ein Meilenstein: Unsere 500 Artikel ergeben insgesamt über 40 Stunden durchgehende Lesezeit. (Bild: Kuturschnack) Ziemlich genau drei Jahre sind sie nun her, die Anfänge des Kulturschnack. Genauer gesagt feiern wir am 17. März 2025 unseren dritten Geburtstag. Bis dahin existieren wir genau 1.095 Tage - und werden über 500 Artikel veröffentlicht haben. Wir hatten diese Zahlen ehrlich gesagt gar nicht auf dem Schirm. Unser Content Management System hat sie uns ungefragt angezeigt - und damit ziemlich überrascht. Unsere erste Reaktion war: Wow! Wahnsinn! Aber man darf ja durchaus die Frage stellen, ob das nun viel ist oder wenig. Und unsere klare Antwort lautet: beides! Einerseits ist es viel - weil an jedem zweiten Tag (inklusive den Wochenenden) tiefgründiger Content erschienen ist, der neben Informationen auch Background und Kontext bietet. Für den also Interviews und Recherchen nötig waren - und ein kleines bisschen Kreativität. 99,9 Prozent unserer Texte, Bilder, Layouts und Posts sind nämlich human-made. Andererseits ist es aber auch wenig - weil gleichzeitig vieles andere passiert ist, das wir nicht ausreichend würdigen konnten. Mit etwas mehr Zeit hätten wir in derselben Spanne auch tausend Artikel veröffentlichen können - an Anlässen und Inhalten hätte es nicht gemangelt. Menschen und Geschichten Natürlich würden wir uns wünschen, alle - wirklich: alle - Aspekte der Oldenburger Kulturlandschaft auf unserer Seite abzubilden. Also: Personen, Institutionen, Veranstaltungen, Ideen und Visionen. Und das bleibt auch unsere Mission! Wir müssen allerdings akzeptieren, dass es natürliche Grenzen gibt. Zwei Teilzeit-Stellen reichen schlicht nicht aus, die gesamte Vielfalt abzubilden. Und das ist doch etwas Schönes: Dass in Oldenburg viel zu viel passiert, um es mit überschaubarem Aufwand darzustellen. Und mit „darstellen“ meinen wir nicht nur die bloßen Hinweise auf Veranstaltungen. Wir meinen damit auch - bzw. vor allem - deren Entstehung, also die Menschen und Geschichten hinter dem Event. Das macht sie erst so richtig spannend und hilft uns dabei, sie besser verstehen und genießen zu können. Häufig brauchen wir gerade solche Informationen, um überhaupt zu erkennen, ob uns ein Format gefällt oder nicht. Nun ist unser Input aber nur eine Seite des Deals. Wir könnten so viele Artikel veröffentlichen, wie wir wollen - wenn sie keiner liest, nutzt das nichts. Aber: Das ist natürlich nicht der Fall. Unser CMS weist bis Februar 2025 nicht weniger als 55.242 Beitragsansichten aus. Und die Besucher:innen kommen nicht nur oft, sondern bleiben auch lang - durchschnittlich nämlich 15 Minuten und 28 Sekunden . Das reicht manchmal nur für einen Artikel, wenn Thorsten sich mal wieder gehen lässt und Interviews in epischer Breite veröffentlicht. In der Regel schafft man in dieser Zeit aber zwei bis drei. Nebenbei haben wir es bei Instagram inzwischen auf rund 3.000 Follwer:innen gebracht. Für eine derart spitze Zielgruppe, wie wir sie haben - nämlich Kulturinteressierte aus Oldenburg - ist das eine sehr ordentliche Abdeckung. Auch hier gilt natürlich: Mehr geht immer. Aber da man Meta immer skeptischer sehen muss, spielt der Zuwachs hier für uns eine untergeordnete Rolle - zumal der Traffic sowieso vor allem über Google zu uns kommt. Dank an die Kulturszene Gehen wir nochmal kurz zurück zum 17. März 2022. An jenem Dienstag haben wir den Kulturschnack im Kulturausschuss präsentiert und live online geschaltet - standesgemäß mit einer Panne! Auch danach blieben wir von kleineren und größeren Problemen nicht verschont. Dennoch dürfen wir heute einigermaßen zufrieden feststellen, dass der Schnack inzwischen felsenfest etabliert ist. Die wenigen Zweifler:innen, deren Stimmen man anfangs hier und da vernahm, sind jedenfalls sehr leise geworden. Dem gegenüber stehen zahlreiche dankbare Äußerungen unserer vielen Gesprächspartner:innen. Und wir danken an dieser Stelle zurück! Denn im Mittelpunkt stehen nicht wir, sondern die Oldenburger Kultur. Wir setzen die Szene in Szene - und das können wir nur, weil sie unglaublich viele spannende Veranstaltungen und Formate erdenkt und umsetzt. Für eine Stadt unserer Größe ist das der Wahnsinn. Fünfhundert Artikel in etwa tausend Tagen. Klar wäre mehr möglich gewesen, aber wir denken: Das kann sich sehen lassen. Wir sind jedenfalls stolz darauf, der Oldenburger Kultur an jedem zweiten Tag zu mehr Sichtbarkeit und mehr Verständnis verholfen zu haben. Für uns ist klar: So machen wir weiter! Zwar werden wir niemals das Ziel erreichen alles abzudecken - but we'll die trying!

  • NUR KI-NE ANGST

    Die künstliche Intelligenz ist das größte technologische Thema unserer Zeit. Mit ihr gehen viele Hoffnungen und noch mehr Ängste einher, eher kurz-als mittelfristig aber auch enorme gesellschaftliche Verwerfungen. Eine „Artificial General Intelligence“ (AGI) würde Millionen Arbeitsplätze kosten. Schön ist es deshalb, wenn wir uns vorerst noch mit harmlosen Spielereien beschäftigen dürfen - wie der Begegnung des zutiefst analogen Zeichengenies Horst Janssen mit den Möglichkeiten der KI. Was Janssen von KI gehalten hätte, wissen wir nicht. Was die KI von Janssen hält, allerdings schon. Was genau? Das erfahrt ihr jetzt im Horst-Janssen-Museum. (Bild: Horst-Janssen-Museum/Kulturschnack) Ausgerechnet Janssen! Man darf sich fragen, was der begnadete, häufig aber auch unberechenbar irrlichternde Künstler zum Thema KI wohl gedacht hätte. Wäre ihm die kalte digitale Effizienz zuwider gewesen? Oder die Tatsache, dass unabhängig vom Talent plötzlich jede:r Kunst schaffen könnte? Oder hätte er es geliebt, seine überbordende Kreativität auf Knopfdruck in Bilder verwandeln zu können? Wie wissen es nicht. Einiges spräche aber für ersteres. Effizienz gehört nämlich nicht zu den Dingen, die Janssen besonders faszinierend fand. Zwar arbeitete er selbst manisch und entwickelte dadurch eine enorme Produktivität. Es ging ihm dabei aber nie darum, ein Bild zu erschaffen, sondern vielmehr seine Gedankenwelt zu Papier zu bringen. So wie Janssen zeichnen? Könnte keine KI, ohne dass es einen wie ihn gegeben hat. Was die Begegnung umso spannender macht. HORST-JANSSEN-MUSEUM DIE NEUE DAUERAUSSTELLUNG: HORST JANSSEN NEU ENTDECKT UND KI-GECHECKT AB DEM 14. FEBRUAR 2025 HORST-JANSSEN-MUSEUM AM STADTMUSEUM 4-8 26122 OLDENBURG Genie und Wahnsinn Janssens Begegnung mit der künstlichen Intelligenz ist Teil der Dauerausstellung „Horst Janssen - neu entdeckt “. Dreimal pro Jahr werden die Werke dort ausgetauscht und inhaltlich neu ausgereichtet. Seit dem 14. Februar liegt der Schwerpunkt auf Selbstportraits - und eben jener KI-Station. Die Kombination ist einfach der größtmögliche Kontrast: Das Unikum Janssen, ein menschliches Kaleidoskop mit unzähligen Ecken und Kanten, vielleicht der Inbegriff der leidenden Künstlerseele, trifft auf eine digitale künstliche Intelligenz, die sich allein auf kalte Algorithmen beruft, die Kunst zu einer Wahrscheinlichkeitsrechnung degradiert. Hier prallen tatsächlich zwei Welten aufeinander. Aber mit welchem Ergebnis? In seinem Metier: Digitalkünstler Gordon Endt entwickelte für die Kunstschule eine begehbares Kunstversion von Oldenburg - nun ließ er eine KI Horst Janssens Werke analysieren. (Bild: Horst-Janssen-Museum) Ein durchaus Überraschendes, wie Digitalkünstler Gordon Endt festgestellt hat. Der ehemalige Stipendiat der Oldenburger Kunstschule und Absolvent der HBK Braunschweig hat gewissermaßen den Vermittler gespielt und Janssen auf ChatGPT treffen lassen. Er hat die KI insgesamt 31 Janssen-Werke analysieren lassen. Dabei hat er genaue Rahmenbedingungen vorgegeben: Die Analyse soll u.a. nicht länger als 50 Wörter sein und die KI soll beurteilen, wie ihr das Bild gefällt. Die Besucher:innen können nun Bildkarten auswählen und in den grauen Kasten der KI-Station hineinschieben. Daraufhin wird die Interpretation der KI angezeigt und vorgelesen. Ausstellungs-Kuratorin Dr. Jutta Moster-Hoos sieht Möglichkeiten und Grenzen: „Es ist wirklich spannend, was eine Künstliche Intelligenz in den Werken von Janssen nicht nur erkennt, sondern auch atmosphärisch beschreiben kann. Lachen musste ich angesichts der verwendeten Phrasen, die leicht als ‚Kunsthistoriker-Sprech‘ zu entlarven sind.“ Nur ein weiteres Tool? Über KI in der Kunst sprachen (vlnr) Prof. Dr. Tobias Vogt (Institut für Kunst und visuelle Kultur der Uni Oldenburg), Dr. Jutta Moster-Hoos (Leiterin des Horst-Janssen-Museums), Dr. Tim Cofala (Informatiker, der über KI im Medikamentendesign promoviert hat) und Dr. Anna Heinze (Direktorin des Landesmuseums Kunst & Kultur) bei den Kolleg:innen von Oeins. Aber vielleicht ist das Ergebnis doch nicht so überraschend. Man mag zur Person Horst Janssen stehen, wie man will; und es gibt ja guter Gründe, ihn als Mensch kritisch zu sehen. Seine Kunst ist aber einzigartig. Auch wenn wir jüngst erstaunliche Parallelen zum Schaffen des inzwischen leider verstorbenen David Lynch erleben durften, bleibt Janssens Oeuvre in seiner Gesamtheit eine Welt für sich. Und deren Eigenarten bzw. Qualitäten lassen sich durch die Interpretation einer künstlichen Intelligenz nochmal neu entdecken. Schließlich hängen die 31 Werke im Umfeld der KI-Station an der Wand. Man kann also die „Erkenntnisse“ des Algorithmus mit den eigenen abgleichen und sich von Überschneidungen und Abweichungen faszinieren oder irritieren lassen. Und das ist ein Gewinn! Ein kühnes Wagnis Im Teaser-Absatz ist das Wort Spielerei gefallen. Und tatsächlich sind die Ergebnisse der Begegnung zwischen Janssen und ChatGPT zwar spannend, doch bleiben sie anekdotisch, flüchtige Momente des Probierens und Staunens. Trotzdem bietet die kleine KI-Station einen neuen Zugang zu Janssens Kunst. Wer sich mit dem Zeichengenie bisher nicht anfreunden konnte, findet hier einen niedrigschwelligen Einstieg - der zudem an das größte technologische Thema unserer Zeit andockt. Pastellkreide statt Programmiercode: Horst Janssens Blick auf „Anette liegend unter einer Patchworkdecke“ ist echte Handarbeit. Was wohl die Ki dazu sagt? (Bild: Horst-Janssen-Museum/Kulturschnack) Sowieso lohnt es sich immer, Janssen neu zu entdecken, wenn die Werke der Dauerausstellung getauscht werden. Immer wieder gibt es neue Facetten des Kaleidoskops Janssen zu entdecken - und so ist es auch dieses Mal mit den Selbstportraits und weiteren Beispielen seines rastlosen Schaffens. Der Weg ins Horst-Janssen-Museum lohnt sich nun aber auch wegen der neuen „Spielerei“. Es bleibt zwar ein kühnes Wagnis, ausgerechnet Janssen mit einer KI zusammenzubringen. Aber vielleicht ist es gerade der große Kontrast, der uns neugierig macht. Probiert es einfach mal aus. Nur KI-ne Angst!

  • ART MEETS SCIENCE

    Es gibt einen Mythos über unser Denken: In der rechten Gehirnhälfte passieren die kreativen Dinge, in der linken die vernünftigen. In Wahrheit aber gibt es keine starren Grenzen. Erst durch das Zusammenwirken beider Bereiche erzielen wir die besten Ergebnisse. Das weiß niemand besser als Dr. Geraint Rhys Whittaker. Der Artist-Researcher am Helmholtz Institut verbindet Wissenschaft und Kunst. Wer er ist? Und was das bringt? Das lest ihr hier. Bunter Vogel: Die bisherigen Projekte des walisischen Artist-Researchers Geraint Rhys Whittaker stießen zum Teil auf weltweite Resonanz. (Bild: Kulturschnack) Wissenschaft ist eine komplizierte Angelegenheit. Sie steht für Forschung, Experimente, Studien, Labore. Für die meisten Außenstehenden ist sie das berühmte Buch mit sieben Siegeln. Aber muss das so sein? Zwar wird man hyperkomplexe Sachverhalte nicht immer verständlich erklären können. Es gibt aber Wege, auch diejenigen für ein Thema zu begeistern, die nicht im entsprechenden Bereich promoviert haben. Einer dieser Wege ist die Kunst. Sie appelliert an andere Sinne als Forschungsergebnisse und Fachwissen. Über Ästhetik und Emotionen eröffnen sich neue Zugänge zur jeweiligen Materie. Das macht die Kunst zu einer feinfühligen Übersetzerin der Wissenschaft. Aber da ist noch mehr, wie Geraint Rhys Whittaker berichtet. Der gebürtige Waliser hat uns erzählt, wie Kunst beim Wissenstransfer hilft - und wie sie auch in eine ganz andere Richtung wirken kann. Ausgerechnet Oldenburg! Nein, vorherbestimmt war der Weg von Geraint Rhys Whittaker nicht unbedingt. „Oldenburg? Ich hatte nie davon gehört. Ich musste auf der Karte erstmal schauen wo das überhaupt ist“, erinnert er sich an jenen Moment im Jahr 2021, als ihm dieser Name erstmals begegnete. Mit Deutschland verband ihn bis dahin: gar nichts. Guter Sound: Geraint verstand sich viele Jahre in erster Linie als Musiker. Das ist er heute immer noch - aber mit einem neuen Twist. Mehr als zehn Jahre hatte er sich in erster Linie als Künstler verstanden, vor allem als Musiker. Geraint sang und spielte in verschiedenen Bands, drehte aber auch Kurzfilme und kreierte Sound-Installationen. „Wirtschaftlich betrachtet ist das allerdings nicht der einfachste Weg“, schmunzelt das Multitalent. „Deswegen habe ich parallel auch eine akademische Laufbahn eingeschlagen.“ Und die Mischung aus beidem sollte ihn schließlich nach Oldenburg führen. In Liverpool und Edinburgh studierte Geraint Sozialwissenschaften, im heimischen Cardiff machte er schließlich seinen PhD. Dennoch war die Künstlerseele zunehmend gelangweilt vom akademischen Betrieb und suchte nach neuen Betätigungsmöglichkeiten. Die Lösung nahte eines Tages in Form eines Anrufs. Am anderen Ende der Leitung: Kimberley Peters . Die renommierte Humangeografin war auf der Suche nach jemandem, der Forschung mit künstlerischen Ansätzen verbinden kann - und erinnerte sich an Geraints besonderes Profil. Genau wie er hatte sie einst in Cardiff studiert, ihr aktueller Arbeitsort lag jedoch nicht mehr im UK - sondern in Oldenburg, am Helmholtz Institut für Funktionelle Marine Biodiversität (kurz: HIFMB). Kann sich sehen lassen: Im August 2024 hat das HIFMB ein eigenes Gebäude im Technologiepark Wechloy bezogen. (Bild: HIFMB) Artist? Researcher? Beides! Der Anruf hatte eine Vorgeschichte. Das 2017 gegründete HIFMB verfügt über ein Führungsteam , das Tellerränder als Aufforderung versteht, über sie hinauszudenken. Als die Vereinten Nationen die Phase zwischen 2021 und 2030 zur „ Ozeandekade “ erklärten, um das Verständnis für die Weltmeere zu fördern, wurde das HIFMB zum offiziellen Netzwerkpartner und machte die Kunst zu einem zentralen Instrument. Seither gibt es dort nicht nur „ Artist in residence “-Fellowships, sondern auch eine Stelle für einen Artist-Researcher. Und als es darum ging, sie adäquat zu besetzen, klingelte in Wales ein Telefon. Sofort zugesagt hat Geraint damals allerdings nicht. „Ich hab eine Weile darüber nachgedacht. Es war einfach ein großer Schritt.“ Vor allem der Tausch der walisischen Steilküsten und Sandstrände gegen das norddeutsche Wattenmeer fiel ihm nicht leicht. Im April 2022 wagte er das Abenteuer schließlich doch - und wuchs in den folgenden Jahren in eine Rolle hinein, die er selbst erst definieren musste. „Konkrete Vorgaben gab es nicht“, erinnert sich der Waliser. „Das ist Fluch und Segen zugleich. Man hat alle Möglichkeiten, kann sich aber an nichts orientieren.“ Erstmal den richtigen Weg zu finden sei deutlich schwieriger gewesen, als schließlich die künstlerische Arbeit. Man on a Mission: Geraint ist überzeugt davon, dass Kunst einen positiven Einfluss auf die Forschung und auf das Verständnis von Wissenschaft hat. (Bild: HIFMB) Kunst trifft Forschung Nur eines war von Anfang klar: Es ging nicht darum, Kunst zu schaffen, die wissenschaftliche Themen einfach nur abbildet. „Es gib zwei Ebenen. Am Anfang steht die Zusammenarbeit zwischen mir und den jeweiligen Wissenschaftler:innen“, erklärt Geraint. „Dabei schauen wir jeweils aus unserer eigenen Perspektive auf den Prozess und stellen die Frage: Was können wir beitragen? Was können wir erreichen, indem wir unser Wissen zusammenbringen?“ Immer wieder stelle man dabei fest, dass Kunst und Wissenschaft sich ähnlicher seien, als man denkt. Mit seiner Arbeit hat Geraint also durchaus Einfluss auf die Forschungsarbeit - und löst manchmal sogar den berühmten Knoten im Kopf. „Es ist ein reziprokes, kollaboratives Verhältnis: Jeder beeinflusst den anderen, beide haben etwas davon.“ Und die andere Ebene? „Die beschäftigt sich mit dem Wissenstransfer. Also mit der Frage: Wie mache ich das, woran wir im HIFMB forschen, für die Allgemeinheit verständlich?“ Dabei gehe es aber nicht darum, die komplexe Materie in möglichst einfach Worte zu fassen. Es gehe um eine emotionale Wirkung: „Emotionen sind entscheidend für Engagement“, weiß Geraint. Und das sei wichtig, weil die Entwicklungen in den Ozeanen von allgemeiner Bedeutung seien. Dass die Kunst dabei zu einem reinen Kommunikations-Kanal verkommen könnte, glaubt Geraint nicht: „Kunst und Wissenschaft arbeiten gleichberechtigt an den Projekten. Dadurch entstehen neue Gedanken und Ansätze, keine bloße Abbildung von Forschungsständen.“ Alles still? Nein, am Polarkreis gibt es viele verschiedene Geräusche und Klänge - wie das Projekt „Polar Sounds“ zeigte. (Bild: AWI | Stefan Hendricks) Weltruhm für die „Polar Sounds“ Das erste Projekt fiel allerdings leichter als gedacht. „Ich habe damals mit Dr. Ilse van Opzeeland zusammengearbeitet. Sie ist Bioakustikerin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und sammelt Klänge aus der Arktis und Antarktis“, berichtet Geraint. Der Schall ist derjenige Sinneseindruck, der sich unter Wasser am weitesten ausbreitet. Die Forschenden setzen ihn ein, um die Artenvielfalt in den Polarmeeren besser zu verstehen. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir diese fremden Klänge mit der Welt teilen?“, erinnert sich Geraint - und fand die Antwort selbst. Unter dem Titel „ Polar Sounds: Remixing The Sounds Of The Arctic And Antarctic Seas “ stellte der Waliser fünfzig dieser polaren Klänge - von Eisbergen, Walen, Strömungen - Klangkunstschaffenden auf der ganzen Welt zur Verfügung, um sie neu zu interpretieren. Die Resonanz war enorm: Über 300 Bewerbungen aus 45 Ländern erreichten das HIFMB, 104 Werke wurden schließlich veröffentlicht - mit durchschlagendem Erfolg. „Es gab wahnsinnig viele Reaktionen darauf. Die britische BBC hat darüber berichtet, CBC aus Kanada, das französische Fernsehen war da, und und und“, erinnert sich Geraint. Besonders gefreut habe ihn, dass er in CBBC-Newsround gefeatured wurde, einem Nachrichtenformat für Kinder. „Ich konnte es nicht fassen. Ich hab die Show früher jeden Tag geschaut - und jetzt war ich plötzlich Teil davon!“ Über die große Resonanz freut sich auch seine Projektpartnerin Ilse van Opzeeland. „Wir müssen die größten Anstrengungen unternehmen, um die gefährdeten Lebensräume unseres Planeten zu schützen, zu erhalten und wiederherzustellen“, weiß die Wissenschaftlerin. „Das Zusammenwirken von Kunst und Wissenschaft kann dabei helfen, indem es dafür ein Bewusstsein und Aufmerksamkeit schafft.“ Im „Core“ die Gemeinschaft spüren Ein anderes Projekt schlug global betrachtet zwar keine Wellen, war aber in Oldenburg sehr erfolgreich: die „ Ocean Science Jams “. Geraint erläutert das Prinzip: „Es ist ein echter Jam-Abend. Wissenschaftler:innen präsentieren ihre Arbeiten als Slide oder Film auf einem Bildschirm und geben damit einen Impuls. Zu den Bildern oder Filmen machen die einen dann Musik, die anderen malen Bilder auf bereitgestellten Staffeleien.“ Erlaubt seien aber auch andere Arten des Ausdrucks, alle Formen der Reaktion seien erwünscht. Zu den bisher drei kostenfreien Veranstaltungen seien über dreihundert Gäste gekommen. Und auch für die Beteiligten waren die Jams ein Gewinn: „Ich wusste nicht genau, was ich erwarten sollte“, erinnert sich Mikrobiologe Dr. Florian Trigodet an seinen Auftritt. „Aber als es losging, war für mich sofort klar: Ich will mehr davon! Ich will meine Arbeit zeigen, die Reaktionen sehen, die Gemeinschaft spüren.“ Die Qualitäten und Potenziale des Formats erkannte man auch bei der Falling Walls Foundation in Berlin, die das Projekt beim Summit im November 2024 im Bereich „Science Engagemernt“ auszeichnete . Gute Stimmung: Beim „Ocean Science Jam“ im Core werden beide Gehirnhälften getriggert. (Bild: HIFMB) Ein Erlebnis bei einem der Jams zeige aber auch eine grundsätzliche Gefahr, berichtet Geraint: „Auf der Leinwand waren sehr ästhetische Bilder zu sehen und wir haben dazu einen leichten, fröhlichen Part gespielt“, erinnert sich Geraint. Damit hätten die Musiker allerdings falsch gelegen. „Tatsächlich ging es bei den Bildern um eine negative Entwicklung. Der Eindruck hat getäuscht.“ Immerhin zeige dieses Beispiel, dass es häufig gar nicht so einfach sei, Daten aus der Wissenschaft zu interpretieren - und wie nötig es deshalb ist, für mehr Verständnis zu sorgen. Abtauchen zum Unterwasser-Kino Dieses Ziel verfolgte auch „ Submersive Atmospheres: The Underwater-Cinema “, das im Dezember 2024 im Raum auf Zeit in der Achternstraße 22 vierzehn Tage lang zu sehen war. Als bewusster Kontast zur trubeligen Vorweihnachtszeit und den persönlichen Jahresendrallyes der Konsument:innen bot das kleine Kino eine ruhige, tatsächlich besinnliche Atmosphäre - aber auch die Begegnung mit einem wichtigen Thema. Acht Wissenschaftler:innen des HIFMB hatten über drei Monate mit acht internationalen Künstler:innen zusammengearbeitet, um ihre Forschungsthemen in audiovisuelle Stücke bzw. Filme zu verwandeln. Die Ergebnisse dieser Kollaborationen waren trotz des gemeinsamen Meeres-Kontextes höchst unterschiedlich: mal einfach zugänglich, mal schwerer zu dechiffrieren, gelegentlich geradezu philosophisch. Aber auch hier setzte sich Geraints roter Faden fort: Über die Kunst bekamen die Besucher:innen andere Zugänge zur Materie als es über sachliche Informationen möglich gewesen wäre. Tief eintauchen: Im Unterwasser-Kino konnte man seine Gedanken treiben lassen. (Bild: Kulturschnack) Aber was ist, wenn einzelne Besucher:innen die Botschaft nicht verstehen? Ist das ein Problem? „Das könnte man so sehen, aber ich tue das nicht“, antwortet Geraint. Es sei zwar schwierig, den langfristigen Effekt der Projekte zu bemessen. Man wisse einfach nicht, ob die Besucher:innen im Anschluss ihr Verhalten ändern. So könne ein kleines Mädchen zunächst unbeeindruckt wirken, zehn Jahre später aber trotzdem Meereswissenschaften studieren. „Für mich geht es in erster Linie darum, die Möglichkeit und einen Anlass zur Auseinandersetzung zu bieten. Was die Leute daraus machen, ist dann von Fall zu Fall unterschiedlich - und das ist okay!“ Kokreativ - oder kongenial? Diese sehr unterschiedlichen Beispiele zeigen gut, wie Geraint arbeitet. Seine Ideen trägt er an die Wissenschaftler:innen von HIFMB oder AWI heran und entwickelt sie gemeinsam mit ihnen weiter. „Das Prinzip lautet dabei: Der Weg ergibt sich beim Gehen“, erklärt der Künstler. Das bedeutet: Alle Beteiligten begeben sich in einen offenen Prozess und lassen sich selbst vom Ergebnis überraschen. Der bisherige Erfolg belegt das Potenzial dieser Vorgehensweise - die zwar Fluch und Segen zugleich sein mag, die aber vor allem Basis für beeindruckende Ergebnisse ist. „Alle Forscher:innen, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe, hatten am Ende etwas davon“, weiß Geraint. „Manchmal sogar elementare Dinge wie mehr Freude am Job.“ Was einer der Gründe dafür sein könnte, dass der Künstler niemanden zur Zusammenarbeit überreden muss. Die Aufgeschlossenheit des Direktoriums zieht sich inzwischen durch weite Teile des HIFMB. Geraint hält das für überaus sinnvoll: „Ich glaube, das künstlerische Einflüsse auf Unternehmen und Organisationen eigene Werte und Wissen schaffen, weil sie neue Blickwinkel und neue Herangehensweise fördern.“ WO IST DER UNTERSCHIED? DIE ARTISTS IN RESIDENCE DES HIFMB Neben der Position des Artist-Researchers hat das Helmholtz Institut für Funktionelle Marine Biodiversität zusammen mit dem Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) das „ Artwaves “-Programm ins Leben gerufen, das ein jährliches Stipendium anbietet. „Whale and Worm“ by Mita Mahato Die Kunstprojekte im Rahmen dieses Programms sollen Aspekte des Wandels der marinen Biodiversität aufgreifen und das öffentliche Verständnis fördern. Hauptziele sind die Entwicklung neuer Formate für den Transfer von Wissenschaft in gesellschaftliche und/oder politische Debatten und der Aufbau neuer Netzwerke zur Förderung der Sichtbarkeit der Forschung über die biologische Vielfalt der Meere. Zu den Aufgaben der Artists in Residence gehören unter anderem die Erstellung eines Kunstwerks, die Überlassung einer Arbeitsprobe, die Planung einer Ausstellung oder Aufführung des Werks, die Zusammenarbeit vorzugsweise mit Nachwuchs-Wissenschaftler:innen und die Einbeziehung der Öffentlichkeit. Bisher gab es zwei Stipendiatinnen: Die US-Amerikanerin Mita Mahato entwickelte während ihres Aufenthalts im Jahre 2023 ein Projekt über den Walfall weiter. Es besteht aus neun Seiten visueller Poesie, die dem Phänomen des Walfalls auf den Grund gehen und zum Nachdenken über die verstrickten Beziehungen zwischen dem Leben im Meer und an Land anregen. Die Spanierin Anna Pasco arbeitete im Jahr 2024 an mehreren Projekten, etwa an „Permeable Boundaries“, einer Installation an der Schnittstelle des menschlichen Verdauungssystems und Sedimenten sowie den darin lebenden Organismen. Das dritte Stipendium beginnt Anfang 2025, die Ausschreibung für das vierte startet im Sommer 2025. Das ungewöhnliche Skillset Es bleibt allerdings nicht bei Kunst. Geraint nennt sich nicht umsonst Artist- Researcher . Gemeinsam mit der progressiv orientierten Führung des HIFMB will er herausfinden, was die Einbindung von Kunst in die Wissenschaft tatsächlich leisten kann. Deshalb führte er etwa mit den beteiligten Musiker:innen an den „ Polar Sounds “ qualitative Interviews und wertet auch seine anderen Aktivitäten wissenschaftlich aus. Einmal mehr zeigt sich, wie wertvoll das ungewöhnliche Skillset des Walisers ist. „ Kunst-Wissenschaft-Kollaborationen sind nichts Neues, es gibt sie seit Jahrzehnten“, ordnet Geraint ein. „Unsere wissenschaftliche Auswertung der Effekte ist aber durchaus innovativ.“ Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse können in der Zukunft dafür sorgen, dass der Stellenwert von Artist-Researchers weiter zunehmen wird - und dass sie es etwas leichter haben als Geraint selbst. „Als ich anfing, gab es praktisch nichts: keine Ressourcen, keine Netzwerke. Das war schwierig“, wird der Künstler kurz nachdenklich. Außerdem sei es schwierig gewesen, anderen seine Tätigkeit zu beschreiben, weil es in Oldenburg nichts Vergleichbares gab. Doch das Lächeln kehrt schnell in Geraints Gesicht zurück: „Die künstlerische Arbeit hat dafür von Anfang an Spaß gemacht!" Und vielleicht ist es gerade das, was sie so erfolgreich werden ließ. In nur zweieinhalb Jahren erreichte Geraint, wovon andere ein Leben lang träumen: ausverkaufte Säle, weltweite Presseresonanz. erfolgreiche Preisverleihungen. Und damit auch: Viel Aufmerksamkeit für unserer Ozeane. Geraint Rhys-Whittaker ist mit Leib und Seele Musiker. Als es darum ging, seine Ocean Science Jams bei der Falling Walls Foundation innerhalb von fünf Minuten zu beschreiben, griff er nicht zum Flipchart - sondern zur Gitarre. Gehirnhälften im Zusammenspiel Es ist schwer zu sagen, welche Gehirnhälfte Geraint Rhys Whittaker häufiger nutzt. Beide dürften gut in Form sein, da seine Tätigkeit als Artist-Researcher Kreativität genauso verlangt wie Rationalität - vor allem aber die Kombination aus beidem. „Ich bin wirklich froh, diese Chance bekommen zu haben“, freut sich Geraint darüber, dass er den Umzug nach Oldenburg schließlich doch gewagt hat. Zwar werde nicht immer alles so gut funktionieren wie seine bisherigen Projekte. Aber: „Ich genieße es, all diese interessanten Dinge auszuprobieren - und versuche dann einfach etwas Neues!“ Im Detail bleibt Wissenschaft zwar eine komplizierte Angelegenheit. Und es braucht weiterhin Expert:innen, die sich in den Themen besser auskennen als alle anderen. Doch das HIFMB und Geraint Rhys Whittaker beweisen, dass es durchaus Wege gibt, Interesse und Begeisterung für die Forschung zu wecken. Dafür sind die Mittel zur Kunst ideal, denn sie erlaubt Emotionen - und die wiederum sind der Ursprung für vieles weitere, das wünschenswert oder sogar nötig ist. Deshalb zögert nicht und seid dabei, wenn es wieder heißt: Art meets Science.

  • MEHR ALS CLAIM UND CAPTION

    Worte könnten stark wirken, wenn sie heruntergebrochen sind auf das Allernötigste. In Schlagzeilen und Slogans werden sie zu kurzen Knalleffekten. Es gibt aber auch eine ganz andere Wirkung: tiefergehend, bewegender und nachhaltiger. Das literarische Schreiben verlangt ganz andere, komplexere Skills als eine knackige Headline. Genau diese vermittelte die saudiarabisch-deutsch Autorin Rasha Khayat in der Schreibwerkstatt des Literaturhauses. Die Ergebnisse? Könnt ihr jetzt live auf der Bühne erleben! Was denn nur, wie denn nur? Literarisches Schreiben ist verlangt etwas mehr als eine Social Media Caption. (Bild: Shutterstock) Schreiben kann jeder. Denken viele. Das stimmt aber nur, wenn man das Schreiben als Mittel zum Zweck versteht, das allein dazu dient, Informationen zu transportieren. Und selbst dann darf man bezweifeln, dass alle gleichermaßen in der Lage sind, sich verständlich auszudrücken. Aber wenn es um Schreiben im literarischen Sinne geht, das die Leser:innen mit auf eine Reise nimmt und sie später vielfach bereichert wieder in den Alltag entlässt, dann muss man eindeutig feststellen: Nein, schreiben kann nicht jeder. Zumindest nicht so. Aber hier kommt die gute Nachricht: Man kann es lernen! Zwar ist es immer auch eine Frage des Talents, des Gespürs und der Empathie. Diese Grundlagen sollte man idealerweise mitbringen. Dann kommt der nächste Schritt: Nämlich den ganzen Gedanken, Geschichten und Gefühle und den vielen Worten einen Rahmen zu geben, Struktur zu verleihen, und sie so für andere nachvollziehbar zu machen. Genau das passierte in der „ Schreibgeschützt “-Werkstatt, die das Literaturhaus Oldenburg im Juni und September 2025 in Kooperation mit der VGH Stiftung realisiert hat. Die jungen Teilnehmenden lernten dort, ihr Talent und ihre Geschichten in Bahnen zu lenken. Nun präsentieren drei von ihnen ihre Werke auf der Bühne. Vorhang auf! POETINNEN VON MORGEN MIT RAHSA KHAYAT, RIEKE GELDMACHER, KAJA GELDMACHER UND CAROLIN LEWEDAG MONTAG, 9. FEBRUAR, 19:30 UHR WILHELM13 LEO-TREPP-STRAßE 13 26121 OLDENBURG Eine Handvoll Genies Wie vermittelt man die Kunst, gute Geschichten zu verfassen? Sicher nicht mit einem schlanken YouTube-Tutorial. Dafür braucht es viel Know-how über erfolgreiches literarisches Schreiben, Gespür für die individuellen Bedürfnisse und ausreichend Zeit, die die wichtigsten Kenntnisse und Fähigkeiten zur vermitteln. So schön es auch wäre: diese Dinge lassen sich nicht in kurze Reels portionieren und nebenbei konsumieren. Wer das Schreiben wirklich lernen - bzw. sich darin substanziell verbessern - will, dann braucht etwas anderes. Nämlich: professionalle Anleitung und Unterstützung. Garten Eden? Ganz so utopisch fühlte sich die Schreibwerkstatt vielleicht nicht an, die drei Teilnehmerinnen Rieke Geldmacher, Kaja Geldmacher und Carolin Lewedag haben davon profitiert. (Bild: Literaturhaus Oldenburg) In der Geschichte der Literatur gab es zwar immer wieder absolute Genies , die wahre Meisterwerke veröffentlicht haben, ohne jemals über Aufbau und Struktur nachzudenken. Das sind aber nur einen Handvoll - unter Millionen, die es versucht haben. Wir zweifeln nicht daran, dass es solche Genies in Oldenburg .eben könnte. Wer auf Nummer Sicher gehen möchte, sollte aber etwas Lerneifer mitbringen. Denn selbst unter den bekanntesten Autor:innen gibt es viel mehr akribische Arbeiter:innen als manische Chaoten. Es geht dabei aber nicht darum, Fantasie oder Imagination einzugrenzen. Vielmehr geht es darum, sie in Bahnen zu lenken, die sie attraktiv für andere macht. Das ist der Clou: In vielen jungen Menschen mit Affinität zum Schreiben steckt Talent. Es nützt ihnen aber nur, wenn sie es zähmen und steuern. Dazu gehören eben auch Disziplin, Ausdauer und: Übung, Übung, Übung. Was hier jetzt klingt wie ein Arbeitslager für Literaturproduzenten, fühlt sich in Wirklichkeit zum Glück ganz anders an: Die Arbeit an sich selbst, der Austausch mit anderen und die professionelle Anleitung durch eine erfolgreiche Autorin schaffen eine stimulierende, inspirierende Atmosphäre. Stammgast: Rasha Khayat stellt im September 2024 ihr Buch „Ich komme nicht zurück“ vor, im Juni und September leitete sie die Schreibwerkstatt, nun liest sie aus ihrem aktuellen Manuskript. (Bild: Anika Büsselmeier)) Verzweiflung, Hoffnung, Kraft In der Schreibwerkstatt mit Rasha Khayat wurde nicht bloße Theorie gelehrt, die acht Teilnehmenden machten aktiv mit, führten Schreibübungen durch und entwickelten ihre eigenen Schreibprojekte weiter. Zusammen mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter wurden im geschützten Raum eigene und fremde Prosatexte diskutiert, kritisiert, gelobt, vorangebracht. Rasha Khayat vermittelte Formen und Techniken des Schreibens, sie gab Einblicke in Schreibprozesse und den Literaturbetrieb, und sie widmete sich jedem und jeder Einzelnen die gebührende Aufmerksamkeit. Viel wert legte sie dabei auch auf kreative Akzente, die übliche Denkmuster durchbrechen und zu ungeahnten Ergebnissen führen. Mit Rieke und Kaja Geldmacher sowie Carolin Lewedag stellen nun drei der acht Teilnehmer:innen die Texte auf der Bühne vor, an denen sie in der Werkstatt gearbeitet haben - ein mutiger Schritt für die gerade einmal 16- bis 18-Jährigen. Zu hören gibt es dystopische Geschichten und Texte über Verzweiflung, Hoffnung und die Kraft von Freundschaft. DIE GESCHICHTE UND IHR SOUND „Schreibgeschützt“ wurde im Sommer und Herbst 2025 von Rasha Khayat geleitet. Anlässlich einer früheren Werkstatt im Herbst 2022 haben wir mit der damaligen Leiterin Sabrina Janesch ein kurzes Interview geführt. Ihre Aussagen behalten für das Format aber Gültigkeit und geben einen guten Einblick in die Inhalte und Abläufe des Formats. Teilt ihr Wissen: Autorin Sabrina Janesch (Bild: Milena Schlösser) Sabrina, auf dieser Seite begegnet uns häufig der Ausdruck „literarisches Schreiben“. Was hat es damit eigentlich auf sich? Inwiefern unterscheidet es sich von einem Werbe- oder Pressetext?   Literarisches Schreiben meint das Verfassen von literarischen Werken, zum Beispiel Romane oder Kurzgeschichten. Gemeinsam ist allerdings jeglichen Texten: Damit sie die gewünschte Wirkung erzielen, müssen sie gut gemacht sein. Und wie das gelingt, wollen wir in der Schreibwerkstatt gemeinsam untersuchen. Wenn ich kein besonderes Talent dafür habe, kann ich es trotzdem lernen?   Zum Lernen und zum Wachsen gehören, wie in jedem anderen Bereich auch, Disziplin, Zeit, Austausch, Anschauung und, das wichtigste: Übung, Übung, Übung. Sicherlich spielt auch Talent eine Rolle; vor allem aber sind Ausdauer gefragt, und Sitzfleisch. Und in diesem Sinne stelle ich mal folgende steile These auf: Wer sich längere Zeit mit der Weiterentwicklung des eigenen Schreibens beschäftigt, dem wohnt auch ein Funken inne.   Das klingt plausibel! Aber wie erkenne ich denn, ob ich Talent habe? Und ob das, was ich aufschreibe, für andere tatsächlich lesenswert ist?   Ich würde vorschlagen: Gehen wir doch davon aus, dass jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hat, etwas Wesentliches und Substanzielles. Davon bin ich persönlich überzeugt. Die weitaus wichtigere Frage als die nach dem Talent ist meiner Meinung nach jene hier: Bin ich bereit, Stunden, Tage, Monate meines Lebens darauf zu verwenden, diese Geschichte und ihren „Sound“ zu entwickeln? Bevor ein Agent, ein Lektor, ein Verleger an eine Geschichte glaubt, muss man es selber tun. Und bei der Suche nach dem Glauben an sich selbst könnte eine Schreibwerkstatt helfen? Was passiert denn da genau?   In einer Schreibwerkstatt gibt es meistens mehrere Schwerpunkte: Anhand von eigenen und Fremdbeispielen wird untersucht, wie Texte funktionieren, wie sie aufgebaut wurden, wie sie „ticken“. Dann gibt es zumeist angeleitete Übungen, um das zuvor Analysierte selbst auszuprobieren und anzuwenden. Es werden außerdem wichtige Einblicke und Tipps vermittelt, was der Literaturbetrieb eigentlich ist, welche Player es gibt und wie man sich als Schreibender orientiert. Die wichtigste Komponente ist sicherlich die, dass mit jedem Teilnehmenden auf seine Themen, seine Interessen geschaut wird, und diese, je nach Wunsch natürlich, besprochen und weiterentwickelt werden. Und wenn ich sie erfolgreich absolviert habe? Reißen sich dann die Verlage um mich und ich werde berühmt?   Warum nicht - who knows? Mal im Ernst: So eine Schreibwerkstatt ist ein Anstoß, eine Art Wegweiser hinein in die Mechanismen des Schreibens (und des Literaturbetriebs). Es liegt bei jedem selbst, was er für sich mitnehmen möchte. Schreiben bedeutet viel Arbeit, viel Investition - mental, energetisch, auch finanziell. Wer allerdings eine gute Geschichte formen kann, einen guten Ton für sie finden und an ihr arbeitet, arbeitet, arbeitet - der wird auch seinen Weg gehen. Eines hat sich seit tausenden von Jahren nicht verändert: Die Leute wollen was erzählt bekommen. Packen wir’s an! Sabrina Janesch  wurde 1985 in Gifhorn geboren und lebt heute in Münster. Sie studierte Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und Polonistik in Krakau. 2010 erschien ihr Romandebüt „Katzenberge“, das unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis  und dem Anna-Seghers-Preis  ausgezeichnet wurde. Sie war Stipendiatin des Ledig House in New York, Stadtschreiberin von Danzig und Stipendiatin für das BLogbuch OLdenburg. Zu ihrem letzten, vierten Roman „Die goldene Stadt“ (2017), der zum Bestseller wurde, schrieb Sten Nadolny: „Makellos geschrieben, fesselnde Figuren, Reichtum, wohin man sieht – plastisch, farbig und unvergesslich.“ Neues für Jüngere Mit der Schreibwerkstatt für junge Nachwuchsautor:innen setzt das Literaturhaus einen wichtigen Akzent: Es nimmt verstärkt auch jüngere Zielgruppen in den Blick. Zu einer erfolgreichen Vermittlungsarbeit gehören eben nicht nur Lesungen mit hochkarätigen Autor:innen. Dafür ist das Literaturhaus weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und erfreut sich einer großen Beliebtheit. Allerdings nimmt die Nachfrage nach den Veranstaltungen mit steigenden Geburtsjahren deutlich ab. Deshalb soll es in Zukunft zusätzliche Angebote für jüngere Menschen geben, die andere Akzente setzen und eine andere Sprache sprechen. Kreativer Umgang mit Wörtern: Die Cut-Up-Texte waren einer der Methoden, die in der Schreibwerkstatt angewandt wurden. (Bilder: Literaturhaus Oldenburg) Obwohl eine weitere Finanzierung angesichts der Kassenlange in den öffentlichen Haushalten derzeit ungewiss ist, stellt die Schreibwerkstatt ein Beispiel für diesen Ansatz dar. Es geht nicht um die passive Konsument:innenperspektive, es geht um das Ausloten und Nutzen der eigenen literarischen Potenziale. Und wer weiß? Vielleicht ist „Poetinnen von morgen“ für die drei Jungautor:innen nur der erste Schritt und sie kehren in Zukunft mit ihrem ersten eigenen Buch auf das Podium zurück? Garantien gibt es nicht, aber durch die „Schreibgeschützt“-Werkstatt ist dieses Szenario sicher nicht unwahrscheinlicher geworden. Tun, was man immer wollte Die Schreibwerkstatt des Literaturhauses ist eine fantastische Gelegenheit, etwas zu tun, was man schon immer wollte: Nämlich zu tun, was man schon immer wollte (sic!). Schreiben ist die Leidenschaft von vielen, aber es ist ein Talent, das schwer zu greifen ist. Wie gut bin ich denn eigentlich? Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Aber die Werkstatt hilft bei der Orientierung - und sie korrigiert gleichzeitig, woran es noch hapert. Wer ernsthaft schrieben möchte, darf diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Denn eines ist klar: Schreiben ist mehr als Claim and Caption. Wer nicht nur kurze Knalleffekte möchte, ist hier genau richtig! Wer mehr über das Literaturhaus und dessen Arbeit erfahren möchte, muss nicht lange googeln. Wir haben viele wichtige Fragen schon gestellt - in Folge 05 unseres Podcasts! Für das Publikum ist „Poetinnen von morgen“ eine überaus spannende Gelegnheit, in die literarische Zukunft und in die Köpfe junger Menschen zu schauen. Was bewegt sie? Welche Überzeugungen haben sie ? Wie ist ihre Stimmung? Welche Gedanken formen sie? Im Rahmen der Lesung wird es keine allgemeingültige Antworten geben, aber immerhin eine Annäherung. Viel wichtiger aber: Es werden starke Geschichten von jungen Oldenburger Schreibtalenten zu hören sein - bestmöglich aufbereitet mit dem Know-how aus der „Schreibgeschützt“-Werkstatt.

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