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- JUDITH RAKERS: ORGANISCH WACHSEN
Wie findet eine der bekanntesten Journalistinnen Deutschlands den Weg vom Nachrichtenstudio in den Hühnerstall – und schließlich in die Kinderbuchwelt? Im Gespräch erzählt Judith Rakers, warum sie die Schirmherrschaft für die 51. Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM übernommen hat, wie aus einer privaten Leidenschaft ein kreatives Universum aus Büchern, Spielen und Geschichten entstand, und weshalb sie trotz Prominenz immer auf Authentizität pocht. Ein Interview über Neugier, Natur, Kontrolle, Kreativität – und darüber, warum gute Geschichten manchmal einfach im eigenen Garten wachsen. Bemerkenswerte Ausdauer: Obwohl zum Zeitpunkt des Gesprächs schon ein langer Tag hinter Judith lag, war sie so präsent als ginge es um die Tagesschau zur besten Sendezeit. (Bild: Kulturschnack) Nein, Stars und Sternchen, Glitzer und Glamour, spielen bei der KIBUM normalerweise keine Rolle. Und doch ist es positive Aufregung zu spüren, wenn die Schirmherrin eine gewisse Prominenz genießt. Das war im vergangenen Jahr bereits bei Kinderbuch-Legende Cornelia Funke der Fall, das schien in diesem Jahr bei der Journalistin und Autorin Judith Rakers aber noch eine Steigerung zu erfahren: Der Rummel am Eröffnungstag war enorm. Und bei vielen kleinen und großen Besucher:innen war tatsächlich ein gewisses Kribbeln zu spüren, weil jemand unmittelbar neben ihnen stand, die sie sonst nur als „Miss Tagesschau“ aus dem Fernsehen kannten. Judith selbst hatte nicht nur kein Problem damit, sie schien den Trubel vollauf zu genießen. Routiniert absolvierte sie unzählige Pressetermine, herzlich und zugewandt erfüllte sie Autogrammwünsche und für die Kinder war sie jederzeit und überall ansprechbar. Zudem bewies sie eine enorme Ausdauer: Nachdem sie bereits vormittags auf ihrem Instagram-Kanal Videos von der KIBUM postete, war es längst dunkel, als sie das Kulturschnack-Büro betrat. Eigentlich hatten wir sie zu diesem späten Zeitpunkt nicht länger als fünfzehn Minuten beanspruchen wollen. Dass sie trotzdem erst eine knappe Stunde später wieder aufbrach, lag aber nicht etwa daran, dass sie einen Powernap auf unserer Couch eingelegt hätte. Nein, Judith spricht einfach leidenschaftlich über ihre Projekte - und wir hören genauso gerne zu. Wie es dazu kam, dass sie Kinderbücher schreibt? Ob ihre Prominenz dabei half? Was sie von Ghostwritern hält und ob sie künstliche Intelligenz als Konkurrenz sieht? All das erfahrt ihr hier. Judith, du hast die Schirmherrschaft für die 51. KIBUM übernommen. Dazu eine ganz kurze Frage: Warum? Weil ich es als große Ehre empfunden habe, überhaupt gefragt zu werden. Als die Anfrage kam, hatte ich den Satz noch nicht zu Ende gelesen und schon „Ja!“ gesagt. Die KIBUM ist die größte unabhängige Kinder- und Jugendbuchmesse, nicht nur in Norddeutschland, sondern in ganz Deutschland. Dabei sein zu dürfen – und dann auch noch als Schirmherrin – ist für mich etwas ganz Besonderes. Warst du zuvor schon einmal selbst auf der Messe? Ehrlich gesagt gar nicht. Das liegt aber sicher daran, dass ich in diesem Bereich noch relativ neu bin. Ich hatte vorher zwei Bücher für Erwachsene geschrieben und war auf der Frankfurter Buchmesse, auch mit meinem ersten Kinderbuch. Aber die Welt des Kinder- und Jugendbuches war für mich noch neu. Ich habe ja ursprünglich über Homefarming und Gemüseanbau geschrieben – mit vielen Fotos, weil ich wollte, dass man die Natur regelrecht riechen kann. Und überraschenderweise haben viele Kinder meine Bücher gelesen, gerade das Hühnerkapitel. Ich bekam unzählige Zeichnungen von Kindern, die meine Hühner gemalt haben. Dadurch entstand die Idee, zunächst einen Experimentierkasten für Kinder zu entwickeln – der wurde später sogar mit dem Deutschen Spielzeugpreis ausgezeichnet. Dann kam ein Brettspiel für Familien über Gemüseanbau. Und daraus entwickelte sich schließlich die Idee für ein Kinder-Sachbuch. Mir ist wichtig, Fachwissen unterhaltsam zu vermitteln. Bei Kindern noch mehr als bei Erwachsenen. Deshalb sind meine Kindersachbücher eigentlich Geschichten geworden, die ich auch gut vorlesen kann und bei denen kleine Fans die Protagonist:innen lieben. Das ist alles erst in den letzten drei, vier Jahren entstanden. Mein erstes Buch erschien 2021, inzwischen sind es fünf. Ich bin eine späte Autorin, die in der zweiten Lebenshälfte plötzlich losgelegt hat – mit unglaublichem Output, fast ein Buch pro Jahr. Kurzbiografie Judith Rakers Immer neue Kapitel Judith Rakers, geboren 1976 in Paderborn und aufgewachsen in Bad Lippspringe, studierte Publizistik, Germanistik und Neuere Geschichte in Münster. Parallel dazu sammelte sie erste Radioerfahrungen bei Antenne Münster und Radio Hochstift – der Einstieg in den Journalismus, der schnell zur Berufung wurde. 2004 wechselte sie zum Fernsehen und moderierte zunächst das „ Hamburg Journal “ im NDR. Drei Jahre später folgte der Schritt, für den sie bundesweit bekannt wurde: 2005 begann sie als Sprecherin bei der „ Tagesschau “, zunächst im Nachtprogramm, ab 2008 auch in der Hauptausgabe um 20 Uhr. Zusätzlich moderiert sie zahlreiche Sendungen, unter anderem das Reise-Magazin „ Wunderschön “, die „ Inselreportagen “ und das traditionsreiche Talkformat „ 3 nach 9 “. Neben der journalistischen Arbeit entwickelte sich eine zweite Leidenschaft: das Leben mit Tieren und Selbstversorgung. Aus ihrem Homefarming -Projekt entstanden ab 2021 mehrere erfolgreiche Bücher, die sich zu Bestsellern entwickelten. Dazu kamen Spiele, Experimentierkästen und ein wachsendes Kinderbuch-Universum, das sie vollständig selbst schreibt. Heute ist sie eine der vielseitigsten Persönlichkeiten im deutschsprachigen Medien- und Buchbereich – eine Frau, die von der Nachrichtensprecherin und Fernsehmoderatorin über die Sachbuchautorin und Podcasterin bis zur Kinderbucherzählerin immer wieder neue Kapitel aufschlägt. Du gehörst zu den bekanntesten Gesichtern des Landes. Viele sehen dich regelmäßig, dadurch entsteht eine große Prominenz. Findest du, man sollte das nutzen, um etwas Positives zu bewegen? Das sollte jeder für sich entscheiden. Ich bin da sehr tolerant. Ich habe mich nie hingesetzt und überlegt, wie ich gesellschaftlich wirksam sein könnte. Es ist alles aus einer privaten Leidenschaft entstanden. Ich habe einfach angefangen, Gemüse anzubauen und darüber zu berichten. Und plötzlich merkte ich, wie viele Menschen sich inspiriert fühlen – gerade weil ich als Anfängerin begonnen habe, ohne Vorwissen, mitten im Berufsleben. Natürlich hat das Thema Nachhaltigkeit eine gesellschaftliche Wirkung: Gemüse aus dem eigenen Garten verursacht kein CO₂, Kinder essen eher, was sie selbst angebaut haben, und der Respekt vor der Natur wächst. Aber das war nicht mein Startmotiv. Heute freue ich mich, dass ich meine Stimme nutzen und viele Menschen erreichen kann. Aber Prominenz allein ersetzt keine Arbeit – meine Bücher schreibt nicht meine Reichweite. Ich habe sie selbst geschrieben, ohne Ghostwriter, meist nachts nach den Tagesschau-Schichten. Reichweite hilft, aber sie ersetzt nicht das Machen. Wie nimmst du Prominenz generell wahr? Ist das für dich eher positiv oder negativ? Ich denke da selten in Kategorien von positiv oder negativ. Meine Karrieren war ein langer, gesunder Prozess: erst regionale Presse, dann Radio, dann das Hamburg-Journal, später Nachtschichten bei der Tagesschau und irgendwann die 20-Uhr-Ausgabe. Prominenz hat Vorteile: Viele Menschen kommen mit offenem Herzen auf mich zu, oft mit einer echten Nähe, weil sie meinen Podcast hören oder meine Inhalte verfolgen. Da ist sofort eine gemeinsame Basis – naturverbunden, tierlieb, nachhaltig. Das ist schön. Aber es gibt auch die andere Seite: Wenn man in ein Restaurant kommt und plötzlich alle Gespräche verstummen – das mag ich nicht. Ich lebe ja bewusst zurückgezogen auf dem Land. Diese Form von Aufmerksamkeit brauche ich nicht. Kommen wir zum Thema Schreiben. Du hast erklärt, wie du zu Kinderbüchern gekommen bist – eher organisch, ohne großen Plan. Genau. In meinem Leben ist nie etwas vom Reißbrett entstanden. Auch meine Fernsehkarriere nicht. Ich war fleißig, leistungsbereit, habe Chancen genutzt. Auch wenn ich Angst hatte: Wenn eine Tür aufging, habe ich „Ja“ gesagt und geschaut, wohin sie führt. Mit den Büchern ist es genauso: Aus der privaten Leidenschaft wurde ein Instagram-Blog , daraus ein Bestseller, dann noch einer, dann Spiele – und plötzlich gab es so viel Feedback von Kindern, dass klar war: Ich muss ein Kinderbuch schreiben. Und ich liebe es! Wenn ich irgendwann keinen Spaß mehr daran habe, lasse ich es. Aber im Moment habe ich mehr Ideen als Zeit. Und wenn der Verlag irgendwann nicht mehr möchte, schreibe ich einfach im Internet weiter. Die Geschichten müssen raus! Fällt es dir leicht, die Welt mit Kinderaugen zu sehen? Total. Ich frage mich selbst manchmal, warum das so ist. Ich bin ein begeisterungsfähiger Mensch – wenn ich für etwas brenne, dann richtig. Und ich glaube, ich habe mir diese kindliche Freude bewahrt. Ich habe immer schon eine starke Verbindung zu Tieren gehabt. Jede meiner Hühnerpersönlichkeiten ist für mich anders. Früher war das für mich einfach Geflügel – heute sehe ich Charaktere. Eigentlich schreibe ich nur auf, was sowieso passiert. Wenn ich durch meinen Garten gehe, habe ich Ideen für fünf neue Bücher. Ich muss nur die dreitausend alten erst mal abarbeiten. ( lacht ) Erfolgreiche Haustier-Truppe: Judiths real existierenden Katzen und Hühner geben die Inspirationen für die inzwischen drei Bände von „Judiths kleine Farm“. (Bilder: Julia Weinmann/GU Verlag) Du hättest ja durchaus über „große Themen“ schreiben können, über Nachrichten, über deine Reportagen, über Reisen. Stattdessen wählst du den Mikrokosmos der Tiere. War das bewusst? Mir wurden im Laufe meiner Karriere schon viele Buchthemen angeboten – über meine Kindheit, über meine Inselreportagen , über Reisen . Aber das hat sich nie richtig angefühlt. Der Gemüseanbau hingegen kam aus mir heraus. Ich begann zu schreiben, es floss, und der Erfolg bestätigte es. Jetzt bin ich auf Rügen – und selbst der Umzug meiner Tiere könnte ein eigenes Buch werden. Kinder, die selbst umziehen, finden darin sofort Parallelen. Wenn ich nach Hause komme, werde ich wieder durch den Garten gehen – und innerhalb einer Woche entstehen die nächsten zwei Geschichten, da bin ich sicher. Läufst du mit einer kleinen Kladde herum, um all deine Eindrücke festzuhalten? Ich sollte! Aber ich mache es nicht. Eigentlich müsste ich mir Dinge aufschreiben, doch bislang habe ich beim Schreiben nie das Gefühl gehabt, mir fehle etwas. Bei meinen Kindersachbüchern gehe ich so vor: Erst überlege ich, welches Wissen ich vermitteln will – zum Beispiel, wie man Salat pflanzt oder was man gegen Schnecken tun kann. Und dann baue ich eine Geschichte darum. Wenn ich anfange zu schreiben, entsteht alles von selbst. Ich kann kaum so schnell tippen, wie die Geschichte in meinem Kopf passiert. Vielleicht vergesse ich irgendwann mal etwas – aber bisher reicht das, was in mir steckt. Vielseitig: Judith Rakers erzählte mal charmant, mal eindringlich von ihrem neuen Leben als Homefarmerin und Buchatorin. (Bilder: Kulturschnack) Manche deiner Kolleg:innen machen sich weniger Arbeit und lassen ihre Bücher von anderen schreiben. Stört dich das? Besonders, weil man dir dann vielleicht auch so etwas unterstellen könnte? Auch da: Jeder soll es machen, wie er möchte. Wenn am Ende eine gute Geschichte entsteht, ist es doch schön, wenn sie in die Welt kommt. Ich würde mir nur wünschen, dass man ehrlicher damit umgeht – also dass dann auch wirklich „geschrieben von …“ oder „redaktionelle Mitarbeit …“ draufsteht. Als ich noch bei der Tagesschau war und die ersten Buchanfragen bekam, wurde mir ständig gesagt: „Wir können auch einen Ghostwriter stellen.“ Und ich habe jedes Mal geantwortet: auf gar keinen Fall. ( lacht ) In meinen Büchern ist kein einziges Wort von jemand anderem. Ich schreibe alles selbst. Für die Interviews bei „3 nach 9“ gibt es tolle Redakteure, die vorbereiten; und das ist auch gut so. Aber bei meinen Büchern will ich das nicht. Die sind privat entstanden, nicht als Businessmodell. Ich habe beim Kinderbuch sogar die Illustratorin selbst ausgewählt. Der Verlag hatte wunderbare Vorschläge, aber es war nicht der Stil, den ich beim Schreiben vor Augen hatte. Ich sehe die Szenen schon beim Schreiben – wahrscheinlich, weil ich vom Fernsehen komme. Und mit Julia Weinmann habe ich jemanden, mit der dieses Teamwork funktioniert. Abenteuer lesen: Das Plakat der 51. KIBUM stammt zwar nicht von Julia Weinmann, kann aber trotzdem vollauf überzeugen. (Illustration: Golden Kosmos) Du lieferst also nicht nur ein Manuskript ab, du kämpfst für deine Vorstellungen. Genau. Bei meinem ersten Homefarming-Buch für Erwachsene beispielsweise wollte der Verlag zunächst nur drei Fotos. Ich habe gesagt: „Nein, das muss riechen, das ganze Buch.“ Dann gaben sie mir streng vor, wie viele Zeichen auf eine Seite passen. Ich habe mich exakt daran gehalten – und dann sind im Umbruch trotzdem ein paar Zeilen übergesprungen. Der Verlag hat kurzerhand Wörter gestrichen, doch dann stimmte der Rhythmus nicht mehr. Ich habe sie angerufen: „Das geht nicht.“ Sie: „Es waren doch nur ein paar Füllwörter.“ Ich: „Diese Füllwörter müssen da rein!“ Ich habe dann anschließend selbst Zeichen gestrichen, bis alles exakt passte. Der Verlag hat sowas noch nie erlebt. Vielleicht wäre es einfacher, wenn ich Hilfe annehmen würde. Vielleicht wären die Bücher dann sogar besser. Aber wir werden es nie erfahren – ich arbeite eben so, wie ich arbeite. Geschadet hat es dir jedenfalls nicht, sonst wäre keine Serie daraus geworden. Das stimmt, aber es hätte auch anders laufen können. Beim ersten Buch für Erwachsene war der Vorschlag des Verlags, dass ich es mit einem Koautor schreibe – einem Mann als Gartenexperten, der mir als Anfängerin Fragen beantwortet. Stolze Autorin: Judith hat sich mit ihren Büchern nicht nur einen Lebenstraum erfüllt - sie ist auch erfolgreich damit, (Bild: Jukers Media) Ich habe sofort gesagt: „Auf gar keinen Fall.“ Sie meinten es gut, aber plötzlich wäre ich wieder die Frau gewesen, die von einem Mann erklärt bekommt, wie es geht. Das wollte ich nicht. Sie hatten außerdem Schwierigkeiten damit, dass ich Hühner, Gemüse und Kochen in EIN Buch packen wollte – für sie waren das drei verschiedene Zielgruppen. Aber ich wusste: Es muss zusammen. Also habe ich ihnen früh das erste Kapitel geschickt. Eine Woche lang kam keine Reaktion – und dann hieß es plötzlich: „Super, bitte weiterschreiben.“ Ich habe beim Schreiben oft gedacht: Will das jemals jemand lesen? Oder zerreißen sie mich in der Luft – die Journalistin, die plötzlich ein Gartenbuch schreibt? Aber ich wollte es genau so machen, zu einhundert Prozent. Und am Ende hat genau das gefruchtet: Die Menschen mochten die Anfängerperspektive, die klaren Erklärungen, auch die peinlichen Momente und das Scheitern. Das Buch wurde ein Bestseller – und beim zweiten Buch hat dann niemand mehr diskutiert. Lass uns noch über die Wirkung von Büchern reden. Das Motto der KIBUM lautet ja „Körper & Seele: KIBUM bewegt“. Kann ein Kinderbuch in Zeiten von TikTok überhaupt noch etwas in Kindern bewegen? Wenn es sie erreicht – ja. Das ist die entscheidende Frage: Wird vorgelesen? Wird selbst gelesen? Wir haben wunderbare Kinderbücher, aber sie müssen zu den Kindern gelangen . Genau deshalb ist eine Messe wie die KIBUM so wichtig. Sie schafft Sichtbarkeit und Verbindung zwischen Autoren, Verlagen und Familien. Ich bringe da gerne meine Reichweite ein – weil es schlicht eine gute Sache ist. Nicht, weil ich morgens aufwache und denke: „Was kann ich heute Gutes tun?“ Ich kann dazu beitragen, dass viele der 2.000 Neuerscheinungen dort ihre Leser:innen finden. Und ob mein Buch eines davon ist, ist zweitrangig . Alles selbst machen: Diese Prinzip gilt sowohl für das Homefarming als auch fürs Bücherschreiben. (Bild: Jukers Media) Stichwort Instagram: Stehen Bücher und digitale Medien für dich eher in Konkurrenz oder eher in Symbiose? Für mich ist es eine Symbiose. Alle Medien sind Werkzeuge, um Menschen zu erreichen. Früher gab es Rauchzeichen, heute gibt es Fernsehformate, Podcasts, Social Media. Ich nutze alles – Fernsehen, Radio, Online-Magazin (ausgezeichnet mit dem Goldenen Blogger ), Podcast , Bücher, Spiele, Experimentier-Kästen, Instagram, Facebook. Überall erzähle ich dasselbe: Ich habe wenig Zeit. Ich habe wenig Ahnung. Aber ich kann trotzdem aus meinem Garten leben – und du kannst das auch. Ich will Menschen motivieren, es einfach auszuprobieren. Digitale Medien haben große Vorteile: Kinder, die nicht lesen können oder Sehbehinderungen haben, können Podcasts hören. Und Kinder, die meine Bücher lesen, erkennen auf der letzten Seite die echten Tiere. Sie gehen mit ihren Eltern auf meinen Social-Media-Kanal und sehen: Charlie gibt’s wirklich. Jack gibt’s wirklich. Luzi gibt’s wirklich. Das macht die Geschichten tiefer. Ich lese sogar die Bücher selbst ein – kostenlos in der Kosmos-App. Weil ich weiß, wie wenig Kindern noch vorgelesen wird. Der Verlag wollte erst ein klassisches Hörbuch verkaufen. Ich habe gesagt: „Macht das gern – aber ich möchte zusätzlich eines kostenlos beisteuern.“ Am Montag sitze ich wieder im Studio und lese Band 3 ein. Das alles zusammen – Buch, Audio, Social Media – ermöglicht es, Kinder wirklich zu erreichen. Es gibt Risiken, klar. Aber man kann moderne Medien auch positiv nutzen. Du hast trotzdem so etwas wie eine Mission: Lesen ist wichtig. Absolut. Ob auf dem Tablet oder im gedruckten Buch – Hauptsache, Kinder sehen Buchstaben, die im Kopf zu Worten werden, die wiederum Bedeutung haben und Bilder erzeugen. Lesen trainiert Fantasie, Sprache, Denken – wie ein Muskel. Natürlich darf es auch Netflix geben, aber nicht nur. Sonst bleibt das Gehirn passiv und erzeugt keine eigenen Bilder mehr. Werbeblock: Das Video behandelt Judiths allererstes Buch für Erwachsene. Es sollte aber entgegen aller Planungen und Erwartungen den Grundstein für die erfolgreiche Kinderbuchreihe „Judiths kleine Farm“ legen. (Video: GU-Verlag) Und wie siehst du in dem Zusammenhang KI – als Konkurrenz, als Gefahr, als Werkzeug? Natürlich beschäftigt mich das. Aber wir werden es nicht aufhalten. Es wird Autor:innen, Illustrator:innen, Verlage betreffen. Es wird Jobs kosten und neue schaffen. Es ist eine der größten disruptiven Entwicklungen der Menschheitsgeschichte. Ich bin aber ein Mensch, der sich auf das konzentriert, was er ändern kann. Also frage ich: Was können wir Menschen besser? Wo ist unsere Nische? Wenn KI irgendwann bessere Geschichten schreibt – dann muss man sich vielleicht sogar fragen, ob man nicht die bessere Geschichte wählen sollte, auch wenn das für eine Autorin wie mich schade wäre. Meine Geschichten entstehen aus realem Leben, aus meinem Garten, aus echten Momenten. Ob KI das nachbilden kann – wird man sehen. Aber ja: Ich finde diese Zeit auch spannend. In meinem Leben kamen Internet, Smartphones, jetzt KI, bald Quantencomputer. Ich bin neugierig – und ich glaube, wir werden alle unseren Weg finden. Vielseitige Kinderbuchautorin Frei raus geschnackt Judith Rakers spricht nicht nur über Homefarming . Sie und Ariana Baborie fragen sich einmal pro Woche: Was war eigentlich los? Bei ihnen selbst, in der Welt und im Internet. Freundinnen: Ariana Baborie und Judith Rakers kennen sich bestens - die ideale Basis für offene, oft lustige Gespräche. (Bild: SWR3) Es wird frei raus geschnackt – ganz nach Lust, Laune und Lage der Woche. Persönliche Anekdoten, kuriose Schlagzeilen, virale Fundstücke und die ein oder andere Glanzleistung werden liebevoll seziert – mal ernst, meistens heiter, immer ehrlich. Mal albern, mal tiefgründig, immer nach dem Motto: „Was war los gewesen?“. Jeden Freitag in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt. Feedback, Freundschaftsbriefe & liebe Grüße an: baborieundrakers@swr3.de ! Letzte Frage: Wie geht es weiter – „Kleine Farm“ für immer? Ich mache das so lange, wie ich Spaß daran habe. Das habe ich auch bei der Tagesschau immer gesagt – und nach 19 Jahren bin ich gegangen. Diese Freiheit behalte ich mir. Vielleicht mache ich das jetzt 20 Jahre lang weiter. Vielleicht mache ich eine Eisdiele auf Rügen auf. Wer weiß? Ich bleibe bei mir. Das ist das Wichtigste. Ich freue mich auf alles, was wir von dir noch bekommen – deine Arbeit, deine Leidenschaft, deine Bücher. Es hat großen Spaß gemacht. Mir auch. Ein schönes Gespräch auf Augenhöhe. Durch offene Türen gehen Natürlich ist Judith Rakers ein Profi. Dass sie uns nach einem langen Tag auf der KIBUM ausführlich Rede und Antwort steht, dass sie dabei noch gut gelaunt ist und wunderbare Sätze sagt - das gehört zu ihrem Job. Sie kann das, selbst wenn eigentlich der Hals kratzt und der volle Kalender an den Kräften zehrt. Doch da ist mehr als das. Judith mag hier und da Sätze abspulen, die sie woanders auch schon mal gesagt hat. Immer wieder blitzt da aber der Mensch hinter der öffentlichen Person auf. Und dabei wird spürbar: Hier sitzt eine Autorin, die tatsächlich fühlt, was sie sagt, und liebt, was sie tut. Gut gelaunt: Judith schien das Gespräch trotz - oder gerade wegen? - seiner Länge ebenso gut zu gefallen wie uns. (Bild: Kulturschnack) Das allein macht natürlich kein gutes Buch. Doch man kann aus unserem Interview herauslesen, welch offener, interessierter und reflektierter Mensch Judith ist. Sie hat viel gesehen und erlebt, vor allem aber hat sie die richtige Einstellung zum Leben gefunden. Wenn Türen sich öffnen, dann sollte man hin und wieder auch mal durchgehen - so lautet ihr Maxime. Dies hat letztlich zu ihrem spannenden, organische gewachsenen Lebensweg geführt - und ebenso zur lesenswerten Kinderbuch-Serie „Judiths kleine Farm“. Nein, Stars und Sternchen, Glitzer und Glamour werden auch künftig kein fester Bestandteil der KIBUM sein. Dennoch gehört es zu ihren Qualitäten, prominente Schirmherr:innen wie Judith Rakers für Oldenburg zu gewinnen und Begegnungen mit ihnen zu schaffen. Das war ein Erlebnis für die Kinder - aber auch für die vielen Erwachsenen, die sie vielleicht noch ein bisschen besser kennen als ihr Nachwuchs. Letztlich spielt das Alter aber (fast) keine Rolle. Hauptsache ist: Wir lesen. Und wenn es um „Homefarming“ geht? Umso besser! Organisches Wachstum können wir schließlich alle gebrauchen.
- KUNST AUF REZEPT: AUCH IN OLDENBURG?
Kunst und Kultur stehen in erster Linie für Genuss. Für etwas, dass Freude macht und inspiriert. Und obwohl diese Wirkungen erwiesenermaßen positiv für Herz und Kopf sind, wurden die Künste bisher nicht als Medizin anerkannt. Das hat sich nun aber ein Stück weit geändert - denn in Bremen wurde in den letzten drei Jahren etwas getestet, was es in Deutschland zuvor nicht gab: Kunst auf Rezept. Wäre das auch was für Oldenburg? Wunsch oder Realität? Kunst und Kultur wurden in Bremen testweise ärztlich verordnet. Die Ergebnisse waren positiv. Kommt die Kunst auf Rezept auch nach Oldenburg? (Bild: Canva KI / Kulturschnack) Zugegeben: Es war kein Paukenschlag, der durch die nationale Presse hallte. Im Gegenteil, viele nahmen kaum Notiz von einer Meldung der Bremer Behörde für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz . Und doch hätte es genau andersherum sein sollen. Denn was dort im zum Jahresanfang 2023 verkündet wurde, hat das Potenzial, einiges zu verändern. Und zur Abwechslung mal: zum Guten. Was war passiert? Als Teil des EU- Interreg -Projektes „Arts on Prescription in the Baltic Sea Region“ hatte die Bremer Behörde etwas umgesetzt, das bisher vor allem als „ Social Prescribing “ aus Großbritannien bekannt war: Die erwiesenermaßen positiven Wirkungen kultureller Angebote auf unseren Geist anzuerkennen und im Rahmen jenes Projektes sogar ärztlich zu verordnen. Kultur als Medizin, Kunst auf Rezept? Das klingt auch für die Akteur:innen aus diesem Bereich wie eine Utopie, predigen sie doch schon lange die vielfältigen Wirkungen ihrer Angebote, werden dabei aber häufig nicht gehört. Nach drei Jahren ist das Projekt nun planmäßig ausgelaufen. Wie sind die Eindrücke und Ergebnisse? Wir haben bei unseren Nachbarn in Bremen nachgefragt - und auch die Oldenburger Szene zu Wort kommen lassen. Mehr als nur ein Moment? Gemeinsame Kulturerlebnisse - wie hier beim 10. Oldenburger Zeichenfestival - können uns nachhaltig positive beeinflussen. (Bild: Izabela Mittwollen) Kunst auf Rezept: Bremen geht voran Für Lea Schunk , Pressesprecherin der Bremer Behörde für Gesundheit, war die Entscheidung klar: Die Teilnahme am EU-Interreg-Projekt „Arts on Prescription in the Baltic Sea Region“ bot „die Chance zur Realisierung eines innovativen und niedrigschwelligen Ansatzes, der die psychische Gesundheit stärkt, präventiv wirken kann und einen gesundheitsfördernden Effekt hat.“ Lea Schunk, stv. Pressesprecherin der Bremer Behörde. (Bild: BfGFV) Gemeinsam mit dem Senator für Kultur und der Bremer Volkshochschule entwickelte das Ressort ein Modell, das Kunst und Gesundheit strukturell miteinander verbindet – ein bislang seltenes Zusammenspiel. Vor dem Hintergrund steigender Belastungen durch Depressionen, Stress und Angstzustände setzt Bremen stärker auf Prävention und alternative Unterstützungsformen. „Kunst auf Rezept ist ein solches neues Angebot, bei dem der Präventionsgedanke im Vordergrund steht“, erklärt Schunk. Der Ansatz sei international anerkannt: durch gemeinschaftliche Beschäftigung mit Kunst und Kultur können Menschen Stabilität, Anregung und neue soziale Kontakte finden. Das Angebot sei bewusst niedrigschwellig gestaltet und richte sich an alle, die psychisch belastet sind – unabhängig davon, ob bereits eine Diagnose vorliegt. „Kunst auf Rezept versteht sich als diagnosefreier Raum“, betont Schunk. Innovativer Ansatz im Praxistest Arts on Prescription in the Baltic Sea Region Halb Europa: Am EU-Interreg-Projekt nahmen 13 Partnerorganisationen aus 7 Ländern des Ostseeraums teil. (Grafik: EU Interreg Baltic Sea Region) Das EU-Interreg-Projekt „Arts on Prescription in the Baltic Sea Region“ entwickelt und testet ein gemeinsames Modell, bei dem Ärztinnen und Ärzte Menschen mit psychischen Belastungen gezielt zu kulturellen und künstlerischen Aktivitäten überweisen können. In mehreren Ländern rund um die Ostsee werden hierfür lokale Pilotprogramme aufgebaut, wissenschaftlich begleitet und miteinander verglichen. Ziel ist es, wirksame, niedrigschwellige Angebote zur Stärkung der psychischen Gesundheit zu schaffen und Erkenntnisse für eine langfristige Verankerung im Gesundheits- und Kulturbereich zu gewinnen. Eine Besonderheit des Bremer Modells liegt im inklusiven Charakter: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchen reguläre Kurse der Bremer Volkshochschule, statt in speziell geschaffene Sondergruppen eingeteilt zu werden. Dieser offene Rahmen schafft direkte Anschlussmöglichkeiten über die Kursdauer hinaus. „Dieses Modell ist in besonderem Maße teilhabeorientiert und niedrigschwellig“, betont Schunk und ergänzt: „Die strukturelle Verknüpfung von Kultur und Gesundheit birgt ein enormes Potenzial als innovativer und kosteneffizienter Weg zur Verbesserung der psychischen Gesundheit“. Gemeinschaftserfahrung: In Kursgruppen kann man nicht nur zusammen arbeiten, sondern sich auch darüber austauschen. (Bild: Werkschule) Kunst auf Rezept: Ein Erfolgsmodell Die vorläufige Bilanz - zum Zeitpunkt unseres Gesprächs lief noch das fünfte Semester - fällt ausgesprochen positiv aus. Bereits in den ersten drei Pilotphasen war die Nachfrage deutlich höher als das Angebot: Rund 75 Personen konnten teilnehmen, knapp 200 Anfragen gingen ein. Die Rückmeldungen seien „sehr positiv“, berichtet Schunk. „Viele der Teilnehmenden haben anfangs große Hemmungen gehabt, sich auf neue Gruppen und unbekannte Situationen einzulassen. Das ärztliche Rezept hat dabei oft als entscheidender Motivationsimpuls gewirkt.“ Besonders wichtig sei für viele die begleitende Austauschgruppe gewesen: Dort konnten sie sich im geschützten Rahmen mit anderen „Personen auf Rezept“ austauschen, bevor sie in die offenen Kunstkurse gingen. „Im Nachhinein haben viele Teilnehmende stolz berichtet, dass sie durch Kombination aus Schutzraum und kreativem Miteinander einen sicheren Einstieg gefunden haben.“ Auch in der Ärzteschaft finde das Programm wachsende Unterstützung. „Die Resonanz war insbesondere aus dem psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich sehr groß“, so Schunk. Nach und nach seien auch Hausärztinnen, Hausärzte und weitere Fachpraxen hinzugekommen; inzwischen beteiligen sich rund 90 Einrichtungen. Insgesamt zeige das Projekt, dass die Verbindung von kultureller Teilhabe und Gesundheitsförderung kein Nischenansatz, sondern ein vielversprechender Baustein der Prävention sein kann – und in Bremen bereits viele Menschen erreicht. In aller Ruhe: Die intensive Begegnung mit Kunstwerken tut uns gut - wie hier im Augusteum. (Bild: Kulturschnack) Kunst auf Rezept: Was machen die Nachbarn? Zur Erinnerung: Bei „Arts on presciption“ handelte es sich um ein Pilotprojekt. Das heißt: es ging um Erfahrungen und Erkenntnisgewinne, um in Zukunft auf Basis dieser Daten handeln zu können. Ähnlich ist es aktuell auch in Österreich , genauer gesagt im Vorarlberg, wo es das „Museum auf Rezept“ gibt. Ärzt:innen können dort aus einem Kontingent von 1.000 Freikarten Besuche verschreiben, jedoch ohne dass diese Erfahrung wie in Bremen an Gruppen und Kurse gekoppelt ist. Weiter sind dagegen Frankreich, Belgien und die Schweiz, wo die Kunst auf Rezept ebenso wie in England schon länger praktiziert wird und den experimentellen Charakter weitgehend abgelegt hat. Dr. Catherine Hanak , leitende Psychiaterin an der Uniklinik Brugmann in Brüssel stellt in der Wochenzeitung „ Le Nouvel Obs “ fest: „Wenn wir etwas Angenehmes tun, reagiert unser Gehirn wie bei einem kleinen Feuerwerk: Dopamin wird freigesetzt, und wir fühlen uns sofort wohl. Das passiert beim Sport, bei einem Spaziergang im Wald – und genauso, wenn uns ein Kunstwerk berührt.“ Kunst als Medizin? Eine aktuelle Dokumentation des ORF2 geht dieser Frage nach- Klickt auf das Bild oder hier , um zum Stream zu gelangen. (Bild: ORF2/Good Media Solutions) Dazu passen Zahlen , die in England für das Jahr 2023 von der „ Culture Health & Wellbeing Alliance “, einem landesweites Netzwerk kreativer Gesundheitsinitiativen, erhoben wurden : 37 Prozent weniger Hausarztbesuche, 27 Prozent weniger Krankenhauseinweisungen. Diese Daten decken sich mit Erkenntnissen,. die auch in Deutschland bereits gewonnen wurden. Im Rahmen des Projekts „ Einnerungs_reich “ empfahl die Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Karen Voigt von der Allgemeinen Medizinischen Fakultät der TU Dresden , Museumsbesuche in die Regelversorgung aufzunehmen: „ Eine Jahreskarte fürs Museum ist insbesondere mit Blick auf die Linderung depressiver Symptome bei Menschen mit Demenz offenbar jedoch deutlich wirksamer als Medikamente. Diese sind teuer, helfen aber laut aktuellen Studien Betroffenen nicht, ihre Lebensqualität zu verbessern .“ Kunst auf Rezept: Zieht Oldenburg nach? Man könnte also durchaus von einer Bewegung sprechen, die sich langsam aber sicher durchsetzt. Und Oldenburg? Wie sieht es hier aus? Was sagt die Szene? Ist die „Kunst auf Rezept“ ein Heilmittel oder Hokuspokus? Die Antworten auf diese Frage fallen zwar eindeutig, aber durchaus differenziert aus. Vom Potenzial überzeugt ist Georg Heckel , Generalintendant des Oldenburgischen Staatstheaters : „ Im Theater erleben wir immer wieder, wie tief Kunst und Kultur berühren – sie schenken neue Perspektiven, verbinden und geben Kraft.“ Projekte wie Kunst auf Rezept machten diese Wirkung sichtbar und beschreiten neue Wege. „Für mich ist das ein unorthodoxer Impuls, der uns daran erinnert, welchen unverzichtbaren Wert Kultur für unser gemeinsames Leben hat.“ Faszination Kunst und Kultur: Schon von Kleinauf entfachen Musik, Theater und Museen eine eigene Magie. (Bild: Kulturschnack) Ähnlich sieht es Dr. Jutta Moster-Hoos , Leiterin des Horst-Janssen-Museums : „Kunsttherapie gibt es ja schon lange, und die positiven Effekte sind zahlreich belegt. Spannend finde ich, dass auch die Betrachtung oder Rezeption heilsam sein kann.“ Es seien sehr analoge, sehr unmittelbare Momente, die man im Museum mit sich und der Kunst haben könne. „Das scheint mit wunderbar zu Entschleunigung und Achtsamkeit zu passen, was wir jetzt alle brauchen und mit Sicherheit hilft es gegen den „Handy-Nacken“. Jürgen Boese , Kulturreferent des Studierendenwerks , sieht noch einen anderen Aspekt. Die Idee, Kultur als gesundheitsfördernden Multiplikator zu nutzen, passe gut zum Anspruch an eine bürger:innen nahe, inklusive Stadtentwicklung. „Kulturelle Angebote gezielt über die Krankenkasse oder Hausärztinnen/Hausärzte zu nutzen, macht Gesundheitsvorsorge greifbarer und weniger stigmatisierend.“ Noch wichtiger als das Konsumieren sei aber das Selbermachen, weil es die Erfahrung intensiviere. „Ich zitiere dazu einfach mal Brecht: Wenn man zum Kunstgenuss kommen will, genügt es ja nie, lediglich das Resultat einer künstlerischen Produktion bequem und billig konsumieren zu wollen, es ist nötig, sich an der Produktion selbst zu beteiligen, selbst in einem gewissen Umfang produktiv zu sein, einen gewissen Aufwand an Phantasie zu betreiben, seine eigene Erfahrung der des Künstlers zuzugesellen oder entgegenzuhalten.“ Intensive Erfahrung: Konzerte sind bisher nicht von der „Kunst auf Rezept“ abgedeckt. Aber wer weiß, wohin die Reise geht? (Bild: Kulturschnack) Von den positiven Wirkungen soziokultureller Kunst ist auch Dieter Hinrichs überzeugt, der gemeinsam mit Frauke Allwardt das theater hof/19 leitet. „Die Auseinandersetzung mit der Kunst erlaubt Momente der Kontemplation. Diejenigen, die dafür offen sind, nehmen auch etwas davon mit.“ Das sei in der Psychatrie schon seit den 1970er Jahren bekannt. „Ernsthafte Versuche, die 'Kunst auf Rezept' einzuführen sind daher zu begrüßen und positiv zu bewerten.“ Aus Dieters Sicht seien mehr präventive Angebote wünschenswert, allzu großer Optimismus sei aber nicht angebracht: „Ich bleibe vorerst skeptisch, ob sich die Kunst auf Rezept als Kassenleistung durchsetzt.“ Deliane Rohlfs von der Oldenburger Kunstschule freut sich, dass „Kunst und Kultur nun auch aus diesem Blickwinkel ein verstärktes Interesse gewidmet wird.“ Die positiven Wirkungen könne sie bestätigen, doch man müssen weiterdenken. „Für mich stellt sich die Frage, wie es denn um einen allgemein einfacheren Zugang zu Kunst und Kultur bestellt ist?“ Hin und hergerissen ist auch Thomas Schulz , Geschäftsführer der Kulturagentur mitunskannman.reden . „ Natürlich ist es sinnvoll, wenn Ärzt:innen ihre Patient:innen dazu ermuntern, bestimmten Aktivitäten nachzugehen. Klassischerweise betrifft das meist den Sport, es könnten aber genauso gut kulturelle Aktivitäten sein.“ Wichtig seien aber - gerade bei psychischen Problemen - Gesellschaft. Gespräche und Aktivitäten mit anderen Menschen. Zudem sieht Thomas die Gefahr, dass ein solches Projekt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein könnte. „Wirklich helfen würde eine Strategie, wie man Menschen frühzeitig an Kunst und Kultur ranführt. Damit schon im Kindesalter Hemmschwellen abgebaut werden und das Ganze vielleicht auch vorbeugend wirkt.“ Aus seiner Sicht sollten Kinder und Jugendliche grundsätzlich freien Eintritt in öffentlichen Kultur- und Sporteinrichtungen haben. „Was wir brauchen ist eine Strategie, wie wir frühzeitig Körper und Seele festigen.“ Kunst erleben: Das geht allein, aber vielleicht noch besser in der Gruppe - wie hier beim 10. Oldenburger Zeichenfestival. (Bild: Izabela Mittwollen) Kunst auf Rezept: Das Know-how vor Ort Das würde man in der Werkschule vermutlich ähnlich sehen, wäre da nicht der Fokus auf erwachsenes Publikum. Durch ihre Zusammenarbeit mit der Karl-Jaspers-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik sammelt sie seit vielen Jahren Erfahrungen in diesem Bereich. Geschäftsführerin Nicola Heppner betont: „Wir sehen Kunst als Werkzeug vielfältiger Wirksamkeit und Möglichkeiten und schaffen bewusst den nötigen Raum für unser Klientel.“ Die Kunst diene als Ausdruck der Innenwelt und fördere dadurch die emotionale Stabilität und Resilienz. Aber das ist nicht alles: „Das Schaffen in einem kreativem Rahmen mit Materialien wie Farben, Holz und Ton birgt großes Potenzial zur Entwicklung der Kreativität, welche erwiesenermaßen zur Genesung aller Art beiträgt.“ Vielfältige Erfahrungen: Die Werkschule arbeitet schon seit langer zeit mit der Karls-Jaspers-Klinik zusammen. In Zuge dessen entstand auch dieser Film. Die Werkschule öffne also nicht nur den Nährboden für heilsames Tun, sondern biete den Teilnehmenden durch die Gruppe und Kontinuität zudem einen Rahmen, in welchem sie ihren Ausdruck und weiter Gemeinschaft finden. „Dadurch erleben wir, wie besonders in fortlaufenden Kursen dies als fester Bestandteil eines wertvollen Ausgleichs zur Alltags- und Stressbewältigung dient.“ Der Umgang mit dem Material, der kreative Schaffensprozess, der gegenseitige Austausch und damit einhergehende Inspiration bis hin zum fertigen Stück, beschere vielen Menschen wohltuende Zufriedenheit und Stabilität, welche sie oft über Jahre bis sogar Jahrzehnte an Kursen teilhaben lässt. „Daher sind wir überzeugt, dass Kunst zur allgemeinen Gesundheit und Stabilität nachhaltig beiträgt, wenn nicht sogar einen hohen Anteil haben kann und erachten den Ansatz 'Kunst auf Rezept' als äußerst sinnvoll.“ Volle Konzentration: Künstlerisches Arbeiten entführt uns aus unserem Alltag - in dem oft die Ursachen für psychische Belastungen zu finden sind. (Bild: Werkschule) Kunst auf Rezept: Zu schön, um wahr zu sein? Die Sachlage ist eindeutig, die Stimmung positiv: Eigentlich spricht wenig gegen die Einführung von „Kunst auf Rezept“. Bereits seit 2014 profitieren zehntausende Brit:innen von diesem Ansatz und verursachen dabei weniger Kosten als herkömmliche Therapien. In den Folgejahren setzte sich die Idee in immer mehr Ländern durch, zum Teil in direkter Nachbarschaft zur Bundesrepublik. Was bisher jedoch noch fehlte, war eine groß angelegte Studie, die alle Erfordernisse für eine erfolgreiche Integration des Ansatz in eine nationales Gesundheitssystem darstellt. Nicht zuletzt darauf zielte das EU-Interreg-Projekt ab. Dessen Ergebnisse dürften jedoch noch eine Weile auf sich warten lassen. Wann die Verschreibung von Kunst und Kultur in Deutschland flächendeckend eingeführt wird, steht deshalb noch in den Sternen. Obwohl auch hierzulande Erkenntnisse vorliegen, gibt es bisher noch keine Anzeichen, dass dies in naher Zukunft der Fall sein könnte. Beruhigend ist jedoch zu wissen, dass in Bremen bereits der Beweis erbracht wurde, dass Kunst auf Rezept im norddeutschen Raum erfolgreich umgesetzt werden kann - und dass die Oldenburger Kulturszene mit Aufgeschlossenheit, Unterstützung und der nötigen Kompetenz bereit stünde, sollte es eines Tages so weit sein. Das Laienärzteteam des Kulturschnack verschreibt deshalb an dieser Stelle dreimal am Tag eine kleine Dosis vorsichtigen Optimismus. Denn eines steht fest: Dies ist eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt.
- KATHLEEN LÖWE: IT'S A MATCH
Wer den Kulturschnack schon eine Weile verfolgt, hat es vermutlich schon bemerkt: Dass unser Team bisher rein männlich war, hat uns nicht so richtig gefallen. Aber: Damit ist Schluss! Zwar bleibt die Redaktion im Kern dieselbe, wir erhalten fortan aber Unterstützung von einer freien Mitarbeiterin. Kathleen Löwe bringt genau das mit, was wir uns wünschen. Wer sie ist? Was sie ausmacht? Erfahrt ihr hier! Aufgeschlossen, interessiert, kreativ: Als Freie Mitarbeiterin wird Kathleen Löwe die Arbeit des Kulturschnack weiter aufwerten. (Bild: Bonnie Bartusch) Niemand kann etwas dafür. Dass der Kulturschnack bisher nur eine Chromosomen-Kombination aufwies, war nichts anderes als blanker Zufall. Trotzdem war genau deshlab für uns immer klar: Wenn wir irgendwann unser Team erweitern sollten, dann läge unser Fokus auf weiblichen Input. Und den bekommen wir nun auch. Kathleen Löwe ist für uns so etwas wie die maßgeschneiderte Ideallösung. Denn neben ihrer Expertise (die deutlich größer ist als unsere), ihren Erfahrungen im Kultursektor und ihrem erfrischend offenen Blick auf die Dinge bringt sie auch das richtige Mindset mit. Obwohl sie promovierte Kunsthistorikerin ist, verliert sie sich nicht in theoretischen Traktaten. Nein, im Gegenteil: Sie will Kunst spannend erzählen, sie uns ganz nahe bringen und verständlich machen. Und genau das ist auch der Grund, warum es den Kulturschnack gibt. It's a match! Begegnung auf den „Grands Boulevards“ Erster Eindruck: Im Oktober 2022 waren wir von Kathleens Ausstellung positiv überrascht. (Bild: Kulturschnack) Unsere erste Begegnung mit Kathleen liegt schon etwas zurück. Sie fand statt im Oldenburger Schloss, bei der Eröffnung der Ausstellung „ Grands Boulevards “. Wir waren damals sehr beeindruckt von der gelungenen Erzählung, die uns historische Plakatkunst im öffentlichen Raum als Wiege der heutigen Werbung näher brachte. Verantwortlich dafür war die damalige Volontärin des Landesmuseums für Kunst und Kultur - Kathleen Löwe . Ohne dass auch nur irgendjemand von uns ahnte, wohin die Reise eines Tages gehen würde, hatte sie bei uns positiven Eindruck hinterlassen. Was wir ebenfalls noch nicht wussten: Es brauchte einige glückliche Zufälle, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Kathleen wuchs nämlich nicht etwa in Friedrichsfehn oder Bookholzberg auf, sondern in Halle an der Saale. „Die Händel stadt, sehr kultur-lastig“, ordnet sie ein. Dort wurde Kunst für sie schon früh zu etwas Selbstverständlichem: durch Schulbesuche in den Werkstätten der Burg Giebichenstein , durch Lehrer:innen, die ihr Freiraum ließen. Kunst war kein Pflichtfach, sondern ein Angebot. „Man durfte sich darauf einlassen, musste aber nicht“, erinnert sie sich. Gerade diese Offenheit habe sie geprägt. Der heilsame Schock Zunächst schien ihr Weg dennoch in eine andere Richtung zu führen. Kathleen zeichnete viel, dachte über ein Studium der Innenarchitektur nach, absolvierte Praktika und arbeitete bei einem Tischlerbetrieb – bewusst, um Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. „Dieser Mix hat mir sehr, sehr gut gefallen“, sagt sie rückblickend. Doch nichts davon führte geradlinig zum Ziel. Stattdessen folgte der nächste Richtungswechsel: eine Ausbildung zur Raumausstatterin, die schließlich mit einem Satz endete, der vieles veränderte. Ihr damaliger Chef meinte: „Ich glaube, du solltest studieren gehen.“ Für Kathleen ein Schock – und zugleich ein Anstoß. Legendär: Während ihrer Zeit als Au-pair schrieb sich Kathleen als Gaststudentin an der renommierten University of Oxford ein. (Bild: Shaun Iwasawa, Pexels) Da die Bewerbungsfristen verpasst waren, ging sie kurzerhand als Au-pair ins englische Oxford . Dort schrieb sie sich als Gaststudentin für Kunstgeschichte ein – und war begeistert. Besonders die englische Herangehensweise öffnete ihr neue Perspektiven: „Das ist nicht nur Theorie“, sagt sie. Statt reiner Stil- und Formanalyse ging es um Materialität, Untersuchungsmethoden, Restaurierung. „Man bekommt ein ganz anderes Sehen beigebracht.“ Diese Erfahrung sollte sie nachhaltig prägen. Zurück in Deutschland studierte sie Kunstgeschichte in ihrer Heimatstadt Halle, bewusst in einem überschaubaren Umfeld . „In Halle kennt dich jede Professorin und jeder Professor mit Namen – das finde ich irgendwie nett.“ Nach dem Abschluss folgte der nächste ungewöhnliche Schritt: ein halbes Jahr auf See. Direkt nach dem Studium arbeitete Kathleen als Galerieassistentin auf einem AIDA-Kreuzfahrtschiff . „Matrosen für die Kunst sozusagen“, nennt sie das heute. Rund tausend Kunstwerke an Bord, tägliches Umhängen, internationale Teams, Sicherheitsübungen inklusive Feuerlöschen – eine intensive Zeit. „Es war eine ganz andere Welt“, sagt sie, „aber eine tolle Erfahrung. “ Galerie auf See: So sah der erste Arbeitsplatz von Kathleen nach dem Studium aus. (Bild: AIDA Cruises) Über Umwege zum Ziel Nach dieser Episode zog es sie zurück an Land, zunächst in ein Berliner Auktionshaus. Doch ihr Ziel verschob sich erneut: weg vom Kunsthandel, hin zum musealen Arbeiten. Der Weg dorthin führte über eine Promotion. Kathleen entschied sich für ein Thema, das Kunst- und Wirtschaftsgeschichte miteinander verbindet: die englische Südseeblase von 1720. „Das war im Grunde die erste große internationale Finanzkrise“, erklärt sie. Künstler standen damals vor einer neuen Herausforderung: Wie stellt man etwas dar, das so abstrakt ist wie eine Finanzblase, aber doch ganz konkrete Folgen hatte? Genau diese Fragen untersuchte sie – und fand damit ihre eigene thematische Nische. Nach der Promotion führte sie ihr Weg zurück nach Oldenburg, wo sie ein Volontariat am Landesmuseum Kunst & Kultur absolvierte. Eine Station, die Kathleen bis heute schätzt. „Man kann überall reinschauen, überall reinschnuppern“, sagt sie. Vermittlung, Ausstellungen, Texte – nichts sei streng getrennt, alles im Austausch. Dennoch blieb sie dort nicht dauerhaft. Projektstellen enden, Bewerbungen verlaufen im Sande, doch neue Anfragen entstehen. Erst Texte hier, Beratung dort – bis sie merkte: „Ich bin aus Versehen selbstständig geworden.“ Blick für Themen: Kathleen schreibt auf ihrem LinkedIn-Kanal über alltägliche Beobachtungen und Gedanken - und erkennt dabei z.B. Verbindungen von Taylor Swift zur Kunstgeschichte. (Bild: Republic / Screenshot: Kulturschnack) Heute arbeitet Kathleen freiberuflich für Museen, Unternehmen und Kulturprojekte. Sie führt durch Ausstellungen, schreibt Texte, berät zur Sichtbarkeit, unterstützt bei Webseiten, Social Media und Kommunikation. Ihre Expertise reicht von Wandtexten über Katalogbeiträge bis zu LinkedIn-Posts . „Eine Dissertation ist keine Caption“, sagt sie lachend. Gerade diese Fähigkeit, zwischen Formaten und Zielgruppen zu wechseln, zeichnet sie aus. Schreiben ist für sie mehr als Werkzeug: „Sprache hat mich schon immer interessiert.“ Die Dissertation sei dabei „eine richtig harte Schule“ gewesen – mit geschärftem Blick für Stil, Rhythmus und Details. Mission: Kunst für alle Im Zentrum ihrer Arbeit steht jedoch immer die Frage nach Zugänglichkeit. Kunst dürfe nicht auf ein Podest gestellt werden, findet Kathleen. „Museum und Ausstellung, aber auch andere Kulturformate sind für alle da.“ Deshalb übersetzt sie Inhalte bewusst ins Heute, erzählt Geschichten, zieht Vergleiche. In Führungen werden Evangelisten zu „Podcastern von damals“, Altmeister zu Erzählern mit überraschend aktuellen Themen. Ihr Anspruch: Menschen nicht zu überfordern, sondern mitzunehmen. „Kunst ist ein Kommunikationsöffner“, sagt sie. Ein Raum, um über Gesellschaft, Emotionen und Erfahrungen ins Gespräch zu kommen – mit anderen oder mit sich selbst. Immer am Ball: Kathleen blickt nicht nur beruflich auf die Kunstszene. (Bild: Bonnie Bartusch) Kunst sei für sie „mehr als ein Beruf“. Sie erinnere daran, „mal ein, zwei Schritte zurückzumachen, sich auf Dinge neu einzulassen und neugierig zu bleiben“. Dass das funktioniert, erlebt sie immer wieder ganz konkret. Ihr schönstes Kompliment bekam sie kürzlich nach einer Führung, als jemand sagte: „Ich hatte gar keine Ahnung, aber es hat Spaß gemacht.“ Für Kathleen ein Schlüsselmoment. Denn genau darum geht es ihr: Offenheit, Neugier – und der Mut, sich ohne Vorkenntnisse auf Kunst einzulassen. Diese Haltung bringt Kathleen nun auch als Freie Mitarbeiterin beim Kulturschnack ein - und löst ganz nebenbei das alte Problem mit unserer Chromosomen-Konstellation. Erste Ergebnisse lassen nicht mehr lange auf sich warten, sondern sind bereits auf unserer Website abzurufen. Unser Artikel „ Wenn Bleistifte fliegen lernen “ zu Christoph Niemanns wunderbarer Ausstellung „Randnotizen“ im Horst-Janssen-Museum stammt aus der Feder von Kathleen. Schaut ihn euch am besten gleich mal an und last euch davon inspirieren. Das lohnt sich doppelt: wegen des Textes, aber auch wegen der Ausstellung. Denn auch für die Kombination Niemann und Janssen gilt: It's a match!
- GRANDS BOULEVARDS: VON MALEREI ZU MARKETING
Nichts ist älter als die Ankündigung einer Veranstaltung, die längst gelaufen ist. Nichts ist nutzloser als die Anzeige für ein Produkt, das man nicht mehr kaufen kann. Oder? Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte tritt den Gegenbeweis an. Die neue Ausstellung „Grands Boulevards“ zeigt Plakate aus der Epoche des Jugendstils - und zeichnet nebenbei die Entwicklung von der Malerei bis zum Grafikdesign nach. Das ist in mehrfacher Hinsicht sehenswert! Wirkungsstark: Die Plakate zeichnen erkennbar künstlerische und gesellschaftliche Entwicklungen nach. (Bild: Kulturschnack) Nein, an Marketing denkt man nicht unbedingt als allererstes, wenn man die neue Ausstellung „Grands Boulevards“ des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte betritt. Man wird empfangen von einer Straßenszene samt Geräuschkulisse und Litfaßsäule. Die Botschaft: Hier geht es um die Kunst der Straße, nämlich um Plakate. Genauer gesagt: um die „Plakatkunst des Jugendstils“, also aus der Zeit um das Jahr 1900 herum. Und die Plakate hingen damals, genau, an den Grands Boulevards der großen Metropolen. Sie glichen daher zeitweise Ausstellungsräumen unter freiem Himmel. Trotz des klaren Bezugs zum öffentlichen Raum ist die Ausstellung mehr als das, wie sich schnell zeigen wird. Denn die Straßenszene setzt nur den Kontext, im weiteren Verlauf hat man die Möglichkeit, in aller Ruhe in die Plakatkunst jener Zeit einzutauchen. Und genau das hat sie verdient, denn die Entwicklung der Gestaltung diese wenigen Jahrzehnte ist viel mehr als nur eine künstlerische. Und deshalb ist der Untertitel der Ausstellung zwar vollkommen korrekt - aber eigentlich nur eine Andeutung dessen, was wirklich zu sehen ist. GRANDS BOULEVARDS PLAKATKUNST DES JUGENDSTILS 22. OKTOBER 2022 - 22. JANUAR 2023 DIENSTAG BIS SONNTAG 10 BIS 18 UHR LANDESMUSEUM FÜR KUNST UND KULTURGESCHICHTE OLDENBURGER SCHLOSS SCHLOSSPLATZ 1 26122 OLDENBURG BEGLEITPROGRAMM Glück gehabt! Seinen wir ehrlich: Hört man die Bezeichnung „Plakatkunst der Jugendstils“, lässt man nicht augenblicklich alles stehen und liegen, um die Ausstellung sofort zu sehen. Dabei sollte es genau so sein. Denn was ist eigentlich Plakatkunst? Doch immerhin die präsenteste aller Kunstformen, die unseren Alltag nicht nur begleitet, sondern sogar prägt - und zwar nicht nur auf Pappe und Papier, sondern zunehmend auch als Pixel. Üppige Fülle: Der Jugendstil schwelgte zunächst noch in Opulenz (Bild: Landesmuseum) Trotzdem ist es keineswegs selbstverständlich, dass es einen größeren relevanten Bestand an entsprechenden Werken gibt. „Wir haben großes Glück, dass wir diese Ausstellung zeigen können“, berichtet Museumsleiter Dr. Reiner Stamm. „Die Menschen bewahren gerne Bibeln und andere besondere Bücher auf. Davon gibt es reichlich.“ Alltäglichere Gebrauchsformate wie Prospekte oder eben Plakate seien viel seltener archiviert worden und deshalb vergleichsweise rar. „Das macht sie heute umso wertvoller“, betont der Experte. Qual der Wahl Die Ausstellung wurde aber nicht von ihm konzipiert, sondern von der wissenschaftlichen Volontärin Dr. Kathleen Löwe. Sie sichtete den opulenten Bestand des Spenders, dem Architekten und Baubeamten Adolf Rauchheld ( 1868-1932). Er hatte seine private Sammlung bereits im Jahr 1924 dem Landesmuseum vermacht, nur ein Jahr nach dessen Gründung. Der ehemalige Oldenburger Stadtbaurat hatte ein großes Gespür für Ästhetik: Er war unter anderem verantwortlich für die Stammsitze von LzO und OLB, für Amalien- und Cäcilienbrücke und für das Wasserkraftwerk an der Hunte. Er war aber noch mehr, nämlich ein begeisterter Sammler zeitgenössischer Plakate. „Wir haben etwa zweihundert Werke im Depot. Das Schwierigste an dieser Ausstellung war zweifellos die Auswahl“, schmunzelt Kathleen Löwe. Zu sehen sind letztlich 120 Werke, die einen sehr guten Überblick von den Anfängen bis zur Überwindung des Jugendstils bieten. Dabei schreitet man chronologisch durch die Jahrzehnte. Klar erkennbar wird dadurch die Entwicklung, die sich bei der Gestaltung der Plakate vollzieht. Die eher blumige Fülle der Frühphase reduziert sich sukzessive, wir zunehmend klarer und gewinnt an Kontur. Es ist erstaunlich, wie weit sich in dieser kurzen Phase des beginnenden 20. Jahrhundert bereits Gesetzmäßigkeiten herauskristallisieren, die heute noch Bestand haben. EIGENARTIGER NAME WIESO EIGENTLICH „JUGEND“? Für viele ist der Jugendstil ein Rätsel. Während beispielsweise die Gotik oder der Klassizismus relativ klare Vorstellungen wecken, sind etliche Menschen beim Jugendstil vergleichsweise ratlos. Am bekanntesten sind vielleicht florale - sprich: blumige - Ornamente an Gebäudefassaden. Aber was genau macht den Stil eigentlich aus? Und was daran ist jugendlich? Mit Elementen des Jugendstils: Der Oldenburger Hauptbahnhof im Jahr 1930 Die Antwort lautet: Gar nichts. Mit Jugend im Sinne eines jungen Alters hat er nämlich nichts zu tun. Viel mehr nimmt der Name Bezug auf eine illustrierte Kulturzeitschrift, die so hieß. Die „Jugend“ erschien erstmals 1896 in München und verstand sich als moderne Gegenbewegung zum rückwärtsgewandten Historismus und zur seelenlosen Industrialisierung. „In anderen Ländern gibt es diese Begrifflichkeit gar nicht“, berichtet Museumsleiter Dr. Reiner Stamm. „Dort heißt der Stil Art Nouveau oder Modern Style.“ Anfangs war der Begriff noch kritisch-abfällig gemeint und wurde vornehmlich für modische Popularisierung und kunstgewerbliche Massenproduktion angewendet. Über die Kunstavantgarde setzte er sich aber zunehmend durch. Warum die Epoche dennoch schwer zu „greifen“ ist? Vielleicht wegen ihres Tempos: Sie selbst entwickelte und veränderte sich rasend schnell - so dass ihre Wesensmerkmale zu verschwimmen scheinen. Fest steht: Wer heute über bestimmte Merkmale von Ästhetik und Gestaltung spricht, bezieht damit oft auf den Jugendstil - häufig jedoch, ohne es zu wissen. Höchste Zeit also, diese Epoche stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Drei gewinnt! Der Ausstellung gelingt ein bemerkenswerter Spagat: Sie zeichnet nämlich nicht nur eine oder zwei Entwicklungen nach, sondern gleich drei. Zum einen eine ästhetisch-geschmackliche. Der Jugendstil selbst löste ja die Farb- und Formensprache früherer Epochen wie dem Historismus ab, machte aber auch selbst eine Wandlung durch. Zum anderen sind die Plakate Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen, da entsprechende Produkte auf ihnen beworben wurden. So gewinnt zum Beispiel das Fahrrad einen hohen Stellenwert, weil es für viele Frauen eine neue Unabhängigkeit bedeutete. Ebenso erkennbar sind technologische Innovationen wie etwa die Gasfernzündung der Gas-Glühlicht-Aktiengesellschaft. Die dritte erkennbare Entwicklung ist jene des Marketing . Wurde auf den Plakaten am Anfang noch einfach das Produkt an sich beworben - sprich: „Trinkt Kaffee!“ oder „Raucht Zigaretten!“ - wuchs später die Bedeutung des Herstellers. Und mit dessen Namen verschob sich der gestalterische Schwerpunkt von den Objekten zur Typographie. Aus ihr sollten sich schließlich erste Logos entwickeln, die wir heute noch kennen. Dazu gehören zum Beispiel Pelikan oder Kaffee Hag. Warum der Ausstellung dieser Dreifach-Effekt so mühelos gelingt, ist überraschend klar: Grafikdesign umgibt uns ständig und überall. Ob wir an der Bushaltestelle stehen oder auf dem Smartphone durch Feeds scrollen: Alles ist bewusst gestaltet. Mal nach allen Regeln der Kunst (sic!) perfekt aufeinander abgestimmt - mal offensiv dilettantisch. Doch ganz egal, wie etwas am Ende gestaltet ist - es ist in der Regel nicht zufällig passiert. Dieses Prinzip nahm seine Anfänge in der Epoche des Jugendstils - und lässt sich nahtlos bis in die Gegenwart verfolgen. Ein visuelles Erlebnis Wer „Grands Boulevards“ anschaut, bekommt ein Gespür für die Entwicklung eines künstlerischen Ansatzes hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Thematik. Wir sehen hier, wie aus realistischer Malerei mit Hang zu floraler Ornamentik im Laufe der Zeit immer klarere Formen wurden, die schließlich in Marken und Logos mündeten. Genau das macht die neue Ausstellung des Landesmuseums so überaus faszinierend. Vordergründig schaut man auf Plakate - also eher: Gebrauchskunst - aus einer längst vergangenen Zeit. Tatsächlich aber lernt man beim Betrachten auch unsere heutige Welt viel besser zu verstehen und einzuordnen. Angemessener Empfang: Die Ausstellung beginnt an einer Litfaßsäule (Bild: Kulturschnack) Die Inhalte von „Grands Boulevards“ wissen also zu überzeugen. Dass die Schau so gelungen ist, hat auch viel mit ihren - nun ja - Design zu tun. Die weißgerahmten Exponate wirken vor den in tiefem Lila gestrichenen Wänden sehr stark. Und das kann man gar nicht genug betonen. Die Schau ist ein visuelles Erlebnis, im Großen wie im Kleinen. Denn die Plakate wirken nicht nur aus der Distanz, sie verfügen zudem über viele Details, die sich erst bei näherer Betrachtung offenbaren. Beim Gang durch die Ausstellung drängt sich eine weitere Frage förmlich auf: Wie viele einzigartige Kunstwerke landen heute wohl noch achtlos im Papierkorb der Geschichte, weil sie Veranstaltungen und Produkte bewerben, die bereits vergangen sind? Umso beachtlicher ist es, dass die Sammler:innen seinerzeit die Qualitäten erkannten und die Werke vor dem Vergessen retteten. Das Beispiel Adolf Rauchheld ist sogar besonders spektakulär. Denn wer die Entwicklung seiner Bauwerke verfolgt, wird dort ebenfalls einen klaren Trend erkennen: Weg vom Historismus, hin zum Jugendstil, später sogar zum Expressionismus. Sein privates Sammlerinteresse und seine beruflichen Aufgaben standen also in einem direkten Zusammenhang - und verdeutlichen dadurch, wie allumfassend der Wandel in den Geschmäckern seinerzeit war. Plakative Kunst Dass Plakate auch heute noch als eigene Kunstgattung taugen, zeigte Ende 2020 übrigens auch der 1. Oldenburger Plakatherbst. Leider litt er stark unter den damaligen Corona-Bedingungen und verzeichnete deutlich weniger Besucher:innen als er verdient gehabt hätte. Dabei gilt grundsätzlich immer, was der Initiator Claus Spitzer-Ewersmann seinerzeit sagte: „Plakate wirken nachhaltig. Sie fangen die Blicke der Betrachtenden ein, hinterlassen Eindruck und fordern unmittelbar zu einem Dialog auf. Das macht ihren Reiz und ihren Stellenwert aus.“ Nach wie vor haftet Plakaten das Image der Gebrauchskunst an, eben will sie allgegenwärtig sind und ihre Qualität strak variiert. Und manchmal sind sie nicht einmal das: Einige von ihnen sind reine Informationsträger. Doch greift diese Betrachtung viel zu kurz. Die Plakatgestaltung ist sehr wohl eine eigenständige Kunstform, die den Brückenschlag zwischen Ästhetik und Funktionalität schafft. Das galt damals, zur Epoche des Jugendstils, das gilt aber auch heute. Denn geblieben sind die verschiedenen Ebenen, die anhand von Plakaten nacherzählt werden können. Deshalb ist zu hoffen, das es auch heute Sammler:innen wie Adolf Rauchheld gibt, die den Wert zeitgenössischer Plakate erkennen, sie sammeln und der Allgemeinheit zugänglich machen. Und wer weiß? Vielleicht hängt in einer Ausstellung des Jahres 2089 ein Plakat, das die Betrachter:innen zurückerinnern lässt an das Jahr 2022 - und wie damals alles war.
- 66 KULTUR-MOMENTE IN OLDENBURG
Nass, kalt, trübe, dunkel: Herbst und Winter sind schwierige Jahreszeiten. Das schlägt erwiesenermaßen auf die Stimmung uns sorgt bei manchen sogar für ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Wie soll man die finsteren vier Monate von November bis Februar nur überstehen? Unser Tipp: Mit einer Mischung aus Erinnern, Ausgehen und Vorfreuen! Denn Oldenburg hat viel zu bieten, das man auch im Herbst und Winter genießen oder auf das man zumindest schon mal hinfiebern kann. Hier sind 66 gute Gründe für große Gefühle! Bunter Trubel: Im Winter kann es schwer fallen, die Dinge positiv zu sehen. Deshalb unser Service für euch: 66 gute Gründe, ausgerechnet jetzt voller Optimismus nach vorne zu schauen. (Montage: Kulturschnack) Wer sich ein bisschen für die Abläufe in unserem Körper interessiert, weiß Bescheid: Wenn im Winter die Sonne kaum scheint, dann fehlt uns Vitamin D. Dieser Mangel sorgt für Müdigkeit, Schwächegefühl, erhöhte Infektanfälligkeit oder schlechten Schlaf. Um dem entgegenzuwirken, kann man entweder Tabletten einwerfen - oder auf ein anderes Vitamin setzen. Licht in Seelendunkel bringen nämlich nicht nur die Produkte der pharmazeutischen Industrie, sondern auch - und vielleicht viel besser - die Kultur! Was sie in uns bewegt, auslöst und bewirkt, ist auf anderem Wege nur schwer zu erreichen. Sie trifft voll in unserer emotionales Zentrum, löst aber auch kognitive Prozesse aus und sorgt für einen geistigen Ausbruch aus der winterlichen Lethargie. An welchen Orten das möglich ist, wissen wir alle sehr gut: Ob Staatstheater , Kulturetage oder Landesmuseen - die „places to be“ sind den meisten von uns wohlbekannt. Deshalb weisen wir an dieser Stelle nicht einfach darauf hin, dass es sie gibt und dass man sie besuchen sollte. Stattdessen haben wir euch eine Liste an konkreten Kultur-Veranstaltungen und Formaten zusammengestellt, bei der jeder einzelne Punkt, vor allem aber ihre Gesamtheit für geballte Vorfreude steht. Wer sich angesichts aktueller Mangelerscheinungen für die kleine Extradosis Vitamin D entscheidet, macht nichts falsch. Doch wir verschreiben Vitamin K - die ultimative Frischeerfahrung für Körper, Geist & Seele. Los geht's! Acoustic Sessions Wir fangen standesgemäß mit Eigenlob an: Die erste Staffel der Kulturschnack Acoustic Sessions war ein voller Erfolg: Mit Josy's Boyfriend , Catapults , Julia Klingler , o.k.kuper , Kitschkorsett und Letterbox Salvation . Staffel 2? Ist abgedreht und entführt euch mit sechs neuen Acts an einen faszinerienden Lost Place in Oldenburg. Start: bald. Also: Mitten im Winter. Freude! Alte Maschinenhalle Eine der coolsten Hallen in Oldenburg wurde in den letzten anderthalb Jahren von Grund auf saniert. Befürchtungen, das Ergebnis könnte allzu slick und damit austauschbar werden, haben sich nicht bewahrheitet. Schon im ersten Halbjahr soll die „ Hall of Fame “, wie wir sie mal genannt haben, wieder an den Start gehen und neue, bessere Möglichkeiten für die Kultur bieten. Wir freuen uns vor! Annes Kultursalon Als Experiment gestartet, ist Annes Kultursalon längst zu einem Fixpunkt der Szene geworden. Im Theater k spricht Gast- und Namensgeberin Anne-Sophie Zarour mit ihren Gästen über aktuelle, relevante Themen der Kultur und verbindet das Gespräch mit künstlerischen Interventionen. Das ergibt: Immer wieder grandios unterhaltsame, inspirierende und/oder informative Abende. Ein Beispiel: Im Dezember 2025 diskutierten die beiden Oberbürgermeister-Kandidaten Jascha Rohr (Die Grünen/CDU) und Ulf Prange (SPD) bei ihrem ersten Aufeinandertreffen über Kultur. Das gab es noch nie! Artist-Researcher Wie cool ist das: Oldenburg ist in der Forschung an der Chemie und Biologie des Meeres nicht n ur weltweit führend, am Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität ( HIFMB ) gibt es auch höchst innovative Ansätze - wie den walisischen Artist-Researcher Geraint Rhys-Whittake r. Er lässt Musiker:innen im Core beim Ocean Science Jam zu wissenschaftlichen Erkenntnissen improvisieren oder macht mit den „ Polar Sounds “ aus arktischen Meeresgeräuschen echte Musik - und schlägt mit diesen innovativen Projekten manchmal weltweit Wellen. Eines ist sicher: Was auch immer Geraint als nächstes vorhat - wir werden davon hören. Babybühne In Oldenburg beginnt die Kulturkarriere nicht erst, wenn man nach der Schule die Welt entdeckt oder gar wenn man als Rentner:in endlich „Zeit für sowas“ hat. Nee, hier fängt man an, sobald man krabbeln kann. Die Babybühne im theater wrede+ ist ein zauberhafter Ort, der für Erwachsene oft völlig unverständlich bleibt, für die Kleinsten aber eine faszinierende Welt eröffnet, der sie mit weit geöffneten Synapsen begegnen. Das Ergebnis: große Kinderaugen. Was kann's Schöneres geben? Begegnungen Dass Oldenburg ein Format wie die Begegnungen hat, wird unseres Erachtens gar nicht genug gefeiert. Über viele Wochen hinweg ranken sich etliche Veranstaltungen um jeweils ein Land, das wir auf diese Weise genauer kennen lernen. Das betraf - auch in ihrer Widersprüchlichkeit - faszinierende Nationen wie China, Türkei, Südafrika oder USA , aber auch europäische Nachbarn wie Polen, Island und Großbritannien. Die letzten Begegnungen sind leider gerade vorbei - aber zum Glück kommen 2027 schon die nächsten! blue OL Was für die einen die Babybühne ist, das ist für die anderen blue OL : Das städtische Kulturbüro hat ein Veranstaltungsformat geschaffen, das den Nerv der Zielgruppe - 55plus - genau zu treffen scheint. Alle zwei Jahre feiern die „Silver Ager“ bei blueOL Kulturangebote für die etwas Älteren - und ein bisschen auch sich selbst. Zu Recht, denn wer im Alter interessiert und agil bleibt, hat mehr vom Leben. Wie schön, dass man dafür in Oldenburg nur kurz vor die Haustür und nicht erst in eine Blaue Zone muss. Brückenkunst Es gibt keine Stadt ohne Brücken aus Beton. Nicht eine. Und bisher ist kaum jemand auf eine gute Idee gekommen, wie man diese grauen Ungetüme etwas aufhübschen - oder sogar zu Attraktionen machen - könnte. In Oldenburg ist das anders: Dort gibt es die Brückenkunst , ursprünglich ein Kooperationsprojekt zwischen dem Präventionsrat und Mitgliedern der Szene, inzwischen aber auch mit einem Eigenleben. Aus Grau wird bunt - und Oldenburg immer mehr zur Street Art City . Hooray! Bürgerbühnen Theater ist nur etwas für Profis? Ganz und gar nicht. Zwar spielen hauptberufliche Schauspieler:innen in einer eigenen Liga und deswegen lieben wir es, sie in Aktion zu sehen. Die Bühne ist aber auch für alle anderen ein Ort der Entfaltung - denn dort kann man Formen der Entwicklung anstoßen, die wir sonst nirgendwo finden. Umso schöner, dass es am Staatstheater die Erwachsenenclubs und das Stadt:Ensemble gibt und dass auch das Theater k eine Bürger:innenbühne bietet. Und übrigens: All diese Angebote eignen sich nicht nur für diejenigen, die selbst die Bühne entern wollen. Auch für das Publikum lohnt es sich, die Ergebnisse anzusehen! Carl von Ossietzky-Preis Mal ehrlich: Kann es einen zeitgemäßeren Preis geben als einen, der sich Zeitgeschichte und Politik widmet? Und der sich zudem den Idealen Carl von Ossietzkys verbunden fühlt, jenem Kämpfer für Freiheit und Demokratie sowie Friedennobelpreisträger, der von den Nazis drangsaliert wurde und an den Folgen der Misshandlungen starb? Wir nicht! Es ist ein Glücksfall , dass Oldenburg diese Auszeichnung vergeben darf und damit nicht nur engagierte Persönlichkeiten auszeichnet, sondern auch ein starkes Zeichen setzt. Im Mai 2026 ist es wieder soweit. Wir sind jetzt schon gespannt! CSD Nordwest Der Christopher Street Day ist ein Kaleidoskop: Jede:r sieht etwas anderes darin. Die einen den Protestmarsch für ihre Rechte, die anderen eine bunte Konfettiparade fürs Stadtmarketing, wieder andere eine ungeheure Provokationen für das traditionelle Familienbild (und reaktionäre Weltbild). Als Kulturveranstaltung begreifen ihn die wenigsten - doch genau das ist der CSD Nordwest . Vor allem natürlich durch das Rahmenprogramm wie z.B. die Nacht der kleinen Künste. Aber auch der Umzug selbst strotzt nur so vor Kultur im weiteren und engeren Sinne. Schaut ihn euch an, aber überseht auch das Programm nicht. Death Café Wir müssen alle sterben. Der Tod ist der große gemeinsame Nenner zwischen allen Menschen, vollkommen unausweichlich. Trotzdem sprechen wie nicht gerne darüber, vermeiden es so weit es geht. Das Death Café der Sparte 7 und der Stiftung Hospizdienst Oldenburg macht das Gegenteil: Es schafft eine angenehme Atmosphäre, um ganz gelassen über das zu sprechen, was sowieso kommt. Ein genialer Ansatz, den ihr alljährlich im November für euch ausprobieren könnt - und solltet. Digitex Zugegeben: Die digital-analoge Bühne des Staatstheaters bietet nach dem Ende des sensationellen Technical Ballroom nicht mehr ganz so viel Spektakel und Strahlkraft wie zuvor. Inzwischen heißt sie DigitEx - und falls ihr das noch nicht wusstest, ist das der beste Beweis für den letzten Satz. Es ist aber nach wie vor wichtig, dass es diesen Ort gibt. Denn mit Stücken wie „ Piratenrepublik “ oder „ Das Ende des Westens “ bietet er Theater der Gegenwart, mit Digitalität und Interaktivität, mit Haltung und Botschaft. Immer wieder: Ein Erlebnis! Ein außergewöhnliches Ereignis Es kommt nicht sehr oft vor, dass Oldenburg es mit einer Veranstaltung auf überregionale Landkarten schafft. Das Festival für elektronische Tanzmusik schaffte das locker - dank starker DJ-Line-Ups und eines uniquen Ortes auf dem Gelände der Alten Kläranlage. Eine grandiose Gesamterfahrung . Leider haben die Veranstalter von Freizeitlärm e.V. mit vielen Auflagen zu kämpfen, es gab in der Vergangenheit schon ungeplante Absagen zu beklagen. Deswegen gibt es alljährlich ein Rätselraten: Findet es statt oder nicht? Wie ist euer Tipp für 2026? Einfach Kultur Es begann alles ganz spontan: Weil es im Corona-Jahr 2020 plötzlich viel Fördergeld aus dem Bundeshaushalt gab, fanden sich etliche Initiativen zusammen, um sie auch zu nutzen. In Oldenburg entstand ein Bündnis aus vielen Akteur:innen, das schließlich die Oldenburger Klappstuhltage realisierte: eine wilde Mischung aus unterschiedlichsten Veranstaltungen, die ein Ziel einte: Wieder Leben in die Stadt zu bringen. Die Klappstuhltage sind zwar Geschichte, aber einzelne Elemente blieben - wie Einfach Kultur . Das On-/Off-Musikfestival erstreckt sich über mehrere Wochen und ist mit seinem treffsicheren Mix zu einem Fixpunkt des Oldenburger Sommers geworden. Und die Erinnerungen an Konzertabende im Gleispark helfen erwiesenermaßen bei der Überbrückung langer Kulturwinter. Erinnerungsgang Geschichte erleben: Jedes Jahr am 10. November haben wir die Möglichkeit, ein tragisches Kapitel der Oldenburger Vergangenheit hautnah nachzuempfinden. Dann nämlich findet der Erinnerungsgang statt - ein Marsch durch die Oldenburger Innenstadt, der jener Route folgt, die jüdische Bürger im Jahre 1938 gehen mussten, bevor sie in Konzentrationslager transportiert wurden. Kulturelle Begleitveranstaltungen verstärken die intensive Wirkung noch. Wir finden: Mindestens einmal sollte alle Oldenburger:innen diese Erfahrung gemacht haben. Festival der Illustration Wir wissen nicht, wie es euch geht. Aber für uns steht völlig außer Frage, dass Illustrationen ein fester Bestandteil der Kulturszene sind. Sie begegnen uns tagtäglich in allen möglichen Zusammenhängen und sorgen dafür, dass wir etwas wahrnehmen oder verinnerlichen, was wir sonst übersehen hätten. Das geht häufig sogar einher mit einer besonderen und bewussten Wertschätzung für die lllustration selbst, weil sie besonders klug oder kunstvoll ist. Nicht schlecht für etwas, das dem Wortsinn nach eigentlich nur eine „anschauliche Darstellung“ ist! Noch stärker wird der Kulturaspekt aber beim Festival der Illustration. Hier wird das volle Potenzial des vermeintlichen Beiwerks gezeigt und gefeiert. Und wir finden: Vollkommen zurecht! Filmfest Es gibt auch andere Veranstaltungen mit internationaler Ausrichtung in Oldenburg, aber keines wirkt so stark in den Rest der Welt wie das Internationale Filmfest . Das hat einerseits damit zu tun, dass hier immer wieder wahre Perlen des Independent-Kinos zu sehen sind, deren Macher:innen später nicht selten über die roten Teppiche in Cannes oder Los Angeles schreiten. Das liegt neben einem ganz speziellen Festivalchef aber auch an der rauen Einzigartigkeit dieses Festivals, das ganz bewusst auf Glamour, Exklusivität und eine gewisse Extravaganz setzt - ungewohnt für Oldenburg, aber deshalb umso wertvoller. Films for Future Diese Filmreihe des Casablanca Kinos und des Ökumenischen Zentrums Oldenburg ist ein Hidden Gem der Oldenburger Kulturszene. Sie mag deutlich weniger Außenwirkung besitzen als das Filmfest, doch auch sie zeigt die große Wirkungsmacht des Kinos. Denn hier geht es um Dokus, die sich auf kluge und unterhaltsame Weise mit gesellschaftlichen Fragen/Themen auseinandersetzen. Das ist Kino für den Kopf, aber dank gekonnter Erzählungen immer wieder auch fürs Herz. Wer etwas sehen möchte, das sich gleich mehrfach lohnt, ist hier richtig. flausen+ / flukks+ Noch ein Hidden Gem der Kulturszene. flausen+ ist ein Theaternetzwerk , das sich als Entwicklungsstufe und Sprungbrett für mutiger Theaterleute versteht. Frei von Produktionsdruck können sie über Residenzen und Stipendien neue Ideen und Formate entwickeln. Und das Publikum? Kann direkt daran teilhaben und sogar auf den Prozess einwirken. Ein genialer Ansatz, der sich inzwischen in der ganzen Bundesrepublik durchgesetzt hat. In Oldenburg kann man flausen+-Produktion übrigens im theater wrede+ sehen, das gleichzeitig die Keimzelle des Netzwerks war. Und wer unseren Podcast hört, weiß bereits: Aus flausen+ wird flukks+, sonst ändert sich nukks... äh, nix. Gegengerade Als wir vor einigen Jahren das erste Mal davon hörten, dass es in Oldenburg ein Filmfestival allein für Fußballfilme geben sollte, hatten wir Zweifel. Gibt es jenseits von „ Kick it like Beckham “ überhaupt genug Filme? Interessiert sich das Publikum dafür? Nach einigen erfolgreichen Gegengerade -Auflagen und dem Streaming-Siegeszug von „ Ted Lasso “ lautet die Antwort auf beide Fragen: Ja, und ob! Zwar bleiben bei den Screenings zwar meist noch ein paar Plätze frei. Aber der „Kinosaal“ Marschwegstadion ist mit 15.000 Plätzen vermutlich auch der größte Norddeutschlands. Sollte man mal erlebt haben - selbst wenn man um Sport sonst einen Bogen macht. Glow Jazzfestival Jazz hat es nicht leicht. Für die einen ist er das musikalische Nonplusultra, eine immer wieder neue Reise in akustische Klangwelten. Für die anderen ist es nicht nachvollziehbarer Lärm, bei dem man meist nicht mal mitsingen, -springen oder -moshen kann. Für beide Gruppen ist das GLOW Nordwest Jazzfestival genau das Richtige: Es bot bei seiner Premiere ein starkes Line-Up mit renommierten Künstler:innen, war aber gleichzeitig zugänglich und attraktiv für Neulinge. Fortsetzung? Folgt. Und ihr solltet mit dabei sein. Da glüht was. Herbststurm Festival Der Name sagt es: Auf die nächste Auflage des Herbststurm Festivals müsst ihr noch etwas warten. Das lohnt sich aber, denn wenn draußen der Wind auffrischt, tobt in der Freizeitstätte Bürgerfelde seit mittlerweile 15 Jahren ein musikalisches Unwetter der besten Sorte. Der Herbststurm bringt Metal und Hard Rock nach Oldenburg und ist in der Szene längst zur Institution geworden. An zwei Tagen bietet das Festival für Fans alles, was das Herz begehrt - und für alle anderen die ideale Möglichkeit, ins Genre einzusteigen. Schließlich liegt Bürgerfelde deutlich näher als Wacken. Jugendtheatertage Wir betonen es immer wieder und werden überhaupt nicht müde dabei, das weiterhin zu tun: Jugendtheater ist keine B-Variante des normalen Schauspielprogramms mit Erwachsenen. Es ist gewissermaßen ein eigenes Genre, das für sich selbst steht und für das Publikum altersunabhängig hoch attraktiv ist. Was wir bei den Jugendtheatertagen sehen, sind keine unbeholfenen Gehversuche von absoluten Anfänger:innen. Nein, das ist intensives, mitreißendes Theater am Puls der Zeit. Im Juni ist es wieder soweit! Kabarett-Tage Den „Auftakt nach Maß“ ist eine Formulierung aus dem Repertoire von Fußballreporter:innen, die tatsächlich jedes Mal rausgekramt wird, wenn innerhalb der ersten fünf Spielminuten ein Tor fällt. Würden wir den Spruch auf die Kultur übertragen, dann würde er für die Oldenburger Kabarett-Tage gelten. Sie bilden mit ihrem Start Anfang/Mitte Januar ein erstes Highlight im Kalender - und erfüllen die hohen Erwartungen jedes Mal aufs Neue. Studierendenwerk und Kulturetage holen stets acht großartige Künstler.innen nach Oldenburg, die mal absolute Geheimtipps und mal angesagte Szene-Stars sind. So oder so lohnt es sich, Tickets zu kaufen: Lachen ist gesund! Kein Stadtmuseum Natürlich ist es gar nicht schön, dass wir seit einigen Jahren kein Stadtmuseum haben. Aber mal ganz ehrlich: Habt ihr die alte Version davon wirklich vermisst? Oder ist an seine Stelle nicht etwas gerückt, das den Verlust ausgeglichen hat? Wir finden jedenfalls: Was das Team des Stadtmuseums um Dr. Steffen Wiegmann während der jahrelangen Schließzeit auf die Beine gestellt hat, wie präsent das Haus war ohne einen Standort zu haben und wie viel kreative Energie in dieser Zeit freigesetzt wurde, war schlicht der Wahnsinn. Nur noch wenige Monate werden vergehen, bis das neue Stadtmuseum seine Tore öffnet. So langsam stellt sich die Vorfreude ein - aber auch ein bisschen Wehmut, dass die wilde Zeit vorbei ist, in der Stadt und Museum erstmals wirklich eins wurden. Keramiktage Neben dem Filmfest tragen auch die Keramiktage das Wort „International“ im Namen. Auch wenn die Strahlkraft nicht unbedingt bis nach Nordamerika reicht, ist die Bezeichnung auch in diesem Fall korrekt: Der ehemalige Töpfermarkt ist eine Art europäischer Szenetreffpunkt und gleichzeitig ein Publikumsmagnet. Bei einem Besuch wird deutlich: Hier geht es nicht um das hübscheste Kaffeeservice, sondern um Keramik als Kunstform . Wer Muße mitbringt, kann in eine Parallelwelt aus Porzellan (und anderen Werkstoffen) eintauchen. Wir empfehlen das sehr! KIBUM Richtig, die KIBUM richtet sich an Kinder und Jugendliche. Macht es sie deshalb für Erwachsene uninteressant? Ganz und gar nicht - und dabei denken wir keineswegs nur an Eltern. Längst vermischen sich vermeintliche Jugendstoffe mit jenen für Erwachsene, immer wieder werden verfilmte Jugendbücher über alle Altersgrenzen hinaus zum Erfolg. Aber auch, wenn man sich mit den Büchern nicht beschäftigen will, darf man es gut finden, wenn Oldenburg in diesem Bereich ein Zeichen setzt und konkrete Literatur- und Leseförderung betreibt. Und wenn dann auch noch Judith Rakers vorbeikommt, sind alle restlos glücklich. Knastkultur Die Zahl der Ausstellungshäuser und Galerien in Oldenburg ist nicht unendlich groß. Wer sich für Kunst interessiert, dürfte in den meisten bereits gewesen sein. Ein Ort jedoch ziert sich etwas und ist deutlich schwerer zu erkunden als andere: Die Justizvollzugsanstalt Oldenburg . Sie war schon Kinosaal fürs Filmfest und Konzertbühne für Butch Walker (sic!). Sie zeigt in ihren Gängen aber auch immer wieder spannende Ausstellungen , die nicht nur für die Insassen eine willkommene Abwechslung sind, sondern auch den Besucher:innen von „draußen“. Und wenn man viel Glück hat, wird man vielleicht sogar mal gefragt, ob man zusammen mit einem Inhaftierten ein Bild besprechen will - zweifellos einen spannende Erfahrung! Kneipenkonzerte Es ist eine alte Diskussion: Zählen die Konzerte in Kneipen zum Kulturkanon? Sind Hutkonzerte von Singer-Songwriter:innen oder die ersten Shows der Punkband aus der Nachbarschaft Teil der kulturellen Grundversorgung? Und was ist mit jenen Veranstaltungen, mit denen die Betreiber:innen in erster Linie den Laden füllen und Getränke verkaufen wollen? Aber das ist nicht unsere Frage! Wir finden großartig, was in Oldenburger Kneipen und Clubs passiert. Egal, ob umBAUbar , Polyester oder Buddel Bar : Überall gibt's tolle Konzerte und Veranstaltungen mit ganz eigenem Charakter. Hin da! Kultursnacks Am Anfang stand eine kurze Irritation: Kultursnacks ? Das klingt ja fast wie... Kulturschnack! Innerhalb unseres begrenzten Mikokosmos gibt es da durchaus eine Verwechslungsgefahr. But no worries, wir waren überzeugt, dass in Oldenburg Platz genug für beide Angebote ist - und sind es noch. Zumal die Kultursnacks eine tolle Art sind, seine Mittagspause sinnvoll zu verbringen. Kleine Kulturhäppchen für Hirn und Herz - und das auch noch gratis? Eigentlich zu schön um wahr zu sein. Aber in Oldenburg längst gelebte Realität. Wow! Kultursommer Was soll man über ihn noch groß sagen? Den Oldenburger Kultursommer kennen und lieben wir alle! Seit fast fünfzig Jahren verwandelt er die heiße Jahreszeit für alle Daheimgebliebenen in ein Musik-, Theater, Kino- und Literaturspektakel. Zwar füllt er nicht mehr - wie früher - die gesamten Sommerferien. Dafür sind Niveau und Renommee der Künstler:innen enorm angestiegen. Qualität statt Quantität also - genau der richtige Ansatz , wie wir finden. Es gibt nur ein Problem: Alle Urlauber:innen haben an den schönsten Orten der Welt plötzlich FOMO - weil zuhause so viel passiert. KulturTafel Die Idee der Tafeln kennt vermutlich jeder. Dass es auch KulturTafeln gibt, wissen schon deutlich weniger Menschen - aber zum Glück immer mehr. Das Prinzip ist dasselbe: Menschen mit geringen finanziellen Möglichkeiten werden in die Lage versetzt, etwas zu konsumieren - bzw. zu erleben - was sie sich sonst nicht leisten könnten. Ein toller zwischenmenschlicher Ansatz , der im Falle der Kultur sehr viel mehr bietet als nur einen Zeitvertreib. Wir sind begeistert, dass die KulturTafel Oldenburg so erfolgreich arbeitet und so vielen Menschen hilft. Es ist eine Ehre und Freude für uns, dass wir seit 2022 zu ihren offiziellen Botschafter:innen gehören. Kunst im öffentlichen Raum Sie sind die kulturellen Farbtupfer im ansonsten arg verkehrslastigen Stadtraum: Die Kunstwerke in der Öffentlichkeit . Damit meinen wir an dieser Stelle nicht die immer hochwertigere Street Art, für die Oldenburg allmählich Bekanntheit genießt. Damit meinen wir konkrete Kunstwerke, häufig Skulpturen, die auf Plätzen oder an Straßen aufgestellt werden, weil an dieser Stelle etwas ausgesagt werden soll, das über reine Funktionalität hinausgeht. Manche dieser Werke nimmt man kaum wahr, andere stoßen immer wieder neue Denkprozesse an. Gemeinsam haben alle, dass sie das Stadtbild bereichern und ein wichtiges Signal dafür senden, dass zur öffentlichen Gemeinschaft nicht nur Straßen und Wege gehören, sondern auch Kunst. Lange Nacht der Musik Wenn man es genau nimmt, dann ist dieser Name ein kleiner Etikettenschwindel. Weder geht die Veranstaltung die ganze Nacht, noch eckt die die Musik in ihrer vollen Genre-Bandbreite ab. Im Gegenteil: Sie widmet sich den Spielarten der Neuen Musik , einer für Neulinge her schwierig zu verstehende Materie. Aber eben jene - die mit Neuer Musik noch nicht viele Begegnungen hatten - sind hier genau richtig. Denn die Darbietungen fransen Richtung Populärmusik aus, sind deshalb durchaus zugänglich und laden zu Entdeckungen ein. Was für die gesamte - übrigens für den Verkehr gesperrte - Peterstraße gilt: Bei der Langen Nacht der Musik entsteht eine besondere Atmosphäre voll sommerlicher Leichtigkeit, die man nicht verpassen sollte. Literarischer Landgang Das Literaturhaus Oldenburg ist überregional bekannt für sein starkes Programm . Ein besonderer Leckerbissen ist dabei der Literarische Landgang : Jedes Jahr reist ein:e vielverpsprechende:r, talentierte:r oder schon erfolgreiche:r Autor:in durch das Oldenburger Land, um sich Eindrücke von der Region zu machen. Daraus entsteht dann ein Text, der sich -in welcher Form auch immer - mit den Entdeckungen und Erlebnissen im Nordwesten beschäftigt. Im zweiten Teil des Landgangs geht die Reise dann von vorne los, dieses Mal aber in Form von Lesungen des entstandenen Textes. Eine tolle Gelegenheit für alle Einheimischen, die eigene Heimat durch fremde Augen noch einmal neu kennen zu lernen. LOLdenburg Weiter oben steht es schon: Lachen ist gesund. Wenn das stimmt (und davon gehen wir aus), wäre LOLdenburg ein absoluter Pflichttermin. Die offene Bühne für junge Comedy-Künstler:innen hat sich inzwischen fest etabliert. Zwar schwankt das Niveau der Darbietungen durchaus ein wenig. Mal trifft es den eigenen Geschmack gut, ein anderes mal eher nicht. Aber das macht auch den Reiz des Formats aus. Es erlaubt Entdeckungen und Überraschungen, vor allem aber herzhaftes Ablachen. Und Humor ist ohne jeden Zweifel auch ein Teil unserer Kultur. Mach|Werk Im Jahre 2018 geschah etwas Unerwartetes: Die Stadt Oldenburg führte ein neues Förderformat für innovative Kulturprojekte ein. Man hatte erkannt, dass man nicht davon ausgehen durfte, dass unentwegt neue Talente ihr Glück in der Kultur suchen. Mit Mach|Werk wollte man einen Nährboden schaffen, der erste Schritte ermöglicht. Mit Erfolg: Inzwischen wurden 59 Projekte in einem Volumen von 430.000 Euro gefördert - darunter viele Formate, die entweder besonders spektakulär waren (z.B. MEMUR) oder die sich mittlerweile fest etabliert haben (z.B. Pelle, Reading Partys). Auf die neue Mach|Werk-Runde im Sommer darf man jetzt schon gespannt sein. MEMUR Eigentlich gehört das MEMUR Urban Art Festival nicht in diese Liste - aber irgendwie doch. Denn bisher hat es nur ein einziges Mal stattgefunden. Dieses Event aber war so erfolgreich und hat das Image Oldenburg so nachhaltig verändert, dass man nur darauf hoffen darf, dass die Veranstalter:innen eines Tages doch ein Follow-up realisieren. Dass Oldenburg heute ohne Schamesröte von sich behaupten darf, eine Street Art City zu sein, hat nicht zuletzt mit jenen Tagen im August 2022 zu tun, die am Bahnhofsweg bis heute imposante Spuren hinterlassen haben. Auch wenn die Farben inzwischen verblassen: Ein Besuch lohnt sich immer! Nacht der Museen Die Nacht der Museen ist theoretisch gar nicht so besonders. Es gibt sie in ähnlicher Form in vielen Städten Deutschlands. Und keines der beteiligten Häuser kuratiert für die sechs Stunden zwischen 18 und 0 Uhr eine eigene Ausstellung. Man sieht also, was es auch sonst zu sehen gäbe. Was ist also dran an der Nacht der Museen? Einiges. Denn erstens ist die Abendstimmung eine völlig andere als jene am Tag. Zweitens hat es eine eigene Magie wenn tausende Menschen von Museum zu Museum strömen und alle geradezu ergriffen sind von der intensiven Kulturbegegnung. Und drittens braucht man einfach Anlässe, um den entscheidenden Schritt vor die Haustür zu tun. All das bietet die Nacht der Museen - und all das macht sie so überaus erfolgreich. Niederdeutsches Theater Immer weniger Menschen sprechen Platt. Manche verstehen das Niederdeutsche nicht einmal mehr. Das mag man als Zeichen der Zeit werten und schulterzuckend hinnehmen. Das darf man aber auch bedauern und versuchen, dem entgegenzuwirken. Genau das tut die Niederdeutsche Bühne - auf höchst attraktive Weise . Was dort auf die Bühne kommt, ist zwar keine bahnbrechende Weiterentwicklung von Theatertraditionen. Es ist aber wunderbares Wohlfühl-Theater, das vielen Menschen eine Heimat bietet, die sich von des Ambitionen manch anderer Stoffe ein Stück weit überfordert fühlen. Und dass Platt keineswegs altmodisch ist, sondern auch hochaktuell sein kann, ist dort auch immer wieder erleben. Checkt das aus! Open Stage Trau dich! Zwei einfach Worte, eine simple Aufforderung - und doch türmen sich dahinter für mache unüberwindbare Hürden auf. Der Grund: Wir erwarten viel zu viel von uns und haben große Angst vor dem Scheitern. Aber was ist denn schon dabei, wenn wir auf einer Bühne stehen und dabei irgendwas nicht klappt? Auch dann wäre man immerhin um eine Erfahrung weiter. Deshalb: Traut euch - zum Beispiel auf die Open Stage der Sparte 7 des Oldenburgischen Staatstheaters. Dort steht ihr im Mittelpunkt. Und wer weiß, vielleicht geht tatsächlich etwas schief. Aber vielleicht auch nicht und ihr werdet zum Star des Abends. Versucht es einfach! Orange Days Die Kultur geht voran. Das tut sie oft und gern, weil sie soziale, ethische und humanitäre Haltungen und Anliegen hat. So ist es auch bei den Orange Days , die sich im November gegen Gewalt an Frauen richten. Dafür werden nicht nur Gebäude orangefarben angestrahlt, dazu gehört seit 2025 auch ein passendes Kulurprogramm. Von der Keimzelle Studierendenwerk ausgehend hat sich zunächst im universitären Kontext ein Bündnis verschiedener Akteur:innen entwickelt. Doch auch das Staatstheater war bereits dabei. Ob 2026 weitere Institutionen mitmachen? Das wird spannend zu beobachten sein. Das Thema jedenfalls hätte jede Aufmerksamkeit verdient. Pelle der Späti Man muss sie lieben, die beiden Mädels von Pelle, der Späti . Madlene und Cora haben das Herz am richtigen Fleck und zeigen, dass Dinge gelingen können, wenn man es einfach mal versucht. Mit ihrem Kulturkiosk haben sie ein Kleinod geschaffen, das sicherlich nicht mit einer großen Bühne mithalten kann, das dafür aber Nischen für kleinere und leisere Kulturformate bietet - und auch für das Grundrauschen im Umfeld solcher Veranstaltungen. Sich treffen, miteinander ins Gespräch kommen und vielleicht sogar Ideen schmiden? Das kommt ansonsten viel zu kurz. Bei Pelle aber gehört das dazu. Kein Wunder, dass Cora und Madlene jetzt den nächsten Schritt gehen . Pixel-Art Eigentlich sind sie längst ein normaler Teil der Stadt die kleinen Kunstwerke des Say Love Kollektivs . Schließlich hat sie jeder schon einmal gesehen, sich kurz daran erfreut, um dann - natürlich - die volle Aufmerksamkeit wieder auf den Verkehr zu lenken. Eigentlich. Aber sie sind es nicht. Die farbenfrohen Irritationen auf den meist grauen Rückseiten des Oldenburger Schilderwaldes sind mehr als nur flüchtige Reize. Sie sind immer wieder: eine Bereicherung für unseren Alltag. Und ganz nebenbei ist die Pixel-Art die vielleicht charmanteste Variante, die Vergangenheit zu feiern anstatt in irgendeine diffuse Wehmut zu verfallen. Wir mögen das sehr. Und ihr? Punkkneipe Wir legen uns fest: Das Alhambra ist ein Kulturort der Extraklasse. Allzu oft fliegt es unter dem Radar, wird argwönisch berachtet oder missverstanden. Das ist ein Fehler, denn hier passiert Kultur, wie man sie sich nur wünschen kann: Aus der Bevölkerung heraus, eigeninitiativ und selbstständig, mit ganz individuellen Motiven und Zielen. Das sorgt einerseits für eine enorme Bandbreite, andererseits aber auch für das nötige Herzblut, das diese Veranstaltungen brauchen. Zum Beispiel die Punkkneipe: ein unverbindliches Angebot, das längst eine Institution geworden ist. An jedem dritten Mittwoch im Monat gilt: Einfach mal hingehen und testen. Vielleicht ist es was für euch, vielleicht auch nicht. Aber: Schön, dass es so etwas gibt. Queer Film Festival Schon wieder Kino? Aber ja! Denn wie der Name schon sagt, unterscheidet sich das Queer Film Festival deutlich von allen anderen. Wobei: so deutlich nun auch wieder nicht. Zwar sind die Protagonist:innen allesamt nicht heterosexuell und zumindest an einem Abend wird es auch explizit, aber die erzählten Geschichten - in denen es häufig um Selbstfindung oder die große Liebe geht - sind für alle Menschen interessant. Den Kern bilden wie beim Internationalen Filmfestival ganz einfach gute Filme . Die lohnen sich immer - und hier vielleicht noch mehr, weil man womöglich eine Welt außerhalb der eigenen Bubble entdeckt. Raum auf Zeit Ea gab mal eine Zeit, das standen viele Kulturschaffende vor demselben Problem: Wollte man etwas auf die Beine stellen, musste man Verbündete suchen, Räume finden, Kontakte knüpfen. All das ist jetzt sehr viel einfacher geworden - durch Raum auf Zeit . Die agile Agentur bietet all das „in one go“ und unterstützt vor allem unerfahrene Kulturakteure oder neue Netzwerke damit substanziell. Raum auf Zeit mag nicht für alle das Passende haben, für viele aber doch. Und deswegen findet vor allem im Ausstellungsbereich schon sehr viel mehr statt als vor der Gründung der Agentur . Ein großer Gewinn für Oldenburg! Reading Partys Ganz ohne Zweifel waren wir nicht, als wir erstmals von dem Plan des Oldenbook Kollektivs hörten, in Oldenburg Reading Partys stattfinden zu lassen. Also: Treffen von Menschen, die gemeinsam lesen. Als wir dann aber mit dem enthusiastischen Team sprachen, war sofort klar, dass die Sache funktionieren könnte. Und genau das tat sie auch! Längst ist aus dem Experiment ein Erfolgsformat geworden, das oft ausgebucht ist. Gemeinsam lesen - das ist nicht mehr länger ungewöhnlich, sondern ein sehr reizvolle Sache geworden, die in Oldenburg ein großes Publikum hat. Reframed Fototage Fotos sind überall. Kaum ein anderes Medium prägt unseren Alltag so sehr wie die Momentaufnahmen mit der Kamera. Trotz (oder wegen?) dieser enormen Präsenz nehmen viele sie nicht als Kunstform wahr, sondern als etwas vollkommen Alltägliches, eine Art visueller Gebrauchsgegenstand. Dass viel mehr in ihnen steckt, zeigen alle zwei Jahre die reframed Fototage , die unter Regie des Kulturbüros jeweils im Herbst stattfinden und von denen Teile immer auch umsonst & draußen zu sehen sind. Also: Raus aus dem Feed, rein in die Fototage. Rock gegen Rechts Der meistgeklickte Artikel auf Kulturschnack.de ist jener über Rock gegen Rechts . Tausende Leute interessiert offenbar brennend, welche Bands beim Festival spielen, das früher auf dem Rathausmarkt zuhause war und inzwischen auf den Schlossplatz gewandert ist. Vom Ortswechsel mag man halten, was man will - die Veranstaltung selbst ist über alle Zweifel erhaben. Punk- und Rockbands aus der Region oder mit Connections hierher überzeugen jeweils am Vorabend des Tags der Arbeit am 1. Mai mit klarer politischer Botschaft und das Publikum feiert all das sehr. Da hilft nur eins: Mitfeiern - und ein Zeichen setzen. Sheroes Es ist eine große Ungerechtigkeit der Weltgeschichte: Die Errungenschaften von Frauen wurden entweder kleingeredet, diskreditiert oder häufig einfach Männern zugeschrieben. Bis heute halten sich verschiedenen Narrative, die Frauen bewusst benachteiligen und sie um ihre großen Verdienste bringen. Das geht gar nicht! Höchste Zeit also, diese weiblichen Heldinnen - sprich: Sheroes - bekannter zu machen. Die Sparte 7 hat dafür ein spielerisches Format entwickelt, bei dem jeder Erkenntnisgewinn nicht nur einen Aha-Effekt erzeugt, sondern sogar Spaß macht. Geniale Idee, tolle Umsetzung! Slamformate Wir alle reden, manche von uns den ganzen Tag. Aber Sprache ist häufig nur ein Vehikel für Sachinformationen. Dabei kann sie viel mehr - wie die Slamformate in Oldenburg zeigen. Sie huldigen dem Wort als Kunstform. Ob „ Lesebühne Metrophobia “, „ Lecker Lyrik “, der „ Hörsaalslam “ oder „ It's not the medium, it's the slam “: Alles trägt dazu bei, die Wertschätzung für unsere Sprache und ihre vielen Möglichkeiten sich auszudrücken, zu erhöhen. Das feiern wir sehr, denn der Ton macht die Musik. Sommerkino Kino findet drinnen statt? Von wegen! Zwar lohnt es sich immer, etwa ins Cine k , Casablanca oder Gegenlicht zu gehen. Die Atmosphäre im Saal ist unvergleichllich. Doch das Sommerkino des Cine k bietet eine ebenso einzigartige Alternative: In lauen Sommernächten gibt es kaum etwas Schöneres als gemeinsam mit anderen Film-Highlights unter freiem Himmel zu sehen. Die Stimmung ist bestens, das Programm auch - das ist allemal besser, als auf der heimischen Couch zu vereinsamen. SpontanOL Die Deutschen gehören sicher nicht zu den spontansten Menschen auf diesem Planeten und Oldenburg macht dabei keine rühmliche Ausnahme. Dennoch hat sich hier eine veritable Spontantheater- Szene etabliert, die weit über die Grenzen der Region hinaus Bekanntheit und Beliebtheit genießt. Wer sich den Spaß einmal angeschaut hat, weiß warum: Die plötzlichen Einfälle der Akteur:innen haben den Cjarme des unfertigen, sind mal geradezu genial, mal übrrschend nachdenklich, mal brüllend komisch. Das SpontanOL-Festival ist die perfekte Gelegenheit, um ganz tief einzutauchen und bei einem Workshop selbst spontaner zu werden. Das schadet niemandem - siehe oben. Stadtteilkultur Oldenburg ist monozentristisch. Es war nie groß genug, als dass sich in den Stadtteilen echte Subzentren entwickelt hätten, die eine Fahrt in die City überflüssig machen. Das Prinzip gilt weitgehend auch für die Kultur - allerdings mit Ausnahmen. In den Stadtteilen gibt es zunehmend mehr Akteur:innen, die vor Ort etwas umsetzen wollen. Das Kulturfestival Bloherfel.de ist ein Beispiel dafür, das Farbenfroh Kulturfestival in Kreyenbrück ein anderes, hinzu kommen die sehr aktiven Jugendfreizeitstätten, die oft mehr sind als ihr Name nahelegt. Und rund um das ehemalige Globe-Kino wird auch Donnerschwee immer lebendiger. Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis weitere Stadtteile ein kulturelles Doppelleben beginnen. Auch wenn Oldenburg im Kern immer monozentristisch bleiben wird. Stipendien Man könnte kritisieren, dass bei Stipendien Geld an Menschen geht, die nicht aus Oldenburg kommen und vielleicht auch nicht hier bleiben. Das wäre allerdings äußerst kurzsichtig. Wichtiger als der finanzielle Aspekt ist etwas anderes: Es kommen Leute mit unverstelltem Blick und ohne die Hypothek kindlicher Prägungen. Sie haben einen frischen Blick auf die Dinge, bringen ihren Erfahrungen und ihre Expertise ein und lassen Neues entstehen. Das bedeutet für die Kultur in jedem Fall eine Frischzellenkur. Die Stipendien der Oldenburger Kunstschule , des Hauses für Medienkunst oder des Horst-Janssen-Museums sind deshalb ausnahmslos zu begrüßen. Es dürften eher mehr als weniger sein - denn Oldenburg profitiert davon! Straßenmusik Manche gehen achtlos an ihr vorüber, andere bleiben andächtig stehen: Straßenmusik wird ganz unterschiedlich wahrgenommen. In Oldenburg thront über allen natürlich Waldemar, der musikalisch nicht zu bewerten ist und als Gesamtkunstwerk unverzichtbar wurde. Daneben gibt es aber immer wieder Musiker:innen, die eine Zeit lang die Fußgängerzone prägen und dabei hin und wieder enormes Niveau zeigen. Auch wenn mancher Beitrag in der Vorweihnachtszeit verzichtbar erscheint, kann es unserer Ansicht nach kaum genug Straßenmusik sein. Sie ist eine zwanglose Form der Kultur, die oft genug eine Bereicherung in unserem durchgetakteten Alltag darstellt. Inspiration und Genuss to go. Deshalb gehören wir zu den Stehenbleibern. Street Art Touren Wer vor zwanzig Jahren prophezeit hätte, dass es in Oldenburg eines Tages geführte Street Art Touren geben würde, die durchaus eine Daseinsberechtigung haben, wäre wahrscheinlich nicht ernst genommen worden. Das hat sich deutlich geändert: Oldenburg mag mit den ganz großen Szenemekkas nicht mithalten können, doch die Entwicklung der letzten Jahre ist vor allem in Sachen Murals enorm. Bekannte Namen wie Okuda, Victor Ash oder die 1up Crew sind allesamt an der Hunte vertreten und jeweils füreinander eine gute Gesellschaft. Nein, die Street Art Touren sind kein Scherz, sondern ein attraktives Angebot - für Tourist:innen ebenso wie für Einheimische. Steuerfreies Tanzvergnügen Mit Blick auf den Gesamthaushalt der Stadt Oldenburg ist es nur eine Kleinigkeit. Und auch für die betroffenen Veranstaltungen halten sich die finanziellen Auswirkungen in Grenzen. Trotzdem war es ein starkes Signal, als der Rat im Herbst 2025 die Vergnügungssteuer auf Tanzveranstaltungen gestrichen hat. Das beseitigte einerseits gefühlte Ungerechtigkeiten und das betonte andererseits die gesellschaftliche Relevanz und Wertschätzung der Tanzveranstaltungen, denen man keine weitere Steine in den Weg legen wollte. Im Namen der Szene und des Publikums: Danke! Studiengang Kunst und Medien Manche Oldenburger:innen schauen etwas neidisch nach Bremen oder Braunschweig. Die dortigen Hochschulen für Künste sorgen für eine sehr lebendige Kulturszene und einen steten Nachschub an jungen Künstler:innen. Traumhaft! Dass es in Oldenburg zumindest einen Studiengang gibt, der ganz ähnlich wirkt, wird dabei oft übersehen. Dabei sind die Studierenden aus diesem Bereich in Oldenburg selbst zu einem Aktivposten geworden und schaffen immer wieder spannende Ausstellungsformate . Wer von etablierter Kunst genug hat oder einfach mal Abwechslung sucht, sollte sich die Projekte des Studiengangs Kunst und Medien nicht entgehen lassen. Tanztage Nach Filmfest und Keramiktage sind die Tanztage das dritte Format, das selbstbewusst das Adjektiv „international“ im Namen trägt. Alles andere wäre in diesem Fall auch zu kurz gegriffen, kommen die beteiligten Compagnien doch häufig nicht nur aus vielen verschiedenen Ländern, sonern auch von unterschiedlichen Kontinenten. Oldenburg hat zwar selbst eine spektakulär gute Ballettsparte , doch die Tanztage sind mit ihren Einflüssen aus aller Welt eine echtes Glanzlicht geworden, das sich auch Tanzmuffel nicht entgehen lassen sollten. Man muss dabei gewesen sein, um es vollends zu begreifen - doch dann ist die Suchtgefahr groß. Updreihn Festival Das stets ausverkaufte Updreihn-Festival ist ein Paradebeispiel für Do it yourself-Kultur. Die Beteiligten sind allesamt begeisterte Festivalfans. Doch anstatt nur zu konsumieren oder zu lamentieren, stellten sie sich die Frage: Können wir das auch selbst? Und die Antwort lautet: Sie können! Das „Updreihn“ konkurriert allerdings nicht mit Deichbrand und Hurricane, es ist vielmehr ein kleines, feines Ein-Tages-Festival für alle Freunde von Punk und Rock. Ebenso wie die Veranstalter:innen zeichnen sich auch die Bands durch viel Herzblut aus. Intensive Konzerterlebnisse sind damit garantiert - und sicher heißt es auch in diesem Jahr wieder: Sorry, ausverkauft. World Press Photo Ein Oldenburg ohne World Press Photo Ausstellung ist eigentlich kaum noch vorstellbar - und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einem solchen Event machen kann. Das Mediavanti-Team hat die Standard-Bilderschau der WPP Foundation derart stark mit Kontext und Rahmenprogramm aufgeladen, dass man die Oldenburger Variante der Ausstellung mit Fug und Recht als einzigartig bezeichnen kann. Hier wird geboten, was kaum irgendwo sonst zu sehen bzw. zu erleben ist: Hintergrundwissen aus erster Hand, spannende Vorträge zu relevanten Themen von interessanten Menschen. Dafür lohnt sich die viele Arbeit . Chapeau! Zeichenfestival Man darf ja zu Recht fragen, wie man aus einer stillen Arbeit wie dem Zeichnen ein Festival machen möchte. Und die Antwort lautet auch, dass man den Begriff etwas anders verstehen muss. Aber wenn man Zeichenfestival-Leiter Georg Lisek sprechen hört, weiß man schnell, dass die Bezeichnung korrekt ist. Die intensive Erfahrung, die die Teilnehmer der bisher zehn Festivals gemacht haben, ist anders kaum zu beschreiben. Dank innovativer, kreativer Plakataktionen hat aber auch die Allgemeinheit etwas vom Zeichenfestival. Schade eigentlich, dass es nur alle zwei Jahre stattfindet. Aber so bleibt es etwas Besonderes, wenn plötzlich wieder Kunstwerke statt Konsumpropaganda an den Litfaß-Säulen hängen. Wir freuen uns schon vor! Zirkuskunst Zirkus: Das war lange kaum mehr als eine Erinnerung an die Kindheit. An halbleere Zelte, einigermaßen unglücklich wirkende Tiere und kaum besser gelaunte Clowns. Aber das ist Geschichte, falls es überhaupt jemals so war. Der moderne Zirkus ist ein zeitgemäßes Spektakel mit atemberaubender Artistik und Akrobatik und gekonntem Humor aus der Welt der Varietés. Dass Oldenburg zu einer Hochburg circensischer Attraktionen geworden ist, haben wir dem Mut des Vereins Kultur-Perspektiven zu verdanken - aber auch uns selbst, weil wir uns auf das Abenteuer eingelassen haben. Das sollten wir weiterhin tun.
- KOLUMNE: DIE SZENE IN SZENE
Seit Mitte 2020 schreibt Kulturschnacker Thorsten eine monatliche Kolumne für die Spielzeitung des Staatstheaters. Digital findet ihr sie unter www.staatstheater.de. Oder: hier. Vorhang auf: Das galt am 15. März auch für den Kulturschnack. (Bild: Staatstheater) Ich erinnere mich noch gut. Es geschah eines Morgens kurz nach dem Aufwachen. Wahrscheinlich hatte ich geträumt, irgendjemand hätte plötzlich die Kultur verboten und künstlerische Umtriebe würden unter Strafe gestellt. So ungefähr muss es gewesen sein, denn mein erster Gedanke in diesem frühen Moment war dieser: Wie können wir dafür sorgen, dass noch mehr Menschen den Wert der Kultur verinnerlichen – und nie wieder vergessen? Dieser Morgen liegt mittlerweile mehr als ein Jahr zurück, doch der Gedanke hat mich seitdem nicht mehr richtig losgelassen. Normalerweise drückt die Gesellschaft ihre Wertschätzung ja über Geld aus. In diesem Fall: über die klassische Kulturförderung. Sie hat auf jeden Fall ihre Daseinsberechtigung. Ich habe mich aber gefragt: Ist da nicht mehr möglich? Etwas, das nicht nur finanziert, sondern vielleicht auch inszeniert und – sic! – kultiviert? Lasst uns schnacken Seit Mitte März gibt es endlich eine Antwort darauf: den Kulturschnack! Die neue digitale Plattform des Kulturbüros will genau das erreichen: die Oldenburger Kultur in Szene setzen und – wenn möglich – sogar Anstöße zur Weiterentwicklung geben. Sie ist das erste Element der digital-analogen Kulturstrategie, die seit Juni 2021 von meinem Kollegen Kevin Altenberger entwickelt wird. Beim „Schnack“ bilden wir gemeinsam das Redaktionsteam und wollen Geschichten erzählen, Zusammenhänge darstellen, Hintergründe beleuchten. Dafür gibt es zunächst zwei Kanäle: ein Online-Magazin, das kontinuierlich neue Einblick in die Oldenburger Kulturszene gewährt - und einen Podcast, der sich Zeit für tiefgehende Gespräche nimmt. Wäre es nicht so eine verbrauchte Floskel, würde ich schreiben: der Mensch steht im Mittelpunkt. So ist es eben. Und zwar nicht nur die großen Namen und bekannten Gesichter, sondern auch diejenigen, die seltener im Rampenlicht stehen. Durch diese Form des Erzählens – über die Ereignisse selbst hinaus – soll ein tieferes Verständnis und eine höhere Identifikation mit der Kultur geschaffen werden. Und Sie ahnen schon, wo das ultimativ hinführen soll: dazu, dass noch mehr Menschen den Wett der Kultur verinnerlichen – und nie wieder vergessen. Jenseits des Bühnenrands Der Gedanke hat auch damit zu tun, dass wir nicht davon ausgehen können, dass kulturelles Angebot und Nachfrage immer im Lot sind. Genauso wenig sollten wir annehmen, dass wir bereits das Maximum an Aufmerksamkeit und Interesse aus der Bevölkerung herausgekitzelt haben. Um Kultur für noch mehr Menschen interessant und attraktiv zu machen, sollte man Blickwinkel einnehmen, die man nicht schon zu genüge kennt und eine Sprache sprechen, die einlädt und nicht ausschließt. Beides wollen wir tun. Perspektivisch soll der Kulturschnack übrigens noch mehr bieten. Er soll ein Resonanzraum sein für neue Projekte und Formate, aber auch für Debatten und Impulse. Man könnte es auch anders ausdrücken: Er soll ein Ort sein für all die Dinge, die Kultur ausmachen, die aber bisher noch nirgendwo abgebildet wurden. Wenn alles optimal läuft, dann entsteht ein Generator, der das kulturelle Leben in Oldenburg mit zusätzlicher Kraft versorgt. Geschichtenerzähler als Impulsgeber Uns selbst wollen wir bei alledem keinesfalls zu wichtig nehmen. Uns ist bewusst: Wir können letztlich nur Geschichten erzählen, die andere schreiben. Aber wenn wir Impulse geben, Sichtbarkeit herstellen und Wertschätzung zeigen können, dann wäre das schon sehr viel wert. Deshalb auch unser Leitmotiv: Wir setzen die Szene in Szene. Zugegeben: Auch heute wache ich hin und wieder auf und habe sofort eine Frage im Kopf, die ich einfach nicht wieder loswerden. Ein kulturelles Thema war jedoch schon länger nicht mehr dabei. Nicht, weil ich sie vernachlässigen würde, sondern weil das Gegenteil der Fall ist: weil ich aktiv dran arbeiten kann, dass noch mehr Menschen den Wert der Kultur verinnerlichen – und nie wieder vergessen. Ein Anfang ist gemacht – auf www.kulturschnack.de .
- WENN BLEISTIFTE FLIEGEN LERNEN
Was haben ein Spiegelei, ein Gorilla und die Skyline von New York gemeinsam? Auf den ersten Blick: nichts. Auf den zweiten: Sie alle sind Teil der künstlerischen Welt von Christoph Niemann, die noch bis zum 17. Mai 2026 kostenfrei im Horst-Janssen-Museum zu entdecken ist. Eine Ausstellung, die zeigt, was Zeichnung alles kann und dabei so zugänglich ist, dass man am liebsten selbst zum Stift greifen möchte. Es braucht nicht immer viel, um ein wirkungsstarkes Bild zu kreieren - wie Christoph Niemanns Stiftskizzen beweisen. (Bilder: Christoph Niemann) Seit 2023 leuchtet sie weithin sichtbar: die 50 Meter lange Fassadengestaltung „ Current Lines “ von Christoph Niemann am Horst-Janssen-Museum . Was viele nicht wissen: Die ersten Skizzen dazu entstanden spontan auf einer Zugfahrt – so erfährt man es in der Ausstellung. Nun, pünktlich zum 25. Jubiläum des Museums, ist Niemanns Kunst endlich auch im Haus zu sehen. Dabei war genau das der ursprüngliche Plan: eine große Werkschau. Die monumentale Fassadenkunst kam eher spontan dazu. Von der Zugskizze zur 50-Meter-Leinwand: Current Lines verbindet das Horst-Janssen-Museum seit 2023 sichtbar mit der Stadt. (Bild: Andrey Gradetchliev) „Mit seiner Kunst passt er ideal zu unserem Credo der Zeichenkunst bis heute“, sagt Museumsleiterin Dr. Jutta Moster-Hoos . Tatsächlich ist das Horst-Janssen-Museum längst mehr als nur ein Ort für die Werke seines Namensgebers. Hier wird Zeichnung als lebendige, zeitgenössische Kunstform gefeiert – von Horst Janssen (1929–1995) bis in die Gegenwart. Christoph Niemann ist aktuell einer ihrer prominentesten Vertreter. CHRISTOPH NIEMANN: RANDNOTIZEN 15 NOVEMBER 2025 - 17. MAI 2026 HORST-JANSSEN-MUSEUM AM STADTMUSEUM 4-8 26122 OLDENBURG EINTRITT: FREI Wer ist Christoph Niemann? Bereit für den nächsten Pinselstrich: Christoph Niemann arbeitet sowohl analog als auch digital. (Bild: Matthew Priestley) 1970 in Waiblingen geboren, studierte er bei Heinz Edelmann – ja, genau, dem Mann hinter dem „ Yellow Submarine “-Design der Beatles – an der Stuttgarter Kunstakademie. Was folgte, war eine Karriere, die ihn über New York zurück nach Berlin führte und zu einem der gefragtesten Illustratoren der Welt machte. „The New Yorker“ beauftragt ihn regelmäßig für Titelbilder, über eine Million Menschen folgen ihm auf Instagram , und Netflix widmete ihm eine Episode der Serie „Abstract: The Art of Design“ . Doch das Beeindruckendste an Niemanns Karriere sind vielleicht die ungewöhnlichen Momente: Er zeichnete live von der Kunstbiennale in Venedig, von den Olympischen Spielen in London und skizzierte den New York City Marathon (während er ihn lief!). Diese Mischung aus Spontaneität und Präzision durchzieht sein gesamtes Werk. „The New Yorker“ als Bühne Ein Cover für den „ New Yorker “ zu gestalten, ist der Traum vieler Illustrator:innen. Das liegt an der langen Geschichte des Magazins und an seiner besonderen Rolle: Seit der Gründung 1925 stehen die Titelbilder für kluge Beobachtungen, feinen Humor und visuelle Kommentare zum Zeitgeschehen. Künstler wie Saul Steinberg (1914–1999) haben diese Tradition geprägt und tun es bis heute. Eines von vielen: Christoph Niemann ist ein Cover-Stammgast. (Bild: Christoph Niemann, The New Yorker Archive) Christoph Niemanns erstes Cover erschien am 9. Juli 2001 – zufällig an seinem Hochzeitstag. Seitdem folgten viele weitere, allein 2023 gleich zwei. Auf einem davon liegt die Erde in einer Mikrowelle: oben noch blass, unten bereits glühend orange. Die Metapher ist brutal einfach. Wir erhitzen den Planeten wie ein Fertiggericht. „In meiner Vorstellung geschehen Katastrophen mit einem Knall“, sagt Niemann. „Aber diese Situation entwickelt sich gerade – wie vor dem Einschlag eines Meteoriten.“ Auch zur Frage, ob Künstliche Intelligenz Künstler ersetzen kann, findet Niemann klare Bilder. Auf einem Cover hilft ein Roboter einem Künstler mit Schreibblockade und produziert am Ende nur einen riesigen Haufen Papiermüll. Für Niemann zählt nicht Perfektion, sondern die menschliche Intention. Seine Cover sind deshalb mehr als aktuelle Kommentare: Sie laden dazu ein, genauer hinzuschauen und selbst weiterzudenken. Sieben Meter Kreativität Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist bereits beim Betreten nicht zu übersehen: die sieben Meter hohe Installation „Atelier“. Chaotische Explosion: Christoph Niemann arbeitet stets an mindestens fünf Projekten. (Bild: Horst-Janssen-Museum) Ein Schreibtisch mit Zeichenutensilien, als wäre Niemann gerade nur kurz aufgestanden. Doch von dort aus explodiert das kreative Chaos förmlich: Zeichnungen, Skizzen, Entwürfe ranken sich zwei Etagen hoch bis zur Decke. Eine Hand ragt aus dem Rahmen, daneben eine Laokoon-ähnliche Figur, die wir an anderer Stelle in den Reisezeichnungen wiederentdecken. Weiter rechts fällt ein Geodreieck ins Auge, das den perfekten Übergang zur Wandfarbe markiert. „Ich arbeite fast immer an mindestens fünf Projekten gleichzeitig“, verrät Niemann. „Das Ziel ist, immer irgendwie Ordnung auf dem Papier zu schaffen. Um das zu erreichen, muss ich akzeptieren, dass es auf dem Schreibtisch (und im Kopf) bisweilen etwas chaotisch zu geht.“ Diese Installation macht den kreativen Prozess sichtbar und sie nimmt dem künstlerischen Schaffen etwas von seiner vermeintlichen Unerreichbarkeit. Wenn Alltägliches überrascht Über zwei Ebenen entfaltet sich also Niemanns Werk in seiner ganzen Bandbreite. Da sind die berühmten „ Sunday Sketches “ – jene Serie, in der ein Alltagsgegenstand durch wenige gezeichnete Striche plötzlich zu etwas völlig anderem wird. Ähnlich funktionieren die „ Photo Drawings “. Niemann fotografiert auf Reisen Orte und Dinge, um sie dann mit originellen Einfällen umzudeuten oder zu erweitern. Wenn Niemann unterwegs ist, sieht er überall Figuren: in kleinen Objekten, in Ruinen, in kargen Landschaften. Ein paar gezeichnete Striche und plötzlich haben Feuermelder Gesichter und Trümmer Bewohner. Hinzu kommen Tuschezeichnungen mit reduzierten Strichen, malerische Linolschnitte der ZOO-Serie – Niemanns Bandbreite ist enorm. Wenn Niemann auf Reisen geht, sieht er überall Figuren. Die Photo Drawings erschaffen aus Alltäglichem neue Geschichten. (Bild: Horst-Janssen-Museum) Ehrliche Zweifel Die Ausstellung zeigt jedoch nicht nur strahlende Erfolge. Auf einer Wand macht Niemann seine Selbstzweifel sichtbar: „Ich bin nicht gut genug“, „Meine Arbeit ist irrelevant und ich bin bald pleite“, „Ich habe keine Ideen mehr“ – Sätze, die wohl jede kreativ arbeitende Person kennt. „Die größte Erkenntnis, die ich über die Jahre gewonnen habe, ist: Man kann nichts erzwingen“, sagt Niemann. „Man kann nur gute Rahmenbedingungen schaffen und dann versuchen, sich mit kleinen Schritten guter Arbeit zu nähern.“ Niemann träumt von einer Leichtigkeit, mit der er ins Atelier kommt, Papier und Stift zur Hand nimmt und alles fließen lässt – ohne Angst vor falschen Linien. Ob er diesen Zustand je erreichen wird, weiß er nicht. Sicher ist für ihn nur, dass Stillstand keine Option ist. Seit vielen Jahren ist ihm bewusst, dass er sich über das Analoge hinaus weiterentwickeln muss und sich dem Digitalen nicht verschließen möchte. Gerade diese Offenheit macht den erfolgreichen Illustrator nahbar und seine Ausstellung zu mehr als nur einer klassischen Werkschau. Zum Mitmachen gedacht Das Horst-Janssen-Museum hat die Ausstellung und das reiche Begleitprogramm bewusst interaktiv gestaltet. Kinder – und vermutlich auch viele Erwachsene – können die Apps „Chomp“ und „Petting Zoo“ auf Tablets ausprobieren. Über die Kamerafunktion lässt sich dabei tatsächlich in Niemanns Zeichenwelt eintauchen und für einen Moment Teil davon werden. Besonders charmant: An der Kasse gibt es Kreativtaschen zum Ausleihen. Verschiedene Aufgaben laden zum Zeichnen, Kleben und Schreiben während des Rundgangs ein. Wer danach noch Lust hat, kann eine kostenlose Postkarte an Freunde oder Familie schreiben und über den Citipost-Briefkasten im Foyer verschicken. Neben all den vielen Messenger-Nachrichten und E-Mails jeden Tag eine schöne Abwechslung. Niemann-Effekt: Im Gästebuch des Museums finden sich einige Besucherskizzen. (Bild: Kulturschnack) Und, lohnt es sich hinzugehen? Oh ja. Besonders für alle, die glauben, Kunst sei kompliziert. Niemanns Werk zeigt: Die besten Ideen sind oft die einfachsten. Da ist etwa eine Fotoreihe mit Lego-Bausteinen, die mit etwas Vorstellungskraft plötzlich das auseinandergebaute Flatiron Building aus New York zeigen. Oder King Kong. Mit nur wenigen, gezielt eingesetzten Farben tut Niemann das, was Künstler bereits im frühen 20. Jahrhundert auf der Leinwand verfolgten: Formen auf ihr Wesentliches zu reduzieren. Dabei spielt Niemann bewusst mit unserem Vorwissen. Man muss das Flatiron Building kennen, um es wiederzuerkennen. Seine und unsere Erfahrungen treffen dann über das Bild aufeinander. Faszinierend ist auch die Videoanimation einer Straße aus der Vogelperspektive mit Autos. Rechts und links zwei senkrechte Balken, die wie in dem bekannten Videospiel „ Pong “ einen Ball hin und her bewegen. Manchmal kullert der Ball durch die Autoreihen, und es ist erstaunlich spannend zu beobachten, was als Nächstes passiert. Für Familien ist die Ausstellung ideal – Kinder sehen hier, dass Kreativität keine teuren Materialien braucht. Designer und Kreative lernen, wie man mit Selbstzweifeln und Einschränkungen umgeht. Und alle, die normalerweise mit Museen nicht viel anfangen können, werden hier nicht belehrt, sondern – im besten Fall – zum Schmunzeln gebracht. Plötzlich sieht man ikonische Bauten aus New York oder Marilyn Monroe und King Kong in kleinen Legosteinen. (Bild: Kulturschnack) „Christoph Niemanns Randnotizen ist eine Ausstellung zum Staunen über das, was Zeichnung alles kann“, sagt Museumsleiterin Jutta Moster-Hoos. Wir finden, das trifft es auf den Punkt. Denn was man hier lernt, geht über Kunstgeschichte hinaus. Dass Kreativität auch bedeutet, mit Chaos umzugehen. Dass große Ideen oft aus kleinen Beobachtungen entstehen – aus Legosteinen oder einem Ball, der sich seinen Weg durch vorbeifahrende Autos bahnt. Dass Zeichnen nicht perfekt sein muss, um hängen zu bleiben. Und dass es okay ist, sich dabei nicht allzu ernst zu nehmen. Die Ausstellung erinnert uns wieder daran, wie viel Spaß es macht, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Stell dir vor, jemand baut aus ein paar bunten Legosteinen ein New Yorker Taxi nach und du erkennst es sofort. Genau darum geht's: Um die Kunst der Reduktion und um die Erkenntnis, dass große Ideen oft ganz klein anfangen. Noch bis zum 17. Mai 2026 ist Gelegenheit sich all das anzusehen. In Workshops kann man sogar viele von Niemanns Techniken selbst ausprobieren: das Überzeichnen von Fotografien, das Animieren von Zeichnungen oder wie man generell an das Zeichnen und Abstrahieren herangeht, ohne dass einem die Ideen oder der Mut verlässt.
- BÜHNE FREI FÜR DIE KULTURTAFEL
Der Kulturschnack hat eine enorme Bandbreite an Themen. Eines kehrt jedoch immer wieder. Nicht, weil uns nichts anderes einfiele, sondern weil es eine Herzensangelegenheit von uns ist. Wovon hier die Rede ist? Na klar: Von der KulturTafel Oldenburg. Sie schafft Kulturerlebnisse für Menschen, für die sie sonst unerreichbar wären. Das finden wir großartig. Und ihr? Könnt auch ein Zeichen setzen - indem ihr einfach einen tollen Abend habt! Zurecht im Rampenlicht: Auf der Bühne des Kleinen haus des Oldenburgisches Staatstheaters wird die KulturTafel gefeiert - natürlich mit Kultur! (Bild: Stephan Walzl / Kulturschnack) Was macht unsere Gesellschaft aus? Warum leben wir in einer großen Gemeinschaft zusammen? Ganz einfach: weil wir die gegenseitige Wärme brauchen. Früher haben sich die Menschen in Höhlen aneinander gekauert, um die Körpertemperatur nachts nicht zu weit absinken zu lassen. Und heute? Ist dieser Wärmeaustausch sozialer Natur. Wenn alle zusammenhalten, gegenseitig auf sich aufpassen und füreinander da sind, dann profitieren alle davon. Die Schwächeren, weil sie das bekommen, was sie brauchen - die Stärkeren, weil sie geben dürfen, was sie im Überfluss haben. Dieses Prinzip hat sich seit Jahrtausenden bewährt - auch wenn heutzutage manche davon wenig wissen wollen. Nach diesem Prinzip der Solidarität funktioniert auch die KulturTafel Oldenburg. Die ehrenamtliche Organisation sorgt dafür, dass Menschen. Kulturveranstaltungen besuchen können, die ansonsten nicht die Möglichkeit dazu hätten. Zwar sind 9,72% des Bürgergeldes für „Freizeit, Unterhaltung, Kultur“ vorgesehen. Doch bei einer Gesamtsumme von 563 Euro sind dies nur 54,92 Euro pro Monat. Das reicht für ein bis zwei bis vier schöne Stunden - die restlichen siebenhundert muss man anders füllen. Und an dieser Stelle kommt eben die KulturTafel ins Spiel. „NACHSCHLAG“: BENEFIZ-GALA FÜR DIE KULTURTAFEL MIT: ANNIKA BLANKE, SVEN KAMIN, MATTHIAS REUTER, KAI-OLAF STEHRENBERG, CHASING MARY MONTAG, 28. APRIL 2025, 20 UHR ( TICKETS) OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER KLEINES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG Die einfache Entscheidung Man ist ja Mensch. Und als solcher tut man hin und wieder auch mal etwas Gutes: Jemandem helfen, sich engagieren, etwas spenden. Vor allem letzteres ist leicht, mit ein paar Klicks ist es meist schon erledigt. Der Haken: Für so eine anonyme Spende bekommt man keine direkte Reaktion - z.B. in Form eines Danks oder eines Lächelns. Nicht, dass es darum ginge. Dennoch freut man sich, wenn es so ist. Beste Botschafterin: Annika Blankes Engagement für die KulturTafel Oldenburg sucht seinesgleichen. Wie verbogen uns in Ehrfurcht. (Bild: Niels Wagner) Beim Benefiz-Abend für die Kulturtafel Oldenburg am 28. April ist es ganz anders. Zwar muss man sein Ticket - das in voller Höhe eine Spende darstellt - online ordern. Doch der Rotary E-Club of D-1850 hat dafür gesorgt, dass ihr eine livehaftige Gegenleistung bekommt. „ Wir wollen an diesem Abend mit möglichst vielen Leuten das Engagement der KulturTafel feiern“, freut sich Annika Blanke vor. Sie ist nicht nur erfolgreiche Poetry Slammerin und Buchautorin, sondern auch Botschafterin der KulturTafel und gemeinsam mit dem Rotary Club Initiatorin des Abends. „Ob Kino, Konzert, Theater oder Malkurs - Die Kulturtafel hat seit ihrer Gründung vor fünf Jahren schon mehr als eintausend Menschen mit geringem Einkommen Kultur in vielfältiger Form zugänglich gemacht.“ Ihr könnt den letzten Montagabend im April natürlich auch damit verbringen, euch vom Wochenende erholen, an dem ihr euch von der Woche erholt habt. Ihr könnt aber auch ins Staatstheater kommen, um eine wichtige Oldenburger Einrichtung zu feiern und einen fantastischen Abend erleben. Einfache Entscheidung, oder? KULTURTAFEL OLDENBURG EINFACH UNBEZAHLBAR Der Kulturschnack war erst drei Monate alt, das trafen wir uns zu einem ausführlichen Gespräch mit Mareike Urfels, damals Geschäftsführerin der KulturTafel Oldenburg. In diesem intensiven Gespräch wurden zwei Dinge sehr deutlich: Die Bedeutung der KulturTafel für unser gesellschaftliches Zusammenleben in Oldenburg - und die Begeisterung von uns für diese gute Sache. Schnell reifte der Gedanke neben der Poetry Slammerin und Autorin Annika Blanke ebenfalls Botschafter für die KulturTafel zu werden. Zwar haben wir nicht annähernd dasselbe Sprachtalent für unsere famose Kollegin, dafür haben wir aber die Möglichkeit, die Tafel redaktionell zu unterstützen und für sie zu werben. Was wir immer wieder liebend gerne tun. Wer mehr über die Struktur der KulturTafel wissen möchte, liest unsere ausführliche Würdigung aus dem Juni 2022. Empfehlenswert sind außerdem unsere Podcasts mit Annika Blanke und Mareike Urfels. Die Links findet ihr am Ende des Artikels. Alle für die KulturTafel Selbst wenn man den wunderbaren Benefiz-Gedanken einmal vollkommen ignorieren würde, gäbe es genug Gründe, am 28. April ins Staatstheater zu kommen. Denn was dort geboten wird, rechtfertigt den Umzug aus dem beschaulichen Wilhelm13 - in dem vor einem Jahr die letzte Gala stattfand - voll und ganz. Waren es damals drei Acts, die live zu erleben waren, sind es nunmehr fünf. Und die können sich sowohl sehen als auch hören lassen. Gegenperspektive: Die Stars des Abends stehen nicht nur auf der Bühne, sie sitzen auch im Publikum. Denn: Ohne euch geht nichts! (Bild: Stephan Walzl) Wir haben uns gefragt, wie wir die Auftritte von Annika Blanke , Sven Kamin , Matthias Reuter , Kai-Olaf Stehrenberg und Chasing Mary am besten in Worte fassen. Wie erklärt man den besonderen Reiz, den die intelligenten, tiefgründigen, aber auch krachend komischen Wortspiele und Satzkunstwerke der beteiligten Slammer:innen ausüben? Und wie macht man klar, was der besondere Reiz an den beiden Musik-Acts ist und warum man sie unbedingt ansehen sollte? Anstatt uns in ausufernden Beschreibungen zu verlieren, beschränken wir uns hier auf das Nötigste und lassen stattdessen lieber Videos sprechen. Selbst sie fangen den Live Spirit nur ansatzweise ein. Aber sie geben eine gute Vorstellung davon, was euch erwartet - und warum ihr euch unbedingt ein Ticket für den Benefiz-Abend zugunsten der KulturTafel Oldenburg sichern solltet. Beachtliche Bilanz: So sahen die Zahlen der KulturTafel Oldenburg im März 2025 aus. (Screenshots: Kulturschnack) Das Original: Kai-Olaf Stehrenberg Viele kennen ihn aus „ The Voice of Germany “, wo er im letzten Jahr beeindruckende Auftritte hinlegte. Ihn auf die Teilnahme an dem beliebten TV-Format zu reduzieren, wäre aber ungerecht. Schließlich macht Kai-Olaf nicht erst seit gestern Musik und ist sich in all den Jahren immer selbst treu geblieben. Als „das originalste Original“, hat Mark Forster ihn bezeichnet. Was er damit meint? Erlebt ihr am 28. April im Kleinen Haus! Der Weltmeister: Sven Kamin Sven Kamin ist eigentlich Journalist, war fürs ZDF und Radio Bremen aktiv. Seine wahre Berufung fand er aber auf der Bühne. Er hat etwa so viele Slam-Meisterschaften gewonnen wie der FC Bayern Fußballtitel. Kamin ist aber sogar noch mehr, nämlich ein waschechter Weltmeister: Er siegte beim ersten NDR Slam op Platt im Jahr 2012. Wie das klingt? Erlebt ihr am 28. April im Kleinen Haus! Der Rückkehrer: Matthias Reuter Wir sind mal ehrlich: Wir kennen die bundesdeutsche Kleinkunstszene nicht bis ins letzte Detail. Matthias Reuter ist uns trotzdem ein Begriff. Warum? Nicht weil er medial omnipräsent wäre, sondern weil er durch etwas auffällt, das manchmal zu kurz kommt: Qualität. Das hat er schon bei der letzten Benefiz-Gala beweisen. Ob er es noch genauso drauf hat wie damals? Erlebt ihr am 28. April im Kleinen Haus! Die Fusionisten: Chasing Mary Die Oldenburger Band Chasing Mary verbindet Pop, Rock, Jazz und Soul zu einer Melange, die es allen Zuhörer:innen verdammt schwer macht, nicht in irgendeiner Form begeistert zu sein. Musikgeschmäcker hin oder her, das Quartett kredenzt dem Publikum einen mitreißenden Sound, in dessen Klang man sich komplett verlieren kann. Wie sich das anfühlt? Erlebt ihr am 28. April im Kleinen Haus! Die Lokalmatadorin: Annika Blanke Es gab mal eine Zeit, da wusste noch nicht jeder, wer Annika Blanke ist und warum man sie kennen muss. Das dürfte allmählich vorbei sein, denn die wunderbare Slammerin, Kabarettistin und Autorin hat ihre Kunst in ihrer Hometown Oldenburg schon erfreulich oft unter Beweis gestellt. Das wird sie einmal mehr beim „Nachschlag“ im Staatstheater tun. Was das für eure Synapsen bedeutet? Erlebt ihr am 28. April im Kleinen Haus! Solidarität? Genial! Wir wiederholen die Frage: Was macht uns als Gesellschaft aus? Warum leben wir in einer großen Gemeinschaft zusammen? Und die Antwort ist jetzt hoffentlich noch klarer als zuvor: Weil wir etwas davon haben! Und zwar alle: Die Gebenden ebenso wie dieNehmenden. Wenn man es genau betrachtet, ist Solidarität also ziemlich genial. Wir sollten unbedingt dabei bleiben. Noch besser wir das Prinzip aber, wenn die Gebenden für ihre gute Tat eine so begeisternde und inspirierende Gegenleistung bekommen wie beim Benefizabend zugunsten der KulturTafel. Hier fragt man sich beinahe, ob aus den Gebenden unter dem Strich nicht selbst Nehmende werden, weil sie so sehr von der Veranstaltungen profitieren. Am wichtigsten aber: Die KulturTafel hat etwas davon. Und mit ihr ihre über 1.000 KulturGäste, die auf bisher mehr als 1.700 Veranstaltungen der 86 KulturPartnerschaften zu Gast sein durften. Das macht den Abend im Kleinen Haus des Staastheaters zu einem starken Symbol der Solidarität in Oldenburg. Und das macht unsere Stadt zu einem Ort, an dem dieses Prinzip mit viel Leben gefüllt wird. Jetzt fehlt nur noch eines: Ihr!
- STAATSAKT #7: DIE KUNST DER KOMÖDIE
Das Oldenburgische Staatstheater ist das Flaggschiff der Oldenburger Kulturlandschaft. Sein Output allein würde unsere Stadt schon zu einer Theatermetropole machen. Um halbwegs den Überblick zu behalten, gibt es nun den Kulturschnack Staatsakt. Hier treffen wir uns mit den Akteur:innen und sprechen mit ihnen über Premieren, Projekte, Persönliches. Das ist Theater - im Rampenlicht und hinter den Kulissen! Mehr als nur lustig: „Die Kunst der Komödie“ sorgt zwar für etliche Lacher, das Stück bietet aber noch sehr viel mehr. (Bild: Stephan Walzl) Was ist eigentlich eine Komödie? Diese vermeintlich simple Frage ist überraschend schwer zu beantworten. Denn so nahe es auch liegt, sie lässt sich nicht auf den Humor reduzieren, sondern offenbart viele weitere Ebenen. Eine Def inition beschreibt sie daher auch als „ ein Drama (sic!) mit oft erheiterndem Handlungsablauf, das für den Helden glücklich endet “, Die unterhaltsame Grundstimmung entstehe durch eine übertriebene Darstellung menschlicher Schwächen, die neben der Belustigung des Publikums aber auch kritische Zwecke haben kann. Man täte der Komödie also Unrecht, wenn man nur ihre heitere Seite betrachtet. Das zeigt in besonderer Weise „ Die Kunst der Komödie “ von Eduardo de Filippo im Oldenburgischen Staatstheater. Der Titel scheint ein heiteres Lustspiel anzukündigen, doch diese Interpretation führt in die Irre. Obwohl es auf der Bühne durchaus humorvoll zugeht, widmet sich die neue deutsche Fassung von Regisseur Peter Hailer durchaus den großen Themen und Dramen der Zeitgeschichte, Gesellschaft und Politik. Im Kulturschnack Staatsakt Nr. 7 haben wir mit dem Schauspieler Hagen Bähr über die Schattierungen und Stärken des Stücks gesprochen - und dabei einiges über Täuschung, Fakes und italienische Anzüge gelernt. OLDENBURGISCHES STAATSTHEATER DIE KUNST DER KOMÖDIE KOMÖDIE VON EDUARDO DE FILIPPO DI 8. APRIL 20 UHR ( TICKETS ) SA 12. APRIL 20 UHR ( TICKETS ) SO 27. APRIL 18.30 UHR ( TICKETS ) FR 2. MAI 20 UHR ( TICKETS ) SO 4. MAI 18.30 UHR ( TICKETS ) SA 24. MAI 20 UHR ( TICKETS ) FR 13. JUNI 20 UHR ( TICKETS ) SA 14. JUNI 20 UHR ( TICKETS ) DO 19. JUNI 20 UHR ( TICKETS ) FR 27. JUNI 20 UHR ( TICKETS ) SO 29. JUNI 15 UHR ( TICKETS ) DO 3. JULI 20 UGR ( TICKETS ) KLEINES HAUS THEATERWALL 28 26122 OLDENBURG S I E B T E R S T A A T S A K T E R S T E R A U F T R I T T Ein frühlingshaft erleuchtetes Theaterfoyer zur Mittagszeit. Das Sonnenlicht fällt durch große Fenster in den Raum, von der Straße hört man leise den Verkehrslärm. Zwei Kultur-Redakteure positionieren ihre Kameras. Ein Stativ bereitet Schwierigkeiten, doch beim Eintreffen des Gastes ist das Problem gelöst. Er nimmt am langen Tresen der Theaterbar Platz und wartet entspannt die letzten Vorbereitungen ab. Dann beginnt das Gespräch. Treffpunkt Theaterbar: Mit Hagen Bähr kann man sehr entspannt über ganz kleine und ganz große Themen sprechen. (Bild: Kulturschnack) HAGEN Habt ihr das Stück eigentlich schon gesehen? THORSTEN Nee, leider noch nicht. Aber das kann für diese Interviewsituation auch ein Vorteil sein. Wir stellen die Fragen ja für unser Publikums - und wenn wir das mit derselben Unwissenheit und Neugier tun, liegen wir oft genau richtig. HAGEN Na, dann mal los! (Thorsten erklärt noch einiges zum Prozedere, dann startet das eigentliche Interview) THORSTEN Hagen, du bist aktuell in „Die Kunst der Komödie“ zu sehen. Der Titel weckt einerseits sofort Assoziationen, Komödien kennt schließlich jeder. Andererseits bleibt er unkonkret, was die Handlung betrifft. kannst du kurz beschreiben, worum es geht? HAGEN Ein junger Politiker wird in ein kleines Dorf versetzt und soll da seine ersten Karriereschritte mache. Gleich am ersten Tag sprengt ein Theaterdirektor die Agenda und sagt: „Mir ist das Theater abgebrannt, ich brauche wirklich Hilfe, wir wissen nicht mehr weiter.“ Zwischen dem jungen Politiker, den ich spiele, und dem Theaterdirektor entwickelt sich ein Streit darüber, was Kunst, was Kultur, was Politik ist - und wer für was zuständig ist. Dieser Streit mündet in eine Wette. Der Direktor sagt: „Du sollst heute an deinem ersten Tag den Pfarrer, den Lehrer, den Arzt treffen. Aber wer weiß, vielleicht schicke ich dir auch meine verkleideten Schauspieler?“ Denn was nicht abgebrannt ist, ist der Kostümfundus und das Schminkzeug. Und ab dann erleben wir einen sehr philosophischen, politischen, witzigen Abend über die Frage, was ist Realität, was is Fiktion, was kann Theater? Und wie könnten wir auch mit Politik umgehen, statt Politik mit uns? Das ist also sehr relevant THORSTEN Was würdest du sagen ist die Stärke des Stücks? Was gefällt dir besonders daran? HAGEN Obwohl das Stück sechzig Jahre alt ist und sehr selten gespielt wurde, haben wir es geschafft, den Abend sehr „heutig“ und gegenwärtig zu machen. Der Blick geht auch auf das, was derzeit in Amerika passiert, was im Nahen Osten passiert. Über allem steht die Frage: Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn sie zwischen Fiktion und Realität nicht mehr unterscheiden kann? Wenn die Nachrichten, die wir lesen, vielleicht künstlich erzeugt wurden. Was ist Realität, was ist Fiktion und inwieweit verändert diese Unsicherheit unsere Gesellschaft? Das ist an diesem Abend, denke ich, sehr schön zu sehen. Was ist echt und was nicht? Hagen Bähr wir als Präfekt De Caro in „Die Kunst der Komödie“ mehrfach auf die Probe gestellt (Bild: Stephan Walzl) THORSTEN Das ist sehr viel mehr, als man gemeinhin von einer Komödie erwarten würde. Ich komme deshalb nochmal zurück auf den Titel. Findet man im Laufe des Stücks heraus, was „Die Kunst der Komödie“ ist oder bleibt das offen? HAGEN Es ist ein Zitat des Theaterdirektors, der sagt: „Wir können sie, die Kunst der Kommöde.“ Damit meint er, dass Theater dafür sorgen kann, dass sich Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden lassen. Denn das kann Theater: eine andere Realität erschaffen. Inwieweit das am Ende zu einem ganz bitteren Erlebnis führt, kann das Publikum dann am Abend selber erleben. Nur so viel: Es wird am Ende sehr ernst - aber bis dahin ist es lustig. THORSTEN Ist der Titel eigentlich Programm oder ist es auch ein wenig irreführend? HAGEN Der Titel des Stücks ist das einzige, was man ihm vorwerfen kann. Es heißt zwar „Die Kunst der Komödie“, aber „Die Kunst des Schauspiels“ oder „Die Kunst der Täuschung“ wären treffender. Denn es geht vielmehr darum, was passiert, wenn wir nicht mehr durchblicken. Welche Abgründe, welche Tragik, welche Gewalt bricht los, wenn wir Wahrheit und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten können? Und das ist ein sehr relevantes Thema - verpackt in einen amüsanten Abend. THORSTEN Geschrieben wurde das Stück von dem Italiener Eduardo de Filippo und wenn man die Inhaltsangabe liest, glaubt man sofort eine mediterrane Lebensfreude zu spüren. Bringt ihr die eins zu eins auf die Bühne oder gibt es eine norddeutsche Version, die so ein bisschen nüchterner ist? HAGEN Wir haben versucht, das Stück ins Hier und Heute zu übersetzen. Wir sprechen hin und wieder italienische Worte, bei den Kostümen gibt es italienischen Reminiscenzen. Man merkt schon ein bisschen, dass wir in Italien sind, aber wir haben es dahingehend hierher geholt, dass das keinen Unterschied macht. Das heißt: Wir erleben keinen mediterranen Abend, sondern wir erleben gut geschnittene Anzüge im Hier und Jetzt. (lacht) THORSTEN Plattdeutsch hören wir also nicht? HAGEN Nein, das könnte ich auch gar nicht, als gebürtiger Darmstädter. THORSTEN Du bist De Caro, der Präfekt, um den sich letztendlich alles dreht. Ist es eigentlich besonders schwierig, ständig auf der Bühne zu sein und dort im Mittelpunkt zu stehen - oder besonders schön? HAGEN Meine Rolle ist insofern etwas speziell, weil das Publikum über mich versucht, die Frage zu beantworten, ob es Schauspieler:innen sind, die dem Politiker da begegnen, oder reale Personen. Das heißt: Ich bin immer auf der Bühne, aber gleichzeitig auch für das Publium der Anker, um die Handlung durch mich mitzuerleben. Es einnert ein bisschen an die versteckte Kamera, die ja irgendwo einen Fokus hat. Und das - um deine Frage zu beantworten - macht großen Spaß! STARKES THEATERPROGRAMM DIE GROßE VIELFALT Mit dem KULTURSCHNACK STAATSAKT starten wir ein regelmäßiges Interview-Format mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Ihr fragt euch, warum wir das tun? Nun: Dafür gibt es genau 164 Gründe. Das ist nämlich die Zahl der Seiten des aktuellen Spielzeitheftes des Oldenburgischen Staatstheaters. Es ist prall gefüllt mit dem äußerst facetten- und variantenreichen Programm der insgesamt sieben Sparten. So gibt es in der kommenden Spielzeit 4 Uraufführungen und 32 Premieren, dazu 7 Wiederaufnahmen und unzählige weitere Attraktionen. Und selbst das ist noch nicht alles. Zwischen und außerhalb von Oper, Schauspiel oder Konzert finden viele weitere Projekte statt. Das Staatstheater schreibt weiter an seiner eigenen Geschichte - und damit auch jener der Stadt. Angesichts dieser Opulenz haben wir uns dazu entschieden, dem Staatstheater regeläßig einen Besuch abzustatten. Gemeinsam suchen wir nach spannenden Gästen, Themen und Geschichten für den KULTURSCHNACK STAATSAKT . Was ihr davon habt? Einen spannenden Einblick in die Theaterwelt und mehr Informationen darüber, was die Menschen dort bewegt. THORSTEN Geht's dir eigentlich wie einem Profifußballer, der immer von Anfang an „auf'n Platz“ will? Oder gibt es auch Rollen, bei denen du denkst: Es ist auch schön, wenn man einfach mal später kommt und dann den perfekten Auftritt hat? FLORIAN Ich war früher Torwart. Das heißt, ich war immer auf dem Platz und finde es auch nicht schlimm, wenn ich auf der Bühne stehe. Es gibt auch die Rollen, die kommen irgendwann später im Stück vor und haben dann eine starke Wirkung. Aber ich gebe zu: Es macht schon Spaß, wenn man viel auf der Bühne steht. THORSTEN Was ist für dich eigentlich schwieriger zu spielen: Eine Tragödie oder eine Komödie? Oder kann man das gar nicht unterscheiden? HAGEN Ich glaube, es ist die Komödie. Dort gibt es ja den Anspruch, dass das Publikum das lustig finden soll - und ob das klappt, spürt man auch sofort. Durch die Lacher und die Atmosphäre im Raum bekommt man viel mehr Rückmeldung, als wenn man eine Tragödie spielt, wo das Publikum meistens still konzentriert ist. Das Wichtige in der Komödie ist Timing und dass man auch den Ernst bei all dem nicht verliert. Denn „die Kunst der Komödie“ liegt darin, dass man die Sachen ernst nimmt - erst dadurch werden sie sehr lustig. Ich habe bisher zwar sehr viel mehr Tragödien als Komödien gespielt, aber ich würde sagen: Komödie macht schon sehr viel Spaß. Gerne mehr! ( lacht ) Vielseitig: Bei Hagen Bähr spürt man sofort, dass er sich wohl fühlt, wenn die Blicke - oder Kameras - auf ihn gerichtet sind. (Bilder: Kulturschnack) THORSTEN Abseits der Bühne bist du auch als Fernseh- und Filmschauspieler aktiv. Gibt es da eine Rolle, mit der du vollauf zufrieden warst und die wir unbedingt gesehen haben sollten? HAGEN Meine Auftritte im Film und Fernsehen sind an zwei Händen abzuzählen. ( lacht ) Ich fand „ Schuss in der Nacht “ von Raymond Ley u.a. mit Joachim Krol einen sehr schönen Film. Er thematisiert eine wahre Begebenheit, nä mlich die Ermordung von Walter Lübcke im Konte xt zum NSU. Das ich schon ein sehr wichtiger Film und ich bin ich froh, dass ich dabei sein dürfte. THORSTEN Und wenn du nur eines von beiden machen dürftest, was würdest du wählen? HAGEN ( mit Verve ) Theater, Theater, Theater, Theater! Wenn ich bis zum Ende meiner Zeit nie wieder vor der Kamera lande, aber dafür immer Theater spielen darf, dann gehe ich das gerne ein! Die volle Bandbreite: „Die Kunst der Komödie“ bietet viele heitere Momente, schlägt aber auch ernstere Töne an. (Bilder: Stephan Walzl) THORSTEN Du bist jetzt seit ungefähr vier Jahren in Oldenburg. Bist du hier schon so richtig heimisch geworden oder schaut man als Schauspieler auch immer mal in die Metropolen und denkt sich: Auf die ganz große Bühne will ich auch mal? HAGEN Harald Schmidt sag t ja immer: Wo ich bin, ist Champions League. ( lacht ) Das ist ein sehr schöner Spruch von ihm. Ich bin tatsächlich in Oldenburg so gut angekommen, wie in meinen vorherigen Stationen in Kassel und Meiningen nicht. Es gibt hier ganz viel Nähe und ich empfinde die Oldenburger:innen als ein sehr offenes, nettes Volk. Ich bin mit meiner Frau hier, meine Tochter ist hier geboren - Oldenburg ist jetzt schon super cool. THORSTEN Gibt es eigentlich eine Traumrolle, die du hier auf der Bühne im Oldenburgischen Staatstheater gerne mal spielen würdest? HAGEN Da scheiden sich ja immer die Geister. Manche Schauspieler sagen ja, ich spiele alles. Aber es gibt tatsächlich eine Sache, ich, mit der ich schon seit zehn Jahren schwanger gehe. Ich bin ein großer Fan von Curd Jürgens und der hat ja mal „ Des Teufels General “ gespielt, in einer Schwarz-Weiß-Verfilmung aus den Fünfziger Jahren. Die finde ich total klasse. Deshalb wäre Carl Zuckmeyers „Des Teufels General“ so ein Stück, das ich gern spielen würde. Der Meister und sein Werk: In Aufführungen oder Verfilmungen von „Die Kunst der Komödie“ übernahm Eduardo de Filippo auch gerne selbst die Hauptrolle. (Bild: Giulio Einaudi editore) Aber ich glaube, es wäre die größte Pein für mich. Weil ich schon so lange über dieses Stück nachdenke, würde ich bestimmt einen Nervenzusammenbruch bekommen, wenn wir das wirklich spielen. Weil ich die ganze Zeit denke: Das eine muss so und das andere muss so! ( lacht ) Ich glaube, wenn der Traum in Erfüllung geht, würde er schnell zum Alptraum werden. Von daher bin ich froh über alles, was ich spielen darf. THORSTEN Vielleicht übernimmst du einfach auch die Regie, damit alles nach deinen Vorstellungen läuft! HAGEN Nein, nein, nein! Genauso wenig wei ich andauernd Film machen möchte, will ich Regie führen. Das, was ich gerade mache, ist super! THORSTEN Das ist ein gutes Stichwort, lass uns zum Abschluss nochmal auf das aktuelle Stück zurückkommen. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie komisch ist „Die Kunst der Komödie“? HAGEN Für den einen wahrscheinlich eine Zwölf und für den anderen wohl eher eine Sechs. Das Spannende ist, am Theaterabend selbst herauszufinden, zu welcher Gruppe man gehört. Alle: ab. Die Kraft der Kontraste Ganz falsch liegt man weiterhin nicht, wenn man Komödien in erster Linie mit Komik verbindet. Und, ja, bei einigen geht es eben doch nur um Gags und Punchlines. „Die Kunst der Komödie“ zeigt aber, dass dieses Genre sehr viel mehr zu bieten hat als nur eine kurzweilige Abfolge an Lachern. Düster: Die Grenzen zwischen Komödie und Drama sind fließend. Das spürt auch Theaterdirektor Oreste Campese. (Bild: Stephan Walzl) Tatsächlich erlangen Komödien erst dann ihre größte Stärke, wenn der Humor mit anderen Stimmungslagen kontrastieren kann; wenn zwischendurch auch ernste Töne angeschklagen werden und Raum für kritische - oder sogar philosopische - Fragestellungen ist. Dann nämlich hat der Humor etwas sehr Befreiendes und Erlösendes. Un diese Momente des Aufatmens bleiben besonders stark in Erinnerung. In anderen Fällen dient die Komik dazu, eine trügerische Leichtigkeit zu erzeugen, die schließlich jäh durch ein dramatisches Ereignis zerstört wird. Auch hier ist es der starke Kontrast zwischen Heiterkeit und , der eine große Wirkung erzeugt. Wer wissen möchte, was damit gemeint sein könnte und wie sich das anfühlt, sollte unbedingt „Die Kunst der Komödie“ im Oldenburgischen Staatstheater gesehen haben. Eduardo de Filippo hat in den 1960er Jahren eine starke Grundlage geschaffen. Die Inszenierung und Neuübersetzung von Peter Hailer versetzt den Stoff in unsere Gegenwart und lässt ihn gerade durch die Bezüge zum surrealen Weltgeschehen besonders stark wirken. Was eigentlich eine Komödie ist? Beantwortet das Stück trotz seines Titels nicht. Aber es zeigt, welche Wirkungsmacht sie haben kann - und das reicht allemal für eine unterhaltsamen Theaterabend mit Langzeitwirkung.
- WAS ICH ANHATTE...
Eine Ausstellung kann ihre Relevanz über die Hochwertigkeit und/oder Einzigartigkeit der präsentierten Kunstwerke erlangen. Manchmal sind es aber auch die Inhalte und Kontexte, die besonders bedeutungsvoll sind. Für die Ausstellung „Was ich anhatte...“ gilt letzteres: Sie thematisiert sexuelle Gewalt - und bringt uns den Taten ganz nah. Kleidungsstücke: Einfach nur vernähter Stoff - oder doch viel mehr? (Bild: Shutterstock) Es gibt Ausstellungen, die schätzt man, die genießt man, für die schwärmt man. Und es gibt andere Ausstellungen, bei denen visuelle Eindrücke eine kleinere Rolle spielen, für die man aber geradezu eine Dankbarkeit verspürt. Dafür, dass sich engagierte Menschen eines wichtigen Themas annehmen. Und dafür, dass sie es eindrücklich und einfühlsam umsetzen - und damit ein wichtiges Zeichen setzen. Genau das trifft auf die Ausstellung „ Was ich anhatte... “ zu. Sie wurde von der Dokumentarfilmerin Beatrix Wilmes und Celina Dolgner kuratiert und ist seit November 2020 als Wanderausstellung in ganz Deutschland zu sehen. Die Exponate haben es in sich: Zu sehen sind nämlich diejenigen Kleidungsstücke, die Opfer von sexuellen Übergriffen zum Tatzeitpunkt trugen. Näher kann uns das Geschehen kaum kommen. Der ASt A der Carl von Ossietzky Universität hat „Was ich anhatte...“ nun nach Oldenburg geholt - und wir verraten euch hier, warum ihr die Ausstellung besuchen solltet. WAS ICH ANHATTE AUSSTELLUNG ZU SEXUALISIERTER GEWALT 20. JANUAR BIS 2. FEBRUAR 2024 10-18 UHR CVO-UNIVERSITÄT BIBLIOTHEKSFOYER UHLHORNSWEG 49-55 26129 OLDENBURG Vierzigtausend Einzelfälle? Plötzlich war das Thema in aller Munde: Als am 2. September 2024 im französischen Avignon das Verfahren im „ Fall Pelicot “ begann, war das mediale und gesellschaftliche Interesse enorm. Das lag einerseits an den unvorstellbaren Ausmaßen der Taten, die wir hier nicht näher beschreiben wollen. Das lag aber auch daran, dass das Opfer Gisèle Pelicot ihr Recht auf Anonymität nicht in Anspruch nahm und stattdessen selbstbewusst sagte: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Einladung zum Übergriff? Die ausgestellten Kleidungsstücke widerlegen die Theorie, die Opfer könnten Handlungen provoziert haben. (Bild: Beatrix Wilmes) So unfassbar tragisch dieser Fall auch ist und so schmerzhaft die Beschäftigung mit ihm auch sein mag: Es war gut, dass er so viel Aufmerksamkeit erzeugt hat. Denn er rückte Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt in die gesellschaftliche Mitte - und dort müssen sie hin, wenn wir ernsthaft etwas gegen sie unternehmen wollen. Das Geschehen im Fall Pelicot spielte ich zwar in Frankreich ab, in Deutschland ist die Situation aber nicht vollkommen anders. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist für das Jahr 2023 insgesamt 39.029 Fälle von sexueller Nötigung und Vergewaltigung aus. Dabei ist die Rollenverteilung eindeutig: Die Tatverdächtigen waren zu 97,8 Prozent männlich, die Opfer zu 91,9 Prozent weiblich. Oft geht es bei diesen Delikten um das rücksichtslose Ausleben eines Machtverhältnisses. Viele von ihnen passieren sogar in der vemeintlichen Sicherheit des eigenen Zuhauses. No Victim Blaming So fassungslos diese Zahlen auch machen: sie bleiben abstrakt, die Opfer bleiben anonym. Deshalb berühren sie uns viel zu wenig. Genau das macht den Fall Pelicot so wichtig: Er gab dem Unfassbaren ein Gesicht. Und aus demselben Grund ist auch die Ausstellung „Was ich anhatte...“ von Bedeutung. Denn sie findet einen Weg, das ferne Geschehen ganz nah an uns ranzuholen. Mit seiner betonten Sachlichkeit verankert der Titel das Thema direkt in unserem Alltag. Mit Absicht: Es geht hier um tatsächliche Passiertes - und wir begegnen der Tat über die Kleidung der Opfer. Zu sehen sind jene Sachen, die sie zum Zeitpunkt des Übergriffs trugen. Man sieht Material und Muster, Fasern und Farben; fast wie morgens im eigenen Kleiderschrank. Und man erkennt: Nichts an ihnen ist aufreizend oder provokant. Ganz im Gegenteil, vieles ist praktisch, alltäglich, geradezu unschuldig. Schnell wird klar, wie absurd die ewige Legende ist, dass die Opfer von sexuellen Übergriffen diese durch ihre Kleidung selbst initiiert haben könnten („ Victim Blaming “). Zumal es sowieso keinen Impuls geben kann, der übergriffiges Verhalten irgendwie rechtfertigen würde. Nein heißt Nein - unabhängig von allen Umständen. DISKRIMINIERUNG AM ARBEITSPLATZ AUSSTELLUNG „WAS ICH ANHABE...“ Die Ausstellung „Was ich anhatte...“ blickt zurück auf geschehene Taten. Unabhängig davon gibt es aber weitere Anlässe, sich über unseren Umgang mit Kleidung Gedanken zu machen - wie eine eng verwandte Ausstellung zeigt. Erschlagen: Die Frage, was man anzieht oder nicht, ist manchmal schwer genug. Durch Außenstehde wird alles noch komplizierter. (Bild: Shutterstock) Unter dem Titel „ Was ich anhabe... “ hat Beatrix Wilmes eine Folgeausstellung zum Thema Kleidung konzipiert. Hier geht es allerdings nicht um sexuelle Übergriffe, sondern um strukturelle Diskriminierung. In beruflichen Kontexten werden Frauen immer wieder benachteiligt, wenn sie sich weiblich kleiden. Nicht von ungefähr hat eine der erfolgreichsten Frauen der deutschen Nachkriegsgeschichte - Angela Merkel - sich dem Kleidungsstil der Herrenriege angeglichen . Auch „Was ich anhabe...“ ist eine einsichtsreiche Ausstellung, die in den Mittelpunkt rückt, was im Alltag gern übersehen wird oder unausgesprochen bleibt. Vielleicht findet sie ihren Weg ebenfalls nach Oldenburg. Immerhin ist unsere Universität - mit dem Institut für Materielle Kultur - für diese Themen geradezu prädestiniert. Der AStA der Carl von Ossietzky Universität zeigt mit der Ausstellung ein gutes Gespür für ein wichtiges Thema - und zudem ein gutes Timing. Schließlich sind die Erinnerungen an den Fall Pelicot noch frisch: Der ideale Zeitpunkt, um sich bewusst zu machen, dass es ähnliche Fälle auch hierzulande gibt. Unterstützt wurde der AStA u.a. von einer Mach|Werk-Förderung des städtischen Kulturbüros , die nicht zuletzt das umfangreiche Rahmenprogramm ermöglicht hat: 21. JANUAR, 14:30 UHR Begleitete Führung durch conTakt / Autonomes Frauenhaus 23. JANUAR, 20 UHR Screening des Films „ #FEMALE PLEASURE “ mit Regisseurinnen-Gespräch im Cine k 28. JANUAR, 16 UHR Vortrag „Ich will kein Geld und keine Entschuldigung“ zu Sexualdelikten im Täter-Opfer-Ausgleich von Hilke Kenkel-Schwartz (Oldenburger Interventionsprojekt OLIP ) 29. JANUAR, 10 UHR Begleitete Führung durch das FemRef der Uni Oldenburg 30. JANUAR, 13 UHR Lunchtalk mit Ann-Christin Gericks ( Wildwasser Oldenburg). Fragen könnt ihr bis zum 27. Januar anonym über eine Box in der Aussellung einreichen. 31. JANUAR, 15 UHR Begleitete Führung durch das FemRef der Uni Oldenburg Großes Interesse: Die Ausstellung stieß medial auf viel Aufmerksamkeit - sie konnte wie hier in München aber auch viele Besucher:innen anlocken. (Bild: Wasichanhatte.de ) Intensität durch Nähe Es gibt Ausstellungen, die ihre Besucher:innen visuell geradezu erschlagen. „Was ich anhatte...“ gehört eindeutig nicht zu dieser Kategorie. Es ist eine kleine, leise Ausstellung. Aber genau diese Eigenschaften machen sie stark, denn ihre überschaubaren Dimensionen ermöglichen, was für die intensive Auseinandersetzung unerlässlich ist: Nähe. Man kommt Opfern und Taten sogar so nah, dass es unbequem wird. Ein Nachteil? Ganz und gar nicht - denn genau das muss und will „Was ich anhatte...“ auch sein. Hier geht es nicht um Show, hier geht es um Sensibilität - für die Betroffenen, für das Thema aber auch für uns selbst. Denn wir alle haben es in der Hand, eine gesellschaftliche Atmosphäre zu schaffen, in der Übergriffe tatsächlich ein No-go sind. Deshalb sind nicht nur alle Frauen aufgerufen, sich diese Ausstellung anzusehen, sondern auch - und gerade - die Männer. Sie können sich gar nicht genug mit diesem Thema beschäftigen, denn nur so kann die nötige Sensibilität entstehen. Unanbhängig vom Geschlecht dürften alle Gäste aber dasselbe spüren: Eine regelrechte Dankbarkeit, dass sich engagierte Menschen diesem wichtigen Thema angenommen haben - und dass dessen gelungene Umsetzung nun in Oldenburg zu sehen ist.
- WAND AN WAND
Das Landesmuseum Kunst & Kultur und der Oldenburger Kunstverein scheinen auf den ersten Blick nicht viele Gemeinsamkeiten zu haben. Wäre da nicht die unmittelbare Nähe des okv-Gebäudes zum Augusteum, das wiederum zum Landesmuseum gehört. Die beiden Institutionen pflegen seit Jahrzehnten eine gute Nachbarschaft. Dieser Umstand gibt nun Anlass zur Ausstellung „Wand an Wand“ - und die offenbart ihren Besucher:innen deutlich mehr als nur eine räumliche Nähe. Wand an Wand: Zwischen den Nachbarn okv und Augusteum gibt es keinen Streit, sondern große Harmonie. (Bild: Kulturschnack) Nachbarschaft hat ihre Tücken. Die große, nicht ohne weiteres zu verändernde Nähe kann durchaus Konfliktpotenzial mit sich bringen - nämlich dann, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Und die sind gar nicht so selten: Laut einer Forsa-Umfrage waren schon 46 Prozent der Deutschen in solche Auseinandersetzungen verwickelt. Und überraschenderweise ist der Norden besonders streitlustig: Hier waren es schon 54 Prozent. Keiner solcher Fälle ist dagegen bekannt für die Nachbarschaft am Damm 2 und Elisabethstraße 1. Dort residieren „Wand an Wand“ das Augusteum des Landesmuseums Kunst & Kultur und der Oldenburger Kunstverein . Auch wenn die beiden Gebäude höchst unterschiedlich sind - hier der prunkvollen Palais von 1867, dort der Kubus aus den 1960ern - und auch die inhaltliche Ausrichtung variiert, haben wie beiden Institutionen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Einige davon zeigt nun eine kooperative Ausstellung . LANDESMUSEUM KUNST & KULTUR OLDENBURGER KUNSTVEREIN WAND AN WAND 5 APRIL BIS 6. JULI 2025 DIENSTAG BIS SONNTAG 10 BIS 18 UHR AUGUSTEUM ELISABETHSTRAßE 1 26135 OLDENBURG Die Suche nach Gemeinsamkeiten Wenn man die Kernmerkmale der beiden genannten Institutionen so grob wie es nur geht beschreiben sollte, dann würde man für den Kunstverein wahrscheinlich das Wort „modern“ wählen. Er zeigt regelmäßig höchst ambitionierte Ausstellungen von vorwiegend jungen Künstler:innen, die gerade auf dem Sprung nach oben stehen. Nicht selten entwickelt sich nach ihrem Besuch in Oldenburg eine spannende Kunstkarriere. Die Gastspiele sorgen für hochwertige und erfrischende Impulse; sie mögen im Einzelfall nicht intuitiv zugänglich oder verständlich sein, doch für unseren Verstand bedeuten sie höchst interessante Begegnungen. Stimmungsvoll: Die Ausstellung wirkt in ihrer Darstellung eher nüchtern, erlaubt auf diese Weise aber ein sehr intimes Kunsterlebnis. (Bild: Kulturschnack) Bliebe man bei der - selbstverständlich völlig unzureichenden - Reduktion der Beschreibungen auf ein einziges Wort, dann lautete dies beim Augusteum vielleicht „traditionell“ oder auch „klassisch“. Hier werden im Erdgeschoss die „ Alten Meister “ gezeigt, die Werke stammen aus früheren Jahrhunderten. Die Wechselausstellungen im Obergeschoss bieten zwar durchaus auch zeitgemäße Akzente, doch das Image des Hauses unterscheidet sich letztlich deutlich von jenem des Kunstvereins. Und die Frage ist: Was eint die beiden - abgesehen von der geographischen Lage ? Eine wechselhafte Geschichte Die kurze Antwort lautet: Mehr als man denkt. Denn die genannten Kurzcharakterisierungen beschränken sich auf die Gegenwart, sind also die Momentaufnahmen des Augenblicks. Öffnet man den Blick ein wenig in Richtung Geschichte, verändern sich beide: Der Kunstverein genauso wie das Augusteum. Und dabei entstehen Überschneidungen und Vermischungen. Diese Erkenntnis ist eine, die man in der aktuellen Ausstellung „Wand an Wand“ macht. Und wer sich für eine der öffentlichen Führungen entscheidet, erhält noch viele weitere. Denn die gemeinsame Geschichte der beiden Institutionen ist wechselhafter als man zunächst vermuten könnte. Gute Nachbarschaft: Der Oldenburger Kunstverein (links) und das Auguste (rechts) haben ihre Unterschiede - aber auch Gemeinsamkeiten. (Bild: Kulturschnack) Überraschend für viele dürfte sein, dass der Kunstverein zwar das jüngere Gebäude besitzt, aber älter ist als das Landesmuseum. Seine Gründung fand bereits im Jahre 1843 statt, das Augusteum steht erst seit 1867 an seinem Ort. Damals nahm es die bedeutende Kunstsammlung des Großherzogs auf und machte sie der Öffentlichkeit zugänglich. Der Kunstverein wurde Gast in diesem Hause, denn er durfte es fortan als regelmäßige Ausstellungsfläche nutzen. ÜBERRASCHENDE VERBINDUNG DER DOPPELTE THORVALDSEN Bartel Thorvaldsen im Treppenhaus des Augusteum. (Bild: Kulturschnack) Manchmal drängen sich Gemeinsamkeiten zwischen zwei Institutionen geradezu auf. In anderen Fällen aber verstecken sie sich geradezu und wollen erst entdeckt werden. So ist es auch bei einer Parallele zwischen Augusteum und okv. Wer das Treppenhaus des Augusteum emporschreitet, passiert eine illustre Reihe von Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur. Die opulenten Wand- und Deckenmalereien zeigen ganz unterschiedliche Meister, denen man sich zum Zeitpunkt der Entstehung Mitte des 19. Jahrhunderts verbunden gefühlt hat - wie etwa Dürer, Rembrandt oder da Vinci. Zu ihnen gehörte aber auch der bedeutende dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen , der von 1770 bis 1844 vorwiegend in Kopenhagen lebte und arbeitete. Er zierte die äußerste rechte Ecke des Kunstwerks und blickt auf uns Betrachter:innen herab. Das Relief des Bartel Thorvaldsen. (Bild: Kulturschnack) Werke dieses berühmten Vertreters seiner Zunft stehen natürlich nicht in jedem Wohnzimmer herum und auch die Museen dieser Welt schätzen sich glücklich, wenn sie eines zeigen dürfen. So besitzt auch der Oldenburger Kunstverein zwar kein Thorvaldsen im Original - aber immerhin eine sehenswerte Replik eines Reliefs. Jenes ist nun in der Ausstellung „Wand an Wand“ zu sehen und macht die erstaunliche Kunstfertigkeit des großen Meisters spürbar, dem man einige Schritte zuvor noch im Treppenhaus begegnete. Es ist auf eigentümliche Weise faszinierend, dass diese beiden vermeintlich so unterschiedlichen Institutionen wie Augusteum und okv diesen Verknüpfungspunkt haben. Thorvaldsen wurde gleichermaßen geschätzt und ihm wurde auf unterschiedliche Weise gehuldigt. All das mag zwar eine Fußnote sein - aber eine, die zeigt, wie nah einander man sich nicht nur geografisch war, sondern auch in fachlicher Hinsicht. Alles veränderte sich an einem großen Wendepunkt der Geschichte. Noch während ab 1911 Planungen für eine spektakuläre Erweiterung des Augusteums liefen - deren Entwürfe ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind - brach der Erste Weltkrieg über Europa herein. An dessen Ende sollte die Abdankung des Großherzogs im Jahre 1919 stehen und damit auch das Ende großherzoglicher Kunstsammlungen und schwärmerischer Erweiterungsträume. Blick fürs Detail: Beim Presserundgang stießen die Werke auf großes Interesse der Anwesenden. (Bild: Kulturschnack) Das Augusteum durchlief fortan wechselhafte Nutzungen, diente unter anderem als Fernmeldeamt. Erst in den 1970er Jahren wurde es vom Land Niedersachsen als Ausstellungshaus wiederentdeckt - nachdem kurz zuvor der Oldenburger Kunstverein direkt nebenan erstmals eine eigene Heimat erhielt. Damals entstand also einerseits ein neuer Nukleus der Kunst in Oldenburg, andererseits aber auch erstmals eine strukturelle Trennung der beiden Institutionen. Kunst als Kind der Zeit Jene ist jetzt aufgehoben - zumindest für die Dauer einer Ausstellung. „Wand an Wand“ ist letztlich ein Gastspiel des Kunstvereins im Augusteum. Das heißt: Es finden keine größeren Vermischungen aus den Beständen statt, das Material aus den Archiven des okv steht größtenteils für sich selbst. Dabei aber offenbart es einen neuer Blick auf die traditionsreiche Institution. Denn das eingangs erwähnt Wort „modern“ trifft natürlich nicht auf die Werke aus früheren Zeiten zu, zumindest nicht in unserer heutigen Interpretation des Begriffs. Die ausgestellten Werke würde man vielfach eher dem Landesmuseum zuordnen, schließlich sind sie im Laufe der Jahre gealtert, wirken also klassisch oder traditionell. Enorme Bandbreite: Der Rundgang führte nicht nur durch drei Jahrhunderte, sondern auch durch verschieden Epochen und Stile - hier „Landschaft mit Haus“ von Paul Müller-Kaempff (1893) und „Ohne Titel #1“ von Grace Weaver (2019) . (Bilder: Landesmuseum Kunst & Kultur) Davon aber sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn was heute Teil der Geschichte ist, war früher Teil der Gegenwart. Die Kunstwerke mögen inzwischen zum Teil antiquiert wirken, waren zum Zeitpunkt ihrer Entstehung aber vielfach das, was wir heute gemeinhin mit dem Kunstverein assoziieren: modern. Und genau diese gedankliche Verschiebung ist ein Reiz bzw. eine Qualität der Ausstellung. Sie eröffnet einen neuen Blick auf die Institution - aber auch auf die Kunst selbst. Eine Lehre: Auch Kunstwerke sind Kinder ihrer Zeit. Deshalb flaniert man auch an großen Unterschieden vorbei - zunächst etwa an detailreichen Landschaftsmalereien, später dann an farbstarken Gegenwartsbetrachtungen. Eine größere Bandbreite ist kaum vorstellbar. Spannend ist aber auch eine Nebenschauplatz der Ausstellung, etwas versteckt in einem separaten Raum am Ende des Rundgangs. Hier wird die gemeinsame Geschichte der beiden Häuser dargestellt und reich illustriert. An dieser Stelle erschließt sich manches gewissermaßen im Nachhinein, weil gerade das Wirken des Kunstvereins - und seine Historie - noch etwas klarer wird. Kleiner Tipp von uns: Wer sich mit den Institutionen noch nicht so gut auskennt, möge hier beginnen. Derat mit Wissen aufgeladen lassen sich die Kunstwerke selbst anschließend besser einordnen. Spannend: Der Blick in die Geschichte ermöglicht ein besseres Verständnis der beteiligten Institutionen und deren Verbindungen. (Bild: Kulturschnack) Spannender Einblick Die Ausstellung „Wand an Wand“ unterscheidet sich durchaus von anderen, die im Obergeschoss des Landesmuseums zu sehen waren. Hier gibt es keine klar ausdefinierte kunsthistorische Facette, die genauestens unter die Lupe genommen wird. Ebenso wenig begegenen wir Superstars der Kunst, die als Teil einer Sammlung erstmals in Oldenburg zu sehen sind. Doch das ist keineswegs ein Nachteil. Denn stattdessen erleben wir einen tiefen Blick in die Oldenburger Geschichte. Genauer gesagt: In das Schaffen eines ehrwürdigen Kunstvereins, dem es gelungen ist, seine Bedeutung in der Gegenwert zu erhalten - und sogar noch zu erhöhen. Das ist zweifellos einen Rundgang wert! Guter Nachbarn: Räumliche Nähe kann ein bloßer Zufall sein - aber auch ein Resultat der Geschichte mit Potenzial für die Gegenwart. (Bild: Kulturschnack) Nebenbei - und das ist keineswegs geringzuschätzen - geht es aber auch um gute Nachbarschaft und gelungene Zusammenarbeit. Es ist eine Qualität der Ausstellung, dass die beiden beteiligten Institutionen ein glaubhaftes Interesse an einem regen Austausch haben - so unterschiedlich sie auf den ersten Blick auch sein mögen. Doch wie gesagt: Beim genaueren Hinsehen offenbaren sich Überschneidungen und Vermischungen. Sie sind ein Grund dafür, dass die Ausstellung - trotz eher nüchterner Präsentation - sehenswert ist. Und sie bilden auch die Basis für den Umstand, der all das letztlich ermöglicht hat: Die gute Nachbarschaft - Wand an Wand.
- LITERATUR LIVE
Wir alle lesen. Wir scrollen durch Newsfeeds und Liveticker, wir scannen Mails und Messages, wir überfliegen Content und Captions. Doch Lesen kann noch viel mehr sein. Ein wahres Erlebnis wird es, wenn Autor:innen ihre Werke live vortragen, mit Anekdoten und Hintergründen anreichern und mit dem Publikum in den Austausch gehen, In Oldenburg gibt es eine Institutionen für solche magischen Momente: Das Literaturhaus. Where the Magic happens: Literatur gewinnt häufig noch an Tiefe, wenn man die Autor:innen bei einer Lesung erlebt. (Bild: Kulturschnack / Canva-KI) Gewohnheiten haben ihre Tücken. Manchmal übersehen wir nämlich das Wichtigste in unserem Leben, weil es schlicht zu normal geworden ist, um es als besonders wahrzunehmen. Ein wenig gilt dieses Prinzip auch für das Literaturhaus Oldenburg . Jahr für Jahr konzipiert Monika Eden mit ihrem kleinen Team ein attraktives Lesungs-Programm, das auch in wesentlich größeren Städten für Furore sorgen würde- das hier in Oldenburg aber als beinahe selbstverständlich begriffen wird. Dabei ist es genau das nicht. Dass wir hier immer wieder eine überaus spannende, stets hochwertige Mischung aus großen Namen und neuen Stars erleben dürfen, ist beileibe kein Automatismus. Dahinter steckt akribische Arbeit, reger Austausch mit Verlagen, Agent:innen und Autor:innen sowie: viele, viele Lesestunden. Für Monika Eden ist nicht entscheidend, wie viele Follower:innen jemand auf Instagram hat, ob ein Buch gerade bei TikTok trendet oder wann sich ein:e Schriftsteller:in öffentlichkeitswirksam zu Themen der Zeitgeschichte äußert. Sie geht nach der literarischen Qualität. Und diese klare Prämisse ist es, die Lesungen des Literaturhauses stets zu einem Erlebnis macht. Starke Mischung, spannende Entdeckungen Das ist im Frühjahr 2025 nicht anders als sonst. Erneut hat das Literaturhaus sowohl anerkannte Größen der Literaturszene, aber auch etwas weniger bekannte Schriftsteller:innen für Oldenburg gewonnen. Alle bringen hochgelobte aktuelle Werke mit - und versprechen spannende, bewegende, unterhaltsame Abende im Wilhelm13 und im Kulturzentrum PFL . Das ist: Literatur live! Sonne für alle: Katarina Poladjan verquickt Geschichte mit Sehnsüchten. (Bild: Francesco Gattoni) SONNTAG, 11. JANUAR 2026, 11 UHR KATARINA POLADJAN: „GOLDSTRAND“ KULTURZNETRUM PFL GESPRÄCH: ELLA MARGARETHA KARNATZ Eine baufällige Villa in Rom, eine rätselhafte Dottoressa, ein Mann auf der Couch erzählt um sein Leben: In ihrem neuen Roman »Goldstrand« fügt Katerina Poladjan Splitter des alten Europas zu einem heiter-melancholischen Bild der Gegenwart. Dafür kehrt sie zurück an die bulgarische Schwarzmeerküste in den 1950er Jahren. Dort entsteht ein Ferienort: Goldstrand, geplant als Platz an der Sonne für alle. Auf der Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später hat er seine größten Erfolge als Filmregisseur längst gefeiert und liegt auf der Couch seiner Dottoressa in Rom. Er mutmaßt und fabuliert seine Familiengeschichte, die durch ein ganzes Jahrhundert und quer über den europäischen Kontinent führt, von Odessa über Konstantinopel und Warna in Bulgarien bis nach Rom. Kritiker Paul Jandl zeigt sich in der NZZ begeistert: „Ein Schnitt in der Zeit, der Horizonte der Phantasie und der Ängste öffnet. [...] grosses Kino.“ Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt »In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für »Hier sind Löwen« erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Mit »Zukunftsmusik« stand Katerina Poladjan auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 und wurde mit dem Rheingau Literatur Preis 2022 ausgezeichnet. Katerina Poladjan wurde 2025 mit dem »Großen Preis des Deutschen Literaturfonds« geehrt. Zuletzt erschien ihr Roman »Goldstrand«. LESEPROBE KARTEN ( AUFGRUND DER WINTERWITTERUNG VERLEGT ) Protagonist: Das rote Fahrrad kommt in allen Geschichten des Oldenburger Erzählexperiments vor. Alles andere ist frei erfunden. (Bild: Shutterstock) MITTWOCH, 14. JANUAR 2026, 19.30 UHR DAS ROTE FAHRRAD - EIN OLDENBURGER ERZÄHLEXPERIMENT WILHELM 13 MODERATION: ANJA SEEMANN Oldenburger Autorinnen und Autoren haben sich schreibend mit ihrer Umgebung beschäftigt. Sie erzählen von verschiedenen Stadtteilen, von Orten, an denen sie einkaufen, auf eine grüne Ampel warten und an denen ein Geruch eine Erinnerung lostritt. Verbindendes Element in allen Textformen ist ein rotes Fahrrad. Damit bewegen sie sich durch Oldenburg, vorbei an Einfamilienhäusern, an der Hunte, den Haarenniederungen, an aktiv & irma. Annika Blanke ist Autorin, Slam-Poetin, Kabarettistin und Moderatorin. Ihr letztes Buch erschien unter dem Titel Wenn man sie jetzt so sehen könnte . Helga Bürster ist seit 1996 als freiberufliche Autorin tätig. 2024 erschien ihr letzter Roman Als wir an Wunder glaubten . Henriette Dyckerhoff ist freie Lektorin und Autorin. Für Was man unter Wasser sehen kann , ihren ersten Roman, erhielt sie ein Stipendium des Landes Niedersachsen. Lucia-Philtje Gerst nahm 2022 und 2023 an Schreibwerkstätten des Literaturhauses teil. Ihr Roman Pinguin-Apokalypse wird von Thalia empfohlen. Mit ihren Texten setzt sie sich für die Repräsentation queerer Menschen in der Literatur ein. Christian Naaf schreibt Gedichte und Kurzprosa und war damit schon auf der einen oder anderen Poetry Slam-Bühne zu Gast. Katja Reiche schreibt biografische und fiktionale Kurzprosatexte. Sie ist Mitautorin des Buches Wagnis des Lebens. Eine biographische Suche nach den Spuren der NS-Zeit (2022) . Mikah Rose nahm 2022 und 2023 an Schreibwerkstätten des Literaturhauses teil. 2025 erhielt er ein Aufenthaltsstipendium am Künstlerhof Schreyahn. AUVERKAUFT Starke Nachfrage: Das Wilhelm13 erwies sich für Annett Gröschner schon früh als zu klein. Zum Glück fand das Literaturhaus einen größeren Ausweichort. (Bild: Susanne Schleyer) SONNTAG, 25. JANUAR 2026, 11.00 UHR ANNETT GRÖSCHNER: „SCHWEBENDE LASTEN“ BIS-SAAL DER UNIVERSITÄT MODERATION: URTE HELDUSER Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr naheging bis zum Lebensende. Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand. Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben. Annett Gröschners Roman erzählt die Geschichte eines Jahrhunderts in einem einzigen Leben und gibt, mit Hanna, denen ein Gesicht, die zu oft unsichtbar bleiben. Ein Roman über das Ende des Industriezeitalters und seiner Heldinnen im Osten Deutschlands – und über eine gewöhnliche Frau in diesem unfassbaren 20. Jahrhundert. Kulturredakteurin Irmtraud Gutschke schreibt in „Der Freitag“: „Mit ihrem neuen Roman hat Gröschner sich nun selbst übertroffen. Im Leben einer Frau wird uns ein ganzes Jahrhundert vor Augen geführt, so detailliert, so lebendig und spannend, dass man immer wieder an ein reales Schicksal denkt. Schließlich spielt der Roman in Magdeburg, wo die Autorin 1964 geboren wurde.“ Annett Gröschner , geboren 1964 in Magdeburg, lebt seit 1983 als Schriftstellerin in Berlin. Bekannt wurde sie vor allem mit ihren Romanen "Moskauer Eis" (2000) und "Walpurgistag" (2011). Zuletzt erschien bei Hanser ihr gemeinsam mit Peggy Mädler und Wenke Seemann verfasster Bestseller "Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat" (2024). Annett Gröschner wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Großen Kunstpreis Berlin (Fontanepreis), dem Klopstock-Preis und dem Mainzer Stadtschreiber Literaturpreis von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz. LESEPROBE KARTEN Werkstattleiterin: Rasha Khayat hat nicht nur drei Jungautorinnen angeleitet, sie bringt auch ein neues Manuskript mit nach Oldenburg. (Bild: Anika Brüsselmeier) MONTAG,9. FEBRUAR 2026, 19.30 UHR POETINNEN VON MORGEN - MIT RASHA KHAYAT WILHELM 13 Im Juni und September 2025 fand eine Schreibwerkstatt » des Literaturhauses für 16- bis 26-Jährige statt, die von der Schriftstellerin Rasha Khayat geleitet wurde. An zwei Wochenenden wurde sowohl mit klassischen Gedichten als auch mit modernen Techniken des Creative Writing gearbeitet. Jetzt stellen drei junge Frauen Texte vor, an denen sie in der Werkstatt gearbeitet haben: dystopische Geschichten und Texte über Verzweiflung, Hoffnung und die Kraft von Freundschaft. Rasha Khayat, deren letzter Roman Ich komme nicht zurück 2024 erschien, wird aus ihrem neuen, noch unveröffentlichten Manuskript lesen, für das ihr ein Stipendium der Kunststiftung NRW zugesprochen wurde. Rasha Khayat , 1978 in Dortmund geboren, wuchs in Jeddah, Saudi-Arabien, auf. Als sie elf war, siedelte ihre Familie nach Deutschland zurück. 2016 erschien ihr Debüt Weil wir längst woanders sind . Seit 2022 hostet sie den feministischen Literaturpodcast Fempire – der Podcast über Frauen, die schreiben . Rieke Geldmacher wurde 2008 in Oldenburg geboren. Wenn sie nicht gerade in Büchern lebt, ist sie eine professionelle Tagträumerin und ihrer bescheidenen Ansicht nach erprobte Wortmagierin, wodurch sie den Träumen hin und wieder Leben einhaucht. Kaja Geldmacher , 16 Jahre alt, hat's eigentlich nicht so mit Lesen und Deutschunterricht, aber das kreative Schreiben lässt sie in andere Welten abtauchen. Carolin Lewedag , 17 Jahre alt, kam an einem beliebigen Sonntagabend auf die Idee, dass Schreiben doch ganz cool wäre und ist mit ihrem Text nun hier. KARTEN Doppelrolle: Jakob Hein ist Psychiater und Autor. Die beiden Professionen dürften einen wechselseitigen Nutzen haben. (Bild: Urban Zintel ) DIENSTAG, 17. FEBRUAR 2026, 19.30 UHR JAKOB HEIN: „WIE GRISCHA MIT EINER VERWEGENEN IDEE BEINAHE DEN WELTFRIEDEN AUSLÖSTE“ WILHELM 13 GESPRÄCH: MICHAEL SOMMER MODERATION: MONIKA EDEN Nicht im Traum wäre sein Chef darauf gekommen, dass ausgerechnet Grischa, dieser schüchterne Assistent der Plankommission, zu Subversion neigt und einen – zugegeben – ziemlich genialen Plan ausheckt, wie ihr maroder Laden an eine neue, überraschend gut sprudelnde Finanzquelle gelangt. Wobei ‚Laden‘ in diesem Fall für ein ganzes Land steht. Vielleicht lag es daran, dass Grischa einen etwas eigenwilligen Filmgeschmack hat, in dem sich amerikanische Drogenmafia-Thriller mit sozialistischen Heldenepen kreuzen? Ein bisschen Gras, ein genialer Coup und das Wunder von Bayern – Jakob Heins absurd komischer Roman über eins der größten deutschen Geheimnisse: Wie nur brachten die Ostler einst den Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß dazu, mit einem Milliardenkredit ihr bankrottes Land zu retten? Eine herrlich abgedrehte Geschichte mit einem der entspanntesten Helden der Literatur. Terry Albrecht schriebt in WDR Westart: „ Ein Zugang zu unserer Geschichte gibt, bei dem man nicht anders kann als zu kichern, also ein bisschen albern, als hätte man einen Joint geraucht, und die Welt wäre immer noch kompliziert und auch nicht fair und ehrlich, aber gleichzeitig saukomisch. Einer, der das hinkriegt, obwohl er nur von Cannabis schreibt und es gar nicht verteilt, ist Jakob Hein.“ Jakob Hein arbeitet als Psychiater. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter Mein erstes T-Shirt (2001), Herr Jensen steigt aus (2006), Wurst und Wahn (2011), Kaltes Wasser (2016) und Die Orient-Mission des Leutnant Stern (2018). Sein Buch Hypochonder leben länger und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis (2020) stand nach Erscheinen wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Zuletzt erschien sein Roman Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken im Frühjahr 2022. LESEPROBE KARTEN











