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MIT EINEM OSCAR GEGEN PUTIN

vor 1 Tag
7 Min. Lesezeit

Was hättest du getan? Diese Frage wurde in den letzten Jahrzehnten häufig gestellt, wenn über die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland diskutiert wurde. Sie lässt sich auch mit Blick auf die Gegenwart stellen, wenn wir über repressive Entwicklungen in anderen Teilen der Welt nachdenken. Leistet man Widerstand? Oder wird man Teil des Systems? Eine besonders mutige Antwort gibt Pawel Talankin. Der Lehrer aus Karabasch im Ural stellt sich mit seinem Film „Ein Nobody gegen Putin“ gegen das russische Propaganda-System. Nun ist der Oscar-Gewinner in Oldenburg zu Gast!



Plakat zum Film „Ein Nobody gegen Putin“ von Pawel Talankin
Die Propaganda entlarven: Pawel Talankins mutiges Handeln wurde im März 2026 mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm belohnt. (Bild: w-Film)

Es ist einer diese unglaublichen, unvorhersehbaren Momente, als am 15. März 2026 ein 35-jähriger Lehrer namens Pawel Talankin auf dem Roten Teppich im Dolby Theatre Los Angeles steht. Nur kurze Zeit später wird er einen Oscar für den besten Dokumentarfilm in seinen Händen halten. Dabei hatte er noch zwei Jahre zuvor in einem russischen Klassenzimmer gestanden, um seinen Schüler:innen die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der „militärischen Spezialoperation“ Russlands in der Ukraine zu erklären.


Dass Pawel diesen erstaunlichen Weg gegangen ist, hat viel mit einer Anweisung der russischen Behörden zu tun. Sie verlangten von den Schulen nämlich Video-Beweise für die erfolgreiche Indoktrination der Kinder. Als Video-Beauftragter der Schule Nr. 1 in Karabasch, nur 200 Kilometer von der Grenze zu Kasachstan entfernt, konnte Pawel in offiziellem Auftrag skurriles, irritierendes und erschreckendes Material sammeln und das System mit seinen eigenen Waffen schlagen. Nach seiner Ausreise im Sommer 2024 entstand daraus in Zusammenarbeit mit Regisseur David Borenstein jener Film, der zunächst auf dem Sundance Film Festival für viel Wirbel sorgte, der ihm anschließend einen Oscar einbrachte - und der ihn nun auf Einladung des BKGE und des städtischen Kulturbüros nach Oldenburg führt.



„EIN NOBODY GEGEN PUTIN“


SCREENING UND FILMGESPRÄCH MIT PAWEL TALANKIN


MONTAG, 5. OKTOBER, 20 UHR

CINE K


DIENSTAG, 6. OKTOBER

HERBARTGYMNASIUM

NICHTÖFFENTLICH


FREITAG, 9. OKTOBER, 20 UHR* CINE K



*MIT DR. HANS-CHRISTIAN PETERSEN (BKGE) STATT PAWEL TALANKIN


Patriotismus und Propaganda


Es ist nicht direkt überliefert, was Pawel Talankin durch den Kopf ging, als er in Los Angeles über den Roten Teppich ging und in die vielen Kameras lächelte. Natürlich wird er sich gefreut haben, schließlich gibt es im Filmgeschäft keine höheren Weihen. Etwas anderes könnte ihm aber vielleicht noch wichtiger gewesen sein. Nämlich das Gefühl, durch diesen Moment eine ungeheure Reichweite zu bekommen. Pawel hat seinen Film „Ein Nobody gegen Putin“ schließlich mit einem Anliegen produziert: Er wollte der Welt zeigen, wie die russische Propaganda in Zeiten des Krieges gegen die Ukraine funktioniert - und wie sie bereits bei den Kleinsten ansetzt, um möglichst intensiv und langfristig zu wirken.



Portrait des Oscar-Preisträgers Pawel Talankin
Konzentriert bei der Arbeit: Spätestens seit dem Oscar-Gewinn ist Pawel Talankin ein viel beschäftigter Mann. (Bild: w-Film)


Der Film zeigt Pawel in seiner Schule in der Kupferminenstadt Karabasch, die zu den giftigsten Orten der Welt gehören soll. Er ist gern Lehrer und seine Schüler:innen mögen ihn. Im Februar 2022, mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, erhält die Schule eine Aufforderung zur Umsetzung der „Neuen Föderalpatriotischen Bildungspolitik“. Mit sofortiger Wirkung wird der Unterricht darauf ausgerichtet: Inhalte zur sogenannten militärischen Spezialoperation werden in den Unterricht integriert, die Schüler:innen lernen patriotische Lieder und Gedichte und singen jeden Morgen beim Fahnenappell die Nationalhymne. Die Schülerschaft lernt Marschieren und übt Granaten-Weitwurf. Wagner-Söldner übernehmen Teile des Unterrichts. Paula von Sydow, Leiterin des Kulturbüros, betont die Bedeutung einer solchen Konfrontation:


„Es ist gut, mit eigenen Augen zu sehen, was das mit Kindern macht. All das, was im Nationalsozialismus passiert ist, kennen wir aus Erzählungen oder Biografien, aber nicht so direkt. Mit diesen Bildern sehen wir Kinder in Hilflosigkeit, Lehrer:innen in Hilflosigkeit. Das rückt dann sehr, sehr nahe.“



Pawel Talankin: Mensch mit Haltung


Dass wir diese Bilder überhaupt sehen können, verdanken wir einer Fußnote der bildungspolitischen Neuordnung: Pawel Talankin muss diesen an ihr ausgerichteten Unterricht für das Bildungsministerium mit der Kamera dokumentieren. Seine Videos, die er nach Moskau zu schicken hat, sollen die patriotische Pflichterfüllung der Schule beweisen. Gleichzeitig zeigen sie, wie unfassbar schnell sich Unterrichtsinhalte verändern lassen, damit bereits die Jüngsten politisch auf Linie gebracht und letztlich auf den Kriegsdienst eingestimmt werden. „Durch dieses Autoritäre, dieses Indoktrinieren, entsteht ein Gefühl der Ausweglosigkeit“ beschreibt Paula. „Man fragt sich: wie kann ich mich denn dem entziehen? Und dann stellt man irgendwann fest, dass man sich vielleicht nicht einfach entziehen, sondern nur gehen kann.“ Das sei etwas, was auch hierzulande aktuelle zunehmend ein Thema werde. „Das ist total aktuell.“




Guter Einblick: Schon der Trailer macht neugierig mit seiner Mischung aus humorvollen Momenten und beunruhigenden Entwicklungen. (Video: w-Film)

Pawel versucht, seinen Weg zu finden. Er wagt Gesten des Protestes, doch die bleiben nicht unbemerkt. Es wird gefährlich für ihn. Er muss sich die Frage stellen, welche Rolle er in diesem von Propaganda und Gewalt geprägten System noch spielen kann. Eines Tages fasst er den Entschluss: Er kontaktiert die dänische Film-Produktionsfirma Made in Copenhagen, bringt trotz großer Gefahr sein Video-Material außer Landes und flieht selbst aus Russland. „Es ist immer dasselbe: Whistleblower werden wie Staatsfeinde behandelt“, ordnet Historikerin Paula ein.


„In einer Situation, in der viele Menschen Haltung zeigen müssten, um bestimmte Dinge zu verändern, sind sie die wenigen, die das tun - und haben dafür Konsequenzen zu tragen. Das lässt einen verzweifeln.“

Pawel verwandelt seine persönliche Verzweiflung jedoch in Produktivität. Schon bald nach seiner Flucht beginnt die Arbeit an „Ein Nobody gegen Putin“ - und feierte bereites beim 41. Sundance Film Festival vom 23. Januar bis 2. Februar 2025 seine Weltpremiere. Nicht ohne Erfolg: Mit dem spektakulären Einblick ins Herz der russischen Propaganda gewann das Team Borenstein & Talankin den Spezialpreis der Jury - der Beginn einer andauernden Erfolgsgeschichte.



Früh übt sich? Zur „Neuen Föderalpatriotischen Bildungspolitik“ gehören auch Militärübungen und der Griff zur Waffe. (Bild: w-Film)
Früh übt sich? Zur „Neuen Föderalpatriotischen Bildungspolitik“ gehören auch Militärübungen und der Griff zur Waffe. (Bild: w-Film)


Von Los Angeles nach Oldenburg

 

Was auch immer Pawel Talankin damals in Los Angeles gedacht haben mag: Er weiß den Rückenwind durch den Oscar zu nutzen. Eine Screening-Reise führt ihn durch viele Städte Europas. Dass er in Oldenburg Station macht, ist dennoch alles andere als selbstverständlich. Denn seit der feierlichen Verleihung in Los Angeles ist gerade einmal ein halbes Jahr vergangen. Man muss sich bemühen, um so früh berücksichtigt zu werden. Und im Falle Oldenburgs hat das viel mit dem Bundesinstitut für die Kultur und Geschichte der Deutschen in Osteuropa (kurz. BKGE) zu tun. Genauer gesagt: Mit Dr. Hans-Christian Petersen.


Für ihn gehört der Blick nach Osten zum Tagesgeschäft, doch mit dem Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 hat sich etwas verändert: „Es ist eine existenzielle Frage, vor der die Menschen in der Ukraine stehen. Das bewegt mich“, bekennt der Experte - und sieht uns auch hierzulande betroffen. Es sei durchaus beängstigend, dass Russland inzwischen auch einen hybriden Krieg gegen den Westen führe. „Mit dieser Realität müssen wir uns auseinandersetzen. Davor dürfen wir die Augen nicht verschließen.“ Auch die Aufgabe des BKGE habe sich in Zuge dessen verändert: Der Kampf gegen die russische Desinformationen gehöre inzwischen zu den Schwerpunkten.


ÜBER DIE BEDEUTUNG DES BKGE

„EASTERN EUROPE MATTERS“


Keine Überraschung: Das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) beschäftigt sich mit der Geschichte und Kultur der Deutschen in den Regionen Mittel- und Osteuropas. Aber was steckt eigentlich dahinter?



So ganz leicht macht es uns das BKGE auf den ersten Blick nicht: Der Name des Instituts ist durchaus sperrig, das Forschungsgebiet klingt sehr wissenschaftlich. Zudem ging unser Blick gewohneitsmäßig in den letzten achtzig Jahren eher gen Westen. Geht uns das Institut womöglich gar nichts an?


Weit gefehlt. Bei genauerem Hinsehen bewegt es sich nämlich erstaunlich nah an Fragen, die viele von uns bis heute beschäftigen: Wie entstehen kulturelle Identitäten? Was passiert, wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen? Und wie prägen Migration, Flucht und Vertreibung die Geschichte Europas?

Das BKGE forscht, sammelt Wissen und macht historische Zusammenhänge sichtbar. Dabei geht es nicht nur um Bücher und Archive: Das Institut arbeitet auch mit Museen, Hochschulen und anderen Kultur- und Forschungseinrichtungen zusammen. Sehr erfolgreich laufen auch die Veranstaltungen im CORE. Besonders spannend ist dabei der Blick über Grenzen hinweg. Denn Geschichte lässt sich selten auf eine einzelne Region oder Nation reduzieren. Das BKGE zeigt, wie eng die Geschichten Deutschlands und seiner östlichen Nachbarn miteinander verbunden sind – und warum es sich lohnt, diese Perspektiven gemeinsam zu betrachten. Dabei wird auch klar, dass der selbstgewählte Slogan stimmt: Eastern Europe matters - seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sogar noch mehr als zuvor.

Kurz gesagt: Das BKGE bringt Geschichte aus Mittel- und Osteuropa nach Oldenburg – und macht deutlich, dass europäische Geschichte immer auch eine Geschichte von Begegnungen, Bewegung und Verflechtung ist.



Ein repräsentativer Einzelfall


Der oscar-prämierte Film bot den idealen Anlass, das Thema für die Allgemeinheit und insbesondere für etwa 400 Schüler:innen zugänglich zu machen, die das Screening im Herbartgymnasium erleben werden. Über den russlanddeutschen Journalisten Artur Weigandt - der bei den Veranstaltungen auch die Rolle als Übersetzer übernehmen wird - konnte Hans-Christian den Kontakt zu Pawel Talankin herstellen. Ihn nach Oldenburg zu holen, war ihm ein wichtiges Anliegen, denn „in Westeuropa gibt es viel zu wenig Wissen darüber, wie weit die Militarisierung in Russland schon forangeschritten ist.“


„Ein Nobody gegen Putin“ eigne sich gut für eine Annäherung: „Die Schule Nr. 1 in Karabasch ist zwar ein Einzelfall, aber sie ist durchaus repräsentativ, weil sie irgendeine Provinzschule ist, kein herausragendes Beispiel.“ Man erfahre sehr deutlich, wie Indoktrination funktioniere - und die persönlichen Schilderungen von Pawel Talankin machten die Geschehnisse noch greifbarer. Deshalb sei es wichtig und wertvoll, dass er der Einladung nach Oldenburg gefolgt ist.



Alles ganz normal? Die Schule Nr. 1 in Karabasch sieht aus wie viele andere. Im Inneren jedoch geht es jetzt um Patriotismus und Propaganda. (Bild: w-Film)
Alles ganz normal? Die Schule Nr. 1 in Karabasch sieht aus wie viele andere. Im Inneren jedoch geht es jetzt um Patriotismus und Propaganda. (Bild: w-Film)

Paula stimmt zu: „Alle haben eigene Fragen, die durch den Film nicht automatisch beantwortet werden. Deshalb ist es gut, wenn derjenige vor Ort ist, der diese Situationen selbst erlebt und der all diese Bilder gemacht hat.“ Wenn Filmemacher:innen vor Ort zu gast sind, sei das immer eine große Chance, findet die Leiterin des Kulturbüros.


„Man ist dann nicht nur mit den Bildern konfrontiert und muss mit seinen eigenen Vorstellungen dazu umgehen, sondern da ist immer noch der Gast, der aus dieser Realität kommt und den du fragen kannst. Das macht es alles sehr viel eindrücklicher.“


Russland: Zunehmend bedrohlich


Was hättest du getan? Diese Frage wird niemals alt, denn sie führt uns nah ran an bestimmte Situation, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart. Und wir dürfen uns tatsächlich fragen, ob wir genau so gehandelt hätten wie Pawel Talankin. Aber unabhängig von der persönlichen Antwort auf diese Frage, liegt eine Sache auf der Hand: Pawel hat sich in große Gefahr begeben und große Opfer erbracht, um der Welt außerhalb Russlands von den Entwicklungen im Inneren zu erzählen. Und das ist entscheidend, wenn man verstehen möchte, wie dieses nahe, aber doch so ferne - und zunehmend bedrohliche - Land funktioniert.


Der Film allein ist absolut sehenswert und niemand sollte die Gelegenheit verpassen, ihn zumindest kostenfrei in der ZDF-Mediathek anzusehen. Noch viel besser wird das Erlebnis aber auf einer großen Kinoleinwand, mit den authentischen Eindrücken des Protagonisten. Das Oldenburger Publikum darf Hans-Christian Petersen dankbar sein, dass er den inzwischen weltbekannten Oscar-Preisträger nach Oldenburg geholt hat. Im Verbund mit dem Kulturbüro ist dem BKGE ein attraktiver Veranstaltungs-Doppelpack gelungen, der vielleicht nicht den Glamour Hollywoods an die Hunte holt, der aber die Wirkungsmacht und Bedeutung des Mediums Dokumentarfilm betont. Und vielleicht können wir am Ende sogar eine Antwort geben, wenn wie gefragt werden: Was hättest du getan?

 
 
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